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Deutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch

Verschiedene Autoren: Deutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch - Kapitel 113
Quellenangabe
typepoem
authorVerschiedene Autoren
titleDeutsche Balladen. Aus Ferdinand Avenarius' Balladenbuch
publisherSteingrüben Verlag
editorFerdinand Avenarius
year1951
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150217
projectid374d4959
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Johann Peter Hebel

Der Karfunkel

Wie seinen Tabak der Vater sich schnitzelt, so sieht ihn die Marei
Freundlich und bittweis an: »Erzähl uns doch wieder was, Vater;
Weißt? wie gestern nacht, wo die Gundel hat einschlafen wollen?«
Drüber rücken die Gundel und Anne-Bäbe und Marei
Mit den Kunkeln ans Licht und spannen die Saiten und streichen
Mit der Schwarte das Rad und zupfen einander am Ärmel.
Und der Jakob nimmt eine Hand voll Späne und setzt sich
Neben den Lichtstock hin und sagt: »Für das will ich sorgen.«
Aber der Hansjörg liegt, so lang wie er ist, überm Ofen,
Guckt herunter und denkt: Hier oben hör ichs am besten
Und bin niemand im Weg. Drauf, wie der Vater den Tabak
Sich geschnitten unds Pfeifchen gestopft, so kommt er zum Lichtspan
Und hebts Pfeifchen darunter und trinkt in gierigen Zügen,
Bis es brennt; drauf drückt er das Feuer hinab mit den Fingern
Und machts Deckelchen zu. »So will ich denn etwas erzählen«,
Sagt er und sitzt nieder, »doch müßt ihr ordentlich still sein,
Daß ich mich nicht verwirre, eh's aus ist; und du dort oben,
Pack dich vom Ofen! Du wußtest wohl wieder nicht, wo dich zu lassen?
Ist dirs zu wohl und gelüstet dich wieder nach einem Karfunkel?
Nur nach keinem, wie der einer war, den ich jetzt im Sinn hab. –

's ist wo irgend ein Ort, da geht nicht Egge noch Pflug drauf,
Strauch an Strauch schon hundert Jahr und giftige Kräuter;
Keine Drossel singt drin, kein Sommervöglein besucht sie:
Breite Kröten hüten da einen gezeichneten Leichnam.
Nicht uneben sei er gewesen, so sagt man, doch hab er
Früh das Wirtshaus geliebt, und über Gesangbuch und Bibel
Sei'n ihm die Karten gewesen am Samstagabend und Sonntag.
Fluchen habe er können – die Hexe im rußigen Schornstein
Hat sich bekreuzt, und die Sterne am Himmel haben gezittert.

Einmal hat im grünen Rock ein borstiger Jäger
Zugeschaut, wie sie spielen. Mit unerhörtem Gefluche
Hat der Michel Stich um Stich und Groschen verloren.
»Du entläufst mir nicht!« sagt für sich selber der Grünrock.
Hörte es noch die Wirtin und dachte: Was gilt es? Ein Werber! –
's ist kein Werber gewesen; ihr werdets besser erfahren,
Wenn der Michel geheiratet hat und das Gütchen verlumpet.
Was hat des Straßenwirts Tochter gedacht? Sie hat ihm aus Liebe
Hand und Jawort gegeben; doch nicht aus Liebe zum Michel,
Nein, zu Vater und Mutter, es war ihr Wunsch und ihr Wille.
Selbigen Abend schläft sie ein in schweren Gedanken,
Selbige Mitternacht da träumt sie schwer und bedeutsam.
War ihr, wie wenn sie von Staufen hervor zur Landstraße komme;
An der Landstraße geht ein Kapuziner und betet.
»Schenkt mir ein Heiligenbildchen, Herr Pater, wollt Ihr so gut sein!
Bin ich nicht Braut? Kann sein, es hat eine gute Bedeutung.«
Langsam schüttelt den Kopf der Pater, und unter der Kutte
Langt er ein Häufchen Bilder. »Da zieh du selber dir eines!«
Sagts, und wie sie nun zieht, da greift sie in schmutzige Karten.

