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Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band

Robert Kraft: Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band - Kapitel 8
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDetektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band
publisherH.G. Münchmeyer
correctorreuters@abc.de
senderGeorge Huberty
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7. Die letzte Cherokesin

Eines Nachmittags saß Nobody als einziger Gast im Speisesaal eines New-Yorker Hotels. Er machte den Eindruck eines jungen Mannes, welcher gewohnt ist, in den besten Kreisen zu verkehren und in solch einem vornehmen Hotel zu speisen, der aber schon seit längerer Zeit in Geldverlegenheit ist, nur einmal so viel in die Tasche bekommen hat, um sich ein gutes Diner leisten zu können.

Sein Anzug, für einen Gentleman berechnet, war nicht gerade schäbig, aber auch nichts weniger als neu, kein Ring, nicht einmal eine Taschenuhr, denn soeben hatte er den Kellner nach der Zeit gefragt. Trotzdem bediente ihn dieser mit Zuvorkommenheit; der Hotelkellner kannte doch seine Leute, das war kein Zechpreller, der hatte so viel bei sich, um sein Diner und seine Flasche Wein bezahlen und noch ein anständiges Trinkgeld geben zu können, und wenn er auch seine Uhr versetzt hatte, so war das deswegen doch immer noch die echte Vornehmheit, welche für den ihn bedienenden Geist stets ein ›Bitte‹ und ein ›Danke‹ hat.

Die Tür ging auf, und ein ... ein weit aufgerissener Rachen trat herein.

Man verzeihe diesen Ausdruck. Aber wenn man einen Menschen zum ersten Male sieht – man erwartet einen fremden Besuch, er tritt ins Zimmer – so hat man doch einen ersten Eindruck, es fällt einem irgend etwas Besonderes auf, das sich für alle Zeiten dem Gedächtnis einprägt. Der Betreffende ist entweder klein oder sehr dick, oder er hat krumme Beine oder eine große Warze auf der Nase oder sonst etwas.

An diesem hier nun war das Auffallende der weit aufgesperrte Mund, das war das Charakteristikum, an dem Nobody den Mann im Augenblick erkannte.

»Ah,« dachte er vergnügt, »Mr. Cerberus Mojan, Schmieröl Schwefel Schokolade.«

Wirklich, wenn der aufgerissene Mund nicht gewesen wäre, auch der scharfsichtige Detektiv hätte ihn nicht gleich wiedererkannt, wenigstens doch nicht so auf den allerersten Blick, in demselben Moment, da sich nur der Kopf in der Türspalte zeigte.

Mr. Cerberus Mojan ist seinem Aussehen nach schon früher wiederholt in Wort und Bild beschrieben worden: ein karierter Engländer, wie er im Buche steht, nur nicht lang und hager, sondern klein und dick. Als Nobody ihm zum ersten Male begegnete, in Kairo, hatte er seinen Tropenhelm mit an Insektennadeln gespießten Fliegen bespickt gehabt, bei der zweiten Begegnung hatten diese merkwürdigen Jagdtrophäen schon gefehlt, da hatte der spleenige Engländer eben ein anderes Steckenpferd geritten. Aber wann und wo Nobody ihn auch wieder getroffen hatte, es war doch immer der kleine, kugelrunde, karierte Engländer gewesen, mit der mächtigen Glatze, mit der glattrasierten Oberlippe und mit den beiden blonden Bartkoteletten.

Nur daß er noch an der chronischen Maulsperre litt, sonst hatte sich Cerberus Mojan total verändert.

Unter dem Sombrero quoll schwarzes, langes Haar in üppiger Fülle hervor, ihm bis auf die Schultern fallend. Verschwunden waren die charakteristischen Bartkoteletten, statt ihrer schmückte das aufgeblasene Froschgesicht ein gewaltiger Schnurrbart, so pechschwarz wie das Haupthaar, wahrhaft lebensgefährlich mit seinen ausgedrehten Spitzen.

Auch in seiner Kleidung hatte er sich total verändert. Er trug einen grünen Lodenanzug, grün waren die Schaftstiefel, die ihm bis zum Bauche hinaufreichten, grün auch der Sombrero, grün war der auf den Rücken geschnallte Tornister.

Und nun erst die übrige Ausrüstung! Wenn sie nicht grün war, so konnte man doch vor Staunen grün werden.

Ueber der Schulter hing eine dreiläufige Donnerbüchse, und das kleine, dicke Kerlchen mußte tatsächlich über eine ansehnliche Portion Körperkraft verfügen und gar fest auf seinen kurzen Beinchen stehen, daß er nicht nach der betreffenden Seite hin die Balance verlor, so gewichtig war das Ding. An dieser Waffe hatte er noch nicht genug. An dem Ledergürtel, der seinen Schmerbauch umspannte, hingen in Futteralen zwei mächtige Revolver, dann noch ein kleinerer, desgleichen drei Scheidemesser verschiedenen Kalibers – und weiter hingen an diesem Gürtel noch eine Unzahl von Taschen und Futteralen und anderen Gegenständen – Photographenapparat, Schreibtasche, Feuerzeug, Pfeife und Tabaksbeutel und, Gott weiß, was sonst alles noch – ganz abgesehen von den vielen Patronentaschen, und für die Messer war sogar ein Wetzstein vorhanden – der Gürtel genügte bei weitem nicht, das alles festzuhalten, über die Brust liefen kreuz und quer eine ganze Menge Riemen, und an jedem hingen mehrere Gegenstände – alles bimmelte und bammelte, vorn und hinten, oben und unten, kurz und lang, und was da aus dem Schafte des linken Stiefels hervorragte, das war ganz sicher der Griff eines Stockdegens, schon mehr ein Schwert.

Man kann annehmen, daß drei Viertel aller in Amerika lebenden Menschen, die Damen nicht ausgeschlossen, eine Waffe bei sich tragen, ohne einen Waffenschein zu besitzen, der auch in Amerika nötig ist.

Mr. Cerberus Mojan hatte einen Waffenschein bekommen, was auch keine besondere Schwierigkeiten verursacht, ist doch besonders in Amerika mit Geld alles zu erreichen, und damit das wandelnde Waffenarsenal nicht von jedem Konstabler angehalten wurde, hatte er den polizeilichen Erlaubnisschein gleich vorn auf die Brust gehängt, eingerahmt und hinter Glas.

Das wandelnde Waffenarsenal konnte hier keine unbekannte Erscheinung sein, denn hinter sich, wo zwei Kellner lungerten, hörte Nobody ein unterdrücktes Kichern und dann die geflüsterten Worte:

»Ach, da kommt ja Mr. Etcetera bäbä.« Die Abkürzung p. p. bedeutet praemissis praemittendis, wörtlich übersetzt, nach Vorausschickung dessen, was vorauszuschicken ist – etcetera p. p. würde unserem ›u.s.w. u.s.w.‹ entsprechen.

Wie nannten sie ihn? Mr. Etcetera bäbä? Nun, Nobody sollte bald genug die Ursache zu diesem seltsamen Namen erfahren.

War schon sein Aeußeres auffallend, so noch mehr sein Benehmen.

Wie ein anderer Mensch war er hereingetreten. Doch nur für den ersten Schritt, dann wurde es anders. Es gab einen hörbaren Krach – Mr. Cerberus Mojan hatte den Mund zugeklappt, und nun, mit fest zusammengepreßten Lippen, bückte er sich; so schlich er einige Schritte in den Speisesaal hinein, blickte sich mit rollenden Augen um, und zwar die Augen mit möglichster Gewalt und daher so unnatürlich wie möglich im Kreise rollen lassend – jetzt schenkte er den umherstehenden Kellnern seine besondere Aufmerksamkeit – immer noch so vorsichtig gebückt stehend, wie auf einem Schleichwege, bohrte er seine hervorquellenden Augen in das Gesicht jedes einzelnen – und damit noch nicht genug, jetzt zog er aus einem der zahllosen Futterale ein großes Opernglas hervor und nahm mit diesem jeden einzelnen Kellner in längeren Augenschein.

Die gewandten Hotelkellner waren zu gut dressiert, als daß sie auch nur ein Lächeln übrig gehabt hätten: sie wußten eben schon, wen sie vor sich hatten.

Die Musterung durch den Krimstecher war erledigt; Mr. Cerberus Mojan machte zur Abwechslung einmal den Rachen auf und klappte ihn wieder zu, jetzt kam ein Photographenapparat daran, der Speisesaal wurde photographiert.

Knacks – fertig!

Jedenfalls war es der beste Apparat, der auf dem Markte zu haben, das sah man ihm gleich an, er schien auch eine Vorrichtung zu besitzen, welche selbständig fixierte, denn schon nach wenigen Sekunden zog Mojan die Platte heraus.

Er hielt sie gegen das Licht, und er mußte irgend einen Grund haben, seinen Mund doppelt so weit aufzureißen als gewöhnlich – unmenschlich weit – und dann winkte er dem nächsten Kellner. Dieser kam.

»Was sehen Sie hier?« fragte Mojan flüsternd und geheimnisvoll.

»Das ist der Speisesaal, Sir – ausgezeichnet getroffen.«

»Bemerken Sie nicht etwas Besonderes auf der Platte?«

Der Kellner äugelte durch das Glas, blickte auch einmal durch den Saal.

»Etwas Besonderes? Nein, Sir.«

»Da seht ihr!« triumphierte Mojan. »Blinde Maulwürfe seid ihr alle zusammen. Aber ich, ich!! Sitzt dort hinten nicht ein Mann?«

Nobody saß allerdings etwas im dunklen Hintergrunde, aber es wäre doch merkwürdig gewesen, wenn der Speisesaal erst photographiert werden mußte, um diese Entdeckung zu machen. Bei Mr. Cerberus Mojan schien dies allerdings der Fall zu sein.

»Jawohl, das ist ein Gast,« sagte der Kellner.

»A-a-a-a-ach, tun Sie doch nicht, als hätten Sie ihn schon gesehen,« wehrte der kleine Dicke entrüstet ab. »Darauf mußte ich Sie erst aufmerksam machen, sonst hätten Sie den Mann Ihr ganzes Leben lang nicht erblickt.«

Der Kellner schwieg, er mochte sich sein Bestes denken, und Mojan fuhr auch gleich fort:

»Was für ein Mann ist das?«

»Weiß nicht, Herr.«

»Wie heißt er, was ist er, wo wohnt er, was treibt er etcetera bäbä?«

»Weiß nicht, Herr,« entgegnete der Kellner kurz.

»Sooooo? Weiß nicht? Und wenn der Mann nun ein Verbrecher ist? Ein Hochstapler, Einbrecher, Leichenschänder, Raubmörder etcetera bäbä!«

Der Kellner blieb die Antwort schuldig. Er ließ alles über sich ergehen.

»Ein Nihilist, ein Anarchist, ein Antichrist etcetera bäbä! Das wäre Ihnen ganz gleichgültig?«

»Der Herr ist als Gast hier, ich habe ihn zu bedienen, weiter nichts, alles andere ist nicht meine Sache!«

»Ah, da haben Sie allerdings recht,« lenkte Mojan schnell und freudig ein. »Das ist nicht Ihre Sache. Aber meine Sache ist es. Wollen gleich mal sehen, was für ein Individuum das ist. Bleiben Sie so stehen!«

Zum ersten Male wandte Mr. Mojan sein eigenes Auge dorthin, wo Nobody saß, dann trat er hinter den Kellner, beäugte Nobody durch das Opernglas; das reichte noch nicht; er zog aus einem Futteral ein Fernrohr, schraubte es meterlang auseinander und richtete es auf den verdächtigen Gast, immer gebückt hinter dem Kellner stehend.

»Hm. Sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus. Nun passen Sie auf, wie ich dem die Würmer aus der Nase ziehe! Merken Sie wohl auf, wie ich das mache. Sie können dabei nur lernen.«

Mit diesen Worten schob Mr. Mojan sein Fernrohr zusammen, barg es im Futteral und bewegte sich auf den einsamen Gast zu. Dabei hielt er sich nicht mehr gebückt, schlich aber doch noch immer in so eigentümlicher Weise, bei jedem Schritte stockend, und so schlich er sogar um Nobody herum, bis er vor ihm stehen blieb.

Man befand sich in Amerika, die Kellner taten nichts, um den einsamen Gast vor fremder Zudringlichkeit zu schützen, mochte er sich selber helfen. In demselben Amerika aber ist es auch sehr schwer, eine neue Bekanntschaft zu machen, so etwas wie »Ach, entschuldigen Sie gütigst, habe ich vielleicht die Ehre ...« gibt es da nicht, da bekommt man höchstens ein kurzes » no«, wahrscheinlicher nur ein Kopfschütteln, und der Betreffende vergräbt sich hinter einer Zeitung, man ist für ihn Luft.

»Wie will der mit mir anknüpfen?« dachte Nobody.

Nun, er sollte es gleich zu erfahren bekommen. Mochte Mr. Cerberus Mojan auch noch so am Spleen leiden – jedenfalls war er ein Original durch und durch, er ahmte niemals etwas nach, seine Verrücktheiten waren immer originell, seine Erfindung, sein Eigentum.

»Speck!« sagte Mr. Mojan ganz einfach, mit Betonung, wie man seinen Namen nennt, und er nahm dabei den Sombrero ab, wobei es ihm freilich passierte, daß er auch die Perücke mit abhob und die langen schwarzen Haare durch die Luft schwenkte. Doch da er den Hut gleich wieder aufsetzte und mit ihm die Perücke, so war dies schnell erledigt, ohne daß Mr. Mojan etwas davon gemerkt zu haben schien.

Also Mr. Speck nannte er sich jetzt! Nun, der einsame Gast brauchte ja gerade kein Yankee zu sein, sah überhaupt eher wie ein Franzose aus, und so erhob er sich etwas von seinem Stuhle, verbeugte sich und stellte sich seinerseits vor:

»Austin.«

»Speck,« sagte das Waffenarsenal nochmals.

Auf der anderen Seite wieder eine Verbeugung, nochmals der Name genannt.

»Austin – Charles Austin.«

»Speck!!!« fing Mr. Cerberus Mojan jetzt zu schreien an.

Diesmal blieb Nobody sitzen und nahm eine abweisende Miene an. Was wollte der Kerl eigentlich mit seinem »Speck« von ihm?

»Speck!!!« donnerte ihn das Waffenarsenal zum vierten Male an. »Speck! Speck! Speck und ... na? – na? – Speck und ...«

Aha, jetzt ging Nobody ein Seifensieder auf. Um ein Stichwort handelte es sich.

»... und Bohnen!«

»Falsch!«

»Bitte sehr! Zum Speck gehören Bohnen, besonders hier in Amerika.«

»... und Sirup!«

»Speck und Sirup? Das ist mir neu und gar nicht nach meinem Geschmack.«

»Dann sind Sie also nicht derjenige, den ich hier erwarte?«

»Anscheinend nicht.«

»Sehr angenehm!«

Das Waffenarsenal sprach's und nahm an dem Tische des Fremden Platz.

»Achilles Stronghand,« stellte sich jetzt der Mann vor, der eigentlich den Namen Cerberus Mojan führte, dann druckste er, machte so ein sehnsüchtiges Gesicht, als möchte er gern noch etwas sagen, was er nicht sagen dürfe, brachte es jedoch nicht übers Herz, es zu verheimlichen, und mit einem Male platzte es schnarrend heraus:

»... Schmieröl Schwefel Schokolade ...«

Aber das konnte noch nicht alles sein, es drückte ihm immer noch etwas das Herz ab, also nochmals:

»Schmieröl Schwefel Schokolade etcetera bäbä.«

So, nun war es heraus, und nun war auch das Gesicht wieder ein glückliches.

»Charles Austin, Artist.«

»Artist?«

»Trapezkünstler.«

Mr. Mojan machte hinter seinem Rücken eine Bewegung mit der Hand, welche sagte: Seht, ihr dummen Jungens, ich, ich – ich habe sofort herausbekommen, wie er heißt, und was er ist.

»Ich freue mich sehr, daß Sie nicht der sind, den ich hier erwartet habe. Ich kann den Kerl nicht leiden.«

»Weshalb nicht, wenn ich fragen darf?«

»Der Mensch lügt, maust und spuckt in die Kirche. Er läßt seine Kinder hungern, prügelt seine Frau und hat seine eigene Mutter ins Zuchthaus gebracht. Außerdem ist er ein ganz unsauberer Patron, er stinkt nach Zwiebeln, nach Dung, nach Mist und nach Etcetera bäbä.«

»Das muß ja ein netter Mensch sein!«

»Nicht wahr? Und Sie werden mir doch nicht verargen, wenn ich mich mit solch einem Subjekt nicht an einen Tisch setze!«

»Ganz sicher nicht.«

Diese gewiß feine Einleitung, um einem Menschen auf den Zahn zu fühlen, wurde dadurch unterbrochen, daß der Kellner dem ersten Gaste, der das Menü noch nicht abgegessen hatte, den Pudding brachte, und das erinnerte Mr. Cerberus Mojan an die Magenfrage. Er griff zur Speisenkarte.

