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Gutenberg > Heinrich Spiero >

Detlev von Liliencron

Heinrich Spiero: Detlev von Liliencron - Kapitel 12
Quellenangabe
typebiography
booktitleDetlev von Liliencron
authorHeinrich Spiero
year1913
firstpub1913
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDetlev von Liliencron
pages568
created20180802
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.
Junge Dichtung.

Immer wieder, im Gespräch und Briefwechsel mit Seckendorff, im Austausch mit den Eltern, in den eignen Gedanken, war der Plan schriftstellerischer Tätigkeit in Liliencron aufgetaucht – niemals war er doch ernstlich zur Ausführung gekommen. Viele trauten ihm die besondere Begabung dafür zu – er selbst aber empfand immer wieder die eigne Unfertigkeit. Die musikalische Anlage war früh in ihm erwacht, ging aber trotz eifriger Pflege und der Anregung durch Seckendorff, Plüddemann, Helene nicht über einen schönen Dilettantismus hinaus. Die Wortkunst aber erschloß sich dem Genius erst, nachdem er die buntesten Wechselfälle des Daseins erlebt hatte. Durch Deutschland, Österreich, Frankreich, England, Amerika war er nun gezogen, hatte sich im Frieden als umsichtiger, leidenschaftlicher Soldat, im Krieg als todesmutiger Kämpfer in der offnen Schlacht und auf dem Spähergang, als reitender Adjutant bewährt, nach leichten Liebesgewinnen hatte bittere Enttäuschung über entgangenes Glück ihn durchrüttelt, er hatte ohne viel Gedanken in sorgenlosen Verhältnissen gelebt und dann wieder ganz unten mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft hausen müssen, er war aus der Bahn geworfen und mußte die Erlaubnis, das geliebte Ehrenkleid des Königs wieder tragen zu dürfen, erst erbitten – da erstand in ihm endlich in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahr nicht der Schriftsteller, aber die dichterische Natur. Die Neigung zur Poesie war ihm freilich angeboren, dann im Elternhause gepflegt worden, und durch reichliches, verständnisvolles Lesen hatte Liliencron den Besitz an fremdem Kunstgut in sich vermehrt. Rasch hingerissen, zumal von allem, was lyrischer Empfindung voll war, hatte er Storm und Turgenjew früh erkannt. Heines Gedichte hatte der Primaner gelesen, aber später nur selten wieder nach ihnen gegriffen, sie hatten ihm nichts gegeben, und der erste Lyriker seines Herzens blieb Joseph von Eichendorff. In ihm fand er seine Jugend wieder.

Stille Wälder mich umrauschen,
In den Gründen Rehe lauschen,
Fernher Abendglocken klingen,
Heimlich kühle Quellen singen
In die mondbeglänzte Nacht,
In die holde Frühlingspracht. 109
Waldhorn tönt aus wilden Schlüften,
Lerchen hoch in blauen Lüften.
—   —   —   —   —   —   —   —
Alles singt ins Herz mir wieder,
Wenn ich lese deine Lieder.

Ein andermal huldigte er dem schlesischen Dichter als dem deutschen Frühlingsdichter, dessen Lieder wir dankbar singen. Noch als Liliencron im Jahre 1906 Gustav Falkes Büchlein über Eichendorff empfing, schnitt er das Bild des Dichters aus, schrieb groß darunter:

Eichendorff Poeta

und hing es in die Mitte seiner großen Bilderwand, wo es bis an seinen Tod verblieb. So war denn auch das erste Gedicht, das Liliencron, aus Amerika zurückgekehrt, in Hamburg unwirtlich eingerichtet, niederschrieb, unverkennbar in dem zarten, musikalischen Ton Eichendorffs gehalten.

Durch die Haide, durch den Wald
Sind wir lustig fortgezogen.
Doch die Lieder sind verflogen,
Und die Hörner sind verhallt.

»Unser Leben« nannte er es, und »Tempi passati« schrieb er wehmütig an die Seite. So vergangen waren ihm die glückseligen Soldatenzeiten, daß er den alten Kriegernamen Fritz jetzt, seiner ganz neuen Anfänge bewußt, als Dichter nicht mehr tragen mochte, und so zeichnete er seine Verse Enewold Freiherr von Liliencron, wählte so einen Namen, der noch in seinem Spätwerk bedeutsam werden sollte, und entschied sich erst im April 1879 für den Vornamen Detlev, der ihm nach dem Taufbuch freilich so wenig zukam wie jener.

Unter der neu emporsteigenden Kunst ward sich Liliencron bewußt, wo immer er die »Basis« zu seinen Dichtungen gefunden hatte. Und in denselben Tagen, da jene an Eichendorff anklingenden, feinen Verse entstanden, schrieb er auf das Bildnis eines Kameraden, das er seinen in Hamburg zurückgelassenen Koffern entnahm:

                            Nachklänge.

Zuweilen ist es mir, als wenn ich höre:
Die Trommeln wirbeln und den Schrei der Hörner,
Nur klingt es wie von weit entlegnen Höhen. 110
Und siegestrunken bricht aus tausend Kehlen
– Ich hörs, doch wie aus ungemessnen Fernen –
Ein brausend Hurrah, jauchzend, zu den Sternen.

In diesen am 21. September 1877 zu Hamburg niedergeschriebenen Versen liegt schon ein eigner Ton, der kaum erst der Umformung bedurfte. Aber nicht immer gelang so rasch der letzte Ausdruck, nach dem der gereifte Mann jetzt strebte. So schrieb er am 21. Juli des Jahres in Erinnerung an den Tod des Gefreiten Heinrich Schönborn von der ersten Kompagnie der Siebenunddreißiger im Gefecht bei Nachod das Gedicht »Tod in Aehren« folgendermaßen nieder:

In einem Kornfeld liegt unaufgefunden
Ein sterbender Soldat mit schweren Wunden.
Schon weit von ihm der Lagerfeuer Rauch.
Ihn Durst und Schmerz fast bis zum Wahnsinn treiben,
Bis endlich seine Jugendkraft enteilet,
Und matt nach oben schlägt sein brechend Aug.

Und wie die Aehren über ihn sich biegen,
Sieht er als Kind sich in den Garben liegen.
Es ragt sein Strohdach aus dem Blütengang;
Das Kirchlein – und die Lind im Nachbargarten,
Wo er im Mondschein tät sein Lieb erwarten. –
Von ferne hört er Nachtigallensang.

Es wogt und wiegt; es singt und klingt,
Noch sieht er seiner Mutter Lächeln – –
Ein Kranz von Ähren ihn umringt,
Und Todesschatten ihn umfächeln.

Niemand wird verkennen, daß das Gedicht neben der Erinnerung an das Erlebte noch eine zweite »Basis« hat, Johann Gabriel Seidls »Toten Soldaten«:

Auf ferner, fremder Aue
Da liegt ein toter Soldat.

Auch da kommt die Erinnerung an das Dorf zu Hause, auch da tritt das Lieb auf, das nach dem Toten aussieht. Nur bemüht sich 111 Liliencron in seiner noch ganz unreifen Dichtung charakteristischer Weise schon, nicht den toten Soldaten zu geben und das, was ferne von ihm in der Heimat sich ahnungsvoll ankündigt, sondern er zeigt uns den Sterbenden und seine letzten Gesichte. Aber er empfand, daß diese Verse nicht genügten, und formte im Jahre 1879 die Dichtung um, nachdem er schon früher aus »und Todesschatten« der letzten Zeile »des Todes Schwingen« gemacht hatte, so daß das Fächeln sichtbar wird.

In einem Kornfeld liegt, unaufgefunden,
Aus schweren Wunden blutend, ein Soldat,
Zwei Tage und zwei Nächte schon im Sterben.
Gefoltert von des Durstes Scheußlichkeiten,
Gequält von wüstem Schmerz und Sonnenbrand,
Verläßt ihn endlich seine Jugendkraft,
Und matt noch oben schlägt sein brechend Auge.
Wie nun die Aehren über ihn sich biegen,
Bringt ihm ein letzter Traum ein letztes Bild:
Er sieht als Kind sich wieder in den Garben.
Und zwischendurch aus einem Blütenwald
Träumt still sein Heimatdorf, die kleine Kirche –
Im Nachbargarten steht die alte Linde –
Der Vollmond – und sein Schatz – die Nachtigallen.
Aus seines Vaters Hütte steigt der Rauch.
Es rauscht die Sense: Arbeitsvoller Friede. –
Und viele tausend bunte Schmetterlinge,
Und viele tausend Bienen in der Linde –
Und viele tausend Glocken aus der Ferne –
—   —   —   —   —   —   —   —   —   —
Es wogt und wiegt – es singt und klingt;
Noch sieht er seiner Mutter Lächeln – –
Ein Kranz von Aehren ihn umringt –
Und Todesschatten ihn umfächeln.

Das war nun in vielem eine Verschlechterung gegen die erste Fassung. Schon rein grammatisch war der zweite Satz sehr anfechtbar, und der Blütenwald des elften Verses veranlaßte den Dichter, beim Durchlesen selbst in Klammern »Elise Polko« dahinter zu schreiben. Die Worte »Es rauscht die Sense: arbeitsvoller Friede«, die er später fast wörtlich in den »Knut« hinübernahm, zeigen aber schon einen persönlichen Ton, die Bemühung, in knappster Form ein belebtes und 112 sinnvolles Bild zu bringen. Der unwillkürliche Übergang am Schluß in kurze, gereimte Zeilen wies dann endlich den rechten Weg, und genau ein halbes Jahr später, am 21. Januar 1880, gab Liliencron in Borby dem Gedicht folgende Form:

Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,
Liegt ein Soldat, unaufgefunden.
Zwei Tage und zwei Nächte schon
Mit schweren Wunden, unverbunden.
Durstüberquält und fieberwild,
Im Todeskampf den Kopf erhoben.
Ein letzter Traum, ein letztes Bild,
Sein brechend Auge schlägt nach oben:
Die Sense rauscht im Aehrenfeld,
Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden;
Und Frieden in der weiten Welt.
Er lächelt still und ist verschieden.

