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Detlev von Liliencron

Heinrich Spiero: Detlev von Liliencron - Kapitel 15
Quellenangabe
typebiography
booktitleDetlev von Liliencron
authorHeinrich Spiero
year1913
firstpub1913
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDetlev von Liliencron
pages568
created20180802
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13.
Adjutantenritte.

Sehr sorgfältig wählte Liliencron aus dem angewachsenen Schatz, als er sein Buch in die Welt sandte; nur neunundsiebzig Gedichte und achtzehn Sizilianen sammelte er ein. Es verging mehr als ein Vierteljahr, bis er mit sich über die endgültige Auswahl im Reinen war. Auf das Militärische des Mannes und des Werkes weist die Aufschrift und weist wiederum der Schluß des Buches hin, der in gestochenen Noten das preußische Infanteriesignal zum Vorgehen bringt.

Aber alle diese Verse werden dem Gouverneur einer einsamen Insel im Ozean in den Mund gelegt.

Auf einer Forscherfahrt im Ozean
Fand ich ein Inselchen, so leer und öde,
Als hätte jüngst das Schwert des Tamerlan
Den letzten Keim gebrochen, hart und schnöde
Die Pest gezogen ihre Beulenbahn,
Daß wenig Menschen blieben, blaß und blöde.
Doch funkelten auch hier die stolzen Sterne,
Und Well und Wolken spielten in die Ferne.

In der Gesellschaft des kleinen Städtchens am verschlammten Hafen zwischen dem steinleidenden Bürgermeister, dem hagern Richter, dem Arzt, dem Apotheker und dem Steuerempfänger, den beiden Pastoren und dem Rechtsanwalt lebt der Gouverneur mit zwei Adjutanten und einem Bataillon Soldaten. Er ward auf dieses weltentlegene Eiland verbannt, weil er mit der Tochter des Königs im Mondlicht des Gartens gefunden wurde, und ist auch nach der Begnadigung, in vierzig Jahren festgewachsen, hier geblieben. Seine Gedichte, Sonntags von neun bis zehn niedergeschrieben, sind im Waschtisch aufgefunden worden und werden nun veröffentlicht. Freilich müssen wir schon an Falkenaugen und junggebliebene Säfte glauben, an wuchtigen Athletenwuchs, der aber dem straffen, kleinen Liliencron selbst nicht eignete, wenn wir dem greisen Gouverneur diese Verse zuschreiben wollen; denn in ihnen lebt ein trotziger Freiheitsdrang, 162 brennt heiße Liebeslust, pocht jugendliche Selbständigkeit, die der Kämpfe immer noch nicht genug hat und in der Überwindung des Lebens schon nach dem nächsten Gegner ausschaut. Einem Freunde gilt das erste Gedicht, einem Freunde, dessen Antlitz noch die Spuren scheuer Knabenzüge trägt, und ihm wird die Erinnerung an gemeinsame Kindertage, fern von den andern, unter rauschenden Buchenkronen, zurückgerufen. Aber rasch fühlen wir unter der vorgenommenen Maske den Dichter von Pellworm selbst, das Bild der Mutter tritt aus dem windüberwehten Grab wieder vor seine Augen, »Tod in Ähren«, die Verse »In memoriam« zeigen in den Krieg zurück, »Wer weiß wo« und die Erinnerung an die großen Biwakfeuer sind aus denselben Erlebnissen herausgewachsen. Und sie beschließt die mit Versen durchsetzte Skizze »Adjutantenritte«. Es sind Geschehnisse aus einer Januarschlacht, aus der Schlacht von St. Quentin, die Liliencron hier bewegen. Regungslos hält der General, mitten unter den Bildern der Schlacht, mitten zwischen den hin- und herspritzenden Adjutanten und Ordonnanzen. Und dann spricht der Krieg selbst, »Granaten heulten, heiß im Mörderdrang«

Ich flog indessen, das war nichts gewagt,
Unter sich kreuzendem Geschoß inmitten.
Rechts reden unsre Rohre, ungefragt.
Links wollen feindliche sich das verbitten.
Gezänk und Anspucken, ich bin hindurchgeritten.

Ein Johanniter verkündet auf dem Schlachtfelde, daß König Wilhelm Kaiser geworden ist, und die Batterien donnern mit aller Atemmacht todtragenden Kaisergruß hinaus.

