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Deutsche Fahrten I

Karl Emil Franzos: Deutsche Fahrten I - Kapitel 21
Quellenangabe
typereport
booktitleAus Anhalt und Thüringen
authorKarl Emil Franzos
year2000
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-6071-8
titleDeutsche Fahrten I
pages3-341
created20001106
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Im Schwarzatal

Mein Schicksal auf dieser Reise bleibt immer dasselbe; ich komme stets an einen andern Ort, als ich geplant habe. Weil ich von Wittenberg nach Oberhof wollte, saß ich eine Woche in Erfurt fest und bin nun ebensolang in Schwarzburg. Natürlich schüttle ich darüber selbst den Kopf, lasse ihn aber nicht hängen. Denn das müßte schon ein arger Ort sein, der mir in meiner Reiselaune nicht für einige Tage als der schönste der Welt erschiene. Jetzt ist mir Schwarzburg dieser schönste Ort.

Grundlos habe ich übrigens nicht auf Oberhof verzichtet. Zwei Tage vor meiner Abreise aus Erfurt war ich Zeuge der Verzweiflung zweier Menschenseelen, denen sämtliche Oberhofer Gastwirte auf ihre telegraphische Anfrage geantwortet hatten: »Alles besetzt.« Es waren Mutter und Tochter, die eine so fett und die andere so mager, als stammten sie aus Pharaos Traum; übrigens war die Tochter schon lange ein junges Mädchen. Ein sehr verheirateter Mann in meinen Jahren erwirbt sich leicht das Vertrauen alter Damen; so hatte mir die Mutter gestanden, daß sie um der Tochter willen nach Oberhof wolle, weil sie gehört habe, daß sich dort »leicht etwas knüpfe«. Ich begriff ihre Verzweiflung über die Absage und riet ihr dann, nach Friedrichroda zu gehen, denn, dachte ich, in diesem Falle kann sich nur noch durch ein Wunder Gottes etwas knüpfen, und will er dies, so kann er's in Friedrichroda ebenso machen wie in Oberhof. Sie folgte diesem Rate; nun aber machte ich mich ans Telegraphieren. Zwei Antworten lauteten ablehnend, die dritte aber: »Provisorisches Zimmer reserviert.« Das war ein mir neuer Terminus, ich wollt es versuchen und nahm meine Karte nach Oberhof.

Sicherlich wäre ich auch hingelangt, wenn die Sonne geschienen hätte. Ist's draußen hübsch, so guckt man eben zum Fenster hinaus und denkt nicht nach. Aber nun begann es zu regnen, kaum daß der Zug bei Neudietendorf in die Berge lenkte. Da kam mir der Gedanke, daß der Begriff des provisorischen Zimmers doch eigentlich auch ohne Erfahrung zu ergründen sei: ein Zimmer, in dem man keinem Menschen zumuten kann, länger als eine Nacht zu bleiben – und ich blätterte im Baedeker nach einer anderen Sommerfrische. Dabei fiel mir Schwarzburg in die Augen: »Weißer Hirsch, mit prächtiger Aussicht auf Wald und Wiese, wo allabendlich ein 70 bis 80 Stück zählendes Rudel von Hirschen zur Tränke im Schwarzabach erscheint« – und ich griff nach dem Kursbuch; in Arnstadt mußte ich aussteigen. Aber halt – wenn es da nicht einmal ein »provisorisches« Zimmer gab? Ich sah mir meine Fahrtgenossen an; mir gegenüber saß ein altes, rundliches Ehepaar aus Berlin, das immerzu lachte; das sah mir wohlgenährt und spießbürgerlich genug aus, in Thüringer Sommerfrischen genau Bescheid zu wissen. Aber sie wußten's nicht; »wir gehen ja zu Fuß nach Kissingen!« sagten sie und lachten hell auf. Ein Witz also, aber was steckte dahinter? »Zu Fuß nach Kissingen«, wiederholten sie, und erst, nachdem sie sich Tränen über die Backen gelacht hatten, kam die Aufklärung: sie hatten bei einem Herrn Fuß in Kissingen Zimmer gemietet. In einer Ecke saß ein düster dreinschauender Herr mit einer Aktenmappe; er lachte nicht, sagte aber herablassend: »Dieses ist ein guter Witz!« und fragte auch, was ich zu wissen wünschte. »Der ›Weiße Hirsch‹ ist nicht voll!« versicherte er dann. Woher er dies wisse? »Dieses weiß jedermann.« Diese Bestimmtheit des Ausdrucks und die ungemeine Würde fiel mir auf; das war kein Richter oder Rechtsanwalt, sondern vielleicht sogar ein Gerichtsvollzieher. Und dem war auch so.

