Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Verschiedene Autoren >

Deutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch

Verschiedene Autoren: Deutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch - Kapitel 212
Quellenangabe
typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDeutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch
publisherSteingrüben Verlag
editorFerdinand Avenarius
year1951
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150217
projectid374d4959
Schließen

Navigation:

Heinrich Suso Waldeck

Das Totenamt

Um die Mitternacht fiel Wahnsinn über ihn,
Erschlug der Schmied sein junges Weib.
Den Wächter lockte sein sonderbarer Gesang,
Das Fenster stieß der bestürzte Nachbar ein.

Noch lag im mondhellen Kissen das blutige Blondhaupt,
Saß der nackte Mörder auf dem Bettrand,
Spielend mit dem schwarzen tödlichen Hammer.
Was er grölte, war ein Liebeslied.

Und er hörte den Lärm des Zusammenlaufs nicht,
Die brechende Tür, den Anschrei des Gendarms,
Noch sah er den Strick an Händen und Lenden,
Da man ihn packte, schleppte, zum Kotter stieß.

*

Also tat sich der Mund des Dorfs auf:
Ein Verhängnis über den schuldlos Glücklichen.
Wie sie sich liebten! Und wer liebte sie nicht,
Die Stillen, die Gütigen gegen Mensch und Tier!

Noch kein Jahr, da ging an jeglichem Abend
Jene verrußte Schwelle die Waise vorbei
Zum entlegenen Brunnen und wider; das Eimerjoch
Beugte die tapferen Schultern der Magd.

Eh sie vorüber war, schloß kein Feierabend
Tür und Werkstatt, sah mit erregtem Antlitz
Treulich der Schmied in die dunkelnde Gasse. Doch einmal
Trat er hinaus, in der Hand seinen irdenen Becher:

»Laß mich trinken, wenn du mich etwa lieb hast.«
Nahm den Trunk, zugleich die zitternde Hand,
Schlürfte und küßte die schwieligen Finger der Braut.
Also schlicht und schön war jenes Verlöbnis.

Da Hochzeit war, schien Freude aus allen Augen.
Und alle hofften wir fröhlich mit ihm, dem Weib,
Da seine Schürze unter dem Bande sich straffte.
Nun starb das Kindchen im Schoß der erschlagenen Mutter.

*

Im Narrengefängnis saß er dumpf ein Jahr lang,
Blieb der Schmied unwissend seiner Tat.
Doch einmal, im Schlafsaal, um die Mitternacht,
Fuhr er wissend aus dem Traum.

Heulte und klagte sich grauenhaft an.
Wärter stürzten sich roh auf ihn,
Der Nachtarzt kam und befahl. In der Zelle aus Gummi
Schrie der unselig Genesne sich tot.

*

Also tat sich der Mund des Dorfs auf:
Soll man nun glauben, es lebe ein Gott?
Kann man sagen, er sei und walte,
Ohne zugleich ihn tödlich zu lästern?

Nur stockende Antwort wußten die gänzlich Frommen,
Oder sie schwiegen wie Schuldige ängstlich dahin.
Beklommen sang der Pfarrer das Totenamt,
Fühlte den Zweifel der Bauern eisig im Rücken.

Aber da wankte zur Kirchentür einer herein
Mit hängendem Kahlkopf, übernächtigem Antlitz.
Sieh, der Sonderliche des Dorfs, der Bücherleser,
Der harte, höhnische Gottesleugner

Stürzte sich zwischen dem vollen Gestühl
Hin auf die Steine, winselte, weinte:
»Kann man nun sagen, es gibt keinen Teufel,
Ohne zugleich sein Mordgenosse zu sein?

Zwei glühende Leichen fielen in mich hinab.
Wohin begrab ich die unerträgliche Last,
Wenn nicht hinan in die letzte Gerechtigkeit?
Bauern, verzeiht mir! Über dem Teufel ist Gott.«

 << Kapitel 211  Kapitel 213 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.