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Gutenberg > Heinrich Spiero >

Detlev von Liliencron

Heinrich Spiero: Detlev von Liliencron - Kapitel 21
Quellenangabe
typebiography
booktitleDetlev von Liliencron
authorHeinrich Spiero
year1913
firstpub1913
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDetlev von Liliencron
pages568
created20180802
sendergerd.bouillon@t-online.de
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19.
Der zweite Gedichtband.

Liliencron gehörte für die Öffentlichkeit zum Jüngsten Deutschland, das wohl auch ein unwirscher Literarhistoriker Grün-Deutschland nannte. In seiner, vom »Magazin« 1885 veröffentlichten Besprechung des Holzschen »Buchs der Zeit« bekannte er ausdrücklich: »Es flutet und braust seit Anfang unseres Jahrzehnts: eine neue Dichtergeneration stürmt mit fliegenden Fahnen vorwärts. Keine Epigonen sinds. Das ist unverkennbar. Schütteln sich die jungen Dichter durch ihren Hochmut glücklich durch, sind sie gerettet – und die Gründer in der Tat (ich weiß mich nicht anders auszudrücken) eines neuen Dichterstammes. Sonst lauert auch auf sie die Krankheit unserer Zeit: der Größenwahn.«

So bewährte der nicht mehr »grüne« Mitgänger, den jede mutige Tat und jedes mutige Wort rasch ergriffen, auch hier sein feines, kritisches Maß. Die Selbstüberhebung und hochmütige Abweisung des Alten, die dieser wie jeder jung auftretenden Schar anhafteten, durchschaute er sofort und ließ sich überhaupt nichts vormachen, erkannte gleich, wo nur scheinbar Neues und scheinbar Echtes lag, empfand das »Redensartliche«, fontanisch gesprochen, immer und überall. Echte Begabung zog er wohl selbst zuerst ans Licht, wie er den besondern Ton Timm Krögers und später die Größe Gustav Falkes und Richard Dehmels sofort erfaßte.

Aber dieses feine Unterscheidungsvermögen, das ihn bei Friedrich um die Stelle eines »Generalschnüffelmeisters« bitten ließ, hinderte Liliencron nicht, sich immer wieder, etwa auch in der Besprechung der »Modernen Stoffe« von John Henry Mackay, zu den Jungen zu bekennen, sofern sie mit der abgedroschenen Tagesware aufräumen wollten und aufräumten.

Er tat es aus dem Zwang seiner Natur, aus dem jugendlichen Gefühl seines gereiften Herzens, aus der, auch durch das Studium von Literaturgeschichten (wie der von Franz Hirsch) gewonnenen geschichtlichen Überzeugung heraus. Er nahm klar und mutig Stellung, nicht gewillt, den gewählten Posten zu verlassen – wie einst im wirklichen Gefecht. Das schuf ihm begeisterte Bewunderer, brachte ihm jene Zurufe von allen Seiten aus dem Lager der Jungen ins einsame Haus – es schuf ihm auch viele Gegner und schadete seiner eignen Wirkung auf sein Volk unermeßlich. Seine Gedichte verlegte der eigentlich »revolutionäre« Buchhändler der Zeit; die rasch aufschießenden Blätter der Jungen rühmten Liliencron – es war nur 284 natürlich, daß die überwiegende Schar deutscher Leser nun den Dichter ebenso ablehnte wie seine jungen Genossen – hatte doch von der Bank des Bundesrats herab ein hochverdienter und sonst maßvoller, in seinen politischen Anschauungen unbefangener Staatsmann, Tonio Bödiker, selbst vor einem so wenig zerstörungssüchtigen, so gut national empfundenen Werk wie Wolfgang Kirchbachs »Kindern des Reichs« öffentlich gewarnt. Und zumal die in den Großstädten maßgebende Presse der bürgerlichen Linken verfolgte die neue Richtung mit Hohn und Spott, während auf der Rechten eine stärkere Bemühung zu objektivem Bewerten vorhanden war. Von Berlin her ertönte die seichte Witzelei Oskar Blumenthals. In Hamburg empfahl der Kritiker des freisinnigen Fremdenblattes Arnold (Liliencron fügte stets hinzu: Aaron) Weiße aus Ungarn dem Grafen Leo Tolstoi, dessen Werk nun in Deutschland durchzudringen begann, seinem Namen ein zweites L einzufügen, und veralberte Gerhart Hauptmanns »Einsame Menschen«. Der Gedanke, Verse aus den »Adjutantenritten«, Erzählungen aus der »Sommerschlacht« in Schullesebücher aufzunehmen, wo sie heute niemals mehr fehlen dürfen, wäre jenen Jahren wie ein schlechter Scherz, wenn nicht Schlimmeres, erschienen. So dauerte es länger als ein Jahrzehnt, bis die tausend Drucke der »Adjutantenritte« vergriffen waren, noch im zehnten Jahr war mehr als ein Viertel der Bände unverkauft. Von »Unter flatternden Fahnen« setzte der Verlag, obschon ihm zwei eigne Zeitschriften für seine Anzeigen zur Verfügung standen, im Durchschnitt etwa 170 Stück im Jahre ab. Bei diesen Mißerfolgen war es Friedrich, der ohnehin große Lasten trug, kaum zu verdenken, wenn er Liliencron gegenüber, der noch dazu häufig Vorschüsse in Anspruch nehmen mußte, mit dem Entgelt knauserte. Für die »Merowinger« empfing der Dichter hundert Mark, für die »Sommerschlacht« beim Erscheinen gar nichts, für die späteren Prosawerke fünfundzwanzig Mark für den Druckbogen – und diese Beträge waren bei ihrer Fälligkeit gewöhnlich durch die aufgesummten Vorausbezahlungen verschlungen. Und so beanspruchte Liliencron auch für den zweiten Gedichtband, über den er im Jahre 1888 mit Friedrich verhandelte, kein Geld beim Erscheinen. Schon im August kam er mit dem Plan, zu Weihnachten oder zum Frühjahr das Buch herauszubringen – Friedrich riet ab und bat um Verschiebung, wünschte auch eine vorherige Durchsicht durch Heiberg, was Liliencron bestimmt und mit berechtigtem Selbstbewußtsein ablehnte. Am 4. Januar 1889 sandte er dann die Handschrift für den Band ein und setzte über Druck, Größe und Korrektur, die er stets mit Entzücken las, 285 genaue Bedingungen fest – »Es ist das beste Buch, das ich ›liefere‹.« Am 24. Januar kamen die ersten Fahnen. Noch während des Lesens holte sich Liliencron eifrig sprachlichen Rat bei Daniel Sanders, Reinhold Fuchs und Xantippus (Franz Sandvoß), und am 20. April 1889 hielt er das neue Buch, mit Recht erfreut über die schöne Ausstattung des großgeschnittenen Bandes, in Händen – er war Theodor Gänge in Kiel gewidmet, dem schon die »Adjutantenritte« zugedacht waren und dessen manchmal fein spöttisches Urteil Liliencron in einem launigen Vorspruch übertreibend herbeiwünschte. Die Aufschrift hieß einfach »Gedichte«.