Alle Bestandteile der ersten Form sind auch hier vorhanden – aber wie knapp ist das alles zusammengefaßt; aus hundertundacht Worten sind vierundsechzig geworden, das Ganze hat an Deutlichkeit, Eindringlichkeit, Stimmungsgewalt und fortschreitendem Gang unendlich gewonnen. Noch drei kleine Änderungen nahm Liliencron vor. Statt »Und Friede in der weiten Welt« schrieb er, persönlicher: »Ade, ade, du stille Welt«, und schließlich »Ade, ade, du Heimatwelt«; aus dem »Rauschen« der Sense ward, mit viel feinerer Klangmalerei, ein »Sirren«, und aus dem »Er lächelt still« wurde: »Und beugt das Haupt«.

Andere Verse quollen Liliencron aus Erinnerungen anderer Zeiten. Vorgänge am Beiwachtfeuer zu Mährisch-Trübau, ein Gang durch den amerikanischen Wald in Texas, der Anblick einer Sphinx in Rosen im Hallerschen Garten zu Billerhude, ein Morgengang in Rawitsch, all das tauchte nun empor. Neben Eichendorff traten Platen und Lenau.

Platen! In deinen Gedichten durchwandle ich marmorne Hallen,
Dorische Säulen zumeist zieren das herrliche Haus –

so huldigte er im September 1877 dem bayrischen Dichter und mühte sich, ihm Oden und Hymnen unter peinlicher Einhaltung von Längen und Kürzen nachzudichten, wie ein Gedicht »Fluch« nach jenem, wie 113 er meinte, »teuflischen Spruch« von den Sünden der Väter im ersten Buch Mose. Aber die Platenliebe hielt nicht lange an, und Lenau trat in den Vordergrund. »Vor allen andern Sängern« drang ihm dieser ins Herz, und in der Verlassenheit, Armut und Aussichtslosigkeit dieser Hamburger Monate berauschte Liliencron sich förmlich an der Schmerzversunkenheit dieses Dichters, wie er schon als heranwachsender Jüngling die Sucht zur »Wollust der Schmerzversenkung« empfunden und gezeigt hatte.

Schrieb Liliencron Sonett auf Sonett, wohl immer auch mit dem Nebengedanken der Übung in Vers und Reim, und füllte er Seiten mit Schemen, wie er sie bei andern Dichtern fand, so floß ihm dazwischen immer wieder die eigne neue Weise, zumal wenn er die Haide in der Nähe Hamburgs durchwandert hatte.

In Herbstes Tagen bricht mit starkem Flügel
Der Reiher durch den Nebelduft.
Wie still es ist, kaum hör um meinen Hügel
Ich einen Laut in klarer Luft.

Auf eines Birkenstämmchens schwanker Krone
Ruht sich ein junger Falke aus;
Doch schläft er nicht; von seinem leichten Throne
Aeugt er durchdringend scharf hinaus.

Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte
Schleicht neben seiner Fuhre Torf;
Und holpernd, stolpernd schleppt mit lahmem Schritte
Der magre Schimmel sie ins Dorf.

Der Nebel fällt, die grauen Wolken weinen,
Grau mischt sich Himmel, Wald und See,
Grau sich Vergangenheit und Zukunft einen
Mit meines Tages schwerem Weh.

Er brauchte nur die letzte, angehängte Strophe zu streichen, und mit ein paar winzigen Änderungen war ein Meisterstück knappster Lyrik fertig. In Erinnerung an Träume von Glück und Glanz aus alter Zeit, im Gedenken der hoffnungsleeren Gegenwart seiner Liebe schrieb er im Oktober 1877 ein Liebeslied: 114

Vier adlige Rosse
Voran unserm Wagen,
Wir wohnen im Schlosse
In stolzem Behagen.
Von Marmor die Treppen
Hinauf und die Quer,
Es knistern die Schleppen,
Ein seidenes Meer.

Und irrst du verlassen,
Verbannt durch die Lande,
Mit dir durch die Gassen,
In Armut und Schande.
Es bluten die Hände,
Die Füße sind wund,
Dir treu bis ans Ende,
Dir treu bis zum Grund.

Wenn Fackeln und Flammen
Den Sarg dir umgeben,
Wir bleiben zusammen,
Kann länger nicht leben.
Und fern auf der Haide,
Und stirbst du in Not,
Den Dolch aus der Scheide,
Dir nach in den Tod!

Er konnte sich zwar nicht enthalten, später »Immer ruhig Blut, Anton« unter das Gedicht zu schreiben, aber dann vermerkte er doch »Gut! Feurig!« darunter und änderte das, was noch nicht blutvoll und lebendig genug war, indem er die erste Strophe so enden ließ:

Die Frühlichterwellen
Und nächtens der Blitz,
Was all sie erhellen,
Ist unser Besitz.

Ebenso ward der Schluß der zweiten Strophe wirklicher:

Es bluten die Hände,
Die Füße sind wund,
Vier trostlose Wände,
Es kennt uns kein Hund. 115

Und die letzte gewann dramatisches Leben, indem sie so ausgestaltet wurde:

Steht silberbeschlagen
Dein Sarg am Altare,
Sie sollen mich tragen
Zu dir auf die Bahre.
Und fern auf der Haide,
Und stirbst du in Not,
Den Dolch aus der Scheide,
Dir nach in den Tod.

Allerlei launige Balladen, in denen die Neger der Vereinigten Staaten auftraten, wurden so nebenher niedergeschrieben. Immer wieder aber drang aus der absichtlich gesuchten Lenau-Stimmung die eigne Persönlichkeit zu neuer Form vor. Aus einem winzigen Lebensausschnitt entstand ein ganz kleines Gedicht:

Warmes Frühlingssonnenlicht,
Vorn vier nickende Pferdeköpfe,
Neben mir zwei dicke, blonde Mädchenzöpfe,
Hinten der Groom mit dem Mopsgesichtel. –
Das ist das ganze Gedichtel.

Daraus aber ward noch am selben Tage:

Vorn vier nickende Pferdeköpfe,
Neben mir zwei blonde Mädchenzöpfe.
Hinten der Groom mit wichtigen Mienen,
Au den Rädern Gebell.
Das alles von der Sonne beschienen,
So hell, so hell.

In der letzten Fassung aber ward vor die beiden Schlußverse, bildhaften Ausblick gewährend, eingeschoben:

In den Dörfern windstillen Lebens Genüge,
Auf den Feldern fleißige Spaten und Pflüge.

Wie Liliencron in straffster Zucht aus der Läßlichkeit zur Beschränkung, vom bequemen, breit hingemalten Bild zur knappen Zeichnung 116 vordringt, erweist besonders deutlich das Gedicht »Notte italiana«, das zu Hamburg im März 1879 entstanden ist. Es hat zwei ganz verschieden eingestimmte Absätze: im ersten wird eine schöne Frau dargestellt, deren sehnsüchtiges Verlangen von einem italienischen Nachtfest in Liebesträume und nordische Erinnerungen flüchtet; der zweite gibt ein Idyll aus dieser nordischen Umgebung. Der erste Abschnitt begann ursprünglich:

Auf einem Sommerfeste des Gesandten –
Im südlichen Italien war es – drängte,
Auf weit erhellten Gartenwegen,
Sich die Gesellschaft fröhlich durcheinander.
Du schautest vom Altan – die Hand gestützt –
In all dies bunte Treiben ernst hinab.

Diese Einleitung war für den Absatz, der nur die Sehnsuchtsstimmung herausbringen sollte, zu lang. Infolgedessen schrieb Liliencron im Dezember des Jahres:

Weit fort, im südlichen Italien war es.
Du schautest vom Altane in den Garten,
Auf weit erhellte, festbelebte Wege.

Mit dem Wort »festbelebt« vergegenwärtigte Liliencron das fröhliche Durcheinander der Gesellschaft beim Sommerfest; daß dieses gerade beim Gesandten stattfand, war überflüssig. Als er, weit später, durch Gustav Wustmann den richtigen Gebrauch von weg und fort gelernt hatte, schrieb er statt »weit fort« richtig »weit weg«.

In der Urfassung geht es so weiter:

Da hob dein Auge sich, und deine Seele
Verlor sich in das Schweigen ferner Landschaft:
Wo, hingestreut, wie Marmorblöcke
Und wie verzaubert in der Einsamkeit,
In weißem Mondlicht weiße Schlösser liegen,
Helldunkel leuchten die Zypressenhaine.
Und der Agaven stolzer Blumenschaft
Steht wie versteint in feierlicher Pracht.
Gitarrenklang und Liebesworte
Vermischen sich im gleichen Fall des Springbrunns. 117
Es senden, schmeichelnd, ihre süße Botschaft
Die Nachtigallen; blaue Blitze fiebern
Durch tiefe Schatten weiter Säulenhallen.
Vom Hochbalkon ein letztes Abschiedwinken,
Dann aus den Wäldern noch zurück: »Madonna« – –

Auch da empfand Liliencron im Überprüfen zu viel Wortprunk; er ließ die ersten beiden Zeilen stehn und fand statt der nächsten drei das wundervolle Bild:

Im Meer des Mondenlichtes liegen still
Die weißen Schlösser, Schiffen gleich, vor Anker.

Das Gemälde der Zypressenhaine ward bei weitem lebendiger durch die Fassung:

Es dunkeln, Inseln, die Zypressenhaine.

Und er verörtlichte die Liebesszenen, indem er sie in die Haine verlegte:

Wo Liebesworte und Gitarrenklang
Im gleichen Fall der Brunnen sich vermischen.

Das schlechte Bild von den fiebernden Blitzen und die Nachtigallen ließ er ganz weg, ebenso das Abschiedswinken vom Balkon, weil der Traum der Frau dort oben deutlicher wird, wenn er sich noch von dem empordringenden Klang der Geselligkeit abhebt, als wenn diese schon verflogen ist. Der Schluß blieb dann mit kleinen Änderungen stehn.