In Begleitung des düstern Würdenträgers, der nach Stadtilm wollte, kletterte ich im Arnstädter Bahnhof einige Treppen auf und nieder, bis das Perronchen erreicht war, von dem das Züglein ins Schwarzatal abgeht: alles klein und niedlich. Der Himmel begann sich aufzuklären, der Blick ins Geratal, das die Bahn auf einem Viadukt überschreitet, war hübsch, aber mich lockte die Gelegenheit, Näheres über die Weltanschauung eines Gerichtsvollziehers zu erfahren. Es kam jedoch nicht viel dabei heraus. »Einige zahlen«, sagte er gewichtig, »aber die meisten muß man pfänden.« Da er in Arnstadt geboren war, so fragte ich ihn, ob er die Marlitt persönlich gekannt habe. »Marlitt?« fragte er langgedehnt. »War das eine Geschäftsfrau?« Das konnte ich mit gutem Gewissen bejahen, ließ dann aber auch dies Thema fallen.

In Stadtilm bekam ich einen weit netteren Reisekumpan. Gleich wie er einstieg, gefiel mir der angegraute Herr mit dem freundlichen Ausdruck und den klaren, wohlwollend und doch forschend blickenden Augen ausnehmend gut. Kein Wunder, er erinnerte mich an den mir teuersten Menschen, meinen Vater, nicht im Schnitt der Züge, aber in ihrem Ausdruck und diesem Blick der Augen. Das muß ein Arzt sein, dachte ich, ein Landarzt, wie mein Vater war, und sprach ihn kurzweg »Herr Doktor« an. Da er zudem meinen Namen kannte, so gab das bis Oberrottenbach, wohin er zu einer jungen Mutter fuhr, eine vergnügte Plauderei zwischen zwei alten Knaben, denen das Leben die Freude an Welt und Menschen nicht hat vergällen können. Auf jeden Fels und Baum am Wege, der ihm gefiel, machte er mich aufmerksam und erzählte von den Gräberfunden am Singer Berg, als die Bahn gebaut wurde: Trinkgefäße und Frauentand; »die Männlein und Weiblein waren nicht viel anders als heute«. Dann fragte er mich nach meinem Ziel, und als ich's nannte, beruhigte er mich zunächst mit der selben Bestimmtheit wie der Herr Gerichtsvollzieher, daß es im»Weißen Hirsch« ganz gewiß Platz gebe, und fragte dann tiefernst, ob im deutschen Volke plötzlich die Bücherkaufwut ausgebrochen sei. Als ich erwiderte, daß derzeit noch keinerlei Anzeichen einer so bedenklichen Wandlung des Volkscharakters vorlägen, riet er mir, anderswohin zu gehen, und nannte gleich ein paar Orte, die freilich nicht an der Bahn lagen. »Da sitzen Sie mitten im Volk«, meinte er, »der ›Weiße Hirsch‹ taugt besser für holländische Königinnen und dito Bankiers.« Zum Schluß erzählte er von der jungen, reichen Bauersfrau, zu der er fahre. »Sie hat ja alles getan, sich und das Kind gesund zu erhalten. Eine Schwangere darf kein Wasser schöpfen, über kein Beet steigen, keine schadhafte Tanne ansehen, weil sonst das Kind eine Hasenscharte bekommt, keine Leiche ansehen, weil es sonst blaß bleibt; das hat die Hanne vermieden. Auch hat sie bis heute allnächtlich Licht gebrannt, weil die Kobolde ihr sonst einen Wechselbalg untergeschoben hätten; und weil der Rottenbach nah ihrem Haus vorbeifließt, so hat sie sich hingeschleppt, sobald sie konnte, hat ein Pfennig-, ein Fünfpfennig- und ein Zehnpfennigstück hineingeworfen und dazu gesagt: ›Da hast du das Deine, laß mir das Meine‹, das stimmt nämlich den bösen Wassermann sanft. Auch ist das Kind am Donnerstag zur Welt gekommen, nicht etwa am Freitag, sonst hätte es kein Glück, auch nicht am Sonnabend, sonst müßte es von den Juden Geld leihen; wäre es gar am Dreifaltigkeitstag geboren, so müßte es am Galgen sterben. Selbstverständlich hat sie auch den Säugling nie in den Keller tragen lassen, sonst käme er ins Zuchthaus, sich ihn nie durchs Fenster reichen lassen, sonst bliebe er klein, und damit er einst fein singe, hat er ein Lerchenei verschlucken müssen. Bei solcher Fürsorge für sich und das Kind begreift sie gar nicht, warum sie seit acht Tagen so elend ist und auch ihre Milch nichts taugt. Und da unbegreiflicherweise das Besprechen, eine Latwerge und sogar ein Aderlaß nichts genützt hat, so hat sie mich vorgestern endlich holen lassen. Diagnose: gründlich verdorbener Magen infolge unmenschlichen Überfressens bei der Taufe. Natürlich glaubt sie mir nicht, hat aber hoffentlich meine Medizin genommen; gewiß weiß man das nie.« – »Es ist noch viel Aberglauben hier?« – »Wo nicht im Volke? Aber daneben viel Liebe und Hunger, viel Poesie, Sagen und Lieder, daß die Berge widerhallen. ›Thuringia cantat!‹ Und darum: ins Volk, lieber Herr!« Das wiederholte er, als wir auf dem Bahnsteig in Oberrottenbach schieden. Denn unser Züglein dampfte nun nach Blankenburg weiter, ich aber bestieg ein anderes, noch zierlicheres, das hier ins Schwarzatal abzweigt.