Zum Sturm, zum Sturm! Die Hörner schreien! Drauf!
Es sprang mein Degen zischend aus dem Gatter.
Und rechts und links, wo nur ein Flintenlauf,
Ich riß ihn mit ins feindliche Geknatter.
Lerman, Lerman! Durch Blut, Gewehrgeschnatter,
Durch Schutt und Qualm! Schon fliehn die Kugelspritzen.
Der Wolf brach ein, und matter wird und matter
Der Widerstand, wo seine Zähne blitzen.
Und Siegesband umflattert unsre Fahnenspitzen.

163

Da war denn endlich das größte Erlebnis der Männer, die jetzt dreißig und vierzig und fünfzig Jahre alt waren, Gedicht geworden. Und die einläßliche Beobachtung, die genaue Wiedergabe des Kleinen neben dem Großen war neu in diesem Werk, die Zeichnung von Ausschnitten aus dem Leben, in denen oft ein anscheinend nebensächliches Ding den unvergeßlich letzten Ton gibt. Hier zuerst konnte das Wort Impressionismus gebraucht werden, aber freilich in einem höheren Sinne als bei Heine, weil eine zusammenhaltende Künstlerkraft ein Abbiegen in gewollte Pointensucht peinlich vermied. An die Lyrik des gleichaltrigen Friedrich Nietzsche, an jene sparsamen und dabei so gehaltschweren Verse darf man erinnern, wenn der etwa, in blauer Nacht auf der Brücke stehend, den letzten Eindruck Venedigs festhielt oder unter wandernden Krähenscharen das Leid des Herbstes empfing. Hier war über Wilhelm Jensen und Heinrich Seidel hinaus der Anschluß an Theodor Storm gewonnen, die Stimmung der Haide, des Moors, des Waldes, der niedersächsischen Heimat überhaupt immer wieder sicher herausgebracht.

Tiefeinsamkeit, es schlingt um deine Pforte
Die Erika das rote Band.
Von Menschen leer, was braucht es noch der Worte,
Sei mir gegrüßt, du stilles Land.

Die Kunst der Wortbildung, die Liliencron eigen war, trat hier, zumal in den knappen Schlachtengedichten, sieghaft hervor, die Kunst der Einpressung und Zusammenfügung, wenn in der zweiten Strophe des Gedichtes »In Erinnerung« das Wort »Wasser« einen ganzen Vorgang vollkommen ersetzt.

Dem Tonfall des Krieges aber und dem brausenden, gellenden Takte der Schlacht folgt alsbald der schwebende Hauch eines holden Friedens, der noch im Nachgefühl das Herz weich umfließt.

                        Blümekens.

Kleine Blüten, anspruchslose Blumen,
Waldrandschmuck und Wiesendurcheinander,
Rote, weiße, gelbe, blaue Blumen
Nahm ich im Vorbeigehn mit nach Hause.
Kamen alte, liebe Zeiten wieder:
Auf den Feldern wehten grüne Hälmchen, 164
Süß im Erlenbusche sang der Stieglitz,
Eine ganze Welt von Unschuld sang er
Mir und dir.

Nun, seit Jahren, ordnen deine Hände
Perlenschnur und Rosen in den Haaren.
Wie viel schöner, junge Frau, doch schmückten
Kleine Blumen dich, die einst wir pflückten,
Ich und du.

Wieder finden sich ganz wie von selbst Silben zum neuen Wort zusammen: Wiesendurcheinander, Waldrandschmuck, das ist einfach abgepflückt wie die Blüten selbst, von denen keine genannt wird, und deren schlichte Farben, wie sie da nach und nach auftauchen, rot, weiß, gelb, blau, das volle Bild eines im Schreiten durch die Flur zusammengelesenen Straußes abgeben. Und mit außerordentlicher Feinheit ist dem Gedicht die zweite Strophe angefügt; die kunstvolle Absicht dieser so ganz selbstverständlich dastehenden Verse beruht in drei Dingen: erstens in der viel knapperen Fassung der zweiten Strophe: sie, die den Nachhall gibt, ist halb so lang wie die erste; zweitens wird in ihr nur eine Blume, die im Garten gewachsene Rose, genannt und mit einer Perlenschnur verflochten, was in wenigen Silben neue Gedanken zu neuem Bilde erweckt; endlich ist neu in dem sonst reimlosen Gedicht der Reim der beiden vorletzten Zeilen, auf den dann das mit feinem, musikalischem Gefühl ganz unkavaliermäßig zusammengestellte »Ich und du« verhauchend folgt.