Träumt immer noch dein Auge, deutsches Mädchen,
Von glutentbrannter Nacht des Romeo?
Weckt dir Erinnerung nicht ein liebes Bild
Aus strenger, unbarmherzger Winternacht,
Die grau – erstarrt, erstorben, stumm – umdämmert
Die Hünengräber dieses rauhen Strandes?

Endgültig faßte er diese Zeilen so, daß er aus »glutentbrannter« noch feiner »glutdurchtränkter« machte und anstatt der vielen Beiworte die Winternacht die Hünengräber »mit gesenktem Augenlid« umdämmern ließ. 118

In gleicher Weise ging er auch bei der Umgestaltung des zweiten Teils vom Weiten ins Enge. Da hieß es von der jungen Dame im Norden:

Zuweilen bleibt sie stehn, schraubt an der Lampe;
Und auf dem Bechstein, an das Notenpult
Schiebt sie die Leuchter näher; schnelle Blicke
In den Trumeau, den Anzug musternd, werfend.
Dann setzt sie wieder ihre Wandrung fort,
Zupft im Vorübergehen an der Decke
Des Sofatisches – horcht – bleibt stehn – geht wieder.
Und eben bricht, laut prasselnd, im Kamin
Ein Eichenklotz in Gluten auseinander –
Da hebt der Vorhang sich . . . . . .
Aus einer feinen, venetianischen Bowle
Schenkt sie ihm ein, und fröhlich dann kredenzt
Sie ihm das volle Glas . . . . . .
Das Glück ist still.
Aus ihren grauen Augen lacht die Liebe.
Und Zeit und Raum, und Tod und Ewigkeit,
Das alles schwindet in der kleinen Stube.

Was hieran nur geverselte Prosa war, tilgte Liliencron, zog alles zusammen und schrieb:

Unhörbar drinnen auf dem dicken Teppich,
Geht eine junge Dame auf und nieder.
Bisweilen bleibt sie stehn, schraubt an der Lampe,
Schiebt auf dem Bechstein an das Notenpult
Die schweren Bronzekandelaber näher,
Zupft im Vorübergehen an der Decke
Des Sofatisches, horcht, und wandert, horcht,
Die grauen Augen auf die Tür gerichtet.
Bis endlich ihre schwere Stirn ein Schwarm
Von Sommervögeln lustig überflattert.
Nun wandert langsam auf dem warmen Teppich
Ein Pärchen, angeschmiedet, auf und nieder.
Behaglichkeit, das Kätzchen, schnurrt im Zimmer.

Mit dieser Fassung gewann der Dichter zugleich eine lebhaftere Abhebung gegen die warme Dunkelheit der schwermütigen italienischen Nacht. 119

Der Schluß blieb dem Sinne nach völlig unverändert, ward aber auch straffer und deutlicher gefaßt:

                                  1.
Indessen draußen in der Winternacht,
Am öden Himmel Wodans sich ergießen
Die blassen Strahlenbündel eines Nordlichts,
– Ein Abglanz von den Schilden deutscher Helden,
Die in Walhall das Trinkhorn kreisen lassen –.
Und hungrig bellt ein Fuchs auf naher Haide.

                                  2.
Indessen draußen in der Winternacht,
Ein Abglanz von den Schilden Schlachterschlagner,
Die fleißig in Walhall den Humpen schwingen,
Die blassen Strahlenbündel eines Nordlichts
Am strengen Himmel Odins sich ergießen.
Und auf der toten Haide bellt ein Fuchs.

Wie viel stärker wirkt das betonte einsilbige Wort am Schluß als vordem das nachschleifende »Haide«!

An Storm hatte sich Liliencron gleich nach seiner Rückkehr gewandt, und er trat, je länger je mehr, vor das Bild Platens und selbst Lenaus. Wie Storm aus den Zügen der Hand verschwiegenes Leid herauslas, dichtete Liliencron auf die Hand, »die zitternd in der meinen lag«, weiche Verse. Aber er schritt schon in der unbekümmerten Prägung des Ausdrucks über Storm hinaus, als er, ohne diesmal viel ändern zu müssen, seinen »Märztag« niederschrieb.

Wolkenschatten fliehen über Felder,
Blau umdunstet stehen ferne Wälder.

Kraniche in langen Wanderzügen,
Hoch in Lüften schreiend nordwärts fliegen.

Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen,
Ueberall ein erstes Frühlingslärmen.

Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder,
Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder, 120

Kurzes Glück zog mit den Wolkenmassen,
Wollt es halten – mußt es ziehen lassen.

Nur zwei Abänderungen nahm Liliencron hier vor, aber sie zeigten deutlich die stärkere Sinnlichkeit seiner Ausdrucksweise auch gegenüber dem geliebten Storm. Ihn störte die Unreinheit des Reims der zweiten Strophe, und das Fliegen der Kraniche gab ihm nicht genügend den Begriff der Flügeltätigkeit, der Anspannung der Körper. So änderte er meisterlich:

Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen,
Kommen schreiend an in Wanderzügen.

Und aus demselben Grunde wandelte er das Ziehen des Glücks mit den Wolkenmassen am Schluß, weit bildhafter, so:

Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen,
Wollt es halten, mußt es schwimmen lassen.

Von Hamburg aus fuhr Liliencron nach Itzehoe ans Grab der Mutter und brachte diese Verse mit:

Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt,
Ich war an meiner Mutter Grab gewesen,
Schwer sank mein Haupt ans kleine Kreuz geprägt,
Als ihren Namen wieder ich gelesen.

Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer,
Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen.
Mein Herz so sturmestot, mein Haus so leer,
Ach Mutter, wäre ich wie du – genesen.

In diesen Versen, geschrieben vor der Hochzeit mit Helene, in der ungewissen Hamburger Einsamkeit, lag der ganze, manchmal der Verzweiflung nahe Schmerz des Sohnes, dessen Elternhaus verödet und verarmt war, des Mannes, der Beruf und Halt an den Kameraden verloren und eine neue Stätte noch nicht gefunden hatte. Ein paar Tage darauf nahm Liliencron das Gedicht wieder vor, und die dritte Zeile mit dem schlechten Bild: 121

Schwer sank mein Haupt ans kleine Kreuz geprägt –

empfand er nun als eine Einräumung an den Reim, der dabei nicht einmal rein geworden war. So schrieb er jetzt:

Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt,
Ich war an meiner Mutter Grab gewesen,
Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt,
Und ach, der teure Name kaum zu lesen.

Und weiter:

Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer,
Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen,
Wie sturmestot da unten, wie verweht,
Ich las ein zweites Wort, das hieß: Genesen.

Das war im September 1879. Als er das Gedicht einen Monat darauf wieder aufschlug, genügte es ihm nicht, und er schrieb in der vierten Zeile:

Der Name überwachsen, kaum zu lesen –

womit er eine deutlichere Anschauung gewann. Wiederum einen Monat später änderte er die letzte Zeile ab:

Auf allen Gräbern taute still: Genesen.

Und schließlich hob er den Anlaß des Gedichtes ganz auf, änderte die dritte Zeile der zweiten Strophe wieder mit gestärkter sinnlicher Kraft und gab den Versen die Form, in der ihnen Johannes Brahms später, zu Liliencrons Stolz und unaussprechlicher Freude, die Vertonung lieh:

Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt,
Ich war an manch vergessnem Grab gewesen.
Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt,
Die Namen überwachsen, kaum zu lesen.

Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer,
Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen.
Wie sturmestot die Särge schlummerten,
Auf allen Gräbern taute still: Genesen. 122

Von jeder Ausfahrt brachte Liliencron wertvolle Frucht mit. Als er beim Prinzen Emil zu Schoenaich-Carolath auf Paalsgaard gewesen war und den schönen Park des Schlosses oft und oft durchwandert hatte, heimste er das farbenbunte Gedicht »Der Fischzug« ein:

Du hörst der Schmetterlinge Flügelschlagen,
So still ruht Baum und Blatt im großen Parke.
Auf fernen Steigen schurft des Gärtners Harke,
Der Spatz putzt auf der Sonnuhr sich den Kragen.

Bewegung. Menschen. Und ein Fangnetz tragen
Zum Teich hin Fischerarme, muskelstarke.
Vom Pfahle lösen sie die weiße Barke.
Der Zug beginnt ganz wie zu Petri Tagen.

Indessen ist die Fürstin angekommen,
Die in der Marmornische Platz genommen,
Der Page kniet und legt die Schleppe nieder.

Im Netze zappeln Karpfen und Karauschen.
Die Hoheit lacht; die Kavaliere lauschen.
Der Spaß ist aus – und tiefe Ruhe wieder.

Auf der Rückfahrt, im Eisenbahnwagen durch die Ebene Jütlands geschaukelt, fand er das kleine Gedicht:

        Auf dem Hünengrabe
              (nach der Jagd)

Kalte Ente, kalte Eier,
Kühlschluck hinterher geschickt.
Feld und Welt wie grauer Schleier,
Müde bin ich eingenickt.

Aus dem Grabe, tief erschrocken,
Steigt ein Recke, wunderbar.
Und es neigt die blonden Locken
Auf mich König Ringelhaar.

Dies am 2. August 1880 in einem Zug ohne jeden Strich niedergeschriebene Gedicht wandelte er dann, immer wieder den 123 bezeichnenden Ausdruck und zugleich die grammatische Folgerichtigkeit suchend, alsbald so um:

Kalter Ente, kalten Eiern
Rotspohn hinterhergeschickt.
Feld und Welt in grauen Schleiern,
Müde bin ich eingenickt.

Auf dem Grabe, tief erschrocken,
Starrt mich an die Enaksschar,
Und vorsichtig neigt die Locken
Auf mich König Ringelhaar.

