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Detlev von Liliencron

Heinrich Spiero: Detlev von Liliencron - Kapitel 4
Quellenangabe
typebiography
booktitleDetlev von Liliencron
authorHeinrich Spiero
year1913
firstpub1913
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDetlev von Liliencron
pages568
created20180802
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Liliencrons Geburtshaus in Kiel

2.
Kindheit und Schule.

Der Freiherr Louis Ernst von Liliencron war eine schlanke Erscheinung mit buschigem, dunklem Schnurrbart und auffällig überhangenden Brauen, hinter denen die Augen fast verschwanden; schon in den fünfziger Jahren war sein Haupthaar schneeweiß. Er war ein ernster, etwas nüchterner, mäßig begabter Mann ohne näheres Verhältnis zur Kunst, wie, nach dem Ausspruch seines Sohnes, der durchschnittliche Schleswig-Holsteiner aller Stände. In seiner grünen Uniform sah er stattlich aus neben der überaus zarten, wunderschönen Frau. In ihm lebte eine fast schamhafte Scheu, sich zu offenbaren; als sein Sohn schon anfing, berühmt zu werden, sprach der Vater nie zu ihm über seine Verse; aber er kaufte sie heimlich und verschenkte sie wohl auch an Bekannte.

Ungleich bedeutender war die Mutter, Frau Adeline Sylvestra, eine Frau von starkem und gern stark geäußertem Gefühl, von weiter Phantasie, großer Anmut in Bewegung und Ausdruck; weit mehr hat der Sohn von ihr als vom Vater empfangen, und auch die soldatische Neigung seines Wesens stammt wohl mehr von ihrer als von der Liliencronschen Seite. Vor allem: Adeline von Liliencron empfand immer wieder, gleich der Schwiegermutter, das Bedürfnis, sich in Versen der Zeit über ihr Leben und ihre Empfindungen klar zu schreiben.

Neu Jahr sei Treu Jahr.
Fest mag's halten, was gut im alten,

merkt sie wohl einmal an, oder sie schreibt in der Sprache, die sie immer ihre Muttersprache genannt hat, zwischen wirtschaftlichen Aufzeichnungen:

The brindled reed may endure,
But it will never rise.

(Gebrochenes Rohr hält noch immer,
Doch aufrecht steht es nimmer.)

Tiefgläubig betont sie: »Wen Gott liebt, den führt Er zur Stelle, wo man sein bedarf.« Oder sie führt Luther und fromme Verse Friedrich Ludwig Jahns an und ruft als reife Frau und Mutter mit ergreifendem Kinderton: 26

Groß und Kleines so im Leben,
Alles sei Dir übergeben.
Alle Not will ich Dir klagen,
Alles Dir ins Herze sagen.

Und sie faßt ihren Glauben zusammen:

Gesetz ist Gottes Wille, der fordert;
Gnade: Gottes Wille, der darreicht –
die Erlösung von der Sünde durch den Glauben an Jesus Christus.

Adeline las viel und mit feiner Wahl. Gern beschäftigte sie sich mit religiösen Schriften oder Werken von frommer Gesinnung, wie den Elsässischen Lebensbildern aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert von Stähelin. Die »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« (von Wilhelm von Kügelgen) waren ihr lieb. Aber sie dehnte den Kreis ihrer Teilnahme bis zu den »Wanderjahren in Italien« von Ferdinand Gregorovius; und die englische Herkunft erwies sich in der Versenkung in die Werke Scotts und Byrons, wie in die Lebensgeschichte dieser Dichter von Eberty.

