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Deutsche Bildnisse

Wilhelm Scherer: Deutsche Bildnisse - Kapitel 9
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authorWilhelm Scherer
titleDeutsche Bildnisse
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorAlexander Eggers
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Rede auf Jacob Grimm

Gehalten in der Aula der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität am 4. Januar 1885.

Es war am 30. April 1841, als Jacob Grimm zum erstenmal einen Hörsaal dieser Universität betrat, um mit einer Vorlesung über die Altertümer des deutschen Rechts eine Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen, welche vier Jahre vorher in Göttingen gewaltsam unterbrochen worden war. Er fand eine Versammlung von mehreren hundert Zuhörern vor, welche seiner schlichten Größe mit lautem, lang anhaltendem Beifall huldigte und ihre Verehrung für den Mann an den Tag legte, der wie kein anderer den vaterländischen Geist unserer Wissenschaft gestärkt, auf weiten Gebieten der Forschung neue Bahnen eröffnet und mit den sechs vertriebenen Göttinger Genossen das allgemeine Rechtsgefühl in Deutschland geschärft hatte.

Jacob Grimm, so lebhaft empfangen, dankte mit sichtbarer Rührung, die noch einige Zeit bei ihm anhielt und über seinen ganzen Vortrag eine milde Wärme verbreitete. Das Schicksal, begann er, habe ihn nicht gebeugt, sondern erhoben, und darum preise er es um so mehr, weil es ihn in die Mitte seiner neuen Zuhörer geführt habe.

Er sprach hierauf von seiner Art, die Dinge zu betrachten, von dem Verhältnisse zwischen Recht und Sprache, von dem Werte des deutschen Rechts gegenüber dem römischen und von seinen Studien überhaupt.

»Ich habe die Rechte studiert,« sagte er, »zu einer Zeit, wo das eintönige Grau der Schmach und Erniedrigung schwer über Deutschlands Himmel hing. Da ließ das römische Recht mit aller seiner anziehenden Fülle in meinem Sinnen und Trachten eine empfindliche Leere, und das einheimische wurde nicht so gelehrt, daß es mich hätte anziehen können. Ich suchte Trost und Labung in der Geschichte der deutschen Literatur und Sprache. Es war eine unsichtbare schirmende Waffe gegen den feindlichen Übermut, daß in unscheinbaren, aber unentreißbaren Gegenständen Vorzüge und Eigenheiten verborgen lagen und wieder entdeckt werden konnten, an denen unser Bewußtsein mit gerechter Anerkennung haften durfte.«

Wie Jacob Grimm, von frommen und vaterländischen Gedanken erfüllt, sich in der Zeit der Schmach am Studium des deutschen Altertums aufzurichten suchte und dadurch eine neue Wissenschaft gründete: so wußte das zertretene Preußen, nach dem unvergeßlichen Königswort, an das wir uns nicht oft genug erinnern können, durch geistige Kräfte zu ersetzen, was es an physischen verloren hatte, und schuf einen neuen Mittelpunkt deutscher Forschung und Lehre.

Hier galt es und dort, sich an das Unentreißbare zu klammern. Die Universität Berlin und die Wissenschaft von deutscher Sprache, Literatur und Altertum sind aus derselben Gesinnung entsprungen. Die verdientesten Pfleger der germanischen Philologie haben in Universität und Akademie uns angehört. Niemand hat mehr Ursache als wir, den heutigen Tag zu feiern und lebendiges Zeugnis dafür abzulegen, daß wir noch wissen, was Jacob Grimm uns bedeutet.

Aber es wäre nicht in seinem Sinne, wollten wir seinen Ruhm allein verkünden. Als er vor bald 25 Jahren seinem Bruder Wilhelm die akademische Gedächtnisrede hielt, da konnte er nicht umhin, von sich selbst zu sprechen; und so, indem wir von ihm reden, müssen wir des Bruders gedenken, der Leben und Lernen, Haus und Beruf mit ihm teilte.

An einem Dienstag, heute vor 100 Jahren, ist Jacob Grimm geboren. Seines Bruders Geburtstag wird am 24. Februar 1886 zum hundertsten Male wiederkehren.

Die Brüder sind, wie Jacob Grimm sagt, aus dem Schoße des glücklichen Mittelstandes hervorgegangen, der zu jeder gründlichen Arbeit des Lebens stärkt und die freiesten Aufschwünge des Geistes fördert.

Ihr Leben spielte sich bis ins fünfte Jahrzehnt wesentlich in der hessischen Heimat ab.

Zu Hanau, wo sich bald ihr Denkmal erheben wird, hat einst ihre Wiege gestanden. Zu Kassel besuchten sie das Lyzeum. Jacob bezog 1802, Wilhelm ein Jahr später die Universität Marburg. Beide sollten Juristen werden, wie der früh verstorbene Vater gewesen war. Beide fanden in Savigny einen Lehrer, der sie am römischen Recht zu geschichtlicher Betrachtung anleitete. Gemeinsam fingen sie an, mit geringen Mitteln systematisch Bücher zu kaufen und so den Grund zu der stattlichen Sammlung zu legen, die sie zeitlebens gemeinsam benutzten und die jetzt auf unserer Universitätsbibliothek den strebenden Jüngern der deutschen Philologie in die Hand gegeben ist.