»Schildkrötensuppe! Ah, Schildkrötensuppe!« schmunzelte er. »Bringen Sie mir zuerst eine Schildkrötensuppe und eine Flasche Chateau Lafitte.«

Durch diese Bestellung aber wurde er wiederum von seinem beabsichtigten ›Würmerziehen‹ abgelenkt. Er hatte eine Entdeckung gemacht.

»Es ist doch merkwürdig – alles, was gut schmeckt, fängt mit dem Sch an. Oder ich will richtiger sagen: alles, was mit dem Sch anfängt, schmeckt gut.«

»Da behaupten der Herr doch wohl etwas zu viel.«

»Wieso? Schildkrötensuppe, Chateau Lafitte, Schweinsroulade, Schweinsrippchen, Schweinslendchen, Schweinsknochen ...«

»Ja, weil das eben alles mit ›Schwein‹ beginnt, welches Tier mit unsere Hauptnahrung bildet.«

Aber Mr. Mojan ließ sich nicht irremachen, er schnarrte weiter herunter:

»Schmieröl, Schwefel, Schokolade, Schweizerkäse, Champagner etcetera bäbä ... ich behaupte nochmals, junger Mann, daß alles, was mit dem Sch anfängt, gut schmeckt und der Verdauung gut bekommt, und nun beweisen Sie mir das Gegenteil!«

Auf Schmieröl und Schwefel wollte sich Nobody nicht einlassen, er wußte ja, wie Mr. Mojan von diesen beiden Substanzen dachte, zumal von dem Schmieröl und dem Schwefel, die er selbst verkaufte.

»Es gibt aber doch auch Ausnahmen.«

»Zum Beispiel?«

»Ich kenne verschiedene Sachen, welche mit dem Sch anfangen und weder gut schmecken noch der Verdauung bekommen. Zum Beispiel: Scheidewasser.«

Mr. Mojan machte eine Gebärde des Staunens.

»Was? Scheidewasser schmeckte nicht gut?!«

»Haben Sie etwa schon Scheidewasser getrunken?« lachte der vorgebliche Artist.

»Ich? Eimerweise! Zumal in Danzig.«

»In Danzig? Sollten Sie nicht vielleicht Goldwasser meinen – Danziger Goldwasser?«

Mr. Mojan gab seinen Irrtum gleich zu.

»Richtig! Danziger Goldwasser meine ich. Durch das Gold kam ich auf Scheidewasser. Das ist aber auch die einzige Ausnahme. Sonst halte ich meine Behauptung aufrecht, daß alles, was mit dem Sch anfängt, gut schmeckt.«

Die Ankunft der Schildkrötensuppe und der Flasche Wein machten der Unterhaltung über dieses Thema ein Ende.

»Darf ich Sie zu einem Glase Wein einladen?«

»Ich nehme es dankbar an.«

Mojan schenkte zwei Gläser voll.

»Auf Ihr Wohl, mein Herr!«

»Auf das ...«

Mojan hatte sein Glas wieder zurückgezogen, noch ehe es mit dem anderen zusammengestoßen war.

»Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich nicht mit jedem Menschen anstoße.«

»Sicher nicht, aber bei mir können Sie es ruhig tun.«

»Sie sind noch nicht vorbestraft?«

Nobody verneinte ruhig und legte sich dabei im stillen die Frage vor, ob dieser verrückte Kerl so etwas schon bei einem anderen versucht hatte, etwa gar bei einem Yankee, der ihn mindestens sofort zu Boden geschlagen hätte.

»Oder haben Sie etwas begangen, wofür Sie eigentlich eine Strafe verdient hätten?«

»Auch das nicht!«

»Vertrauensbruch, Einbruch, Ehebruch, etcetera bäbä?«

»Nichts dergleichen.«

»Einen Totschlag, Mord, Raub, Raubmord, etcetera bäbä?«

Es wurde auch für Nobody nun bald zu viel. Er hatte vor, entweder diesem Kerl ein Märchen aufzubinden, irgend eine fürchterliche Mordtat zu erzählen, die er auf dem Gewissen habe, oder ihm lieber gleich zu sagen, daß er ein Schafskopf sei.

Aber noch beherrschte er sich. Diese Fragerei mußte doch irgend einen Zweck haben, dann diese Waffen, diese ganze Ausrüstung des sonst so harmlosen Mannes! Das mußte er noch erfahren. Deshalb wollte er jenen erst noch gewähren lassen, auf alles eingehen.

»Ich habe absolut nichts begangen, was mich mit dem Strafgesetze in Konflikt bringen könnte.«

»Junger Mann, blicken Sie mir ins Auge!«

Das Weinglas immer noch erhoben, preßte der kleine Dicke seine beweglichen Froschaugen mit Gewalt möglichst weit heraus, um so den anderen anzustieren.

»Ich glaube, Sie sprechen die Wahrheit. Nein, ich glaube nicht, sondern ich weiß es, denn meinem durchdringenden Auge entgeht nichts. – Na, dann prost!«

Sie tranken, und darauf senkte Mr. Mojan seine Stumpfnase auf den Suppenteller hinab, um den köstlichen Duft einzuatmen – und es war berechtigt, daß er stutzte, denn auf der Suppe schwamm etwas, was auf die Schildkrötensuppe nicht gehörte: eine lange, schwarze Wurst, an dem einen Ende zugespitzt.

»Wawawas ist denn das?! Kellner!! Kellner!! Was ist das, was da in meiner Suppe schwimmt?«

»Das ist die rechte Hälfte Ihres Schnurrbarts,« erklärte der Gerufene.

Nobody hatte es schon längst kommen sehen, nur mit Mühe hatte er seine Lachlust bekämpfen können. Der falsche Schnurrbart bestand aus zwei besonderen Hälften, sie waren nur angeklebt; schon seit einiger Zeit war dem Dicken beim Sprechen der rechte Schnurrbart immer mehr heruntergerutscht, bis er nun in der dampfenden Suppe lag.

Mr. Mojan faßte diesen Zwischenfall höchst phlegmatisch auf. Der leichte Bart schwamm wie eine Seifenblase obenauf, war kaum benetzt worden; Mojan nahm ihn einfach aus der Suppe, spuckte auf das Ende, klebte ihn wieder auf die Oberlippe – damit war die Sache erledigt.

»Junger Mann, Sie gefallen mir!«

Der junge Mann dankte mit einer leichten Verbeugung.

»Trapezkünstler sind Sie? Haben Sie ein Engagement?«

Nobody erzählte eine erfundene Geschichte, deren Richtigkeit aber nicht hätte kontrolliert werden können. Sie war eigentlich für einen Zirkusdirektor bestimmt, den der Detektiv aus einem besonderen Grunde im Auge hatte, und den er in diesem Hotel erwartete. Doch der Mann schien jetzt nicht mehr zu kommen.

Kurz: Charles Austin war ein Artist, der in letzter Zeit mit einem Partner am Trapez gearbeitet hatte; die ›fliegenden Männer‹ führten hoch in der Luft eine neue Art von Todessprung aus – in einem europäischen Zirkus war sein Partner tödlich verunglückt; Austin hatte lange kein Engagement gefunden, hatte sich nach Amerika begeben, es ging ihm jetzt recht schlecht.

Wie gesagt, es war wirklich etwas Wahres daran, auch der erwartete Zirkusdirektor hätte nicht daran gezweifelt, er kannte schon diese ganze Geschichte – nur daß sich eben Nobody für den echten Charles Austin ausgab.

Aufmerksam hatte Mojan zugehört.

»Junger Mann, Sie gefallen mir,« wiederholte er. »Vielleicht ... hm. Können Sie auf den Händen laufen?«

»Gewiß.«

»Salto mortales schlagen?«

»Das alles gehört doch zu meinem Beruf, und ich bin früher als Springclown aufgetreten.«

»Und wie steht's mit dem Reiten?«

»Ich bin ursprünglich zum Kunstreiter ausgebildet worden.«

Nobody glaubte, Mr. Mojan würde jetzt von ihm verlangen, gleich hier im Speisesaal ihm etwas auf den Händen vorzulaufen und Salto mortales zu schlagen, das sah jenem ganz ähnlich. Doch Mojan begnügte sich vorläufig damit, die Armmuskeln des angeblichen Artisten zu prüfen, und da plötzlich bekam er wieder seine Maulsperre, mit großen Augen glotzte er den Mann an, der ruhig seinen Nachtisch verzehrte.

»Himmelbombenelement etcetera bäbä!!« brachte er endlich hervor, als er seinen Mund wieder zugeklappt hatte. »Mann, was haben Sie da unter Ihren Aermeln stecken?«

»Was soll ich darunter stecken haben? Das ist alles Natur.«

»Ja, ja. Ich fühl's. Das sind Muskeln! Himmelbombenelement noch einmal und immer noch einmal!! Mann, wollen Sie in meine Dienste treten?«

Mr. Mojans Entschluß war gefaßt, nun ging es auch schnell bei ihm, und jetzt endlich würde Nobody zu erfahren bekommen, was für eine Rolle der spleenige Engländer wieder einmal spielte.

»In welcher Eigenschaft?«

Ehe Mojan eine Antwort gab, blickte er sich vorsichtig um, und als er keinen Kellner mehr in der Nähe sah, beugte er sich weit vor und flüsterte geheimnisvoll:

»Wissen Sie, was ich bin?«

Noch einmal musterte Nobody den kleinen, so abenteuerlich herausstaffierten Mann, und er wußte eine Antwort, welche jenem behagen würde.

»Ich hielt Sie für einen Waldläufer.«

Unverkennbar war die stolze Befriedigung, welche diese Ansicht bei Mr. Mojan hervorrief.

»Bin ich auch – bin ich. Waldläufer, Präriejäger, Fährtensucher etcetera bäbä! Achilles Stronghand – das ist der Ehrenname, den mir die Komantschen und die anderen Rothäute im Indianerterritorium gegeben haben. Sie wissen – Achilles – das war der Kerl, der so fix rennen konnte, daß er deswegen unter die Götter versetzt wurde – die Komantschen haben mir diesen Ehrennamen gegeben. O, Sie sollen mal sehen, wie ich rennen kann – vorausgesetzt, daß ich will,« setzte der kleine Dicke vorsichtig hinzu.

Daß die Indianer einen besonders kräftigen Mann Stronghand, Starkhand, nannten, das glaubte Nobody, aber Achilles – das war sehr zu bezweifeln.

»Mein eigentlicher Name geht Sie nichts an,« fuhr Mojan mit offener Freimütigkeit fort, immer noch flüsternd. »Aber wissen Sie, wer ich sonst bin?«

»Keine Ahnung, Sir!«

Da beugte sich Mojan so weit vor, bis sein Mund Nobodys Ohr berührte, und so flüsterte er im leisesten Tone:

»Ich bin Detektiv – Privatdetektiv – ich bin der berühmte Detektiv Nemo!«

Der Dicke lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blickte mit hochgezogenen Brauen den andern an, den Eindruck beobachtend, den diese Erklärung hervorrufen würde – und in der Tat, Nobody war dermaßen überrascht, daß er seine Gesichtsmuskeln nur mit aller Gewalt im Zaum halten konnte.

Also Detektiv war der mit Schmieröl, Schwefel, Schokolade handelnde Mr. Cerberus Mojan zur Abwechslung einmal geworden!! Das war ja köstlich! Und Nobody ahnte schon, daß er selbst diese Berufswahl verschuldet hatte.

»Haben Sie schon von diesem Detektiv Nemo gehört?« fragte Mojan weiter.

Da bemerkte Nobody in dem dicken Gesicht einen lauernden Ausdruck, und er glaubte die Frage verneinen zu müssen, obgleich jener doch von einer ›Berühmtheit‹ gesprochen hatte.

»Nein, ich habe noch nichts von ihm gehört.«

»Stimmt!« bestätigte Mojan zufrieden. »Sie können auch noch nichts von ihm gehört haben, denn Detektiv Nemo ist eben, wie schon dieses lateinische Wort sagt, ein Niemand, ein unsichtbares Etwas, ein fürchterlicher Geist, ein Etcetera bäbä, das sich nur den Verbrechern handgreiflich bemerkbar macht, um im nächsten Augenblick spurlos wieder zu verschwinden. Ja, die meisten Menschen glauben gar nicht an meine Existenz. Erst wenn ich mein Tagebuch veröffentliche, werden sie eines Besseren belehrt werden.«

Und das ›unsichtbare Etwas‹ räkelte siegesbewußt seine dicke Gestalt auf dem Stuhle.

»Aha, ich verstehe,« meinte Nobody, obgleich er im Grunde genommen nicht recht verstand, wie Detektiv Nemo seine Berühmtheit mit seiner Nichtexistenz zusammenreimte, worüber sich freilich auch Mr. Mojan nicht den Kopf zerbrechen zu wollen schien.

»Nein, von diesem Detektiv Nemo habe ich allerdings noch nichts gehört, wohl aber schon von einem Detektiv Nobody.«

Der kleine Dicke machte ein unsäglich verächtliches Gesicht.

»Bah! Nobody! Was ist denn Nobody gegen mich, den Detektiv Nemo! Der hat ja seinen Namen überhaupt erst von dem meinen entlehnt, ihn mir sozusagen gestohlen; sein Name Nobody ist doch nur eine englische Uebersetzung von meinem lateinischen Pseudonym, und so ist es mit allem und jedem – alles, was ich schon als Detektiv geleistet habe, das gibt er für seine eigene Tat aus, erzählt es in ›Worlds Magazine‹. Aber ich werde diesen Flunkerhans schon noch einmal kriegen und ihn zur Verantwortung ziehen.«

Jetzt wurde Nobody wirklich starr vor Staunen. Hatte er denn recht gehört? Was war denn plötzlich in dieses Engländers Hirn gefahren?

Doch gut, er wollte auf alles eingehen; den mußte er weiter sondieren. Jetzt war er es, der die Würmer aus der Nase zog.

»Ja, dieser Nobody soll nichts weiter als ein Hokuspokusmacher sein.«

Dieses ›nichts weiter‹ war dem Dicken aber auch wieder nicht recht. Nobody sollte vielmehr etwas sein, er wollte ihn nur in den Schatten stellen.

»Ein äußerst geschickter Taschenspieler ist er, das muß man ihm lassen. Haben Sie einmal etwas von ihm gesehen?«

»Ich hatte einmal Gelegenheit dazu.«

»Wie er den spiritistischen Apport macht?«

Den spiritistischen ›Abtritt‹, wie er früher immer sagte, schien Mr. Mojan nun schon hinter sich zu haben.

»Auch das!«

»Haben Sie einmal gesehen, wie er den Ring aus seiner Hand verschwinden läßt?«

»Jawohl, eben das habe ich von ihm gesehen!«

Jetzt warf sich der kleine Dicke in die Brust.

»Haben Sie dasselbe Kunststück aber einmal von mir gesehen?«

»Sie können das auch?«

»Und wie! Noch ganz anders als Nobody! Der läßt sich dabei immer die Faust, in der er den Ring hat, festhalten – so etwas habe ich gar nicht nötig. Passen Sie mal auf, junger Mann, jetzt will Ich Ihnen mal einen spiritistischen Apport zeigen.«

Mojan zog ein kleines Silberstück aus der Tasche, hielt es jenem in der flachen Hand hin.

»Was ist das?«

»Ein Zehncentstück.«

»Jetzt schließe ich die Finger darüber – sehen Sie, so – nun sage ich: finito perdutto, eins, zwei, drei ... ist das Geldstück noch in meiner Hand?«

»Ganz sicher!«

»Was wetten Sie, daß nicht?«

»Ich wette doch gleich ...«

»Halt, halt, halt, junger Mann, wetten Sie lieber nicht. Sie würden ... da da da da,« unterbrach der Zauberkünstler sich selbst, mit einem Male mit der linken Hand nach dem Fenster deutend, das sich seitwärts von dem Tische befand, »was ist denn das?!«

Anstandshalber blickte auch Nobody nach der bezeichneten Richtung, dabei sein Gegenüber schielend im Auge behaltend – vielleicht wäre es gar nicht nötig gewesen, die Absicht des Dicken lag ja ganz klar zu Tage – und richtig, schnell steckte Mr. Mojan das Silberstück in den weichen Pudding, den Nobody noch vor sich stehen hatte.

»Was gab es denn dort am Fenster?« fragte Nobody harmlos.

»Haben Sie es nicht gesehen?«

»Nein, was denn?«

»Eine Nachteule, die sich draußen vor das Fenster hingesetzt hatte – eine Nachteule am hellerlichten Tage! Na, lassen wir das! Also Sie glauben nicht, daß das Zehncentstück nicht mehr in meiner Hand ist?«

Der ›Zauberkünstler‹ hielt seine geschlossene Hand natürlich so, als hätte er ihre Stellung nie verändert.