»Hast wohl das Eckstein-As? – Das bedeutet roten Karfunkel;
's ist kein gutes Glück.« – »Ja wirklich«, sagt sie, »das hab ich.«
Wieder sagt der Pater: »Weißt was, du Bräutlein, zieh anders!
Hast wohl sieben Kreuze?« – »Ja wirklich«, sagt sie und seufzet. –
»Tröste dich Gott, zieh anders! kann sein, die dritte ist besser. –
Hast du ein Blutiges Herz?« – »Ja wirklich«, und läßt es fallen.
»Jetzo zieh noch einmal; kann sein, dein Heiliger kommt noch!
Ist es der Schaufelbub?« – »Ich weiß nicht, beschauet ihn selber!«
»Ja, du hast ihn! Tröste dich Gott! Der schaufelt dich drunter.«
So hats dem Kätterl geträumt und so hats damals geschlafen.
Straßenwirts Tochter, was dachtest du, und nahmst mir ihn dennoch?
Ja, sie hat ja gemußt und gesagt: »In des Herrgotts Namen!
Nach den sieben Kreuzen und hinter dem Blutigen Herzen
Kommt mein Heiliger, wills der Herr, und schaufelt mich drunter.«
Anfangs ging es noch an. Zwar manchmal hat wohl der Michel
Wieder gespielt, getrunken, geflucht und 's Kätterl geplaget.
Manchmal ist er in sich gegangen, wenn sie mit Tränen
Betete und ihn bat. Einmal da sagt er: »Jetzt will ich
Akkordieren mit dir, und die Karten will ich verfluchen.
Soll mich der Teufel holen, sobald ich eine noch anrühr!
Aber ins Wirtshaus geh ich und 's Wirtshaus kann ich nicht lassen.
Brumm und heul, so lang dirs gefällt, ich kann dir nicht helfen!«

Hielt er das erste zwar nicht, beim zweiten blieb er getreulich.
Wo er ins Wirtshaus kommt, so sitzt mein borstiger Grünrock
Hinterm Tisch; selbdritt, und mischelt die Karten und ruft ihm:
»Hältst du mit mir, Kamerad? so komm, so wolln wir eins machen!«
»Ich nicht«, sagt der Michel. »Bas Margret, lang mir ein Schöpplein!«

»Du nicht?« sagt der Grüne. »Komm nur, bis du deinen Schoppen
Aus hast; und es geht um nichts, 's eben zur Kurzweil!«
»Ha«, denkt bei sich selber der Michel, »wenn es um nichts geht,
Das ist ja nicht gespielt«, und setzt sich richtig zum Grünrock.
Kommt ein Jüngling ans Fenster mit lockiger Stirne und ruft ihm:
»Meister Michel, auf ein Wort! der Straßenwirt schickt mich.«
»Schick ihn wieder«, sagt er, »ich weiß schon, was er wird wollen.
Wer spielt aus? und was ist Trumpf? Und gestochen der Eckstein!«

Drauf und drauf! Zuletzt sagt der Grünrock: »Hör, du spielst glücklich!
Wollen wirs um einen Kreuzer machen?« – Das ist einerlei jetzt,
Denkt der Michel, gespielt ist gespielt, und »Meinetwegen« sagt er.
»Kommet!« ruft der Jüngling und pochelt wieder am Fenster,
»Nur auf ein einziges Wörtlein!« – »Laß du mich jetzt ungeschoren!
Kreuz dem Baum, und Schippen danach, und noch einmal Schippen!«
Und so gehts vom Kreuzer bis endlich hinauf zur Dublone.
Wie sie auf stehn, sagt der Grünrock: »Michel, ich kann dir
Jetzt nicht zahlen. Du kannst dafür meinen Ring hier behalten,
Bis ich wieder ihn lös. Es sind verborgene Kräfte
In dem roten Karfunkel. O schau, wie er einen nur anblitzt.«

Klopfts zum dritten am Fenster: »O Michel, kommt, weil es Zeit ist!«
»Laß ihn schwatzen«, sagt der Grünrock, »wenn er nicht gehn will!
Nimm du da meinen Fingerring; und wenn keinen Kreuzer
Geld du zu Hause und nirgend hast, es kann dir nicht fehlen.
Wenn der Ring am Finger steckt und du greifst in die Tasche
Alle Tage einmal, so hast einen bayrischen Taler.
Nur an 'nem Feiertag nicht! das wollt ich dir selber nicht raten.
Kannst du mich weiter brauchen, so ruf mir nur immer! Ich hör dich.
Heiß ich nicht Vitzli Putzli und hab ich die Ohren nicht bei mir?«

Derweil weint die Frau daheim im einsamen Stübchen
Und liest in der Bibel und im zerrißnen Gebetbuch.
Und der Michel kommt und schimpft: »Da find ich dich wieder
Bei deinem ewigen Beten und sackermentischen Heulen?
Schau hier, was ich gewonnen hab, einen roten Karfunkel!«
Kätterli schrickt zusammen: »O Jesus«, sagt es, »was seh ich!
's ist kein gutes Glück!« – und sinkt zu Boden in Ohnmacht.

