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Deutsche Bildnisse

Wilhelm Scherer: Deutsche Bildnisse - Kapitel 4
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typeessay
authorWilhelm Scherer
titleDeutsche Bildnisse
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorAlexander Eggers
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Lessing

Aus der »Geschichte der deutschen Literatur«.

Gotthold Ephraim Lessing war fünf Jahre jünger als Klopstock und vier Jahre älter als Wieland: am 22. Januar 1729 ist er zu Kamenz in der Oberlausitz geboren. Auch er stammte aus einem Pfarrhause wie Wieland und wuchs in der Verehrung Luthers auf; aber mit dem Pietismus hat er nie das geringste gemein gehabt, und seiner poetischen Sprache fehlt der ahnungsvolle Zauber, das sinnlich Bestrickende und die Phantasie Entzündende, das Klopstock und Wieland in der Schule einer gefühlvollen Religiosität erlernten. An der Fürstenschule zu Meißen empfing er seine Gymnasialbildung; siebzehnjährig ward er im Herbste 1746 zu Leipzig immatrikuliert, und schon 1747 trat er mit kleinen Gedichten und einem Lustspiele hervor; im Januar 1748 wurde, wie wir wissen, ein anderes Lustspiel, sein »Junger Gelehrter«, mit Beifall aufgeführt. Solange wie Klopstocks Name wird auch der seinige in unserer Literatur genannt; aber gegenüber dem ewigen Jüngling Klopstock ist er rasch ein reifer Mann geworden: während Klopstock fast ohne Entwicklung starr seinen Ausgangspunkt festhielt, bewegt sich Lessings Lebenslauf in aufsteigender Linie, nicht zerstreut, aber vielseitig, in überraschendem Fortschritt, der immer neue Fähigkeiten einer reichen Natur zutage bringt. Mit den Bremer Beiträgern, zu denen sich Klopstock hielt, hatte er wenig Berührungspunkte. Diese sächsischen Dichter fanden wir gesittet, gutmütig, selbstzufrieden, korrekt im Stil wie in der religiösen und politischen Gesinnung; sie lebten als friedliche Bürger, ohne Kämpfe, ohne Konflikte, glücklich im Mittelmäßigen; ruhige Ansiedler, die ihr kleines Feld mit Fleiß und Verstand bebauten. Lessing dagegen will unternehmend auf die hohe See: er gehört zu den Sachsen von der gewaltigen Art, die über ihr engeres Vaterland hinausstreben und tatendurstig einen größeren Schauplatz aufsuchen. Er ist nicht zahm und friedfertig, sondern ein Angreifer. Er bekämpft die Mittelmäßigkeit und weiß nichts von dem gegenseitigen Dulden und Hegen kleinerer Geister. Um so höher muß man dem Streitbaren anrechnen, daß er nirgends revolutionär vorgeht, sondern überall an das Bestehende anknüpft, mit den Tatsachen rechnet und im echten Reformeifer nur allmähliche Verbesserungen einzuführen trachtet. Weder in der Poesie noch in der Wissenschaft ist er ein radikaler Neuerer; nie verleugnet er ein inneres Gleichgewicht und jenen seltenen Takt für das Mögliche und Nützliche, den ein stürmisches Dichterherz so leicht verliert. Aber die vorwärtswirkende Unruhe treibt ihn von Ort zu Ort; seine persönlichen Verhältnisse gelangen erst spät zur Stetigkeit; und wieviel auch widrige Fügungen dazu beitragen mochten, vor allem liegt es in seinem Temperament, daß er sich nicht binden mag, daß er leicht anknüpft und schnell wieder abbricht, den Aufenthalt wechselt, neue Umgebungen, neue Anregungen aufsucht: die Zwecke bleiben dieselben, die Mittel wechseln; Episoden drängen sich auf, Seitenwege werden eingeschlagen, Enttäuschungen bleiben nicht aus; der wagende Seefahrer eilt von Küste zu Küste, und vielfältigen Gewinn streicht er ein; aber zum Wohnen und Bleiben fühlt er sich nicht gedrungen.

Früh beginnen seine raschen Entwicklungen; schon »Der junge Gelehrte« bedeutet eine Emanzipation: die Pedanterei, die er darin verspottet, war seine eigene. Denn bereits der Knabe liebte die Bücher, in denen er rasch zu Hause war, und die Schule verstärkte zunächst den Hang zur unfruchtbaren Gelehrsamkeit. Aber die Natur hatte ihm ein heiteres, lebhaftes Naturell und einen gesunden Mutterwitz verliehen, der seine pedantischen Lehrer mit schnellfertigem Spotte verfolgte und ihm bald seine eigenen pedantischen Anlagen enthüllte; auch der Geist der Aufklärung blies in den Schulstaub hinein: Mathematik, Naturwissenschaft und anakreontische Dichtung halfen den Jüngling befreien. Die große Stadt, deren Universität er bezog, erweiterte seinen Gesichtskreis. Er wollte vor allem ein Mensch werden und leben lernen; er strebte nach körperlicher und geistiger Gewandtheit, hing seinen dichterischen Neigungen nach, suchte sich zum deutschen Molière zu bilden, ging mit Schauspielern um, kam dadurch in Konflikt mit seinem elterlichen Hause und verließ schließlich Leipzig, um in Berlin das Glück zu suchen. Der Gegensatz zwischen Pedanterei und Menschlichkeit spielt bei ihm dieselbe Rolle wie bei Wieland Schwärmerei und Natur; aber während Wieland dieses eine erlebte Problem nicht loswurde, war es für Lessing eine Jugenderfahrung, die er bald überwand.

Er ging nach Berlin gegen den Willen seiner Eltern: man traute ihm das Schlimmste zu, fürchtete für seine Religiosität, für seine Moral: er unterdessen schlug sich auf kümmerliche, aber ehrenvolle Weise als Schriftsteller durch, schrieb Rezensionen, machte Übersetzungen, gab selbständige Werke, Gedichte und Dramen, heraus. Aber ohne Grund waren die Befürchtungen seiner Eltern allerdings nicht: seine Rechtgläubigkeit wurde auf Proben gestellt, aus denen sie nicht unverletzt hervorging. Im November 1748 war er nach Berlin gekommen, und schon 1750, bald nach Voltaires Ankunft, lernte er diesen kennen. Voltaire verwendete ihn zu Übersetzungen und soll ihn eine Zeitlang täglich zu Tische geladen haben. Ungeheurer Vorteil für den jungen Anfänger! Tischgenosse des ersten Schriftstellers im damaligen Europa; Gast des Freundes des Königs von Preußen: welche Aussichten auf Belehrung und Förderung, auf Protektion und Empfehlung! Freilich auch, im Sinne seiner Eltern, welche Gefahren für seine Seele! Wenn Lessing seine damaligen Aussichten und Pläne zusammenfaßte, so hätten sie mit Voltaires Lebensbild wohl noch eine große Ähnlichkeit gezeigt. Ein freier Schriftsteller wollte er werden, nicht vom Katheder aus in die deutsche Literatur eingreifen, sondern unabhängig vom Universitätswesen, wie Voltaire, einzig seiner Feder vertrauen. Voltaire hatte Ratschläge für einen Journalisten geschrieben: er empfahl in allen Dingen Unparteilichkeit; in der Philosophie Respekt vor den großen Männern; in der Geschichte Betonung der Kultur und Begünstigung der modernen Zeiten; im Theaterwesen treue Analyse, Zurückhaltung des Urteils und Vergleichung der übrigen vorhandenen Stücke desselben Themas; überhaupt in der ästhetischen Kritik Vergleichung des Verwandten, die er der komparativen Anatomie an Wert für die Erkenntnis gleichstellt. Lessings journalistisches Verfahren stimmt mit diesen Ratschlägen überein; er hielt sich zu keiner Partei; in der Philosophie schloß er sich wie Voltaire selbst an größere Vorgänger an; die induktive und vergleichende Methode hat er in der Ästhetik stets gehandhabt. An der Geschichte im allgemeinen nahm er zu jener Zeit ein Interesse, das später nicht vorhielt, während die Literaturgeschichte oder, wie man damals sagte, Gelehrtengeschichte ihn dauernd anzog. Den physikalischen Wissenschaften, welche Voltaire popularisierte, blieb Lessing nicht getreu; und weder im Epos noch im Roman hat er sich versucht; aber die überwiegende Freude am Drama und die Behutsamkeit in der Bühnenreform teilte er mit Voltaire; in der Abwendung von der positiven Religion und in dem Dringen auf religiöse Toleranz waren sie ganz einig; und die klare, schmucklose Prosa, die sich jeder Bewegung des Gedankens anschmiegt, könnte Lessing von Voltaire gelernt haben, wenn sie ihm nicht ohnedies natürlich gewesen wäre.

