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Detlev von Liliencron

Heinrich Spiero: Detlev von Liliencron - Kapitel 6
Quellenangabe
typebiography
booktitleDetlev von Liliencron
authorHeinrich Spiero
year1913
firstpub1913
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDetlev von Liliencron
pages568
created20180802
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.
Junger Soldat.

Zwischen den Knicks Holsteins und am Strande der Ostsee war Liliencron aufgewachsen, nach Thüringen und Berlin hatte ihn der Abschluß seiner Vorbildungszeit geführt, nun kam er an den Rhein.

Seine neue Garnison Mainz war einst eine keltische Siedelung, die ihren Namen Mogontiacum wahrscheinlich dem keltischen Lichtgott Mogo verdankt, dann schon vor Christi Geburt ein römischer Waffenplatz, schließlich der Sitz des vornehmsten Kurfürsten, des Erzkanzlers des alten Deutschen Reiches, und der Vorort der rheinischen Pfaffengasse; sie hatte in den letzten hundert Jahren in Krieg und Frieden eine bedeutsame Rolle gespielt. Wie ein vorgeschobener Posten gegen Frankreich wirkte diese Stadt, deren Bewohnern ein leicht entzündlicher Sinn, eine überaus rege politische Teilnahme, eine oft das Maß übersteigende Freudigkeit raschen Zugreifens und dabei eine im Frieden behaglich demokratische Gemeinsamkeit eignet. Hier hatte der große Idealist Georg Forster mit seiner Therese als kurfürstlicher Bücherwart gelebt, von hier aus war er durch die Mainzer Klubbisten im Jahre 1793 nach Paris gesandt worden, um dort für den Anschluß des linken Rheinufers an Frankreich zu arbeiten. Während der Belagerung des Jahres 1793 hat Karoline Michaelis zu Mainz furchtbare Schicksale erlitten und durch Goethes Vermittlung Hilfe gefunden, und Goethe hat uns die Zustände in und um Mainz anschaulich genug geschildert. 1797 ward die Stadt an Frankreich abgetreten, kam aber im Jahre 1814 an Deutschland zurück und ward 1815 zur Bundesfestung erklärt. Vertragsmäßig fiel die Stadt nun an den Großherzog von Hessen, der aber in der Festung nur ein Bataillon halten durfte, während die übrige Besatzung zu gleichen Teilen von Österreich und Preußen gestellt wurde. Diese beiden Mächte gaben abwechselnd alle fünf Jahre den Gouverneur und in umgekehrter Folge den Kommandanten ab, wie es der Karlsbader Militärvertrag vom 10. August 1817 festgesetzt hatte.

Für preußische Offiziere galt Mainz im neunzehnten Jahrhundert immer als bevorzugter Standort, nicht nur weil der Bund jedem von ihnen zu dem damals noch knapperen Gehalt und dem Service von zehn Gulden drei Taler Monatszulage zahlte, während der König noch jedem preußischen Bataillon ein monatliches Tafelgeld von dreißig Talern gab; das anregende Leben der großen und bunten Garnison, die schöne Lage am Rhein und Main, die Nähe Frankreichs lockten auch ohne das. Hier hat der abenteuerliche spätere 47 Revolutionär Otto von Corvin in Garnison gestanden, hier auch in den zwanziger Jahren der Dichter Friedrich von Sallet. Er ließ seiner satirischen Laune freilich allzusehr die Zügel schießen und ward als Sekondeleutnant im 36. Infanterieregiment wegen eines beizenden Ausfalles vom Kriegsgericht zu zehnjähriger Festungsstrafe verurteilt, aber von Friedrich Wilhelm dem Dritten zu einer zweimonatigen Haft begnadigt.