Liliencrons Eltern
mit Fritz (rechts) und Emma (links)
1848

»Meine Knabenjahre sind einsam gegangen«, hat Liliencron selbst kurz und bündig gesagt; es trifft freilich im äußerlichen Sinn nur für die Zeit der ersten, ganz häuslichen Erziehung zu. Von vier Geschwistern blieben nur Friedrich – so war der Rufname – und Emma Margreta Wilhelmine übrig, die zwei andern starben in allerfrühester Jugend. An Emma hing Fritz mit großer Zärtlichkeit; ein »Gedicht« der Siebenjährigen bewahrte er bis an den Tod:

Wie ist mein Hembdchen doch so warm,
So warm hab ichs mir nicht dedacht;
Drum freu ich mich, drum freu ich mich,
Daß ich ein Hembdchen hab.

Ein merkwürdiger Unglücksfall beraubte den kleinen Familienkreis der zarten und schönen Tochter: bei einem Besuch im Kloster Itzehoe wurde Emma von einem Schwan angegriffen, ein scharfer Flügelschlag traf eine Arterie, diese brach auf, und das Kind war nicht zu retten. Um so zärtlicher umhegten die Eltern den nun Einzigen. Das Bedürfnis, ihn recht lange für sich zu haben, und wohl auch der leise Wunsch, trotz einfacher Lebenslage die immer gern hervorgehobene adlige Herkunft ein wenig zu betonen, veranlaßten eine kurze Erziehung 27 durch Hauslehrer, von denen der Sohn nicht eben viel lernte. Mehr Eindrücke und dauernden Gewinn brachten die Besuche in der Landschaft: bei den verwandten Stiftsdamen von Warnstedt und von Liliencron in den adeligen Klöstern Itzehoe und Preetz wurde eingekehrt. Früh sah der Knabe in ehrfürchtigem Staunen immer wieder zu dem Raphael nachgebildeten Altargemälde der 1216 vom Grafen Albrecht von Orlamünde gestifteten Preetzer Klosterkirche und dem schönen Schnitzaltar des Hans Gudenwerdt auf.

In einem Kloster, oft und längre Zeit,
Hab ich als Kind und Jüngling einst gewohnt
Und immer denk ich dran mit Seligkeit.

Herrlich auf ihrem Fürstensessel thront
Die Abbatissa mit dem Bischofsstabe;
Sie prangte mir wie Sonne, Stern und Mond.

Die Klosterfräulein waren, als ich Knabe,
Die lieben alten Damen, mir »sehr gut«,
Und sinds gewesen bis zu ihrem Grabe.

Andere Fahrten galten der Großmutter Liliencron in Altona und der nah verwandten Familie von Wasmer auf dem Gute Hemmelmark. Eine Tochter dieses Hauses, Agathe von Wasmer, wohnte Liliencrons gegenüber, sie war zu Kiel in einer Pension und stand der ganzen Familie sehr nahe. Mit den Wasmerschen Söhnen, zumal mit Christian von Wasmer, wurde eine frühe Freundschaft geknüpft, die fortdauerte, als Wasmers ausgewandert und nach Amerika gegangen waren (Hemmelmark gehört jetzt dem Prinzen Heinrich von Preußen); Christian sandte dem »geliebten Freund« noch vom Missouri ein Windenblatt. Mit der Familie des späteren Staatssekretärs Bernhard Ernst von Bülow waren Liliencrons verbunden – Herr von Bülow wohnte oft in dem schönen Park seines Schwiegervaters, des hamburgischen Senators Jenisch, zu Flottbek an der Elbe, wo ihm auch vier Jahre nach Friedrich ein Sohn – Bernhard – geboren wurde, der spätere Reichskanzler. Mit einem anderen nachmals hervorragenden Diplomaten, Kurd von Schlözer, unterhielt Louis von Liliencron Beziehungen, auch mit der Familie des Grafen Otto Rantzau in Kiel selbst.