Im Sommer 1805, als Jacob mit Savigny in Paris war, um diesem an den Vorarbeiten zu seiner Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter zu helfen, faßten die Brüder den Beschluß, sich im späteren Leben nie zu trennen. Um dieselbe Zeit wandten sie, unter romantischen Anregungen, sich dem Studium der altdeutschen Literatur immer entschiedener zu; und ob Jacob Grimm nach seiner Rückkehr aus Paris in das hessische Kriegskollegium eintrat, ob er unter Jerome Napoleon als Privatbibliothekar des Königs den Staatsratssitzungen beiwohnte, ob er in der Zeit der Freiheitskriege und der Friedensverhandlungen im Hauptquartier der Verbündeten, in Paris oder in Wien diplomatische Geschäfte zu besorgen hatte: unverrückbar hielten die Brüder das Ziel einer gemeinsamen Arbeit an der Wiederbelebung des deutschen Altertums fest. Im Jahre 1807 begannen sie ihre literarische Laufbahn, und seit 1816 waren sie beide an der Kasseler Bibliothek angestellt. Was sie für ihre äußere Lage wünschten, schien erreicht; und als sich Wilhelm 1825 mit Dorothea Wild, einer Urenkelin des Philologen Mathias Gesner, vermählte, einem Mädchen, das er schon als Kind gekannt und das seine Mutter wie ihr eigenes geliebt hatte: da blieb der brüderliche Bund ungestört; die Gütergemeinschaft ward aufrechterhalten; sie wohnten zusammen und aßen zusammen nach wie vor; Wilhelms Frau sorgte für Jacob mit schwesterlicher Liebe; Wilhelms Kinder waren von Jugend auf gewohnt, den Onkel wie einen zweiten Vater zu ehren; und Wilhelm selbst bekannte öffentlich, er habe niemals aufgehört, Gott für das Glück und Segensreiche der Ehe dankbar zu sein.

Eine ungerechte Zurücksetzung im Dienste trieb wider alles Vermuten im Jahr 1830 die Brüder aus der geliebten Heimat nach Göttingen, wo sie nicht bloß als Bibliotheksbeamte, sondern auch als Universitätslehrer wirkten. Der Staatsstreich des Königs Ernst August von Hannover trieb sie nach sieben Jahren in die Heimat zurück, wo aber nunmehr an eine Wiederanstellung nicht zu denken war. Ihre äußere Existenz wurde durch literarische Arbeiten und durch freiwillige, von Leipzig her angeregte Geldsammlungen gesichert, deren unverbrauchte Reste zum Teil noch heut an unserer Universität wissenschaftlichen Zwecken zugute kommen. Mit Recht sagte Dahlmann, der Göttinger Kollege und Schicksalsgenosse der Brüder: »Wer sich für viele opfert, wenn er auch die Hauptsache um seiner selbst willen tut, der darf auch vielen etwas verdanken.« Die Tat des freien Gewissens, welche den sieben tapferen Göttinger Professoren ihr Amt kostete, war für viele getan, der Protest gegen einen Rechtsbruch für viele ausgesprochen und weiten Kreisen unseres Volkes zum Bewußtsein gebracht, daß es ein öffentliches Gewissen in Deutschland überhaupt gebe.

Der Lohn blieb nicht aus. »Wenn Gott«, schrieb Jacob Grimm an Dahlmann, »die Gefahren und Nöten dieser Zeit gnädig vorübergehen läßt, wird sie keine unglückliche heißen dürfen; so viel Erhebung, Trost und Freundschaft ist uns in ihr geworden, daß die wohltätigste Erinnerung daran durch unser ganzes Leben dauern wird.«

Die Thronbesteigung König Friedrich Wilhelm des Vierten brachte endlich den Brüdern die lange vergeblich erwartete Genugtuung, die Berufung nach Berlin. Am 15. März 1841 trafen sie hier ein. Jacob war seit 1832 auswärtiges Mitglied der preußischen Akademie: er hatte es in seiner Bescheidenheit eine unpassende Ernennung gescholten, die seiner Gesinnung und seinen Arbeiten nicht gebühre. Jetzt war sie der Faden, an dem er nach Berlin gezogen wurde. Wilhelms Wahl in die Akademie erfolgte bald, und beide haben von dem Rechte der Akademiker, Vorlesungen an unserer Universität zu halten, seit dem Sommer 1841, Jacob bis zum Sommer 1848, Wilhelm bis zum Sommer 1852, wenn auch nicht ununterbrochen, Gebrauch gemacht.

