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Deutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch

Verschiedene Autoren: Deutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch - Kapitel 131
Quellenangabe
typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDeutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch
publisherSteingrüben Verlag
editorFerdinand Avenarius
year1951
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150217
projectid374d4959
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Annette von Droste-Hülshoff

Der Nachtwandler

Siehst du das Haus an dem Gehäge nicht?
Die Dämmrung sinkt, laß uns vorübereilen,
Bald hebt der Vollmond sein gespenstig Licht,
Dann ist nicht gut in jener Nähe weilen;
Hier schwebt kein Spuk den Buchengang hinauf,
Kein Räuber paßt im finstern Schuppen auf,
Ein Bürgerhaus, ein bürgerlich Beginnen,
Es wohnt ein Krämer, wohnen Diener drinnen.

Alt ist der Herr; wie alt, man weiß es kaum,
Er liebt es nicht, im Kirchenbuch zu lesen;
Ihm lebt' ein Weib vor vieler Jahre Raum,
Er hatt' ein Kind, das ist nun lang gewesen.
Man sagt, er habe ihr den Arzt versagt,
Mit schlechter Kost zu Tod das Kind geplagt;
Was sagt man nicht, um Leute zu verdammen,
Wo sich das Gold in Haufen rollt zusammen?

Einst war er arm, hat kümmerlich gezehrt,
Wohl kümmerlicher noch als andre eben;
Da, heißt es, hab' um eines Talers Wert
Er einen Dieb dem Galgen übergeben.
Jung sei der Dieb gewesen, hungerbleich,
Und seine Mutter krank, wer glaubt es gleich?
Dies folgt dem Reichen; – sieh die Hütten drüben!
Dort wohnt die Not, sein ist ihr Gut geblieben.

Man kann ihn fleißig in der Kirche sehn,
Und seine Sitten dürfte keiner rügen;
Doch seit des Körpers Kräfte ihm vergehn,
Muß einem schweren Siechtum er erliegen;
Sooft der Vollmond senkt den blassen Schein,
Hüllt er sich schaudernd in das Leilach ein
Und kömmt vom Bett, das Kerzenstümpflein tragend,
Ein Diener folgt ihm ganz von fern und zagend.

Durch jene Hüttenfenster sieht man dann
Am langen Tisch ihn emsig wieder zählen,
Am Golde schaben und mit raschem Spann
Ihn plötzlich greifen, wie nach Diebeskehlen;
Schon ist auch wohl ein Schrei hinausgeschallt,
Als tue einer Seele man Gewalt,
Bis ihm die Arme sinken wie verwittert
Und weiter er mit seinem Stümpfchen zittert.

Sein nächster Gang ist in die Kammer, wo
Bei einem größern Lager steht ein kleines;
Dort kramet er am Bettchen, so und so,
Als öffn' er eine Flasche edlen Weines,
Und gießt dann, gießt, als sei es nie genug,
Und stopft und legt wie Bissen an das Tuch,
Dann stoßend scheint er an den Puls zu greifen,
Gebückt, wie lauschend schwachen Odems Pfeifen.

Schleicht dann zu jenes Lagers grobem Flaus,
Scheint tröpfelnd über Arzenein zu bücken;
Er breitet schweigend eine Decke aus,
Und einen Schrein scheint er herbei zu rücken,
Er horcht, dann öffnet er das Fenster schnell,
Das Fenster, wo man sieht den Galgen hell –
Der Diener spricht, man hört ein dumpf Gejammer,
Das Fenster klirrt, und dunkel ist die Kammer.

Scheint's nicht zu schimmern an der Scheibe dort?
Siehst du es leise glimmen, Funken zittern?
Nun zuckt ein blaues Flämmchen; fort, nur fort!
Mir ist, als woll' es über uns gewittern.
Schau nicht zurück! Verwegner, fluch ihm nicht!
Laß ihn allein mit Gott und dem Gericht!
Meinst du, ein Fluch vergrößre seine Leiden?
Den Dieb am Galgen möchte er beneiden!

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