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Detlev von Liliencron

Heinrich Spiero: Detlev von Liliencron - Kapitel 31
Quellenangabe
typebiography
booktitleDetlev von Liliencron
authorHeinrich Spiero
year1913
firstpub1913
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDetlev von Liliencron
pages568
created20180802
sendergerd.bouillon@t-online.de
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29.
Spätwerk.

Im Frühling 1896 hatte Liliencron mit dem Gesang von dem Toten im Lohholz an der Eiche »Poggfred« abgeschlossen. Es sollte der letzte Cantus werden; aber er ward es nicht – die einmal gewonnene Form ward stärker als der Meister und führte ihn Jahr um Jahr dazu, der Stanze und der Terzine Gefundenes und Erfundenes anzuvertrauen. Im Juni 1898 entstand ein Cantus »Der Gottsucher« und im Spätsommer 1899, der eine ganze Reihe von Gedichten brachte (»Psychologisch doch sehr merkwürdig: dieser plötzliche Lyrikstrom«, schrieb Liliencron in sein Merkbuch), wurden zwei neue Gesänge geschaffen. Im Mai, im September und im tiefen Winter des Jahres 1900, dann noch eben vor dem Auszug aus der Rehburgschen Wohnung in Altona erwuchsen neue Gesänge, und im Mai 1902 konnte nach dem »Grafen Johann dem Andern von Kiel und seinen Kindern« zum zweitenmal

Exit Poggfred

niedergeschrieben werden. So erschien im Jahre 1904 »Poggfred« um die Hälfte vermehrt in vierundzwanzig Kantussen noch einmal und erweiterte sich in den nächsten Jahren um fünf letzte Gesänge, so daß im Oktober 1908 die endgültige Fassung in neunundzwanzig Kantussen gedruckt werden konnte.

Liliencron hatte die Dichtung jetzt in zwei Teile gegliedert, »Einkehr in Poggfred« und »Streifzüge um Poggfred« – der erste Teil umfaßt zwölf, der zweite siebzehn Gesänge, jeder trägt wieder ein Dehmelsches Leitwort, und jeder neue Gesang ward Dehmel vor dem Erscheinen zu gemeinsamer Besprechung und Überlegung eingeschickt oder übergeben. Mit sicherm Gefühl ließ Liliencron die ursprünglich zueinandergesellten Gesänge im wesentlichen beisammen, so daß neun von ihnen mit nur drei neuen den ersten Teil bilden; der zweite enthält dann überwiegend spätere Dichtung.

Unter den Gesängen der letzten Jahre ist mancher nicht voll gereift, Kind einer allzu unbesorgten Laune, und steht zu den ersten etwa wie manche Gedichte des »Haidegängers« zu früheren Schöpfungen. So »Mein Wald Herzebruch« mit einem Laterna-Magica-Ausblick auf die Erde, so die Geschichten von dem besoffenen Bauern, von den ausgehungerten Klosterfräulein, das Bunte Theater, in dem Brettl-Erlebnisse ins Tragisch-Grausige gehoben wurden, oder die Geschichte von Frerk Frerksens Werft. Bilder tauchen auf, die eine 445 gewisse Ermüdung zeigen oder wieder eine gewisse Gewaltsamkeit, so wenn die Sonne die Pendüle der Natur, später die Normaluhr der Natur genannt wird. Die Reime sind manchmal leer, manchmal gesucht. Aber in andern Gesängen erhebt sich Liliencron wieder zu wunderbarer Höhe. Da ist der (zuerst in der »Insel« erschienene) Gesang »Die Leuchter«, Erinnerung an verschmähter Liebe Qual. Durch einen schönen Sommertag,

Vom blauen Aether hängen Seidenfahnen
Aufs grüne Blätterdach; im Teiche schnellt
Sich überwohl der Fisch aus seinen Bahnen –

geht es zu einer einsamen Kapelle. Und dort glänzen zwei große Leuchter vor dem Bilde der Gottesmutter, wie es der Knabe im Kloster Preetz so oft andächtig erschauernd gesehn hatte. Vor dem Leuchter aber auf den Fliesen liegt sie, die den Wanderer verschmäht hat,

Die mir den Weg der Einsamkeit gewiesen.

Ein Veilchenkranz schmückt, wie zum Frühlingszug,
Ihr schwarzes Haar, das um die bleichen Wangen
Verschleiernd bebt wie dunkler Schattenflug.

Die braunen Augen, tief voll Sehnsucht, sangen
Das süße Licht; fast sind sie ganz verdeckt,
Die weichen Wimpern zittern vor Verlangen.

Madonna hinterm Kerzenschein versteckt,
Erschimmert wie aus Paradiesesfluren,
Von keiner Erdensinnlichkeit befleckt.

Madonna vor den Leuchtern büßt die Spuren
Des schwachen Fleisches und der starken Triebe,
Wie sie gemein sind allen Kreaturen.

Doch beide bindet und vereint die Liebe.

Jene große Schillerhuldigung von 1905 ward in einen idealen Spaziergang verflochten, der auf die Haide, nach Prag und Wien führt, 446 nach Sylt, wieder durch die Heimat und schließlich in den Le-Nôtre-Garten mit Schillers Büste als der Säule Knauf.

Unterm Schirm sitzt der Dichter auf der Deichkrone, vor sich die See,

Der leise Westwind meines Strandgedichts
Lullt mich in Träume, weiter will ich nichts.

Und aus der Ruhe wächst die Erinnerung an eine Fahrt durchs Schwarzatal, auf der ein Depeschenbote die Nachricht von der Geburt des kleinen Wulff bringt. Schwere Gedanken umfangen den Vater, da nun ein Kind auf »diesem Stern der ewigen Kümmernisse« hat erwachen müssen. Klug soll der Knabe werden, aber lauteren Herzens, »klarfegend wie der Wind«. Dasselbe »Erlöserwort« wird ihm mitgegeben, das einst der Sekundaner Friedrich von Liliencron in sein Erfurter Merkbuch schrieb:

Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Aengstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei!