Ruhig verriet Liliencron, daß er Platen und Bürger kannte, Uhland, Fontane, den damals bei den meisten vergessenen Strachwitz; bei jedem dieser Künstler empfand er, ob er die echte Fahne der Ballade schwinge oder nicht; aber was Liliencron im Tiefsten kannte, war die Schlacht, seine holsteinische Haide, Knick und Moor, der Sonnenbrand des Marsches, Liebesgestammel in einer weichen Sommernacht. Ihm eignete auch derber soldatischer Humor, wie ihn jene Ballade von König Ragnar Lodbrok, das ist mit den gepichten Hosen, erwies. Die ernsthaften Balladen der »Adjutantenritte« sind nicht alle gleichmäßig gelungen, vielfach noch zu sorglos durchgearbeitet. In der »Kapelle zum finstern Stern« lautet die zweite Strophe:

Herzog Abel schrieb das. König Erich ritt ein,
    Und lag im Bruderarme. 165

Viel Jauchzen der Ritter im Abendschein,
    Lauge Gudmunson schwieg im Schwarme.

Ein andermal heißt es:

Wo Lauge durchstach den erlauchten Herrn,
    Am Ufer steht die Kapelle.

Ähnliche Zeichen noch nicht völliger Ergreifung eines neuen Besitzes begegnen uns in den Balladen aus der Vergangenheit Schleswig-Holsteins noch öfter, aber freilich dazwischen auch innerhalb dieser Kleinepik lyrische Klänge, die dann wieder das minder stark Gestaltete überlichten, so in dem Gedicht »Trutz, blanke Hans«, das auf der See selbst empfangen war. Meisterlich ist im »Geheimnis« die Spannung vorbereitet, die uns alsbald umfängt und nicht mehr losläßt. Wir sehen zuerst ein edles Viergespann ungeduldig mit den Hufen scharren, bis, an der tiefgeneigten Dienerschaft vorüber, der Edelherr seinen Sitz besteigt, vom Fenster aus verfolgt vom Blick der blassen, stolzen, großen Frau. Nahe dem Haidkrug findet er in einem Häuschen am Waldrand einen Jungen, mit dem er glückselig spielt. Am Abend nach festlicher Gesellschaft schläft der Mann ruhig. Wir sind eingesponnen in die Stimmung eines Geheimnisses, wir sind begierig auf seine Lösung, wir fühlen, daß hinter dem äußerlich einigen Glück des Ehepaars etwas anderes verborgen glimmt. Die Lösung aber gibt Liliencron auf ganz eigenartige Weise.

Es schleicht die Sommernacht auf Katzenpfoten.
Des Schlosses Lichter alle sind gelöscht.
Der Herr des Hauses schläft in seinem Zimmer
Und atmet regelmäßig, ruhig weiter.
Ganz leise, leise, leise geht die Tür,
Und seine Frau, im weißen Nachtgewand,
Setzt vorsichtig ein Lämpchen auf den Tisch,
Und dämpft den Schein durch vorgestellten Schirm.
Dann sitzt sie bald am Rande seines Bettes,
Und lauscht und schaut auf die geschlossenen Lider;
Im gleichen Tonfall, langsam jedes Wort,
Spricht sie zu ihm, deß Brust sich hebt und senkt,
Und hebt und senkt, hebt – senkt, und hebt und senkt: 166

»Rudolf«. Kamilla? »Wie war heut die Jagd?«
Und er, als spräch er wachend, klar und deutlich:
Die Jagd, Kamilla? Nun, was soll die Jagd?
Ich war am Waldesrand bei meinem Sohn.

Schwamm ihr ein breiter Blutstrom vor den Augen?
Fiel dann der Schnee so dicht, so dicht herab?
Sie preßt die Hand aufs Herz so fest, so fest –
Und wieder fragt im selben Tone sie:

»Rudolf.« Kamilla? »Und wie heißt dein Sohn?«
Ich gab ihm meinen eignen Namen: Rudolf.
»Rudolf.« Kamilla? »Und wie heißt die Mutter?«
Die Mutter starb, als sie den kleinen Kerl
In meine Arme selig mir gelegt.