Auch Dagobert von Gerhardt (als Dichter Gerhardt von Amyntor) hat in Mainz gestanden und berichtet, daß ihm Moltke bei der Abmeldung in Berlin sagte: »Ich habe Ihnen Mainz besonders ausgesucht, es ist ein wahrer klimatischer Kurort.« Gerhardt rühmt den guten Wein, den angenehmen Umgangston, die hübschen Frauen und Mädchen der Stadt. Wenn auch die österreichischen und die preußischen Offiziere im allgemeinen in verschiedenen Wirtshäusern verkehrten, war das gegenseitige Verhältnis doch gut, insbesondere unter dem wohlwollenden und leutseligen letzten Vizegouverneur, dem Prinzen Woldemar von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, einem behaglichen Herrn von breiter Erscheinung, mit aufgedrehtem Schnurrbart, Franz-Josefs-Backenbart rechts und links von dem Doppelkinn und mit weit vorgebürsteten Schläfenhaaren, den sogenannten Sechsen. Es kam wohl vor, daß Gerhardt mit seiner Frau und dem Prinzen nach dem Theater in ein öffentliches Kaffeehaus ging und sich von einem Tisch zum nächsten eine gemütliche Unterhaltung entspann, bei der Frau von Gerhardt zu ihrem Erstaunen erfuhr, daß der Tischnachbar des Prinzen Barbier war.

In diese Verhältnisse trat Friedrich von Liliencron ein.

Sein Regiment, das Westfälische Füsilierregiment Nr. 37, war durch Verfügung des Kriegsministeriums vom 6. März 1820 gebildet worden. Es bestand zuerst aus dem Füsilier- (dritten) Bataillon des Infanterieregiments Nr. 35 und den felddienstfähigen Leuten von vier, durch Kabinettsorder vom Februar des Jahres aufgelösten Garnisonbataillonen. Das neue Regiment bezog die Garnisonen Glatz und Kosel in Schlesien, während es seinen Ersatz aus dem Bereich des fünften Korps (Posen und ein Teil von Niederschlesien), insbesondere aus dem Gnesener Bezirk, zu beziehen hatte. 1821 kam das Regiment nach Schweidnitz, 1823 nach Bromberg und Thorn. Für frühere militärische Zustände bezeichnend ist es, daß das Regiment jahrelang seinen Kommandeur, den Oberstleutnant von Dierecke, mit dem 38. Regiment gemeinsam hatte, das weit entfernt (ohne Eisenbahnverbindung) im Bezirk des sechsten (schlesischen) Armeekorps stand. 1828 48 erhielt das Regiment von Friedrich Wilhelm dem Dritten Fahnen – der eigne Kommandeur konnte sie bei der feierlichen Parade nicht übernehmen, weil er als Befehlshaber des andern Regiments von seinem Kommandierenden General keinen Urlaub erhielt. Er erschien dann erst im letzten Augenblick zum höchsten Erstaunen des Kommandierenden Generals des fünften Korps vor der Front seiner Leute, und dieser Vorfall veranlaßte dann, daß endlich, 1829 – nach neun Jahren – jedes Regiment seinen eignen Kommandeur bekam. Von 1831 bis 1832 lag das 37. Regiment in Zeitz und Weißenfels und kam dann zum achten Korps nach Köln und Jülich, schließlich 1833 nach dem damals zum Deutschen Bunde gehörigen Luxemburg. Während der Revolution von 1848 ward es auf volle Kriegsstärke gesetzt. 1851 wurden der Stab und das erste Bataillon nach Mainz verlegt, und hier endlich im Jahre 1860 die beiden Bataillone wieder vereinigt. Das Landwehrstammbataillon Attendorn trat zum Regiment hinzu, erhielt die Bezeichnung Füsilierbataillon und das ganze, nunmehr aus drei Bataillonen bestehende Regiment am 4. Juli 1860 die Benennung: Westfälisches Füsilierregiment Nr. 37.

Als Liliencron in Mainz eintraf, war der Oberst von Stückradt Kommandeur. Als Leutnant fand er Victor Lignitz, den späteren hervorragenden Führer und Militärschriftsteller (geboren 1841 zu Küstrin, zuletzt Kommandierender General des dritten Korps und Chef dieses Regiments), vor. Ein Vetter Liliencrons, Eduard von Wasmer, hatte dem Regiment vordem einundeinhalb Jahre angehört, und kurz vor Liliencron war sein Schulfreund Adolf Joachim Henrichsen auf Beförderung eingetreten. Er ward, da er dem Prinzen Friedrich Karl bei einer Vorstellung auffiel, bereits im Herbst 1863 Sekondeleutnant. Doch hat sich Liliencron der Kameradschaft nicht lange erfreuen dürfen, da Henrichsen schon am 5. November 1864 während eines Krankheitsurlaubs in Wandsbeck gestorben ist.