»Wo sollte es denn sonst hingekommen sein?«

»Sie würden sogar wetten? Junger Mann, Sie würden verlieren! Da!«

Und Mojan spreizte die Finger auseinander und ließ die leere Hand sehen.

»Seltsam!« staunte Nobody. »Wo ist denn das Zehncentstück hingekommen? In den Aermel können Sie es doch nicht haben rutschen lassen?«

»Nicht wahr, so etwas haben Sie von Nobody doch noch nicht gesehen?« frohlockte der ›Zauberkünstler‹. »Ja, kommen Sie mal zu mir! Und wohin das Geldstück verschwunden ist? Was meinen Sie wohl? Na, essen Sie erst mal Ihren Pudding auf!«

Nobody folgte der Aufforderung. Daß in seinem Pudding oben der Schlitz zu sehen war, in dem das Geldstück verschwunden, davon wollte er natürlich nichts merken. Nobody löffelte also.

»Ja,« fing der ›Zauberkünstler‹ wieder an, »was der Nobody kann, das habe ich schon längst ... was haben Sie denn, junger Mann?«

Der ›junge Mann‹ hatte das Zehncentstück bereits in den Mund bekommen, er suchte es mit den Zähnen festzuhalten, machte dabei ein erstauntes Gesicht, als habe er schon eine Ahnung, worüber sich der ›Zauberkünstler‹ nicht schlecht freute.

Mit einem Male aber war es Mr. Mojan, der ein sehr erstauntes Gesicht machte, und er hatte auch allen Grund dazu, denn plötzlich wurde das hagere Gesicht seines Gegenübers immer dicker und dicker, seine Backen schwollen fürchterlich auf, und schon kam zwischen seinen vorgeschobenen Lippen etwas Weißes mit rundlicher Spitze hervor, wie ein Ei anzusehen – und es war wirklich ein Hühnerei, das aufschlagend auf den Puddingteller fiel.

Traute Mr. Mojan seinen Augen nicht, so machte Nobody, dessen Züge nach dieser Anstrengung wieder hager geworden waren, ein nicht minder erstauntes Gesicht, und mit anscheinender Entrüstung brachte er hervor:

»Da hört aber doch alles au ... au ...«

Er konnte nicht weitersprechen, denn schon wieder füllte sich sein Mund, abermals schwollen seine Backen auf, abermals kam die Spitze eines Eies zum Vorschein. Diesmal aber ließ Nobody es nicht einfach herausfallen, sondern er pustete mit geschwellten Backen, und wie aus einem Blaserohr kam das Ei aus dem Munde herausgeschossen, über den Tisch hinüber, gerade gegen Mojans Stirn, wo es mit einem Knalle platzte, und zur Decke empor stieg ein brillantes Feuerwerk von bunten Leuchtkugeln.

Jetzt war Mr. Mojan wirklich berechtigt, seinen Mund übermenschlich weit aufzureißen, so blickte er über sich empor – nur daß es gerade aussah, als ob er die Leuchtkugeln mit dem Maule auffangen wolle.

»Wawawawas i – i – i ist de – de – de – denn dadadadas?« konnte er nur stotternd hervorbringen.

»Da hört aber doch wirklich alles auf!« erklang es da ihm gegenüber im Tone des höchsten Zorns. »Herr, wer sind Sie? Wie kommen Sie dazu, mir in meinen Pudding eine mit Leuchtkugeln gefüllte Granate zu praktizieren?«

Der kleine Dicke machte seinen Rachen zu und blickte den anderen an, und was er sah, trug nichts zu seiner Beruhigung, noch weniger zur Aufklärung dieses Rätsels bei.

Der angebliche Trapezturner, dessen kolossale Muskeln Mojan vorhin gefühlt hatte, war aufgesprungen, stand mit allen Zeichen der Entrüstung da. Nobody brachte es sogar fertig, sein Blut purpurrot in den Kopf treten zu lassen.

»Und ich frage Sie noch einmal, mein Herr,« herrschte der plötzlich so streitfertig gewordene, bescheidene junge Mann den ihn Anstierenden aufs grimmigste an, »wie kommen Sie dazu, mir in meinen Pudding mit Leuchtkugeln gefüllte Explosionseier zu stecken?! Was?! Wie?!«

Ach, wie da plötzlich das so fürchterlich aussehende Waffenarsenal zu einem Häufchen Unglück zusammenschrumpfte!

»A – a – a – aber i – i – i – i – ich ha – ha – ha – habe dodododoch gagagagar keinekeine Ei – ei – ei – eier ...«

Da war es auch mit Nobody vorbei, er konnte sich nicht mehr halten, er brach in ein schallendes Gelächter aus, und so hielt er dem Dicken die Hand über den Tisch hin.

»Na, Mr. Cerberus Mojan, Schmieröl Schwefel Schokolade, wissen Sie denn nun endlich, wer ich in Wirklichkeit bin?!«

Da aber geschah etwas, was Nobody freilich auch nicht erwartet hatte.

Mojan machte nur einmal sein Maul auf, klappte es wieder zu, dann zog er ein recht verächtliches Gesicht und sagte ganz unverfroren:

»Na, Mr. Nobody, denken Sie denn etwa, ich hätte Sie nicht gleich erkannt? Auf den ersten Blick!«

Jetzt hätte Nobody seinen Mund aufsperren können. Nach diesem Taschenspielerkunststückchen war es ja allerdings fast selbstverständlich, daß der, der es ausführte, kein anderer als Nobody war, wenigstens wenn man die schon wiederholten Begegnungen zwischen ihm und Mr. Mojan in Betracht zieht, und wenn Nobody den alten Bekannten einmal so angeredet, ihn gefragt hatte, ob er ihn denn nun endlich erkenne, mußte Mojan auch augenblicklich wissen, wen er vor sich habe – jenen Nobody, den er früher ständig gesucht hatte – aber daß Mojan die Sache nun so kaltblütig auffaßte, das ging wirklich über Nobodys Hutschnur, das hätte er niemals von dem kleinen Dicken erwartet.

Uebrigens wär die Antwort äußerst geschickt gewesen, denn jetzt brauchte sich Mojan nicht einmal wegen seiner Renommisterei zu entschuldigen und wie er Nobody schlecht gemacht hatte – er wollte es ja immer gewußt haben, daß es Nobody selbst sei!

»Hohohoho!!« brach Mojan erst hinterher in ein dröhnendes Lachen aus und schlug in die Hand ein, die ihm Nobody bei seiner Frage hingehalten hatte. »Das mit den Eiern haben Sie Tausendsasa wieder einmal gut gemacht, aber daß Sie denken können, ich hätte Sie nicht sofort wiedererkannt ...«

»Schon gut, schon gut!« unterbrach Nobody dessen Redefluß. »Lassen wir uns erst ein separiertes Zimmer geben, dann können wir uns weiter unterhalten!«

Der bedienende Kellner, der so wenig wie seine Kollegen wußte, was dies alles bedeuten sollte, der nur bei dem Namen ›Nobody‹ hoch aufgehorcht hatte, erhielt von dem so zahlungsunfähig aussehenden jungen Manne einen Doppeladler mit einer Handbewegung, die das Wechselgeld ablehnte, auch Mojan bezahlte seine Rechnung, und dann waren die beiden in einem geschlossenen Zimmer allein bei einer neuen Flasche Wein.

»Na, nun sagen Sie mal, Sie alter Krauter,« begann Nobody, »was haben Sie denn nun schon wieder vor? Detektiv sind Sie jetzt geworden?«

»Glauben Sie etwa, ich hätte nicht das Zeug dazu?« fragte Mojan mit gekränktem Stolze. »Ich habe schon zwei Menschen aus dem Wasser gerettet und einen aus der Jauchengrube; ich habe schon drei Taschendiebe festgenommen, einen Einbrecher und ein durchgehendes Pferd; ich kann auf den Händen laufen, ich kann die tiefe Rückenbeuge machen und dabei mein Taschentuch auffressen, und da wagen Sie noch zu zweifeln, ob ich auch das Zeug zum Detektiv in mir habe?«

Wirklich, Nobody wurde nachdenklich. Dieser kleine, dicke Mann war nur dem Anschein nach ein Harlekin, er machte sich selbst dazu; aber in Wirklichkeit steckte etwas ganz anderes in ihm. Außerdem hatte er immer Pech; es war ein ›Unglückswürmchen‹.

Er hatte soeben etwas erwähnt. Er machte niemals Aufhebens davon, Nobody hatte es von anderer Seite ausführlich erzählt bekommen. Man spricht gar nicht gern über so etwas, es ist zu anrüchig. Und doch war es ein Heldenstück allerersten Ranges gewesen, ein neues Lied vom braven Mann. Auf einem Bahnhofe war ein Kind in die Abortgrube gestürzt, und wenn nicht Mr. Mojan gewesen, das Kind wäre längst erstickt, ehe sich die anderen, die in das fürchterliche Loch blickten, einig waren über das ›Ob‹ und ›Wie‹. Aber Cerberus Mojan frisch und munter – gleich hinunter! Das Kind konnte er hinauflangen, nur schade, daß er selbst nicht wieder durch die Röhre ging, er blieb klemmen, die ganze Grube mußte abgetragen werden, ehe man ihn wieder freibekam. Und dann erntete er für sein braves Werk auch noch Spott. So ist die Welt. Es ist eben ein großer Unterschied, ob man zur Rettung eines Ertrinkenden in die Fluten springt oder durch eine unästhetische Röhre kriecht.

Ja, dieser Fall damals sollte schuld daran gewesen sein, daß Cerberus Mojan unverheiratet geblieben war. Eine ihn begleitende Dame hatte sich mit Grausen von dem edlen Retter abgewendet, als er aus dem Orkus wieder zum Vorschein kam. Das mußte bitter für den braven Mann gewesen sein.

Und dieser kleine Kerl, der trotz seiner Kugelrundheit so beweglich und flink wie ein Wiesel war, hatte Mumm in den Knochen, das fühlte man bei jedem freundschaftlichen Händedruck, und der riß vor nichts aus, der stellte sich auch einem durchgehenden Bierwagen in den Weg – entweder ich oder du! – das hatte er schon einmal bewiesen.

Freilich macht das alles noch nicht den Detektiv aus, aber ...

War es denn wirklich so lächerlich, daß das dicke Männchen noch auf seine späten Tage gelernt hatte, auf den Händen zu laufen und sich so weit hintenüber zu beugen, bis er mit dem Munde den Boden berührte? Man muß es nur von der richtigen Seite aus betrachten. Was für eine Energie gehört doch dazu, um dies noch zu erlernen!

Jedenfalls hatte Nobody in diesem Augenblick alle Hochachtung vor dem zappelnden Harlekin.

»O ja, Mr. Mojan, ich glaube, daß Sie es zu einem tüchtigen Detektiv bringen werden. Was haben Sie denn gegenwärtig vor, daß Sie sich so als Waldläufer kostümiert haben? Darf ich es erfahren?«

Plötzlich sprang der Kleine mit einer Heftigkeit vom Stuhle empor, daß er gleich alle beide Barthälften verlor, und ebenso erregt begann er im Zimmer auf und ab zu rasen, daß die an seinem Körper bammelnden Gegenstände einen klappernden Kriegstanz aufführten.

»O, Mr. Nobody!« begann er mit wilden Gestikulationen. »Ich habe eine Idee – eine geniale Idee – eine gloriose Idee – eine Idee, wie sie noch gar nicht dagewesen ist – ich werde meinem Vaterlande einen Dienst erweisen, wie er noch viel weniger dagewesen ist – ich werde der ganzen Menschheit zum Retter werden – ich ich ich ich – – wissen Sie, was ich tun werde?«

Die Antwort abwartend, blieb er mitten im Herumrennen stehen und blickte seitwärts nach Nobody.

»Vorläufig weiß ich gerade noch so wenig wie zuerst,« meinte dieser.

»Meinem Vaterlande werde ich einen unschätzbaren Dienst erweisen.«

»Das sagten Sie schon. Den Vereinigten Staaten?«

»Den Vereinigten Staaten? Nein, der ganzen Menschheit! Ein Denkmal wird man mir dafür setzen, zehn Denkmäler, hundert Denkmäler.«

»Und wofür? Nun schießen Sie doch los.«

Da endlich kam das große Wort heraus, nicht ohne daß sich der kleine Dicke zuvor in die gehörige Positur gesetzt hatte, die er dereinst auf dem Postamente einnehmen würde:

»Ich – werde – heiraten!«

Und er zog ein großes, rotes Taschentuch mit weißen Blumen hervor, fuhr sich damit über die Augen und wiederholte mit Nachdruck:

»Jawohl, ich werde heiraten – heiraten werde ich.«

Das war nach der großen Einleitung so possierlich herausgekommen, daß sich Nobody eines herzlichen Lachens nicht enthalten konnte.

»Na, Mr. Mojan,« lachte er, »wegen Ihres Austritts aus dem Junggesellenstand wird Ihnen die Welt kein Denkmal setzen, und ich sehe noch nicht einmal ein, inwiefern Sie Ihrem Vaterlande dadurch einen so großen Dienst erweisen.«

»Soooo? Nicht? Ja, wenn Sie wüßten ...«

Der kleine Dicke gab seine imposante Haltung auf, er trat vor jenen hin.

»Nobody, ich möchte mich Ihnen anvertrauen, und ich glaube, bei Ihnen kann man's.«

»Unbedingt!«

»Daß Sie schweigen können, weiß ich. Es handelt sich um etwas anderes. Sind Sie verheiratet?«

»Jawohl, feste.«

Mr. Cerberus Mojan faltete seine fleischigen Hände zusammen und blickte zum tapezierten Himmel empor, jedenfalls ein stummes ›Gott sei Dank!‹ dort oben hinaufsendend.

Hierauf änderte sich sein Wesen, er setzte sich wieder, zog aus einer der Ledertaschen eine sehr große Landkarte hervor, in der Nobody zu seiner Verwunderung die beste Spezialkarte des Indianerterritoriums erkannte, breitete sie auf dem Tische aus und begann seinen Vortrag, den wir hier in Kürze wiedergeben.

Im Jahre 1825 beschloß der Kongreß zu Washington, alle unseßhaften Rothäute, die sich wie die Sioux im öden Nebraska und wie die ganz nördlichen Indianerstämme nicht allein mehr von der Jagd ernähren konnten, nach einem gewissen Distrikte zu verpflanzen. Es geschah; einige Stämme fügten sich freiwillig, andere mußten dazu gezwungen werden, zuletzt, 1842, die Seminolen nach blutigem Widerstande.

Dies ist das heutige Indianerterritorium, ca. 6000 deutsche Quadratmeilen groß, umgrenzt von den Staaten Kansas, Arkansas, Missouri und Texas.

Doch die Streitigkeiten schienen nunmehr erst recht beginnen zu wollen. Die Grenzen waren damals noch nicht ordentlich festgesetzt; so ging das Hin und Her noch einige Jahre fort. Auch im Parlament zu Washington war man sich noch nicht einig, bis am 23. September 1851 zu Fort Lamarie zwischen Vertretern der Union und vierzig Häuptlingen aus dem Indianerterritorium alles geregelt und hierauf der sogenannte ›ewige Friedens- und Freundschaftsbund‹ beschworen wurde.

Die Hauptparagraphen sind folgende:

Da sich die zahlreichen Indianer – damals waren es noch ca. zwei Millionen Seelen – auf dem immerhin beschränkten Territorium nicht mehr allein von der Jagd ernähren können, hat ihnen die Regierung zu bestimmten Zeiten Nahrungsmittel, Waffen, Pulver, Blei, Decken, Tabak und dergleichen zu liefern. Diese Bedürfnisse bringen die sogenannten Traders, weiße Händler, die von der Regierung konzessioniert sind, ins Innere hinein; sonst darf das Territorium von keinem Weißen betreten werden oder er tut dies auf eigene Gefahr. Es geht die Regierung also gar nichts an, wenn ein Hinterwäldler, der sich im Territorium niedergelassen hat, oder ein Trapper oder ein Durchreisender ermordet wird, eben nur der Trader ist geschützt, für seine Ermordung ist der betreffende Indianerstamm verantwortlich. Noch weniger hat sich die weiße Regierung in die inneren Angelegenheiten und in die Streitigkeiten der Rothäute unter sich zu mischen. Diese können sich also nach Herzenslust skalpieren und am Marterpfahle massakrieren; im übrigen (eine große Hauptsache, wie wir gleich sehen werden) genießen die roten Söhne des großen Geistes die gleichen Rechte wie die weißen Bürger der Vereinigten Staaten – mit Ausnahme des allgemeinen Wahlrechtes.

Der vertretende Häuptling der Cherokesen, Ka-mo-y-to, auf deutsch Taubenei, machte noch einen besonderen Vorschlag, den er auch trotz allen Sträubens seiner roten Brüder glücklich durchbrachte, zur Freude der Regierung der Vereinigten Staaten.