Unruhig wird der ruhig Schlafende.
Doch sie mit ihren stillen grauen Augen
Bannt ihn, daß seine Atemzüge bald
In gleichen Zwischenräumen wiederkehren.

»Rudolf.« Kamilla? »Liebst du noch das Mädchen?«
Bis jeder Stern vom weiten Himmel fällt.

Die Frau steht auf. Doch bleibt sie noch am Bett.
Ein letzter, langer, schwerer Abschiedsblick
In Haß und Eifersucht und Schmerz und Weh.
In grenzenloser Liebe küßt sie dann
Die Stirne dessen, der ihr Leben war.

Ein Ton lachenden Lebensbehagens schlug empor im »Bruder Liederlich«:

Die Feder am Sturmhut in Spiel und Gefahren,
Halli.
Nie lernt ich im Leben zu fasten, zu sparen,
Hallo.
Der Dirne laß ich die Wege nicht frei,
Wo Männer sich raufen, da bin ich dabei,
Und wo sie saufen, da sauf ich für drei.
Halli und Hallo. 167

Und der Fremdwortjäger Liliencron, der sich vom herkömmlichen Briefstil der Offiziers- und Beamtenzeit zu einem peinlichen Vermeider jeder Fremdwörtelei entwickelte, gebraucht hier die ausländischen Einsprengsel mit sicherer, gegenständlicher Meisterschaft:

Wir haben süperb uns die Zeit vertrieben,
                Halli.
Ich wollte, wir wären zusammen geblieben,
                Hallo.
Doch wurde die Sache mir stark ennuyant,
Ich sagt ihr, daß mich die Regierung ernannt,
Kamele zu kaufen in Samarkand.
                Halli und Hallo.

Die Kunst, einen Abgesang stimmunggebend zu verwenden, übt er in der »Schwalbensiziliane«, wo, immer nur durch eine Verszeile getrennt, bei Mutterglück und Liebesdrang, bei Manneskampf und Begräbnis wiederkehrt:

Es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder;

oder in dem Gedicht »In einer großen Stadt«, wo wiederum über alles Gedränge von Tod und Leben hinweg der Leiermann das letzte Wort hat, den Liliencron so liebte, wie Franz Schubert, der den »Leiermann« durch seine Musik in unvergeßlicher Weise geadelt hat:

Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Immer neu aber schlägt heißes Liebesempfinden durch, bald in entsagender Erinnerung, bald in jauchzender Eroberung. Da ertönt das »Ich liebe dich«:

Vier adlige Rosse
Voran unserm Wagen,

da wird die kleine blonde Komtesse eingeladen:

Setz in des Wagens Finsternis
Getrost den Atlasschuh. 168

Die lieben Hände werden gelöst, die sich sanft um den Hals gelegt, und in der Pinasse geht es aufs Meer hinaus:

Lustig Liebesabenteuer,
Wir alleine nur am Steuer,
Weite Wassereinsamkeit.
Letztes Ufer im Verblassen,
Hoch am Maste der Pinassen
Wimpelt die Verschwiegenheit.
    Bläst Nordost uns frisch hinaus,
    Weht Südwest uns sanft nach Haus.

Bis dann in seliger Erinnerung das Liebesgestammel ausklingt,

Wenn ich an deinem Herzen lag
Und nicht mehr dachte an ein Morgen –
    Glückes genug.

Leben war in diesem Werk auf jeder Seite. Mit einem Schlag hatte Liliencron erobert, um was die Jugend zu ringen begann: das volle Leben abseits von Zeitung und Feuilleton, abseits von Herkommen und landläufiger Ausdrucksweise. Wie immer in der neueren deutschen Geschichte drang gerade auch in jener Zeit eine ganze Anzahl von Offizieren zur Kunst, zur Geistesarbeit außerhalb des Berufs durch: Eduard von Hartmann hatte mit seiner Philosophie weiten Einfluß gewonnen, Fritz von Uhde begann seine lichtdurchflossenen Christusbilder zu malen, Wilhelm von Polenz stand in der Entwicklung zum realistischen Romandichter, bald lenkte Moritz von Egidy in die Bahn religiöser Wandlung ein, und alle diese Männer hatten, nach dem treffenden Wort Karl Lamprechts, etwas Gemeinsames: »Sie schaffen frei, ernst und im Sinne von Urnaturen, zumeist auch im hohen Grade unbekümmert um Beifall; alle die Vorteile, die die Entwicklung einer hohen Kultur auf kolonialem Boden auszuzeichnen pflegen, fallen ihnen zu; in dem Neuland ihrer Seelen ist nicht viel wegzuräumen, und der kräftige Boden bietet der geringsten Einsaat tausendfältige Frucht.«