Im Guten wie im Schlimmen ist das Verhältnis Lessings zu Voltaire ein bedeutungsvoller Zug seines Lebens. Er kam persönlich mit ihm ganz auseinander: Lessing hatte ein Exemplar von Voltaires Siècle de Louis XIV., das er vor dem Erscheinen erhielt, nicht sorgfältig genug vor fremden Augen gehütet; Voltaire witterte unredliche Absichten; und es erfolgte ein Bruch, der Lessing in späterer Zeit schwer schädigen, wie ein heimlicher Feind aus dem Hintergrund auftauchen und schönste Lebenshoffnungen vernichten sollte. Aber auch ohne diesen Bruch war es nicht Lessings Art, sich einem fremden Einflusse leicht gefangen zu geben: Religionsspötterei hatte keine Macht über seine Seele, und die schwachen Punkte in Voltaires Wesen lagen zu deutlich am Tage, um einem witzigen Beobachter wie Lessing zu entgehen. Hatte Voltaire von den Alten gelernt, so lagen sie auch für ihn aufgeschlagen. Hatte Voltaire von den Engländern gelernt, so konnte er es ihm nachmachen und gleich Haller, Hagedorn, Klopstock aus der Quelle schöpfen. Auch Voltaire war ihm daher nur ein Hebel zur Selbständigkeit. Nicht abhängig, sondern frei ist Lessing in Berlin geworden; und, was noch mehr sagen will, er hat seinerseits Berlin literarisch befreit. Der junge Sachse hat die preußische Hauptstadt aus einer Kolonie der Schweizer zu einem selbständigen literarischen Mittelpunkte gemacht; er gab einen neuen Ton der Kritik an; er sammelte junge Schriftsteller um sich, wie den jüdischen Kaufmann Moses Mendelssohn und den Buchhändler Nicolai, die als Schriftsteller seine Schüler waren und sich, wie er selbst, weder zu den Schweizern noch zu den Gottschedianern hielten, weder für Klopstock noch für Schönaich schwärmten und sich überall ihr eigenes Urteil vorbehielten. Als er 1755 eine Gesamtausgabe seiner Schriften abschloß, war er schon ein berühmter Mann, ein gefürchteter Kritiker und ein bewunderter Dichter. Seine kleinen anakreontischen Lieder wurden gerne gesungen, und das kräftige Trinklied, worin der Tod zu ihm tritt und er den Tod zu betrügen weiß, hat sich noch lange unter den Studenten erhalten. Seine poetischen Fabeln ahmten den breiten Konversationston Gellerts nach. Seine Sinngedichte schöpften zwar viel aus fremden Quellen, ließen aber die sichere epigrammatische Prägung selten vermissen. Fragmente von Lehrgedichten zeigten oft Hallerische Kürze ohne die Hallerische Dunkelheit. In »Briefen« und »Rettungen« kam der Gelehrte zum Worte, der ein vielseitiges Wissen zur Korrektur verjährter Irrtümer, zu scharfem Tadel zeitgenössischer Mittelmäßigkeit, zur Entschuldigung ungerecht angeschwärzter Größen der Vergangenheit in gewandter Rede zu benutzen wußte. Vor allem aber dem Dramatiker mußte der erste Platz unter seinen deutschen Kollegen schon jetzt unbedingt eingeräumt werden. Seine kleinen Lustspiele waren mehr französisch als die Gellertschen; aber durch den engeren Anschluß an eine fremde Technik hatte er die Technik überhaupt gelernt: da saß alles fest und richtig, jede Absicht war erreicht, es ging straff vorwärts: gutgebaute Szenen, gute Witze, glückliche, wenn auch zum Teil noch konventionelle Figuren. Er blieb aber bei leichten Scherzen zur Erheiterung des Publikums nicht stehen. Er wollte Ernst machen mit dem moralischen Nutzen der Schaubühne und seinem Vater beweisen, daß er sein Leben nicht an leere Zwecke setze; im »Freigeist« stellt er einen edlen Theologen und einen ehrenwerten Freigeist nebeneinander und zeigt den letzteren von seinem Vorurteile gegen die Geistlichen geheilt; in den »Juden« geißelt er das christliche Vorurteil gegen ein unglückliches, unter dem Segen friderizianischer Toleranz eben aufatmendes Volk, dessen edelste Glieder er in Berlin schätzen und lieben lernen sollte. Umfassende geschichtliche Kenntnis des Theaters aller Nationen kam seiner eigenen Produktion zugute: »Der Schatz« modernisiert eine Komödie des Plautus; und indem er daran ging, für den Stoff der Medea modernes Kostüm zu suchen, gelangte er zu seiner ersten Tragödie, zu »Miß Sara Sampson« (1755). Ein flatterhafter Liebhaber, der einer ersten Geliebten untreu geworden ist, eine zweite entführt, aber nicht heiraten will; jene frühere Geliebte, die ihn verfolgt, bestürmt, ihr Kind zu töten droht und ihre Nebenbuhlerin wirklich tötet: diese verächtlichen, schrecklichen und mitleidswürdigen Figuren in englische Masken gesteckt und nach dem Muster englischer Stücke, wie Lillos »Kaufmann von London«, in prosaischem, rührendem und redseligem, oft verletzendem Dialog abgehandelt, waren der Ursprung des bürgerlichen Trauerspiels in Deutschland, jener Tragédie bourgeoise, vor der einst Voltaire nachdrücklich gewarnt hatte, die aber jetzt unter Lessings Einfluß sofort in Aufnahme kam, die Alexandrinertragödie zurückdrängte und das Repertoire zu beherrschen anfing. Das Streben nach Natur und Wahrheit, die Überzeugung, daß Menschen aus der modernen bürgerlichen oder adeligen Gesellschaft die Herzen des Theaterpublikums stärker bewegen würden als die Schicksale alter Könige und Fürsten, der Wunsch, mit der idealen Ferne des französisch-klassischen Trauerspieles zu brechen, der schon in Frankreich zu einer Comédie larmoyante, d. h. zu einer Tragödie mit Privatpersonen und gutem Ausgang, zu einem »Schauspiel« in unserem Sinne, geführt hatte: alle diese Motive mochten zusammenwirken, um die neue Gattung ins Leben zu rufen; sie waren aber alle zusammen nicht stark genug, um die Stücke, die so entstanden, vor der gemeinen Spekulation auf die Tränenquellen und vor dem Versinken in den Jammer der Alltäglichkeit zu bewahren. Für Lessing schloß die Miß Sara Sampson eine Epoche seines Lebens und Schaffens: während das Publikum ihm zujubelte, setzte er sich selbst alsogleich höhere Ziele.