Allen Gewalten
Zum Trotz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei!

Die Verse führen mit dem eilenden Zug nach Weimar, geleiten zu Goethes Gartenhaus, zu Goethes Stadtsitz. Von oben aber fällt ein mattes Leuchten in die regennasse Stadt, es kommt von einem Krankenzimmer hoch über der Stadt.

Ein Träumer, den nichts angeht mehr die Welt,
Ruht dort, von Liebe überwacht, im Zimmer,
Dem kein Geschrei mehr in die Ohren gellt,
Am Ufer nächtigt nun der kühnste Schwimmer. 447
    Ich beuge dir mein Knie, du mächtiger Geist,
    Der uns die Zukunft schüttelt und verheißt.

Wär ich dir, Friedrich Nietzsche, nah gewesen
In deiner fürchterlichen Einsamkeit:
Ich wär des großen Königs Narr gewesen,
Dich hätte sicher mein Humor befreit,
Es wär ein Freund zur Seite dir gewesen,
Ein Freund, demütig deiner Weltweisheit.
    Ich hätte wettgemacht als Zeltkumpan,
    Was Unverstand und Bosheit dir getan.

So huldigte Liliencron dem stürmischen Geist, der, in demselben Jahr wie er selbst zur Welt geboren, unablässig bis zu tragischem Sturz nach jener Bezwingung des Lebens gestrebt hatte, die Liliencron immer wieder erreichte. Was ein Darsteller Nietzsches von diesem sagt, er wäre antisozialistisch, antifeministisch, antidemokratisch, antiintellektualistisch, antipessimistisch, antimoralistisch gewesen, das paßt durchaus auf Liliencron, insbesondre, wenn man statt der verneinenden überall die bejahenden Kennworte wählt: aristokratisch und männlich, künstlerisch und lebensbejahend. Feinde der Gesellschaftsmoral, nicht einer tiefer gefaßten Ethik, waren sie beide und beide im letzten Grunde – nichts lehrt das besser als »Poggfred« – einsam, nur war Liliencron der glücklichere, weil er im Gegensatz zu Nietzsche aus dem Vollen leben durfte und konnte. Von beiden gilt Nietzsches

Flamme bin ich sicherlich,

aber Liliencron war beschieden, sein Feuer anders zu verlodern. Er durfte kämpfen, das Schwert tragen und fand in der entscheidenden Stunde das erlösende letzte Dichterwort, das ihn in allem Druck und Drang des späteren Lebens vor der Verzweiflung, vor der Abwerfung der Erdenlast, vor dem herannahenden Wahnsinn bewahrte, den er als Erbteil väterlichen Bluts gelegentlich deutlich verspürte, und von dessen Beschattung er sich immer wieder dichterisch befreien konnte.

Aus der eifrig fortgesetzten Lesung von Chroniken gewann Liliencron den Gesang vom Grafen Johann dem Andern von Kiel und seinen Kindern. Nicht alles ward hier volles Leben, aber am Schluß erreicht Liliencron doch eine ungemein starke Stimmung. Sechs Söhne hat Graf Johann schon begraben und beerbt, nachdem sie ihn einst abgesetzt und ins Gefängnis gesperrt hatten. Noch einmal heiratet er, und 448 ihm werden ein Sohn und ein Zwillingspaar von Töchtern beschert. Die beiden Mädchen ertrinken im Gartenteich, der junge Christof wird von Feinden aus dem Turm hinabgeworfen und liegt zerschmettert auf den Fliesen. Nun sitzt in der Sommersonne

Der blinde Greis mit seinem Gram allein.

Man meldet ihm das Nahen einer Lübecker Orlogsflotte, die ihm huldigen will.

Noch ein blanke Schwenkung, sie sind da.
Die Anker rasseln polternd auf den Grund,
Die Mannschaft brüllt, der Himmel wankt, Hurra!

Doch der, dem immer Lübecks Freundschaftsbund
Unschätzbar war, ist eben still entschlafen.
Umflorte Tuben gebens eilig kund.

Gott sei uns gnädiger als diesem Grafen.

Was Liliencron in der ersten Fassung des »Totenvogels« gesucht hatte, die Auseinandersetzung mit der Gestalt Jesu, versuchte er noch einmal in dem siebenundzwanzigsten Gesang des ganzen »Poggfred«: »Der Gottfinder« (früher »Der Gottsucher« benannt). Ein Freund, der seit langen Jahren irren Geistes ist, kommt zu sterben. In der letzten Stunde reckt er sich auf, und zwischen dem Dichter und dem Diener stehend, spricht er sich noch einmal aus. In seinen Worten kämpfen »Verstand und Unsinn, Zeit und Raum«. Er sieht sich wieder im Kirchenstuhl sitzen, dem schrecklichen Kruzifixus gegenüber, dessen Eindruck Orgellaut und Beterchor übertönen. Ernüchterung und Zweifel tauchen auf, aber die feste Zuversicht an des Heilands Liebeslehren, an der »Pfingsten frohe Chöre« bleibt. Bilder aus Prag, von einem Totentanz schieben sich dazwischen, der Tod führt in seine große Nacht, wo seine Paladine, unter ihnen Richard Dehmel, schlafen. Und schließlich findet der Phantasierende unter einem Baum hoch über der Ebene die Weltentrauer in Person, in braunem Gewande, auf eine umgekehrte Keule gestützt. Sie kündet:

                        Leb und stirb, du Tor!
Und jenseits herrscht derselbe Unverstand. 449

Das Weib verstummte. Geisterhaft verlor
Die Eule sich in ferne Leichenzüge,
Die Sonne würgt sich aus dem Nebelflor.