Zahlreiche Besuche, oft auf ganze Ferienwochen, galten den Pastoren der Umgegend – noch als Liliencron 1871 im winterlich 28 schweigsamen Pfarrhaus zu Flancourt im Quartier war, kehrten solche Stimmungen wieder, wie sie damals den Knaben befallen haben mögen, und das Bild des Heilands erweckt die Betonung: »Er ist für uns gestorben«; aber doch auch die Frage: »Oder ist, war er der edelste, beste Mensch, der je gelebt?« In der Kindheit ist diese Frage kaum an Liliencrons Ohr, kaum in sein Bewußtsein gedrungen: der tiefgläubige Sinn der Eltern, zumal der Mutter, kannte solche Zweifel nicht und befestigte sich und den Sohn stets aufs neue in der frommen Gewißheit der Erlösung durch Jesum Christum. Ein Helfer dabei war Klaus Harms (1779–1855), der volkstümliche und sprachgewaltige Prediger zu St. Nikolai, seit 1835 Hauptpastor und Probst. Er vor allem hat den Rationalismus aus der schleswig-holsteinischen Kirche gewiesen, diese wieder mit gläubigen Scharen gefüllt und unter Ablehnung aller glänzenden Berufungen seiner Kieler Gemeinde aufs treueste gedient, ein großer Prediger von festhaltender Macht des Wortes, ein streitbarer Verfechter markiger Glaubenssätze, ein Wohltäter weithin im Lande, dem seine Gemeinde durch das Geschenk eines eignen Hauses für seine Treue dankte. Seinen andern Gaben gesellte sich ein freier Humor, wie denn einer seiner späteren Nachfolger erzählt: »Als mein großer Vorfahr in Kiel, Klaus Harms, von einem Prediger die Versicherung hörte, er wiederhole der Gemeinde nur, was der Heilige Geist ihm auf der Kanzel sage, erwiderte er: Neulich hat der Heilige Geist mir auch etwas auf der Kanzel gesagt, aber es war nicht der Art, daß ich es der Gemeinde wiederholen mochte; er flüsterte mir nämlich zu: Klaus, Klaus, du hast dich heute nicht ordentlich präpariert!«

Noch nach dem Tode des von ihr innig verehrten Mannes suchte Frau Adeline seiner gedruckten Predigten habhaft zu werden, um seines Zuspruchs nicht verlustig zu gehn; neben ihnen spendeten die Werke Friedrich August Tholucks, des großen Hallischen Pietisten, die oft gesuchte Erbauung. Der Geistliche des Hauses war nun der Pfarrer Hasselmann. In einer frommen und reinen Luft wuchs Fritz heran. Der ein wenig trockene Vater fand sich mit der trotz leichter Kränklichkeit immer heitern und in knapper Lage immer gefaßten Mutter in dem Bestreben einer einfachen, aber auf gesellschaftlich geachtete Ziele gerichteten Erziehung. Die Eltern betonten trotz dem kargen Gehalt von etwa dreizehnhundert Mark heutigen Geldes und den Zinsen eines winzigen Vermögens doch nach Möglichkeit die adelige Abkunft, was aber nicht hinderte, daß das alte Hausmädchen Sophie zu dem kleinen Friedrich und den Eltern in einem herzlichen, 29 vertraulichen Verhältnis stand. Eine Gesellschafterin, mehr Freundin der Hausfrau, kam erst viel später ins Haus, zuletzt noch ein etwas fahriges Fräulein Henriette, als die Geldsorgen schon groß waren, und der in den Ruhestand getretene Beamte durch Versicherungsagenturen die knappen Mittel zu vermehren suchte.

Vom Frühsommer 1851 bis zum März 1854 besuchte Friedrich neben dem Hauslehrerunterricht eine Privatschule, die des Fräuleins Wilhelmine Otto. Sein Betragen war großen Lobes wert: »Der kleine Friedrich war bis jetzt noch immer ein fleißiges, artiges Kind und macht uns Freude«, heißt es schon im Juli 1851. Immer werden Fleiß, Aufmerksamkeit, Betragen, Haltung gerühmt, aber das fachmäßige Lernen kam erst nach einem Jahr in Aufschwung, besonders mit dem Schreiben haperte es. Johannis 1852 lautete das Zeugnis der Lehrer Petersen, Johnsen, Bierwirth und Otto:

Biblische Geschichte: recht gut,
Geographie: zufrieden,
Naturgeschichte: sehr gut,
Rechnen: im ganzen gut,
Schreiben: ziemlich,
Lesen: größtenteils zufrieden,
Betragen: recht zufrieden.