Um mit einer besseren Bühne Fühlung zu gewinnen, ging er im Herbst 1755 wieder nach Leipzig. Dort bot sich Gelegenheit zu einer Reise durch Norddeutschland nach Holland und England, auf der er einen jungen, vermöglichen Mann namens Winkler begleiten sollte. Aber der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges unterbrach die schon begonnene Fahrt: Lessing kehrte im September 1756 nach Leipzig zurück und ward sofort ein belebender Mittelpunkt. Sein alter Freund Chr. Fel. Weiße suchte wie früher von ihm zu lernen. Der junge Joachim Wilhelm v. Brawe bildete sich nach seinem Muster. Ewald von Kleist, jetzt Major und mit seinem Regimente nach Leipzig kommandiert, ward sein genauer Freund, verließ unter seiner Anleitung das beschreibende Gedicht und ging zu einer mehr handlungsleichen Poesie in epischen oder dramatischen Formen über: die Tragödie »Seneca«, stimmungsvolle und gedankenreiche Idyllen wie der treffliche »Irin«, ja ein Heldengedicht aus der griechischen Welt »Cissides und Paches« legen davon Zeugnis ab. Der Krieg setzte alle Gemüter in Bewegung; man empfand, daß es sich um eine nationale Sache handle; der Kampf gegen die Franzosen, der Sieg bei Roßbach erregte einen unbeschreiblichen Jubel; die Poesie erhielt auf einmal große Gegenstände in nächster Nähe; sie brauchte ihre Helden nicht in einer fernen Vergangenheit zu suchen; und wenn der schwer bedrängte König, den sie pries, gerade jetzt einem Gottsched Gelegenheit geben mochte, mit seinem Lobe öffentlich zu prunken, so war das freilich für die Bodmer und Sulzer hart und auch für Lessing kein Vergnügen: aber der nationale Aufschwung der Literatur, zu dem Friedrichs Taten das Signal gaben, wurde dadurch nicht im mindesten gehemmt. Lessing, der geborene Sachse, stand mit seinem Herzen auf Friedrichs Seite. In prosaischen Oden an Gleim und Kleist besang er indirekt den preußischen König und konnte einen bitteren Seitenblick auf sächsische Zustände nicht unterdrücken. Ein Kriegslied der Spartaner, lakonisch, mager, in die notwendigsten Begriffe zusammengedrängt, zeigte eine neue Richtung seines Geschmackes. Mit demselben Lakonismus zeichnete er in dem kleinen Drama »Philotas« einen gefangenen Königssohn, der sich zum Wohle des Vaterlandes tötet, um nicht als wertvolle Geisel den Feinden zu nützen. Mit demselben Lakonismus ausgestattet, traten die prosaischen Fabeln auf, die er jetzt herausgab: die epische Fülle, welche die Fabel unter den Händen Gellerts und Gleims, die besondere Ausbildung, die sie durch den glücklichen Humor des Preußen Lichtwer und die genaue Naturbeobachtung des Schweizers Meyer von Knonau erhalten hatte, war darin gänzlich verleugnet; diese kleine, lehrhafte Gattung, in einer kleinen Zeit übermäßig gehoben, sollte auf ihren ursprünglichen, fast epigrammatischen Zweck zurückgeführt werden und angesichts einer tiefen nationalen Erregung, die alles selbstgefällige Behagen am Unbedeutenden verscheuchte, sich nicht länger breitmachen. Aber gerade in die äußere Kürze wußte Lessing einen tiefen Gehalt zu legen, und daß man diesen ahnt in der knappen Form, daß die starken Bewegungen einer feurigen Seele darin leise anklingen, daß in diesen Gegenüberstellungen von wahrer und falscher Größe, von wirklichem und gemachtem Verdienste, in diesem Kampfe gegen den Schein, gegen die Heuchelei und Schwärmerei sich die Lebensanschauungen und auch wohl die Lebenserfahrungen des Verfassers, deutsche Gesinnung und stolzes Selbstgefühl spiegeln, das macht sie in ihren bescheidenen Grenzen zu klassischen Kunstwerken. Und wie sein Geschmack sich hierin abwandte von den landläufigen Idealen, wie er in den Abhandlungen über die Fabel die bisherige Theorie bekämpfte, wie immer entschiedener die Ahnung einer neuen Zeit und Kunst in ihm emporstieg; so schien ihm der rechte Moment gekommen, um in den Unruhen der Politik, die zu gesammelter Arbeit keine Stimmung ließen, vorläufig Platz zu machen für die Poesie der Zukunft, in kleinen journalistischen Feldzügen den Produktionseifer der Stümper zu entmutigen und die fähigen Köpfe auf würdige Ziele zu lenken, die ästhetischen Begriffe zu schärfen und inmitten ungeheurer Ereignisse, die zum Räsonieren und Renommieren verführten, das Interesse an der Literatur beim Publikum wie bei den Autoren wachzuhalten. Aber nur von Berlin aus konnte dergleichen jetzt unternommen werden: nach Berlin war er im Mai 1758 wieder gegangen, und dort fingen die Literaturbriefe im Januar 1759 zu erscheinen an. Lessing stellte ihren Ton fest, den Ton eines plaudernden, witzigen Briefstiles, den Ton des husarenmäßigen Dreinhauens, der rücksichtslosen Offenheit und Wahrhaftigkeit, die das Schlechte ohne Umschweife schlecht nannte. Er hatte schon früher einmal mit vielleicht unnötiger Heftigkeit ein Exempel an einer mißlungenen Horazübersetzung statuiert und deren Verfasser, einen Schützling der Schweizer und Vorläufer Klopstocks, den Pastor Lange aus der älteren Halleschen Schule, für immer in der öffentlichen Meinung ruiniert. Er dehnte ein ähnliches, doch nicht mehr so henkermäßiges Verfahren nunmehr auf einen weiteren Kreis elender Skribenten und falscher Tendenzen aus; sprach sein grausamstes Urteil über Gottsched und ein scharfes Wort gegen die französische Tragödie; räumte unter den schlechten Übersetzern und gewerbsmäßigen Vielschreibern auf; warf Klopstocks geistlichen Liedern vor, sie seien so voll Empfindung, daß man gar nichts dabei empfinde; polemisierte gegen den »Nordischen Aufseher«, eine Zeitschrift, die aus dem Klopstockischen Kreis in Kopenhagen hervorging und die Behauptung aufstellte, daß niemand ohne Religion ein rechtschaffener Mann sein könne; fertigte die elegante Schwärmerei des Züricher Wieland ab und ließ es dabei an positiven Anregungen nirgends fehlen. Aber nachdem er die erste Lust gebüßt, nachdem der erste Erfolg errungen, zog er sich bald zurück und überließ das Unternehmen seinen Freunden Mendelssohn und Nicolai, zu denen sich Thomas Abbt gesellte, ein junger Schwabe von Geburt, ein begeisterter Preuße von Gesinnung, der in Halle seine Bildung erhalten und als Professor in Frankfurt an der Oder mit stürmischem Enthusiasmus für Friedrich und seine Generale »vom Tode fürs Vaterland« geschrieben hatte. Die Literaturbriefe wurden bis 1765 fortgesetzt, während Lessing schon seit 1760 als Sekretär des Generals Tauentzien, den er durch Kleist kennengelernt hatte, in Breslau war, sich vielfachen Zerstreuungen, ja leidenschaftlichem Spiele hingab, dabei aber doch wichtige Studien fortführte und sich für zwei seiner größten Leistungen sammelte, die er 1766 und 1767 bei einem dritten Aufenthalt in Berlin ans Licht treten ließ: den »Laokoon« und die »Minna von Barnhelm«. Wie in jenem der Zug zum Griechentum, so kommt in dieser die nationale Richtung zum Ausdruck. Während jener mit der allgemeinen europäischen Bildung zusammenhing, so wurzelt diese in den unmittelbarsten Interessen des deutschen Volkes und bezeichnet den Höhepunkt der Wirkung des Siebenjährigen Krieges auf unsere schöne Literatur.

»Minna von Barnhelm« war das erste wirklich nationale Drama aus der Gegenwart, und der preußische Soldat, den Gleim in die Lyrik eingeführt hatte, betrat damit glorreich die Bühne des Lustspiels. Das Stück spielte in Berlin und unmittelbar nach dem Kriege; die Personen waren nicht mehr mit griechischen oder englischen Namen behaftet; sie waren keine Masken, sondern lebendige, großenteils individuell gebildete Charaktere, aus der Zeit, aus dem Herzen des Verfassers, aus seiner Umgebung geschöpft: der preußische Major Tellheim, verabschiedet, verarmt, um Recht und Ehre kämpfend, großmütig, edel, zartsinnig im Übermaß; seine soldatische Umgebung, der Wachtmeister Paul Weiner, der Bediente Just, denen er etwas von seinem eigenen edlen Charakter mitgeteilt hat; die Witwe eines Kameraden, an der er vor unseren Augen zum Wohltäter wird; seine Braut Minna, der er sich nicht mehr für wert hält, die ihn gegen ihn selbst von neuem erobern muß; deren Kammermädchen Franziska, eine verbesserte Auflage jener Lisetten, welche der Dichter in früheren Lustspielen nach französischem Vorgang als Maschinistinnen verwendet hatte: lauter tüchtige und liebenswerte vaterländische Gestalten; eine Huldigung für die deutschen Frauen; eine Verherrlichung der Armee, in deren Mitte Lessing vier Jahre lang gelebt hatte; eine Feier des großen Königs, der im Hintergründe hineinragt und die Gerechtigkeit übt, welche dem Major sein verlorenes Selbstgefühl zurückgibt, seine geschädigte Ehre wiederherstellt und alles zum guten Ende führt. Und damit das Gegenbild nicht fehle, damit auch das beleidigte Nationalgefühl seine Rechnung finde, neben den ehrlichen Deutschen ein französischer Glücksritter, der die schlechteste Rolle spielt und durch sein geradebrechtes Deutsch das Publikum erheitert. Alles in teils lustigen, teils rührenden Szenen sehr glücklich gestaltet und der Ausgangspunkt vieler Soldatenstücke, welche die neue Mode zu Tode hetzten und bald nicht minder langweilig wurden als das Bardengebrüll in der Friedenszeit.

Aber während sich die deutsche Dichtung mehr und mehr auf heimatlichem Boden ansiedelte, wuchs zugleich die Liebe zum klassischen Altertum. Mit der allgemein fruchtbaren Erregung, mit der gesteigerten Energie des ästhetischen und wissenschaftlichen Strebens gewann das humanistische Element der modernen Entwicklung verdoppelte Stärke. Hatte man sich in den Kriegsjahren spartanisch gezeigt und durch Taten mit den Alten gewetteifert, so schien nun die Größe Athens ein würdiges Ziel der Nacheiferung. Kurz nachdem in Preußen das deutsche Lustspiel, der deutsche Roman die Probleme des nationalen Lebens in Angriff genommen hatten, im Januar 1771, übergab Friedrich der Große die preußische Unterrichtsverwaltung an den Freiherrn von Zedlitz, welcher das deutsche Gymnasium erst zu dem machte, was es ist oder in seinen besten Zeiten war, indem er die Zahl der griechischen Lehrstunden verdoppelte und verdreifachte, das Neue Testament durch die großen Alten ersetzte und hiermit das Gymnasium der Reformationszeit erst in die Schule des modernen Humanismus verwandelte. Und ebenso: kurz ehe Lessing die »Minna von Barnhelm« fertigmachte, gab er den »Laokoon« heraus, stellte sich damit dicht neben Winckelmann und in die Reihe der Schriftsteller, welche den in ganz Europa verbreiteten Drang nach der Rückkehr zu den reinen griechischen Formen theoretisch begründeten, aufklärten und weiterführten.

Das Werk war auf drei Bände berechnet, wovon nur einer erschien. In der Förderung der alten Kunstgeschichte konnte sich Lessing so wenig mit Winckelmann messen wie in der Kenntnis der Denkmäler. Weder aus dem Laokoon noch aus der Polemik, die sich daran schloß, erwuchs der Archäologie ein unmittelbarer großer Gewinn; nur die schöne kleine Abhandlung »Wie die Alten den Tod gebildet« stellte zum erstenmal eine jetzt allen geläufige Tatsache fest und führte den antiken Genius mit der umgekehrten Fackel auf unsere Gräber zurück. Wenn Lessing die »Schönheit« als das oberste Gesetz antiker Kunst und der bildenden Künste überhaupt verfocht, wenn er die Schönheit der Linie höher als die der Farbe schätzte, wenn er den Ausdruck zugunsten der Schönheit gemäßigt wünschte: so kam er hierin mit Winckelmann wesentlich überein, und beide zusammen erhoben die maßvolle Ruhe zum Ideale der hellenisierenden Plastik und Malerei, wie es demnächst die ausübenden Künstler beherrschen sollte. Aber wenn Winckelmann den Charakter der griechischen Meisterwerke aus einer Art von stoischer Fassung der Seele ableiten und ihn auch bei den Dichtern wiederfinden wollte, so konnte Lessing das nicht zugeben. Der heroische Stoizismus, der nur kalte Bewunderung erregt, war gar nicht nach seinem Sinne, und es wurde ihm leicht zu beweisen, daß er auch nicht nach dem Sinne der Griechen war. Indem er diesen Widerspruch gegen Winckelmann ausführte und vertiefte, gab er ein Beispiel zugleich begriffsmäßiger und erfahrungsmäßiger Untersuchung, wie bis dahin noch keines vorhanden war. Er zeigte, wie anders hier Virgil, dort die griechischen Bildhauer den Tod des Laokoon behandelt und wie sie darin nur die verschiedenen Gesetze der Poesie und der bildenden Kunst befolgt hatten; er suchte die Vermischung zwischen beiden und insbesondere jene poetische Malerei zu beseitigen, die sich auf ein mißverstandenes Wort des Horatius stützte und in Deutschland insbesondere durch Breitinger befördert worden war; er suchte die Grenzen der Künste aus der Natur der Mittel zu folgern, mit denen sie wirken müssen, und führte den Beweis, daß die gute Praxis, daß insbesondere Homer nur durch Erzählung beschreibe, nur durch Handlung, Fortschritt, Bewegung indirekt schildere; er lieferte dadurch die wertvollsten Beiträge zur Theorie des Epos, machte ein Ende mit der beschreibenden Dichtung, bestimmte die poetische Praxis Wielands und seiner Nachfolger im Epos – und trug dabei seine Ansichten wie eine Improvisation ohne systematische Folge mit der Freiheit eines Spaziergängers, mit der Lebhaftigkeit mündlicher Erörterung und doch überall auf Grund eines konsequenten Systemes vor: die ernstesten Gedanken in der geschmackvollsten Form, die solideste Gelehrsamkeit in dem anmutigsten Kleide.