Fuhr Liliencron nach Saxtorff zu Frau von Ahlefeldt zum Mittagessen hinüber und sah sich dort Veroneses »Anbetung der heiligen drei Könige« gegenüber, so ward ihm der Augenblick zur höchst charakteristisch malenden Siziliane, in der unbesorgt die Gegensätze nebeneinandergestellt wurden:

Im Saale vor mir Veroneses Bild,
Als Nachbarin die schönste aller Frauen,
In Sicht ein gut zerstücktes Hummerschild,
Um mich Gelächter, Glasgeklirr und Kauen.
Die alte Gräfin, sonst so engelmild,
Wie will sie jenen Trüffelberg verdauen?
Indessen spielt Musik, verschallt und schwillt,
Und aus dem Garten schrillt der Schrei des Pfauen.
                                                  (3. Juli 1880.)

Immer persönlicher ward Liliencrons Aussprache, und, gereift, empfand er nun deutlich die Scheidung von Platen, dessen »dorische Säulen« er einst so bewundert hatte. Jetzt gaben ihm die Sonette Konrads von Prittwitz-Gaffron mit ihrer landschaftlichen, deutschen Färbung doch mehr als die des Klassizisten, und er rief dem Dichter zu:

Geheime Herzgedanken meiner Seele:
Ich finde sie in deinen Prachtsonetten,
Die rein und lauter ineinanderketten
Auf violettem Samte: Kronjuwele. 124

Zwar nur für Kenner, daß ichs nicht verhehle,
Die sich, befreit von Lärm und Tageskletten,
In stille Einsamkeit und Ruhe retten,
Daß sich die Hand zu neuem Kampfe stähle.

Du redest Platens wundervolle Sprache,
Doch pflügst du nicht in steter Winterbrache,
Die Schwalbe singt und deutsche Buchen rauschen.

Und dennoch will ich meinem Leben lauschen,
Es stäubt erquickend mir ein grauer Regen
Aus deiner klaren Liederschrift entgegen.

So deutlich empfand Liliencron auch für die eigne Kunst die Bindung an Duft und Ton deutscher Gebreite. Ohne jede Änderung und ohne jeden Strich schrieb er die ersten Verse des Gedichtes »Flußüberwärts«:

Sonnenstiller Morgengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenfroher Frühlingsfrieden,
Der auf Baum und Beeten ruht –
    Flußüberwärts singt eine Nachtigall

Ferne siedet es und brodelt,
Kocht der Straßen heißer Wind,
Leichenzüge, Hochzeitszüge . . .
Tausendfältig Leben rinnt –
    Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Erst später hat er sie zu den vier Strophen der »Schönen Junitage« erweitert, ohne den tief musikalischen Klang abzuschwächen.

In Borby am 13. Juni 1880 gelang ihm schon eins seiner allerknappsten Gedichte mit einer Zusammenpressung in neu gefundene, kühne, von keinem vordem erreichte Wortbilder.

      In memoriam

Wilde Rosen überschlugen
Tiefer Wunden rotes Blut.
Windverwehte Klänge trugen
Siegesmarsch und Siegesflut. 125

Nacht. Entsetzen überspülte
Dorf und Dach in Feuersglut. –
»Wasser . . .« und die Hand zerwühlte
Gras und Staub in Dursteswut.

Morgen. Gräbergraben. Grüfte:
Jungblut neben Jungblut ruht.
Wilder Rosen schwach Gedüfte
Nahmen sie in ihre Hut.

Die ersten beiden Strophen dieses Gedichtes, das mit seiner Berechnung in den Reimen ganz auf das U von Glut, Blut und Flut gestimmt ist, konnte er später fast unverändert stehn lassen. Die dritte aber mit der häßlichen Zeile »Jungblut neben Jungblut ruht« gewann unendlich durch die neue Fassung:

Morgen. Gräbergraber. Grüfte.
Manch ein letzter Atemzug.
Weither, witternd, durch die Lüfte
Braust und graust ein Geierflug.

Wie das Grab der Mutter, so mahnte auch die Erinnerung an den Krieg immer wieder an das eigne Ende; aber nicht trüb und verlassen im »Hungertod auf der Winterhaide« schwebte es dem Dichter vor – er dachte es sich ganz anders, und wie einst Joseph von Zedlitz Goethes Tod feiernd begehen wollte,

Weg denn mit Zypressenkränzen,
Rosen schlingt ums Haupt und laßt
Uns mit Hymnen und mit Tänzen
Grüßen seine ewige Rast! –

so sah Liliencron das eigene Ende vor sich, aus allem Druck und Drang der Gegenwart heraus, nicht in dumpfer Schwere, umhangen von Trauergewändern. Er setzte über sein Gedicht »Begräbnis« den tönenden Vers:

Alauda laudat Deum, tirili tirilique canendo.

Und dann fuhr er fort: 126

Wenn weither dumpfes Donnern rollt,
In stillen Sommernächten;
Und in das letzte Abendgold,
Sich Morgenkränze flechten:

Die Sonne küßt die Gräser wach,
Die ersten Lerchen singen –
Ein Herold kündet schon den Tag
Der Wind auf kühlen Schwingen.

Zu solcher Stunde grabt mich ein,
Mit Geigen und mit Flöten.
Es wird die Erde hinterdrein
Mir schnell den Sarg verlöten.

Streut Rosen in die Gruft hinab,
Singt Lieder wie beim Feste,
Trinkt Wein vom Rhein an meinem Grab,
Ihr meine letzten Gäste.

Seid Ihr zum Gehen dann bereit,
Tief taucht die Trauerfahnen:
Daß Ihr noch auf der Erde seid
Und nicht bei euren Ahnen.

Wenn Ihr die Becher klingen laßt,
In froher Freundesrunde,
Dann freut euch, daß ich längst verblaßt,
Vorbei die Lebensstunde.

Die größte Schöpfung aus den letzten Lebenstiefen heraus errang in diesen Tag für Tag sprudelnden Monaten erster, quellender Dichterzeit Liliencron schon in Hamburg. Im ersten Jahr seines Eheglücks, im Juni und Juli 1879, schrieb er am Alsterweg zu St. Georg das Gedicht »Der Totenvogel«:

                                      I.

Es schlich die Sommernacht auf Sammetpfoten,
Ich atmete in schwachen, matten Zügen,
Bedrängt von eines schweren Wetters Boten. 127

Erwartungsvoll, daß mich die Götter trügen
In eines Traumes buntgestickte Felder,
Mußt lange ich noch durch die Stunden pflügen.

Bis endlich mich des ersten Schlafes Melder
– Ein letztes Schlendern noch in Taggedanken –
Entführte in des Scheines blaue Wälder.

Verworren erst ein Durcheinanderschwanken,
Dann trat ein Bild mit drohender Gebärde
Vor meinen Geist, gebannt in feste Schranken.

Mir war: es schwebe über unserer Erde
Ein Riesenvogel, dessen Flügel reichen
Von Pol zu Pol ohn jegliche Beschwerde.

Doch seiner Kraft und seines Schmuckes Zeichen
Sind an den Enden festgekeilt im Eise,
Daß er die Sterne nimmer kann erreichen.

Und deshalb sucht er gierig seine Speise
In unsern volkbesetzten Erdentalen,
Und weidet Menschen: Kinder bis zum Greise.

Er nagt in Wolkendunstkreis unsrer Qualen,
Die unaufhörlich aus den Tiefen grausen,
Aus tränenüberströmten Opferschalen.

Von unten schwillt herauf ein dumpfes Sausen
Und Stampfen, wie von tausenden Geschwadern,
Die rasend durch den Morgennebel brausen.

Und Blut und Qualm, und Schreie, Zanken, Hadern,
Das alles lähmte, alpschwer, mir die Glieder
Und floß wie Ströme Giftes durch die Adern. –

Erwachend sanken wieder meine Lider. 128

                                      II.

Und wieder sah ich jenen Vogel schweben;
Doch war sein Flügelpaar gelöst vom Eise,
Und er erhob sich unter Wolkenbeben.

Als er nun zog die ungeheuren Kreise,
Fand ich von ihm mich selbst emporgetragen,
Und rauschte mit ihm seine Erdenreise.

Ich sah die Sonnen durcheinanderjagen,
Als ob in Lüften goldne Kugeln schnellen,
Von Gauklern uns gezeigt an Jahrmarktstagen.

Gleich wie in Sommernächten durch die Wellen
Ein Nachen leuchtend fährt im Funkenschäumen,
Die rings das Boot durch ihren Glanz erhellen.

Es starb mein Auge in den Aetherräumen . . . . .
Daß ich entsetzt den Adler bat, zu wiegen
Auf Wolken, die die Erde sanft umsäumen. –

Dann als wir mählich himmelabwärts stiegen,
Und endlich wie ein Schiff vor Anker gingen,
Da sah ich unten eine Straße liegen:

Wo Hochzeitszüge, Särge, Hüteschwingen,
In buntem Wechsel durcheinanderwirren. . . .
Das war ein Hasten, Lachen, Weinen, Singen.

Und ohrzerreißend drang herauf das Klirren
Der Blumenketten, die den Menschen halten
An Erdenheimat, und ihn ewig kirren.

Ich sah das Volk in seinen Urgestalten:
Milliarden wie das Vieh in Armutsbanden,
Die von der Wiege bis zum Grabe halten.

Sie atmen wie das Tier, und keiner Schande
Und Schmach Erkenntnis fühlen sie im Schlamme,
Bis endlich sie, erwürgt, im Hafen landen. 129

Nur wenige, die nicht vom Betteldamme
Umringt, sich Menschen fühlend, aufrecht stehen.
Wie bald auch sie geworfen in die große Flamme.

Verbrechen, Schuld, unzählige Vergehen,
Es lag das Gartenfeld wie eine Wüste,
Wenn Recht und Ordnung nicht das Unkraut mähen.

Von fernen Küsten eine Sonne grüßte:
Im Lichte strahlte der Gesetzesgründer
Moses, in Michel Angelos Riesenbüste.