Gemeinsam haben Jacob und Wilhelm Grimm in ihrer Jugend, indem sie sich, mit Unterdrückung der Vornamen, nur schlechthin »die Brüder Grimm« nannten, altdeutsche Gedichte, Lieder der Edda, Märchen und Sagen herausgegeben. Danach schufen sie jeder auf seinem besonderen Gebiet ihre Hauptwerke: Jacob die deutsche Grammatik, die deutschen Rechtsaltertümer, die deutsche Mythologie, den Reinhart Fuchs, die Geschichte der deutschen Sprache; Wilhelm die deutsche Heldensage, die Geschichte des Reims, die Ausgaben des Freidank, des Rolandsliedes, der Goldenen Schmiede, des Athis. Und wieder am Abend ihres Lebens waren sie zur Abfassung des »Deutschen Wörterbuches« verbunden, dessen Plan einst nach der Göttinger Vertreibung an sie herangebracht wurde, um sie nötigenfalls in ihren Einkünften ganz auf die eigene Arbeit zu stellen. Zahlreiche Fachgenossen hatten ihnen, Zeit und Kraft willig hingebend, Auszüge dazu geliefert; eine bloße Redaktionstätigkeit sollten sie anfangs nur übernehmen. Aber es zeigte sich, daß intensivere Versenkung notwendig sei. Schon der bloße Entschluß, an ein in mancher Beziehung für sie fremdartiges Unternehmen wirklich Hand anzulegen, wurde nicht leicht. Erst 1852 konnte das Erscheinen beginnen. Jacob bearbeitete die ersten drei Buchstaben; Wilhelm hat nur das D vollendet; Jacob drang dann noch bis zu dem Worte »Frucht« vor: hierauf entsank auch ihm die Feder.

Jacob und Wilhelm Grimm hatten in ihren Schuljahren an einem Tische gearbeitet, später an zwei Tischen in demselben Zimmer, zuletzt in zwei aneinander stoßenden Zimmern: auch ihre Gräber liegen dicht beisammen, und fromme Hände, werden sie heute schmücken. Der jüngere ist zuerst, der ältere ihm bald nachgestorben. Wilhelm hat am 16. Dezember 1859, Jacob am 20. September 1863 seinen letzten Atemzug getan.

Die Geschichte der deutschen Literatur und Wissenschaft hat mehrfach von geist- und kraftreichen Brüdern zu erzählen, die, auf gemeinsame oder verwandte Ziele gerichtet, sich in ihrem Streben ergänzten. Alexander von Humboldt wußte den Makrokosmos zu bewältigen, während sein Bruder Wilhelm in Sprache, Kunst und Staat den Mikrokosmos zu umspannen suchte. Wilhelm und Friedrich Schlegel traten in enger Genossenschaft auf und haben sich in ihren Anfängen sehr wesentlich gefördert. Einem Entdecker in der Wissenschaft von der Natur und vom Menschen, wie Ernst Heinrich Weber, standen zwei gleichgestimmte Brüder zur Seite. Aber eine so innige Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, durch alle Wechselfälle des Schicksals festgehalten, durch Hingebung an die edelsten vaterländischen Zwecke geheiligt, von der ganzen Nation mit Rührung geehrt, von drei deutschen Regierungen in ihrer Untrennbarkeit anerkannt, ein gleichsam symbolischer Ausdruck dessen, was treue Liebe der Blutsverwandten ausrichten und bedeuten kann: dafür gibt es kein zweites Beispiel.

Gleichwohl waren Jacob und Wilhelm Grimm kräftige Individualitäten, in seiner Eigenart jeder bestimmt bezeichnet, Jacob freilich der führende, Wilhelm der, der sich unterordnete, doch nicht überall und nicht über eine gewisse Grenze hinaus. Selbst wo sie gemeinsam arbeiteten, erlosch die Besonderheit nicht.

Jacob war heftig, kühn, ungeduldig und vordringend, von einer ausdauernden, unermüdlichen Arbeitskraft ohnegleichen, in einsamer Tätigkeit am glücklichsten, der Geselligkeit abgeneigt. Er besaß den Mut des Fehlens, ohne den in den Geisteswissenschaften kein großer Wurf gelingt. Er besaß die Begierde des Entdeckers, der sich über alle Hindernisse hinwegsetzt und dem Ruf einer großen Bestimmung rücksichtslos folgt.

Wilhelm dagegen, durch eine schwankende Gesundheit von vornherein zu mäßiger und unterbrochener Tätigkeit gezwungen, wußte das Leben in heiterer Geselligkeit behaglich zu genießen und zu schmücken, seine wissenschaftlichen Arbeiten in ruhiger Vorsicht und geduldiger Sammlung auszubilden, die Gegenstände zu erschöpfen, das Gewonnene wohlgeordnet mitzuteilen und durch anmutige Milde der Darstellung zu erfreuen.

Jacob war ein Eroberer, der ein neues Reich gründete: Wilhelm half es befestigen und regieren.

Jacob strebte unersättlich von vornherein ins Große, ins Allgemeine: Wilhelm vertiefte sich enthaltsam ins Besondere und stieg doch von da zuweilen zu einem Allgemeineren auf.