Es scheint, daß Lessing an das Werk eine wichtige persönliche Hoffnung knüpfte, die ihm aber fehlschlug, ebenso wie sie für Winckelmann fehlschlug, der sie gleichzeitig hegte. Es handelte sich darum, ob Winckelmann in sein Vaterland zurückberufen, ob Lessing, der seit 1760 wenigstens auswärtiges Mitglied der preußischen Akademie war, an Preußen dauernd gefesselt, ob Berlin einem großen Schriftsteller zur Heimat werden, ob König Friedrichs Sorge für die Wissenschaften auch endlich der deutschen Literatur einen unmittelbaren Vorteil bringen sollte.

Im Jahre 1765 war Gaultier de la Croze, Direktor der königlichen Bibliothek, gestorben. Der bekannte Oberst Quintus Icilius, ein Gönner der deutschen Literatur, hatte den Auftrag, Vorschläge für die Wiederbesetzung zu machen, und schlug Lessing vor. Der König lehnte ihn ab; denn er erinnerte sich des Namens von jener Affäre mit Voltaire her, und so wie ihm der junge Schriftsteller damals von dem ergrimmten Franzosen geschildert worden war, so hielt er sein Bild fest. Hierauf wurde mit Winckelmann unterhandelt, der ein besserer Preuße war, als er zuweilen Wort haben wollte, und längst vor Begierde brannte, dem Könige zu zeigen, daß einer seiner Untertanen mehr verstehe als die überall begünstigten Franzosen, die er haßte. Er griff daher mit beiden Händen zu und verlangte, was man ihm als erreichbar dargestellt hatte, ein Gehalt von 2000 Talern. Aber Friedrich erklärte: »Für einen Deutschen sind 1000 Taler genug.« Und damit war die Sache zu Ende. Nun kam Quintus Icilius abermals auf Lessing zurück; der König aber in einer heftigen Szene wollte nichts von ihm wissen und erklärte, er werde sich einen Franzosen verschreiben, der denn auch erschien, aber ein anderer war, als der, den er eigentlich gemeint hatte, und nun doch behalten werden mußte, bis er 1783 seinen Abschied nahm, weil er an eine törichte Weissagung von dem bevorstehenden Untergange der Welt glaubte und ein so bedenkliches Ereignis lieber in Frankreich als in der protestantischen Mark Brandenburg abwarten wollte... Hinter diesem traurigen Helden namens Anton Joseph Pernetty, seines Zeichens Benediktinermönch, mußten Lessing und Winckelmann zurückstehen. Keinem Schriftsteller hatte das Zeitalter Friedrichs des Großen sein spezifisches Gepräge in so hohem Maße aufgedrückt wie dem Sachsen Lessing; kein deutscher Schriftsteller war dem innersten Geiste des Königs so verwandt wie Lessing: in beiden dieselbe Lebhaftigkeit, Ehrgeiz, jugendliche Ruhmsucht, die den Gegner rücksichtslos niederwarf, dieselbe Härte gegen das Schlechte, dasselbe Freundschaftsbedürfnis, bei geringerer Empfindlichkeit gegen Frauenliebe, dieselbe Mischung von Lebenslust und Pflichtgefühl, derselbe Freisinn und dieselbe Toleranz, derselbe klare, rasche Verstandesstil: Lessing verlangte von dem Geschichtschreiber, daß er die zeitgenössischen Ereignisse erzähle, eine Forderung, die Friedrich erfüllte; Lessing führte ein strammes Regiment in der Literatur wie Friedrich im Feld und im Frieden; Lessing führte die nationale Sache gegen die Fremden wie der große König; Lessing sollte noch sein Roßbach wider die Franzosen schlagen und seinen Antimachiavell wider die schlechten Fürsten schreiben: nie waren zwei Menschen mehr füreinander geschaffen als Lessing und Friedrich der Große; nirgends hätte Friedrich einen Untertanen, einen Beamten gefunden, der ihm mit größerer Treue und würdigerer Gesinnung gedient hatte, nie einen Schriftsteller, der ihm so völlig ersetzt hätte, was er an seinen Franzosen liebte ... Aber es genügte die verjährte unbewiesene, ungerechte Anklage eines Franzosen – eines Franzosen, den der König verachtete, obgleich er ihn bewunderte –, um den deutschen Dichter und Gelehrten für immer aus der Reihe derer zu streichen, die ihm dienen durften.

Lessing schüttelte den märkischen Staub von seinen Füßen und ging im April 1767 nach Hamburg – einer neuen Illusion entgegen. In der Stadt der ehemaligen deutschen Oper, an dem Geburtsorte der Brockes und Hagedorn und dem Aufenthaltsorte so mancher älterer und jüngerer Gelehrten und Dichter, sollte jetzt aus Privatmitteln ein stehendes deutsches Nationaltheater gestiftet werden. Die Schauspielkunst hatte sich seit Caroline Neubers Anfängen Gottschedischen und Antigottschedischen Angedenkens beträchtlich gehoben. Die Schönemannsche, die Kochsche, die Ackermannsche Truppe waren berühmt geworden, und ihre vorzüglichsten Mitglieder fingen an, von der Nachahmung der Franzosen hinweg nach einem einfachen und natürlichen Spiele zu streben. Konrad Ekhof galt für den ersten deutschen Schauspieler; Friederike Hensel ward unter den Damen mit dem höchsten Lobe genannt; und diese beiden, ferner Ackermann und seine Töchter, Frau Löwen, geborene Schönemann, nebst anderen tüchtigen Kräften standen dem neuen Unternehmen zu Gebote; Lessing sollte sich journalistisch beteiligen, die Schauspieler durch Lob und Tadel bilden und das Urteil des Publikums erziehen. Vom 1. Mai ab erschien zweimal wöchentlich seine »Hamburgische Dramaturgie«, ein Blatt, das er ausschließlich schrieb und das sich mit den Interessen des Nationaltheaters ausschließlich befaßte. Aber die Schauspieler wollten, wie immer, nicht getadelt, sondern nur gelobt sein; das Publikum gab keine ungewöhnliche Teilnahme kund; die materiellen Mittel versagten bald; das Unternehmen ward schon nach zwei Jahren aufgegeben; und die »Dramaturgie«, die längst darauf verzichtet hatte, den Vorstellungen regelmäßig zu folgen, und dafür allgemeine Erörterungen eintreten ließ, brachte es nur auf zwei Bände; aber zwei Bände von unerschöpflichem Gehalt, reich an Belehrung über das damalige Repertoire, reich an feinen Bemerkungen über Schauspielkunst und Schauspieldichtung, eine Fortsetzung älterer theatralischer Zeitschriften, welche Lessing in seiner Jugend herausgegeben hatte, eine Fortsetzung seiner Polemik gegen die Schwächen der Franzosen – und eine Fortsetzung seines »Laokoon«.