Danach sollten den einzelnen Stämmen innerhalb des Territoriums bestimmte Gebiete angewiesen werden, mit festgesetzten Grenzen – meistenteils Flußläufe – und so geschah es. Jeder einzelne Stamm wurde als rechtmäßiger Besitzer seines Gebietes notariell beglaubigt, dies alles in unanfechtbaren Dokumenten niedergelegt.

So ist dies alles noch heute. Noch jetzt begeben sich die Vertreter der einzelnen Indianerstämme nach jeder erfolgten Präsidentenwahl nach Washington, dort wird alles klariert. Die Häuptlinge schütteln dem neuen Präsidenten die Hand, tauschen Geschenke. Sie werden wie kleine Fürsten aufgenommen und dann mit dem Pullmannschen Salonwagen an die Grenzen ihrer Wildnis zurückbefördert.

 

Ach, was haben die edlen Bleichgesichter, die Träger der Kultur und der Humanität, diesen ›gottewigen Friedens- und Freundschaftsbund‹ nicht schon verflucht! Taubenei, dieses rote Hundevieh, hat nämlich damals alle die weißen Diplomaten übers Ohr gehauen!

Man hatte den Indianern ein ausgezeichnetes Land als neue Heimat gegeben. Das konnte doch auch nicht anders geschehen. Man konnte den aus ihren Jagdgründen vertriebenen rechtmäßigen Besitzern des ganzen Landes doch keine Wüste anweisen. Da gibt es ein allgemeines Gerechtigkeitsgefühl.

Nun, die Rothäute, die sich nicht der Kultur fügen wollen, würden sich durch ihre ewigen Fehden schon schnell genug aufreiben. Der Vorschlag des Cherokesenhäuptlings, für jeden Stamm feste Grenzen zu bestimmen, wurde deshalb von den weißen Diplomaten so freudig angenommen, weil dadurch noch unausgesetzte Grenzstreitigkeiten hinzukommen mußten, dann ging es nur um so schneller.

Und so geschah es denn auch. Von den einstigen zwei Millionen Rothäuten sind heute nur noch 120.000 Seelen übrig, welche ein Land von 6000 deutschen Quadratmeilen bevölkern. Unter diesen in Wigwams lebenden Jägern, die noch keine Seife kennen, gibt es schon zahlreiche Millionäre. Denn jedem Stamme sind doch so und so viele Quadratmeilen zugeteilt worden, der Stamm stirbt nach und nach aus, der Mitbesitzer werden also immer weniger. Der Acre dieses besseren Landes wird auf zweiundeinhalb Dollar geschätzt, das ist, wie schon früher einmal erwähnt, eine feste Norm; man rechne sich das nur aus!

Wenn nun einmal ein Stamm gänzlich ausstirbt? Ist da die Regierung nicht berechtigt, von dem herrenlosen Gebiete Besitz zu ergreifen und es für weiße Ansiedler freizugeben?

Mit nichten! Das ist es eben! Es ist schon oft genug vorgekommen, daß ein Indianerstamm bis auf das letzte Kind ausgestorben ist, aber jeder einzelne Stamm ist damals als juristische Person mit allen Rechten anerkannt worden, und die Rothäute sind nicht mehr so dumm, daß sie für eine Handvoll Glasperlen all ihr Gold hingeben. Es sind sogar sehr kluge Köpfe darunter – einer der berühmtesten ärztlichen Operateure in New-York ist ein Hurone, der als halbwüchsiger Junge noch das Kriegsbeil geschwungen hat. Kurz und gut, die einzelnen Stämme vermachen sich untereinander ihre Gebiete testamentarisch. Das geht bis nach Washington und wird dort im Archiv festgelegt, und an diesen testamentarischen Bestimmungen ist nicht zu rütteln!

Man hat den Besitzern des Territoriums schon manche Konzessionen abgenötigt, zumal nach jedem Uebergriff auf weißes Gebiet, so den Durchbau von Eisenbahnen, das Anlegen von Forts – aber den beschworenen Vertrag einfach zu brechen, den Indianern das ihnen vermachte Land so einfach wieder wegzunehmen, das hat im freien Amerika bis heute noch niemand gewagt. Der Gewalttätigkeit ist denn doch eine Schranke gesetzt.

Und so müßte nach menschlicher Berechnung eine Zeit kommen, wo es nur noch einen einzigen Indianer gibt, dem das ganze Territorium gehört, welches nach jener Schätzung heute einen Bodenwert von sieben bis achthundert Millionen Mark repräsentiert.

 

»Der schlaue Cherokesenhäuptling hat damals seinen Vorschlag nicht umsonst getan,« sagte Mojan, der jetzt ganz vernünftig sprach, »er hatte dabei seinen eigenen Vorteil und den seines Volkes im Auge – er reservierte sich hier dieses ganze Gebiet an der Grenze von Texas, zwischen dem Redriver und dem Waschbärenbach, 1700 englische Quadratmeilen, der sechzigste Teil des ganzen Territoriums, und zwar die fruchtbarste und wildreichste Gegend des ganzen Landes.«

»Ja, die Cherokesen sind aber damals auch der zahlreichste Stamm gewesen. Freilich sollen gerade sie durch innere Streitigkeiten auf eine unheimliche Weise zusammengeschmolzen sein. Vor einigen Jahren hörte ich, es wären bloß noch zwanzig Köpfe.«

»Und haben Sie gehört, was vor einem halben Jahre passiert ist?«

Nobody, der einst im Indianergebiet zu Hause gewesen, war in den letzten Jahren diesen Angelegenheiten ganz entfremdet worden.

»Vor einem halben Jahre,« fuhr Mojan fort, »sind die Cherokesen in einer Fehde mit den noch zahlreichen Seminolen vollständig ausgerottet worden – bis auf den letzten Mann!«

Auf Nobody machte diese Mitteilung einen gewaltigen Eindruck. Also wieder einmal ein Volk spurlos von der Erde verschwunden – ein Volk, dem trotz aller Fehler und trotz seiner Grausamkeit hervorragende Tugenden nicht abzusprechen gewesen waren.

Nobody zweifelte nicht im geringsten an die Wahrheit dieser Mitteilung, und er hatte die Cherokesen gekannt und unter ihnen manch braven, edlen, heldenhaften Mann, und er war im ersten Augenblick wie niedergeschmettert.

»Bis – auf – den – letzten – Mann!« flüsterte er tonlos. »Und wer ist der Erbe des Cherokesengebietes?«

»Laut gegenseitigen Vertrages sind es die Komantschen.«

Das stimmte. Nobody wußte es, er hatte nur einmal sondieren wollen, wie weit Mojan orientiert war.

»Ist der Erbschaftsantritt schon in Washington reguliert worden?«

»Warten Sie, so weit sind wir noch nicht! Ich sagte nur: bis zum letzten Mann. Es ist noch eine Frau übriggeblieben, eine Witib.«

»Na, das hat nichts zu sagen. Die wird einfach von einem Komantschen geheiratet, jedenfalls von einem Häuptling.«

»Und wenn sie nun nicht will?«

»Ach, Mojan, das ist bei diesen Rothäuten doch ganz selbstverständlich! Die überlebende Squaw kommt mit ihren Kindern sogar in den Wigwam des Feindes, der den Gatten und Vater getötet hat, und die Squaw geht ganz gern, das ist dort eben Usus – um wieviel lieber tritt sie da nicht zu einem befreundeten Stamme über! Die heiratet eben einen Komantschen.«

»Und wenn die verwitwete Frau Hackeklotz nun überhaupt nicht wieder heiraten will?«

»Frau – Hackeklotz?« wiederholte Nobody erstaunt.

»Na ja, so hieß ihr Mann, der letzte Häuptling der Cherokesen, Hackeklotz.«

»Hack – hei – tlos!« rief Nobody mit Ueberraschung. »Das ist der Seeadler. Ich kannte ihn wohl, er war mein Freund. Hack – hei – tlos!«

»Meinetwegen! Ich sage der Einfachheit halber Hackeklotz.«

»Also er hat noch eine Squaw genommen?«

»Sie kennen sie noch gar nicht?« fragte Mojan mit sichtbarem Mißtrauen.

»Nein. Zu meiner Zeit, da ich mit dem Seeadler jagte und gegen die Seminolen kämpfte, war der junge Häuptling unverheiratet.«

»Desto besser.«

»Hat sie Kinder?«

»Gar nischt hat sie, kein Kind und keine Katze. Und nun sage ich es Ihnen zum dritten Male, und wenn Sie durchaus wollen, kann ich's Ihnen auch noch ein paarmal sagen: sie will nicht wieder heiraten, keinen Komantschen und gar niemanden.«

»Dann müßte sie geradezu keine Indianerin sein.«

»O ja, eine echte Indianerin ist sie, die Frau verwitwete Susanne Hackeklotz.«

»Wie heißt sie?« fragte Nobody abermals erstaunt. »Susanne?«

»Jawohl, Susanne ist ihr eigentlicher Name. Das heißt wohl soviel wie der murmelnde Bach oder das murmelnde Wasser.«

»Ach, Susquesan!«

»Susanne oder Susquesan, mir ganz schnuppe – die Hauptsache ist, daß ich sie heiraten werde.«

Und plötzlich sprang der kleine Dicke mit seiner alten Lebendigkeit auf, daß er dabei die Weingläser umwarf.

»Jawohl, ich heirate sie, ich heirate die Susanne verwitwete Hackeklotzen,« rief er, schrie er enthusiastisch. »Und wissen Sie, Nobody, was das zu bedeuten hat? Sie ist die Witwe eines Häuptlings, und wenn ich sie heirate, bin ich der Häuptling der ausgestorbenen Cherokesen, und wenn die auch alle tot sind – macht nix – dann bin ich Besitzer des ganzen Cherokesengebietes – das ist Gesetz – Heiratsanspruch geht vor Testament – ich bin über alles ganz orientiert – und als Häuptling und Besitzer kann ich mit dem Gebiete machen, was ich will – und ich werde es der Ansiedlung eröffnen – und so habe ich meinem Vaterlande 1700 Quadratmeilen des fruchtbarsten Landes geschenkt – das erste, das dem Indianerterritorium abgenommen und der Kultur erschlossen wird – und wenn einmal ein Anfang da ist, dann geht es auch weiter – und das bin ich gewesen, ich, Cerberus Mojan, Schmieröl, Schwefel, Schokolade ... etcetera bäbä!!«

So schrie der kleine Kerl, und er hatte auch ganz recht, aber ...

Es sei hier noch einmal eine Einschaltung erlaubt.

Vor einigen Jahren berichteten auch deutsche Zeitungen über jene erwähnten Verhältnisse mit den aussterbenden Indianerstämmen, wie reich einige sind, wenigstens an Land, das sie aber doch jederzeit in bares Geld, in Millionen verwandeln könnten, und was es da also auch unter den rothäutigen Schönen für Goldfischchen gebe.

Wenn deutsche Zeitungen von einer großartigen Stiftung berichten, von einem Hundertmillionengeschenk, das ein amerikanischer Krösus wie ein Carnegie wieder einmal gemacht hat, so kann man sicher sein, sofort im Briefkasten die Anfrage zu finden, wie die Adresse dieses Wohltäters der Menschheit sei – und der wird nun mit Bettelbriefen aller Art überschwemmt, also auch aus Deutschland, nicht zum wenigsten mit Vorschlägen von Erfindern, die mehr vom Wahnsinn geplagt sind als vom Genie.

So ging auch damals auf dem Amte zu Washington, welches die Indianerangelegenheiten unter sich hat, eine Hochflut von Briefen ein, aus Deutschland, lauter Heiratsanträge, lauter Freiersleute – Commis Voyageurs, nicht minder schneidige Friseurgehilfen, Bäckergesellen – von Photographien begleitet, den Schnurrbart möglichst in die Höhe gewichst – sie alle, alle stellten sich zur Verfügung, sie alle, alle fragten an, ob sie nicht so eine Indianerin mit einigen tausend Ackern Land haben könnten, um sie mit Herz und Hand zu beglücken.

Das ist ein Faktum! Wie ernst die Sache gewesen ist, wie sehr das Amt in Washington belästigt wurde, das erhellt daraus, daß die Gesandtschaft der Vereinigten Staaten zu Berlin einige Zeitungen um Berichtigung bat. Ja, das stimme wohl alles, doch sei dies in Amerika ebensogut und noch besser bekannt als in Deutschland, und drüben liefen schon genug Abenteurer herum, die auf solch eine Indianerin spekulierten, aber die wisse recht gut, was sie wert sei, die warte auf keinen Brautwerber aus Deutschland, u.s.w. etc. p. p.

Dies hätte Nobody jetzt auch zu Mojan sagen können; aber er wußte ja, wen er vor sich hatte, er wollte erst noch einmal auf andere Weise versuchen, jenen von seinem Wahne zu heilen.

»Na, das mag eine schöne Nuppe sein!«

»Nuppe, Nuppe?«

»Ich meine: das mag ein nettes Scheusal sein.«

Wieder stellte sich der kleine Dicke in Positur.

»Und ich sage Ihnen: und wenn sie blind und taub und krumm und schief und bucklig ist – und wenn sie auch die Schwindsucht hat, die Diphtheritis, die Trichinose, das ganze Etcetera bäbä – mir alles egal – ich bringe meinem Vaterlande das Opfer – ich heirate sie!«

Wenn Mr. Mojan freilich so beharrlich auf seinem Heiratsplan bestand, dann mußte auch Nobody anders zu ihm sprechen.

»Na, Mr. Mojan, denken Sie denn etwa, die Witwe des Cherokesenhäuptlings wartet nur auf Sie, bis Sie kommen, um ihr einen Heiratsantrag zu machen? Wenn das wirklich alles wahr ist, und wenn das schon ein halbes Jahr her ist, wie viele Abenteurer mögen da schon ihr Glück versucht haben, um Besitzer eines Landgebietes zu werden, das einen Wert von zwei bis drei Millionen Dollar hat! Da lassen doch, weiß Gott, die Yankees nicht lange auf sich warten!«

Aber Mr. Cerberus Mojan befolgte das elfte Gebot; er ließ sich nicht verblüffen.

»Das habe ich Ihnen doch eben gesagt!« triumphierte er auch noch. »Und ich kann Ihnen noch viel mehr sagen, denn ich habe mich über alles ganz, ganz genau orientiert: Zu Hunderten sind sie schon gelaufen gekommen und haben mit der Susanne verwitweten Hackeklotzen karessieren wollen, zerlumpte Trapper mit Fellen an den Füßen, verwogene Texaner mit aufgeschlitzten Samthosen und silberbesetztem Jäckchen, geschniegelte Gentlemen mit Poposcheitel, Angströhre und Monokel – aber es nutzt nischt, sie will nicht wieder heiraten, sie will partout nicht wieder ins Joch der Ehe klettern, die hat die Nase gleich beim ersten Male voll davon bekommen; alle, alle hat sie abblitzen lassen!«

»Na also,« rief Nobody, ärgerlich werdend, »Mensch, Sie widersprechen sich doch selber! Merken Sie denn das nur gar nicht? Wenn die Häuptlingswitwe durchaus nicht wieder heiraten will, wenn sie die roten und weißen Freier schon zu Hunderten zurückgewiesen hat, dann liegt eben ein besonderer Grund vor, und dann werden doch wohl auch Sie kein Glück bei ihr haben.«

Der kleine Dicke machte ein höchst erstauntes Gesicht – ein Gesicht, als glaube er seinen Ohren nicht trauen zu dürfen, wozu auch gehörte, daß er sein Maul sperrangelweit aufriß, und dann kam es langsam aus diesem heraus:

»Oooooo, jetzt beginne ich zu verstehen, warum Sie immer zweifeln – jaaaa, mein geehrter Herr, bei mir ist das doch aber auch etwas ganz anderes – wenn ich komme – ich, der Mr. Cerberus Mojan – wenn sie mich sieht – mich ...«

Der dicke Pfauhahn wollte seinen rechten Schnurrbart zwirbeln, und als er den nicht fand, den linken, und als auch der nicht vorhanden war, blickte er suchend umher, er sah die beiden schwarzen Würste am Boden liegen, ging hin, bückte sich, wobei er wegen der Balance mit dem einem Beine in der Luft herumquirlte, und dann spuckte er auf die beiden Enden und klebte sie wieder ins Gesicht, nun konnte er den Schnurrbart drehen, wenn auch mit der nötigen Vorsicht.

»... wenn ich hinkomme – nee, Nobody, bei mir ist das doch etwas ganz anderes ...«

Er ging hin und legte Nobody vertraulich die Hand auf die Schulter.

»Mr. Nobody, daß Sie ein tüchtiger Detektiv sind, der tüchtigste in der Welt, und auch sonst ein ganzer Kerl vom Scheitel bis zur Hintersohle, das weiß ich, aber was die Weiber anbetrifft ... Nobody, haben Sie schon einmal in Ihrem Leben geliebt?«

»Ich bin doch verheiratet!« lachte Nobody ärgerlich.