Ich war nun allein im Coupé, und während mein Blick (die Wolken ballten sich wieder, aber noch schien die Sonne) über das Bergland hinschweifte, in das wir sachte emporklommen, über die triefenden Tannen des Buchbergs zur Rechten, des Kesselbergs zur Linken, über die grauen raschen Wellen der Rinne und die Hütten von Köditz, da erwog ich in meinem Gemüte, wohin es mich mehr ziehe, in ein Luxushotel im Tal oder in einen alten, behaglichen Gasthof oben, wo ich »ins Volk« konnte, und war damit in einer Sekunde fertig. Bis Sitzendorf also wollte ich im Zuge bleiben und dann in einem Wägelchen nach Oberweißbach fahren. Aber da öffnete, als das Lokomotivchen immer langsamer, immer schwerer keuchend nicht mehr talaufwärts, sondern durch tiefe Einschnitte gegen Bechstein emporklomm, zur Wasserscheide zwischen Rinne und Schwarza, der Himmel alle Schleusen, daß ich vor lauter Plätschern, Prasseln und Gurgeln der Wasser kaum noch hören konnte, was die Waggonräder sagten. So ein Bergbahnchen hat keinen Sturmtakt wie ein Schnellzug im Flachland; das geht ganz behaglich: »Langsam, langsam, ich hab Zeit.« Aber was riet mir dies Orakel nun? Ich schwankte. Bald hörte ich ganz deutlich: »Königinnen, Banker – nein!« und dann wieder: »Nässe, Nässe, geh doch hin!« Und als bei der Einfahrt in den Schwarzburger Bahnhof der Regen wie eine Wand vor dem Coupéfenster stand, flüchtete ich unter aufgespanntem Schirm auf den Bahnsteig.