Liliencron hatte auch vor den Kriegsbewährten unter diesen alten Kameraden manches voraus: schwere Liebesschicksale, schwere Lebensnöte, ein Wanderleben in Druck und Not jenseits des Ozeans, eine eng begrenzte Tätigkeit im Verkehr mit der Bevölkerung seiner Heimat. 169 Aber auch ohne diese Voraussetzungen erwies er sich schon in den »Adjutantenritten« als die höchste Vollendung dieses Typus, von dem er sich dann natürlich, wie jede Vollendung einer Gattung, auch durch das Maß und die Kraft seiner Persönlichkeit wieder einsam abhob. Ganz selbständig hatte er Blut und Tod empfunden, ganz selbständig, trotz Theodor Storm und in der Einzelbeobachtung über Storm hinaus, noch einmal sein schleswig-holsteinisches »Länneken« umfangen.

Jauchzendes Entzücken weithin hätte diese Sammlung begrüßen müssen – es blieb aus. Der Widerhall im weiten Deutschland war außerordentlich gering. Aber um so schwerer wog das Lob einzelner, das in Liliencrons Einsamkeit drang – daß sich die übrigen, wie der Dichter glaubte, durch den an den Militärschriftsteller A. von Winterfeld erinnernden Titel abschrecken ließen, ist sicherlich unrichtig. Selbst Karl Bleibtreu rühmte zwar Liliencrons »unverwüstliche Originalität« und bestätigte damit, daß im Sinne des Fontanischen Stoßseufzers von 1885 allein schon der neue Lyriker seine große und neue Bedeutung hatte; Bleibtreu pries die »fabelhafte Natürlichkeit des Ausdrucks«, fand in den »Adjutantenritten« echten Realismus und wies darauf hin, wie gegenständlich hier nicht beliebiges Meer, sondern echtes Wattenmeer geschildert wäre. Aber er wollte auch »gekünstelte Bildlichkeit des Ausdrucks« erkennen, die zur Manieriertheit ausarte.

Klaus Groth schrieb zu Liliencrons heller Freude in der Kieler Zeitung ein paar warme, anerkennende Worte.

Der »Hamburgische Correspondent« lehnte die »Adjutantenritte« schroff ab. Um so wertvoller war es, daß Ferdinand Avenarius in der »Täglichen Rundschau« über das Buch ausführlich sprach; allerdings war diese damals ein wenig verbreitetes »Blatt für Nichtpolitiker« und noch nicht die heutige große nationale Tageszeitung. »Liliencron – kenn ich nicht. Adjutantenritte – mal was andres« – das war so die erste Empfindung, die Avenarius hatte. Dann aber las er und schrieb nun:

»Liliencrons ›Adjutantenritte und andere Gedichte‹ sind eine der interessantesten Erscheinungen der zeitgenössischen Dichtkunst. Was ihnen ihren Wert gibt, ist die rückhaltlose Wahrheit, mit welcher sich hier endlich einmal ein durchaus moderner Mensch zu geben wagt, ein moderner Mensch, dem eine bedeutende Begabung zugleich die Möglichkeit gewährt, sein Inneres darzulegen. Denn in der Tat beherbergt dieser Realist in sich einen ursprünglichen Dichter.« Avenarius beanstandet dann, daß Liliencron hier und da unter dem 170 Einfluß Platens stünde, den er einmal als einen Klassiker der Form preise. Die Stelle hieß:

Wie schätz ich Platen, seine Prachtsonette,
Wie dank ich Geibel, daß sein schönstes Lied
Ihn feiert: Wundervoll sind die Terzette,
Durch die sein roter Zornesfaden zieht.