Jacob durchmaß eine unregelmäßige Bahn, in der es an Umwegen und Irrwegen nicht fehlte: Wilhelms Entwicklung zeigte keine Sprünge und Umwälzungen; früher ergriff er, was ihm gemäß war, und hielt es mit Treue fest.

Dem deutschen Altertum waren beide unwandelbar zugetan. Aber indem sie die Vergangenheit erforschten, lehrten sie die Gegenwart besser verstehen; und, weit über ihr besonderes Gebiet hinaus, gaben sie den Geisteswissenschaften langdauernde und noch immer nachwirkende Impulse.

Sie haben den Begriff der Philologie erweitert. Sie haben die Genauigkeit der Betrachtung, welche früher nur dem klassischen Altertum und der Bibel gegönnt ward, auf die vaterländischen Dinge angewandt und dadurch jedem zivilisierten Volke für sich selbst und der Wissenschaft überhaupt für alle Völker neue Aufgaben gestellt. Sie haben im Verein mit Benecke und Lachmann die Wissenschaft der deutschen Sprache und des deutschen Altertums innerhalb eines Menschenalters auf eine Höhe der Ausbildung gebracht, daß sie die in Jahrhunderten gepflegte klassische Philologie nicht nur in allen wesentlichen Beziehungen erreichte, sondern sie, nach dem Zeugnisse von Moriz Haupt, in einigen Beziehungen überholte.

Sie haben die zufriedene Liebe, mit der sie einen engen Daseinskreis im eigenen Leben umfaßten, auf die geringsten Tatsachen, in denen sich das Seelenleben unseres Volkes spiegelt, treulich übertragen und die Andacht zum Unbedeutenden, die man ihnen als einen Spottnamen aufheftete, zu einem Ehrennamen gemacht. Sie haben die strenge Beobachtung und Untersuchung nicht bloß auf die geschriebenen Denkmäler beschränkt; sie haben alle bornierten Maßstabe einer vornehmtuenden Ästhetik hinweggeworfen und in den unscheinbaren Reimen und Erzählungen, an denen sich die Kinder und Bauern ergötzen, den Glanz unvergänglicher Poesie und den unschuldigen Zauber ursprünglicher Menschheit erkannt. Sie haben auch dadurch ein Signal zu weitreichenden Sammlungen des Aberglaubens, der Lieder, der Märchen gegeben, welche sich nach und nach auf alle Länder der Erde ausdehnen; und sie haben, wenn auch unbewußt, die Forderung einer unparteiischen Ästhetik erhoben, welche zunächst nur Erscheinungen und Wirkungen beschreibt und nicht voreilig urteilt.

Aber sie setzten nur fort und brachten zur Ausführung, was die besten und freiesten Köpfe des 18. Jahrhunderts gewollt hatten. Sie teilten mit Lessing den Haß gegen eine Überhebung, welche ganze Völker und Zeiten als barbarisch verachten mochte. Sie wußten überall die Keime zu pflegen und zu entwickeln, die Herder mit verschwenderischer Hand ausgestreut hatte. Sie gehörten zu den hervorragendsten Vertretern jener großen Epoche der deutschen Wissenschaft, die man sehr unvollständig und nur nach ihrer Schattenseite bezeichnet, wenn man sie als die Epoche der Metaphysik oder Naturphilosophie in den düstersten Farben schildert, statt mit patriotischem Stolze zu sagen, was ohne Anmaßung behauptet werden darf: daß die Deutschen damals einen Fortschritt in den Geisteswissenschaften vollzogen, der alle anderen Nationen zu ihren Schülern machte und worin sie bis jetzt nur von wenigen eingeholt, von keiner übertroffen sind.

Unsere moderne klassische Dichtung ruhte vielfach auf einer vertieften Erkenntnis des Menschen und der Natur, welche notwendig auf die Wissenschaft herüberwirken mußte und schließlich an den luftigsten Konstruktionen des Universums Gefallen fand.

Aber während sich die meisten deutschen Naturforscher von den Dichtern und Metaphysikern verführen ließen, vorschnell Systeme bauten, an Worte glaubten, der Schule Newtons entliefen und die mathematische Bildung des 18. Jahrhunderts verschmähten: legten die deutschen Philologen, Sprachforscher und Historiker den Grund zu einer neuen geschichtlichen und vergleichenden Methode, zu einer neuen Schärfe, Genauigkeit und Vollständigkeit der Beobachtung, zu einer neuen vorsichtigeren und gerechteren Kritik, indem sie die besten wissenschaftlichen Errungenschaften des 18. Jahrhunderts festhielten und sie durch noch bessere bereicherten oder verfeinerten. Selbst jener metaphysische Drang, der vorschnell ein Ganzes erfassen wollte, da er die Teile noch nicht in der Hand hatte, erwies sich für die Geisteswissenschaften als eine Vorschule der vergleichenden Methode, welche mehrfach, was erst nur ein vager Traum schien, zur gesicherten Erkenntnis erhob.