Er war ganz menschenleer; nur der junge Stationschef mit roter Mütze, dem man sofort den ehemaligen Offizier ansah, ging händereibend auf und nieder, denn für einen Augusttag war's recht empfindlich kühl. Das Züglein glitt weiter, der Beamte wollte in seinem Büro verschwinden, da fragte ich ihn, ob es hier keine Omnibusse gebe. »Freilich«, erwiderte er, »aber wo stecken die Kerrels? Die sind in diesem sojenannten Sommer Jäste jar nich mehr jewohnt!... He, Wirtschaft!« Und darauf erschienen wie auf einen Zauberruf zwei Kutscher in triefenden Mänteln, der eine lang und dünn, der andere kurz und dick, und erhoben bei meinem Anblick ein betäubendes Gebrülle. »Thüringer Hof!« schrie der Dicke, »Weißer Hirsch!« der Dünne. Dem übergab ich meinen Koffer und fragte, ob ein Zimmer mit der Aussicht auf die Hirschwiese frei sei. Er bejahte, und die Konkurrenz bestätigte liebenswürdig. »Fünfzig solche Zimmer können Sie dort haben, aber Hirsche – hehe!« Es war ein wahrhaft diabolisches Lachen, das aber der »Weiße Hirsch« durch eine vernichtende Äußerung über die Kost des »Thüringer Hofs« in ein Wutgeheul verwandelte, worauf wir als Sieger abfuhren.

Es ist ein langer Weg, denn der Bahnhof liegt hoch oben auf einer Berghalde, das Hotel aber auf dem Schloßberg, und so führt die Straße in Windungen hinunter und dann wieder empor. Da rechts und links nichts zu sehen war als die nassen Schutzdecken des Omnibus, so knüpfte ich ein Gespräch mit dem Kutscher an. Ob die Saison gut sei? Sehr gut, versicherte er, obwohl diesmal die Stammgäste fast ganz fehlten, »denn die Leipz'ger haben noch mit deme Krach z'schaffen und die Holländer tun alles Geld dene Buren geben. Aber wir sind ja 's feinste Haus in Thüringen, da darf's nimmer voll sein. Ja, wenn wir jeden nehmen täten wie der ›Thüringer Hof‹ – die nehmen sogar Engländer!« – »Ihr nicht?« – »Wenn sie kommen täten«, erwiderte er stolz, »würden wir sie abweisen tun, aber der ›Weiße Hirsch‹ is für die Buren, das weiß die ganze Welt, seit die Königin Wilhelmina hier war, und da fragen sie nich erst an!« Dann erzählte er von dem Aufenthalt der jungen Fürstin; die Wahrheit zu sagen, hatte ihm nicht so sehr ihr Trinkgeld als ihr Wuchs imponiert: »Rundere Mädelchen gibt's nich mal in Rudolstadt!« Ich fragte, warum der »Thüringer Hof« die Hirsche angezweifelt habe, sie stünden sogar im Baedeker. Er zuckte die Achseln. »So 'n Volk! Dem ist nichts heilig, auch der Bädéker (Paroxytonon) nich.« Aber während er so loslegte, verstummte er plötzlich, hielt die Pferde an und zog den Hut: uns überholte eben ein reitendes Paar, der Fürst und die Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt. Da sie auf Schloß Schwarzburg hausen, so bin ich ihnen seither fast täglich begegnet; er ein stattlicher, freundlicher Herr, immer in derselben Uniform, sie eine schlanke Dame, immer im selben Reitkleid. Man kann sich ein schlichteres Auftreten kaum denken.

Kurz, nachdem ich den Herrscher des Ländchens zuerst gesehen, wurde ich von dem Gebieter des »Weißen Hirsch« in seinem Audienzsaal, dem Vestibül des Gasthofs, empfangen. Ich bat um ein Zimmer mit Aussicht; »Sie bekommen eines nach vorn heraus«, lautete die Entschließung. Als ich nun dies Zimmer in Begleitung eines Adjutanten des Gebieters betrat, konnte ich mich überzeugen, daß es wirklich eine Aussicht hatte: trunken schweifte mein Blick über den Biergarten des »Thüringer Hof«; das Postgebäude im Hintergrunde war auch recht malerisch. Ich wandelte den Korridor auf und nieder; dabei konnte ich, da die Zimmertüren offen standen, eine Reihe hübsch möblierter Zimmer sehen, aus deren Fenstern sich ein prächtiges Waldbild bot. »Die Zimmer sind wohl alle besetzt?« fragte ich eine würdige Greisin, die eben mit Staubtuch und Besen herankam, worauf diese Seniorin aller mitteleuropäischen Stubenmädchen seufzend erwiderte: »I du meine Güte – merschtentels nich! Sie müssen nor natürlich feste druf drucken, denn sie geben doch natierlich lieber zuerscht nor die Stuben nach vorn naus wech!« Da suchte ich nochmals um eine Audienz nach, drückte aber nicht feste, sondern erklärte nur: »Wenn ich das Postgebäude allein bewundern darf, so will ich's doch wenigstens in seinem ganzen Reiz genießen; ich glaube, vom ›Thüringer Hof‹ macht es sich noch malerischer«, worauf ich ein Zimmer nach hinten hinaus bekam, etwas hoch zwar, aber ein schönes Zimmer mit Balkon und herrlicher Aussicht auf Wald und Wiese.