Ich aber jauchzte: Weiche von mir, Lüge!
Doch immer stand das Weib noch unterm Baum,
Als wenn den Schmerz der ganzen Welt sie trüge.

Da schrie ich auf. Ich glaube!

Die Verkörperung des Pessimismus weicht der Zuversicht des endlich aus des Wahnsinns Nacht Erwachten, mit dem sich Liliencron nicht bis zum Letzten gleichsetzt; sein eignes letztes Wort gibt er noch nicht, aber in tiefer Ehrfurcht läßt er dies Vermächtnis der Freundeslippen ertönen:

Sein letzter Hauch noch sprach: O glaubt, o glaubt!

Gleich im nächsten Gesang klingt wieder die Frage:

Gibt es ein Wiedersehn? ein Weltgericht?

Aber gepriesen wird der feste Wille im Sinne jener goethischen »Beherzigung«; wenn der nicht hülfe, so würde nichts als schwarze Stille sein und der Mensch mit ausgespannten Armen in den Tod gehn. So aber träumt sich der Dichter sein »letztes Geleit« nicht, wenn einst »das letzte Glück und der letzte Tag«, wie für Wulff Gadendorp, so nun für ihn da sein werden. Schlachtmärsche tönen, zuerst der Torgauer, bei dessen Klang Fritz und Ziethen im Gedächtnis auftauchen, der Hohenfriedeberger, der Finländer; drei Salven folgen. So geht ein Held dahin, so, das fühlen wir, will der Dichter selbst hingehn, nur daß er dem Schlachtgeleit noch ein Gedicht des Lyrikers nachschickt, den er längst geliebt und umfangen hatte, als Deutschland ihn vergaß: Eduard Mörike.

Wir wollen deinen Kranz den Sternen zeigen.

Und so klingt der Cantus aus in des Schwaben unvergängliche Verse: »Denk es, o Seele.«

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen. 450
Sie werden schrittweis gehen
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch, eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

Noch aber ist der Schloßherr von Poggfred nicht soweit. Noch lebt er, noch feiert er stille Heimkehr. In seinem Schleswig-Holstein ist er wieder, von dem es vordem in »Poggfred« hieß:

Mein Schleswig-Holstein, tief im Schnee versiegelt,
Wie lieb ich dann dich erst, mein Wiegenland!
Du hast die Türen alle fest verriegelt,
Und deine Knicks sind Wetterschirm und Wand,
Bis sich in deinen Fenstern wieder spiegelt
Des Sommers roter Abendsonnenbrand.
    Mein Schleswig-Holstein, tief im Schnee vermummt!
    Nie bist du laut, nun bist du ganz verstummt.

Jetzt aber weht laue Sommerluft über Rain und Rasen; das Bild eines Heimgegangenen taucht einen Augenblick auf:

Dort in den Garten tritt ein Prinz hinein,
Wo laubige Linden stehn um Marmorvasen:
    Ein Prinz mit großen, blauen Dichteraugen,
    Die ernst die Märchenschönheit in sich saugen.

Und von diesem Abbild Emils zu Schoenaich-Carolath geleitet, fährt der Dichter in den Abend hinein. Gedanken an Marseille tauchen auf, mitten in der Haide, Gedanken an wilde Erlebnisse, an eigne frühere Gedichte und schließlich an das späte Familienglück. Grimms Märchen und Dehmels »Fitzebutze« werden dem kleinen Wulff gelesen, und der Träumer vergreift sich und singt ihm, »der mit offnem Mäulchen, wie ein Dorsch« horcht, französisch das Liebeslied aus »Carmen« vor. Da aber ist der Traum aus, der Herr von Poggfred fährt schon aufs Schloß zu, und alles erscheint am lieben Jagdhaustor.

Am Wagenschlag steht Bertouch, ganz schlohweiß,
Treu meinem Hause bis zum Höllenschlunde. 451
Und in der Halle, hell im Kerzenkreis,
Erwartet die Baronin mich im Bunde
Mit Wulff; sie, meines Lebens Himmelspreis,
Soll bei mir sein auch in der letzten Stunde.
    Vadder un sien Familj. Klein Abel lacht:
    Papa, hast du mich auch was mitdebacht?

Noch einmal erreichte Liliencron im Rahmen dieses seines Lieblingswerks die letzte Höhe, als er, in andershin gewendeter Dankbarkeit, den beiden Dichtern huldigte, die ihm das Maß für diese Strophen geliehn hatten, Dante und Byron. Er fährt auf der Marschinsel von Koog zu Koog, er springt aus dem Wagen und steht auf der Deichkrone.

Bischuern regnets. Sonnenschein zugleich.
Und überm Ozean ein Regenbogen,
Erst voller Farben, bleicher dann und bleich.

Und unter ihm, weit, weit die grauen Wogen,
Im Gischt, im Kampf die wilden weißen Kämme,
Und alles ist von Glanz und Gold umzogen.

Ein rotes Segel tanzt in dieser Schwemme,
Ein großes weißes Segel tanzt dazu,
Grell fällt ein Streifen aus der Wolkenklemme.

Zu seltener Einheit werden hier noch einmal von dem Dichter, um dessen graue Haare die Schwalbe flitzt, Himmel und Meer verwoben. Dann aber zeigt sich fern im Süden eine quirlende Masse, aus der endlich ein Panther hervorspringt. Die Herannahenden scheinen eine Tier- und Tänzertruppe, die ein Löwe und ein Wolf begleiten.