»Na, das Heiraten hat manchmal mit der Liebe gar nichts zu tun. Haben Sie schon einmal geliebt, frage ich.«

»Ja denn, einmal.«

»Einmal? Pshaw! Ich habe nicht nur drei Lieben auf einmal gehabt, sondern ein halbes Dutzend, ein ganzes Dutzend, drei Dutzend – da werden Sie mir wohl zugeben müssen, daß ich in dieser Sache etwas mehr Erfahrung habe als Sie – und ich sage Ihnen: ich habe noch kein einziges Weib gesehen, das mir widerstanden hat – ganz gleichgültig, ob sie fünfzehn oder hundertfünfzig Jahre alt war – ein einziger Blick, und weg is se – ich habe die Frau zu meinem Berufsstudium gemacht – und ich weiß, was so bezaubernd an mir wirkt – ja, ich bin sozusagen selber einmal Frau gewesen – Jungfrau – daher weiß ich das so genau – lachen Sie nicht, es ist mein blutiger Ernst – ich will's Ihnen nur gestehen – sonst spreche ich nicht gern darüber – früher, in meinen jungen Jahren, als ich auch noch so ein Lumich war, bin ich einmal mit einer Schauspielerbande herumgezogen – und als wir einmal keine weiblichen Mitglieder hatten, mußte ich immer die Damenrollen spielen – zum Beispiel die Jungfrau von Orleans habe ich gespielt – und wie habe ich sie gespielt! – Damals hatte ich freilich noch keinen solchen Bauch – – sehen Sie, daher kenne ich so genau die Gefühle eines Weibes – und nun sage ich Ihnen zum letzten Male: ich und kein anderer heiratet diese Susanne verwitwete Hackeklotzen, denn wenn sie mich sieht, dann ist sie ganz einfach weg, und ich tu's, ich heirate sie, ganz egal, ob sie fünfzehn oder hundertfünfzehn Jahre alt ist; meinem Vaterlande zuliebe opfere ich meine Junggesellenschaft! Basta!«

Was soll man zu einem Menschen, der von seiner Unwiderstehlichkeit so felsenfest überzeugt ist, noch sagen?

»Haben Sie bedacht, daß Sie sich in eine Wildnis begeben und um eine Indianerin werben?«

»Ich bin gewappnet,« sagte Mojan und schlug kräftig auf den Kolben des einen Revolvers, daß sämtliche anderen mitklapperten.

»Gerade in jenem Indianergebiet kann man sich keinen Mann ohne Pferd denken ...«

»Sie meinen, ob ich reiten kann? Sie sollen mich nur erst einmal sehen.«

»Nichts imponiert einem Indianer und einer Indianerin mehr als ein guter Schuß ...«

»Sie meinen, ob ich schießen kann? Sehen Sie dort die Fliege an der Wand?«

Und ehe Nobody es verhindern konnte, hatte Mr. Mojan die kolossale Flinte von der Schulter und an die Wange gerissen, ein dreifacher Feuerstrom, ein furchtbarer Krach, daß der Stuck von der Decke fiel, und es war geschehen.

Nun hatte die betreffende Fliege, die er gerade im Auge gehabt, aber nicht an der Wand, sondern an einem großen Wandspiegel gesessen, und die drei Läufe der Zentnerbüchse waren, wie sich später herausstellte, mit Rehposten, schon mehr mit Büffelposten geladen gewesen.

Die Fliege war verschwunden – der Wandspiegel aber auch!

Der Wirt, die Kellner kamen angestürzt. Sie wurden beruhigt, das Gewehr sei versehentlich losgegangen, aller Schaden würde bezahlt.

Doch die Unterhaltung wäre sowieso unterbrochen worden, auch ohne diesen Knalleffekt. Eine Stadtdepesche für Mr. Charles Austin. Nobody nahm und erbrach sie.

»Ich muß fort. Mojan, Sie sind ein toller Hecht. Aber Sie gefallen mir, Sie imponieren mir. Also Sie wollen wirklich?«

»Morgen früh um acht bringt mich die Pacific direkt ins Jagdgebiet der Cherokesen.«

»Wenigstens bis nach Little Rock, dann geht's mit einer anderen Bahn links um die Ecke, und dann hört das Bahnfahren auf. Haben Sie einen Begleiter?«

»Noch nicht, ich suche erst einen.«

»Geben Sie das vorläufig auf. Wenn ich nicht selbst mitgehe, verschaffe ich Ihnen einen geeigneten Mann.«

»Was?« rief Mojan in hellem Jubel. »Sie selbst würden mit ...«

»Ich weiß noch nicht. Wo wohnen Sie?«

»Hier in diesem Hotel.«

»Auf alle Fälle sehen wir uns vor Ihrer Abreise noch einmal.«

 

Nobody hatte in dem Hotel als Artist vergebens auf den ehemaligen Zirkusdirektor gewartet. Dieser war, wie er jetzt erfuhr, unterdessen von der Polizei verhaftet worden und somit dem Bereiche des Privatdetektivs entrückt.

Doch Nobody, der lange von New-York abwesend gewesen, hatte noch anderes zu erledigen. Aber auch während der nüchternsten Beschäftigungen mußte er immer an Mr. Mojans ebenso abenteuerlichen, wie verrückten Heiratsplan denken, die ganze Geschichte hatte alte Erinnerungen, ja, eine stille Sehnsucht in seinem Innern erweckt.

Ein Zufall war es, daß er auf der Veranda eines Kaffeehauses einen ihm bekannten Herrn sitzen sah, der in einem New-Yorker statistischen Amt angestellt war, das sich ebenfalls mit den inneren Angelegenheiten des Indianerterritoriums beschäftigte. Der mußte die allerbeste Auskunft geben können.

Nobody, der schon seine Toilette gewechselt hatte, betrat die Terrasse, gab sich zu erkennen und wurde freudig begrüßt.

Ja, der Beamte war in alles eingeweiht, und Mr. Mojan war sehr genau orientiert gewesen. Nobody bekam genau dasselbe noch einmal zu hören – aber auch nicht viel mehr.

»Sie wollen doch nicht etwa hinunter und sich um das Cherokesengebiet bewerben?«

»Ich alter Ehekrüppel?« lachte Nobody.

»Nun, Sie hätten doch jemanden begleiten, jemanden als Brautwerber engagieren können, mit dem Sie einen Kontrakt gemacht haben. Nein, da ist nichts zu wollen. Erst vor kurzem ist Mr. Singer zurückgekommen, der war auch unten, nicht zum ersten Male. Hat auch nichts erreicht.«

»Wer ist das, Mr. Singer?«

»Kennen Sie Oskar Singer nicht? Den Pferdehändler? Das heißt, er macht alles, wobei Geld zu verdienen ist. Heute ist er Jockei, morgen tritt er in einem Variété als Kunstschütze auf. Ein patenter, schneidiger Bengel. Hat auch lange Jahre unter den Rothäuten gelebt, daher seine Pferdekenntnis.«

»Und der war auch unten und hat sich um die Häuptlingswitwe beworben?«

»Jawohl. Das heißt, im Auftrage von Mac Orley, Sie wissen, des Pelzjuden. Alle Spesen, jeden Tag wohl zehn Dollar Honorar, und wenn Singer die Susquesan rechtskräftig mit allen Totems heiratete, hätte er bare zweimalhunderttausend Dollar Prämie ausgezahlt bekommen. Nichts war's! Er hat einen regelrechten Korb bekommen, ebenso wie noch ein Dutzend andere, die gleichzeitig mit ihm unten waren.«

»Wo ist dieser Mr. Singer wohl jetzt zu sprechen?«

»Der ist nach Frankreich.«

»Seine Adresse?«

»Kenne ich nicht. Die kennt niemand. Singer hinterläßt keine Adresse. Der hat Geld in der Tasche und macht seine Geschäfte, wo es klappt.«

»Schade,« brummte Nobody. »Was erzählte er denn nun von seiner abenteuerlichen Fahrt?«

»Habe es auch nur aus zweiter Hand gehört. Sie begleitete einen Stamm Komantschen, dem sie sich angeschlossen hatte, auf den Biberfang.«

»Ist sie denn noch jung?«

»Jung und hübsch, so vierzehn, fünfzehn, sechzehn, das ist ja bei einer Indianerin nicht zu taxieren. Der Seeadler hatte sie kurz vorher zur Squaw genommen, ehe er und die letzten seines Stammes von den Seminolen niedergemacht wurden. Nur Susquesan entkam.«

»Sie ist eine Cherokesin?«

»Nein.«

»Eine Komantschin?«

»Auch nicht. Sie stammt überhaupt nicht aus dem Territorium. Seeadler brachte sie von einem Streifzuge mit, den er über die Grenze gegen die Apachen gemacht hatte. Also ist es jedenfalls eine Apachin.«

»Na, Mr. Brandt, nun sagen Sie mal offen – Sie müssen über so etwas doch auch im Bureau sprechen – hier ist doch offenbar ein Rätsel vorhanden. Eine Indianerin, die Witwe eines Kriegers, eines Häuptlings, die nicht wieder heiratet, die nicht gleich in der ersten Woche wieder geheiratet hat, die überhaupt nicht wieder heiraten will. Wie in aller Welt reimt sich denn das nur zusammen? Sind denn die Rothäute mit einem Male ganz andere geworden?«

»Ja, im Bureau wurde genug darüber gesprochen, und ich will Ihnen unsere Meinung sagen. Es ist jedenfalls eine Apachin aus dem Stamme der Tetekanen, welche ... Sie wissen wohl?«

»Die Tetekanen sind die mordgierigsten Bluthunde und stehen im Rufe der Zauberei, besonders die Weiber!«

»Das ist es eben. Wenn wir annehmen, daß es eine Tetekanin ist, so ist hiermit alles erklärt. Die Liebe ist blind, auch bei einem Indianer, und der Seeadler hat sich eben eine Hexe in seinen Wigwam geholt. Er hat es gewagt. Kein anderer würde es ihm nachtun, die Witwe ehelichen. Aber nicht etwa, daß sie gehaßt oder gar verachtet würde! Ganz im Gegenteil! Singer erzählt, daß die sonst so stolzen Komantschen wie die jungen Hunde vor ihr gekrochen seien. Und die Frau weiß, wer sie ist. Sie ist stolz darauf, als Hexe, als Zauberin zu gelten. Durch eine neue Heirat würde sie doch ihren ganzen Nimbus zerstören! – Sehen Sie, das ist zugleich auch eine Erklärung dafür, weshalb die Komantschen nicht sofort jedes Bleichgesicht massakrieren, welches es wagt, sich der Witwe des Häuptlings der Cherokesen als Freier zu nähern.«

Wirklich, diese Erklärung war gut, sie löste Nobody ein großes Rätsel. Der Herr wurde einsilbig, seine Aufmerksamkeit wurde durch eine Gruppe Straßenpassanten gefesselt, und Nobody verabschiedete sich.

Kaum war er wieder allein, als in seinem grübelnden Kopfe ein neuer Zweifel aufstieg.

Das erste Rätsel hatte für ihn darin bestanden, wie die Komantschen überhaupt dulden konnten, daß Bleichgesichter ihr Gebiet betraten, um der letzten Erbin der Cherokesen den Hof zu machen – ganz abgesehen davon, daß die junge Witwe noch nicht in den Wigwam eines Komantschen geführt worden war.

Mit der Annahme, daß die fremde Indianerin, die allerdings durch die Heirat mit dem Häuptling rechtskräftig in den Stamm der Komantschen aufgenommen wurde, eine als Zauberin gefürchtete Tetekanin war, wäre das alles erklärt gewesen. Nun aber weiter:

»Ich kenne doch meinen Freund Seeadler so gut wie mich selbst. Daß sein Stamm so schnell erlöschen würde, hat er damals nicht geahnt. Und der hätte eine Tetekanin zu seiner Squaw genommen, eine aus dem Stamme jener Apachen, welche er so maßlos verachtete? Mit einer Tetekanin härte der jugendstarke, stolze Seeadler das Blut seines Stammes auffrischen wollen? Nimmermehr!!«

Wie Nobody noch so dachte, wollte es ein zweiter Zufall, daß er einen Mann erblickte, den er niemals in den Straßen New-Yorks zu sehen geglaubt hätte.

Wenn sich diese Person in einer deutschen Stadt gezeigt hätte, auch in der größten, so wären ihr alle Kinder nachgelaufen, der erste Polizist hätte sie angehalten; hier in New-York fiel sie nicht im mindesten auf.

Es war ein alter Mann mit buschigem, weißem Haar und Schnauzbart, das knallrote Gesicht über und über mit Fältchen durchzogen, wie eine verschrumpfte Apfelsinenschale. Gekleidet war er in einen nagelneuen Anzug, den er ganz sicher soeben erst in einem Magazin gekauft hatte; dabei aber trug er, und trotz der Hitze, eine Pelzmütze, ein Monstrum von einer Pelzmütze, so alt und fettig und schmierig, bis über die Ohren gezogen, und um den Hals hatte er einen dicken, ehemals weißen, jetzt entsetzlich schmutzigen Wollschal gewürgt.

Die Arme bis zu den Ellenbogen in den Hosentaschen, die kurze Holzpfeife zwischen den letzten beiden Zähnen, so trabte er gesenkten Kopfes einher, wirklich im Hundetrab, und zwar hielt er sich dabei zwischen Trottoir und Fahrstraße, also in der Gosse, und wenn einmal ein zusammengefegter Schmutzhaufen kam – machte nichts, er trabte durch, mit den nagelneuen Hosen bis an die Knie im Schlamm watend.

»Hallo, Old Tex!«

Es war ein Indiantrader. Länger denn vierzig Jahre hatte dieser Mann seine Packpferde kreuz und quer durch das Indianerterritorium getrieben, mit derselben Pelzmütze auf dem Kopfe, demselben schmutzigen Schal um den Hals, derselben Pfeife im Munde. Nur seinen monströsen Anzug hatte er mit einem anderen vertauscht.

Der Angeredete blickte auf, blieb stehen – und da geschah etwas, was Nobody nimmermehr für möglich gehalten hätte.

»Hallo, Cutting Knife!«

Wie viele Jahre war das denn nun schon her, daß Nobody diesem Manne mitten im Indianerterritorium einmal am Lagerfeuer begegnet war? Nobody war kein Jüngling mehr – als ihm die Indianer den Ehrennamen ›Schneidendes Messer‹ gegeben hatten, war er noch ein Jüngling gewesen, und nun überhaupt dieser Unterschied! – damals der Waldläufer und jetzt der elegante Gentleman – ein Unterschied, so groß, wie zwischen einem Papuaneger und einem blondhaarigen Germanen! Und dieser alte Indiantrader hier, mit dem er am Lagerfeuer nur wenige Worte gewechselt, hatte ihn auf den allerersten Blick wiedererkannt, und dabei zuckte kein Fältchen in seinem Gesicht, noch weniger nahm er die Pfeife, aus der er noch denselben kleingeschnittenen Plattentabak rauchte, aus dem Munde.

Er hatte auch nicht nur jene drei Worte gesagt, sondern:

»Hallo, Cutting Knife! Come on, have a drink.«

Nobody wußte selbst nicht, weshalb es ihm plötzlich so heiß zum Herzen emporstieg, als er dem Alten folgte, welcher der nächsten Trinkstube zusteuerte.

Sie tranken Brandy. Old Tex warf die Silberdollars auf die Bar, und dabei schien es bleiben zu wollen, denn jetzt hatte der alte Indiantrader immer nur ein › Yes, Sir‹ und ein › No, Sir‹.

Mit Mühe brachte Nobody aus ihm heraus, daß er pensioniert worden sei – die Indiantraders sind zugleich von der Regierung angestellte Spione – und sein Geld in New-York verzehren wolle, er habe das Hundeleben satt. Noch vor acht Tagen sei er im Territorium gewesen – nein, nicht im Cherokesengebiet, auch nicht bei den Komantschen, aber er kenne doch die ganze Geschichte, und als Nobody ihn endlich so weit hatte, nahm Old Tex die Pfeife aus den Zähnen, klopfte sich mit der Spitze gegen die Stirn und brummte:

»Jung? Hübsch? Quatsch! Quatsch!! Susquesan, die letzte Cherokesin, ist Seeadlers Großmutter und mindestens hundert Jahre alt! Gott verdamme meine blutigen Augen und mache mich blind – noch zwei Brandies!«

»Aber ich bitte Euch, es sind doch schon genug Männer unten gewesen, und sie alle erzählen, daß es ein junges, schönes Weib sei, die Squaw des Seeadlers; die er sich erst vor einem halben Jahre genommen hat.«

Zuerst antwortete nur ein listiges Augenblinzeln.