Diese Aussicht hat mich die acht Tage hier festgehalten, wenn ich minder angenehmer Dinge wegen gehen wollte, und ich werde sie nie vergessen, aber das Bild zu beschreiben wird mir schwerlich glücken, obwohl ich es ja nun noch vor mir sehe. Ich sitze hier wie im Mittelpunkt eines riesigen Halbrunds, vor mir eine weite, smaragden schimmernde Wiese, die sich in sanfter Neigung zu einem blaugrünen, rauschend und blinkend über Geröll und Felsen hinschäumenden Flüßchen hinabsenkt; rings um die Wiese aber Wald und Wald und Wald, immer höher emporsteigend, immer ferner und blauer dem Auge, bis dies Blau der hohen Forste mit dem des Himmels verschmitzt; mit unbewaffnetem Auge kann ich ihre Grenzlinie kaum erkennen. Das ist alles; nur im Vordergrund zur Linken erhebt sich auf einem Felsvorsprung ein mächtiges, graues Mauerwerk, das Schloß. Also ein eintöniges Bild, wird man denken. Eintönig? – ich habe in diesen Tagen oft die Empfindung gehabt, als hätte ich noch keine belebtere Landschaft gesehen, keine an Farben und Formen reichere. Schon wie sich die Hügel hintereinander aufbauen, dieser sanft und jener schroff, dieser breit und jener schlank, höher und höher, alle wie Stufen einer Riesentreppe aufwachsend bis in den Himmel hinein und so dem Blick zu einer Einheit gebunden und doch keiner dem andern gleich oder ähnlich, schon dies kann wahrlich das Auge beschäftigen und ergötzen. Auch die Bäume sehen selbst aus dieser Entfernung verschieden genug aus: die Tannen hoch, spitz und schlank, die Kronen der jungen stolz nach oben strebend wie eine Flamme, die der alten abgeplattet und verwachsen, als trügen sie ein Nest; die borkigen Föhren, dort, wo sie dicht zusammenstehen, mit dünner, wo sie unter Laubholz stehen, mit weit ausgreifender, kuppelförmiger Krone, als wäre ihnen auferlegt, unter ihresgleichen nicht recht gedeihen zu können, und – ich nenne nur eben die häufigsten Baumarten, aus denen diese ungeheuren Forste bestehen – die Buchen mit dem platten, starken Stamm und dem Gewirr länglicher Blätter. Aber nun erst die Farben: wie hebt sich das satte, leuchtende Grün des Wiesengrases von dem ernsten, fast schwärzlichen Farbenton der Tannen ab; dazwischen stehen die grauen Föhren mit braunrotem Stamm und die lieben Buchen mit den rötlich-weißen Ästen und den hellen glänzenden Blättern. Es ist wahr, das tiefere Grün herrscht immer vor und gibt dem Bilde etwas Ernstes und Erquickliches zugleich; aber selbst bei bedecktem Himmel ist's zwar kein buntes, aber ein farbiges Bild, und nun erst, wenn die Sonne alles Rot und Weiß aufleuchten und das Grün in hundert verschiedenen Farbtönen schimmern läßt. So lebendig wie das Meer ist der Wald nie, schon weil sich das Licht im Gezweig nicht so märchenhaft verschieden brechen kann wie in den Wassern, aber das Auge, dem er tot und einförmig erscheint, ist auch für alle andere Schönheit dieser Erde stumpf. Der Wald lebt und spricht mit tausend Stimmen. Zwar das Zwitschern seiner Vögel kann man hier zumeist nicht vernehmen, es ist zu weit; nur zuweilen trägt mir ein jäher Windstoß etwas von dem feinen Konzert zu, das fortwährt vom Morgengrauen bis gegen Mitternacht. Aber der helle Ruf des Falken wird oft hörbar, noch öfter läßt sich der Kuckuck vernehmen, und nicht selten hört man schon jetzt das seltsame, aufregende, dem Stiergebrüll ähnliche, aber stürmischere »Orgeln« des Hirsches. Zuweilen auch fällt ein Schuß, hoffentlich auf Wild, vielleicht auch auf einen Menschen; es wird hier viel gewildert. Nie aber erstirbt ein zwiefaches Rauschen, das hellere des Bachs, das dumpfere des Laubs und der Nadeln. Es ist, als wüchse ihnen mit dem schwindenden Licht die Kraft des Tons; in der dunklen Nacht klingt es gewaltiger, sanfter im Mondschein. Wir haben jetzt Vollmond; wie so das silberne Licht die Dünste des Abends niederkämpft und dann sein Netz über die dunklen, leise rauschenden Forste spannt, ist märchenhaft anzusehen...