Titanenkräftig sah der Friedenskünder,
Ein erster Heiland, aus dem Menschenpfuhle
Und bändigte mit seinem Blick die Sünder. –

Da brach ein Flammenmeer aus Himmelsthule,
Und Jesus Christus selbst, von Licht umflossen –
Tief tauchte der Koloß von seinem Stuhle.

Nicht wars das Schauderbild: ans Kreuz geschlossen;
Erhaben schritt er in den Palmenhainen,
Geleitet ehrfurchtsvoll von zwei Genossen.

Unsagbar war die Milde, die dem Reinen
Das stille, heimatschöne Antlitz prägte,
Nach innen sah ich seine Schmerzen weinen.

Und sprach zu sich: Mich dauert das Getriebe
Der Menschen ohne jeden Traumgedanken:
Daß ihnen nach dem Tod kein Leben bliebe.

Ich will sie lehren nun, und ohne Schwanken,
Daß ich Gott selber bin, für sie geboren.
Ich weiß, man wird es mir am Kreuze danken.

Und viele tausend Seelen, die verloren
Und tief gebeugt auf dieser Erde dulden,
Ich will verkünden, daß ich auserkoren: 130

Sie zu erlösen von den schweren Schulden,
Sie sollen selig oben bei mir wohnen,
In reinem Lichte und in Gottes Hulden.

Doch wollen sie erreichen diese Kronen,
Dann müssen sie hienieden schon sich lieben,
Und gegenseitig ihre Fehler schonen.

Und wieviel ihrer auch durch mich getrieben
Zu Feuertod und Folter, schwere Ketten,
Es ist der schönste Lohn mir doch geblieben:

Wenn ich dafür nur einen kann erretten,
Der durch den Glauben an mein Erdenscheiden
Sich später wähnt im Himmel wohl zu betten.

Und ging – – und lehrts die Juden und die Heiden,
Bis zu ihm trat der alte Menschenschnitter,
Und er sein qualvoll Ende mußte leiden. – – –

Am Firmament unzählige Gewitter,
Ein Feuerschein im ganzen Weltenkreise –
Dann sank die alte Nacht, ein bleiern Gitter.

Und wieder sah ich festgebannt im Eise
Den Adler schweben über unsern Talen,
Und weidet Menschen: Kinder bis zum Greise.

Erschrocken fuhr ich aus des Traumes Qualen, –
Schon zog gen Osten eine erste Krähe,
Ins Fenster trösteten die Morgenstrahlen.

Und Rosengrüße wehten aus der Nähe.

Wohl empfand Liliencron den letzten Teil des Gedichts selbst als zu breit und schrieb »Abkürzen!« daneben. Aber wie drängt sich hier ein vollkommen gelungenes Bild an das andere, und wie ganz meistert er schon die Form der Terzine, für die er sich in jenen Tagen an Dante (so weit ich sehen kann, auch in der Ursprache des Italieners) zu 131 schulen versuchte; die katholisierenden Neigungen jener Monate hatten ihn wohl zuerst zu dem Florentiner hingezogen.

Die lange zurückgedämmte Schöpferkraft war unaufhaltsam erwacht und durch die Einsamkeit der ersten deutschen Monate, durch das neue Hangen und Bangen um Helene, durch die endliche Vereinigung mit ihr befeuert; sie ward emporgerissen durch die immer wieder emporsteigende Erinnerung an das geliebte Soldatenleben, an die Monate der großen Kriege. Und als eine Verstärkung all dieser wirksamen Innenmächte trat die Stille der Städtchen hinzu, in denen der werdende Beamte die nächsten Jahre verbrachte.

So entstanden in Hamburg 1877: An einen Freund, Verbannt, Tod in Aehren, Sphinx in Rosen, die persische Vierzeile, Einsames Haidehaus, Die Haidebilder, Frühling und Herbst, Der Rückblick,

Eh mir aus der Scheide schoß
Blitz und blank der Degen –

dieser in Erinnerung an ein Erlebnis bei St. Quentin am 19. Januar 1871, wo Liliencron als Adjutant zusammen mit der zweiten Schwadron des Gardehusarenregiments mit einem jungen Grafen Wartensleben eine Attacke mitgeritten war. Im September 1877 formte er: »Broadway in Neu-York« und »Kalter Augusttag«, in Erinnerung an ein Beisammensein mit Helene zu Köthen im Sommer 1871; er war damals noch auf eine Krücke gestützt, mit dem Arm in der Binde, umhergegangen. Im Oktober ward das Liebeslied geschaffen und die Arbeit an den Haidebildern fortgesetzt, zu denen Liliencron in dem Haidestück hinter Barmbeck, dem jetzigen Hamburger Stadtpark, immer neu die Stimmung fand. Erinnerung (»Die großen Feuer warfen ihren Schein Hell lodernd in ein lustig Biwaktreiben«) entstand im Gedenken an ein pommersches Manöver, bei dem die Vierundfünfziger in der Nähe von Külz untergebracht waren und der Landrat Bernhard von Bismarck, des Kanzlers Bruder, sie besucht hatte.

Das Jahr 1878 bringt im Lenz den »Märztag«. Dann aber kommt eine minder fruchtbare Zeit, erst im Jahre 1879 sprudeln die Quellen wieder reichlich, und während 1877 noch eine Reihe bloßer Übungsblätter zwischen die gelungenen Verse flattern, hört das jetzt fast völlig auf. Ja, aus dem Reichtum der nächsten Jahre konnte der Dichter noch weit später immer wieder wählen. 1879 in Hamburg entstanden: Mein Haus, Spazierfahrt, Vision (»Klanglos schläft der 132 Sommergarten«), Kleine Ballade, Der Totenvogel, Begräbnis, eine große Zahl von Sizilianen, »Halt ein Apoll mit deinen Pfeilen«.

In der Stille Borbys brach eine neue Zeit unablässigen Schaffens an. Nun gelangen Flußüberwärts, Dithyrambisch (später Das Herz genannt); eine lange Folge von Sizilianen, darunter die Schwalbensiziliane, ward gedichtet. Dabei brauchte Liliencron jetzt nicht mehr lange Reimschemen aufzuschreiben oder an der Hand Platens sorgsam Kürzen und Längen abzumessen.

In den Tagen, da er zum erstenmal Eduard von Hartmann las, kam ihm wieder der Gedanke an den Tod. Er schrieb sich im Sommer 1880 aus einem Aufsatz des Philosophen über die Bedeutung des Leids folgendes ab: »Das Leid hat oft seine schärfsten Stachel gerade darin, daß es heimlich und vor aller Augen verborgen getragen, ja, sogar vor den Menschen abgeleugnet werden muß. Oder wenn das nicht, so doch wenigstens, daß Keiner aus der Umgebung die heldenhafte Geduld des Leidenden zu würdigen, also auch nicht aus ihrem Beispiel sittliche Förderung zu schöpfen weiß.« Ein zweiter Satz, den er sich merkte, lautete: »Das allein weise Verhalten gegenüber dem unaufhebbaren Leid ist also: kein Bedauern und keine Reue über Vergangenes, keine Sorge und Furcht vor Zukünftigem, und keine Ungeduld und keinen Mißmut über Gegenwärtiges!« Da dachte Liliencron an den »stillen Kampf gegen den Konkurs«, den er so lange führte, bis es nicht mehr ging, und schrieb die

                              Grabschrift.

»Wie ein von Wölfen wild verfolgter Schlitten,
So hetzte mich das Leben durch das Leben.«
Ich sah mich plötzlich selbst in ihrer Mitten,
Von heißen Zungen war ich rings umgeben:
Verleumdung, Neid und Bosheit, unbestritten,
Die Gierigsten mit gierigstem Bestreben.
Es lief, ein gräßlich Tier, mit leisen Tritten:
Gedankenlose Klatschsucht, faul daneben.

Liliencron hatte in Borby niemand, mit dem er sich aussprechen konnte. Und wenn er einmal einer Zeitschrift, etwa der Illustrierten Frauenzeitung, ein Gedicht zum Abdruck sandte, brachte ihm auch das keinen Widerhall. »Mein Haus« gab er im Jahre 1881, »Verbannt« im Jahre 1882 an Ernst Eckstein für die Deutsche Dichterhalle, und auch sonst schickte er hier und da Verse hinaus; aber was ihm fehlte, 133 war nicht nur die auch später in manchem Gedicht ersehnte Anerkennung, sondern geistiger Austausch. So griff er zu einer Auskunft, ließ eine Anzahl seiner Verse in Eckernförde drucken und schickte sie an Theodor Fontane, der ihm darauf im September 1880 aus Wernigerode schrieb, das Deskriptive scheine ihm Liliencrons Gebiet und innerhalb des Deskriptiven wieder jene höhere Gattung, die nicht bloß allgemein das Lebenswahre, sondern ganz speziell das Charakteristische gebe. »Bismarck sagt einmal in einem seiner Briefe: ›Die Kunst landschaftlicher Schilderung besteht nicht darin, eine ganze Landschaft getreulich abzumalen, sondern vielmehr darin, den einen Punkt zu entdecken, wodurch sich diese Landschaft von jeder andern unterscheidet.‹ Dies ist wundervoll wahr und beschränkt sich nicht bloß auf Landschaften, sondern auf jede gegebene Situation. Sie werden dem Satz zustimmen, weil Sie jeder Ihrer Schilderungen an irgend einer Stelle diesen Zug des Aparten zu geben wußten.«

Fontane meint also ganz dasselbe wie Storm, als er Liliencron bei der ersten Begegnung im Jahre 1884 sagte: »Sie haben den Punkt! lieber Baron! den Punkt, den Punkt! Auf den Punkt kommt es beim Dichter an.«

Die Auswahl auf dem ersten, im April 1880 gedruckten Bogen war nicht glücklich. Er enthielt nur neun Sizilianen, eine Ottave, und unter den Sizilianen nicht die schönsten, mit Ausnahme des »Frühlings«.