Einmal später ward hinter das »recht gut« beim Fleiß ein Fragezeichen gesetzt – im ganzen blieb es bei guten Nummern.

Der Knabe sah damals ein wenig verträumt aus, die Lider deckten halb die etwas befangen blickenden Augen. Das Antlitz war länglich, von ernstem Ausdruck, die Schultern erschienen schmal unter der hübschen, blusenähnlichen Tracht.

Ein großer Umschwung trat ein, als Liliencron auf die Gelehrtenschule kam. Die Eltern wohnten damals in der Friedrichstraße (der jetzigen Herzog Friedrich-Straße) im Hause des Kammerherrn von Vahrendorff, mit dem sie verkehrten. Die Wohnung war ziemlich klein, der Sohn wohnte mit einem Pensionär zusammen in einem kaum acht Quadratmeter großen Raum. Von hier aus besuchte er nun die in der Küterstraße gelegene Schule. Diese Anstalt, im Jahre 1320 als Stadtschule gegründet, hatte eben unter der Leitung Friedrich Luchts (1836–1853) eine völlige Umwandlung erfahren, indem die Gelehrtenschule ganz von der Bürgerschule getrennt wurde. Ostern 30 1854 trat Liliencron in die Septima ein. An der Spitze der Anstalt stand seit einem Jahr der Rektor Jürgen Friedrich Horn (1803–1880), ein grundgelehrter Theologe und Philologe, der lateinische und griechische Stunden gab und außerdem von Tertia aufwärts in Religionslehre unterrichtete. Horn, ein gebürtiger Flensburger, war auch als Dichter hervorgetreten und hat neben Romanzen, wie der Landsmann Geibel, eine Sophonisbe (Kiel 1862) herausgegeben, ein durchaus epigonisches Werk ohne eignen Ton; auch über Goethes »Faust« hat er geschrieben. Um so persönlicher war seine Auffassung religiöser und pädagogischer Probleme. Und er vor allem hat wohl der Anstalt den Geist aufgeprägt, den später ein Hamburger Forscher als den eines christlichen Hellenismus bezeichnete. »Ein religiöser Geist soll in unsern Gelehrtenschulen herrschen«, schrieb Horn 1857. Und ein andermal in höchst eigenartiger Ausdrucksweise: »In der Religion hat sich die Vernunft gemästet an der Offenbarung, und stark und kräftig geworden, schlägt sie hinten aus gegen ihre Mutter.« Gleich nachdrücklich und mit ebenso anschaulichen Bildern verteidigte Horn die Notwendigkeit der klassischen Sprachen gegenüber einem Standpunkt bloßer Nützlichkeit, der auch in jener Zeit gelegentlich gepredigt wurde. Oder er sprach von dem künstlichen Licht, das der selbstgeschaffene Vernunftglaube hinter geschlossenen Fenstern genießt, während draußen das freie, ewige Licht des echten Evangeliums leuchtet. All das mußte gerade auch Liliencrons Eltern ganz aus der Seele geredet sein. Und ebenso entsprach es den Anschauungen des Hauses, wenn der Rektor einen der damals nicht seltenen Versuche unternahm, »über das Beweisen des Daseins Gottes« zu handeln.

