Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Levin Schücking >

Deutsche Eroberungen

Levin Schücking: Deutsche Eroberungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorLevin Schücking
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Siebenter Band
titleDeutsche Eroberungen
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeSiebenter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081026
projectid1cec2206
Schließen

Navigation:

Am Abende darauf sah ich Henriette. Sie sah ein wenig blasser als gewöhnlich aus, und war allem Anschein nach doch sehr aufgeräumt und munter.

»Jetzt werden Sie endlich von Rheims sich losreißen müssen,« sagte sie; »es hilft Ihnen nichts mehr, daß ich mit der größten Langmut und Geduld mir von Ihnen den Hof machen lasse, um Ihnen beizustehen, Ihren Onkel Peter zu betrügen. Das Vaterland ruft Sie ... ganz Deutschland wirft den Meerschaum weg und nimmt – wie nennen Sie das? – das Zündnadelgewehr! Also können wir unsere Komödie enden und sagen: Soyons ennemis, Cinna!«

Ich schüttelte den Kopf.

»Nein,« sagte ich, »es wäre sehr töricht von mir, wenn ich ginge, ohne alles aufzubieten, um Frankreich gleich hier den größten Verlust zuzufügen; ich gehe nicht ohne Sie, Henriette, ohne Sie aus diesem Frankreich, für das Sie viel zu gut sind, zu entführen!«

»Ohne mich?« fügte sie lächelnd, und mit einem verächtlichen Aufwerfen der Lippen.

»Nun ja,« versetzte ich – »Sie sind viel zu hübsch, viel zu liebenswürdig, und – was, wie Sie wissen, die Hauptsache ist – viel zu reich, als daß ich nicht alles aufbieten sollte, ein solches Kleinod dem Feinde zu rauben!«

»Sie sind noch in der Stimmung, so kindische Scherze zu machen?«

»Glauben Sie, ich scherzte? Glauben Sie, ein Mann könne das Glück haben, in Ihre Nähe zu gelangen, ohne nach einem solchen Kleinod zu streben, es gewinnen zu wollen? Von meinem Herzen will ich nicht reden, denn Sie glauben nicht daran. Sie glauben nicht an ein aufrichtiges Gefühl bei uns Männern, die wir alle habgierige Egoisten sind und einer tieferen Neigung, einer wahren Leidenschaft nicht fähig...«

»Es ist wenigstens sehr aufrichtig, daß Sie es gestehen!« fiel sie mir bitter ins Wort.

»Ich habe nie Hehl daraus gemacht – weshalb auch? Ein Mädchen, welches so klug und scharfsichtig ist, wie Sie, weiß es ja ohnehin!«

»Und weiß sich dann auch vor Entführungen durch Egoisten Ihrer Art zu hüten!« sagte sie und wandte mir, über und über rot werdend, den Rücken.

Sie ging fort und schmollte mit mir den ganzen Abend. Ich sah sie einmal verstohlen ihr Taschentuch an die Augen führen. Dabei fuhr mir ein Stich durchs Herz. Konnte ich sie so gekränkt haben?

Als ich sie das nächste Mal wieder sah, stand sie offenbar unter dem Einfluß patriotischer Erregungen. Ihre Neckereien und Spöttereien über deutsche Sitten und Dinge waren so boshaft, daß ich lebhafter erwiderte und wir verstimmt uns trennten. Das ging ein paar Tage so fort. Das Geschwätz, welches ich im häuslichen Kreise des Herrn Mounier anhören mußte, ward dabei immer alberner und verletzender – oft ging ich verzweiflungsvoll abends fort, mit dem Entschlusse, abzureisen und mich bei meinem ehemaligen Regimente zu stellen; meiner Wehrpflicht hatte ich daheim bereits als Freiwilliger genügt und war als Reservist entlassen. Am andern Morgen waren dann aber die heroischen Entschlüsse verflogen, und der Entschluß, nichts voreilig aufzugeben, trat an die Stelle des kriegerischen Zorns von gestern. Und das um so mehr, als ich ganz hinreichend zu erkennen glaubte, daß auch in Henriettens Seele der Kampf sei, der Kampf der Neigung mit der Empörung wider das, was ich meine »Offenheit« nannte, wider die Ruchlosigkeit, womit ich mein wahres Gefühl für sie maskierte.