Den Übergang von der vorschnellen Hypothese zur exakten Untersuchung und die Fruchtbarkeit einer, wenn auch zunächst verwegenen Hypothese stellt aber niemand in sich mit solcher Reinheit dar wie Jacob Grimm.

Berückt von den ersten verführerischen Ahnungen eines verwandtschaftlichen Zusammenhangs zwischen europäischen und asiatischen Völkern und schwelgend in den etymologischen Dithyramben einer ungeregelten Sprachvergleichung, mochte Jacob Grimm noch 1815 die Behauptung drucken lassen, an sich seien alle und jede Wörter nur eins; es komme lediglich darauf an, die Kette nachzuweisen, die sie verbinde. Aber schon 1819 errichtete er das erste Gebäude einer vergleichenden Formenlehre der germanischen Sprachen; 1822 entdeckte er die Lautgesetze, auf deren Existenz alle Möglichkeit einer wissenschaftlichen, methodischen und zu verhältnismäßig sicheren Ergebnissen führenden Sprachvergleichung beruht.

Er hat hier nicht allein das Entscheidende gefunden: zum Teil hat ihm Franz Bopp, zum Teil der Däne Rask den Weg gezeigt; was er für die germanischen Sprachen leistete, hatte Raynouard schon für die romanischen begonnen. Aber gewaltig wuchs sein Haupt- und Lebenswerk, seine »Deutsche Grammatik« von 1819 bis 1840 über alle Vorgänger hinaus durch die Fülle des Stoffes, die Klarheit des Vortrages, den Reichtum und die Sicherheit unerwarteter Resultate. Sie wurde für Bopp, für Diez, für Miklosich ein Vorbild. Die vergleichende Grammatik der arischen Sprachen überhaupt, die vergleichende Grammatik der romanischen und der slawischen Sprachen ist durch Jacob Grimms Beispiel auf eine höhere Stufe gehoben oder begründet worden.

Nie war ein Gelehrter stärker in die Bande der alten unmethodischen Sprachvergleichung verstrickt gewesen als Jacob Grimm. Nie hat ein Gelehrter mehr getan, um eine neue methodische Sprachvergleichung ins Leben zu rufen als Jacob Grimm. Unmethode und Methode beruhen aber auf einer völlig entgegengesetzten Geistesverfassung. Trotzdem liegen sie bei Jacob Grimm nur drei oder vier Jahre auseinander. Der Akt des Überganges, des Durchkämpfens von der einen zur anderen, der sich innerhalb dieser drei oder vier Jahre vollzogen haben muß, war für viele getan und bedingte die größten Fortschritte der modernen Geisteswissenschaften.

Leider wissen wir über den näheren psychologischen Prozeß, der ihn begleitete, so gut wie nichts. Der eigentliche Hergang läßt sich nur vermuten. Der vergleichende Trieb, d.h. die Sehnsucht, über die Vielheit der Erscheinungen hinweg zu einer ursprünglichen Einheit vorzudringen, wurde durch den pantheistischen Zug in der deutschen Wissenschaft, durch die Spekulation Goethes über die Metamorphose der Pflanzen, durch die halbmetaphysischen Anfänge der Transmutationstheorie, durch die romantischen und vorromantischen Träume von einem Urvolk, einer Urreligion, einer Ursprache geweckt und genährt. Aber die tumultuarischen Exzesse der etymologischen Willkür, die sich Jacob Grimm gestattete, forderten den Widerspruch heraus, führten zur Ernüchterung und Besinnung und gaben daher den Grundsätzen ruhiger und enthaltsamer Forschung Raum, die, in Savignys solider Schule eingesogen, nur verdunkelt, aber nicht vergessen in seiner Seele geruht hatten.

Erst jetzt gewann er mit Bewußtsein die induktive Methode, zu der er sich in seiner ersten Berliner Vorlesung bekannte, indem er etwa folgendermaßen anhob: »Es gibt eine doppelte Art und Weise, die Dinge zu betrachten, je nachdem man die Betrachtung oder die Dinge überwiegen läßt. Herrscht die Betrachtung vor, so erhebt sie sich in die Höhe und schwingt sich in großen Kreisen über ihrem Gegenstand, den sie von oben herab fassend bewältiget. Es ist nicht zu verkennen, daß dann der Gedanke behende Kraft gewinnt und aus sich selbst eine ungehemmte Fülle zu entfalten vermag; er wird aber auch unvermerkt genötigt sein, sich zu senken und, gleichsam auf einem Ruheplatz, auf einzelnen Gegenständen zu verweilen. Wo aber umgekehrt ausgegangen wird von den Gegenständen und aufgestiegen zu der Betrachtung, da bleibt das Verfahren zäher und ruhiger, Gedanken entsprießen erst an ihrer Stelle und pflegen nur ausnahmsweise ihren sicheren Schritt gegen kühneren Aufflug zu vertauschen. Dort also wird immer ein günstiger Gesichtspunkt gesucht und eine Ansicht gewonnen; die Betrachtung weiß von vornherein, wo sie sich befindet und wie weit sie reicht. Hier hingegen klimmt sie an den Dingen selbst auf und erlangt bald niedere, bald höhere, meistens aber unberechnete Aussichten. Wenn uns dort ein Gefühl der Unzulänglichkeit menschlicher Augen und Sinne befallen mag, so können wir hier, innerhalb fester Schranke, sicheren Ertrages uns erfreuen.«