Der Klassenlehrer Liliencrons in der Septima war der Elementarlehrer Tack, in Sexta trat an seine Stelle Boyens; erst später kam ja der junge Schüler in die Lehre des Rektors selbst, dessen Homerstunden ausgezeichnet, anregend und lebendig waren, während seine organisatorische Begabung offenbar geringer war. Wenigstens ist der Ton der Schule und das Benehmen der Schüler rauh und oft roh gewesen. Wie sich denn etwa eine Apfelverkäuferin einmal beschwerte, daß sie acht Tage lang von vorübergehenden Gelehrtenschülern vielfach durch Schimpfreden turbiert und endlich mit Schlägen bedroht worden sei, als sie ihnen mit dem Schirm gedroht habe. Daß in der Schule fast täglich mit Schlägen bestraft wurde, entspricht freilich nur der Zeit, und es ist wesentlich, daß Liliencron selten getadelt, nur ganz gelegentlich als unaufmerksam vermerkt und nur einmal, im Jahre 1855, wegen des Versuchs der Täuschung, mit Schlägen bestraft worden ist. 31

Die Klassen waren ganz verschieden groß, die obersten nur von wenig Schülern besucht, die mittleren aber bis zu einundfünfzig Köpfen stark. Dabei wurde der engen Stuben wegen noch in den sechziger Jahren einmal eine Anzahl unreifer Sekundaner nach Prima versetzt, weil die Räume der Sekunda nicht ausreichten.

Der Unterricht war sehr mannigfaltig: neben den klassischen Sprachen wurde das Französische und seit 1855 auch das Englische als verbindlicher Lehrgegenstand betrieben – den englischen Unterricht gab der Brite Lubbren, und Frau von Liliencron vertiefte das Erlernte, indem sie mit dem Knaben Shakespeare in der Ursprache las. Außerdem galt Dänisch als Pflichtfach – war doch seit 1849 Schleswig-Holstein unter dem »besonderen« Druck der Dänenzeit, fühlte sich von Deutschland an Dänemark verkauft; es waren die Tage, da Theodor Storm bitter und vergrämt in die Verbannung zog. Kein Kieler Junge durfte nunmehr den Dänen »Hannemann«, das einst beliebte Neckwort, zurufen – die Fremden waren die Herren.

Neben dem Rektor der Gelehrtenschule stand Professor Wittrock, ein sehr lederner, alter Lehrer der klassischen Sprachen. Den Mathematikunterricht gab der Konrektor Hagge, ein kluger Mathematiker, aber ein schwerhöriger und deshalb mißtrauischer und jähzorniger Mann, der Liliencrons Abneigung gegen dies ihm verhaßte Fach sicherlich noch gefördert hat. Dagegen hat Wittrocks Nachfolger, der Subrektor Dr. Petersen, ein ausgezeichneter Cäsar-Kenner, den geschichtlichen Sinn des Knaben bilden helfen, den schon damals Geschichte »mit schlagendem Herzen« festhielt, während ihm die Mathematik eine »mit tausend Schlüsseln verschlossene Tür« war. Der eigentliche Geschichtsunterricht bei dem Lehrer Jansen befriedigte Liliencron wenig und er ergänzte ihn selbsttätig durch fleißige Vertiefung in Beckers Weltgeschichte, der ganze Geschlechter verpflichtet sind, und in Friedrich Kohlrauschs »Deutsche Geschichte für Schulen«. Früh auch fiel dem Knaben des Husumer Bürgermeisters Caspar Danckwerth »Newe Landesbeschreibung« des Heimatlandes in die Hände, ein Werk des 17. Jahrhunderts.

Den dänischen Unterricht gaben die Lehrer Boyens und Brünnig. Dänische Mitschüler hatte Liliencron nur wenige.