Die Bewegungen der Truppen begannen; durch Rheims kamen lange Züge mit rothosigen Kindern Frankreichs, Befreiern des armen Deutschlands von Bismarckscher Tyrannei; jeder mit dem Marschallstab im Tornister; »in den Falten ihrer Fahnen wehte der Sieg.« Dabei stieg von Tag zu Tag die kriegerische Erregung der guten Bürger von Rheims, und als nun gar in den Zeitungen die Enthüllungen über die kaiserlichen Annexionsgelüste auf Belgien kamen, war vollends kein Aushalten unter ihnen mehr. Frankreich, das edle, völkerbeglückende, nur für die Ideen begeisterte Frankreich, war aufs abscheulichste in Versuchungen gelockt und geködert, und da es den Köder zurückgewiesen, der Versuchung in hochherziger Größe widerstanden, wurde es in so verräterischer Weise vor der Welt bloßgestellt. Aber die Welt kannte den Edelmut der großen Nation und kannte die Perfidie der Leute von Berlin; die Welt stand auf der Seite Frankreichs, und alle Herzen auf dem Erdenrunde schlugen in glühender Sympathie für seine Sache, für das seit Jahren belogene, gereizte, aufs unverschämteste von dem Preußischen Übermut herausgeforderte, in seinen heiligsten Interessen verletzte Frankreich. Und dies hochherzige Frankreich eilte nun den glänzendsten Siegen entgegen; so sicher wie der Lenz frische Blätter, brachte der Krieg Frankreich frische Lorbeeren; das stand fest wie ein Gesetz der Weltordnung!

Ich hielt das nicht mehr aus; es kam die Nachricht von dem großen Siege, welchen der Kaiser mit zwei Divisionen über drei Kompagnien in Saarbrücken erfochten. Die Menschen zeigten sich wie von der Tarantel gestochen, und ich beschloß, mich zu retten. Das Herz blutete mir bei dem Gedanken, gehen und Henrietten für ewig Lebewohl sagen zu müssen – aber ich konnte nicht anders – ich konnte nicht bleiben, ich hätte mich selbst verachten müssen, wenn ich nicht zurückgeeilt wäre, den vielen andern Deutschen in Rheims nach, welche längst ostwärts gezogen, um für die Verteidigung des Vaterlandes zur Waffe zu greifen. Eines Abends, während mehrere Herren um Herrn Mounier gedrängt in seinem Salon standen und auf ihre Weise Deutschland neu organisierten, sah ich Henriette allein in ihrem Fauteuil am Fenster sitzen; ich trat zu ihr und sagte mit zitternder Stimme:

»Ich weiß nicht, ob diese Herren recht haben, wenn sie glauben, daß sie so mit ihren Diskussionen und mit Worten Deutschland unterwerfen und auf ihre Weise glücklich machen können... aber ich weiß, daß in dieser heillosen Zeit ein Deutscher jedes Band zerreißen muß, das ihn fern von seinem bedrohten Vaterlande hält, und daß er, wenn er gesunde Glieder hat, im Heere sein muß! Ich gehe, Fräulein Henriette – schon morgen; wir werden uns nie wieder sehen. Aber ich weiß, wir scheiden nicht als Feinde. Sie werden mir ein Andenken bewahren, das ... das ...«

Ich stockte, ich fühlte Tränen in meinen Augen, Tränen des Zornes und des Schmerzes, und durfte nicht weiter reden, um nicht in Schluchzen auszubrechen.

Sie war totenbleich. »Sie wollen gehen und ... und Soldat werden?« fragte sie kaum hörbar.

»Ich bin Soldat – jeder von uns ist Soldat, wenn der König ruft!«

»Nun, wenn Sie gehen,« antwortete sie mit einem erzwungenen Lächeln, »dann werden Sie daheim bald ebensoviel Böses über uns anhören, wie wir es hier von den Deutschen hören, und sich Glück wünschen, daß Sie sich von uns frei gemacht ...«

»Ich werde mir Glück wünschen, wenn ich mich frei gemacht? Glauben Sie denn, daß ich mich werde frei machen können? Frei von dem Bilde, das ich von Ihnen mitnehme, Henriette? Und von der Erinnerung an das Glück, in welchem ich hier lebte, solange ich täglich Sie sehen, sprechen, als Freund mit Ihnen verkehren konnte? Nein, mein Herz wird in Rheims zurückbleiben – im Lande der Feinde!«

Ihre Lippe bebte – sie biß darauf, und es schien, als ob sie durch diesen Schmerz, den sie sich zufügte, ihre Tränen verhindern wollte hervorzuquellen.