Dieser sollte nämlich in den Bänden, die uns fehlen, sich zu einer Verherrlichung des Dramas zuspitzen und das Schauspiel für die höchste Gattung der Poesie erklären, weil alle Kunst nach unmittelbarer Darstellung der Natur streben müsse und die Poesie, die nur mittelbar, nur durch Worte bezeichnen und darstellen könne, sich lediglich im Drama zu einer unmittelbaren Darstellung, zu einer eigentlichen Nachbildung oder Nachahmung des Lebens, fortschreitender Handlungen, wirkender Reden, Gefühle und Leidenschaften erhebe. Man begreift hiernach, wieviel Lessing daran gelegen sein mußte, mit einer ausgezeichneten Bühne in genaue Berührung zu kommen. Hatte er, gleichsam um ein Probestück im kleinen abzulegen, die Theorie der Fabel behandelt; hatte er im »Laokoon« Beiträge zur Theorie des Epos gegeben: um wieviel mehr mußte ihm daran liegen, seine Lieblingsgattung, die er am höchsten schätzte, der er seine Dichterkraft vorzugsweise widmete, theoretisch zu ergründen. Und wie er in der Fabel den Äsop, im Epos den Homer als untrügliches Muster ansah, so waren auch für das Drama die Griechen der besten Zeit seine Leitsterne: theoretisch Aristoteles, praktisch Sophokles. Wie er im »Laokoon« die wahre Poesie, die wahre Malerei gesucht, so forschte er hier auf einem Wege, den er schon in den Literaturbriefen angedeutet, nach dem wahren Drama. Mit der ganzen Theorie des Schauspiels französischer Schule legte er den höchsten Wert auf die Autorität des Aristoteles; mit der Wolffischen Philosophie, in der auch er seine Bildung erhalten hatte, legte er den höchsten, einen zu hohen Wert auf die richtige Definition, aus der alles übrige folgen müsse; und in der Definition des Aristoteles von der Tragödie, wie er sie verstand, glaubte er das wahre Wesen des Dramas zu besitzen. Mit dieser Definition fand er die Dramen des Sophokles in völliger Übereinstimmung; aber mit dieser Definition – so sicher drang er durch den Schein hindurch zu dem Wesen vor, so folgerichtig hielt er den Zusammenhang mit den stammverwandten Engländern fest, so entschieden wußte er das Genie zu erkennen – fand er auch die Dramen des Shakespeare in völliger Übereinstimmung. Das Tragische, worin Sophokles und Shakespeare eins sind, schien ihm das wahre Tragische, das nicht Bewunderung, sondern Mitgefühl erregt, indem es erschütternde Begebenheiten mit strenger Notwendigkeit aus der Natur der handelnden Menschen hervorgehen läßt. Von hier aus kritisierte er die bisherigen Leistungen der Deutschen, und die Trauerspiele seines alten Freundes Weiße kamen dabei nicht viel besser weg als die Lustspiele der Frau Gottsched. Von hier aus wandte er sich gegen das falsche Tragische bei Corneille, Racine und Voltaire, gegen die falsche Auffassung und willkürliche Verdrehung der aristotelischen Lehren bei den Franzosen, gegen die mißlungenen Versuche Voltaires, in der Einführung von Geistererscheinungen, in der Darstellung von Liebe und Eifersucht mit Shakespeare zu wetteifern: wie denn überhaupt Voltaire seine wuchtigsten Schläge empfing, stand er hier doch einem Lebenden, einem persönlichen Feinde, der ihn schwer geschädigt hatte, gegenüber, und galt es indirekt die deutsche Literatur an Friedrich von Preußen zu rächen, indem er den Ruhm eines Dichters einschränkte, welcher dem großen König als der größte galt. Aber wenn in diesem Kampfe zugleich noch etwas von der nationalen Aufwallung des Siebenjährigen Krieges nachzitterte, wenn nicht zufällig ein und derselbe Schriftsteller hier den weltberühmten Voltaire in alle Schlupfwinkel seiner Sophisterei und Eitelkeit verfolgte und dort einen obskuren Riccaut de la Marlinière dem allgemeinen Gelächter preisgab: so war Lessing doch kein Franzosenfresser. Wie ihn früher Diderot in seinen ersten oppositionellen Regungen gegen die französische Bühne bestärkt hatte, wie er von ihm auf die Grenzen der Künste achten lernte, wie er mit ihm in der Richtung auf das bürgerliche Trauerspiel zusammentraf, Diderots Theater übersetzte und den Einfluß, den der wackere Philosoph auf ihn genommen, dankbar anerkannte, so verfehlte er auch jetzt nicht, sich dieser Einmütigkeit zu freuen und so zu zeigen, daß er nicht die französische Nation und nicht die französische Kunst, sondern nur französische Fehler und ihren verderblichen Einfluß bekämpfte.

Unmutig schloß Lessing seine Dramaturgie, unmutig nahm er die im Unmut hingeworfenen archäologischen Studien wieder auf und schleuderte seine »antiquarischen Briefe« gegen den Geheimrat und Professor Klotz in Halle, einen eleganten lateinischen Stilisten, der früh auf eine gute Stelle gekommen war, mit größter Geschicklichkeit eine Clique organisierte, Zeitschriften gründete und diese Clique, diese Zeitschriften nun auf Lessing hetzte, der aber seinerseits alle solche Gegner in ihrem Haupte zu Boden schlug und den elenden gelehrten Ränkeschmied für immer an den Pranger stellte. Unmutig ließ Lessing auch diese Polemik fallen: er wollte fort, fort aus Hamburg, fort aus Deutschland und geradeswegs nach Rom. Was er dort suchte? Am 8. Juni 1768 war Winckelmann in Triest durch Mörderhand gefallen. Sein Platz in Rom war frei. Lessing konnte für ihn eintreten; nicht im buchstäblichen Sinne, wie seine guten deutschen Feinde meinten, welche womöglich den Verdacht des Religionswechsels damit erregen wollten; sondern tatsächlich, indem er Winckelmann auf der Stelle zu ersetzen suchte, in der er für die gesamten archäologischen Interessen Europas so wichtig gewesen war, im unmittelbaren Verkehre mit den Denkmälern, wo sie am dichtesten lagen, die zu publizieren, zu interpretieren, kunstgeschichtlich einzureihen und ästhetisch abzuschätzen eine volle Manneskraft erforderte und eine volle Manneskraft wert war.

Aber die Reise verzögerte sich, augenscheinlich weil Lessing das nötige Geld nicht zusammenbrachte; und sie unterblieb, weil endlich sein Schicksal eine Wendung zum Besseren nahm und ihm eine kleine, aber seiner würdige und seinen Neigungen entsprechende Stellung in der Heimat angeboten wurde.

Wie der Hofprediger Sack in Berlin ein Protektorat über die jungen Dichter übte, die sich daselbst in den vierziger Jahren sammelten, so versuchte auch ein anderer aufgeklärter Geistlicher, der Abt Jerusalem in Braunschweig, von seinem bescheidenen Posten aus, soviel er vermochte, die deutsche Literatur zu fördern. Die Lehrstellen am Braunschweiger Carolinum, das Herzog Karl nach dem Muster der englischen Colleges gegründet hatte, wurden zum Teil nach Jerusalems Rat, und zwar mit einigen der Bremer Beiträger, Gärtner, Ebert, Zachariä, Schmid besetzt, zu denen eben auch Klopstock treten sollte, als der Ruf nach Kopenhagen ihm angenehmere Aussichten eröffnete. In diesem Kreise, von diesen Lehrern erhielt der Erbprinz von Braunschweig seine Bildung, und insbesondere war es Ebert, der seine Aufmerksamkeit auf Lessing lenkte. Seit er diesen in Hamburg kennengelernt und erfahren hatte, daß unter allen Ämtern ihn nur das eines Bibliothekars zu fesseln vermöge, hat Ebert für den Freund gehofft und dann eifrig gewirkt, als das Ziel erreichbar schien: Lessing ward auf des Erbprinzen Betrieb als Bibliothekar nach Wolfenbüttel berufen. Er sagte ja und trat sein Amt im Frühjahr 1770 an.

Er wurde nun auch als Schriftsteller vorzugsweise Bibliothekar. Er tat manchen glücklichen Griff in die Schätze der ihm anvertrauten Büchersammlung; manches wertvolle unbekannte Stück holte er ans Licht und erstattete dem gelehrten Publikum über seine Funde regelmäßig Bericht. Doch traten die Eindrücke der Hamburger Bühne nicht sofort zurück. Er wollte nicht umsonst zwei Jahre lang Zeuge der besten schauspielerischen Leistungen gewesen sein, welche das damalige Deutschland aufweisen konnte. Er wollte nicht umsonst in der Erkenntnis der Prinzipien um einige wichtige Schritte vorwärts gekommen sein. Er wollte die praktische Probe auf die Theorie machen. Und so entstand »Emilia Galotti« und erschien 1772, ein Stück, das er längst geplant, das erst eine Virginia gewesen und wie andere Tragödien, die er in jugendlichem Feuer entworfen, eine Revolution, eine Freiheitstat verherrlichen sollte, dann aber, aus der Verbindung mit der Staatsaktion losgelöst und in ein kleines, modernes, italienisches Fürstentum verlegt, nur ein erschreckendes Gemälde des fürstlichen Egoismus entrollte, der im Taumel seiner Begehrlichkeit das Leben seiner Untertanen für nichts achtet, von Liebschaft zu Liebschaft eilt, hier durch Untreue fast eine Wahnsinnige macht, dort einen Bräutigam tötet, um die Braut zu besitzen, diese Braut selbst zum Wunsche des Todes treibt und ihrem alten Vater den Mordstahl in die Hand drückt, der mit ihrem Lebensfaden alle Gefahren abschneidet, die ihr drohen, oder, wie sie selbst, sterbend, schön, aber allzu geistreich sagt, eine Rose bricht, ehe der Sturm sie entblättert. Der würdige, rauhe, heftige Vater dieser Emilia mit seiner rücksichtslosen Übereilung und seiner Furcht vor Übereilung; die schwache, kurzsichtige, etwas unterdrückte Mutter; der schlichte, gerade, mannhafte Bräutigam; das Mädchen selbst in ihrer Schönheit, ihrem Liebreiz, ihrer Bescheidenheit, die Furchtsamste und die Entschlossenste ihres Geschlechtes, dem Ungeheuren gegenüber erst fassungslos, dann ganz gefaßt, klar über sich, über die Situation, über die Gefahr, über die Rettung, entschieden wollend, was sie für notwendig hält, und den Vater mit sich fortreißend; der feine prinzliche Wüstling, der mit einem Maler so geistreich über Kunst zu reden weiß und allen Interessen der Bildung offen steht, aber keine Schranke für seine Wünsche kennt, weil er sich über den Gesetzen glaubt; sein erstes Opfer, die halbverrückte Orsina; sein gefügiger Hofmann Marinelli, der Diener seiner Lüste, in welchem die Nähe des Despoten jedes Gefühl von Moral und Ehre unterdrückt hat: sie sind alle bis auf die Banditen herab, die Marinelli dingt, ausgezeichnet vergegenwärtigt, und der Verlauf der Handlung entspringt, wie die Dramaturgie verlangte, aus den Charakteren. Mag auch die Handlung zum voraus festgestellt, mögen die Charaktere erst nachher zum Behuf der Motivierung ausgebildet sein, mag man immerhin in dem Verfahren des Vaters tadeln, wie man getadelt hat, daß er für seinen Dolch kein besseres Ziel weiß: in der Motivierung ist keine Lücke, und technische Schwierigkeiten, die sich aus der gewählten Ökonomie ergaben, sind wie mit spielender Hand gelöst. Lessing bewährte sich in dem Stück als den Meister der Tragödie, wie ihn die Minna als Meister des Lustspiels gezeigt hatte. Er wurde damit der eigentliche Lehrer einer jüngeren Generation von Dramatikern; aber sein letztes Wort als dramatischer Dichter hatte er keineswegs gesprochen. Noch eine höhere Stufe sollte er ersteigen. Von der prosaischen Tragödie, die er mit der »Sara« eingeführt und der er trotz früheren Vorsätzen in der »Emilia« treu geblieben, ging er schließlich doch zum Drama in Versen über, um einen ganz idealen Gehalt in die würdige Form zu bringen und einem hohen Gesang von allverbindender Menschenliebe auch den Schmuck der rhythmischen Rede zu gönnen. Auf »Emilia Galotti« folgte unerwartet nach sieben Jahren »Nathan der Weise«. Was früher die Anregungen einer wirklichen Bühne, das bewirkten jetzt theologische Kämpfe. Alle Wege führen nach Rom, sagt man. Bei Lessing führten alle Wege zum Drama.