In straffen Abteilungen hat hier Liliencron seine Verse zusammengefaßt, bei der Auswahl war er bis zu seinen Anfängen zurückgegangen, bis zu Gedichten aus dem ersten Jahr nach seiner Rückkehr aus Amerika. Wie die »Adjutantenritte« mit soldatischen Klängen schlossen, beginnen die »Gedichte« mit ihnen. »Mit Trommeln und Pfeifen« erschallt der beherrschende Ton vergangener Zeit. Und in einem rasch vorbeirauschenden, im Tonfall an Lenaus Postillon-Gedicht erinnernden »Rückblick« zieht mit dem Gedächtnis eines Schlachtentags das Leben selbst vorbei:

Kinderland, du Zauberland.
Haus und Hof und Hecken.
Hinter blauer Wälderwand
Spielt die Welt Verstecken.

Mitten ins Weiterdenken hinter geschlossenen Lidern schallt der Befehl zum Aufsitzen:

Zügel fest, Fanfarenruf,
Donnernd schwappt der Rasen,
Bald sind wir mit flüchtigem Huf
An den Feind geblasen.

Jetzt in drei Strophen das denkbar schärfste Bild eines kriegerischen Zusammenrennens:

Anprall, Fluch und Stoß und Hieb,
Kann den Arm nicht sparen,
Wo mir Helm und Handschuh blieb,
Hab ich nicht erfahren. 286

Sattelleere, Sturz und Staub,
Klingenkreuz und Scharten.
Trunken schwenkt die Faust den Raub
Flatternder Standarten.

Täuschend gleicht des Feindes Flucht
Tollgehetzten Hammeln.
Freudig ruft in Wald und Schlucht
Mein Signal zum Sammeln.

Ruhe am Beiwachtfeuer nach dem Kampf – Rückkehr zu den Gedanken des Morgens und aus dem Erlebnis dann das knappe Ergebnis:

Schwamm ich viele Jahre lang
Steuerlos im Leben,
Hat mir heut der scharfe Gang
Wink und Ziel gegeben.

Ein drittes Gedicht führt von dem jungen Soldaten zu dem alten Obersten, gibt die Schlacht zuerst aus dem vollen Mitleben und dann aus der trüben Erinnerung erzwungener Ruhe heraus. Unbekümmert werden in dieser Dichtung »Der Zapfenstreich« des Kampfes Glut und Graus gemalt; die Verse waren schon 1880 in Borby entstanden und unter der Aufschrift »Der Oberst« einem Sonderdruck einverleibt worden.