Mein alter Jägerblick verläßt mich schnöde.
Wer sind die Männer bloß? Der eine hinkt,
Der andre geht hochauf. Mein Blick wird blöde:

Das ist . . . Ja . . . nein . . . ob mir das Tollhaus winkt?
Was? Hier im Dunst auf meinem Winterdeich,
Wo silbern, fern im Watt der Seehund blinkt, 452

Wie? Hier in meinem ewigen Regenreich,
Wo nie ein Oelbaum in der Sonne brannte,
Wo feucht die Birken tropfen, nebelweich,

Im Lande der Barbaren find ich – Dante?
Und neben ihm? Das ist doch nicht Virgil,
Der da herhumpelt an der Wasserkante?

Die Feder sträubt sich meinem Gänsekiel:
Ich sehe Byron! Arme Oberlehrer,
Euch schaudert wohl bei diesem Gaukelspiel,

Des klaren zierlichen Virgils Verehrer.
Ich bin nun einmal nicht in ihn verrannt,
Er ist mir spaßig wie ein Pudelscherer.

Oh, jetzt erkenn ich all den bunten Tand:
»Das muntre Pardeltier«, des Löwen »Wut«,
Der magern Wölfin gierigen Wünschebrand.

Und vor mir steht der Zug: Daß all mein Blut
Zum Herzen stößt in wirbelnder Erregung,
Und ganz entstürzen will mir Mark und Mut.

Und mir entstürzt auch jede Ueberlegung.
Nur, wie sichs ziemt vor so erlauchten Geistern,
Verneig ich mich mit ruhiger Bewegung.

Dante fragt finster, wer dies Menschenkind sei, und der Angeredete antwortet mit des Florentiners eignen Versen:

Und wer durchs Leben ruhmlos hingezogen,
Der läßt nur so viel Spur in dieser Welt,
Wie in den Lüften Rauch, Schaum in den Wogen.

Und dann gibt Dante Antwort auf die Frage, warum er mit seinem Urteil oft zu streng gewesen sei:

Als ich noch durch die Enge
Der vollen Lebensgassen friedlos schritt,
Fiel mir am meisten auf im Volksgedränge: 453

Neid, Haß und Geiz, der Streber, der Bandit,
Bestechlichkeit, die Lüge und das Laster;
Ich sah, daß Gold allein den Sieg erstritt.

Jetzt, durch den Himmelsfensteralabaster
Seh ich den Menschen tiefer auf den Grund
Und denke milder, wie ein müder Raster.

Mit einer unvergeßlichen Linie zeichnet Liliencron den Dichter:

Hehr, hoheitsvoll, mit weich verschlossenem Mund,
So stand vor mir der edle Ghibelline,
Verherrlicht von des Lorbeers schmalem Rund.

Anderes aber fragt er nun Byron; von dem will er wissen, wo nach dem Kampf bei Missolunghi sein Herz geblieben sei. Und ganz im Stil des »Don Juan« erzählt der Lord, wie die Kapsel mit dem Herzen von Hand zu Hand wanderte: ein Tartar, ein Kerl aus Carpovist, ein Serail-Gardist, ein Mohr, des Schlachtfelds Hyäne, endlich ein Pascha waren die Besitzer von Hülle und Inhalt, bis das Kleinod schließlich im Museum eines englischen Gelehrten landet, als König Chufus menschlich Herz, das ein Jude bei der Mumie gefunden haben will.

So sprach Mylord, und hat dabei gelacht,
Und vor mir stand er leuchtend wie noch nie
Und schön wie Satan in der Sündennacht.

Und eine Tuba herrschte: Das Genie!
Und Lorbeerblätter schneiten um sein Haupt.

Flöten und Harfen tönen her, und mitten auf dem kahlen Heimatfeld Schleswig-Holsteins

Steht Beatrice aus der ›Himmelsrose‹
Und hat den ganzen Abend weit erhellt.

Ein Wunder geschieht.

Die Schleierschwingen Beatricens leben,
Vom letzten Flug noch angestrengt, und zittern
Wie überm Gartenteich Libellen schweben. 454

Und wie Libellenflügel silbern flittern,
Wenn Rast sie halten auf der Wasserrose
Und ihre Schatten kraus im See zerknittern.

Und Dante lehnte sanft die makellose,
Die junge, fromme Magd an seine Brust,
Die zu ihm trat aus Gottes ewigem Schoße.

War sie dereinst auch meine Jugendlust?
Dies süße Antlitz hab ich ja gekannt,
In jenem Drange, der uns kaum bewußt,

Der spät zurück uns bringt ins Kinderland
Und uns auf unserm schweren Lebenswege
Erinnerungshold in frühste Kreise bannt,

Und den wir hätscheln wie die Blumenpflege,
Die uns erfreut im rauhen Tagesreigen,
Oasenquell im Wüstensandgefege.

Der ersten Liebe scheues, blödes Schweigen,
Der ersten Liebe knospenhafte Blüte,
Wie sie unschuldig lacht aus Lilienzweigen.

Der Sphärenglanz erlischt, die Dichter wandern weiter.

Die Flut schwoll langsam. Eine Möwenschwinge,
Kaum noch erkennbar, zögert durch die Luft
Und rüttelt wild, als säß sie in der Schlinge.

Der Zug verliert sich schon im dichten Duft,
Noch seh ich Danten im Gespräch mit Byron,
Dann nimmt sie wieder auf die Geistergruft,

Wo sie sich ernst und würdevoll verschleiern;
Doch glüht lebendig ihre Ruhmespracht,
Und Kränze schmücken dankbar ihre Leiern.

Genug! Der trübe Tag hat ausgewacht,
Sanft decken Rabenflügel Näh und Ferne
Und sargen mich in unbegrenzte Nacht.

Hoch oben aber funkeln frech die Sterne. 455

Für alle Sprengung der ursprünglichen Form des Epos, die manche dieser schwächeren, spät hineingestellten Gesänge brachten, entschädigen solche Bilder von Glanz und Größe, aus denen es überall wie Abschiednehmen klingt.