»Ich will«, fuhr Jacob Grimm fort, »mit dieser Erwägung lange nicht einen Unterschied zwischen idealer und realer Forschung, noch weniger zwischen philosophischer und historischer Schule aufgestellt haben: denn diese Namen scheinen mir vom Übel, sobald sie über das hinaus, was wirklich in ihrer Entgegensetzung begründet ist, schroffe Parteien einander gegenüberstellen. Was mich betrifft, bin ich mir bewußt, keiner von beiden anzugehören, achte und schätze vielmehr ihre beiderseitigen Bestrebungen auf das willigste und bin bereit, von dem, was ihnen beiden gelingt, zu lernen. Methode und Studium (und das ist weit von solchen Grundansichten verschieden) neigen sich aber bei mir dahin, die Dinge nicht von der Betrachtung abhängen zu lassen, sondern aus ihnen als einem unerschöpften und unerschöpflichen Stoff neue und immer reichere Ergebnisse zu gewinnen.«

Die erste Frucht einer solchen erfahrungsmäßigen, an den Dingen selbst aufklimmenden Forschungsweise und gleich auf ein weites Gebiet angewandt war die »Deutsche Grammatik«, der Grund- und Eckstein von Jacob Grimms deutschen Studien, der Grund- und Eckstein der deutschen Philologie, ein Grund- und Eckstein der Geisteswissenschaften überhaupt.

Durch die Grammatik erst wurden Wilhelm Grimm und Lachmann Jacob Grimms Schüler. Und der Grammatik verdankte er selbst, wie er noch 1858 an Dahlmann schrieb, alles, was er erreichte.

Sie war das Vorbild seiner Arbeiten über das deutsche Recht, über deutsche Mythologie, über deutsche Sitte und die Grundlage des Deutschen Wörterbuchs. Die Sprache blieb immer das Paradigma, wonach er die anderen Lebenserscheinungen beurteilte.

Durchweg übte er historische Methode, indem er die Wurzeln des Heutigen in der Vorzeit aufzeigte und alle seine Forschung mit der Gesinnung durchdrang, die ihm bei seiner Berliner Antrittsrede für das Recht die Worte eingab: »Die heimliche, aber ergreifende Stimme der Vergangenheit ruft uns mahnend zu, daß wir durch die Erforschung des alten Rechts uns selbst, unsere Gegenwart und Zukunft, besser verstehen lernen werden.«

Durchweg übte er auch vergleichende Methode. Auf allen Lebensgebieten wies er nach, wie man das germanische Altertum erhellen könne, indem man die heimische Überlieferung mit den Nachrichten der Alten verbinde. Von der Germania des Tacitus sagte er: »Durch eines Römers unsterbliche Schrift ist ein Morgenrot in die Geschichte Deutschlands gestellt worden, um das uns andere Völker beneiden.« Aber erst er selbst hat dieses Morgenrot recht entzündet und für jedermann offenbar gemacht, daß wir zu den Ursprüngen der Nation bei den Germanen viel weiter vordringen können als bei den Griechen und Römern und den übrigen Völkern der alten Welt. Indem er den vergleichenden Blick auf die ehemalige Einheit der Germanen gerichtet hielt, lehrte er uns den verwandtschaftlichen Zusammenhang zwischen Deutschen, Holländern, Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern würdigen, der, wie auch die Wechselfälle der Politik diese Völker gelegentlich zueinander stellen mögen, doch schon wiederholt im Laufe der Geschichte seine Macht bewährt hat und wieder bewähren kann.

Jacob Grimm war einer der ersten, die in Herders und Wilhelm von Humboldts Sinne das Sprachstudium nicht bloß als ein Mittel ansahen, um in fremde Literaturen einzudringen, sondern als die Beschäftigung mit einer der erhabensten Äußerungen des menschlichen Geistes, die wie ein selbständiges Wesen sich nach eigenen und festen Gesetzen entwickelt und uns, auch wo eine Literatur fehlt, tiefe Blicke in das Denken und Fühlen der Völker eröffnet. Jacob Grimm wußte, daß den Wörtern Vorstellungen und Sachen entsprechen, daß daher den Wörtern Aufschlüsse über die Sachen abgewonnen werden können; er zeigte den Weg, um aus der Sprache die Kultur untergegangener Völker zu erschließen.

Niemand hat lebendiger als Jacob Grimm die der Sprache innewohnende Poesie empfunden und für die Erkenntnis der deutschen Sprache, nicht minder aber für seinen eigenen Stil daraus Vorteil gezogen. Er hat die vergleichende Methode auch auf die Poesie angewandt und gezeigt, wie man aus den alliterierenden Gedichten der Deutschen, Angelsachsen und Skandinavier den ursprünglichen Stil der germanischen Poesie erraten und so einen weiten, tiefen Hintergrund für die Geschichte der deutschen Dichtung gewinnen könne, die er im einzelnen nach der Seite des Tierepos, der lateinischen Dichtung, der kunstmäßigen deutschen Lyrik des Mittelalters und anderweitig zu fördern wußte.