Von anderen preußischen Truppen lagen zu Liliencrons Zeit in Mainz das zweite thüringische Infanterieregiment Nr. 32, das Infanterieregiment Nr. 69 und das Husarenregiment König Wilhelm Nr. 7, die sogenannten Königshusaren, außerdem Festungsartillerie und Pioniere; Österreich hatte derzeit in Mainz in Garnison die Infanterieregimenter Graf Degenfeld (jetzt Freiherr von Mountany) Nr. 36, Baron Wernhardt (jetzt Baron Warasdiner Infanterieregiment) Nr. 16 und Baron Reischach (jetzt Graf Abensperg) Nr. 21, das Kürassierregiment Prinz Karl von Preußen (jetzt Dragonerregiment Fürst Montecucculi) Nr. 8 und das Feldartillerieregiment 49 Graf Kunigl (jetzt Feldhaubitzenregiment Großfürst Sergius von Rußland) Nr. 1. Außerdem Fuß-, Festungs- und Zeugartillerie, ein Bombardierkorps, Geniekorps, ein Pontonierdetachement, eine Minenkompagnie und ein Fuhrwesendetachement. Liliencron kam also an einen denkbar reich ausgestatteten Waffenplatz. Gouverneur war der Erzherzog Wilhelm von Österreich, Vizegouverneur der Feldmarschallleutnant Freiherr von Paumgarten, dem nach Liliencrons Fortgang jener schleswig-holsteinische Prinz, sein Landsmann, folgte; Kommandant war der preußische Generalmajor von Öllrichs.

Unteroffizier
Mainz, 1863

Fähnrich
Engers, 1864

Liliencron wurde auf dem Hof der Defensionskaserne eingeübt. Er ward rasch Gefreiter und stand am 11. Mai in Parade vor dem Großherzog Ludwig dem Dritten von Hessen, am 21. August vor Kaiser Franz Josef. Dann ward er Unteroffizier, und seine schmale Gestalt nahm sich unter den stattlichen Tressenträgern der Kompagnie wunderlich zart und kindlich aus, zumal da ihm der Schnurrbart nur in wenigen dünnen Haaren sproßte. Am 15. September wurde er zum Fähnrich befördert und kam am 1. Oktober auf die Kriegsschule zu Engers am Rhein; die strenge Zucht der schön gelegenen Anstalt ward in der unter jungen Leuten üblichen Weise durch mancherlei Unfug abgemildert – auch der Fähnrich Sylvester von Geyer des Freiherrn Georg von Ompteda ist später zu Ernst und Jugendlust in Engers auf Kriegsschule gewesen. Liliencron wurde durch sein sonniges Wesen, von dem alle Schwermut abgefallen schien, durch Gutmütigkeit, Heiterkeit und dabei wieder notwendige Schneidigkeit im besten Sinne bei den jungen Kameraden außerordentlich beliebt. Um so mehr bedauerten sie, und zumal Eduard Paulitzky, ein Mitdulder von der Fähnrichsprüfung her, daß er bei den Lehrern nicht das gleiche Ansehen errang. Zumal der gestrenge Premierleutnant August Lentze, der damals im Beginn einer glänzenden Laufbahn stand, war im taktischen Unterricht oft mit ihm unzufrieden und rief ihm gelegentlich zu: »Portepée-Fähnrich von Liliencron, Sie befinden sich auf der schiefen Ebene, die zum Reserveverhältnis führt!« Liliencron bestand denn auch die Prüfung nicht und ward mit mehreren Schicksalsgefährten zum Regiment zurückgesandt. Am 12. Juli 1864 nahm er an einer Parade vor dem Erzherzog Albrecht von Österreich, dem bedeutenden Heerführer, teil und zog im Dezember in eine neue Garnison. Das Regiment, jetzt unter dem Kommando des Obersten von Kummer, hatte am dänischen Krieg nicht teilgenommen; nun war es nach der Provinz Posen bestimmt, wo der Aufstand von 1863 noch immer flackerte. Der Stab und das erste Bataillon, mit ihm Liliencron, kamen nach 50 Rawitsch, das zweite nach Wohlau in Schlesien, das dritte nach Krotoschin, wo heute das ganze Regiment vereinigt ist. Man fuhr mit der Bahn nach Berlin, und dann marschierte jedes angekommene Bataillon am Palast König Wilhelms vorüber zum Ostbahnhof. Der König, damals schon recht betagt, stand zwischen Windlichtern auf dem kleinen Vorbau des Schlosses und ließ seine Soldaten, gruppenweise abgebrochen, an sich vorbeiziehen – den Eindruck dieser ersten flüchtig vorbeirauschenden Begegnung mit dem alten Helden hat Liliencron nie vergessen.

