Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Scherer >

Deutsche Bildnisse

Wilhelm Scherer: Deutsche Bildnisse - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/scherer/dtbild/dtbild.xml
typeessay
authorWilhelm Scherer
titleDeutsche Bildnisse
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorAlexander Eggers
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080913
projectidc64d5a5d
Schließen

Navigation:

Friedrich Hölderlin

Aus den »Vorträgen und Aufsätzen zur Geschichte des geistigen Lebens in Deutschland und Österreich«.

Geboren 20. März 1770, gestorben 7. Juni 1843.

Es kann nichts wachsen und nichts so tief vergehen wie der Mensch. Mit der Nacht des Abgrunds vergleicht er oft sein Leiden und mit dem Äther seine Seligkeit. Aber wie wenig ist dadurch gesagt!

Hölderlins Hyperion.

Geboren 1770, gestorben 1843: – ein Alter von 73 Jahren, davon kaum ein Jahrzehnt poetischen Schaffens und vier Dezennien umnachtet vom Wahnsinn. Das ganze Schicksal des unglücklichen Dichters ist mit diesem Überschlage seines Lebens umschrieben.

Ich sage: kaum ein Jahrzehnt poetischen Schaffens, und die Zahl muß noch reduziert werden.

Es ist wahr: wir haben Gedichte Hölderlins schon aus dem Jahre 1785. Aber noch bis gegen 1796 bleibt er unselbständig. Erst um diese Zeit findet er seine eigene Manier, seine eigene Sprache, seinen eigenen Stil; es gelingen ihm lyrische Gedichte von hoher Vollendung; 1797 und 1799 erscheint sein Roman »Hyperion«; er versucht sich an dramatischen Plänen. Aber schon 1801 neigt sich seine Bahn nach abwärts, und bald war es völlig um ihn geschehen.

Also fünf Jahre vielleicht, fünf Jahre von dreiundsiebzig, in denen ihm das Hochgefühl zuteil wurde – und auch dieses vergällt durch namenloses Leid –, das Hochgefühl, auszusprechen, was kein anderer so aussprechen konnte. Und im Anfange der Dreißiger, ehe er noch auf die »Mitte unseres Lebenswegs« gelangt war, alles vorbei.

Wird da nicht sein Lied an die Parzen begreiflich?

Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesang mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen Spiele gesättiget,
dann mir sterbe!

Es war die Zeit, in der er an seinem Trauerspiele »Empedokles« arbeitete, womit er das Höchste zu erreichen hoffte. Er verlangte nichts mehr, als nur dies noch vollenden zu dürfen:

– ist mir einst das Heil'ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen:
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!

Nicht einmal dieser bescheidenste Wunsch wurde ihm erfüllt. Nur Fragmente des Empedokles, Fragmente von hoher Schönheit, können wir bewundern.

Armer Hölderlin! Du bist verwelkt »wie ein abgefallenes Blatt, das seinen Stamm nicht wiederfindet, das umhergescheucht wird von den Winden, bis es der Sand begräbt!« –

In der ersten Epoche seines Dichtens, in der Periode seiner Unselbständigkeit, erinnert Hölderlins Prosa an Wieland und Heinse, Hölderlins Poesie an Matthisson und an seine Landsleute Schubart und Schiller. Vor allem der letztere hat mächtig auf ihn eingewirkt. Hölderlins gereimte Hymnen haben ganz die bauschige Rhetorik, die langen wort- und bilderreichen Perioden, aber auch etwas von dem Schwung und Adel, der Schillers ähnliche Gedichte auszeichnet. In diesen Formen besingt er alle abstrakten Ideale hochsinniger Jünglinge: Liebe, Freundschaft, Freiheit, Menschheit, Schönheit, die Göttin der Harmonie, die Genien der Jugend und Kühnheit.

Von Schiller, zu dem er in rührender Bescheidenheit emporblickte, fühlte er sich so abhängig, daß er ihm noch 1797 schreiben konnte: »Von Ihnen dependier' ich unüberwindlich.« 1798: »Ich darf Ihnen wohl gestehen, daß ich zuweilen im geheimen Kampfe mit Ihrem Genius bin, um meine Freiheit gegen ihn zu retten, und daß die Furcht, von Ihnen durch und durch beherrscht zu werden, mich schon oft verhindert hat, mit Heiterkeit mich Ihnen zu nähern.«

Auch in der inneren Anlage ist die Verwandtschaft unverkennbar. Poesie und Philosophie sind die erhabenen Göttinnen, zwischen deren Verehrung er schwankt. Ideal, Natur und Griechentum – diese Begriffe flossen ihm in eins.