Hoch oben fliegt ein Kranichheer nach Norden,
Von ihren Flügeln tropft die Morgensonne.
Tief unten liegt der Ursulinenorden,
Im Klostergarten träumt die alte Nonne.
Von oben braust es wie in Vollakkorden
Nach unten tief in hoher Frühlingswonne.
Verflogen. . . . Oben ist es still geworden –
Die greise Nonne betet zur Madonne.

Neben diese Verse aber setzte Liliencron eins seiner wenigen Gedichte, die ganz fremde Muster erkennen lassen, die Verse:

                Einer Spanierin.

Nun Jahre schon im hohen Norden,
Fern von des Manzanares Strand,
Bist heimisch du bei uns geworden –
Weit liegt dein sonnbeglänztes Land. 134
Von kalten Menschen meist umgeben,
Hüllt dich ein fahler Nebel ein,
Doch trägst du still dies kalte Leben.
Nur wenn der Sommermondenschein
Wie zögernd weilt auf deiner Hand,
Seh ich das braune Auge lauschen,
Gitarrenklang, Mantillenrauschen –
Hinüber in dein Heimatland.

Wo diese dilettantischen Verse des inzwischen Gereiften ihre »Basis« hatten, wußte Liliencron selbst sehr genau und ließ Storms Verse darüber drucken:

Nur auf den südlich blassen Wangen
Und über der gewölbten Brau
Lag noch Granadas Mondenschimmer;

er hätte auch noch Geibels »Zigeunerbuben in Norden« hinzufügen können, an den sein Gedicht in Maß und Ton mindestens ebenso stark erinnert.

Mit viel schärferer Selbstkritik stellte Liliencron im September des Jahres eine neue Auswahl für den Druck zusammen. Sie enthielt das Schützen-Sonett von Prittwitz-Gaffron mit einem eignen scherzhaften darunter, dann aber das Gedicht »Der Zapfenstreich«, noch unter der Aufschrift: »Der Oberst«, eins der lebensvollsten Soldatengedichte Liliencrons:

Heraus der letzte Zeltepflock,
In Reih und Glied der Waffenrock,
Gesattelt längst die Pferde.
Es übergießt die Eisenflut
– Wie Märzenschnee in Sonnenglut –
Und überdampft die Erde.

Hier war der unverkennbar eigene Ton, und ein ebenso eigner und dabei ganz anderer am Schluß:

Walküren ritten über Nacht
Und hoben ihn vom Sessel sacht,
Hurrah und Feldstandarten, 135

was dann später durch ein »Frei weg« statt des »Hurrah« noch musikalischer und eigenartiger wurde. Dazu kamen die kleine Ballade und noch ein paar reife und volle Verse.

Die Empfänger solcher Gaben waren außer Fontane Prinz Emil zu Schoenaich-Carolath, Ernst von Seckendorff, und neben manchem andern Liliencrons Base Antonie von Liliencron, eine der wenigen Verwandten, mit denen der Dichter in dauerndem Zusammenhang blieb.

In allem, was Liliencron bis zur Mitte des Jahres 1880 geschrieben hatte, fehlte fast völlig die ernste Ballade. Gewiß meldeten sich in Gedichten wie dem »Zapfenstreich« einzelne Balladentöne, aber zur wirklichen Komposition drang er erst in Borby vor. Hier begann er sich einläßlich mit der Vergangenheit der Heimat zu beschäftigen, der er nun wiedergegeben worden war, las fortlaufend historische Werke, wie er schon vordem Baur und andere Geschichtsschreiber der Zeit durchgearbeitet hatte. Er ging bis auf die Quellen zurück und ließ sich Chroniken kommen. Und außerdem begegnete er ja in dem erst durch die jüngsten Schicksale Schleswig-Holsteins berühmt gewordenen Eckernförde und bei Fahrten und Wanderungen über Land fortwährend Denkorten und Denkmälern vergangner Tage. Der Dichter, den er schon in Erfurt als Knabe liebgewonnen hatte, Moritz Graf Strachwitz, begleitete ihn auch weiter. Fontanes Balladen las er, und noch stärker bewegte ihn Annette von Droste-Hülshoff. Ihre Anklammerung an die niederdeutsche Natur, ihr scharfer Gehör- und Gesichtssinn für die leiseste Schwankung im Luftraum, ihre unbekümmerte Tonmalerei in Balladen wie »Der Geierpfiff« oder ihre Zustandsschilderung im »Öden Haus« empfand Liliencron als auch seiner Natur gemäß; hatten sich doch seine Sinne auf den Schleichwegen des Patrouillenführers, in der Stille des nächtlichen Anmarsches zum Gefecht, im Weilen auf dem Deck des Ozeandampfers so geschärft, daß er aus dem Geschiebe der großen Städte, wie aus der Einsamkeit der schleswig-holsteinischen Haide immer aufs neue den letzten Ton vernehmen konnte. Nur lag seiner eigenen Schöpferart das beschwingte Maß, das »Vorwärts«, wie er gern sagte, Strachwitzens näher, als die gehalten vordringende Erzählung der westfälischen Standesgenossin.

Im Winter von 1880 auf 1881 entstand die Ballade »Die Schlacht bei Bornhöved« (aus dem Jahre 1227), die in Sang und Abgesang deutlich an Fontanes schottisch-dänische Art erinnert – Liliencron beschloß sie in der Neujahrsnacht auf 1881, und ihr folgte 136 noch in den ersten Tagen des neuen Jahres »Die Kapelle zum finstern Stern«. Die Studien über die schleswig-holsteinische und dänische Geschichte des dreizehnten Jahrhunderts führten weiter vom Jahre 1251 zu »König Abels Tod« im Jahre 1252, und dann ergriff Liliencron einen später anders bearbeiteten Stoff in der Ballade von »Herzog Knut dem Erlauchten« (aus dem Jahre 1131). Hier tritt schon die Weiterbildung des Strachwitzschen Stiles deutlich hervor; knappe Strophen, unvermittelter Übergang von unmittelbarer in mittelbare Rede, kein ängstliches Achten auf Hebung und Senkung, aber ein mitreißender Ton von Anfang bis zu Ende. Jede Lage wird sofort in Handlung umgesetzt:

Der Löwe Sturm kam hergerannt,
Und brüllt vor Turm und Walle.

Und in den letzten Balladen wird ohne Ausblick ins Weite genau wie am Schluß des »Douglas« nur das Ende gegeben. Bei Strachwitz heißt es:

Doch unter dem Schilde festgeklemmt,
Lag König Roberts Herz.

In der »Kapelle zum finstern Stern« schließt Liliencron:

Der Page, wo blieb der Page klein?
    Sie warfen ihn nackt in den Graben,
Um seine weißen Glieder fein,
    Raufen Fuchs und Raben.

Und am Ende von »Herzog Knut« steht:

Als in Schleswig zu Ende die wilde Fahrt,
    Im Sumpf lagen Kron und Kleinode,
Sie spieen ihm auf den weißen Bart,
    Und stampften ihn zu Tode.

Daß Liliencron der alten Formen doch nicht ganz überdrüssig wurde, sondern in ihnen zur Verfeinerung aufstieg, zeigt das Gedicht in Hexametern »Aussicht vom Schlosse«. 137

Müde der Tagesgeschäfte entschlummerte unten das Städtchen,
Fröhliche Kinder umschrieen vor wenigen Stunden die Kirche,
Lärmten in Garten und Hof, dann nahm sie der Schlaf in die Arme.

Und dann die sorgsam getönten Verse:

Und ein zärtlich Lied, das fern in der Schenke in Smyrna
Einst ich gehört – es sprach es der bronzene Märchenerzähler –
Dringt ans Ohr mir wieder.

Sogar mit einem Ghasel versucht er es, und unmittelbar nach den drei großen Balladen dichtet der, dessen Ehe Kinder versagt waren, sein Wiegenlied:

Vor der Türe schläft der Baum,
Durch den Garten zieht ein Traum.
Langsam schwimmt der Mondeskahn,
Und im Schlafe kräht der Hahn,

das er in weit späteren Zeiten ganz ausführte und vertiefte. Zierliche Kleinigkeiten, wie das Gedicht »Maienkätzchen« für den alten Hut, schuf er in diesen Monaten. Dann aber begann eine neue Balladenzeit; der »Zug zum finstern Stern« entstand, es folgte die Ballade »König Erich der Dritte Emon«, das heißt: der prächtig Redende, mit einem lustigen Abgesang: »Ei, das war ein Spaß«, dann der »Kopf des heiligen Johannes in der Schüssel« und die groteske Ballade von König Ragnar Lodbrok, gedichtet im Mai 1881:

Das war der König Ragnar,
Er lebte fromm und frei.
    Er trug gepichte Hosen,
    Wie seine Leichtmatrosen,
    Die rochen nicht wie Rosen,
Das war ihm einerlei.

Das ungefüge Gedicht »Ott Stissen Prahlhans« schenkte noch derselbe Monat. Und während der Stellvertretung in Flensburg im August und September 1881 ließ der lang ersehnte Anblick preußischer Regimenter das Gedicht »Die Musik kommt« reifen mit seinem durchklingenden Ton von Militärmusik. Das brachte Liliencron nun mit 138 anderen nach Plön mit, und jetzt quollen ihm die Balladenstoffe, deren er gar nicht aller sogleich dichterisch Herr werden konnte. Die alte Geschichte von »Martje Flohrs Trinkspruch« goß er in einfache Verse und zog aus der ganzen Reihe von Balladen, die er nun schon geschrieben hatte, seine eigne Balladenlehre, die er noch an der Theorie Felix Dahns berichtigte. Er empfand die Ballade als dramatische Lyrik, empfahl sich die Gesprächsform und merkte sich, daß als Regel gelte: »Bei der dramatischen Ballade liegt die Gefahr eher in dem Zuviel als in dem Zuwenig der epischen Ausschmückung und der lyrischen Empfindungsausströmung.« Er hielt es für das Richtige, die lyrische Empfindung am Schluß in zwei Zeilen zu geben, wie er das in gewisser Weise im »Zapfenstreich« getan hatte; er ermahnte sich: »Wenig Deskription! Drama! Drama!! Drama!«; er wollte immer wieder das Schwergewicht auf die Handlung legen; »man muß immer die Personen hören, selten den Erzähler.« Es war die Zeit, da er von der Ballade allmählich zum Drama hinüberglitt und in Plön, durchaus noch im Bann der alten schleswig-holsteinischen Stoffe, ein Drama begann: »Knut der Herr«.