»So ... so bleiben Sie da – da, wo Ihr Herz bleibt!« sagte sie endlich, mich groß ansehend: »es gibt,« versuchte sie lächelnd und unbefangen hinzuzusetzen, »der Soldaten in Deutschland genug!«

»O mein Gott!« rief ich aus, »wollen Sie mich denn ganz zur Verzweiflung bringen? Ich kann und ich darf es nicht; um alles Glück der Erde nicht. Ich habe in den letzten Tagen unter dem Druck der Fessel, die mich hier hielt, mehr geduldet, als ich sagen kann – ich kann nicht mehr, ich muß sie sprengen, ich muß fort!«

»Und wenn ich nun die Hand ausstreckte, um Sie zu halten?« fragte sie, den niedergeschlagenen Blick langsam zu mir erhebend. Ich konnte nicht antworten; ich sah sie an und fühlte, wie meine Tränen hervordrangen; auch in ihre Augen traten Tränen; so sahen wir uns an, ein paar unglückselige, in grausamen Liebeskummer versunkene Seelen!

»Ehe ich gehe,« stammelte ich halblaut nach einer Pause, »ehe ich auf immer von Ihnen gehe, muß ich Ihnen ein Geständnis machen. Ich habe Sie belogen.«

»Mich belogen? Und wie denn?«

»Ich habe Sie längst geliebt, Henriette, nur Sie auf Erden, niemanden sonst, niemanden vorher, niemanden werde ich lieben. Aber weil ich hörte, Sie hätten die dumme Idee, jedermann, der um Sie werbe, begehre Sie Ihres Geldes wegen, habe ich Ihnen vorgelogen, ich liebte Sie nicht, und Sie gebeten, auf das kleine Komplott einzugehen, das meinen Onkel täuschen sollte! Es geschah nur, weil ich ein Mittel suchte, ungezwungener und häufiger mit Ihnen verkehren und Ihnen zeigen zu können, wie grundehrlich ich es meinte. Darum log ich. Können Sie es mir verzeihen?«

Sie schlug überrascht die Augen auf; dann sagte sie:

»Haben Sie mich immer geliebt – immer mehr als Eugenie?«

»Immer!«

»Es macht mich glücklich,« antwortete sie, »daß Sie es sagen. Ich habe Sie auch geliebt ...«

»Immer?«

»Ich weiß nicht,« sagte sie stockend ... »ich glaube seit dem Tage, wo Sie so offen gegen mich waren! Es verletzte mich so .., hätte es das wohl, wenn ich Sie nicht geliebt hätte?«

Ich wäre gern auf ihre Hände gestürzt, um sie mit Küssen zu bedecken – aber ich mußte mich zurückhalten, wir waren nicht allein in dem Raume. »Können Sie nach dem Kriege nicht zurückkehren?« fragte sie nach einer Weile, und dann: »Mein Vater ist gut, er liebt mich ...«

»Nach dem Kriege? Es wird unmöglich sein; nach dem Kriege wird man in Frankreich alles, was deutsch heißt, unauslöschlich hassen, weil Deutschland siegen wird. Das wird uns auf viele, viele Jahre hinaus schärfer trennen, wie je Christ und Türke, Papist und Ketzer getrennt waren!«

»Wir sind sehr unglücklich!« flüsterte, krampfhaft ihr Tuch in der Hand ballend, Henriette.

»Mehr als es zu sagen ist!« antwortete ich.

Und so saßen wir uns gegenüber wie ein Paar in Jammer versenkte Kinder, und kamen über die Konstatierung dieser tragischen Tatsache, daß wir sehr, sehr unglücklich seien, nicht hinaus. Henriette mußte nach einer Weile sich losreißen, weil ihr Vater sie anrief, um ihr einen kleinen Auftrag zu geben; er war, schien es, in seine politischen und militärischen Auseinandersetzungen zu sehr vertieft, um wahrzunehmen, in welcher Gemütsverfassung sich seine Tochter befand; ich nahm den nächsten Augenblick wahr, wo ich mich unbemerkt davonschleichen konnte.