»Ich würde's geradeso machen.«

»Wie meint Ihr das?«

»Na, wenn mir erzählt wird, es wäre ein junges Weib – und wenn ich hinunterkomme, finde ich eine alte Hexe – und ich komme zurück – dann erzähle ich dasselbe von dem hübschen, jungen Mädel, damit andere ebenfalls auf das Märchen reinfallen. Ein Märchen ist's von der jungen Squaw des Seeadlers, nichts weiter. Gott ...«

Nobody wußte genug, und er machte schleunigst, daß er fortkam. Denn mit dem alten Indiantrader zu trinken, das wurde lebensgefährlich.

Wieder hatte er eine andere Erklärung bekommen. Aber er glaubte nicht daran. Nein, hier lag etwas anderes vor. Hinter dieser letzten Cherokesin steckte ein Rätsel. Wenn er es nicht wußte, so ahnte er es. Und er wollte dieses Rätsel lösen.

Außerdem hatte die Begegnung mit dem alten Indiantrader eine besondere Saite in seinem Herzen angeschlagen, eine Saite der Erinnerung, und er wollte sie laut erklingen lassen oder – das Herz brach ihm vor Sehnsucht! Schon fühlte er sich in den Straßen wie eingekerkert, schon glaubte er, die Riesenhäuser müßten über ihm zusammenbrechen.

Sein Entschluß war gefaßt.

Am nächsten Morgen, kurz nach sieben Uhr, ging Nobody eiligen Schrittes durch die Broadstreet, ein kleines Köfferchen tragend, sonst noch immer ein Gentleman, nur daß er den Zylinder mit einem Schlapphute vertauscht hatte.

Da sah er aus einem Juwelierladen ein lebendiges Waffenarsenal kommen. Nobody vertrat ihm den Weg.

»Jawohl, ich bin's. Ich wollte gerade zu Ihnen. Hätte ich Sie nicht mehr im Hotel angetroffen, wäre ich direkt auf den Bahnhof gegangen.«

»Sie gehen also ins Territorium?«

»Ich gehe. Aber wie steht's denn mit Ihnen? Sie können doch über Nacht Ihren Entschluß geändert haben.«

Statt aller Antwort ließ Mojan den Deckel des Kästchens, das er beim Verlassen des Juwelierladens noch in der Hand gehabt, aufspringen. Nobody sah es in dem schwarzen Samt goldig schimmern.

»Was ist denn das?«

»Unsere Verlobungsringe,« schmunzelte Mojan.

»Na, da kommen Sie,« lachte Nobody, »wir haben keine Zeit zu verlieren.«

 

Fort Ratkill liegt an der Grenze von Texas und dem südlichen Indianerterritorium, und zwar dort, wo das Cherokesengebiet beginnt. Außer zur Bewachung der Rothäute, daß diese den Grenzfrieden nicht brechen, wozu es eine starke Garnison hat, ist es auch ein großer Stapelplatz für die Waren, welche den Indianern kontraktmäßig geliefert werden müssen und von den Traders ins Territorium gebracht werden. Oft entspinnt sich hier ein lebhafter Tauschhandel, und so fehlt es nicht an Wirtsstuben, in Amerika Hotels genannt, wenn es auch nur die elendesten Baracken sind.

Kolonel James Allian, der Kommandeur des Forts, befand sich in seinem Arbeitszimmer – ein schon bejahrter Mann mit eisgrauem Haar, das verwitterte Gesicht voller Schmarren, an der linken Hand nur noch zwei Finger – einst der Held von Indianerkriegen.

Soeben hatte die vorübergehende Eisenbahn eine Minute gehalten, einige Passagiere hatten den Zug verlassen, die Postbeutel waren herausgeworfen worden, jetzt wurde ihr Inhalt unten auf der Station sortiert, der Kolonel wartete ungeduldig auf Briefe.

Ehe diese ihm gebracht wurden, erschien seine Ordonnanz mit einer Visitenkarte.

»Henry L. Irwing, New-York,« las er. »Kenne ich nicht! Was will er?«

»Den Herrn Kolonel sprechen.«

Der Kommandeur dieses einsamen Forts an der Grenze der Zivilisation hatte eine ganze Menge Aemter gleichzeitig zu verwalten, er war auch Untersuchungsrichter und Konsul, er mußte jeden Fremden empfangen, sogar mitten in der Nacht. Viel Federlesens machte er freilich nicht.

»Herein mit ihm!«

Ein junger Herr in elegantem Reisekostüm trat ein.

»Sie wünschen?« fragte der Kolonel, noch höflich. Denn das konnte ja auch ein hoher Beamter, ein Vorgesetzter sein. Das mußte er erst wissen.

»Irwing ist mein Name.«

»Das sagt mir schon Ihre Karte. Kolonel Allian, Kommandeur des Forts. Sie wünschen, mein Herr?«

»Ich wollte den Herrn Kolonel um einen Erlaubnisschein und um einen Schutzbrief für das Betreten des Cherokesengebietes bitten.«

Ach, du lieber Gott! Nein – Himmeldonnerwetter! Der wievielte würde das nun sein, den der Kolonel aus demselben Grunde wieder hinauswerfen mußte? Doch noch beherrschte er sich. Er fragte nur gleich direkt:

»Sie wollen wohl die Witwe des letzten Cherokesenhäuptlings aufsuchen?«

»Ich habe allerdings die Absicht ...«

»Sie wollen wohl die Susquesan heiraten?«

»Vielleicht glückt ...«

Kreuzschockschwerenot noch einmal! Jetzt wurde der alte Soldat aber grob!

»Haben Sie unten nicht den Anschlag gelesen?!« polterte er los. »Wissen Sie nicht, daß es überhaupt streng verboten ist, die Grenzen des Indianerterritoriums zu überschreiten? Das weiß in Amerika jedes Kind – sogar jeder verdammte Nigger!! Und Sie kommen hierher, um von mir einen Schutzbrief ... Das ist ja eine ... Nein! Nein!!«

Der erboste Kolonel knallte zum Zeichen der Entlassung mit seinen beiden letzten Fingern und drehte jenem den Rücken, selbstverständlich in der Erwartung, daß der unverschämte Kerl nun augenblicklich die Tür hinter sich zumachen würde.

Als aber die Tür nicht ging, drehte er sich mit einem Rucke wieder um, und da stand der unverschämte Kerl immer noch da!

»Na?!« brüllte der Kolonel.

Aber der unverschämte Kerl wankte und wich nicht, sondern er drehte den Hut zwischen den Händen und sagte mit sanfter Bescheidenheit:

»Herr Kolonel – als Sie noch Kapitän waren – vor so ungefähr elf Jahren – wissen Sie, als Sie an der hohen Pinie baumelten – den Strick zwar nur unter den Armen, aber es war doch eine höchst fatale Lage, denn die Chippeways wollten an Ihnen die Güte ihrer Gewehre prüfen – und als ich dann den erlösenden Schuß tat, der Ihren Strick durchschnitt – und so weiter und so weiter – – da waren Herr Kolonel dann hinterher nicht so grob gegen mich – nein – ach, da haben Sie mich geherzt und geküßt – na ja, wir waren ja auch schon lange Zeit Waffenkameraden gewesen ...«

Schon wie das mit der Pinie kam, war der alte Herr plötzlich zusammengeknickt, als hätte er einen Hexenschuß bekommen; mit rechtwinklig vorgebeugtem Oberkörper stand er da, den Sprecher mit hervorquellenden Augen anstierend.

»Wa ... was?!«

»Jawohl, das war ich!« fuhr der andere fort, immer so bescheiden sprechend und so bescheiden den Hut drehend. »Und als ich Ihnen die drei zerschmetterten Finger amputierte – da herzten und küßten Sie mich freilich nicht – aber Sie waren doch auch nicht so grob wie ...«

»Wa ... was? Sie ... Sie ...?«

»Jawohl, das bin ich. Nur wurde ich damals als Spion und Waldläufer Falkenblick genannt, dann kam noch das schneidende Messer hinzu, auch Blitz ohne Donner ...«

»Sie ... Sie ... wollen ...«

Mit einem Ruck richtete sich der alte Kolonel wieder auf, sein Gesicht und Auge nahmen einen drohenden Ausdruck an.

»Sie lügen!!« donnerte er den anderen an. »Sie haben zufällig etwas davon gehört, vielleicht von meinem Freunde selbst, und das benutzen Sie nun, um einen Schwindel ins ...«

Er verstummte, so hatte sich plötzlich das bescheidene Wesen des jungen Herrn verändert, der mit einem großen Schritte dicht vor den Kolonel hingetreten war.

»Sie wollen einen Beweis, daß ich's wirklich bin?« flüsterte der junge Mann in leisestem Tone. »Sie sollen ihn haben! – In einer Winternacht war es – Schnee und dennoch Gewitter – da lagerten wir beide auf einem Felsen am Blackriver – und blickten in die Schlucht hinab – und da sahen wir dort unten im Leuchten der zuckenden Blitze einen Mann – denselben Mann, der deine Schwester liebte und sie dann heiratete – und da sahen wir etwas – und du warst edel – du liebtest deine Schwester – sie sollte glücklich werden – deshalb wolltest du nichts gesehen haben – – und ich – ich schwur dir bei allem, was mir heilig ist, bei meinem Manneswort, das Geheimnis zu wahren und mit mir ins Grab zu nehmen ...«

Schritt für Schritt, mit ausgestreckten Armen war der alte Kolonel vor dem Sprecher wie vor einem Gespenste zurückgewichen, Entsetzen in den Zügen, bis ein Lehnstuhl ihm Halt gebot; in diesen sank er, laut aufschluchzend, die Hände vors Gesicht schlagend, und dort, wo die Finger fehlten, perlten große Tränen hervor.

In Nobodys Tagebuche steht nichts von dem, was er damals in der Schlucht gesehen. Er hatte eben sein Ehrenwort gegeben, wollte das Geheimnis mit ins Grab nehmen. Man braucht dabei gar nicht an ein furchtbares Verbrechen zu denken. Es handelte sich ja um den Mann, dem der Bruder die geliebte Schwester anvertraute; nur ihr Glück wollte er nicht stören, also das Familienglück. Und daß nicht irgend etwas Entsetzliches vorlag, das zeigte dann auch das ganze Verhalten des Kolonels, der gar nichts mehr davon erwähnte. Jedenfalls aber war die Mitwissenschaft dieses Geheimnisses vollständig überzeugend.

»Glaubst du nun, James, daß ich's wirklich bin?«

Da erhob sich der alte Soldat, und nichts anderes als Freudentränen waren es, die seinen Augen entströmten, als er mit ausgebreiteten Armen auf den wiedergefundenen Freund zuging.

»Alfred, Alfred – ist es denn nur möglich?!«

Und der junge Mann schleuderte seinen Hut weg und lag an der Brust des Alten. Und als sie sich wieder anblickten, stiegen dem Kolonel immer noch Bedenken auf, wenn auch nur in Worten, in Redensarten.

»Nein, ich kann's ja nicht glauben ... du siehst ja genau noch so jung aus wie damals!«

»Na, du hast auch eine gute Portion Jahre mehr auf dem Buckel als ich!« lachte Alfred. »Du warst schon damals ein gereifter Mann und ich erst ein Kiekindewelt.«

»Ja, aber ... elf Jahre gehen doch nicht spurlos an einem vorüber! Sieh mein Haar an!«

»Das Herz, James, das Herz macht's allein, und meins ist noch das eines Jünglings und wird so bis zu meinem Tode an Altersschwäche bleiben.«

»Was hast du denn unterdessen immer gemacht?«

»Ach, du lieber Gott, wenn ich davon anfangen wollte! Was ich unterdessen alles gewesen bin und erlebt habe!«

»Und was machst du denn jetzt?«

»Jetzt? Jetzt bin ich Detektiv.«

»Detektiv? Amtlicher?«

»Privat! Alles auf eigene Faust.«

»Da machst du also dem berühmten Nobody Konkurrenz?« lachte der Kolonel.

Der junge Herr versenkte die Hände in den Hosentaschen und sagte trocken:

»Der berühmte Nobody bin ich selber.«

Es würde zu weit führen, wollten wir das einleitende Gespräch der beiden wiedergeben, die einst innige Freunde gewesen, zusammengeschweißt durch Blut und Not bis in den Tod.

Nur eins sei erwähnt. Keiner der beiden sagte: ›Warum hast du mir denn nicht einmal geschrieben?‹

Mit dem Briefeschreiben scheint es in Amerika überhaupt eine eigentümliche Sache zu sein. Wieviele in Deutschland haben drüben Bekannte, Verwandte, Brüder, sogar Söhne – zuerst ein lebhafter Briefwechsel, er wird immer spärlicher, zuletzt hört er ganz auf. Nicht einmal der Sohn schreibt mehr an die Eltern! Nur durch einen Zufall erfährt man, daß es ihm drüben famos geht. Dabei ist von einem Vergessen gar keine Rede. Kommt der Sohn in die Heimat zurück, dann ist die alte Herzlichkeit gleich wieder da. Aber Briefe schreiben – gibt's nicht!

Weshalb nicht? Es ist ein Geheimnis dabei. Es liegt in den Worten, welche der Amerikaner so gern und stolz im Munde führt: ›Amerika ist groß!‹

Je weiter einer in der Welt herumkommt, desto größer wird für ihn die Welt, aber – desto kleiner wird für ihn die Erde! Und desto mehr verlernt er das Briefschreiben an Bekannte und Verwandte. –

Wir kommen gleich zur Hauptsache, zur Erklärung des Kolonels auf Nobodys Hauptfrage.

»Daß man sich in New-York so im Zweifel befindet, selbst an zuständiger Stelle, ob die Erbin des Cherokesengebietes, also die letzte Cherokesin, eine junge Witwe oder eine steinalte Hexe ist, das kommt daher, weil zwei verschiedene Personen ein und denselben Namen führen – Susquesan. Hättest du dich eine Woche später auf dem statistischen Amte darnach erkundigt, würdest du alles erfahren haben. Denn es wurde unterdessen von mir ein ausführlicher Bericht darüber gefordert. Dieser muß jetzt dort eingetroffen sein. Solltest du, der mit Seeadler so eng befreundet war, denn übrigens nicht wissen, daß der Häuptling eine noch lebende Großmutter hatte?«

»Eigentlich sogar eine Urgroßmutter,« entgegnete Nobody, »nur, daß die Indianer keinen Ausdruck für ›Ur‹ haben, sie können nur bis ins dritte Glied zählen. Jawohl, die Islanga, die Kirschblüte. Ich habe sie ein paarmal gesehen, eine Hundertjährige.«

»Na, die lebt noch immer.«

»Was? Die lebt noch immer?!« rief Nobody in hellem Staunen.

»Wenigstens bis vor einem Jahre hat sie noch gelebt.«

»Freilich, eine rüstige Frau war sie – ich bewunderte besonders immer ihr gesundes Gedächtnis – aber doch immerhin eine Hundertjährige – und nun noch zehn Jahre! Ja, wo ist sie denn jetzt? Wie kommt sie in ihren späten Tagen noch zu einem anderen Namen? Denn ich muß doch annehmen, daß aus der Islanga eine Susquesan geworden ist, aus der Kirschblüte ein murmelnder Bach.«

»So ist es. Laß dir erzählen! Die Alte wurde zuletzt doch kindisch. Sie hatte an einem Bache ihr Lieblingsplätzchen. Dort stierte sie immer in das plätschernde Wasser, schwatzte vor sich hin von Büffelherden, die sie auf der Prärie grasen sähe – sie phantasierte. Nun weißt du doch besser als ich, in welchem Ansehen Wahnsinnige bei den Indianern stehen. Aus ihrem Munde spricht der Geist Manitus. Wahnsinnig war die Alte ja gerade nicht, nur kindisch geworden, aber ... was wissen denn diese Rothäute, bei denen selten einmal einer an Altersschwäche stirbt, vom Kindischwerden! Bei ihnen war die Phantasierende eben wahnsinnig, eine heilige Tolemane, eine Gottbegnadete. Man lauschte ihrem Schwatzen, man ging einmal nach jener Gegend, die sie beschrieb, und in der sie eine fette Büffelherde weiden sehen wollte – und als man dort wirklich eine Büffelherde fand, und als das noch einmal passierte, als man aus den Phantasien der Alten hörte, wo verlaufene Pferde waren, und diese sich wirklich dort aufhielten – na, da war die Zauberin natürlich fertig! Ihr Ruf verbreitete sich durch das ganze Territorium. Von den fernsten Grenzen kamen die gläubigen Indianer zu dem ›murmelnden Bache‹, dessen Namen die Zauberin nun schon führte. Kranke, welche dadurch zu genesen hofften, daß sie nur das kranke Glied in das Wasser tauchten, an dem die Alte phantasierte. Und wenn von Hunderten nur einer durch Zufall wieder gesund wurde, so genügte das schon, nach uraltem Beispiele, um tausend andere Narren von der Heilkunst des murmelnden Baches zu überzeugen. Und die Cherokesen standen sich sehr gut dabei.