Liliencron im zwölften Lebensjahr
1856

Liliencron machte auf der Septima gute Fortschritte und ward zu Michaelis 1854 nach der Sexta versetzt, mit ihm der hochbegabte Ernst August Karl de Fontenay, der ein Jahr jüngere Sohn eines Etatsrats; er ist später bei Gravelotte gefallen. In der Sexta mußte 32 Friedrich zunächst einer schweren Kinderkrankheit wegen lange fehlen; er hat den ganzen Januar, mehrere Tage des Februar und noch des März versäumt, und es auch dann an Aufmerksamkeit mangeln lassen. So war das erste Gymnasialzeugnis schlecht genug, die Drei ist bereits die beste Nummer. Im Sommer raffte er sich dann, nun wieder ganz gesundet, auf, machte die zweite Abteilung der Sexta noch einmal durch und kam mit Einsern im Deutschen und Lateinischen, Zweiern in Religion und Schreiben und einer Drei im Rechnen als Erster nach Sexta A. Auch hier erging es ihm gut, so daß er mit einem Zeugnis, in dem nur die Zahlen Eins und Zwei prangen, im März 1856 als Dritter nach Quinta versetzt wurde. Immer wieder geht es nun so, daß der Schüler im ersten Halbjahr sehr mäßige Fortschritte macht und sich im zweiten um so stärker zusammennimmt. So wird er in Quinta zunächst Elfter, kommt aber, ganz regelmäßig, Ostern 1857 mit einem sehr guten Zeugnis als Fünfter in die vierte Klasse. In dieser verbleibt er nun freilich ein halbes Jahr zu lange, da er es im ersten Jahr im Lateinischen und in der Mathematik nicht über die Vier, im Rechnen nicht über die Fünf hinaus bringt. Um so tüchtiger bewährt er sich dann im dritten Halbjahr und kommt im Herbst 1858 als Primus nach Tertia; in Religion, im Deutschen, im Lateinischen, im Schreiben und selbst in der Mathematik hat er eine Zwei, im mündlichen Latein gar eine Eins. Nun aber versagte der Vierzehnjährige völlig. Er gelangt in der Tertia zuerst auf den einunddreißigsten, dann auf den neunundzwanzigsten Platz und erhebt sich nur im Deutschen und gelegentlich im Lateinischen über die Vier. Das Griechische ist ihm zuerst auch außerordentlich schwer geworden. Im zweiten Jahr geht es etwas besser, im letzten Halbjahr sogar sehr gut, und er kommt im Herbst 1860 mit einem vortrefflichen Zeugnis als Neunter nach Sekunda. Hier geht es wieder abwärts, und er sitzt zu Ostern 1861 mit der verhängnisvollen Vier in der Mathematik Letzter von dreiundzwanzig Schülern.

Liliencron als Sekundaner der Gelehrtenschule
1860

Deutlich erkennt man aus dem Auf und Ab dieses Schulgangs und den Bestätigungen von Mitschülern, daß Liliencron keineswegs für die Schule verloren war, sondern auch ihr und dem von ihr Geforderten gute Begabung entgegenbrachte; aber man spürt ein ungleiches Wesen, und man fühlt an den Schwankungen deutlich die verträumte und ein wenig läßliche Natur, die immer erst einen Ansporn nötig hat, um sich zu Leistungen in unwillkommenen Dingen zusammenzuraffen. So ging es dem Jungen auch außerhalb der Schule. Er hatte nicht die mindeste Freude an körperlichen Übungen 33 und bedurfte auch hier immer erst eines Anstoßes. Geschwommen und Schlittschuh gelaufen ist er gar nicht und geturnt hat er sehr wenig.