Avenarius lehnt Platen als akademischen Klassizisten der Form ab. Aber er betont dann auch, daß »im allgemeinen die Platenschen Regungen« Liliencrons sehr platonische seien, und sein »Meister« sich im Grabe umdrehn würde, sähe er in seines »Schülers« Garten statt der beschnittenen Hecken und Baumpyramiden so viele der Bäume und Sträucher, deren »charaktervoller Bildung nichts Gesetz war als das ihnen innewohnende Leben und der Boden, dem sie entsprossen.« Liliencron sagt ja auch gleich danach:

Platens Balladen sind zwar sehr honette,
Doch ohne Funkelfeuer, Kolorit.

»Bei weitem am bedeutendsten«, fährt Avenarius fort, »ist Liliencron, wo ihn die volle Entfaltung seiner männlichen Tatkraft zum Dichten anregt – hier sehen wir alles vor uns, nein, um uns: hier leben wir mit. Nach meiner Überzeugung weist unsere gesamte deutsche Dichtung keine ergreifenderen Bilder aus der großen Zeit des letzten Krieges auf als diese hier von Liliencron. Und dabei nirgends chauvinistisches Phrasendreschen, nirgends auch weibische Empfindsamkeit. Die ›Adjutantenritte‹, die dem Buch den Namen geben – ›Erinnerungen aus einer Januarschlacht‹, die übrigens nur ein paar Blätter umfassen – sind nicht in Versen geschrieben; nur bei Momenten von besonderer Erregung wird die dramatisch belebte Prosa auch hier zum Gedicht.«

Avenarius führt dann den Schluß des Buches an und sagt weiter: »Den Hut ab vor derartigem, von Leben strotzenden Realismus! Den Hut ab auch vor den Schilderungen des weltfremden Küstenlebens, die Liliencron des ferneren bringt. Und ich ziehe den Hut ab auch vor den teilweise etwas junkerlich angehauchten Bildern von allerhand Liebschaften und dergleichen, die uns der Dichter dann vorführt. Sie sind nicht so frivol, wie sie aussehen: man merkt ihnen bei schärferem Betrachten an, daß sie eine unglückliche Menschenseele 171 spiegeln, die Betäubung und Zerstreuung sucht. Mangel an Befriedigung, Sehnsucht nach Ruhe geht durch alles. Und eben eine wie nervöse Unzufriedenheit und Unruhe läßt den Poeten dann und wann selbst da nicht zum Ausleben seiner Stimmung kommen, wo er eine solche tiefer Ruhe besingt.«

Avenarius löst, um das zu beweisen, das Gedicht »Ich habe dich so sehr geliebet« auf.

Ich war bei hellem Sommerlicht
In eine Dämmergruft gestiegen,
Wo Sarkophage, dicht an dicht,
Wie Denker in Gedanken, schwiegen.

Der Särge Silberschilderei,
Wo Nam und Wappen eingeschnitten,
Umzog barocke Schnörkelei,
Nach längst verjährten alten Sitten.

Es traf mein Blick auf einen Sarg
Aus all den andern Schmerzerrettern.
Ich wußte, wen die Truhe barg,
Aus einer Chronik gelben Blättern:

Ein Jahr nach ihrer Hochzeit schied
Die junge Frau mit ihrem Knaben.
Und der, der nun die Sonne mied,
Sein einzig Glück war hier begraben.

»Ein frivoler Poet, meinetwegen Heine, hätte hier die Stimmung vielleicht durch einen Witz gänzlich aufgehoben, wollte er sie einmal nicht ausklingen lassen, Liliencron hebt sie weder auf, noch läßt er sie rein ausströmen – er macht sich über ein überflüssiges e und einen unreinen Reim lustig, indem er das betreffende Wort in Anführungszeichen setzt und schließt das schön begonnene Gedicht so mit einer Strophe, die weder Fisch noch Fleisch ist.«

Schnee fiel in seine Sommerflur,
Er war zu tief, zu tief »betrübet«.
Ich las auf ihrem Sarge nur:
»Ich habe dich so sehr geliebet.« 172