Der Fähnrich im Kreise der Kompagnie-Unteroffiziere, 1864

Galt es ohnehin in den Beamten und Offizierskreisen Preußens nie als ein Vorzug, gerade in die Provinz Posen versetzt zu werden, so war die neue Bestimmung des Regiments erst recht nicht dazu angetan, nach dem Aufenthalt im goldenen Mainz den Wechsel angenehm empfinden zu lassen. Wenn es sich noch um wirklichen Kampf gehandelt hätte! Aber es hieß nur, durch ernstes Auftreten und verstärkten Waffenschutz Unruhe verhüten. Tief aufgewühlt war die Provinz. Von den in Paris lebenden Polen geschürt, war 1863 eine Bewegung zur Unterstützung des Aufstandes im russischen Polen erwacht, der Graf Johann Dzialynski war als Leiter nach Posen entsandt worden, Kolonnen mit Waffen wurden über die Grenze befördert. Nun hatte Rußland die Erhebung zerdrückt, Preußen gezeigt, daß es mit der russischen Regierung einverstanden war. Ein Strafverfahren gegen die Führer war im Gange. Die Hoffnungen der Polen waren vereitelt worden; aber ihre Arbeit gewann nun ein anderes Feld: sie machten sich von den Einflüssen der sogenannten Emigration frei und begannen die wirtschaftliche Eroberung des Landes, zumal seitdem der Gutsbesitzer Maximilian Jackowski, ein Teilhaber der Bewegung von 1863, das Gefängnis verlassen hatte.

So war vorsichtiges Auftreten, Gefaßtheit auf besondere Kommandos Gebot der neu eingekehrten Truppe, mit der Liliencron an Grenzpatrouillen bis zur Dauer von einer Woche teilnahm. Gesellschaftliche Beziehungen zu dem verdächtigen polnischen Adel waren kaum zu erwarten und zu halten. Der junge Liliencron aber empfand von diesen unbehaglichen Zuständen nicht viel. Zunächst bedurfte er erneuter ernster Vorbereitung auf die Offiziersprüfung. Im Mai 1865 fuhr er nach Berlin hinüber, nicht ohne unterwegs in Auerbachs Keller zu Leipzig selig-fröhlich zu zechen, und bestand am 22. das Examen. Am 18. Juni ward ihm das Reifezeugnis zum Offizier von der Obermilitär-Examinationskommission erteilt; in der Waffenlehre und der Fortifikation lautete es: befriedigend, in Taktik, militärischem 51 Aufsatz und Dienstkunde: ziemlich gut, im Aufnehmen und Planzeichnen: mittelmäßig. Nun der Druck gewichen und das ersehnte Ziel erreicht war, lebte Liliencron freier auf; er tanzte mit den Töchtern der verheirateten Offiziere und der Rawitscher Bürger, der Gutsbesitzer der Nachbarschaft, ging gelegentlich auf die Jagd und übte vor allem mit immer wachsender Lust sein Waffenhandwerk. In Rawitsch hatte er ein artiges, aber kostspieliges Abenteuer, das er später als das eines seiner Helden wahrheitsgetreu selbst erzählt hat. »Die hübsche Soubrette eines fliegenden Theaters, das gerade im Städtchen Gastrollen gab, wünschte ein Klavier für ihre Singübungen und für ihre Mußestunden. Kai ging mit Feuereifer auf ihren Wunsch ein und bestellte für sie in Breslau, weil es in Rawitsch nicht zu haben war, ein Fortepiano. Das kam denn auch, Eisenbahnen gabs noch nicht bis Rawitsch, auf einem Frachtwagen an. Doch konnte es nicht in die Wohnung der Schönen hinaufgebracht werden; die Treppen waren zu eng. Was tun? Es wurde in den dritten Stock hinaufgewunden. Alles, was unten stand und verwundert diesem Ereignis zuschaute, mußte den Kreis erweitern, um das Klavier nicht unter Umständen auf den Kopf zu bekommen. Das war gut so. Denn im nächsten Augenblick rissen die Seile und das Instrument zerschellte unten in tausend Granatstücke. Welch ein langes Gelächter im ganzen Städtchen. Kai mußte einen tüchtigen Haufen Geld geben.« Trotz den gespannten Verhältnissen bandelte Liliencron mit einer hübschen Polin an – die Verständigung geschah französisch, wie es ein Brief beweist, das letzte Zeugnis leichten Liebesspiels im Frühlingswind vor der kleinen polnischen Stadt, unter Birken und Weidenkätzchen:

Mon cher ami!

Je m'empresse de vous donner des nouvelles, car je pense, que vous vous ennuyez, depuis si long temps que nous nous sommes vus, on est dans ce cas bien heureux d'être a même d'épancher son coeur; afin de se consoler d'être autant éloigné. En espérant que la bonne occasion nous rapprochera bientôt l'un de l'autre.

Je vous souhaite toujours beaucoup de bonheur. Je n'entrerai pas dans de trop long détails pour ce moment bien court que je vous écris ces mots à la hâte pendant l'absence de mon père.

Alors je finis ma lettre et je désire de votre part aussitôt une aimable réponse.

Celle qui est pour la vie        
votre amie Stasia.            
Portant des longs cheveux tressés.
52

Gelegentlich fuhr Liliencron nach Posen und Breslau hinüber; die schlesische Hauptstadt mit Rathaus und Dominsel gefiel ihm ebenso wie die schlesische Landschaft.

Am 14. August 1865 ward Friedrich von Liliencron zum Sekondeleutnant befördert – nach mehr als zweiundeinhalbjähriger Dienstzeit – immerhin für damalige Zeiten nicht ungewöhnlich spät; die drei zunächst nach ihm (nicht aus dem Kadettenkorps) beförderten Leutnants, Richard von Davier, Hermann Schröder und Julius Horn, hatten vierunddreißig Monate, sechzehn Monate und neunzehn Monate auf die Beförderung warten müssen; die Vorbereitungszeit war damals eben viel unregelmäßiger, es kam selbst vor, daß jemand, der als charakterisierter Fähnrich aus dem Kadettenkorps kam, noch zweiunddreißig Monate harren mußte, bis er Leutnant ward.

Leutnant im Regiment 37
Rawitsch, 1865

Der Dienst jener Zeit unterschied sich vom heutigen wesentlich; von der andauernden Anspannung jedes Offiziers und Unteroffiziers, die der vervielfältigte militärische Betrieb jetzt erfordert, war noch keine Rede, auch die notwendige Straffheit und Gepflegtheit im außerdienstlichen Auftreten ward noch nicht verlangt, zumal in kleinen Standorten. Allmählich erst drangen die Grundsätze der Neubildung durch, in welcher der 1861 zum Thron gelangte König Wilhelm sein eigenstes, lange sorgsam vorbereitetes Werk sah. Langsam verschwanden die völlig überalterten Hauptleute und Subalternoffiziere, ward die Arbeit an den Mannschaften und Reservisten nach der langen Friedenszeit wieder energischer, zumal nachdem preußische Waffen 1864 ruhmreich gefochten hatten. Immerhin besaß der Offizier viel mehr freie Zeit als sein heutiger Nachfolger, und auch Liliencron hat sie reichlich, auch zu emsigem Bücherlesen, ausgenutzt, bis der Ernst des Jahres 1866 einen gesammelten Sinn und unablässige Vorbereitung auf neue Kämpfe verlangte, die unausweichlich näher rückten. 53

 

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