Weniger stark tönt dieser Laut aus den kleineren Gedichten der letzten Jahre, die den neuen Auflagen der »Bunten Beute« angefügt wurden; nur einmal in dem 1896 in Frankfurt gefundenen, aber erst jetzt gestalteten Gedicht »Die Regimentsfahnen« schlägt er wieder durch. Erinnerung weitet das Herz vor den alten Kriegsfahnen neben den feiertäglichen Kerzen des Altars.

Denk ich all der Kameraden,
Die an meiner Seite fielen?
Blutige Schärpen, Kriegsballaden,
Früh ins Grab vor hohen Zielen.
    Plötzlich bin ich tempeleinsam,
    Stimmen hör ich, tonlos, wüst,
    Mühsam her aus fernen Gräbern:
    Heilige Fahnen, seid gegrüßt.

In einer großen Ballade »Der purpurrote Rockzipfel«, die Liliencron einst einen Hintertreppenroman mit Schicksalsglossen nannte, gab er der blutigen Begebenheit durch fein abgetönte Abgesänge ihre besondre Schwere:

Durch die dichten Buchenstämme,
Durch die dichten Blätterdämme
Lugt der Mond ins Märchenland.

Dann wieder:

Hat die alte Schicksalskatze
Schon gehoben ihre Tatze?
Oder schleicht sie wohl davon?

Vom Sommer 1906 bis zum Sommer 1908 schrieb Liliencron kaum einen Vers. Unablässig beschäftigte ihn der Gedanke an seinen Lebensroman. Zurück bis in die Kellinghuser Zeit ging der Plan, dies Buch zu schreiben. Aber über Ansätze kam der Dichter nie hinaus. Schließlich stand es ihm fest, erst dann wirklich ans Werk zu gehn, wenn er, der drückenden Sorgen ledig, für diese Darstellung aus dem Vollen schöpfen könnte. Und so hat er getan. Im Sommer des Jahres 1907 456 schrieb er in der Stille von Alt-Rahlstedt das Werk nieder. Aber es hieß nun nicht mehr: »Wo kam er her?«, sondern:

Leben und Lüge.

Man erkennt die Verwandtschaft mit Goethes Überschrift zur eignen Lebensgeschichte; aber es liegt in dieser Wortwahl neben dem Zusammenklang von Dichtung und Wahrheit noch ein anderer Sinn. Liliencron hatte seinen Prolog zu Shakespeares »König Lear« geschlossen:

Des Schicksals Wahrheit ist des Lebens Lüge,

und diese Zeile in »Poggfred« wiederholt. Die scheinbare Lüge des Lebens, das uns fortwährend mit falschen Vorspiegelungen betrügt, das uns, aller Selbstzucht zum Trotz, oft genug in die Irre führt, ist im Grunde die Wahrheit des Schicksals, die wir am Schluß rückschauend erkennen – dann ordnet sich der Wirrwarr des Scheins zur Klarheit des Seins; das scheint mir dieses oft umrätselten Spruches einfacher Sinn zu sein.

Liliencron hatte »Dichtung und Wahrheit« erst spät zu Ende gelesen und dabei nicht immer ein reines Gefühl gehabt, so sehr ihn der Aufbau des Ganzen als Kunstwerk fesselte. Ohne Quellenstudien getrieben zu haben, empfand der geborene Dichter noch stärker als gelehrte Beurteiler die Stilisierung des Erlebten und empfand sie zunächst als Unwahrhaftigkeit, ja, geradezu als Verlogenheit. Mit sicherm Künstlerempfinden fühlte er überall die Wahrheit der Begebenheit, um die unser Scharfsinn sooft bis zu ergötzlichen Meinungsverschiedenheiten streitet, und Liliencron erkannte etwa den Kern und die Wirklichkeit der heiß umkämpften Friederiken-Tragödie mit unbeirrbarer Sicherheit sofort. Er selbst hatte einst in Altona den Spruch Lichtenbergs über sein Sofa genagelt: »So lange wir nicht unser Leben so beschreiben, daß wir alle Schwachheiten aufzeichnen, von denen des Ehrgeizes bis zum gemeinsten Laster, so werden wir nie einander lieben lernen.« Als Liliencron aber im grauen Haar daran ging, sein Leben zu schreiben, da hielt er sich nicht an diesen Spruch, sondern an die jetzt recht verstandene Weisheit Goethes. Liliencron hatte in einem Leben voller Kampf und Sieg, voller Verkennung und Anerkennung, reich an innerm Widerstreit und innerer Selbstbezwingung, gelernt, daß nur im Gedicht der Künstler das Recht hat, so tief hinein und so weit hinaus von sich auszusagen. Von den »Adjutantenritten« bis zu »Poggfred« waren die letzten Leidenschaften, die Stärke und 457 die Schwachheit seiner Erdentat in Verse hineingeflossen, die gleich voll von dionysischem Rausch wie von apollinischer, im Feuer geläuterter Selbstzucht waren. Auf die nackte Darstellung des Lebens in der Form eigner Erinnerungen hatte, so empfand er nun, die Welt kein Recht, ja, so wenig wie der Biograph und der Briefherausgeber das Recht haben, von den eigensten Geheimnissen auch des größten Lebens den Schleier zu ziehen, so sehr hat auch der Selbstdarsteller seines Lebens die Pflicht, sich zu geben, aber sich nicht ohne den Schleier der Dichtung aus der Hand der Wahrheit preiszugeben. Darum entstand die Verhüllung, darum ward »Leben und Lüge« auch ein biographischer Roman, und hinter einem Schleier erst taucht überall Liliencrons eigenes Antlitz auf. Das Wort

Schreib dich, vergiß das nie!

hatte sich Liliencron ja sofort ergänzt:

Und schreibst du Poesie, schreib Poesie!

das heißt: wähle, beschränke, bring ins Enge!