Als ich heimkam, fand ich einen Brief meines Vaters vor; er rief mich zurück, indem er mir meldete, daß ihm meine Einberufungs-Order für mich übergeben sei; ich hatte mich innerhalb vierzehn Tagen beim Depot-Bataillon in meiner Vaterstadt zu stellen.

Es war desto besser! Das Muß war in meiner Lage ein Trost, ein großer Trost!

Ich brachte trotzdem eine schlaflose Nacht zu, in einer Stimmung von unendlicher Bitterkeit und tiefer Verzweiflung. Ich trug mein redlich Teil an dem inneren und äußeren Elend, das der Krieg über die arme, törichte, hirnverbrannte Menschheit bringt. Der Krieg! Welch grauenhafter Wahnsinn liegt in dem Worte! Und nun gar ein Krieg wie dieser, den das »hochherzige, für die Ideen lebende, die Kultur der Welt von sich ausstrahlende« Frankreich wider uns vom Zaune bricht, weil – es eifersüchtig auf Sadowa ist; weil die Welt sich einbilden könnte, Preußen sei ebenso waffenstark wie es selber; weil es das Bedürfnis hat, seinem ruhigen Nachbar Nackenschläge zu geben und sich mit ein wenig neuer Gloire zu brüsten!

Und darum all dies Elend! diese unermeßliche Summe von Schmerz; dies Meer von Jammer, dies unermeßlich grauenhafte Morden; diese Heere von Erschlagenen, diese Hügel von Leichen, diese Million von Menschen, deren Schicksal nun für immer das Elend ist, das blutrote Elend!

Es war mir in dieser entsetzlichen Nacht und meiner fieberhaften Erregung, als sehe ich einen bösen Engel der Vernichtung gegen das Menschengeschlecht losgelassen und nun mit einem unermeßlichen, von Blut triefenden Leichentuch nahen, um es erstickend über alles Menschenglück zu legen.

In der Frühe des Morgens, kurze Zeit nachdem ich mich erhoben hatte, erhielt ich ein Billett von Henriette, das mir ihr Mädchen überbrachte. Es enthielt die wenigen Worte:

»O, bleiben Sie, bleiben Sie noch – lassen Sie mich erst mit meinem Vater reden.«

Die kurzen Zeilen waren nicht danach angetan, mir viel Trost zu bringen. Herr Mounier war in seiner patriotischen Erregung wahrhaftig nicht der Mann, der jetzt seine Tochter einem Deutschen gegeben hätte; und hätte er auch anders gedacht wie seine Landsleute, er hätte es gar nicht können, nicht dürfen, er wäre von diesen letzteren in Acht und Bann getan und er wäre gesteinigt worden – alle die, welche Hoffnungen auf Henriettens Hand gesetzt und mich bevorzugt gesehen, hätten schon dafür gesorgt und die Lage der Dinge auszubeuten gewußt, um sich nachdrücklich zu rächen!

Ich warf mich in meine Kleider, schnürte mein Bündel, nahm den Brief meines Vaters, und ging zu meinem Onkel, um Abschied von ihm zu nehmen.

Ich traf ihn nicht in seiner Wohnung, im Hause des Herrn Mounier; sein Diener sagte, daß er bei dem Chef in dessen Kontor sei. So setzte ich mich in eine Ecke, um seine Zurückkunft abzuwarten.

Nach etwa einer Viertelstunde kam er; er sah ein wenig echauffiert aus, er war offenbar ein wenig aus dem Geleise gekommen, der sonst so eiskalt die Welt überschauende und auf sie hinabblickende Oheim Peter; der Humor war ihm ausgegangen, die Ironie war verflogen, er war ganz einfach bestürzt.