Um Hölderlin innerhalb des schwäbischen Geistes recht zu würdigen, muß man ihn zwischen Schubart und Schiller einerseits, zwischen seine Freunde Schelling und Hegel anderseits stellen. Dort der kosmopolitische Liberalismus, genährt an Rousseau. Hier das begeisterte Studium Kants, über den hinaus es ihn zurück auf Spinoza und zum Pantheismus trieb.

Alles das, insbesondere die Mängel der Form, durchschaute Schiller selbst sehr wohl. In einem denkwürdigen Briefe ruft er den Jünger ab von dem betretenen Wege. Er warnt ihn vor der Weitschweifigkeit, die in einer endlosen Ausführung und unter einer Flut von Strophen oft den glücklichsten Gedanken erdrückt. Wenige bedeutende Züge in ein einfaches Ganze verbunden, weise Sparsamkeit, sorgfältige Wahl des Bedeutenden und klarer, einfacher Ausdruck desselben: das ist's, was er ihm empfiehlt.

Diesen Mahnungen, die sich Hölderlin sehr zu Herzen nahm, kam eine entscheidende Wendung seiner Gemütsverfassung entgegen.

Der Zauberstab der Liebe hatte sein Herz berührt. Eine allmächtige Leidenschaft wandelt ihm das Innere um. Er fühlt sich in einer neuen Welt. Ein Wesen ist ihm erschienen, das ihm die Schwungkraft des Adlers mitteilt. Ein Wesen, worin sein Geist meint, Jahrtausende verweilen zu können, um dann noch zu sehen, wie schülerhaft all unser Denken und Verstehen vor der Natur sich findet. »Lieblichkeit und Hoheit« – schreibt er einem Freunde – »Lieblichkeit und Hoheit und Ruh' und Leben, und Geist und Gemüt und Gestalt ist ein seliges Eins in diesem Wesen.«

Wohl hat er recht zu sagen: »Großer Schmerz und große Lust bildet den Menschen am besten.« Das neue Leben, das ihn durchströmte, gab ihm beides im Übermaße. Das höchste Glück und das tiefste Leid: die Seligkeit, verstanden, geliebt zu werden; die Unmöglichkeit, je die Geliebte besitzen zu dürfen. Ja, noch mehr: seine Diotima war nicht bloß die Frau eines anderen; diesem anderen befand er sich in abhängiger Stellung gegenüber, dieser andere hatte das Recht, ihn aus ihrer Nähe zu vertreiben – er hatte das Recht und machte Gebrauch davon. Es soll nicht verschwiegen werden, was die Tradition berichtet: der Unglückliche wurde unter Mißhandlungen aus dem Hause gejagt. Tödlich gekränkt, in seinem Heiligsten verletzt, durfte er die Schmach nicht einmal rächen aus Rücksicht für die Geliebte.

Unter diesen Wandlungen des Schicksals bildet sich Hölderlin seinen Stil.

Der Glanz der Rhetorik verschwindet, wo die Seele schwerbelastet seufzt, wo unter dem Druck einer überirdischen Gewalt das Herz nach Halt und Fassung ringt, wo im furchtbaren Zusammenstoß der ideale Hang des Gemüts vor der brutalen Wirklichkeit sich beugt.

»Ich hüte mich,« – läßt der Dichter seinen Hyperion sagen – »viel Worte zu machen von Dingen, die das Herz zunächst angehen, meine Diotima hat mich so einsilbig gemacht.« Seine Gedichte werden kurz, seine Sprache knapp, allen Schmuck, auch den des Reimes verschmäht er, oft ist ihm eine einzige Strophe genug, um eine den ganzen Menschen durchzitternde Empfindung darin niederzulegen. In die wunderbarste Einfachheit des Wortes hüllt sich ihm der tiefste Inhalt.

Wie mein Glück ist mein Lied. – Willst du im Abendrot
Froh dich baden? Hinweg ist's, und die Erd' ist kalt.
Und der Vogel der Nacht schwirrt
Unbequem vor das Auge dir.

»Ich habe sehr wenig von dem gesagt, was ich dabei empfand«, äußert er einmal über eine seiner vollendetsten Elegien. Aber er irrt, wenn er meint, er gebe oft seine lebendigste Seele in sehr flachen Worten hin, und kein Mensch wisse, was sie eigentlich sagen wollen, als er selbst. Gerade, daß man alles ahnt, was er verschweigt, daß alles in uns erregt wird, was ihn dabei bewegte, gerade das gibt manchen Gedichten eine so schauerliche, erschütternde Wahrheit. Die »flachen Worte« sind wie ein vielstimmiger Akkord, in den eine Welt von Tönen zusammenrinnt.