Wärst du doch nie mehr erwacht, wie manchen bittern Kummer
Hättst du verschlafen, du arme Frau, der deiner noch wartet!

Jetzt wirds täglich schlimmer. Auf allen Märkten flaniert er,
Jede Kirchweih besucht er, und kommt man wo in ein Wirtshaus,
Nachts um Zwölfe, vormittags oder auch abends um Viere,
Sitzt der Michel dort und mischelt trügliche Karten.
Drüber verwildert das Kind, verschwindet das Gut, an den Stab kommt
Acker um Acker, die Frau vergeht in bitteren Tränen.
Geht er einmal nach Haus, gibts schnöde Rede und Antwort:
»Kommst du Lump?« Und so und so. – Mit trunkenen Lippen
Flucht der Michel, schlägt seine Frau. Jetzt muß er zum Pfarrer,
Jetzt vors Oberamt, und mit dem Hatschierer dem Turm zu.
Geht er schlimm, so kommt er ärger, wenn ihm der Vitzli
Putzli wieder die Ohren steift und Galle ins Blut mischt.

So währts sieben Jahr. Einmal da bringt ihn der Putzli
Wieder aus dem Turm und »Allons, gehn wir ins Wirtshaus,
Eh du nach Hause gehst mit den Prügeln, die du bekommen;
Was dir die Frau zum Willkomm köchelt, wird dich nicht brennen.
Hör, du tust mir leid; bedenk ichs, könnt michs zersprengen,
Wie's dir geht und wie dir die Frau dein Leben verbittert.
So ein Mann wie du, der Tags seinen Taler vertun kann.
Glücklich bist du im Spielen, doch nach dem leidigen Sprichwort
Mit dem Heiraten hasts nicht getroffen, kann ich dir sagen.
Wärst du allein, wie hättst dus so gut und lebtest so ruhig!
's quält dich schon, man schaut dirs an, und es schwellen die Adern,
Trink ein Schlückchen Gebrannten, der wird deine Hitze dir kühlen!«

Aber die Frau daheim, mit zusammengeschlagenen Händen
Sitzt sie derweil auf der Bank und blickt durch Tränen zum Himmel.
» Sieben Jahre und sieben Kreuze«, schluchzet sie endlich.
»Mir wirds redlich wahr, und Gott im Himmel wolls enden!«

Sagts und nimmt ein Buch und betet in Todesgedanken.
Drüber schnellt der Michel die Tür auf und fürchterlich schnauzt er:
»Heulst schon wieder? du hast es nötig, falsche Kanaille!
Sauerkraut koch mir!« Kätterli sagt: »Es ist nirgends mehr Feuer.«
»Sauerkraut will ich! Schau her, ich dreh dirs Messer im Leib um.«
»Lieber heut als morgen. Du bringst mich unter die Erde
So oder so, und das Bübli, das hast du mir auch schon gemordet.«
»Dich soll Donner und Wetter hinab in die Erde verschlagen!«
Sagts und zuckt, und das Kätterli schwankt bewußtlos zu Boden.
» O mein Blutiges Herz!« so stöhnts noch leise im Fallen.
»Komm, o Schaufelbub, da hast du mich, schaufle mich drunter