Bald schallt des Todes Lustgekreisch,
Granaten reißen Fleisch aus Fleisch,
Wie Galgenraben hacken.

Man fühlt die Bewegungen des vorwärtsstrebenden Gauls und des Mannes auf ihm in dem knappen Jambenrhythmus:

Der Oberst vorne, goldbelitzt,
Beschmutzt der Kragen, blutbespritzt,
Er will den Sieg erklettern.
Schon hat die Kugel ihn geritzt,
Der Degen blinkt, der Degen blitzt,
Der Huf gräbt Schädellettern. 287

Noch viermal wird, um die Einheit der rasch vorbeifliegenden Geschehnisse zu unterstreichen, derselbe spitze Reim benutzt:

Da kam der Pfeil, für ihn geschnitzt,
Der Pfeil war sein und scharf gespitzt,
Er stürzt im Vorwärtsfeste.
Und über ihm, wie Garn verfitzt,
Türmt Rad und Roß sich, glutdurchblitzt,
Ein Schlangenknäul im Neste.

In diesen beiden Strophen ist alles für das Auge bestimmt. Wir sehn mitbebend, mitstürmend Schlacht und Wunden. Jetzt wird unser Ohr in Anspruch genommen, und nach dem harten, achtmaligen Reim mit dem herrschenden i, mit dem zischenden tz läßt Liliencron den gleichen Selbstlaut mit andern Mitlauten lind zu uns dringen:

Zehn Jahre, die verflossen sind,
Durch viele Blätter lief der Wind,
Die Sarg und Brautkranz schmücken.
Der Oberst welkt im Gärtchen still,
Wo blieb der glänzende Achill,
Statt Schwert und Schild die Krücken.

In weißer Vollmondnacht sitzt der alte Held im Garten, da hört er Musik, zuerst nur Klingling und Paukenschläge, dann aber immer näher: Takttrommelschlag und näher: Takttrommelschlag und Schlachtgeleit. Das Bataillon des Städtchens bringt ihm einen Zapfenstreich; aber: Erinnerungen drücken. Und da alles wieder still ist, entführen Walküren den alten Soldaten.

Immer kehrt das Gedenken an die Schlacht und an den Marsch im Schritt und Tritt wieder, wenn Unter den Linden zu Berlin ein Rauch mitten im Straßenlärm emporsteigt und an die Feldwache in kalter Winternacht, an den Tod eines Kameraden auf weißem Schnee mahnt, bis, zum Abschluß dieser Soldatenverse, heiter und hell die Musik einhermarschiert und der tiefmusikalische Dichter jedem Musikgerät den besondern Ton ablauscht und, goldener Laune voll, den Hauptmann, die Leutnants, die Grenadiere, die zuguckenden Mädchen abmalt.

Mit Zithern und Zymbeln geht Liliencron im zweiten Teil des Buches daher, seine Liebeslyrik ist reif, farbig, strömenden Lebens voll geworden. In der Pinasse, wie einst vor Pellworm, wiegt er sich auf dem Meere. 288

Letztes Ufer im Verblassen,
Hoch am Maste der Pinassen
Wimpelt die Verschwiegenheit.

Das war schon in den »Adjutantenritten« gesungen worden; nun aber kommt die Bö, und nach dem ruhesamen Versmaß des ersten Gedichts geht es jetzt in raschen Anapästen, fast ohne jedes verbindende »und«, knapper Satz neben knappem Satz, einher:

An den Mast, an den Mast, und das Segel gerefft,
Aus dem Gurt in die Faust fest das Messer am Heft.
Keine Zeit, keine Zeit mehr, zerschneide das Tau,
Laß es flattern und wüten zu Wolken und Blau.
      Ich halte das Ruder.

Mit aller Anstrengung wird das Segel festgebunden und, eisern am Steuer sitzend, führt der Liebende das Schiff mit dem geliebten Mädchen durch die Flut.

In geöffnete Rachen, wir stürzen zu Tal,
An den Himmel gespritzt aus dem Riesenpokal.
Rasch erfasse die Sonn oder hasch einen Stern,
Wir versinken schon wieder in tieftiefe Fern.
      Ich halte das Ruder.

Schwarzgrüner Lurch, wollen zwei gewaltige, aufspringende Wogen das Schiff zerbrechen, aber es geht noch einmal hindurch, und anschaulich wird die zersprengte Welle gemalt:

Tausend quirlende Blasen, zerschäumender Schnee,
Sich entleerende Sintflut, begießt uns die See,
Und sie zieht uns hinab – da gewahr ich das Land,
Durch die strudelnde Strömung den rettenden Strand.
      Ich halte das Ruder.

Ein Liebesidyll unter Goldregen und Syringen, den immer wiederkehrenden Spätfrühlingsblumen Holsteins, wird in seligster Nachempfindung gemalt und dem früchtereichen Frühherbst die Liebeserfüllung abgewonnen. 289

Wie die Kirsche immer röter,
Wie die Birne gelber schwillt,
Wie das Korn dem Aehrentöter
Dankbar seinen Tod vergilt.
Alles, alles treibt zur Reife,
Aus der Schale bricht der Kern,
Rosenpracht, wohin ich schweife,
Alles glüht im Venusstern.