»Welche Geschichten!« sagte er. »Der Teufel ist all diesen Franzosen in den Leib gefahren. Dieser Mounier bricht mir sein Wort ... mir ... sein Wort ... er wirft mich zur Türe hinaus ... vollständig zur Türe hinaus ... soll man darüber nicht den Verstand verlieren?«

»Schütteln wir den Staub von unseren Füßen, Oheim,« sagte ich, »greifen wir zum Wanderstabe und verlassen wir ein Land, wo ein verruchter Mensch nur ein Wort, das Wort ›Krieg‹ auszusprechen braucht, um sofort ein ganzes Volk hirnwütig werden zu sehen ...«

»Das Land verlassen ... weichen ... unser Recht aufgeben?« rief mein Oheim empört aus; ... »wahrhaftig, du kennst mich schlecht, mein Junge, wenn du glaubst, ich dächte daran!«

»Ich gehe, Oheim Peter.«

»Du ... du gehst?«

»So ist es. Ich bin einberufen. Mein Vater schreibt es mir und läßt dich grüßen. Da ist der Brief.«

Ich hielt ihm den Brief hin, er nahm ihn und schleuderte ihn, ohne einen Blick hineinzuwerfen, auf den Tisch.

»Ich würde auch ohne diesen Brief gegangen sein – nicht später als heute!«

Der Oheim sah mich eine Weile an; dann sagte er:

»So so, jetzt begreife ich; daher die ganze dumme Katastrophe! Du hast Henrietten gesagt, du reisest ab?«

»Gewiß. Ich habe es ihr am gestrigen Abende gesagt!«

»Törichter Mensch! Und sie, das kluge Huhn, hat darauf gerade jetzt den passenden Moment ergriffen, mit diesem aus Rand und Band geratenen Papa Müller zu reden, und Papa Müller hat sie zu allen Teufeln geschickt.«

»Daß es fruchtlos sein würde, das konnte ich denken,« sagte ich; »ich hatte nicht die geringste Hoffnung darauf gesetzt; ich wußte, daß uns keine Hoffnung bleibe; aber ich konnte sie nicht abhalten, es war zu spät!«

»Du nimmst die Folgen der Dummheit, die ihr gemacht habt, sehr milde und nachsichtig auf, Neffe Theodor,« rief der Oheim aus ... »sehr vergebungsvoll! Aber mich soll der Teufel holen, wenn ich's tue! Dieser Müller ... er soll mich kennen lernen. Fällt der Mensch vorhin, als ich zu ihm komme, wie in Berserkerwut über mich her – du hast seine Tochter beschwindelt und verführt; von einer Verbindung zwischen euch kann keine Rede mehr sein; eher fließe die Marne aufwärts statt abwärts, und wenn er mir zehnmal sein Wort gegeben ...«

»Hatte er das, dir sein Wort gegeben?«

»Gewiß; wenn Henriette dich wolle; wir hatten alles verabredet, die Aussteuer, deinen Anteil am Geschäft deines Vaters ...«

»Ah,« sagte ich überrascht ... »Du hast also hinter meinem Rücken sehr stark die Vorsehung für mich gespielt!«

»Nun ja – wundere dich nicht darüber – das ist nun einmal Landessitte hier ... und darum bin ich ja just so außer mir ... Der Mensch erklärte mir nun ins Gesicht, mit dürren Worten ins Gesicht, er breche sein Wort, es könne nie die Rede davon sein, daß er sein Kind einem Deutschen gebe, und ich solle mich zum Teufel scheren ... das mir, mir das! Mir sein Wort brechen!«

Der Oheim Peter knirschte förmlich vor Zorn. Doch schien die Tatsache, daß man ihm ein Wort gebrochen, dabei von unendlich schwererem Gewicht für ihn, als daß darüber mein und Henriettens Herz brachen!

Ich stand auf und sagte:

»Und unter diesen Umständen willst du hier bleiben? Was mich betrifft, ich gehe, gehe mit dem nächsten Zuge!«

»Dummes Zeug!« fiel er ein. »Du gehst nicht. Ich werde diesem Müller zeigen, mit wem er zu tun hat. Er muß lernen, daß sich ein Deutscher von einem Welschen nicht übertölpeln läßt. Gehen, den Kampfplatz räumen? Das fehlte mir!«

»Den Kampfplatz? Kann man denn um so etwas kämpfen? Du wirst einsehen, Onkel, daß es wider meine Ehre wäre ...« »Deine Ehre? Larifari! Es handelt sich darum, ob dieser Müller mir soll sein Wort brechen dürfen, und ihm zu zeigen, daß er es nicht soll; daran setz' ich meine Ehre.«