Jetzt der Michel fort, vom schnellen Schrecken ergriffen,
Läuft ins Feld, der Boden schwankt und es rasselt im Nußbaum.
»Vitzli Putzli, rate mir du!« so ruft er. Der Putzli,
Hinterm Nußbaum steht er, und kommt, und fragt ihn: »Was fehlt dir?«
»Kätterli hab ich erstochen; jetzt rate mir, was soll ich machen?«
»Ist das alles?« sagt der Putzli. »Wahrhaftig, du kannst doch
Einen erschrecken, daß man meint, was Wunder passiert sei!
Narr, jetzt kannst du im Land nicht bleiben, Verdruß möcht es geben.
Ist dort nicht der Rhein? Und komm, ich will dich begleiten;
's steht am Ufer ein Schiff.« – Jetzt steigen sie drüben im Sundgau
Frisch ans Land, und quer durchs Feld. Im einsamen Wirtshaus
Brennt ein Licht. »Wir wollen doch zuschaun, wer noch da drin ist«,
Sagt der Grüne: »Wer weiß, du kannst dir die Grillen vertreiben!«

Aber im Wirtshaus sitzen noch späte nächtige Burschen
Und von vorne gehts an mit Bankettieren und Spielen.
»Kreuz ist Trumpf! Und noch einmal! Und könnet ihr die da?
Die gestochen! und noch ein Trumpf! Und – gestochen das Herze!« –
Schon halb zwölfe ists. Will denn mit lockiger Stirne
Jetzt kein Jüngling erscheinen? Nein wahrlich! Michel! Es endet!
O wie spielest du doch so schlecht! » Gestochen das Herze«
Greift ihm tief in die Seele, und immer wenn er einen Stich macht,
Wiederholts der Grüne und wirft dem Michel 'nen Blick zu.
Drüber warnt es auf zwölf. Mit allemal schlechteren Karten
Spielt er allemal schlechter und zahlt allmählich mit Kreide.
Drauf schlägts zwölf Uhr aus. Jetzt greift seine Hand mit dem Ringe
Frisch in die Tasche. »Wer wechselt mir noch einen bayrischen Taler?«

Schlechte Münze, Herr Michel! Er greift in gläserne Scherben,
Tut einen Schrei und blickt mit Grausen und Schreck auf den Grünen.
Aber der Putzli leert sein Branntweingläschen und schmatzet:
»Michel, komm jetzt fort; der Wirt wird wollen zu Bett gehn.
's kommen ja heut viel Gäste, es ist ein lustiger Fei'rtag.
Ist nicht Ludwigstag, der fünfundzwanzigst' Augusti?
Dreh am Finger, so lange du willst, du bringst ihn nicht runter!« –
O wie horchte der Michel auf – ein lustiger Fei'rtag!
O wie verklammerte er die Füße unten am Tischbein!
's hilft nicht lange und tut nicht gut. Mit ängstlichem Beben
Steht er auf, und sagt kein Wort, und sie gehn miteinander,
Vorne an der Grüne, und an der Ferse der Michel,
Wie ein Kalb dem Metzger folgt zur blutigen Schlachtbank.
Wohl einen Büchsenschuß vom Wirtshaus stellt ihn der Putzli.
»Michel«, sagt er, »schau: es steht kein Sternlein am Himmel!
Schau, der Himmel hangt voll Wetter über und über!
's geht keine Luft, es schwankt kein Ast, es rührt sich kein Läublein,
Und du bist mir auch so stille. Du wirst doch nicht beten?
Machst du dir etwa die Rechnung und ist dirs Leben verleidet?
Wie du meinst! Deine Wahl ist schlecht, ich muß dirs bekennen.
So, da hast du ein Messer! Ich kauft es am Blotzheimer Jahrmarkt!
Hau dir selber die Gurgel ab, so kost't dichs kein Trinkgeld!«

Also erzählt der Vater, und mit engbrüstigem Atem
Sagt jetzt die Mutter: »Bist du bald fertig? Mach mir die Mädchen
Nicht so furchtsam, es sind doch nur erdichtete Märchen!« –
»Ja, ich bin fertig!« erwidert der Vater: »Dort liegt er
Samt seinem Ring im Dornengesträuch, wo die Drosseln nicht singen.«
Aber die Marei sagt: »O Mutter, wer wird sich denn fürchten!
Denkst du, ich merke es nicht, was er meint und was er will sagen?
Ja, der Vitzli Putzli, das ist die böse Versuchung.
Lockt sie nicht, und führt sie nicht in Sünden und Elend,
Wenn der Mensch nicht beten mag, und folgt nicht, und tut nichts?
Und der Jüngling, der ist das Gewissen, das warnet zum Guten.
O, ich kenne den Vater wohl und seine Gedanken!«

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