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Deutsche Bildnisse

Wilhelm Scherer: Deutsche Bildnisse - Kapitel 7
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typeessay
authorWilhelm Scherer
titleDeutsche Bildnisse
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorAlexander Eggers
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Zu Bauernfelds siebzigstem Geburtstag (1872)

Aus den »Vorträgen und Aufsätzen zur Geschichte des geistigen Lebens in Deutschland und Österreich«.

Als wir neulich Mendelssohns Musik zu »Ödipus auf Kolonos« hörten, da ergriff mich der Chor »Nie geboren zu sein, ist der Wünsche größter« wieder mit wunderbarer Gewalt. Es lag etwas schauerlich Unbarmherziges und Grausames darin, als – getragen durch Mendelssohns treu an Sinn und Metrum angeschmiegte Musik – die herben Worte ertönten, in denen der griechische Dichter das Alter schildert:

Am düstern Ende naht sich, verachtet,
Öde, kraftlos, aller Freunde
Leer, das Alter, dem sich jedes
Wehe des Wehs gesellt hat:
In dem, Unsel'ger, dich
Überall, wie nördlich einen Seestrand,
Wogenschlag und Winterorkan' erschüttern:
Also stürmen auf dich auch,
Hochher brandend in stetem
Wutgrimme, die Leiden – und ruhen nimmer.

Wie ganz anders dagegen, wie tröstlich schön und mild klingt alles, was Jacob Grimm in seiner berühmten Rede »Über das Alter« sagt. Er kennt die Leiden, er ist selbst davon betroffen, aber er deutet sie ins Schöne um, er weiß allen Schwächen eine gute Seite abzugewinnen, selbst das Härteste legt er sich zurecht; nicht geduldig fügsam, sondern fast dankbar genießend, scheint er sich in den Niedergang des Lebens zu finden. Man fühlt: es liegt eine Umwälzung der Weltanschauung zwischen dem Griechen und dem Deutschen, das Christentum hat die Menschen genügsamer gemacht.

Ob ich nun aber Sophokles hernehme oder Jacob Grimm und ihre Schilderungen des Alters – auf Bauernfeld paßt weder die eine noch die andere. Gegenüber Sophokles' trübgefärbter Betrachtung steht Bauernfeld als lebendige Widerlegung da. Aber auch das friedsame Greisenalter, das Jacob Grimm zeichnet, hat auf Bauernfeld keine Anwendung.

Daß Bauernfeld nicht mehr jung ist, kann leider weder er noch können's seine Freunde leugnen. Und wenn er heute und gestern und seit Wochen an diese betrübende Tatsache unaufhörlich erinnert wird, so können wir ihm die Unannehmlichkeit leider nicht ersparen. Aber Bauernfeld würde mich doch mit Recht auslachen, wollte ich ihn als ehrwürdigen Greis bezeichnen. Und selbst einen alten Herrn würde ich nicht wagen ihn zu nennen. Denn Bauernfeld ist nicht bloß einer der frischesten alten Herren – ich bitte um Verzeihung, diesmal muß. ich das Wort gebrauchen, aber ich will's nicht wieder tun –, Bauernfeld ist nicht bloß einer der frischesten alten Herren, die mir je vorgekommen, sondern einer der frischesten Menschen überhaupt, eine unerschöpflich heitere, kräftige, elastische Natur. Ich habe oft mit Neid auf ihn geblickt. Wir Jungen müssen uns beschämt verstecken vor dieser Spannkraft, dieser Unverwüstlichkeit, dieser Fülle von Lebensmut und Lebenslust. Bauernfeld ist ein Jüngling mit grauem Haar, und wenn er – was wir ihm von Herzen wünschen – das hundertste Lebensjahr erreicht, ich bin überzeugt, er wird nie ein Greis.

Man möge es entschuldigen, wenn die ewig neugierige Wissenschaft diese merkwürdige Erscheinung nicht ohne weiteres als Faktum hinnimmt, sondern nach einer Erklärung sucht. Und man möge es dem Literarhistoriker zugute halten, wenn er zunächst bei seiner Wissenschaft sich Auskunft holt, wenn er einen bedeutungsvollen Zusammenhang erblickt, wo andere sich vielleicht mit der Anerkennung einer individuell glücklichen Organisation begnügen würden, und wenn er die Gefahr nicht scheut, den Inhaber dieser Organisation selbst zu den lustigsten Bemerkungen herauszufordern über eine weitausholende Gelehrsamkeit, die sich bis ins finstere Mittelalter verirrt, um den bescheidenen Geburtstagsstrauß zu pflücken, welchen sie heute im Mölkerhof überreichen möchte.–

Nirgends prägt sich der Charakter eines Volkes oder Volksstammes so rein aus wie in seiner Kunst und Literatur. Und dem aufmerksamen Beobachter zeigen durch die Folge der Zeiten hin einzelne Nationen und Stämme stets dieselben Grundlinien ihrer künstlerischen Physiognomie. Durch die gesamte österreichische Literatur vom 11. Jahrhundert bis ins 19. geht ein einheitlicher Zug, ein Zug der Jugendfrische, der Naivität, des Jünglinghaften.