Ich zuckte die Achseln. »Denke darüber wie du willst,« sagte ich. »So viel ist gewiß, ich habe nicht Lust, auf das Ergebnis dieses deines Ehrenhandels mit Herrn Müller zu warten und hier müßig zu sitzen, während mich die Pflicht heimwärts ruft!«

Oheim Peter, der bisher entweder gestanden hatte oder zornig umhergerannt war, setzte sich, und sagte mit seinem alten Ton von Ironie:

»Dafür, für dein Gehen hat der Präfekt gesorgt. Es ist den Deutschen verboten, zu gehen.«

»Verboten ...?«

»Es ist, siehst du, zu spät, mein Junge!«

»Aber wie kann man mir verbieten? ...«

»Einerlei; es wird niemand, der heimreisen will, durchgelassen. Man will wohl den deutschen Heeren keine Wehrkräfte zufließen lassen – was weiß ich? Kurz, du kannst nicht fort.«

»Aber ich habe nichts von einem solchen Verbot gehört, gesehen.«

»Da lies!« sagte er, auf eine französische Zeitung, die auf seinem Tische lag, deutend. »Das Verbot ist allgemein. Geh und versuche, einen Paß zu bekommen.«

Ich war über diese Nachricht tief erschrocken.

»Mein Gott, was dann beginnen?« rief ich aus.

»Nichts!« versetzte der Oheim Peter, sein breites Kinn auf die Hand stützend. »Nichts, ruhig hier bleiben und abwarten, was dein Oheim beschließt!«

Ich fand es besser, nicht weiter zu widersprechen. Ich nahm mir vor, alles aufzubieten, um einen Paß, oder besser eine Erlaubnis zu reisen zu bekommen, denn einen Paß hatte ich ja von daheim – er war vollständig in Ordnung. Zunächst begab ich mich in meine Wohnung zurück und überließ meinen Oheim seinen Gedanken. Ich wollte zunächst andere in Rheims wohnende Deutsche, die ich oberflächlich kannte, aufsuchen und mich bei ihnen erkundigen, welche Entschlüsse sie gefaßt und was zu tun sein könne.

Meine Schritte waren sehr vergeblich, und ganz entmutigt kehrte ich um Mittag heim. Ich hatte überall dasselbe Klagen über eine ganz merkwürdige Tücke und Gehässigkeit der französischen Behörden vernommen; man war schon so weit gegangen, ein Paar Deutsche, die man für spionierende preußische Offiziere in Zivil hielt, zu verhaften; ein Volkshaufe hatte sie mit wütendem Geschrei verfolgt; sie hatten ihre Unschuld klar dargetan, aber man hatte sie in Verhaft gehalten unter dem Vorgeben, sie gegen den Pöbel zu schützen!

Ich überlegte, ob ich nicht unter irgend einer Verkleidung oder durch die Bestechung irgend eines Eisenbahnbeamten entkommen könne, als mein Onkel Peter bei mir eintrat.

Ich sah seinen Augen an, daß irgend eine Wendung der Dinge eingetreten sein mußte, die ihm seine ganze Selbstzufriedenheit zurückgegeben! Um seine Mundwinkel zuckte wieder das ganze alte Vergnügen an seiner sarkastischen Weisheit, das den Onkel Peter nun seit so vielen Jahren schon in Heiterkeit die Trübsal seines Zölibatärlebens tragen ließ.

»Mein Junge,« sagte er, »ich habe mir die Sache überlegt und gefunden, daß du recht hast. Du mußt gehen, es ist das beste.«

»Es freut mich, daß Sie mir darin beistimmen, Onkel. Ist es bloß Ergebnis Ihres Nachdenkens über die Lage der Dinge, oder ist etwas geschehen, das Ihnen diese andere Ansicht beigebracht hat?«

»Geschehen? Was sollte geschehen sein? Es ist nichts geschehen. Nichts weiter, als daß Herr Müller in einen abermaligen recht hitzigen Disput mit Fräulein Henriette gekommen ist, und nun in seiner Wut, um euch gründlich zu trennen, Henriette fortsendet.«