So schwieg denn unter dem Ansturm dramatischer Pläne die Lyrik einstweilen, aber Liliencron schrieb gelegentlich Prosa, wie er sich schon während des Aufenthalts bei den Eltern in den siebziger Jahren darin versucht hatte. Wieder wählte er die Form der Skizze. »Märztage auf dem Lande« hieß die erste größere Arbeit, die alsbald, 1881, von der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung in Berlin angenommen wurde.

Liliencron hat in die Erzählung unglaublich viel hineingepfropft. Er beginnt damit, daß sein Holzvogt Hans Tams ihn zur Zeit, da die wilden Schwäne in den ihm gehörigen schleswig-holsteinischen See einfallen, nach Hause ruft. Sofort nach der Ankunft geht es zum See; aber der Abschuß gelingt nicht. Auf dem Rückweg begrüßt der Jagdherr die Ersatzkommission, die beim Geschäft ist, und hält in Abwesenheit des Amtsvorstehers ein Verhör bei der Leiche eines Selbstmörders. Um sechs ist er zum Mittagessen bei Seiner Exzellenz dem Grafen Wohnsfleth und läßt sich von diesem im kleinsten Kreise eine Liebesgeschichte aus der Studentenzeit erzählen, die mit dem Tode des Mädchens endet. Den andern Tag verbringt er ganz in der freien Luft, hat Gespräche mit einzelnen Dorfleuten, hört den Rebhahn rufen, die Drossel singen, schießt zwei Schnepfen, ißt in der Försterwohnung, bedient von der hübschen Tochter, sein Abendbrot und beschließt den Tag mit einem Aufblick zum gestirnten Nachthimmel. Ganz am Schluß 139 steht dann noch ein kleines ironisches Wort über die Modeliteratur der Zeit.

Die Technik ist also noch ganz ähnlich wie die der »Soldatenphantasie«, Bild nach Bild, aber alles wird doch durch die Ich-Erzählung hier besser zusammengehalten, als dort, wo die Traumgesichte stark schematisch aufeinanderfolgen. Und jedes dieser Bilder hat die Stelle, wo man die gereifte dichterische Persönlichkeit an ihrem Bemühen nach stärkster Einfühlung erkennt. Neben schlechtem Deutsch (»überwintert habende Brombeerblätter«) stehn so scharf geschaute Bilder wie dies für den windigen und kalten Frühling: »An kurzem Rotbuchengestrüpp saßen, wie angenagelt, die gelben Blätter des Herbstes.« Die jungen Männer, die sich beim Ersatzgeschäft stellen, werden deutlich geschildert, ihre von der schweren Feldarbeit gekrümmten Schultern, der Gegensatz der roten, aufgesprungenen Hände zu der Weiße des übrigen Körpers. Zu dem Selbstmörder ist ein alter, weißschnauziger Dachshund aufs Bett gesprungen und »leckte zwei rote Flecken am Halse seines verstorbenen Herrn.« Der Flug der Kiebitz« wird genau beobachtet und festgestellt, daß sie die Flügel im Fluge »scharf und schnell ansaugen«; die Goldammern singen ihr »never never never never more«.

So zeigt die Skizze, der man eine späte Erinnerung an Turgenjew noch deutlich abmerkt, denselben Reichtum an Phantasie und an Schauenskraft wie die Verse, ohne schon die gleiche Meisterschaft zu erreichen. Der erste, dem sie auffiel, war Hermann Heiberg, der frühere Direktor der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung. Er schrieb dem unbekannten Landsmann, daß ihm, dem Schleswig-Holsteiner, diese Skizze mehr als ein flüchtiges Produkt der Laune sei, daß sie »ihn ganz wunderbar angeheimelt« habe. Er rühmte die Wahrheit, die in allem stecke, und ohne die »die ganze Schreiberei in Deutschland« keinen Wert habe. »Dies ist alles Wahrheit, und es sehen zu können, ist ein spezielles Göttergeschenk.« Er meint, daß es Liliencron vielleicht Vergnügen bereiten würde, eine Stimme aus der Ferne zu hören, und gibt deshalb »diesen Tribut der Dankbarkeit für den bereiteten Genuß.«

Dieser Brief leitete eine für Liliencron sehr wichtige Verbindung ein, er war ihm in seiner literarischen Verlassenheit wie eine unbekannte Hand, die sich ihm warm entgegenstreckte.

Hermann Heiberg war vier Jahre älter als Liliencron und stammte aus Schleswig. Seine Mutter war aus dem Adel der Provinz, eine Gräfin Baudissin. Schon daß er Liliencron so rasch 140 erkannte, spricht für den Mann, den man in seinem Alter ungerecht früh vergessen hat; ungerecht – denn die Rolle Hermann Heibergs in der neueren deutschen Literatur ist wichtig genug. Er steht auf der Grenzscheide zwischen der alten Kunst und der neuen, die in den Tagen jenes Briefes erwacht. Er war noch stark von dem Pessimismus genährt, der im Gefolge des überflutenden Materialismus der siebziger Jahre zu herrschen begann, aber er strebte schon über die Konvention der Zeit hinweg nach Ehrlichkeit und herber Wahrheit. Seine »Plaudereien mit der Herzogin von Seeland«, die damals eben erschienen waren, sind noch ziemlich flach, zeigen aber die Bemühung nach Selbständigkeit und sind in manchem Liliencrons Anfängerskizzen verwandt. Weitaus bedeutender war Heibergs späterer Roman »Apotheker Heinrich« (1885), ein stilistisch vielfach unebenes, aber starkes Buch; es überragte in seiner Zeit durchaus den Durchschnitt und ist, noch mehrere Jahre vor Hermann Sudermanns ersten Romanen hervorgetreten, ein Vorbote der neuen Erzählungskunst. Dem Werk fehlt ganz die Feinheit Fontanes, der gleichzeitig seine neuen Romane schuf, aber Heiberg arbeitet darin bewußt gegen das Herkömmliche und stellt seine Menschen recht kräftig ins freie Licht. Die Höhe seiner Kunst erreichte er wohl erst später in dem 1889 erschienenen und einläßlich in die schleswig-holsteinische Umwelt hineingearbeiteten Roman »Schulter an Schulter« und in mancher norddeutschen Geschichte. Die vielen flachen und rasch ums Brot geschriebenen Romane seiner Spättage, zwischen denen doch noch manche fein gestaltete Novelle steht, wie »Vornehme Menschen«, sollte man bei seiner Beurteilung zurückstellen hinter die Verdienste jener Kampfjahre, zu denen sich alsbald noch die treue, freundschaftliche Sorge um Liliencron gesellte.

Der ging auf den Zuruf begeistert ein und sandte Heiberg sofort die Bogen mit den Gedichten. »Wie weit sind Sie mir über!!« schrieb der ältere zurück; »ich nehme den Hut ab! Ich will Ihnen sagen, was bei mir den Beweis abgibt, daß etwas Vollendung ist: Vermälung von Wahrheit und Schönheit: – wenn es mich eigentümlich kalt durchschauert – wenn es wie ein Ahnen durch meine Glieder rieselt, ohne daß ich mir Rechenschaft darüber geben könnte. Ich könnte tausend Jahre werden; ich könnte so etwas nicht machen, und wenn ich es könnte, würde ich in meinen Empfindungen weit über allem Erdenquark stehen. . . . Das ist goldene Poesie! Wo graben Sie in der Welt die Worte aus? Das ist so kühn – so packend, daß man ganz verblüfft ist.«

Heiberg rühmte dann auch den musikalischen Klang einzelner 141 Lieder, ihre volle Selbständigkeit, den Mangel an Nachgeäfftem. Als er vollends in Berlin einen Vetter Liliencrons, von Warnstedt, getroffen und mit diesem lange über Liliencron geplaudert hatte, ward ihm auch die Persönlichkeit noch vertrauter. Jetzt sandte Liliencron sein Bild, das durchaus Heibergs Vorstellung entsprach. Liliencron trug damals einen kurzgehaltenen Kinnbart unter dem langen, dunkelblonden Schnurrbart, und der sinnende Ausdruck der Augen trat dadurch bedeutender hervor. »Seien wir also gute Freunde,« schrieb Heiberg, »nicht in der schablonenhaften Façon zweibeiniger Kreaturen, sondern mit Rat und Tat zueinanderstehende Männer, die mit dem Leben rechnen müssen, aber lieber auf den Höhen ständen und den Wind kommandierten.«

Heiberg tat noch mehr. Er ging mit den Gedichten des inzwischen nach Pellworm übergesiedelten neuen Freundes zu Eduard Engel, der damals das alte, 1830 begründete »Magazin für die Literatur des In- und Auslandes« leitete, und legte sie ihm vor. Engel empfand denselben »Schlag« wie Heiberg und schrieb im Laufe des Jahres 1882 im »Magazin«: »Ich rede mir ein, einen Dichter entdeckt zu haben. – Er heißt Detlev Freiherr von Liliencron, und ich bitte, sich diesen sehr schön klingenden, alten Namen einzuprägen, denn über kurz oder lang steht er doch in den Literaturgeschichten, natürlich unter den ›Epigonen‹.« – Das war das erste öffentliche Wort über den fast vierzigjährigen Dichter.