Ganz schien er in bibliothekarischen Geschäften vergraben und auf verschiedenen Gebieten harmloser Wissenschaft tätig, als er 1773 seine »Beiträge zur Geschichte und Literatur aus den Schätzen der Wolfenbüttelschen Bibliothek« begann. Aber schon im nächsten Jahre tauchte bei einem Thema aus der Gelehrtengeschichte die Frage der Toleranz nebenbei darin auf, und wenig beachtet erschien die erste jener Mitteilungen aus den angeblichen Papieren des »Wolfenbütteler Ungenannten«, deren weitere Folge 1777 und 1778 herauskam und die schärfsten Angriffe auf das Christentum enthielt, die »Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln« rügte, die Möglichkeit einer Offenbarung leugnete, dem Alten Testament aus besonderen Gründen den Charakter einer Offenbarung absprach, im Neuen speziell die Erzählung von der Auferstehung Christi scharf kritisierte und über die Ziele Jesu und seiner Jünger höchst unehrerbietige Ansichten aufstellte.

Eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der protestantischen Theologie und Kirche hatte sich vollzogen und war von Lessing in der unscheinbaren Form einer bibliothekarischen Mitteilung herbeigeführt worden. Die ganze theologische Welt geriet in Aufruhr, obgleich sie das Stärkste zu vernehmen hinlänglich vorbereitet schien. Denn die allgemeine Entwicklung des kirchlichen Lebens und der religiösen Lehre hatte eine entschieden liberale Richtung genommen; die Orthodoxie war auf dem Rückzuge; die meisten einflußreichen Stellen gehörten den Liberalen. Die Anregungen der englischen Freidenker machten sich öffentlich und geheim immer stärker geltend. Der Bund der Freimaurer, der sich ungefähr seit dem Regierungsantritte Friedrichs des Großen von England her ausbreitete, untergrub die Wertschätzung der positiven Religion. Voltaires Feindseligkeiten gegen das Christentum wurden in Deutschland, wie in ganz Europa, begierig gelesen. Überall wuchs die Gleichgültigkeit gegen das Dogma; der Stil theologischer Schriften ward eleganter, ihr Inhalt weltlicher; und wenn die allgemeinen historisch-philologischen Fortschritte wieder, wie in den Zeiten des Humanismus, nach deutscher Weise sogleich und vor allem der Theologie zugute kamen, so konnte auch daraus nur fortschreitende Unabhängigkeit des Denkens, Kritik und Minderung des Glaubens folgen. Der berühmte Philolog Ernesti zu Leipzig bahnte im Gegensatze zu dogmatischer Voreingenommenheit eine unbefangene, streng grammatische Erklärung der Bibel an. Michaelis und Semler, beide aus Halle hervorgegangen, folgten ihm darin nach; und Semler wurde der Vater der heutigen historischen Quellenkritik überhaupt, schied gleichzeitige und abgeleitete, originale und ausgeschriebene Quellen, behandelte die neutestamentlichen Schriften wie literarhistorische Denkmäler, fragte nach ihren Zwecken und Veranlassungen und wollte ihren bleibenden Gehalt von dem lokalen und temporellen absondern. Aber kühner als Semler oder irgendein anderer Gelehrter, einseitiger und radikaler, verfuhr der Hamburger Philosoph Professor Hermann Samuel Reimarus in einem handschriftlichen Werke, das Lessing mitgeteilt ward und das er wenige Jahre nach dem Tode des Verfassers, aber ohne dessen Namen zu nennen, durch jene Auszüge bekannt machte. Reimarus sah in dem Ursprung des Christentums nur weltliche Absichten des Stifters und falsches Vorgeben seiner Jünger. Das war nicht bloß den Orthodoxen, sondern auch den Liberalen zuviel. Unter jenen erhob sich der streitbare Melchior Goeze in Hamburg, unter diesen Semler und viele andere.

Alle machten Lessing verantwortlich. Allen hatte Lessing Rede zu stehen. Er war darauf gefaßt gewesen. Er wußte, welchen Sturm er heraufbeschwor. Aber in welcher Stimmung hatte er die ersten einschneidenden Fragmente drucken lassen! Und in welcher Stimmung mußte er die Verteidigung seines Ungenannten übelnehmen! Damals war er soeben ein friedseliger Mann geworden. Einsam und oft im Kampf mit Not und Schulden hatte er bis ins 48. Lebensjahr seine Bahn durchmessen; endlich schien ihm das Glück zu lächeln: seine äußeren Verhältnisse hatten sich gebessert; eine klare, tatkräftige Frau, Eva König, die Witwe eines Hamburger Freundes, war am 8. Oktober 1776 mit ihm getraut worden. Sie hatte den besten Einfluß auf ihn, machte ihn ruhiger, stetiger und hielt ihn von übereilten Entschlüssen ab. Aber zu Weihnachten 1777 gab sie einem Sohne das Leben, der schon nach 24 Stunden starb, und am 10. Januar 1778 war sie selbst eine Leiche. Lessing schrieb herzzerreißende Briefe, Briefe mit dem bitteren, menschenfeindlichen Lachen seines Tellheim, seiner Orsina, Briefe voll so tiefen, unergründlichen Jammers, wie sie nur Friedrich der Große in seinen schlimmsten Lebenslagen vor ihm geschrieben hatte: »Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! Denn er hatte so viel Verstand! so viel Verstand!... War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davonzumachen? ... Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht bekommen ... Meine Frau ist tot, und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin ganz leicht...«

In dieser Stimmung mußte er anfangen, die Gegenschriften gegen den Ungenannten und seinen Herausgeber zu beantworten. Er schrieb jenes »Testament Johannis«, jene »Duplik«, jene »Parabel«, jene »Axiomata«, jene Folge von wuchtigen Streitschriften, denen er den Titel »Anti-Goeze« vorsetzte. Er entfaltete alle Mittel seiner glänzenden Sprache, seiner scharfen Dialektik; die Bilder und Gleichnisse flossen ihm zu; und doch wirkte er weniger auf die Phantasie als auf den Verstand; rasche Übergänge halten uns beständig in Atem; wir glauben einer Disputation beizuwohnen, die in fliegender Hast geführt wird und bei der wir die Einwendungen des Gegners erraten müssen: die dramatische Lebendigkeit Lutherscher Flugschriften erneut sich unter den Händen eines wirklichen Dramatikers. Bald greift er zum Dialog, bald zur Briefform; bald entwirft er eine Parabel, bald läßt er eine geschlossene Reihe von Thesen auftreten; hier ruhiger Beweis und Erörterung, dort stürmische Fragen und Invektiven. Für jeden Gegner hat er einen besonderen Ton. Die Hauptschläge empfängt Goeze, den er als illoyalen Hetzer und Eiferer, als intoleranten Heuchler und Verleumder hinstellt. Jede Blöße, die er sich gibt, erspäht er mit Adlerblick und stürzt sich unbarmherzig darauf. Aber nicht Angriff ist sein Zweck, sondern Verteidigung. Und siegreich weist er die Vorwürfe zurück, die ihm wegen der Herausgabe der Fragmente gemacht wurden. »Ärgernis hin, Ärgernis her!« ruft er mit Luther. Freie Forschung ist gutes Protestantenrecht. Luthers Geist erfordert schlechterdings, daß man keinen Menschen, in der Erkenntnis der Wahrheit nach seinem eigenen Gutdünken fortzugehen, hindern muß: denn die letzte Absicht des Christentums ist nicht unsere Seligkeit, sie mag herkommen, woher sie will; sondern unsere Seligkeit vermittelst unserer Erleuchtung. Und der Buchstabe ist nicht der Geist, die Bibel ist nicht die Religion, folglich sind Angriffe auf die Bibel nicht notwendig Angriffe auf die Religion.