Der Held von »Leben und Lüge« wird in einer winzigen Grenzfestung im Westen geboren, deren Kommandant der Oberst von Vorbrüggen ist. Sein Geschlecht stammt von den Troubadouren Südfrankreichs, ist aber im siebzehnten Jahrhundert (also seit dem Bestehen des Liliencronschen Adels) in Dänemark ansässig. Der Oberst hat seine beiden einzigen Söhne verloren, und an der Schwelle des Alters, fünfundfünfzigjährig, empfängt er, drei Vierteljahre nach einem Liebesmahl zur Feier seiner Beförderung zum General, von seiner Frau, der Tochter eines Pastors, einen Spätling, einen Sohn. In jener Nacht nach dem Liebesmahl hat der Aldebaran, der alte Glücksstern Vorbrüggens, heiß und hell vom Himmel gestrahlt, und das Kind streckt alsbald nach der Geburt seine dünnen Ärmchen durchs unverhangene Fenster demselben roten Funkelstern entgegen. Der General ist arm, hat aber einen letzten, sehr reichen Geschlechtsvetter, den Grafen Enewold Vorbrüggen in Holstein, und dieser wird zum Paten bei dem Kleinen geladen, er legt ihm den Namen Kai bei und setzt ihn zum Erben ein.

Still gehn Kais Kinderjahre dahin, früh zeigt sich in seinem Charakter ein auffälliger Wechsel von Stimmungen, ein Schwanken zwischen tollster Ausgelassenheit und abgeschlossener Schwermut. Im zehnten Lebensjahr verliert er den Vater, und die Mutter zieht nun auf Wunsch des Grafen nach Kiel, in dessen Stadthaus. Der 458 Ausländer, der »Preuße«, wird in der Gelehrtenschule zu Kiel zuerst von den Kameraden verprügelt, die sich von seinem Staat an Dänemark verraten glauben. Dann aber macht er die Schule regelmäßig durch, engbefreundet mit zwei Knaben, Henning von Schmalstede, dem Sohn eines Großgrundbesitzers, und Klaus Klünder, dem Sprossen eines Pantoffelmachers – in Hennings Zügen lebt wohl etwas von dem Jugendfreunde August Thomsen. Die Ferien werden in Tangbüttel verlebt, dem Schloß Enewolds, das Liliencron genau dem alten Besitz Tangstedt, in der Haide, nordwestlich von Hamburg, nachgebildet hat. Da zeigt sich gleich beim ersten Mittagessen an Enewold in einem furchtbaren Zornausbruch ein Stück versteckten Wahnsinns, der im gewöhnlichen Tageslauf nicht hervortritt. Der Junge kehrt mit der Mutter im Kloster Itzehoe ein, er erlebt völkische Feste unter der dänischen Herrschaft, Vogelschießenbälle in Dorfgaarden, eine erste stürmische Liebe, die als Kinderstreich abgetan wird, und kommt dann nach Magdeburg auf die Schule, um preußischer Offizier zu werden. In Mainz tritt er in den königlichen Dienst. Bei einem Urlaubsbesuch in der heimischen Forst erwachen zum erstenmal in einem stillseligen Abenteuer mit einem Bauernmädchen die jungen Sinne. Kriegsschul- und Posener Garnisonerlebnisse werden erzählt, und dann geht es in den Krieg, der in knappen Tagebuchblättern vor uns aufwächst. Nach dem Feldzug von 1866 kehrt Kai aus Posen nach Mainz zurück, dort lebt er mit großem Aufwand, dort erlebt er allerlei kleine Liebesgeschichten. Aber Kai spielt auch, und gibt viel mehr aus als er darf. Er wird zum Vormund und Ohm berufen, der ihn bittet, den Abschied zu nehmen und in die Verwaltung der großen Güter und des großen Vermögens einzutreten. Aber ehe das möglich ist, bricht der französische Krieg aus. Und wieder wandern wir an der Hand von Tagebuchblättern über die Schlachtfelder. Kai wird verwundet, kommt ins Lazarett, leidlich geheilt wieder zur Truppe zurück und tritt nach beendigtem Feldzug aus. Jetzt zieht er nach Tangbüttel, denn Enewold hat ein schlimmes Ende genommen. Von Zigeunern, die trotz strengem Verbot auf seiner Besitzung hausten, ist er während eines seiner krankhaften Wutanfälle erschlagen worden, und Kai wird nun der Erbe des unermeßlichen Vermögens. Güter in Jütland, in Rußland, in Spanien, in der Provence fallen ihm zu – in ihren Namen taucht der Besitz Andreas Paulis, des ersten Liliencron, wieder auf; die russischen und spanischen verkauft Kai auf den Rat seines Generaldirektors, das kleine französische Eigentum will er in der Erinnerung an seine Familiengeschichte behalten. Er findet 459 im Nachlaß Enewolds allerlei Aufzeichnungen, die er sorgsam prüft, er besucht Lübeck und Hamburg, er vertieft sich in die Geschichte seiner Heimat, er empfängt Henning und Klaus bei sich und geht dann auf eine große Reise nach Süden. Abenteuer in Rom und Neapel werden erlebt, bis sich Palermo vor ihm auftut, »ein Paradies auf Erden«, die Ruhstatt der beiden unvergeßlichen Hohenstaufen, deren Truhen Kai erschüttert betrachtet. Auf italischem Boden verlobt er sich mit einer jungen Gräfin, der Tochter eines österreichischen Kavalleriegenerals; vor Kais merkwürdigen schwarzen Augen, »die schwärzer noch dunkelten als sizilianische Augen«, ist das junge Mädchen zuerst erschrocken, aber bald ist mit südländischer Heftigkeit die Liebe über beide gekommen. Und von seinem Schlößchen in der Provence, das er unerkannt besucht, schreibt er Philomena die seligsten Liebesbriefe. Aber die Verlobung nimmt ein furchtbares Ende. Nach einem Besuch auf dem österreichischen Schloß, bei dem die Hochzeit verabredet wird, empfängt Kai die Nachricht vom jähen Tod seiner Braut, die von ihrem scheu gewordenen Pferde zu Tode geschleift worden ist. Nur die schon Aufgebahrte sieht er noch einmal wieder, dann führt ihn eine lange Fahrt auf eigner Dampfjacht über den Ozean, und zwar zuerst nach der nordischen Sehnsuchtsstadt Ripen auf Jütland.