»Es ist ungefähr ein Jahr her, seit eines Tages die alte Susquesan von ihrem Lieblingsplätzchen am Bache verschwunden war. Es lag eine Entführung vor, das erkannte man an den Spuren. Die Verfolgung wurde natürlich sofort aufgenommen. Die Spuren führten nach Süden über die Grenze. Seeadler hielt texanische Apachen für die Räuber. Er blieb mit seinen Kriegern sehr lange aus, und als er endlich zurückkehrte, brachte er zwar nicht seine alte Urgroßmutter wieder heim, wohl aber ein junges Weib, das er in der Apachei oder irgendwo anders aufgegabelt hatte.

»Der Zufall wollte es, daß die fremde Indianerin gerade dort vom Pferde sprang, wo die alte Susquesan immer gesessen hatte; dann sollte es eine Tetekanin sein, die alle im Rufe der Zauberei stehen. Sie soll auch wirklich Hexenkünste verstehen, wenigstens Hexenkünste für die Indianer, sie hat wohl einige medizinische Kenntnisse, kann aus Pulver Feuerwerk machen, sogar Feuer, das unter Wasser brennt – kurz und gut, die neue Susquesan war fertig, die meisten Indianer glauben vielleicht, der Cherokesenhäuptling hätte seine alte Urgroßmutter in verjüngter Ausgabe zurückgebracht und hätte sie gleich geheiratet, was bei den Rothäuten ja alles möglich ist.

»Seeadler war noch nicht lange zurück, er hatte mit der Apachin kaum die Hochzeit gefeiert, als er den überzeugenden Beweis erhielt, daß es Seminolen gewesen waren, welche seine alte Urgroßmutter entführt hatten. Cherokesen und Seminolen sind doch von jeher Todfeinde gewesen; ein des Orakels bedürftiger Seminole durfte nicht hinüber – da wurde die Zauberin ganz einfach gemaust.

»Auf zum Rachezug! Er bekam den Cherokesen übel. Sämtliche Krieger verloren dabei ihr Leben, die Seminolen drangen ins feindliche Gebiet und metzelten auch alle Frauen, Kinder und Greise nieder. Nur Susquesan – die junge meine ich jetzt – welche selbst den Kriegszug mitgemacht hatte, war dem Tode entronnen; sie umgab sich mit einer Schutzwache von Komantschen, den testamentarischen Erben der Cherokesen.

»Das, Alfred,« schloß der Kolonel, »ist die ganze Geschichte.«

»Ich finde, daß dies noch lange nicht alles ist,« meinte Nobody. »Wo ist denn nun die alte Susquesan, die Zauberin?«

»Verschwunden! Na ja, bei den Seminolen! Aber ob sie dort noch gefangen gehalten wird oder ob sie schon tot ist, das wissen nur die Seminolen, und aus so einem Indianer ist doch nichts herauszubringen, zumal es sich hier um ein Staatsgeheimnis handelt.«

»Hm,« brummte Nobody nachdenklich. »Und wer ist nun die Erbin des Cherokesengebietes?«

»Vorläufig muß als solche noch die Urgroßmutter gelten. Bei den Indianern geht das Verschollensein etwas schneller, als es in Washington amtlich geregelt wird. Kehrt ein Indianer innerhalb zweier Jahre nicht in sein Gebiet zurück, so gilt er als verschollen, als tot, er verliert alle Anrechte. Bei der Alten gilt das nun bloß noch für ein Jahr. Dann ist die junge Susquesan die rechtskräftige Erbin.«

»Das ist sie doch schon jetzt.«

»Na ja, natürlich! Ich spreche nur von rechtmäßig.«

»Nun sage mal, James, was ist denn das für ein Rätsel: die Häuptlingswitwe will nicht wieder heiraten?«

»Ich will dir meine Ansicht hierüber sagen. Zuerst war man der Meinung, es sei eine Tetekanin, die sich den Ruf der Zauberin bewahren wolle. Aber diese Erklärung genügt nicht. Es ist ein Mannweib, ein kolossales Weib. Springt über sechs Pferde weg und schießt dir vom galoppierenden Mustang herab jeden Stein aus den Fingern. Dann die Feuerwerkerei und so weiter. Das lernen doch nicht die Frauen bei den Tetekanen! Die gerben Felle und sticken Mokassins wie alle anderen Squaws; bei den Tetekanen lernen sie noch geheimnisvolle Knoten in die Pferdehaare knüpfen und anderen Hokuspokus, aber doch nicht solche männliche Uebungen und Feuerwerkerei! Nein, da habe ich meine eigene Ansicht.«

»Nun? Schieß los, James!«

»Das ist ganz einfach eine Herumtreiberin – wohl eine echte Indianerin, aber so eine, die vielleicht schon als Kind zu so einem wandernden Zirkus gekommen ist, vielleicht zu Buffalo Bill. Daher ihre Springerei und Schießerei, daher auch ihre Feuerwerkerei und alles andere. Nun ist sie einmal nach Texas gekommen, ist wieder Indianerin geworden, hat den Cherokesenhäuptling getroffen – halt, das ist etwas für dich! – Verstehst du? Alles diplomatische Berechnung! O, die heiratet schon noch! Aber nur nicht so einen Stromer, wie sie jetzt im Territorium hinter ihr herlaufen. Die ist doch schon viel zu sehr von der Kultur beleckt. Die wird sich schon noch den richtigen Mann aussuchen, der das große Gebiet zu verwalten versteht. Das ist meine Ansicht von der Sache – eine ehemalige Kunstreiterin mit indianischem Blut.«

Nobody bekam keine neue Idee suggeriert. Dieselbe Erklärung für das männerfeindliche Weib hatte er schon aus seinem eigenen Hirn geschöpft, zumal er auf der Eisenbahn von einem Herrn gehört hatte, daß die Häuptlingswitwe solch eine schießfertige Amazone sein sollte.

»Dieses rabiate Weibsbild muß ich kennen lernen. James, stelle mir einen Schutzbrief aus! Es ist doch besser; man weiß nie, wozu man so ein Ding einmal gebrauchen kann.«

Noch einige Wechselreden – Nobody wehrte den Verdacht von sich ab, er selbst wolle die rote Witwe heiraten, und der Kolonel griff zu einem Formular.

Der Paß für Nobody, der sich Henry Irwing nannte, war schnell erledigt.

»Nun noch einen für meinen Begleiter. Ich stelle ihn dir später persönlich vor.«

Gut, konnte geschehen!

»Wie heißt der Herr?«

»Achilles Stronghand – ach, schreibe nur Cerberus Mojan.«

Das Geburtsjahr gab Nobody nach Gutdünken an.

»Was ist der Herr?«

»Handelt mit Schmieröl, Schwefel, Schokolade und außerdem noch mit Etcetera bäbä.«

»Mit was?« fragte der Schreibende erstaunt.

»Mit ... Kaufmann ist er, das genügt.«

»Also Kaufmann. Figur?«

»Klein und sehr dick. Das genügt noch mehr.«

Als Bart gab Nobody ganz keck den angeklebten Knebelbart an.

»Nun noch besondere Kennzeichen?«

»Besondere Kennzeichen? Chronische Maulsperre.«

»Was?« fragte der Kolonel noch erstaunter.

»Leidet an chronischer Maulsperre. Jawohl, schreibe nur: sperrt immer 's Maul auf. Es ist mein Ernst! Ich werde bei solch einer wichtigen Sache doch keine Witze machen.«

»Hat immer den Mund offen,« schrieb der Kolonel. »Das scheint ja ein origineller Kerl zu sein, den mußt du mir noch vorstellen.«

Die beiden abgestempelten Schutzbriefe, die von jedem Indianer des Territoriums respektiert wurden – mit Ausnahme, wenn das Skalpgelüste gar zu groß war – wanderten in Nobodys Tasche.

»Nun sage mal, alter Junge, wie ...« Beide hatten gleichzeitig die neue Unterhaltung mit dieser beliebten Redensart begonnen, beide brachen gleichzeitig ab.

Unten war ein Lärm entstanden; beide hatten unwillkürlich nach dem einzigen Fenster dieses Zimmers geblickt, und da sahen sie aus dem nahen Walde einen Reiter kommen, einen Indianer auf prächtigem Mustang, bewaffnet mit Büchse und Lanze, an der doppelten Adlerfeder in der Skalplocke sofort als Häuptling erkenntlich – zwei andere berittene Indianer folgten – noch zwei – immer noch zwei – eine stattliche Reihe – zwischen ihnen aber auch noch andere, zum Teil seltsame Gestalten. Und nun wollen wir Mojans Worte wiederholen, als er, sehr treffend, die verschiedenen Freiersleute schilderte, welche hinter der Häuptlingswitwe her seien: zerlumpte Trapper mit Fellen an den Füßen, verwogene Texaner mit aufgeschlitzten Samthosen und silberbesetztem Jäckchen, geschniegelte Gentlemen mit Poposcheitel, Angströhre und Monokel.

Der Kolonel war aufgesprungen.

»Bei Gott, ich weiß!« rief er. »Das sind die aufdringlichen Brautwerber. Die Komantschen haben endlich die Geduld verloren und gebrauchen ihr Hausrecht, besorgen das Hinauswerfen gleich selbst, expedieren sie per Schub über die Grenze!!«

Der Detektiv hatte aus diesem Rufe zunächst nur eins herausgehört.

»Die Komantschen? Haben die denn das Recht zu solch einer Ausweisung aus dem Gebiete der Cherokesen?«

»Natürlich geschieht es auf Antrag der Cherokesenwitwe, oder sie muß ihre Zustimmung geben.«

»Ach so, das wollte ich nur hören!«

Die Ausgewiesenen wurden als Gefangene behandelt. Je einer mußte zwischen zwei Komantschen reiten, und während diese bis an die Zähne bewaffnet waren, hatte man jenen die Waffen abgenommen, welche auf Packpferden folgten, die auch noch anderes Gepäck trugen, z. B. die ganze Ausrüstung eines Fallenstellers, dann aber auch noch Kisten und Koffer genug. Es sei nur erwähnt, daß sich darunter tatsächlich ein tadelloser Gentleman befand, mit Zylinder und Glacéhandschuhen, mit gewichsten Stiefeln und allem, was eben zu einem Gentleman gehört, und auch dieser hatte wochenlang im Innern des wilden Indianerterritoriums zugebracht. Freilich hatte er außer zahlreichem Gepäck auch einen Diener mit, der ihn täglich rasierte, frisierte und einsalbte. Ein anderer Gentleman trug wenigstens ein Sportkostüm.

Zwei der Ausgewiesenen, ein samtner Mexikaner und ein zerlumpter Trapper, mochten nicht gutwillig gegangen sein, oder auf dem Transport war etwas passiert – sie waren schwer gebunden, dem Mexikaner sogar die Füße unter dem Pferdeleib zusammengeschnürt.

Aus dem Fort kam dem Zuge ein Offizier entgegen. Er salutierte vor dem Häuptling wie vor einem General, sprach mit ihm, und der Reitertrupp zog in den Festungshof ein.

»Schnell, es müssen Vorbereitungen getroffen werden, den oder die Häuptlinge zu empfangen!« rief der Kolonel, die Klingel ziehend. »Das sind keine gewöhnlichen Sterblichen, die wollen mit Handschuhen angegriffen werden, sonst ist allemal gleich der Teufel los.«

»Könnte ich nicht dabeisein?« fragte Nobody.

»Natürlich, das kannst du. Bleibe nur hier! Der erste Empfang findet in diesem Zimmer statt, die Bewirtung dann drüben im Salon.«

Die Vorbereitungen für diesen ersten Empfang bestanden nur darin, daß einige Kissen auf den Boden gelegt und eine besonders schöne, mit Federn geschmückte Pfeife, das bekannte Kalumet, in Bereitschaft gesetzt wurde.

Sehr bald und ohne weitere Anmeldung erschien der Häuptling, der jetzt seinen ganzen Federschmuck angelegt hatte, die bekannte Federkrone mit dem den Rücken hinablaufenden Schweif, ein noch junger, kräftig gebauter Mann, den nackten, rotbraunen Oberkörper wie das Gesicht mit den Totems der Komantschen in blau-weißer Farbe bemalt.

Wenn das Handlegen aufs Herz eine Zeremonie ist, so war das die einzige, die hier angewandt ward. Dann setzten sich der Kolonel und der Häuptling mit untergeschlagenen Füßen auf die Kissen einander gegenüber und rauchten schweigend zusammen die berühmte Friedenspfeife, und als diese ausgeraucht war, öffnete der Häuptling zum ersten Male den Mund und sprach ein großes Wort gelassen aus:

»Uff!«

Auf dieses Wort hin – ein ähnliches wie das ›Hugh‹ – ließ sich auch des Häuptlings Begleiter nieder, der bis dahin an der Tür stehengeblieben war; er war des Häuptlings Mund, denn ob der Häuptling nun nicht sprechen konnte oder nicht wollte, jedenfalls überließ er die ganze Unterhandlung dem Dolmetscher, wie wir diesen zweiten Mann nennen wollen. Der Häuptling rauchte dabei schweigend eine Pfeife nach der anderen und tat, als ginge ihn das alles gar nichts an.

Widmen wir unsere spezielle Aufmerksamkeit nun diesem Dolmetscher, wie es auch Nobody sofort getan hatte und noch tat!

Er war also hinter dem Häuptling eingetreten, sich von diesem besonders dadurch unterscheidend, daß auch sein Oberkörper mit einem Lederhemd bedeckt war. Doch auch noch andere der mitgekommenen Indianer trugen in der schon rauh werdenden Jahreszeit den Oberkörper verhüllt.

Jedenfalls war es kein echter Indianer, sondern ein Mestize, obgleich das Fehlen der Skalplocke allein nicht darauf schließen ließ. Er trug das lange, schwarze, straffe Haar aufgelöst, nur mit bunten Schnüren durchflochten. Als aber Nobody erkannte, daß er trotz des pechschwarzen Haares blaue Augen hatte, wußte er bestimmt, daß er einen Mestizen vor sich hatte, wahrscheinlich den Abkömmling einer Indianerin und eines Germanen.

Ein noch junger Mann war es sicher, obgleich man von dem Gesicht fast gar nichts sehen konnte, denn dieses war mit der französischen Flagge bedeckt, d. h. mit blau-weiß-roten Streifen überzogen, und zwar war die trockene Farbe in sehr dicken Lagen aufgetragen. Durfte aber Nobody seinen Augen trauen, so mußte diese Maske ein schönes, stolzes Antlitz verbergen.

Was nun seine mittelgroße Gestalt anbetraf, so geschah hier einmal das Seltsame, daß sich Nobody darüber nicht einig werden konnte, ob dieser Mann schlank gebaut sei oder voll, sogar dick, und wenn ein Nobody hierbei in seinem Urteil schwankte, so dürfen wir gar nicht versuchen wollen, zu erklären, worin dieser seltsame Widerspruch lag. Jedenfalls war es der denkbar harmonischste Gliederbau, den das Ledergewand eng umschloß, mit schwellenden Muskeln, aber nicht etwa plump-herkulisch; der starke Schenkel z. B. ließ bei den edelsten Linien die kleinste Muskel plastisch hervortreten, während das Knie wiederum so fein war, daß eine große Hand es hätte umspannen können; jedenfalls verfügte der Mann über eine ungewöhnliche Körperkraft, verbunden mit einer katzenartigen, schon mehr schlangenartigen Geschmeidigkeit.

Nobody sagt, daß er nur noch einmal einen Mann von ähnlichem Körperbau gesehen hat, einen spanischen Stierkämpfer – die Knochen von Eisen, die Muskeln von Stahl, und dennoch alles wie aus Gummielastikum bestehend.

Was aber Nobody nun am allermeisten frappierte, das war das Verhalten dieses Mestizen.

Kaum war er hinter dem Häuptling hervorgetreten, kaum hatte er den im Hintergrunde stehenden Nobody erblickt, als er stutzte. Er war etwas zusammengefahren, auch die blauen Augen hatten den Ausdruck der höchsten Ueberraschung angenommen.

Weshalb? Es konnte ja sein, daß der Mestize den Cutting Knife noch gekannt und ihn wiedererkannt hatte, wenn er damals auch nur ein Kind gewesen sein konnte. Aber weshalb dann ...

Nein, Nobody kannte die Indianer und alles, was mit ihnen zusammenhing, zu genau, um nicht sofort zu wissen, daß hier irgend ein Rätsel vorlag.

Selbstbeherrschung, Erhabenheit über Schmerz, Schreck, Freude, Ueberraschung, überhaupt vollständige Empfindungslosigkeit, das ist die erste Tugend des Indianers, und mochte es auch nur ein Mestize sein, so hätte dieser Komantschenhäuptling zu der Unterredung mit dem ›weißen Häuptling‹ doch sicher keinen Begleiter mitgenommen, von dem er nicht wußte, daß er diese Tugend im höchsten Maßstabe besaß. Nur ein leises Augenzucken dieses seines Begleiters, der für ihn sprach, hätte ja den ganzen Stamm für alle Zeiten schimpfiert!