In der Sache selbst aber war er keineswegs mit dem Ungenannten einverstanden. Er wollte die christliche Religion, die bestehenden christlichen Kirchen unterscheiden von der Religion Jesu, des »göttlichen Menschenfreundes«, welche sein sanfter Jünger in die Worte zusammenfaßte: »Kindlein, liebet euch untereinander.« Er war darauf gerüstet, im Anschluß an Semler die Geschichte der Evangelien als literarhistorischer Denkmäler kräftig zu fördern und durch die nähere Erkenntnis des Urchristentums jene Befreiung vom Buchstaben herbeizuführen, die er vor allem für notwendig hielt. Er würde das Christentum erklärt haben wie Winckelmann die griechische Kunst. Denn er leitete aus dem verschiedenen Klima die verschiedenen Bedürfnisse und Befriedigungen, die verschiedenen Gewohnheiten und Sitten, die verschiedenen Sittenlehren und die verschiedenen Religionen ab. Er sah in den Religionen Produkte einer notwendigen, aber rein menschlichen Entwicklung. Er hielt ihre sittlichen Wirkungen für die Hauptsache. Er hielt eben darum das fromme Gefühl für unwiderleglich, das in seinem Glauben selig ist. Aber er hoffte allerdings auf ein neues, ewiges Evangelium, welches nicht wie das Christentum die Tugend um einer künftigen Glückseligkeit, sondern nur die Tugend um ihrer selbst willen empfehlen würde. Und die edelste Blüte der Tugend schien ihm jene Liebe, welche über die endlichen Schranken der Völker, Staaten, Religionen hinweg die Menschen verbindet.

Lessing ist nicht dazu gekommen, alle seine Gedanken über religiöse Dinge vorzutragen. Seine Polemik mit Goeze war nur ein Vorpostengefecht; die eigentliche Schlacht sollte noch kommen. Er ging nicht darauf aus, vorschnell ein System zu bauen. Unterscheiden, Prüfen, Zweifeln, Widerlegen, mit einem Worte: Kritik war seine Stärke. Durch Kritik gelangte er zu eigenen Überzeugungen; allein über dem Einzelnen, das er streng untersuchte, stieg ihm die Ahnung des Ganzen auf. Im Anschluß an Leibniz und mit einer gewissen Annäherung an Spinoza hatte er sich Vorstellungen von Gott und Welt und von der Seele des Menschen gebildet. Das, worauf es ihm ankam, sprach er am offensten in den Freimaurergesprächen von 1778 (er war dem Orden in Hamburg beigetreten) und mit Deckung, verhüllt, unter Umdeutung christlicher Dogmen und daher nicht im eigenen Namen, durch die »Erziehung des Menschengeschlechts« von 1780 aus. Diese Überzeugungen bilden den ruhigen Hintergrund, von dem sich die stürmische Bewegung der Streitschriften abhebt.

Ins Jahr 1778 fiel die heftigste Fehde. Da mit einem Male mußte Lessing verstummen. Es war von Braunschweig her verlangt worden. Die Zensurfreiheit ward ihm entzogen. Er mußte die Waffen des theologischen Kampfes niederlegen: er holte seine alten dichterischen wieder hervor. Sie waren noch so blank wie ehedem; und nie waren sie für einen edleren Zweck geführt worden: denn es galt nicht den Sieg einer Meinung über eine andere Meinung, sondern den Sieg der Duldung über die Intoleranz.

Eben 1778 war Voltaire gestorben, und Lessing setzte ihm die Grabschrift: »Hier liegt – wenn man euch glauben wollte, ihr frommen Herrn! – der längst hier liegen sollte. Der liebe Gott verzeih aus Gnade ihm seine Henriade und seine Trauerspiele und seiner Verschen viele; denn was er sonst ans Licht gebracht, das hat er ziemlich gut gemacht«. Voltaire gab im Jahre 1762 Auszüge aus dem antichristlichen Testamente des Pfarrers Meslier heraus und schrieb 1763 den Traité de la tolerance, Lessing gab die Fragmente des Wolfenbütteler Ungenannten heraus und schrieb im Jahre 1779 »Nathan den Weisen«: er griff damit auf einen Stoff zurück, der ihm zur Zeit seines Verkehres mit Voltaire nahegetreten war, zu dem auch Voltaire einige Elemente geliefert, und zu dem er selbst in dem Lustspiele »Die Juden« ein paar Motive gefunden hatte, der aber der Hauptsache nach aus Boccaccio und so aus dem großen Novellenschatze des Mittelalters stammte.

Sultan Saladin braucht Geld. Er läßt einen reichen Juden holen, und um ihn zu fangen, legt er ihm die Frage vor, welche von den drei Religionen er für die wahre halte, die jüdische, die mohammedanische oder die christliche. Der Jude, der nicht bloß reich, sondern auch klug ist, bittet um die Erlaubnis, eine Geschichte zu erzählen, und erzählt von einem Ringe, der sich in einem vornehmen Hause von Vater auf Sohn vererbte und den jeweiligen Erben über seine Brüder erhöhte, bis er in den Besitz eines Vaters kam, der drei Söhne hatte, die er alle drei gleich liebte und von denen er keinen verkürzen wollte. Der Vater ließ daher zwei andere Ringe machen, die er von dem echten selbst kaum unterscheiden konnte, und gab jedem seiner Söhne einen Ring, so daß sie nach seinem Tode alle die gleichen Ansprüche erhoben, die niemand zu schlichten wußte, weil niemand den echten Ring kannte. Der Jude macht die Anwendung auf die Religionen; Saladin gibt sich zufrieden, gesteht seine Bedürftigkeit, erhält, was er gewünscht, und behandelt den Juden fortan als seinen Freund.

So ungefähr erzählt Boccaccio von Saladin, und so erzählte man schon ähnlich von einem spanischen Könige des 11. Jahrhunderts: in Spanien, wo alle drei Religionen zusammen wohnten und auf friedlichen Verkehr miteinander angewiesen waren, wo die griechische Wissenschaft in arabischer Erneuerung die Vorurteile zerstreute und gegen die Unterschiede gleichgültig machte, gediehen Toleranz und Indifferentismus; und so weit diese beiden um sich griffen, so weit ward es üblich, die drei Religionen auf eine Stufe zu stellen und in der Geschichte von den Ringen diese Meinung parabolisch auszudrücken. Alle Welt kannte deren Bedeutung, und die Intoleranten gaben ihr eine andere Pointe: der echte Erbe wird erkannt, der echte Ring tut Wunder. Man ließ auch die Ringe weg und erzählte nur von den drei Brüdern. Im 17. Jahrhundert hießen sie bei den Lutheranern Petrus, Martinus, Johannes, und Martinus war natürlich der rechte Erbe. Im 18. erfaßte Swift die Brüder, um über sie alle drei zu spotten: sie sollen nach dem Testament bestimmte Röcke tragen, aber sie wissen sich übers Testament hinauszusetzen und die Röcke unkenntlich zu machen. Unser Gellert benutzte das Motiv für die Geschichte von dem Hute, der immer neue Formen annimmt und doch der alte Hut sein soll: aber nicht die Religionen, sondern die Philosophie und ihre wechselnden Systeme will er damit treffen.

Die Toleranz des 12. und die Toleranz des 18. Jahrhunderts reichen sich die Hand zum Bunde, indem Lessing das ursprüngliche Thema wieder aufnimmt. Die Erzählung selbst scheint der wahre Erbring, den ein freier Kopf des Mittelalters einem der freiesten der Neuzeit übergibt, um seine Kraft im Kampfe gegen die Intoleranz zu stärken. In der Tat konnte Lessing alle wesentlichen Züge der alten Novelle seinem Schauspiel einfügen; aber er blieb dabei nicht stehen: mit der Polemik gegen die Intoleranz verband er das Evangelium der Liebe. Er erfand eine Wunderkraft des Ringes und einen Urteilspruch, der sich darauf beruft: der Ring hat die Gabe, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trägt; und der Richter gibt den drei Brüdern, die ihn um Recht bestürmen, den Rat: wetteifert miteinander in der vorurteilsfreien Liebe, kommt durch Sanftmut, Verträglichkeit, Wohltun und Ergebenheit in Gott der Kraft des Rings entgegen.

Indes, Boccaccio gewährte nur ein paar Szenen: Lessing brauchte eine Handlung von fünf Akten und womöglich eine Begebenheit, in welcher die Gesinnung des Juden sich bewährte. Denn der Jude durfte nicht bloß ein kluger Jude, er mußte auch ein weiser Jude und ein guter Jude sein, ein solcher Jude wie Moses Mendelssohn, ein Jude, wie Lessing ein Christ war. Und der Jude mußte nicht bloß eine dramatische Situation, er mußte ein Schicksal haben: der weise Nathan hat unter der Intoleranz gelitten, er hat Verfolgung, bitteres Leid erfahren; seine Frau und sieben Söhne sind ihm an einem Tage von Christen getötet worden; aber er übt die schwerste christliche Tugend: Feindesliebe. Er nimmt ein Christenkind als seines an; und Recha, diese Pflegetochter, erweist sich als des Sultans Nichte und eines Tempelherren Schwester. Christen und Mohammedaner werden von einem Familienband umschlungen, wie es einst Wolfram von Eschenbach im »Parzival« und im »Willehalm« dargestellt hatte; und ein Jude tritt nicht durch die Fügung der Natur, aber durch die Macht eines edlen Herzens in ihren Bund.