Unter dem Gewitter wird,

Wo die roten Kühe grasen,
Wo die bunten Blumen blühn,
Wo die kleinen Vögel singen,
Zwischen Hecken, zwischen Wiesen,
Zwischen Dorn und grünem Gras

in der Hütte an der Weide ein frisches Liebesabenteuer gepflückt. Und festlich erhebt sich die Liebesweise über Tod und Entsagung hinaus in einem unvergleichlich heiter-musikalischen Gedicht, der »Festnacht«:

Schleifende Schleppen und schurrende Schuhe,
Wie sie auf spiegelnder Glätte sich drehn,
Flatternder Schnurrbart und fliegende Schöße,
Wie sie vorüber den Ballmüttern wehn.
Unter kristallenen Kronen und Kerzen
Schlagen die Schläfen und hämmern die Herzen,
Schimmert der Nacken Geleucht im Gewirre,
Funkelt der Steine Geflacker, Geflirre.
Hinter den Tanzenden her wie die Häscher,
Leicht wie die Falter, die Rosentaunäscher,
Folgen verkappt Amoretten dem Flor.
Hörner und Harfen und Flöten und Geigen
Fachen die Flammen im lodernden Reigen
Höher empor.

Wir brauchen es nach diesen lebensprühenden Daktylen nicht erst ausdrücklich zu erfahren, daß hier ein Walzer getanzt wird, wie ihn Liliencron als Leutnant und noch viel später gern und unermüdlich schleifte. Und in dem seligen Genuß des Tanzes knüpft sich rasch ein Liebesband, 290 nicht zu gieriger Umschlingung, sondern zu sehnsüchtigem, reinem Ausklang mitten in der Natur, fern dem Staub und der Hitze des Festorts. Wir sind eben noch selbst ganz erfüllt von dem jachternden, mitreißenden Ton der Hörner und Harfen und Flöten und Geigen, der jauchzend anreizenden Musik; nun treten wir aus der Fülle in die einsame Ruhe der Natur.

Wir wandern durch die stumme Nacht,
Der Tamtam ist verklungen,
Du schmiegst an meine Brust dich an,
Ich halte dich umschlungen.

Und wo die dunklen Ypern stehn,
Ernst wie ein schwarz Gerüste,
Da fand ich deinen kleinen Mund,
Die rote Perlenküste.

Und langsam sind wir weiter dann,
Weiß ichs, wohin gegangen.
Ein hellblau Band im Morgen hing,
Der Tag hat angefangen.

Um Ostern wars, der Frühling will
Den letzten Frost entthronen.
Du pflücktest einen Kranz für mich
Von weißen Anemonen.

Den legtest du mir um die Stirn,
Die Sonne kam gezogen
Und hat dir blendend um dein Haupt
Ein Diadem gebogen.

Du lehntest dich auf meinen Arm,
Wir träumten ohn Ermessen.
Die Menschen all im Lärm der Welt,
Die hatten wir vergessen.

Dem Liebesreichtum folgen Schmerz und Glück »Aus der Zunft«. »O wär es doch« tönt es aus letzten Tiefen empor. Jagd hinter dem Keiler, Gefecht auf dem Raubschiff der Korsaren, vor allem scharfes 291 Reiten auf nassem Pferd, fürs Vaterland zu siegen – danach sehnt sich das Herz.

O wär es doch! Denn den Philisterseelen,
Den kleinen, engen, bin ich satt zu singen.
Zum Himmel steuert jubelnd auf die Lerche,
Den Dichter mag die tiefste Gruft verschlingen.
      O wär es doch!

Tiefe Bitterkeit spricht aus dem Gedicht »Das Wundertier«, aus dem »Dichterlos in Kamschatka«, wo der vom Publikum und vom Kritikus Gemißhandelte, der Clown im Vaterlande auf den Nachruhm verwiesen wird, aus den Versen »Auf den Tod eines im Elend untergegangenen deutschen Dichters«, bei denen Liliencron wohl an den unseligen Albert Lindner dachte, dessen jammervolles Ende ihn tief bewegte. Aber auch hier darf nicht nur geklagt werden, auch hier ringt sich in den schönsten Versen das echte Lebensgefühl durch, das, seiner Bestimmung gewiß, schafft und schafft. Die tote See wird als Symbol gewonnen. Das Meer ist vom Sturm umgewühlt und am nächsten Tage ist alles ruhig geworden, es bebt nur noch im Wasser;

Der Schiffer nennt den Schwall seit alter Zeit
      Die tote See.

Ist dir, Poet, in Leidenschaft das Herz
      Noch übervoll,
In Lust und Leid, in Liebe, Schmach und Schmerz,
      Es macht dich toll.