Auf Pellworm steckte Liliencron voll dramatischer Pläne, die er erst unter den günstigeren äußeren Verhältnissen Kellinghusens ausgestaltete, und er verarbeitete innerlich die Eindrücke von Meer und Marsch, Wind und Wellen. So entstand auf der »Insel am Atlantischen Ozean«, wie Liliencron gern schrieb, eine im Verhältnis zu Borby nur kleinere Anzahl Gedichte, aus denen aber zum Teil deutlich der Klang der Nordsee tönt, so »Auf dem Deich«, »Mit der Pinasse«, und vor allem der »Gouverneur«, in dem »ein Inselchen, so leer und öde,« die Insel »Schafschafschaf«, auftaucht, wie Liliencron sein Eiland benannte, als er neun Tage keine Post erhalten hatte. »Frühling« (Komm, Mädchen, mir nicht auf die Stube) ist hier geworden, die kleine Ballade »Hans Töffel«, »Die gelbe Blume Eifersucht«, das »Liebeslied« (Dem Fremden gilt dein Evoe) und »Kurz ist der Frühling«. Auch »Una ex hisce morieris« ward hier gefunden. Die Anregung zu diesem Gedicht gab der Anblick einer Sonnenuhr, die im Garten des Pellwormer Amtsgerichts stand. Ihr entnahm Liliencron die lateinische Inschrift, der neue Eindruck verschmolz mit 142 dem einst in Paalsgaard empfangenen. Wieder erscheint das Bild der jungen, wunderschönen Königin, die, geleitet von blonden Pagen und einem Mohrenknaben, zum Marmorsessel schreitet, den Fischzug anzusehn. Aber noch während sie, scheinbar harmlos plaudernd, mit einem schlanken Fant in samtnem Puffenwams ein Stelldichein beim Mondesaufgang an der Sonnenuhr verabredet, stürzt sie, von einem Pfeil aus dunklem Tannenbusch gefällt.

Auf einer Dampfschiffahrt von Husum nach Pellworm gelang das Gedicht »Trutz, Blanke Hans« mit seinem Wellenrhythmus:

Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren.

Zum erstenmal taucht hier der Binnenreim »Nordsee = Mordsee« auf. Auch Sizilianen wurden geformt, zum guten Teil aus der Örtlichkeit heraus: »Im Marschgarten«, »Hinterm Deiche«, und das Liebesgedicht »In den Arm mir gabst du die leichte Last.«

Wieder stellte Liliencron eine Anzahl von Gedichten zum Sonderdruck zusammen, sandte sie Heiberg und durch ihn Engel; auch Storm, Toni von Liliencron wurden bedacht und Alberta von Puttkamer, die Lilencrons »großen, wundervollen Drang ins Schöne, Große, Hohe« aus den Versen herausfand und ihm schrieb, daß sie beide auf der Liste des »hoffnungsvollen Jungen Deutschlands« ständen. Eine Verbindung zwischen beiden bildete Emil Prinz Schoenaich-Carolath, der Alberta von Puttkamer befreundet war. Auch sie empfand den musikalischen Zug der Liliencronschen Lyrik und versuchte sich das Leben auf der Werft nach den Versen vorzustellen.

Dieser Pellwormer Sonderdruck enthält die drei Sonette »Auf dem Deiche«, die in Plön geschaffene Ballade »Hartwich Reventlow (1813)«, die gleichfalls in Plön entstandene Ballade vom roten Mantel, den »Bruder Liederlich«, den Liliencron während seiner letzten militärischen Übung im Herbst 1881 in Hamburg gedichtet hatte, die »Liebesnacht« (»Nun lös ich sanft die lieben Hände«), das Gedicht »Einer Toten«, in Plön im Januar 1882 entstanden, den »Handkuß«, der im Februar gedichtet war:

Viere lang,
Zum Empfang,
Vorne Jean,
Elegant
    Fährt meine süße Lady – 143

und den er auch den »Fliegenden Blättern« eingeschickt hatte, die lange Ballade »Papst Clemens der Zweite« aus dem November 1881, das Gedicht »Und ich war fern«, »Sursum corda«, beides aus der Plöner Zeit, und endlich zwei Prosadichtungen: »Josua Qualen«, als Bruchstück bezeichnet, in Plön verfaßt, und »Auf der Marschinsel«, auf der Insel Schmerhörn vor Pellworm im März 1882 gefunden.

Die ausgewählten Balladen zeigen nicht Liliencrons stärkste Seite, er war auch selbst später nicht mit ihnen zufrieden, um so mehr packt die Lyrik. Insbesondere die drei Sonette »Auf dem Deiche« fand Liliencron »mit seinem Blut« geschrieben.

Halt ein, Apoll, halt ein mit deinen Pfeilen,
Und senke hoheitsvoll den Silberbogen,
Von dem sie wie entkappte Falken flogen,
Mit ihren Schnäbeln mir die Brust zu teilen.

An diesem Strande hofft ich zu verweilen,
Da stehst du wieder wolkengoldumzogen,
Zu deinen Füßen mißgelaunte Wogen,
Und nimmer, seh ich, werd ich dir enteilen.

Du trafst und triffst mit alter Trefferkunde,
Doch reißen mir die spitzen Köcherspenden,
Statt mich ins Grab zu legen, Wund auf Wunde.

Soll ewig deine Sonne nur verschwenden,
Um grausam mich zu foltern Stund auf Stunde?
Barmherzigkeit! und nie den Tod entsenden?

Meisterlich ist die kleine Skizze »Auf der Marschinsel«. Der Strandvogt holt den Hardesvogt nach Schmerhörn. Sie wandern bei tiefster Ebbe über den Norder-Außendeich. In der Ferne zeigen sich auf dem Binnendeich zwei Reiter. Man meint das Schwappsen und Stappsen der Gäule zu hören, Stare plaudern, Hennen picken; endlich ist man am Ziel. Da liegen auf einer breiten, weißen Planke, mitten unter den staunenden Inselleuten, gekreuzigt, ein junges, weißes Weib und ein herkulischer Neger. Beider Füße sind mit festen, dicken Tauen umschnürt, und das furchtbare Bild gibt eine weite Aussicht in eine rätselhafte Vergangenheit. 144

»Josua Qualen« ist ein balladenhaft zurechtgezimmertes Stück Chronik. König Christjern hat einst dem Ritter Josua von Qualen die Zunge ausgeschnitten, an der Levensau, als der gewaffnete König verräterisch siebenundzwanzig schleswig-holsteinische Edelleute erschlug; Liliencron führt sie alle namentlich nach der Chronik auf. Nun aber kommt die Rache. Friedrich der Erste, Josua Qualen neben sich, verjagt Christjern. Der schweift von Land zu Land, bis er sich in Kopenhagen selbst stellt. In den Turm von Sonderburg wird er verbannt und Josua von Qualen ihm zum Wächter gegeben. Was der König auch tut, ob er den steinernen Tisch umgeht und mählich mit dem Daumen eine Rinne in den Stein höhlt, ob er an den Wänden hinaufspringt mit glühenden Augen,

Oben steht
Josua von Qualen.

»König Christjern stirbt, und im Sterben reckt er die Zunge aus, die lange, rote, kostbare Königszunge gegen

Josua von Qualen.

                                        Tot.
Und tot auch stürzt auf den steinernen Tisch
              Josua von Qualen.«

Hier war es Liliencron gelungen, der in knappen Sätzen rasch vorschreitenden Erzählung zum Schluß eine von schwerster Stimmung durchsetzte, balladenhafte Bekrönung zu gewinnen.

Alles drängte jetzt zur Veröffentlichung der Gedichte, vor allem Liliencrons eignes Gefühl. Am 16. Dezember zwängte sich endlich das Postboot, das dem Hardesvogt die Nummer fünfzig des »Magazins« mit Engels Aufsatz brachte, durchs Eis, und am selben Tage ging ein Brief an den Leipziger Verlagsbuchhändler Wilhelm Friedrich ab; er enthielt den sechsundfünfzig Seiten starken Pellwormer Sonderdruck und die ersten Anfragen wegen des Verlages eines Gedichtbandes. Am 20. Januar 1883 sandte Liliencron den ersten Teil der Handschrift und dann weiter bis zum 9. April das übrige. Er wollte einen Zuschuß von dreihundert Mark leisten, wenn besonders gutes Papier, Büttenpapier, gewählt würde, und bat, das ganze Werk einem tüchtigen Volksschullehrer zu übergeben, der alle Gedichte auf etwa 145 stehengebliebene Sprachfehler pedantisch untersuchen sollte. Theodor Gänge, dem Kieler Freund, sollte die Sammlung zugeeignet sein. Eifrig ward noch jeder Vers durchgefeilt und besonders der Hiatus überall hinausgeworfen, wo er nach Liliencrons Gefühl nicht stehn bleiben durfte.

Wilhelm Friedrich war im Jahre 1851 zu Anklam als Sohn eines Kreisbaumeisters geboren. Siebzehnjährig begann er zu Elbing den Buchhandel zu erlernen und war dann in großen Buchhandlungen in Italien, Lyon, Tiflis, Kiew und Agram tätig. Dann gründete er für Rechnung eines Polaer Hauses die erste deutsch-französische Bücherei zu Zara in Dalmatien und ließ sich im Jahre 1878 als Verlagsbuchhändler in Leipzig nieder. Der eigentümliche Mann mit dem finstern Gesicht verstand es bald, die jungen Schriftsteller der Zeit an sich zu ziehn, insbesondere seitdem er das »Magazin für die Literatur des In- und Auslandes« erworben hatte, dessen Leitung alsbald von Eduard Engel an Franz Hirsch überging. Und durch Heiberg und das »Magazin« kam nun auch Liliencron an Wilhelm Friedrich, bei dem am 1. Oktober 1883, als der Dichter schon als Kirchspielsvogt nach Kellinghusen übergesiedelt war, »Adjutantenritte und andere Gedichte« erschienen. Was das Werk in jenen Tagen bedeutete und uns bedeutet, kann nur klar werden, wenn wir die Entwicklung der neuen deutschen Lyrik und die deutschen Zustände, unter denen es entstand, in raschen Zügen verfolgen. 146

 

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