Ich kann nicht beschreiben, wie es mich ergreift, wenn er seinen Lebenslauf in die scheinbar kahlen Sätze faßt:

Hochauf strebte mein Geist, aber die Liebe zog
Bald ihn nieder; das Leid beugt' ihn gewaltiger;
So durchlauf' ich des Lebens Bogen
Und kehre, woher ich kam. –

Es wäre aber unrecht, sich zu täuschen und nicht scharf den Blick auf die Grenzen von Hölderlins Begabung zu lenken.

Schiller und Goethe haben ihn vollkommen richtig beurteilt. Er ist zu subjektiv, überspannt, einseitig. »Fliehen Sie die philosophischen Stoffe,« – hatte ihm Schiller zugerufen – »sie sind die undankbarsten, und in fruchtlosem Ringen mit denselben verzehrt sich oft die beste Kraft. Bleiben Sie der Sinnenwelt näher, so werden Sie weniger in Gefahr sein, die Nüchternheit in der Begeisterung zu verlieren.«

Das aber war es eben, was Hölderlin am wenigsten konnte. Es fehlt ihm ganz die derbe Lust an der Wirklichkeit, ohne die kein rechter Poet gedeihen kann. Sein Auge saugt sich nicht an, er klammert sich nicht fest an den Urquell aller darstellenden Kunst, an die sinnliche Erscheinung. Nicht der Stoff packt ihn, sondern die Idee. Er weiß nicht den Gedanken in Gestalt umzusetzen. Er schreitet wie ein Schwebender dahin, sein Scheitel berührt die Wolken, aber sein Fuß steht nicht auf der Erde fest.

Es mangeln bei ihm alle Kontraste. Das Böse, auch wo er es darstellen will, lernt man nie von Angesicht zu Angesicht kennen. Alle seine Gedichte, auch die erzählenden und dramatischen, sind im Grunde ideale Selbstdarstellungen. Je länger er einen Stoff behandelt, desto mehr treten alle festen Elemente zurück, und der gesunde Erdgeruch verliert sich.

Im Hyperion ist, unter mehrfachen Umarbeitungen des Erzählenden, des Tatsächlichen immer weniger geworden. Seine Liebesgedichte haben nichts Dramatisches, keinen Fortschritt, keine Entwicklung. Alle seine Seelenkräfte scheinen in einem einfarbigen Knäuel verschlungen.

Hölderlin kennt diese Gebrechen. Er weiß, wo es ihm fehlt: weniger an Ideen als an Nuancen, weniger an einem Hauptton als an mannigfaltig geordneten Tönen, weniger an Licht wie an Schatten, und das alles aus einem Grunde: er scheut sich, das Gemeine und Gewöhnliche im wirklichen Leben zu sehen. Er ringt mit aller Kraft seiner Seele nach dem »Lebendigen in der Poesie«. Aber er fühlt auch, daß er sich nicht herauswinden kann aus den poetischen Irren, in denen er wandelt.

Im Grase zu liegen und das himmlische Blau anzuträumen, war die Lust des Knaben. Es ist, als ob für seine ganze Poesie dieses Element stets die Basis geblieben wäre. »Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt«, ruft Hyperion aus.

Die gestaltlose Idealität Klopstocks hat sich in Hölderlin fortgesetzt. Nur unendlich vertieft und veredelt und auf ein anderes Gebiet gewendet.

Auch Hölderlin ist ein Pietist. Aber ein Pietist des Pantheismus.

»Eins zu sein mit allem, was lebt!«– sagt Hyperion – »mit diesem Worte legt die Tugend den zürnenden Harnisch, der Geist des Menschen das Zepter weg, und alle Gedanken schwinden vor dem Bilde der ewig einigen Welt, und das eherne Schicksal entsagt der Herrschaft, und aus dem Bunde der Wesen schwindet der Tod, und Unzertrennlichkeit und ewige Jugend beseligt, verschönert die Welt.«

»Dich wird kein Lorbeer trösten und kein Myrtenkranz,« – schreibt Diotima an Hyperion – »der Olymp wird's, der lebendige, gegenwärtige, der ewige jugendlich um alle Sinne Dir blüht: die schöne Welt ist Dein Olymp ...«

Hölderlin schafft sich eine neue Mythologie. Der Äther ist der Gott, zu dem alle Wesen aufstreben, zu dem des Menschen Seele sich wie im Gebete erhebt. Am schärfsten läßt er seinen Empedokles das Naturevangelium verkündigen.