Allmählich doch verzehrt sich Wut und Glut,
      – Noch zitterst du –
Verwandelt sich das aufgeregte Blut
      In Rast und Ruh.

Dann wirst du wohl ein stiller Gärtner sein,
      Der Rosen bricht,
Und all die Kränze, all die Kränze dein
      Sind ein Gedicht.

Aus den vielen Sizilianen, die Liliencron im Lauf der Jahre, immer wieder dieser Form ergeben, geschaffen hatte, gab er eine kleine 292 Auswahl und zeigte in zwei dieser scheinbar starr gebauten Strophen, wie die Gegensätze von Ruhe und Sturm durch ihn doch auch in diese regelmäßige Form gebannt wurden. Zuerst der Fühler:

Weit der Schwadron war ich vorausgeritten,
Und hielt im Nebel, horchend, auf dem Hügel.
Kommandoruf, vom Winde abgeschnitten,
Verworren klang Geklirr von Roß und Bügel . . .
Da brach ein Reiher, nah, aus Nebelsmitten,
Und nahm den Schleier auf die breiten Flügel:
Sonnübersponnen, unten tief, durchschritten
Die Furt Husaren, Zügel hinter Zügel.

Und dann nach der Beobachtung die Tat:

Den Gaul herum, die Seligkeit vergessen,
Schieß ich zurück, mein Schatten ist betrogen,
»Fertig zum Aufsitzen« und »Auf—gesessen«,
Dann fort, und von der Erde aufgesogen,
Vorsichtig, still, in richtigem Ermessen,
Schlau wie die Rothaut zieht im Gräserwogen.
Halt . . . Säbelwink . . . Der Eisensporn dem Blessen,
Und in den Feind sind wir hineingeflogen.

In bunterer Folge gab Liliencron dann Gedichte »verschiedenen Inhalts«. Die Ballade von »Wiebke Pogwisch« ertönt, nicht ein handlungsvolles Schlachtengedicht, sondern der Nachklang einer großen Tat, das Begräbnis des Vaters mit den acht Söhnen vor der hohen Frau, die nicht trauern will, weil sie in adeliger Pflicht gestorben sind. Süßer Vogelsang klingt über die Gruft. In breitmalenden Versen, durchdrungen vom Glockenton des Doms, wird Kaiser Wilhelms letzter Auszug aus seinem Palast dargestellt, das schönste Gedicht jener Schicksalstage neben Fontanes »Letzter Fahrt« Kaiser Friedrichs.

Ein dunkler Sarg, so tränenschwer,
Ein Troß von Königen hinterher.
Wie die Wolken erschrocken hasten,
Der Wind packt: Halt, halt! des Bahrtuchs Quasten.
Doch durch das bewegte Lüfteleben
Seh ich wohl hundert Adler schweben
Mit wundervoll ruhigem Flügelschlag,
So stolzes Geleit wie am Siegestag. 293

Den alten Soldaten aber drängt es ungestüm noch einmal an den Katafalk. Unter dem Dämmer der Fackeln zwischen Lorbeer und Palmen steigt ihm das Bild des französischen Blachfeldes auf:

Mit ihm, mit ihm hab ichs durchgelebt.

Unbändiges Freiheitsgefühl schlägt aus dem »Cincinnatus« empor, Haß gegen des Dienstes Fesseln und Druck, Absage an Ehrgeiz und Würden und Amt, aber auch das selbstverständliche Bekenntnis zum Vaterlande, dem der freie Mann auch in der Feldschlacht dienen will, bis dann der Friede wieder einzieht.

Dann stemm ich die Spitze von meinem Schwert
Fest auf den häuslichen Feuerherd,
Umfasse den Griff mit der einen Hand,
Und trockne das Blut von Rill und Rand,
Und schleif es, gewärtig zu jedem Tanz,
Doch heute bedeckt es ein Eichenkranz.
Meinen Jungen im Arm, in der Faust den Pflug,
Und ein fröhlich Herz, und das ist genug,
Frei will ich sein!

Am tiefsten vielleicht in Schmerz und Glück dieses Dichterlebens führt die Dichtung »Das Herz«. Sie stammt schon aus dem Jahre 1879, aus der Zeit der jungen Ehe, und hieß damals »Dithyrambisch«.

Dem Pflaster gleich, auf dem seit langen Jahren
Die Menschen ziehn in ungezählten Scharen,
Wo Rad und Hufe ihre Spuren graben –
Bist du mein unverwüstlich Herz.

Dann ging es weiter, in Erinnerung an das von jeher geliebte Bild der Merowingerin Brunhilde:

Brunhilden gleich, geschleift von grauen Strähnen,
Die eingeflochten in des Rosses Mähnen,
Im Staub verfolgt von giergequälten Raben,
Bist du mein arg zerstücktes Herz. 294

Und dennoch jung und dennoch stille Quellen,
Und dennoch je wie frohe Narrenschellen,
Zum Spielen aufgelegt wie muntre Knaben –
Bist du mein unbegreiflich Herz.