Der Druck der Dänenzeit war auf dem rein familienhaften und geselligen Wesen der kleinen, aber geistig ungemein lebhaften Universitätsstadt nicht sehr stark zu spüren. Sie zählte in Liliencrons Geburtsjahr 13 572 Einwohner und stand damit hinter Altona um etwa ebenso viele zurück, übertraf Itzehoe nur um 8000 und kam Flensburg etwa gleich. Gar mit der Zahl und Tragfähigkeit seiner Schiffe erreichte Kiel weder Altona noch Flensburg, oder selbst Apenrade; es besaß nur 39 Schiffe mit 1508 Kommerzlasten (nach damaliger dänischer Rechnung je 2500–2600 Ko.), darunter nur 4 große mit 100 Kommerzlasten und darüber. Liliencrons Geburtshaus in der Lerchenstraße lag ebenso wie die spätere Wohnung mitten in der Stadt, aber wie rasch waren nicht Knick und Feld zu erreichen! Hinter dem Schloßgarten und der gern besuchten hübschen Seebadeanstalt lagen nur ein paar bescheidene Kaffeegärten; Gaarden, heute vom Getöse der Werft erfüllt, war ein freundliches Dorf, wo die bemittelten Familien Bälle auf eigene oder gemeinsame Kosten und ländliche Feste gaben. Jenseits des Botanischen Gartens am Ende des Walkerdammes, drüben überm kleinen Kiel, war nichts mehr von städtischem Wesen zu spüren, Koppel und Kamp erstreckten sich weithin. Der Treffpunkt der Gesellschaft in der Stadt war die 1800 von bürgerlichen und adeligen Herren, darunter einem Großoheim Liliencrons, begründete Harmonie mit Lesezimmer und Billardraum; hier wurden schöne Konzerte veranstaltet, hier fanden erregte politische Aussprachen statt. Zu solchen versammelte wohl auch dieser oder jener Bürger, etwa der Kaufmann Lembke, der Vater von Friedrichs Schulkameraden Theodor Lembke, eine Anzahl Herren bei einem ländlichen Pellkartoffelessen im Garten vor der Stadt. Im Jahre 1844 war endlich die Eisenbahn eröffnet worden, die Kiel mit Altona verband.

Kam erst der reifende Jüngling zur Teilnahme an den Bällen in Dorf Gaarden, wie sie auch die »Kieler Gelehrten Stände« bei der Witwe Bruhn veranstalteten, so war schon für den jungen Knaben das große Vogelschießenfest, vor allem aber der Dorfgaardener Markt ein Ereignis; hier fanden sich fahrende Leute mit Karussels, Seiltänzer und Luftspringer ein, hier kam wohl auch zuerst einmal eine jugendlich unschuldige Liebesregung gegenüber einem jungen Gaardener Bauernmädchen zur zaghaften Aussprache. Die jungen Mädchen 34 der Stadt wollten freilich von dem zarten und scheuen heranwachsenden Jüngling wenig wissen und sangen hinter ihm her:

Liliencrönchen,
Muttersöhnchen,
Zierbarönchen.