Wo aber die deutsche Dichtung und ihre Geschichte in Frage kommt, da greift nun Wilhelm Grimms Tätigkeit ein. Er wandte die vergleichende Methode auf die deutsche Heldensage an. Er lehrte aus deutschen und skandinavischen Überlieferungen das Ursprüngliche erschließen und aus Trümmern oder zerstreuten Anspielungen verlorene Gedichte annähernd erraten. Er verfolgte auch sonst poetische Stoffe durch viele Literaturen, poetische Anschauungen durch viele literarische Denkmäler. Er gab in seiner Geschichte des Reims einen wichtigen Beitrag zur Kunde der poetischen Technik. Er stellte mehrere mittelhochdeutsche Gedichte sauber ans Licht, und wenn er vielleicht in der Schärfe der Textkritik hinter Lachmann zurückstand, so übertraf er ihn bei weitem in der literarhistorischen Verwertung, in der erschöpfenden Erläuterung und in den seinen stilistischen Beobachtungen, mit denen er eine umfassende historische Stil-Lehre vorbereitete.

Wilhelm Grimm war mehr Künstler als sein Bruder. Er hat sich das Hauptverdienst um die deutschen Märchen erworben, die er seit der zweiten Auflage allein redigierte. Er stellte den einheitlichen Ton derselben fest, indem er den Erzählern des Volkes ihre Kunstmittel ablauschte und sie dann mit Freiheit handhabte. Er wußte den anspruchslosen Geschichten einen weihnachtsmäßigen Glanz zu verleihen und doch nichts Unechtes oder Persönliches einzumischen. Er gab den Kindern aller Stände ein unveraltbares Buch in die Hand, dessen Reize sich Jahr für Jahr neu bewähren und von dem eine edle volkstümliche Wirkung ausgeht, weil die volkstümliche Überlieferung darin veredelt ist.

Die Ehrfurcht vor dem Traditionellen, aus welcher die liebevolle Pflege der Märchen entsprang, war dem Wesen der Brüder von Anfang an tief eingepflanzt und ruht auf dem innersten Grund ihres Charakters.

Sie überschätzten das, was sie Naturpoesie nannten, und unterschätzten die Kunst. Sie setzten, wie Savigny, das Bewußte gegenüber dem Unbewußten, die individuelle Arbeit und freie Tat gegenüber dem Naturwüchsigen und Notwendigen herab. Sie trauten dem einzelnen nicht viel zu und erblickten die volle Kraft der Menschheit nur dort, wo ein ganzes Volk ergriffen ist und ein ganzes Volk zu schaffen scheint.

Es war nur konsequent, wenn Jacob Grimm 1843 in Rom die typischen Göttergestalten der Antike den modernen Gemälden vorzog, wenn er in jenen das lang überlieferte Urbild bewunderte, in diesen die Phantasie und Willkür des Malers ungern empfand.

Dem Literarhistoriker drängt sich dabei eine Erinnerung auf.

So hatte mehr als ein halbes Jahrhundert früher auch Goethe in Rom vor den Resten griechischer Schönheit gestanden und begeistert ausgerufen: »Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.« Wie Jacob Grimm, hat Goethe fortan das Typische für das wahre Schöne, die bleibenden Verhältnisse dieser vergänglichen Welt für den höchsten Gegenstand der Kunst gehalten und durch die Beschäftigung damit seinem Geiste, wie er sagt, erst die Ewigkeit zu verschaffen gesucht. Was aber zu den notwendigen und bleibenden Verhältnissen zu rechnen sei, welche die Ehrfurcht der Menschen herausfordern, darüber gingen die Ansichten von Goethe und Jacob Grimm mehrfach auseinander, ebenso wie die Empfindungen der verschiedenen Generationen, denen sie angehörten.

Mit einer Art von trunkener Andacht sprachen Jacob Grimm und sein Bruder, sprach ihr Freund Achim von Arnim das Wort »Volk« aus; und sie verstanden darunter gleichsam einen unsichtbaren guten Geist, welcher die Übereinstimmung der Besten leite und in den unteren Schichten unverfälscht wohne: während Goethe mit der nüchternen Unbefangenheit des Weltmannes sich über die Existenz eines wirklichen Pöbels keinen Illusionen hingab und den führenden Einzelnen, der zuweilen die widerwilligen Massen fortreißen muß, niemals übersah.