– Was ihr geerbt, was ihr erworben,
Was euch der Väter Mund erzählt, gelehrt,
Gesetz' und Bräuch', der alten Götter Namen,
Vergeßt es kühn und hebt wie Neugeborne
Die Augen auf zur göttlichen Natur.

Aber trotz allem Schwelgen in der Natur – man begreift doch, wie Goethe zu dem Eindruck kam: die Natur scheint ihm nur durch Überlieferungen bekannt zu sein. Mit wenigen Ausnahmen ist es, als ob ein Nebelkreis um ihn gelagert wäre, durch welchen die reale, greifbare Natur nicht in ihrem Glanze dringen könnte.

Hölderlin war kein Plastiker. Hölderlin war ein Stimmungsmensch. Kein Wunder, daß er sich gern auf den Wogen der Musik schaukeln ließ und die Musik ihn wie ein letzter treugebliebener Schutzengel auch in die Nacht seines Geistes begleitete.

Was aber war die Grundstimmung, die durch sein ganzes Dichten und Leben ging?

Es war eine tiefe Verbitterung gegen die Versunkenheit des Vaterlandes.

Als er ins wirkende Leben hinaustrat, wurde er schmerzlich geweckt aus kindlichen idealischen Träumen. Schillers Don Carlos »war die Zauberwolke, in welche der gute Gott seiner Jugend ihn hüllte, damit er nicht zu früh das Kleinliche und Barbarische der Welt sähe, die ihn umgab«. Es war in der Tat eine kleinliche und elende Welt, aus der er sich herauskämpfen sollte. Es war nicht die Welt von Weimar und Jena, nicht die Welt der höchsten Kreise deutscher Bildung. Es war die enge, philiströse Welt kleiner württembergischer Landstädtchen, in welcher das Höchste, was er anstrebte, als Affektation, Übertreibung, Ehrgeiz, Sonderbarkeit galt. Es war eine Welt, von der er recht hatte zu sagen: »Ich glaube, daß sich die gewöhnlichsten Tugenden und Mängel der Deutschen auf eine ziemlich bornierte Häuslichkeit reduzieren: Jeder ist nur in dem zu Hause, worin er geboren ist, und kann und mag mit seinen Interessen und seinen Begriffen nur selten darüber hinaus.« Da war kein Schwung, keine Elastizität, kein großer mannigfaltiger Trieb, kein Gefühl für gemeinschaftliche Ehre und für gemeinschaftliche Nationalität.

Aus dieser Welt flüchtet er ins Griechentum. Dieser Welt hält er als Spiegelbild das antike Menschheitsideal seines Hyperion vor. Dieser Welt zur Warnung stellt er seinen Empedokles in demselben Konflikte mit beschränkter Bürgerlichkeit dar, unter welcher sein eigenes Sein sich verzehrt.

»Ja, vergiß nur,« – sagt Hyperion – »vergiß nur, daß es Menschen gibt, darbendes, angefochtenes, tausendfach geärgertes Herz! Und kehre wieder dahin, wo du ausgingst, in die Arme der Natur, der wandellosen, stillen und schönen.«

Seiner Nation und sich selbst wünscht er zurück die verlorene Jugend. Aus der Überfülle des Leides sehnt er sich nach dem Tode. Seine letzte Zufluchtsstätte ist das Grab. Er redet den Archipelagus an:

Wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert.
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken!

Er bricht in furchtbaren Groll aus gegen das Schicksal, gegen die menschliche Bestimmung. »Wir werden geboren für nichts, wir lieben ein Nichts, glauben an nichts, arbeiten uns ab für nichts, um allmählich überzugehen in nichts. Wenn ich hinsehe auf das Leben, was ist das Letzte von allem? Nichts. Wenn ich aufsteige im Geiste, was ist das Höchste von allem? Nichts.« –

Solche Empfindungen waren nicht ihm allein eigentümlich. Schon andere haben bemerkt, daß Hölderlin nur mitergriffen war von einer geistigen Epidemie, welche seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gerade die Edelsten und Besten vielfach umstrickte und schwächere Seelen vernichtete. Es ist dieselbe Epidemie, welche in unserem Jahrhundert den Namen des Weltschmerzes erhielt und als deren Philosophen wir Schopenhauer kennen.