»Ich glaube, ein Psychologe wird hier außerordentlich bezeichnend den Charakter ausgesprochen finden, der dem rein Persönlichen der vorliegenden Gedichte zumeist ihre Stimmung verleiht: den der Zerrissenheit. Denn als solche und nicht als Zorn oder elegische Entsagung, wie bei den meisten der gegenwärtig lebenden pessimistischen Dichter, äußert sich bei Liliencron, der doch auch zu ihnen zählt, der Weltschmerz.« Hier irrte nun Avenarius freilich, weil er, nach meinem Gefühl, die Wurzel des Gedichtes verkannte. Nicht die Stimmung der Sehnsucht gab dem Gedicht den Anlaß, sondern umgekehrt das, was am Schluß zum Ausdruck kommt: der Ärger über die banale Strophe. Indem Liliencron aber diesen Unmut gestaltete, schlug der Poet in ihm ganz anders durch, und es entstanden die feinen und vollen Anfangsverse. Der Umbruch liegt in ihnen und nicht im Schluß, das beweist deutlich die von Liliencron schon im Entwurf in Anführungszeichen gesetzte Überschrift: »Ich habe dich so sehr geliebet.«

Und darum ist die Folgerung von Avenarius, die er dann viel später auch berichtigt hat, jetzt abzuweisen: schon das Wesen der »Adjutantenritte« steckt nicht in der Zerrissenheit, sondern in der Überwindung der Zerrissenheit; Liliencron gehört nicht zu den Saar und Lorm, die Avenarius hier meint, und steht auch im Gegensatz zu den pessimistischen Anfängen des Prinzen Emil Schoenaich-Carolath, dessen lyrischen Gehalt er voll erkannte; Liliencron überwindet hier schon die Zerrissenheit, nicht freilich, wie Carolath sie spät besiegte, durch die Rückkehr zum tiefbeseelten christlichen Glauben, sondern durch die Aufrichtung an den großen Erlebnissen seines Daseins, an der verschwiegenen und doch so beredten Natur seiner Heimat, an der immer wieder hervorbrechenden, ihn selbst überraschenden, unverbrauchten Liebes- und Lebenskraft seines Mannestums. Und wenn Avenarius fortfährt: »Unser Geistesleben braucht Männer aufopferungsfreudiger Tat, deren Blut mit dem Blute unseres Volkes pulst« – so stand in Liliencron, von dem er damals ja freilich nur dies Buch und nichts weiter kannte und kennen konnte, ein solcher Mann vor ihm. Aber die Prophezeiung, daß unserm Volke dieser Poet durch seine Kriegsgedichte lieb werden würde, bewies ein sicheres Urteil.

Daß Hermann Heiberg, der schon so vieles von den Gedichten kannte, Liliencron neuerlich begeistert zujubelte, war selbstverständlich. Als er das Buch fertig in der Hand hielt, an dessen 173 Herstellung er ja bedeutenden Anteil hatte, da schrieb er Liliencron, mit dem er inzwischen schriftlich das Bruderdu getauscht hatte:

»Dieselben Schönheitsschauer durchzogen mich heute wie das erste Mal, als ich Deine Gedichte durchlas. Ich weiß an diesem Gefühl, wenn es so eigen über meine Seele huscht, ein kalter Strom mir durch den Körper fliegt und sich die Empfindung feucht ins Auge drängt, was groß, bedeutend ist! Lieber! Was Du gebracht hast, ist ein Ereignis, und die Anerkennung, die Dir werden wird, sie kann Dich für alle Qualen des letzten Jahres entschädigen. . . . Unter Schmerzen geboren! Ja, aber deshalb alles wert! Es ist seltsam, wo man aufschlägt, wird man gepackt. Ob Du die reizenden Naturtöne anschlägst, ob die verhaltene Leidenschaft durch die Zeilen zittert, ob Du uns in die wirre historische Zeit einen Einblick tun läßt, überall ist es bedeutend, – überall fühlen wir uns Dir verwandt – weil wir Menschliches darin finden. Natur mit Schönheit! O Liliencron, es ist ein Werk, unvergänglich, unvergännglicher mit seinen Schwächen als ohne diese.«

Die Hauptfreude aber war der Brief Theodor Storms.

»Hademarschen, 30. November 1883.

Sehr geehrter Herr!