»Fortsendet? Wohin?«

»Zu seiner Schwester nach Genf. Sie wird noch diesen Abend reisen. Sie wird, da die Eisenbahn zwischen hier und Chalons von Militärzügen in Anspruch genommen ist, mit Extrapost reisen. Ihr Kammermädchen begleitet sie und Herrn Müllers Lakai.«

Diese Nachricht erregte mich mehr freudig als beängstigend. In Genf, in der Schweiz schien Henriette mir näher, nicht so ganz verloren und geraubt, wie wenn sie in Frankreich zurückbliebe. Wenn der Kriegssturm sich bis in diese Gegend Frankreichs ziehen sollte, war sie ja dort auch geborgener – gewiß, ich konnte nichts dagegen haben!

»Und da ich dich,« fuhr der Oheim Peter fort, »also hier nicht mehr gebrauche, so magst auch du noch heute reisen.«

Du nanntest das ja noch heute morgen unmöglich, Oheim?«

»Freilich, weil ich damals wollte, daß du es dafür haltest. Was ist unmöglich? Diesen französischen Behörden eine Nase zu drehen? Ah bah! Ich habe die vortrefflichste Gelegenheit für dich. Einer unserer Kunden in Nanzig läßt seine junge Frau, die hier zum Besuche bei Verwandten war, mit einem Diener nach Nanzig zurückkommen; wahrscheinlich auch mit der Post, die Bahnen sind ja überall impraktikabel. Du wirst dann im Wagen schon einen Platz finden – vielleicht als Diener verkleidet ... wir werden sehen ... ich habe es noch näher zu besprechen; der Mann hat mir geschrieben, mich seiner Frau anzunehmen – eh bien, ich werde mich ihrer annehmen, vorausgesetzt, daß sie sich deiner annimmt – und du wirst heute abend bereit sein – wirst du?«

»Gewiß, Oheim!«

»Man wird kommen, dich abzuholen – etwa um sieben, acht, was weiß ich!«

»Wie heißt die junge Frau, die ich...«

»Ach, frag sie selber!« sagte mein Oheim, »du kannst denken, daß ich zu tun habe heute!«

Damit nahm er seinen Hut und ging rasch davon.

Ich mußte mich in diese brüske Weise, wie der Oheim über mich disponierte, schon finden und konnte weiter nichts tun, als noch einmal meine Reisevorbereitungen machen, und mich für den Rest des Tages meinen melancholischen Gedanken hingeben. Ich versuchte, Henrietten zu schreiben, und in einem letzten Abschiede ihr alle meine Verzweiflung zu schildern ... aber meine Tränen fielen auf das Blatt; ich konnte nichts zustande bringen, was auch nur im entferntesten das ausdrückte, was ich hätte aufs Papier strömen mögen; und mich mit dem Umschreiben und Verbessern abzuquälen, dazu war ich noch weniger imstande!

Um fünf erhielt ich vom Onkel Peter ein Paket zugesendet; dazu ein Billett, des kurzen Inhalts:

»Ich sende dir eine Bedientenlivree. Zieh sie an. Von deinen Sachen nimm nur, was ein Handkoffer aufnehmen kann. Sobald es sieben schlägt, sei damit unten im Hausgange und warte. Der Wagen der Dame, von der ich dir sprach, wird vorfahren. Du nimmst den Bedientensitz hinter demselben ein. Sei glücklich und reise mit Gott! Dein Onkel Peter.«

Die Livree war einfach und so ziemlich passend; ein weißer Mantel mit Kragen, der dazu gehörte, schützte vor der Nachtkälte; es war darin jedenfalls auf dem Bedientensitze auch in der Nacht auszuhalten.

Aber seltsam, weshalb kam Onkel Peter nicht selber, um mir Lebewohl zu sagen? Er konnte doch denken, daß ich zu ihm in Herrn Mouniers Haus nicht gehen werde. War er so in Anspruch genommen durch seine junge Dame aus Nanzig, und hatte keinen Augenblick mehr für seinen Neffen übrig?

Ich konnte mich also noch einmal mit meinem Gepäck beschäftigen, und das Unentbehrlichste in einen Handkoffer bringen. Das übrige mußte Onkel Peter dann schon in seine Obhut nehmen.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.