Aber wenn die Brüder Grimm und ihre Freunde das Vaterland unter die ewigen Güter des Lebens rechneten und, ohne jede poetische Unklarheit, ein unter Preußens Führung geeinigtes Deutschland darunter verstanden, so waren sie glücklicher und reicher als Goethe, der, so viel und so schön er auch sein Leben lang von der Hoffnung gesungen, es doch in schweren Zeiten verlernte, für das Vaterland zu hoffen. Die Brüder Grimm und ihre Freunde sprachen vom Vaterland oft mit dem elegischen Akzente der Sehnsucht. Aber sie waren stets von froher Zuversicht durchdrungen. In seiner ersten Berliner Vorlesung sprach Jacob Grimm von dem Aufschwunge der deutschen Sprache seit Klopstock und Lessing und meinte, auf dieselbe Weise werde auch ein deutsches Recht erstehen und aus den alten, festen Wurzeln ein hoher Baum mit frischgewölbter Krone erwachsen. Den 1846 in Frankfurt um ihn versammelten Fachgenossen rief er zu: »Ja, wir hegen noch Keime in uns künftiger ungeahnter Entwicklungen!« An Dahlmann schrieb er in einem seiner letzten Briefe von unserer Einheit, die uns allein retten könne und bald alle Verluste und Schwierigkeiten, die den Übergang begleiten, überwunden und reichlich ersetzt haben würde.

Wie sich Jacob Grimms politische Sehnsucht erfüllte, so ging seine wissenschaftliche Saat munter auf. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist nicht bloß ein mathematisch-naturwissenschaftliches, ein technisch-induktives Zeitalter. Die Geisteswissenschaften blühen wie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Sie schreiten nicht zurück, sondern vorwärts. Wenn die genialen Entdecker fehlen, so mangeln doch nicht die wesentlichen Fortschritte der Erkenntnis, welche den Eifer des Untersuchens beleben. Die vergleichende Sprachforschung zieht nach und nach alle Völker der Erde in ihr Bereich. Die fundamentalen Probleme der Lautlehre stehen im Vordergrunde der linguistischen Wissenschaft. Die strengen Grundsätze philologischer Genauigkeit ergreifen von den fernsten und von den modernsten Sprachen und Literaturen glücklich Besitz. In die Geheimnisse des Stils und der künstlerischen Technik dringen wir immer tiefer und unbefangener ein. Die Geschichte der Künste wird in immer weiterem Umfange betrieben und wirkt bald verwirrend, bald reinigend auf den Geschmack und die Produktion. Die Deutschen haben ihren vollgemessenen Anteil an der Ermittelung der Tatsachen, von denen die Steine reden und die aus dem Schoße der Erde fast wie ein Wunder emporsteigen. Und wenn sie die Geschichte des eigenen Volkes erzählen, so bewegen sie sich nicht mehr bloß auf den idealen Höhen der Kriege, der auswärtigen Politik, der Verfassungskämpfe und der Literatur: sie steigen auch hernieder zu den irdischen Mühen der Wirtschaft und der Verwaltung. Die Erfahrungen der Gegenwart kommen den Auffassungen der Vergangenheit zugute. Die elementaren Tatsachen der Religion, der Sitte, des Rechtes werden bei allen Völkern aufgesucht. Die Leuchte der Kritik wird immer energischer in die heiligen und profanen Schriften hineingetragen. Es besteht ein nur teilweise bewußter, aber tatsächlicher Zusammenhang aller Prinzipien der Forschung. Die Philosophie erlangt wieder Fühlung mit der Naturwissenschaft, und die philosophische Befruchtung wird den historischen Einzelwissenschaften nicht ausbleiben. Es gedeiht das kühnste Streben ins Allgemeine ebenso wie die peinlichste Sorgfalt am Einzelnen, und in diesen beiden ist alle Tugend des Forschers beschlossen. Sie gedeihen und wachsen, als wenn in lebendigem Vorbilde, sichtbar führend, Jacob und Wilhelm Grimm uns voranschritten, weit ausgreifend der eine, sinnig vertieft der andere.

Möchten sie uns allen, die wir forschend uns bemühen, auch ein menschliches Vorbild sein können!

Die Gelehrsamkeit macht zuweilen stolz, selbstgenügsam, eifersüchtig und rechthaberisch. Sie zerstört leicht den Geradsinn und den derben Verstand. Sie pflanzt spitzfindige Gedanken und einen künstlichen Geschmack. Sie hat ganze literarische Epochen vergiftet durch gespreizte Vornehmheit und eine dünkelhafte Exklusivität. Sie schafft oft falsche Maßstäbe für die Menschen und stellt eine Summe beliebiger Kenntnisse, unter dem täuschenden Namen der Bildung, höher als die »alte geheimnisvolle Kraft der Herzen«.

Die Brüder Grimm, das edle Paar, waren von allem Flitter falscher Bildung und leerer Geistreichigkeit unberührt. Sie blieben auf der Höhe des Lebens und Ruhmes einfache gute Menschen. Sie wußten mit den Kindern zu fühlen wie mit den Weltweisen, Staatsmännern und Dichtern. Ihre prunklose Genialität strahlt mit einem sanften Glanze durch die kommenden Zeiten; denn das Schicksal hat ihnen seine höchste Gunst verliehen: die schlichte Schönheit der Seele.

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