Es ist mir unbegreiflich, wie dessen Lehren heute noch Anhänger finden können. Es gibt ja viel Elend in der Welt, und jeder hat sein Teil Unglück zu tragen. Arm, wer nie entbehren mußte und aus der Entsagung Kraft für ein höheres Dasein schöpfte. Aber wer mag sich an dem Gedanken der Vernichtung berauschen in dieser herrlichen Welt, in der täglich so viel neues Leben erwacht, in der unzählige Kräfte sich regen, in der alle Wissenschaften kühn vordringen wie auf geebneter Bahn, in der die sehnsüchtigen Wünsche von Jahrtausenden sich zu erfüllen beginnen? Wer mag zaghaft träumen, wer mag in bitterem Groll sich berauschen mitten in dieser Zeit der freudigen Zuversicht, der selbstgewissen Heiterkeit, der stolzen Tatkraft?

Nein, unter uns ist kein Raum mehr für den Weltschmerz. Was will da Schopenhauer? Aber auch: Was will da Hölderlin?

Hölderlin ist keine dauernde Lektüre für einen vollen heutigen Menschen. Aber er ist ein Tröster auf Augenblicke. Tröstend eben, weil er so trostlos ist. Kein besseres Heilmittel für die Erschöpfung eines Momentes als der Anblick dieser ungeheuren Erschöpfung des Schmerzes, die jeden gesammelten Gedanken in den Abgrund gezogen hat. Denkt euch ein Haus, das einen Wahnsinnigen zu pflegen hat. Heiligkeit scheint auszuströmen von ihm. Man wird besser in seiner Nähe. Vor so grenzenlosem Unglück verstummen alle kleineren Klagen.

Es ist eine tiefe Bemerkung von Gervinus, daß neue Richtungen einer Nation mit neuer geistiger Anstrengung, mit der Erregung lange ungeübter Kräfte nicht ohne traurige Schicksale einzelner durchgesetzt werden können. Der neue Gott, der seine Herrschaft über die Gemüter antritt, fordert ein Opfer.

Von Poesie, Philosophie, Politik erwartete Hölderlin die Erneuerung des deutschen Lebens.

Er hat sich nicht geirrt. Diese Mächte kamen, wirkten segensreich, aber sie warfen ihn in die Tiefe.

Seltsam, wie der Gedanke des Opfers als ein hoher und herrlicher ihn in allen seinen Gedichten viel beschäftigt hat. Den Tod fürs Vaterland preist er wiederholt. Es begeistert ihn, Achill weggerafft zu sehen in der Jugendkraft. Sein Empedokles stürzt sich in den Ätna als ein Opfer, welches seine Zeit verlangt. Und in diesem Sinne wollte er wohl einst den Tod des Sokrates behandeln, und den Tod des Agis als das letzte Aufleuchten alter Spartanertugend.

Es gibt auch ein Schlachtfeld des Geistes, ein titanisches Ringen mit höheren Mächten. Auf diesem Schlachtfelde ist Hölderlin gefallen.

Hölderlin war schön. Wenn er vor seinen Studiengenossen auf und nieder ging, so war es ihnen, als schritte Apollo durch den Saal. Als er im Jahre 1800 nach der Heimat zurückkehrte, glaubte man einen Schatten zu sehen.

Dazwischen lag die unglückliche Liebe. Dazwischen lag das verzweifelte Ankämpfen gegen die Grenzen seines Talents. Dazwischen lag die Erfahrung, daß er keine Wirkung auf das Publikum hervorbrachte – der heftig erregte Ehrgeiz und doch kein Element, »worin er sich ein stärkend Selbstgefühl erbeuten konnte« –, das Scheitern aller seiner Hoffnungen.

Schon in gesundem Zustande wurde es ihm schwer, seine Gedanken von einem Gegenstande zum anderen zu wenden. Die Kraft des Willens war nicht stark in ihm. Es fehlte ihm die sichere Herrschaft über die verschiedenen Vorstellungskreise seiner Seele. In der Fremde – seine lange Hofmeisterlaufbahn hatte ihn schließlich nach Bordeaux geworfen – traf ihn der letzte Schlag, dem die zarte, nervöse, empfindliche, gereizte, unter mütterlicher Erziehung gepflegte Organisation nicht mehr widerstehen konnte. Es scheint, daß bei der Nachricht vom Tode der Geliebten ihm zuerst der klare Zusammenhang der Gedanken abhanden kam. Die Zügel der Leitung über seinen arg bestürmten Geist entglitten ihm völlig. Die Form seines Irrsinns war eine aus gänzlicher Erschöpfung hervorgegangene Zerstreutheit. – Halten wir das Bild des Armen mit seinen eigenen Worten fest:

Manches hab' ich versucht und geträumt
und habe die Brust mir Wund gerungen ...

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.