Vergeblich bemühten sich die Mönche des 11. und 12. Jahrhunderts, ihr Publikum in den engen Gesichtskreis der Klosterzelle, in den Dunstkreis trüber aszetischer Lebensauffassung hineinzuziehen. Selten, daß sie einmal einen einzelnen Geist verfinstern und ihm die sonnige Unbefangenheit rauben. Treu hängen die Österreicher an den Jugendidealen der Völker. Die Heroen der germanischen Wanderung besingen sie nach wie vor. Die Kriegsstürme Attilas finden ihren Nachklang, die alten Gotenkönige bleiben unvergessen, der blühende Held vom Rhein, Jung Siegfried, lebt in österreichischen Liedern fort. An den Gestalten der germanischen Jugendzeit erbauen sich die adeligen Kreise des 12. Jahrhunderts, üppiger Lebensgenuß zieht in unsere Lande ein, verklärt und veredelt durch eine Liebespoesie voll natürlichen Zaubers und unverkünstelter Anmut, unmittelbarer Abdruck eines seligen, jungen, heiteren Herzenslebens. Der große Walther von der Vogelweide wächst aus dieser Welt heraus, oppositionslustig und fromm, ein echter deutscher Ritter, der die Pfaffen haßt und Rom und seinen Übermut, formgewandt und melodienreich, graziös und naiv, lebenslustig und empfindungstief. Und nach ihm, welches tolle Leben tut sich auf, welche Fülle von Scherz und guter Laune! Derbe Späße, Bauernprügeleien, Schwänke mit Dorfschönen, kräftige Satiren und komische Genrebilder, verrückte Erfindungen ausgelassenen Humors, gedichtete und gelebte Fastnachtspossen, knabenhafte Lust an Spiel und Tanz, an Mummereien und Aufzügen. Dabei heftige aufwallende Leidenschaften, plötzliche schroffe Gegensätze, die sich rasch wieder versöhnen, ein üppiges, frisches, genießendes Geschlecht. Die Wolken der Sorge liegen nicht auf seiner Stirn. Die Erde bietet ihm alle ihre Freuden dar, warum soll es nicht zugreifen, sich nicht anklammern an die schöne Welt, die es mit ihren süßesten Reizen lockt?

Die ernste Denkarbeit der deutschen Philosophie des 14. Jahrhunderts, die harte Mannesarbeit der Reformation konnte hier nicht getan werden. Durch die besten österreichischen Schriften der Reformationszeit geht ein eigener weicher Ton schlichter Herzlichkeit und sanftmütiger Liebe, frommer, kindlicher Einfalt und williger Ergebung. Nachher kam die lange Knebelung der Gegenreformation. Aber die unverwüstliche Laune wußte sich auf die Kanzel Bahn zu brechen, das Theater wurde nicht müde, den deutschen Volkshumor in seinen tollsten Gestalten immerfort zu pflegen. Die energische Spannung aller Geisteskräfte, die großartige idealistische Erhebung, aus welcher die klassische Literaturepoche entsprang, dafür waren wir Österreicher verdorben. Wir fühlten uns ausgeschlossen, viele Anläufe waren vergeblich, erst das 19. Jahrhundert brachte uns den literarischen Wiederanschluß an Deutschland. Aber der Sinn, in dem wir uns an dem geistigen Leben der Nation beteiligten, war der alte. Die schöne Weltfreudigkeit der »Schöpfung« und der »Jahreszeiten«, die brausende, stürmische Lebenslust des »Don Juan« trug sich jetzt, gemäßigt und gemildert, in die Poesie hinüber. Selbst im Tragischen war etwas Jünglinghaftes: keine herben Abschlüsse, keine grellen Dissonanzen, eine Stimmung, die keine Illusionen, keine schweren Enttäuschungen kennt, mehr Rührung als Erschütterung, mehr Melancholie als Verzweiflung, und immer noch Genuß auch im Schmerz. Im Hintergrunde ein genügsames Innenleben, anspruchslos, gutmütig, heiter und froh. Und als der große politische Idealismus wie der Blitz in uns hineinfuhr, welches Feenland schien sich zu öffnen! Was für eine sonnige Jugendlichkeit lag über den Märztagen von 1848! Die Jünglingsarbeit des Niederreißens war so schön gelungen, wie es die Mannesarbeit des Aufbauens nimmermehr konnte.