Von dieser Reise erfahren wir nichts. Wir sehn Kai erst wieder, wie er nach Jahren, ein gereifter Mann, verheiratet, auf Tangbüttel lebt, Vater einer Tochter, Heilwig. In allen großen europäischen Hauptstädten hat er ein kleines »pied à terre«. In seinen drei Lieblingsstädten, Ripen, Prag und Palermo, hält er sich alljährlich einmal auf, seine gesellschaftlichen Pflichten erfüllt er, ist aber am liebsten allein zu Haus. Nachts steht er zuweilen auf, den Aldebaran zu sehn, kniet nach hundert Schritten über den Rasen nieder und starrt schmerzlich in die Höhe. In aller Stille übt er größte und klügste Wohltätigkeit, und spät ist er selbst ein Dichter geworden. Stilles Wandern durch Knick und Moor, stilles Lesen der geliebtesten Dichter, vor allem Dehmels, füllt die Tage aus, und durch den Sonnenschein treibt sich neben Heilwig der kleine Wittekopp, der im Jahre 1900 geborene Sohn. Noch einmal kehren die beiden Freunde, Henning jetzt kommandierender General, Klaus ein berühmter Naturforscher, bei ihm ein – zum letztenmal. Denn jetzt verschwindet Kai. Eben noch hat er Clemens Brentanos Gedicht vom Feind, vom Tod, in seine Sammlung geschrieben, da geht er, dem Aldebaran zu, durch den Schnee, zum erstenmal über die sonst eingehaltenen Grenzen 460 hinaus. »Und keiner fand ihn in den nächsten Wochen und Monaten. Er ist verschwunden geblieben.«

Nie hat Liliencron so knapp erzählt wie in diesem Spätbuch, nie zugleich so alle seine Gaben zusammengefaßt; selbst der Neigung zu Einflechtungen hat er nur einmal nachgegeben, in der kleinen geschichtlichen Novelle von Wiebke Blunck, dem holsteinischen Bauernmädchen, das an den französischen Hof gelangt und in der Revolution mit ihrer Herrin, der Prinzessin von Lamballe, getötet wird. In knappen Sätzen geht alles an uns vorüber von der Jugend bis zum Tode, und über der ruhig erzählten Wirklichkeit ruht von Anfang an ein geheimnisvoller Schleier, den jene Beziehung zum Funkelstern Aldebaran spinnt. Der Wahnsinn, der dann und wann an die Schläfe Enewolds pocht, mildert sich bei Kai, dem gegeben ist, zu sagen, was er leidet, zu einer verträumten Seltsamkeit, einer einsamen Schwermut, die ihn langsam dem Leben des Tages entzieht.

Die Welt der Kriegsnovellen taucht in den Schlachtberichten empor, wenn immer wieder über den Tagebuchaufzeichnungen ein lebhaftes Bild der eisernen Zeit aufgeht. Die Welt des »Mäcen« wird wieder lebendig in dem Schloßherrn, der sich in Goethe versenkt und die besten und größten Dichter als liebste, stille Gäste seines Zimmers beherbergt. Der Sinn für die Natur Schleswig-Holsteins lebt sich in immer neuen Schilderungen aus, und die Sehnsucht nach dem geschichtlich verklärten Süden findet ihre Erfüllung. Auch von »Poggfred« ist die Rede als von dem Lieblingswerk des immer einsamer werdenden Dichters. »Nur von einer Dichtung, die jetzt noch kaum recht verstanden sei, glaubte er, daß sie die Zukunft ertragen könne: von seinem ›Krötenkrieg‹, dem kunterbunten Epos in neunundzwanzig Cantussen.«

Es fehlt nicht an kahleren Stellen in dem Werk – im ganzen ist es durch die Stimmung weltüberwindender Ruhe ein erschütterndes Bekenntnis aus einem Leben, das nach immer wieder einsetzender Unruhe einmal zur Rast kam. Die metaphysische Vergeltung für alle Not, die Wulff Gadendorp und der Schloßherr von Poggfred darstellen, wird hier noch einmal und in der gehaltensten Form vorgeführt. Kai ist ebenso wohltätig und schenklustig wie diese zwei, aber klüger, vorsichtiger, vom Leben erzogen. Und erschütternd gehn Dichtung und Leben in eins in dem Gespräch zwischen Kai und den nun auch reif und alt gewordenen Jugendfreunden. Am letzten Abend vor dem Abschied sitzen die drei beim Grog – die beiden Freunde wissen nicht, daß es ein Abschied für immer ist. Da fragt Kai 461 unvermittelt: »Wollen wir drei, ehe wir diesmal wieder auseinandergehn, uns einmal ganz offen und frei und mutig unsere Weltanschauungen gegenseitig ausschütten? Es darf kein Trug und keine Heuchelei dabei sein. Wahr und klar, wie wir drei immer miteinander und untereinander gewesen sind, so lange wir uns kennen, wollen wir uns jetzt, in dieser Stunde, das sagen, was wir vom Leben und vom Tode denken. Seid ihr einverstanden?« Alle drei sprechen nun. Henning gibt sein Bekenntnis zum positiven evangelischen Glauben, und der hohe Offizier sagt weiter:

»Das beste in allen meinen Tagen hab ich gefunden: Schweigen und schweigen können. Das sind zwei verschiedene, nicht leicht auseinander zu haltende Begriffe. Wer schweigen kann, hat den Preis gewonnen. Ich brauche nicht erst die vielen Sprichwörter, die wir darüber haben bei allen Völkern, auszukramen.