Was diese meine Antwort auf Ihre freundliche Gabe so lange verzögert hat, ist nicht nur eine, bei den nicht mehr, wie einst, frischen Kräften mich ganz in Anspruch nehmende eigene Arbeit, sondern es ist vor allem der reiche und fesselnde Inhalt Ihrer Gabe selbst; endlich wieder einmal ein Werk, das nicht aus dilettantischem Nachahmungsreiz, sondern (die einzelnen Anlehnungen kommen mir nicht in Betracht) aus dem Drange dichterischer Mitteilung hervorgegangen ist. Denn ein Dichter von Haus aus sind Sie nach meiner Überzeugung. Wenn auch die sichere Ausprägung nicht gar zu vielen der einzelnen Sachen zuerkannt werden mag; dennoch aber – ›Bruder Liederlich‹ (nur die Bezeichnung der Situation in der Kneipe am Kartentisch fehlt mir zu Anfang) – ›Das Haupt Johannis des Täufers‹ – ›Verbannt‹ – ›Inschrift‹ etc. – ist sie in manchen Stücken ganz oder sehr nahezu vorhanden; den wenigsten ist Tiefe und Gestaltungskraft abzusprechen; Sie sind reich an Anschauungen und wissen das Entlegenste heranzurufen, oder vielmehr es kommt Ihnen ungerufen, um das Nächste und Innerste dadurch auszuprägen; nur bröckeln vielfach diese warm gefaßten Anschauungen zu oft auseinander, wie bei 174 Mathisson, ohne sich dem Leser als ein Gesamtbild einzuprägen, oder in sehr einheitlichen Empfindungen oder Gedanken aufzugehen wie bei Ihren ›Haidebildern‹, wo ich das mit dem sterbenden Reh jedoch ausnehmen möchte. Man soll den Lessingschen Satz ›Die Malerei ist die Kunst des Nebeneinander, die Poesie die des Nacheinander‹ doch stets im Bewußtsein behalten, trotzdem es freilich niemandem verboten ist, als der es nicht kann.

Ich habe übrigens Ihr Buch noch immer nicht ausgelesen, aber hier wie in verschiedenen Kreisen (den besten) Hamburgs daraus vorgelesen und stets eine lebhafte Teilnahme gefunden.

Da ich höre, der Hamb. Correspondent sei Ihnen nicht günstig, – vor ein paar Jahren hob man darin einen ›Dichter‹ als von Gottes Gnaden auf den Thron, dessen Spruchpoesie darin gipfelte:

›Wer in der Jugend nicht gewöhnt, zu horchen weisen Lehren, dem wirds im Alter oft erschwert, sich selber zu ernähren‹, so ungefähr, –

so habe ich den ›Hamburger Nachrichten‹ eine kleine Warnung zugehen lassen. Ob sie angeschlagen, weiß ich nicht.

Sollte Ihr Weg Sie einmal an unserer Gegend vorbeiführen, so würde es mir Freude machen, Sie in meinem Hause zu sehen.

Mit freundlichen Grüßen

Th. Storm.«

Liliencron folgte der Einladung bald, brauchte aber nicht bis Hademarschen zu fahren, sondern konnte Storm im Hause des Doktors Mannhardt auf Fernsicht, ganz nahe bei Kellinghusen, aufsuchen. Er traf ihn inmitten einer zum größten Teil weiblichen Kaffeegesellschaft, und gleich im Beginn der Unterhaltung fiel das Wort des älteren zu dem jüngeren Dichter: »Sie haben den Punkt! lieber Baron! Den Punkt, den Punkt! Auf den Punkt kommt es beim Dichter an!« Die weitere Unterhaltung war für Liliencron sehr peinlich, denn er mußte von dem neben ihm sitzenden Storm eine Geschichte über einen jungen Pastor der Umgegend hören, der ein Verhältnis mit seinem Dienstmädchen hatte. Liliencron, der in solchem Kreise jedes Wort sorgsam wog, ward gleich den dabeisitzenden Landedeldamen rot und blaß; als Storm gerade dabei war, zu erzählen, wie der Pastor die Treppe zur Kammer des Mädchens emporstieg, schlug er zum Glück eine vor ihm stehende Flasche 175 Rotwein um, und Liliencron atmete, obwohl vom Rebensaft überschüttet, erleichtert auf.

Daß Storm, nach dem Gesetz der Natur, dem jüngeren Dichter nicht überall hin folgen konnte, bewies das, was man zwischen den Zeilen des Briefes liest, und noch deutlicher eine Äußerung zu Alfred Biese: »Da ist Kraft, da ist Grazie; aber er kann einen krank machen.«

Der aber, dem erwärmender Zuruf von den ersten Dichtern seines Landes kam, saß in Not und Schuldenkampf in einer abgelegenen Landstadt, heißhungrig angewiesen auf solchen Zuspruch von fern. 176

 

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