Wenn nun alle gute Laune, alle Lebenslust und Humor, alle Sorglosigkeit, die den Augenblick genießt, alle Aufgelegtheit zu knabenhaftem Scherz, alle Spottsucht und Oppositionslust, alle Schwelgerei in bösklingenden, aber gutmütigen Worten, wenn die Geschicklichkeit und Anstelligkeit, die Gewandtheit und Eleganz, wenn alle leichthinfließende Rede und alle einschmeichelnde Liebenswürdigkeit, die sich in einem Volksstamme aufgespeichert finden – wenn alle diese Eigenschaften sich in einem einzelnen Menschen zusammenfassen und wenn der Eine mit grauen Haaren noch ein Jüngling ist: darf man darin bloßen Zufall sehen? Ist es nicht der Geist, die Gesinnung und Stimmung, was ihn jugendlich und frisch und unverwelklich erhält? Und dankt er diesen Geist nicht dem Volksstamme, dem er angehört und den er – als einer der ersten – wieder würdig eingeführt hat in die Literatur des deutschen Volkes?

Die Menschen des heutigen Österreich scheiden sich in Vor-Achtundvierziger und Nach-Achtundvierziger. Wir Jungen, die Anno 48 noch Kinder waren, fühlen uns von einem ganz fremdartigen Geiste angeweht, wenn wir den Alten gegenüberstehen. Aber dürfen wir uns mit voller Beruhigung sagen, daß wir besser geworden sind? Dürfen wir mit Zuversicht behaupten, daß sich in uns Späteren ein unbedingter Fortschritt ausspreche?

Es ist eine heikle Frage, die ich hier berühre, und ich möchte nicht die Gegenwart schmähen, um einem Vertreter der Vergangenheit meine herzliche Verehrung zu bezeigen. Aber eins darf ich sagen: der vor-achtundvierziger Österreicher ist ein glücklicher Mensch aus einem Gusse, rund, voll, ganz, in sich gegründet, ein einheitlicher, konsequenter, sicherer Charakter ohne inneren Zwiespalt. In die Nachgeborenen ist ein Bruch gekommen, sie sind »problematisch« geworden. Die alte Natur kann sich nicht ganz verleugnen, aber neue Ideale sind in die Welt getreten, neue Aufgaben sind uns auferlegt, denen wir uns nicht gewachsen fühlen. Über den Zwiespalt zwischen Wollen und Können gelangen wir selten hinaus. Als handelnde Menschen suchen wir nach einem äußeren Halt. Als empfindende Menschen tragen wir das volle Heimatsgefühl in uns.

Es gibt ein kleines Bild von Schwind, ein gar anspruchsloses Ding ohne großen Kunstwert: Bauernfeld und Schwind fahren über Land. Sie sitzen auf einem »Zeiselwagen«. Ein munteres Bäuerlein schwingt kräftig die Peitsche über zwei mutig anziehenden Ackergäulen. Die Straße, auf der sie sich im Vordergrunde bewegen, ist mit steifen Pappeln besetzt. Im Hintergrunde ein paar Waldberge, ganz gewöhnlich, ohne irgend hervorragende Formen, einige Burgtrümmer auf der Höhe, kurz eine alltägliche Gegend, wie man sie überall an den Ausläufern des Wiener Waldes sehen kann.

Ich wußte mir lange nicht zu sagen, worin der unendliche Zauber dieses Bildes bestand, den es immer auf mich ausübte, so oft ich es in der Schwind-Ausstellung sah. Und einem Fremden könnte ich es auch heute nicht deutlich machen, ich würde jeden vorüberdrängen, damit er mir den Liebling nicht schmähe. Mit Worten ist es nicht auszudrücken, an Form und Farbe liegt es nicht, die Situation hat nichts Frappantes – aber Straße und Flur und Berg und Wald – es ist Heimat! Und die beiden lieben, fröhlichen, unbefangenen Menschen und das gemütliche Bäuerlein – sie sind Heimat! Und wenn ich mir dächte, daß ich einmal nach vielen Jahren, etwa im Auslande, vielleicht mitten unter anderen Interessen, Menschen, Pflichten, plötzlich dies Bild sehen sollte – ich weiß, es würde mit tränenerzwingender Macht mir die Seele bewegen.