Immer wieder hat Liliencron an diesem ihm unendlich lieben Gedicht gefeilt und ihm schließlich am 17. Juni 1886 in Kellinghusen die letzte Form gegeben, die es im Buche trägt:

Das Pflaster täuschend, das seit langen Zeiten
Die Menschen unablässig überschreiten,
Wo Rad und Hufe tiefe Spuren graben,
    Bist du mein vielgefurchtes Herz.

Aufjauchzend, sterngestreift, in Hochgedanken,
Jähnieder, erdgeschleift, in Dorn und Ranken,
Verfolgt, zerhackt von giergequälten Raben,
    Bist du mein aufgewühltes Herz.

Und alle Freuden sind wie Rauch verflogen,
Verwelkt, verschwunden wie der Regenbogen,
Kein Ladenhüter blieb zurück der Gaben,
    Bist du mein ausverkauftes Herz.

Und dennoch jung und dennoch stille Quellen,
Und dennoch je wie frohe Narrenschellen,
Zu Spielen aufgelegt wie muntre Knaben,
    Bist du mein unbegreiflich Herz.

Neben einem reizenden Gedicht voll behaglichen Humors, in dem sich der Dichter statt der an der Kasse geholten drei Mark und acht den Besitz des großen Geldschranks träumt und dann ernüchtert wird, stehn prunkvolle Alexandriner, in denen im Zeichen des Todes Rückschau gehalten wird auf Freudenstunden, zumal in Schlacht und Jagd und Liebesnacht, und wo zum Schluß, da der Tod mit Eisenarmen zufaßt, die Frage ertönt: wem bin ich denn willkommen?

In neun aufeinanderfolgenden Gedichten huldigte Liliencron geliebten Genossen seiner Einsamkeit; er schrieb die Verse hin, die er dem toten Theodor Storm dankerfüllt gewidmet hatte, er rühmte den Sieg Gottfried Kellers und Arnold Böcklins (beide Gedichte hatte zuerst 295 der »Kunstwart« gebracht), und er prägte für Conrad Ferdinand Meyer mit genialer Sicherheit das bezeichnende Bild:

Ein goldner Helm in wundervoller Arbeit –
In einer Waffenhalle fand ich ihn
Als höchste Zier.

Und immer liegt der Helm mir in Gedanken,
Des Meisters muß ich denken, der ihn schuf –
Bin ich bei dir.

Auch da bewährte er sein kritisches Stilgefühl, das mit der Herzenshöflichkeit nichts gemein hat, in der Liliencron, zumal später, jungen, beifallsbedürftigen Dichtern gelegentlich ein gar zu kräftiges: »Dichten Sie nur ruhig weiter, mein Poet!« zurief.

Wie er Heinrich von Kleist in einem knappen Aufsatz darzustellen versucht hatte, so beschwor Liliencron ihn in einem liebevollen Sehnsuchtsgedicht auf die deutsche Erde herab.

Du Herrlicher!
                          Nur einen Sommertag,
Nur einen hellen Sommertag hindurch
Verlasse deines Himmels goldnen Saal
Und weil als hoher Gast in unsrer Mitte.

Er wollte Kleist sehen lassen, daß das Leben jetzt anders sei als in dem dumpfen Druck der napoleonischen Zeit, wollte ihm das einige Deutschland und – wie bezeichnend ist das – Bismarck zeigen:

                                                        Tritt wo
Sein Fuß, das ist ein Gruß: es schallt die Welt.

Von Gewinden und Ehrenbogen überkrönt dachte er sich die Straßen, die der Herabgestiegene durchschreiten sollte. Aber Kleist zögert.

                                          Wie . . . Lieber . . .
Die Hände hast du übers Herz geschlagen,
Das einst die kleine graue Kugel traf.
Und nun . . . die Rechte nimmst du von der Brust
Und zeigst, abwehrend, ihre Innenfläche
Und wendest langsam dich von uns . . . 296

                                          Was solls? . . .
Ah, nun erkenn ich deine Schmerzgebärde:
Du möchtest nicht zum zweitenmal verhungern.

In einem Distichon beklagte Liliencron, daß das deutsche Volk Mörike nicht kenne, er schickte M. G. Conrad, dem Führer der Jungen, einen frischen Zuruf und sandte vom finstern Strande dem Bayern Heinrich von Reder (1824–1909) Grüße hinüber, in dessen Bauernkriegsgedichten und lyrischen Schlachtenbildern er einen verwandten Ton empfinden mochte. Dann aber – auch das ist bezeichnend – führt in einem letzten Gedicht des Abschnitts Liliencron von Büchern und Gedichten weg in seine Natur zurück. Wie er vordem den Walzertakt und den Wellenrhythmus des geschaukelten Bootes eingefangen hatte, ließ er nun seine Verse im wohligen Trab eines Nachtrittes einhergehn.