Nur etwa beim Rodeln tat er gern mit. Ziemlich menschenscheu nannten auch später noch Schulfreunde den jungen Liliencron – immerhin bewegte er sich von Beginn seiner Schulzeit an in einem großen, ihm rasch zugetanen Kreis vertrauter Mitschüler, und der Umgang wuchs allmählich über die hergebrachten Spiele des Pickpahl (Marmel- oder Pickerwerfen) hinaus und stieg zu ernsterer, freundschaftlicher Zusammenkunft, zu reiferer Unterhaltung empor, in die die nationale Bedrängnis einen besonders warmen Ton brachte. Da konnte denn die Neigung des Jünglings zur Wollust der Schmerzversenkung nicht immer standhalten, die ihm ein vertrauter Jugendfreund, ohne bei dem Empfänger Widerspruch zu finden, später in Erinnerung an Kiel zuschrieb; sie war vielleicht mit eine Folge des mütterlichen Einflusses – Frau Adeline war ja eine warme Verehrerin und fleißige Leserin Byrons, trotz ihrer im allgemeinen bewiesenen heitern Frömmigkeit. Lille, so war der Schulname, verkehrte mit einer großen Anzahl von Knaben und jungen Leuten. Da war Theodor Lembke, da war Fontenay, das Muster in allen ritterlichen Künsten, Hans von Gagern, ein aus Potsdam stammender Offizierssohn, der 1855 in die Gelehrtenschule eintrat, Adolf Joachim Henrichsen aus Husum, der gleichfalls 1855 nach Kiel kam. Auch die beiden Vettern von Wasmer besuchten die Gelehrtenschule, dann Fritz Posselt, später Jurist in der Heimatprovinz, und Heinrich Mau, später Pastor in Kiel, der Bruder des etwas älteren bekannten Archäologen August Mau, auch eines Angehörigen der Gelehrtenschule. Schon damals zeichnete sich der spätere namhafte Jurist Hugo Sigismund Alwin Wilhelm Planck, der Sohn des Professors Planck, durch große Begabung aus, die er in viel späteren Jahren als Mitglied des Reichsgerichts und rechtsgelehrter Forscher bewährte. Alle diese jungen Leute waren flotte Tänzer, die wohl, wenn sie selbst nicht dabei sein durften, vom Hohnschen Hofplatz aus der Musik lauschten, sie waren gute Wanderer, die gemeinsame Pfingstausflüge unternahmen, und sie hatten lebhafte Teilnahme für die Vorgänge im engeren und im weiteren, im deutschen Vaterlande – daß dies oder jenes über politische Ereignisse 35 gemunkelt, daß Georg Curtius von Kiel nach Göttingen berufen wird, ist ihres Interesses gewiß und wird dem abwesenden Freunde getreulich in Briefen berichtet. Zumal mit Hermann Dose, einem späteren Geistlichen, ward ernstestes Gespräch getauscht, der innigste Verkehr aber, auch in dieser Beziehung, blühte zwischen Liliencron und einem Hausgenossen auf, dem Pensionär seiner Eltern, August Thomsen aus Oldensvort (geboren am 6. August 1846); der zwei Jahre jüngere, aber in Schulkenntnissen nicht hinter dem Freunde Zurückstehende eroberte durch sein ernstes und gehaltvolles Wesen, durch die liebevolle Art seines Anschlusses die Eltern wie den Mitschüler, so daß ihm immer die Bezeichnungen Sohn und Bruder zugebilligt wurden. In ihm lebte so stark wie in kaum einem andern das deutsch-völkische Bewußtsein, das sich in heißem Befreiungsdrang gegen die Dänen kehrte, und die Überzeugung, an entscheidender Stelle mitwirken zu müssen. So wählte Thomsen, um rasch emporzusteigen, den Dienst in der preußischen Marine und hat dann alle Hoffnungen der Kieler Freunde glänzend erfüllt; er war zuletzt Chef der Marinestation der Ostsee und lebt jetzt als Admiral im Gefolge des Seeoffizierkorps in Kiel. Er hat Liliencron unablässig zur Arbeit, zur Anstrengung ermahnt, immer im Dienst höherer Gedanken, des großen Glaubens an Deutschland und das deutsche Schleswig-Holstein, dessen Sturmlied »Schleswig-Holstein, meerumschlungen« gerade in Liliencrons Geburtsjahr, am 24. Juli 1844, zuerst erklungen war. Bei einem Besuch auf Oldensvort beim Vater Ratmann Thomsen lernte Liliencron auch die erste Stormsche Dichtung »Auf dem Staatshof« kennen und für alle Zeit lieben.

Die unverkennbare musikalische Begabung ward durch guten Unterricht und häusliches Klavierspiel gepflegt.

Der stärkste Eindruck der Kieler Jugendjahre war die Einsegnung in der Nikolaikirche an einem häßlichen Frühlingstage, dem 3. März des Jahres 1861. »Als der Pastor mir die Hand zum Segen auf den Kopf legte, hätte ich gewünscht, gleich zu sterben; dann bekäme man nie wieder eine andere Gesinnung,« sagte Fritz am andern Tage zu Theodor Lembke. Man gedenkt erschüttert der verwandten Erlebnisse Mariens von Ebner-Eschenbach, wie die Dichterin sie in der »Ersten Beichte« niedergelegt hat. 36

 

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