Ja, es war der Mühe wert, daß ich mir die Aussicht auf die Hirschwiese erkämpft habe, obwohl man da nie einen einzigen Hirsch sehen kann. Am ersten Tage – dem regnerischen Wetter war ein herrlicher Abend gefolgt – stand ich mit sinkender Sonne auf meinem Balkon und spähte erwartungsvoll hinab. Ich habe einst, in meiner frühen Jugend, im wald- und wildreichen Vorgebirg der Karpaten das schöne Bild oft genug gesehen; wie gegen Abend aus dem Dunkel des Waldes zuerst das starke Leittier mit gestrecktem bärtigem Hals und spähenden klugen Augen hervortritt, dann sein kleineres Weibchen und endlich das ganze Rudel der edlen Tiere mit breiter Brust, schlanken Beinen und feinem Kopf, zu äsen und zwischendurch aus dem Bach zu trinken. Und diesmal sollten's gar 70 oder 80 sein! Aber die Zeit verstrich, die Sonne ging rotglühend hinter dem Lieberholz nieder, und sie kamen nicht. Ich ging zum Abendessen ins Restaurant und fragte den Kellner, warum denn heute die Hirsche ausgeblieben wären. »Unmöglich«, sagte er kaltblütig, »Sie werden's übersehen haben!« Am nächsten Tage erwiderte er auf die gleiche Frage: »So? Ja, man hört jetzt oft darüber klagen, die Hirsche sind in letzter Zeit nicht pünktlich.« Kein Wunder, dachte ich, das machen sie ihren Nachbarn, den Kellnern, nach. Am dritten Tage aber begann ich zu ahnen, daß das diabolische Lachen des »Thüringer Hofs« trotz Baedeker seine Berechtigung gehabt, und so war es auch. »Es ist eine Entrikuhe unserer Feinde«, gestand mir derselbe Jüngling. Es ist aber, obwohl der »Weiße Hirsch« dadurch ein hübsches Schaustück verloren hat, doch keine Intrige seiner Feinde, sondern eine sehr berechtigte Maßregel des fürstlichen Oberforstamts, wenn es den Tieren den Weg zu dieser Wiese verrammelt und zu einer anderen ganz abgelegenen geöffnet hat. Die edlen Tiere wurden hier von bösen Buben wiederholt durch Geschrei und Steinwürfe behelligt. Wer die Missetäter waren, ob, wie die einen sagen, alte holländische, oder, wie die andern meinen, junge thüringische Buben, weiß ich nicht.

Trotzdem habe ich in den acht Tagen wohl ein Dutzend Hirsche gesehen, weil ich den Wald nicht bloß von meinem Fenster aus genoß. Aber auch das Nächste und Nahe habe ich mir genau angeguckt, worüber freilich nicht viel zu sagen ist.

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