Es sät der Huf, der Sattel knarrt,
Der Bügel jankt, es wippt mein Bart
      Im immer gleichen Trabe.

—   —   —   —   —   —   —   —   —
Der sammetweichen Sommernacht
Violenduft und Blütenpracht
      Begleiten mich im Trabe.

—   —   —   —   —   —   —   —   —
Und wohlig weg im gleichen Maß,
Daß ich die ganze Welt vergaß
      Im Trabe, Trabe, Trabe.

Und immer fort, der Fackel zu,
Dem Torfahrtlicht der ewigen Ruh,
      Im Trabe, Trabe, Trabe.

Wie die Siziliane, so meistert Liliencron die Ottave. Das Erlebnis mit Friedrich und Heiberg bei Pfordte tritt hier aus dem ABC-Buch in den Druck. Und aus der Abgeschlossenheit des äußern Lebens und dem fruchtbaren Alleinsein unter Gottes Himmel rundet sich das Gedicht »Einsamkeit und Manneskampf«.

O Einsamkeit, violenblaue Blume,
Wie blühst du sammten, aller Welt so weit. 297

Wie die Not immer wieder zur Tugend ward, wie ihm das Fernsein von allen literarischen Kämpfen doch auch den reinen Spiegel seiner Begabung unangehaucht ließ, so rühmt der Dichter nun den köstlichen Genuß der Stille »auf dem Eiland der Abgeschlossenheit« – bis dann der Augenblick kommt, da einmal aus der Einsamkeit die Kralle des Wahnsinns sich herausreckt. Zum Kampf soll es dann gehn, denn das ist Menschenlos; nur soll irgendwo ein einsames Haus bereit sein, in das der Streiter nach dem Siege sich zurückzieht, wo ein liebes Weib mit zärtlich heißem Dank ihn umfängt. Und so: Kampf und Ruhe, heiße Arbeit im Getümmel und selige Rast zwischen den eignen Wänden bis zum Ende, bis die violenblaue Blume Einsamkeit den Erdenkrieger befreit,

Und hab genug im Lebensbuch gelesen:
Ein Tag, kein Glück, viel Leid, und bin gewesen.

Derselbe Gedanke: Kampf, wo es nottut, und stillste Ruhe am häuslichen Herd, am eignen Pflug, wie er durch den »Cincinnatus« und durch dieses Gedicht tönt, kommt immer wieder auch in den »willkürlich betonten« letzten Gedichten des Bandes zum Ausdruck. Unter der »vielarmausstreckenden, kronenbreiten, uralten Buche« lebt die Freude am eignen Besitz, bis dem aus der Ferne an der Spitze seiner Husaren herangezogenen »deutschen Großkronenträger« das Gelübde geleistet wird, wenn es sein muß, mitzuziehen mit jauchzender Seele »für dein Herkulesgeschlecht, für unser Vaterland.« Am 17. Juni 1888, zwei Tage nach dem Tod »des edelsten aller Menschen, Kaiser Friedrichs«, war dies Gedicht entstanden. »Es erregte mich der Gedanke, einen so jungen Nachfolger im Reich, ›im Reiherfederschmuck‹, uns im Kriege mit deutschem Kaisermut voranstürmen zu sehen. Zugleich – ja, das zu erklären wird mir schwer; vielleicht: jener köstliche Gedanke, ein freier, ohne mit Geldsorgen behaftet, Gutsbesitzer zu sein; mein Ideal: Cincinnatus – kam mir dann das Bild, Unter der Buche!« Übers Knicktor gelehnt, schaut der Dichter, den Stock in den Händen, ein andermal in die bunte Sommerwelt. Wieder hört er von ferne Soldatenmusik und sieht »über den spielenden Halmspitzen blitzende Helmspitzen,« schaut über den aufgepflanzten Seitengewehren die Siegesgöttin schweben und hinter ihr den Frieden, dessen Triumph aber nicht von ewiger Dauer ist. In reizvollen freien Rhythmen wird der Goethe der römischen Elegien angerufen, der »Prachtkerl,« der des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand der Liebsten auf den 298 Rücken gezählt hat und dafür von den Philistern, den Allerweltsschwätzern, verdammt ward.

Einst, du Hoher,
Fingerte ich Verse wie du.
Himmlisch war es.
Gaukelnd von Holdchen zu Holdchen,
– Abwechslung verdumpft das Herz nicht –
Hatt ich sie alle so gern.
Freilich, der Philister schaudert
Bei diesen Worten;
Annehmbarer schon klingt es der biedern Seele,
Zahmer, harmloser, erlaubt:
Ein ander Städtchen, ein ander Mädchen.
Damals dacht ich nicht an dich,
Du treues Roggenfeld.
Rosen wand ich
Der Liebsten ins Haar;
Mit Spangen und Ringen
Schmückt ich ihr Arm und Hände.
Heute steh ich ernst am Knicktor,
Zusammengerafft,
Klarer, denkender,
Der gefüllten Ähre
Unvergleichliche Wichtigkeit erkennend.