Als ein prächtiges Stück Heimat, das weit über die Heimat hinaus gewirkt und uns alle geehrt hat, steht Bauernfeld vor mir da. Als eine Huldigung an den heimatlichen Geist in seiner ungebrochenen, kräftigen, reinen Entfaltung möge er sich diese Zeilen gefallen lassen.

Die Literaturgeschichte sucht ihre Helden gern in der geistigen Wiege auf. Sie beobachtet ihre erste Entfaltung fast noch lieber als die Höhe ihres Schaffens. So waren mir in Bauernfelds Gesammelten Werken ganz besonders die ältesten Stücke interessant, in denen seine Muse sich aus der Umarmung des romantischen Geistes noch nicht losgewunden hat. »Der Musikus von Augsburg«, »Die Geschwister von Nürnberg«, »Der Fortunat« sind solche Stücke.

Vor allem ist mir der »Fortunat« ans Herz gewachsen. Der Held des alten Volksbuches hatte schon im 17. Jahrhundert einmal unter dem Schutz der »englischen Komödianten« die Bühne betreten. Seitdem, meines Wissens, nicht wieder bis auf Tieck. Und als Bauernfeld mit weit mehr Bühnentechnik als Tieck den Versuch erneuerte und seinen Fortunat den Wienern vorführte, da wurde er ziemlich schnöde abgelehnt. Und doch ist dieser Fortunat ein reizender Bursche.

Ein schöner Jüngling, lieblich, freundlich, lebensfroh,
Rasch, unbekümmert, kecken Handelns, herzenswarm,
Gebildet nicht, doch bildsam, drum den Frauen wert.
Wenn ihr in eures eignen Herzens Tiefe forscht,
So habt ihr Wunderbares auch, gleich ihm, erlebt,
Denn ihr wart jung, und Jugend ist der Wunder Zeit.

Jawohl, alle Wundergaben der Jugend sind ausgegossen über Bauernfelds »Fortunat«. Eine Reihe bunter, lockender Bilder entrollt er uns, »erfüllet uns mit Lebens- und mit Liebesglanz«. Zu wonnigem Behagen ladet er uns ein und zum Genuß des »jungen, reichen, freudeblühenden Lebens«.

Bauernfeld selbst ist ein Fortunat. Auch ihm hat die gütige Göttin Fortuna einen Wunschsäckel erteilt voll des gemünzten Goldes lauterer Poesie, voll Jugendfrische, Heiterkeit und unermüdlicher Schaffenslust. Verschwenderisch hat er seine Schätze ausgestreut. Und doch fehlt ihm der Leichtsinn Fortunats, der all die Reichtümer nicht zu Rate hält. Bauernfeld hat es wie wenige ernst mit dem Berufe des Dichters und Schriftstellers genommen. Er gehört zu den beneidenswürdigen Naturen, die in augenblicklicher Eingebung produzieren und ihre Gaben aus dem Ärmel schütteln. Nirgends liegt die Verführung zu leichtsinniger Überproduktion näher als bei so glücklicher Organisation. Aber Bauernfeld ist streng gegen sich selbst. Man betrachte nur einmal die Gesamtausgabe und seine kurzen Notizen in den Anhängen. Was ist da nicht alles weggelassen! Wie vieles hat er der Aufnahme nicht für wert gehalten! Wie vieles hat er umgearbeitet, geändert, gefeilt, gebessert! Und wie bescheiden ist der Ton, in dem er von allen seinen Sachen redet! Es ist, als wären diese Bemerkungen sämtlich von der Gesinnung eingegeben, welche ihm folgende Worte diktierte, mit denen er den ersten Band der Gesamtausgabe einer Freundin überreichte:

Wie Du mich kennst, so bin ich! Und all die Fehler und Schwächen,
Mäßig mit Gutem vermischt, spiegeln sich wider im Buch.

Alle Menschen, denen es ernst ist um die Sache, sind bescheiden, d. h. sie beugen sich vor dem Ideal, dem sie nachstreben und das sie sich bewußt bleiben, nie zu erreichen. Diese Bescheidenheit schließt aber persönliches Selbstgefühl nicht aus. Und so wollen wir Bauernfeld wünschen, daß er an seinem 70. Geburtstage mit Stolz und Befriedigung auf die Zeit zurückblicke, die hinter ihm liegt. Möge ihm der Tag, der ihn wieder um ein Jahr älter macht, durch das Bewußtsein versüßt sein, etwas Tüchtiges geschaffen und mit seinem Pfunde redlich gewuchert zu haben! Und möge für die Zeit, die noch vor ihm liegt, der wundertätige Säckel seine Kraft nie einbüßen!

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