Wieder fließt die Handlung wie in der »Emilia« mit Notwendigkeit aus den Charakteren; und wie Lessing schon in früheren Stücken dramatische Lebenswahrheit durch Studium des Lebens erlangt hatte, wie sein Tellheim Züge von ihm selbst und von Ewald von Kleist aufwies, wie sein Fürst von Guastalla eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Erbprinzen von Braunschweig nicht ganz verleugnen konnte; so dient ihm auch hier treue Menschenbeobachtung, so dienen ihm eigene und fremde Charakterzüge, um eine Reihe von runden, geschlossenen Gestalten zu schaffen, unter denen insbesondere Nathan zu den großartigsten, reichsten und wahrsten gehört, die unsere gesamte Literatur aufzuweisen hat: Kaufmann und Philosoph, wie Moses Mendelssohn; ein idealer, bewunderungswürdiger, durch Unglück und Selbstverleugnung geheiligter Mann und doch nirgends ins Vage idealisiert, nirgends durch Deklamation oder Superlative gezeichnet, sondern mit einer Fülle irdisch-bestimmter Züge porträtartig ausgestattet! Man begreift vollkommen, daß ein so lebenskluger Kaufmann, der andere stets so überlegen zu lenken versteht, Reichtümer erwerben mußte, daß seine Klugheit und weite Reisen ihn vorurteilslos machten und daß ein so weiser und guter Philosoph die schwer errungenen Schätze des Herzens nicht bloß für sich besitzt, sondern vielen damit nützlich wird. Man begreift, daß er den Großen dieser Welt furchtlos, aber vorsichtig gegenübertritt und daß er bei sittlich vornehmen Naturen die Berufung auf die höchsten sittlichen Ideen als die wirksamste Politik zu handhaben gelernt hat, womit er die sprödesten Gemüter siegreich gewinnt. Seine Toleranz läßt jeden in seinem Wesen gelten, wofern dieses Wesen nur nicht offenbar schlecht ist; aber wo er zu bilden hat, da bildet er zur Einfachheit und unverkünstelten Natur. So wurde Recha sein Geschöpf: er hat durch ihren Verstand auf ihr Herz gewirkt und durch Aufklärung die natürliche Reinheit ihrer Seele gestärkt. Sie ist kindhaft unschuldig und weiß nichts von Liebe; jede Anspielung auf Liebessachen gleitet völlig von ihr ab. Mit schwärmerischer Liebe hängt sie nur an dem Pflegevater, den sie für ihren rechten Vater hält und dessen geistige Stütze sie noch nicht entbehren kann: ihre Aufklärung unterliegt in seiner Abwesenheit vor einer großen Gefahr und wunderbaren Rettung; den Tempelherrn, der sie aus dem Feuer trug, hat sie sich verleiten lassen, für einen Engel zu halten; erst der rückkehrende Nathan bringt sie zur Besinnung. Und so wird auch der Tempelherr, sonst offen, geradsinnig und vorurteilslos, obgleich etwas junkerhaft ablehnend gegen den Juden, ehe er ihn kennt, durch eine jugendlich stürmische Wallung zu einem unbesonnenen Schritte hingerissen, der Nathan Gefahr bringt und ihm selbst die bitterste Reue einträgt. Saladin, ganz Herz, Gemüt, Impuls, wie man es bei Soldaten, bei Männern der Tat oft findet, leicht aufbrausend und leicht vergeßlich, unfähig, sein Geld beisammenzubehalten, kann die Familienverwandtschaft mit dem Tempelherrn nicht verleugnen: das rasche Blut haben beide von Lessing, und Saladins böse Finanzen waren gleichfalls dem Autor nicht fremd. Enthusiastisch hängt Saladin an seinen Geschwistern; und der ruhigen Intelligenz seiner klaren, umsichtigen Schwester ordnet er sich in praktischen Dingen so gern unter, wie Lessing gegenüber seiner Frau getan haben mag. Doch wirkt sie nicht immer zum Guten, und das Verfahren gegen den Juden, das sie angibt, schlägt zu Saladins wie zu ihrer Beschämung aus. Nathans Freund, der Derwisch, der »wilde, gute, edle«, jener wahre Bettler, den Nathan für den wahren König erklärt, hat sich als Schatzmeister des Sultans in eine sehr falsche Position begeben, aus der er sich zuletzt durch einfaches Entlaufen befreit: diese Schöpfung des Lessingschen Humors beruht auf einem jüdischen Mathematiker aus Mendelssohns Umgebung. In einer ähnlich falschen Lage befindet sich der Reitknecht, der einst das kleine Christenkind zu Nathan brachte und der jetzt als Klosterbruder seine fromme Einfalt in dem Dienst eines gewissenlosen, aber glücklicherweise dummen Kirchenfürsten erproben soll. Auch er wird Nathans Freund; auch er vergißt den Juden und ruft bewundernd aus: »Bei Gott, Ihr seid ein Christ, ein beßrer Christ war nie!«

Alle diese Menschen harmonieren, bewußt oder unbewußt, in der Gesinnung, welche Nathan als der Weiseste am besten auszusprechen weiß und die, wie Lessing bemerkt, von jeher – wir dürfen genauer sagen: spätestens seit seinem ersten Berliner Aufenthalte – die seinige war; sie alle widerstreben den Ansprüchen der positiven Religionen; sie alle sind einig, über den Unterschied der Religion und Nationalität hinweg den Menschen zu suchen und gut handeln für das Lebensziel des Menschen zu halten; sie alle aber sind auch einig im Deismus, in einem allgemeinen Glauben an Gott und an dessen Leitung der Welt, die kein übernatürliches Eingreifen ist, aber gleichwohl die Quelle alles dessen, was geschieht. Dieser gemeinsame Glaube bildet den stillen Lebensgrund für alle die lieben, prächtigen Menschen, die sich um Nathan sympathisch zusammenschließen. Alle, den einzigen Helden ausgenommen, irren verblendet einmal, sei es aus edlen, sei es aus unedlen Beweggründen, von der Bahn ab, die sie für die rechte halten; und auf solchen Abirrungen beruhen die wichtigsten Verwicklungen des Stückes. Ihnen stehen als Kontrastfiguren der Patriarch von Jerusalem und Rechas Amme Daja gegenüber; sie wissen den einzig wahren Weg zu Gott, und der Patriarch, eine Karikatur von Johann Melchior Goeze, ist durchaus bereit, die ganze Welt mit Feuer und Schwert auf diesen zu treiben. Aber das Gute triumphiert, die überlegene Weisheit Nathans leitet alles zum erwünschten Ende, und muß der allzu jäh entfachte Tempelherr eine Liebesleidenschaft zur Bruderliebe dämpfen, so hat ihn doch Recha nicht geliebt, eine Enttäuschung war ihm gewiß, und die Strafe ist verdient.

Nahm Lessing eine solche Gemeinschaft der Edlen und Duldsamen für die Zeit der Kreuzzüge an, so wissen wir, daß er nicht unrecht hatte, und ihm kann die Meinung vorgeschwebt haben, die er wirklich hegte, daß der Bund der Freimaurer historisch mit dem Templerorden zusammenhänge. Auch Wolframs heiliger Gral wird von Templern gehütet; und Wolfram selbst, wäre er im Leben einem jener edlen Heiden begegnet, die er so gern schildert, hätte ihn mit Freuden als Bruder begrüßt.

Harmonie und Friede umschlingen im »Nathan« die Völker und Religionen, wie es Lessing als Freimaurer träumte. Der Geist des Friedens, der in seinem Stücke weht, ist aber ein heiterer Geist. Eine heitere Naivität wollte Goethe schon in der Sprache des »Nathan« finden. Heitere Figuren und Motive wechseln, wie in »Minna von Barnhelm«, mit ernsten und rührenden ab, und diese Mischung, ein Bild der wirklichen Welt, hält uns auf der Erde fest, wo großmütige Tat und edle Gesinnung uns mit tränenerzwingender Gewalt in ein überirdisches Reich der Versöhnung entrücken wollen.

Lessing blickt in einer der Streitschriften wider Goeze auf das stürmische Alter brausender Aufwallungen zurück und fühlt sich von sanfteren Winden dem Hafen zugetrieben, in dem er so freudig wie sein Gegner zu landen hofft. Drei Jahre, nachdem er dies geschrieben, zwei Jahre, nachdem er seinem Volke den »Nathan« geschenkt und in den Gesinnungen des weisen Juden ein Abbild seiner eigenen entworfen, ist Lessing gestorben: 1781 am 15. Februar des Abends um 9 Uhr. Seine Stieftochter Malchen König (das Modell zu Nathans Recha, wie man vermutet) war seinem Krankenlager die nächste.

Er war ein Mann in einer weiblichen Epoche; ein entschlossener Tragiker in einer weichen Zeit. Sanfte Rührung war auch ihm nicht fremd, und die Träne mitleidiger Menschenliebe erglänzte auch in seinem Auge. Aber er hatte kein Bedürfnis, die Welt in sein Herz schauen zu lassen. Nicht Empfinden, nicht Vernünfteln, sondern Handeln ist ihm die wahre Bestimmung des Menschen; tugendhaftes Handeln der einzige Prüfstein wahrer Religiosität; und der gereifte Mann, der ohne Aussicht auf Lohn und Ehre seine Pflicht tut, sittliches Ideal. Handlungen hält er für den vornehmsten Gegenstand der Poesie und das Drama, das sie am lebhaftesten nachbildet, für die vollkommenste poetische Gattung. Erwägt man seinen eigenen ungestümen Tätigkeitstrieb, seine Rastlosigkeit, seine Freude an bewegtem Gespräch, seine Bereitwilligkeit zu leidenschaftlichem Federkrieg, seinen protestantischen Wahrheitseifer; und nimmt man dazu den Humanisten, den Patrioten, den Tyrannenfeind, der am liebsten als freier Schriftsteller wirkt und, unbekümmert um die Zukunft, sorglos, obgleich nicht sorgenlos, ganz der Gegenwart lebt: so ist es uns, als wäre Ulrich von Hutten in ihm zum zweiten Male, nur milder, freundlicher, erschienen.

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