Dies gefaßte Bewußtsein des gereiften Menschen spricht noch deutlicher aus jenem von Menschenliebe randvollen »An Wen« und aus dem »Notturno«; dies Gedicht stellt die Einsamkeit des nächtlichen Landes gegen den rohen Lärm eines Singspielhauses. Weit geht die Wanderung durch die Nacht über Weiden, durch Wald und Bruch, bis ein Bild auftaucht (das in Prosa gegeben wird). Der Haß gegen den Bourgeois, wie ihn auch der alte Fontane hatte, gegen den satten Pächter der Öffentlichkeit, nicht gegen den Bürger, flammt auf, und der Dichter sieht sich selbst im Sande liegen, eine Riesengestalt mit schwarzer Rüstung über sich, und wie einst der römische Cäsar durch das Senken des Daumens den Tod verhing, so zeigt das ganze Volk mit den Fingern nach unten: Er soll sterben, er soll sterben. »Ein ungeheurer Vogel fliegt dicht unter den Sternen hin und verdunkelt sie. Seine Flügel reichen von Sonnenaufgang nach Sonnenuntergang« – es ist der Totenvogel, der Liliencron so wohl bekannt war. 299

Dann aber fährt der aus dem Traum empor. Und in der Morgendämmerung erquickt ihn das eisige Wasser des kleinen Flusses, die ersten Sonnenstrahlen umglitzern den nassen Arm. Stimmung und Erlebnis der Nacht haben den Mann neu gestählt.

Auf meiner Schlachtfahne
Soll in leuchtender Schrift
Das edelste Wort glänzen:
Selbstzucht:

– Das Wort, das Wermut säet und Rosen erntet; das Wort, das die ausgestreckten, heißverlangenden Arme langsam sinken läßt: es muß sein, willst du dich vor dir selbst achten; das Wort, das die Stirn mit Schweiß bedeckt und sie trocknet wie ein kühlender Seewind am Julitag; das Wort, das uns nach härtesten Kämpfen in einen sturmstummen, warmsonnigen, felderbeglänzten, einsamen Herbstnachmittag stellt. –

Und um das gewaltige Wort
Stick ich den Stachelkranz:
Tod aller Weichlichkeit.
Über mich aber komme die Kraft
Gottes,
Den ich suche,
Seit ich denken kann.

So schloß diese Verse (es folgen nur noch ein paar belanglose Skizzen) das ehrfürchtige Bekenntnis dessen, der den mütterlichen Glauben verloren hatte und sich, nach dem Wortschatz der Menge, einen »Atheisten« nannte. Ein Gottsucher sprach nicht nur aus diesem Wort, er sprach aus dem tapfern Menschentum all dieser Verse, deren geläuterte äußere Reinheit ebensoweit noch über die »Adjutantenritte« hinausging wie ihr geistiger und seelischer Gehalt. Alles Gedämpfte erscheint noch feiner und alles Frische noch ebenso frisch; das Wort gehorcht dem Dichter noch rascher und sicherer, er findet immer wieder die letzte Bezeichnung, und aus der vollen Garbe fällt fast nichts leer zu Boden. Schon den »Adjutantenritten« konnten sich wenige Erstlinge der deutschen Lyrik vergleichen, sie übertrafen selbst Lenaus berühmte erste Sammlung, von den durch tausendfachen Zuruf begrüßten Probebänden Heines, Freiligraths, Geibels ganz zu schweigen. Nun hatte Liliencron ein Buch gegeben, das jenes hinter sich ließ, eine 300 Sammlung von so schwerer Fülle, wie sie keiner der Mitlebenden sein eigen nennen durfte. Kein Wunder, wenn er im Rückblick der nächsten Jahre wohl hätte sprechen mögen wie Hauptmanns Florian Geyer: »Dank bei den Deutschen ist nit zu erjagen.« Er mußte schon froh sein, wenn dann und wann ein Zuruf kam und in sechs Jahren ganze 670 Exemplare verkauft wurden. Diese Kunst war gar nicht dazu angetan, nur eine kleine »Gemeinde« um sich zu sammeln, wie es Liliencron einigen seiner Lieblinge nachrühmte. In ihr war das ganze deutsche Leben, wiedergegeben von einem, der es einst jung und todesmutig mitgelebt hatte und seinen Hall auch in der Einsamkeit Kellinghusens wohl vernahm. In ihr war endlich nach langen, müden Jahren voll Katzengold und Scheinkunst deutsche Kraft zusammengeschossen zu einer großen Leistung, deren eignen Ton nicht mehr überhören konnte, wer ihn erst einmal aufnahm. 301

 

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