Wer sich so viel wie möglich von den Menschen zurückzieht, ist, nach meiner Ansicht, verloren. Zuerst lassen ihn die andern unbeachtet, für sich, dann aber fallen sie über ihn her und reden, daß er hochmütig geworden sei.

Auch meine Meinung ist es, daß wir Menschen alle mit Masken kämpfen, daß wir die Maske nie voreinander ablegen. Wehe, wenn wirs täten: Wir wären sofort rettungslos bloßgestellt und stünden ungeschützt da. Jeder hat zuerst für sich zu stehen und sich nicht auf den andern zu verlassen. Jeder ist mir verächtlich, der nicht bis zum letzten Atemzug um sein geistiges und körperliches Leben kämpft. Die geringste Schwäche rächt sich an uns. Aber durch diesen ewigen Streit, den wir, alle, durchfechten müssen, werden wir hart und eigennützig. Da soll uns das Herz helfen, die heilige Lehre des Erbarmers, daß wir nicht verhärten, daß wir liebevoll werden und bleiben gegen unsre Mitmenschen; daß wir uns immer wieder zurufen: Sei hilfreich, sei gütig gegen deinen Nächsten, stehe ihm bei, wenn er unter seinem Joch zusammenbrechen will.«

Klaus spricht am kürzesten: »Mich hat die Naturgeschichte das gelehrt, daß wir niemals wissen werden, was der Anfang war und was das Ende sein wird. Was uns alle erhält, was unser Leben überhaupt erst möglich und erträglich macht, ist das unwillkürliche Erinnern an ewiges Gewesensein und das eingeborene Gefühl ewigen Werdens.« Kai aber beginnt mit etwas anderem: »Wir drei sind in einem gleichgesinnt: in unsrer Liebe und treuen Hingebung für Kaiser und Reich, für das Vaterland. 462

Aber im übrigen: Zu welchem Ergebnis, zu welcher Schlußfolgerung muß jeder Mensch gelangen, wenn er alt geworden ist?

Ich habe Gott gesucht, so lange ich klar und vernünftig denken kann. Ich fand ihn nie, ich finde ihn nicht. Das Dornengestrüpp der ewigen Widersprüche unsres irdischen Daseins hat bei mir von jeher auch den geringsten Keim der Hoffnung auf ein himmlisches Jenseits erstickt. An die Unsterblichkeit der Seele glaube ich nicht. Das ist bedauerlich für mich, das bekenne ich frei. Dadurch, daß wir an nichts glauben als an die Natur, sind wir haltlos, ohne in Materialismus und Decadence untergehen zu müssen, wie die Eiferer uns nur zu gern hämisch zuschleudern, uns ihre wutgeballten Fäuste vor die Stirn haltend. Ich meine, daß sich die meisten gewaltsam zwingen: zu glauben, sich was vorzudenken, oder wie man gemeiniglich sagt: sich was vorzureden, vorzugaukeln, vorzulügen, lediglich aus Angst: es könnte doch sein – weil sie sich sonst den Tod geben würden. Sie sagen sich: wenn ich nach den ewigen Qualen und Sorgen auf Erden nicht jenseits des Grabes entschädigt werde, was soll ich hier?

Ich glaube, und ich bin ganz ohne Furcht dabei, so weit die uns allen eingepflanzte Furcht vorm Tode nicht unausrottbar ist, ich glaube: daß wir, wenn wir gestorben sind, in keiner Erscheinung weiterleben werden, daß wir, wenn wir die Augen zum letzten Schlaf schließen, für immer ›gewesen‹ sind. Ein trauriger Glaube, ich sage auch das offen. Jede sogenannte Staatsreligion in Ehren: wir sollen ihr nicht trotzen, sondern sollen ihren Weisungen und Warnungen gehorchen, schon aus Gründen der Vernunft, und vor allem, weil wir uns dem Gesetz zu beugen haben, dem wir alle, ausnahmslos, untertan sind. Aber keiner kann zu einem bestimmten Glauben gezwungen werden. So soll man mir das lassen, was meine Überzeugung vom Leben ist: Alles Leben ist Lüge.

Das Rätsel des Daseins, der Welt wird niemals erraten werden. Irgend ein Furchtbares steht über uns: Das Schicksal, bei jedem Volk mit andern Namen genannt, das Schicksal, dem keiner entrinnen kann.«

Er redet weiter von der Reinheit Jesu, von dem unablässigen Kampf auf der Erde, von der Einsamkeit der Haide, in die er sich zurückziehn will für ein paar Sommer und ein paar Wintertage jedes Jahres. Schließlich aber erhebt er sich unwillkürlich und fährt fort:

»Und doch, ihr Freunde, irgend etwas ist in mir, ist in uns allen: Die unverwüstliche Gewißheit: Wir haben eine Erinnerung an eine 463 andre, eine frühere Welt. An eine Welt, wo wir selig gewesen sind. An die uns irgend etwas in uns, wenn auch nur in seltenen Minuten, mahnt. Ist es nicht, als wenn wir fühlten, daß uns ein Stern, den wir verlassen mußten, zurückruft? Daß es uns zuweilen ist, als wenn wir uns von Geschöpfen dieses Sterns unsichtbar umgeben fühlten? Als wenn sie uns zuflüsterten: Komm, komm zurück zu uns. Wir führen dich hinauf –«

So spricht aus den Worten Kais von Vorbrüggen zum letztenmal der, der Gott gesucht, so lauge er denken konnte. 464

 

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