Und nun war dieser Vertrauensmann beim Anblick Nobodys sogar ganz merklich zusammengezuckt, sein Schritt hatte gestockt; mit vor Ueberraschung weitgeöffneten Augen hatte er ihn angeblickt! Und dabei blieb es nicht. Während der ganzen folgenden Unterhandlung wanderten die blauen Augen, die so seltsam gegen das beschmierte Gesicht und gegen die schwarzen Haare abstachen, immer wieder nach dem im Hintergrunde stehenden Fremden, und das stets wieder mit demselben Ausdruck der neugierigen Ueberraschung.

»Wer ist das nur? Was will der nur von mir? Wo und bei welcher Gelegenheit bin ich ihm begegnet? Was habe ich mit ihm erlebt, daß dieser Mestize bei meinem Anblick dermaßen aus der Rolle fällt?«

So grübelte Nobody unausgesetzt. Man muß allerdings die indianischen Verhältnisse näher kennen, um verstehen zu können, was ihn hierbei so furchtbar frappierte.

Unterdessen nahm die Verhandlung seinen Fortgang. Der für den Häuptling das Wort führende Dolmetscher erklärte im Namen von Susquesan, der Witwe des Cherokesenhäuptlings Hack-hei-tlos, daß aus ihrem Gebiete mit wenig Ausnahmen die Blaßgesichter ausgewiesen seien. Bei dieser ersten Ausweisung war es zu mehrfachen Kämpfen gekommen; zwei Fallensteller und ein Waldläufer, die nicht gutwillig hatten gehen wollen, hatten im Kampfe ihr Leben gelassen. Sie wurden namentlich angeführt. Dagegen würden drei andere weiße Fallensteller und zwei von der Jagd lebende Waldläufer nach wie vor im Cherokesengebiet geduldet werden, und nicht etwa nur deshalb, weil sie mit Indianerinnen verheiratet seien – was bei allen fünf übrigens gar nicht zutraf – sondern weil es eben brave Männer seien, die still ihrer Beschäftigung oder Liebhaberei nachgingen, welche deshalb von den roten Söhnen des großen Geistes als ihre weißen Brüder geschätzt würden.

Nach dieser Erklärung, im blütenreichen Stile des Komantschendialektes redegewandt vorgetragen, entrollte der Dolmetscher ein weißgegerbtes Leder, welches mit roten Figuren bedeckt war, zum größten Teil Tiere darstellend, so z. B. einen Fuchs, dessen Fell zur Hälfte abgezogen war.

Das war der Brief, den die letzte Cherokesin dem weißen Häuptling als dem Stellvertreter des großen Vaters in Washington schrieb, wonach sie ein für allemal verbot, daß noch ein Bleichgesicht ihr Gebiet beträte; tat er es, so verlor er ohne Gnade und Barmherzigkeit Skalp und Leben.

Dieses Verbot hatte ja schon immer existiert, aber das hier war noch ein besonderer Ukas, jetzt gab es auch keinen Schutzbrief mehr. Nur noch die konzessionierten Indiantraders und gewisse Beamte, welche in Washington beglaubigt wurden, durften das Cherokesengebiet betreten, welches bis auf weiteres unter dem Schutze der Komantschen stand.

Kaum hatte der Mestize die Lederrolle dem Kolonel eingehändigt, als er sich von seinem Kissen erhob und das Zimmer verließ, und diesmal hatte er aus seinen strahlend-blauen Augen keinen Blick für den im Hintergrunde Stehenden gehabt.

Es hätte zu sehr gegen die hier herrschenden Sitten verstoßen, wenn Nobody ihm sofort gefolgt wäre. Der Stellvertreter des Häuptlings hatte doch jetzt auch mit den anderen Indianern zu sprechen, und er entging ihm ja nicht.

Außerdem waren Nobodys Gedanken mit etwas anderem beschäftigt. Jetzt waren die ihm ausgestellten Schutzbriefe wertlos geworden, er mußte sie zurückgeben. Nun, Nobody hatte sie ja sowieso gar nicht gebraucht, aber immerhin, jetzt hatte sich die ganze Sache doch bedeutend geändert. Selbst wenn er mit seinen alten Freunden rechnete, von denen er schon einige unten im Forthofe erkannt hatte, so mußte er dabei doch bedenken, daß die Komantschen jetzt unter dem Befehle der Cherokesenwitwe standen, und diese Unterordnung war um so vollkommener, weil sie eine freiwillige war, und gerade die wilden und unzivilisierten Völker respektieren so etwas am allermeisten, wie es z. B. bei einem Indianerstamm doch keine Majestätsbeleidigung gegen das Oberhaupt gibt.

Als sich nach ausgerauchter Pfeife auch der Häuptling erhob, durfte sich Nobody entfernen. Zunächst ging er nach der Post, um sich aus einem Gentleman in einen Waldläufer zu verwandeln. Alles, was er hierzu brauchte, war im Gepäckwagen desselben Zuges mitgekommen. Nobody hatte es in New-York schon vorher nach der Bahn bringen lassen. Dann hatte er hier nur noch Pferde zu besorgen, was keine Schwierigkeiten bot.

 

Der Mestize hatte sich nicht, wie Nobody vermutet, erst in den Festungshof begeben, sondern war elastischen Schrittes direkt die Straße hinabgegangen, hauptsächlich von Niederlagen und Schenkwirtschaften gebildet. Er betrat das größte ›Hotel‹, immerhin in Wirklichkeit eine ganz manierliche Kneipe.

Es waren nur drei Gäste darin. Im Hintergrunde saßen zwei Männer, von denen der eine hier so bekannt war, daß wir ihn gleich verstellen wollen: Bill Job, ein Indiantrader, der besonders das Komantschengebiet bereiste, früher, als in dem der Cherokesen noch etwas zu verkaufen war, auch dieses, ein schmieriger, einäugiger, wüst aussehender Gesell. Der andere war ein Fremder, der erst mit dem vorigen Zuge gekommen war, ein ältlicher Herr in kariertem Reisekostüm mit glattrasiertem Yankeegesicht. Die beiden führten eine Unterhaltung in flüsterndem Tone und tranken dazu Brandy und Selters.

Der dritte Gast saß gleich vorn zwischen den beiden Fenstern, und das war kein anderer als der weltberühmte Detektiv Nemo, der sich hier in der Wildnis Achilles Stronghand nannte, und dessen eigentlicher Name Cerberus Mojan war.

Er war gerade dabei, sich ein Schnitzel mit Champignons zu Gemüte zu führen – wieder einmal ein Beweis, daß alles, was gut schmeckt, mit dem Sch anfängt! – ein Schnitzel, das ihm auf einer Bratenschüssel vorgesetzt worden war, nämlich aus dem Grunde, weil es auf keinen Teller gegangen wäre.

Und dann staunte der Wirt, was der merkwürdige Kauz für seltsame Manipulationen mit dem Riesenschnitzel von einem Viertelmeter Länge vornahm, ehe er es zu verzehren begann.

Mojan zog aus einem seiner zahlreichen Lederfutterale eine große Tube hervor, so eine, wie sie die Maler für ihre Farben haben, schraubte den Stöpsel ab, preßte hinten, eine rote Wurst quoll hervor, immer länger und länger; die rote Ockerfarbe wurde auf dem Schnitzel verschmiert, und als alles so weit war, sperrte Mojan seinen Rachen auf, schob das abgeschnittene Stück Schnitzel mit der roten Farbe hinein, schob eine Portion Champignons nach, wie in einen Backofen, klappte seinen Rachen wieder zu, ein Druck, ein Schluck, weg war es – und nun fing es von vorn an.

Doch der staunende Wirt befand sich in einem Irrtum. Es war keine Malerfarbe, sondern Anschovisbutter, die der Gourmand in einer Zinntube mit sich führte.

So war die Situation, als der Mestize mit dem buntgestreiften Gesicht eintrat. Er nahm seitwärts an einem Tische Platz, und der Wirt fand es ganz selbstverständlich, daß dieser Gast aus der Wildnis Schokolade bestellte, denn wenn ein Reisender die echten Rothäute kennen lernen will, so darf er nie vergessen, unter seinen Geschenken auch eine gehörige Portion Tafelschokolade mitzunehmen. Sie ist für die Indianer nach Tabak die begehrteste Leckerei – Branntwein, Feuerwasser ist wieder etwas ganz anderes – wobei auch zu bedenken ist, daß die Heimat der Schokolade das südliche Nordamerika ist, der Geschmack muß noch im Blute liegen – und ebenso selbstverständlich war es, daß der Gast aus der Wildnis gleich nach den illustrierten Zeitungen griff. Findet man doch heutzutage selbst im fernsten Westen selten einen Wigwam ohne Bildchen, die wie die Heiligtümer behandelt werden, meistenteils aus illustrierten Journalen geschnitten. Diese Vorliebe für Bilder teilt der Indianer noch mit anderen Volksstämmen.

Wird es der geneigte Leser glauben? Der Schreiber dieses ist einmal tief drin in der Libyschen Wüste einem Beduinen begegnet, welcher immer von seinem Talisman sprach, den er im Turban bei sich führte, und der ihn vor jeder Gefahr beschützte, und als er endlich auspackte, was war es? Ein Bildchen, aus dem ›Kladderadatsch‹ herausgeschnitten, Bismarck mit den drei Haaren! Und dieses Bildchen hat dem Schreiber das Leben gerettet. Anstatt aufgespießt zu werden, wegen einer unbewußt begangenen Freveltat, er hatte ein Haremsweib sich im Sande baden sehen, wurde er, weil er von dem dreihaarigen ›Sultan von Berlin‹ erzählen konnte, als Gastfreund im Zelte aufgenommen.

Das sind Erinnerungen eines Reisenden, über die man dicke Bücher schreiben könnte. Aber man tut es nicht. Denn was da alles noch drum und dran hängt, wie der Beduine zu dem Bildchen aus dem ›Kladderadatsch‹ gekommen war, wo er schon von Bismarck gehört hatte, weshalb er ihn nach dem Propheten als seinen Schutzheiligen betrachtete – das alles ist so abenteuerlich, so romantisch, mit so viel verzwickten Umständen und Zufällen verbunden, daß man es lieber gar nicht erzählt. Der deutsche Leser würde es einfach nicht glauben. –

Der Mestize mit dem buntfarbigen Gesicht hatte nur bei den beiden im Hintergrunde sitzenden Gästen einiges Aufsehen erregt. Sie steckten die Köpfe zusammen und zischelten. Mojan war viel zu sehr in sein Schnitzel vertieft, er hatte den Eintritt des neuen Gastes vielleicht gar nicht bemerkt.

Ein Stimmengewirr kam näher, die Tür wurde aufgerissen, und herein stürmten die Männer, die die Komantschen per Schub über die Grenze gebracht hatten. Man hatte sie freigelassen, nur die Waffen waren ihnen vorläufig noch nicht wiedergegeben worden.

Jetzt waren sie frei, zum ersten Male konnten sie ihrem Unmut freien Lauf lassen. Tumultartig waren sie hereingekommen, und noch ehe sie Platz genommen hatten und die Getränke vor ihnen standen, ging das Schimpfen und Fluchen schon los. Sie verfluchten alles, was es nur auf der Welt gibt, am allermeisten natürlich die Komantschen, und den allergrößten Teil dieser Verwünschungen bekam die ›Susanne verwitwete Hackeklotzen‹ ab, mit der die Freiersleute recht trübe Erfahrungen gemacht zu haben schienen.

Wir wollen hier keinen einzigen der Flüche und Ausdrücke wiederholen; schon der zarteste Name, den der sanfteste Mund dieser Gesellschaft der Häuptlingswitwe gab, ist polizeilich verboten.

Die beiden Gäste im dunklen Hintergrunde lachten, der Mestize hatte sich hinter einem Journal vergraben, und Mr. Cerberus Mojan schob in seinen Rachen das letzte Stück des Riesenschnitzels, klappte den Rachen zu, kaute nicht erst lange, sondern stand auf, schnallte den Gürtel mit sämtlichen Waffen etc. p. p. ab, legte ihn auf den Tisch, zog dann den mächtigen Stockdegen aus dem rechten Stiefelschaft und legte ihn gleichfalls auf den Tisch, stellte das gewaltige Donnerrohr, das auch beim Essen über der Schulter gehangen hatte, gegen den Stuhl, wischte sich noch einmal das Maul mit der Serviette ab, und nun ging er nach dem vollbesetzten Tische hinüber, dort baute er sich auf.

»Gentlemen!«

Mit jener eigentümlichen Höflichkeit, die in Amerika bei gewisser Gelegenheit auch der roheste Hinterwäldler und Cowboy gegen den Fremden zeigt, trat eine augenblickliche Stille ein.

»Ruhe, der Gentleman will sprechen!« erklang es, und aller Augen richteten sich erwartungsvoll auf den kleinen Dicken.

Und auch Cerberus Mojan war ein Yankee und wußte, was sich schickte.

»Mein Name ist Achilles Stronghand,« stellte er sich zunächst vor, und mit derselben leidenschaftslosen Höflichkeit fuhr er fort: »Gentlemen! Sie belieben von einer Dame zu sprechen, von welcher Sie jedenfalls nicht wissen, daß sie mir nahe steht. Denn wenn Sie das wüßten, so würden Sie sich in bezug auf diese Dame nicht solcher Ausdrücke bedienen. Wenn die Gentlemen nun etwas gegen diese Dame haben, was nicht meine Sache ist, so bitte ich Sie höflichst, nicht mehr über die Dame zu sprechen, so lange ich im Zimmer bin.«

Verdutzt schauten sich die Samtjacken und Lederhemden nach dieser wohlgesetzten Rede an.

»Wir sprechen von Susquesan, der letzten Cherokesin,« meinte eine rauhe Stimme.

»Eben von dieser sprach auch ich. Susquesan die letzte Cherokesin ist meine Braut.«

Die Gesichter wurden noch verdutzter.

»Ist – Eure – Braut?!«

»Ist meine Braut; ich reise jetzt hin, um sie zu ehelichen, und ich dulde daher nicht, daß in meiner Gegenwart noch ein einziges übles Wort über sie laut wird, und wer es wagt, der bekommt es mit mir zu tun, und mein Name ist Achilles Stronghand.«

Jetzt freilich war es mit der amerikanischen Höflichkeit vorbei. Im Augenblicke übersah man die possierliche Figur mit dem gewaltigen Schmerbauch; die von Wut und Whisky erhitzten Gemüter dachten nur daran, daß dies der Mann sei, dessentwegen sie von der Häuptlingswitwe einen schmählichen Korb bekommen hatten, und jetzt wandte sich der allgemeine Unmut, in Hohn umgesetzt, gegen diesen.

»Nun seht diesen Fatzken! – Was will denn der Kerl eigentlich von uns? – Was, der will uns freien Männern den Mund verbieten? – Das also ist der Hundsfott, der die ... heiraten wird? – Na ja, die beiden passen zusammen! – Schlagt den Hund zu Boden!«

Doch noch schien es zu keinen Tätlichkeiten kommen zu wollen, noch blieb alles sitzen. Nur einer sprang dicht vor Mojan vom Stuhle auf, ein samtner Mexikaner.

»Was ist denn das eigentlich für ein Affe?!«

Noch blieb der kleine, dicke Stöpsel unerschütterlich.

»Sie haben recht, mein Herr,« sagte er ruhig, »wir alle stammen vom Affen, und besonders Ihre Ahnenreihe hat es gar nicht so weit bis zum Affenbrotbaum. Im übrigen, mein Herr, kann es Ihnen ganz gleichgültig sein, wer und was ich bin, meinen Namen habe ich Ihnen ja schon gesagt – Achilles Stronghand – Sie aber, mein Herr,« jetzt versenkte Mojan auch noch sorglos die Hände in den Hosentaschen, während sein Mopsgesicht einen unsagbar verächtlichen Ausdruck annahm, »Sie aber, mein Herr, Sie sind in meinen Augen ein Etcetera bäbä!«

Der Leser hat wohl schon gemerkt, daß Mojan sein ›Etcetera bäbä‹ durch die Macht der Gewohnheit bereits als selbständiges Hauptwort gebrauchte. Der Mexikaner verstand die Bedeutung dieses Ausdrucks jedenfalls nicht, aber er hatte ja auch ganz recht, wenn er es als eine Beleidigung, als ein Schimpfwort auffaßte, und nun noch Mojans verächtliches Gesicht dazu! – Auch der Mexikaner wollte seinerseits seiner Verachtung Ausdruck geben, indem er gar nicht die Hand gebrauchte, er hob den Fuß, um dem Dickwanst einen Tritt in den Bauch zu geben.

Aber der Dickwanst hatte seine Hände schneller aus den Hosentaschen als der schlanke Mexikaner seinen Fuß in die Höhe; mit einem blitzschnellen Griffe hatte er den Fuß gepackt, wie ein Kreisel drehte er sich um sich selbst, eine Samtjacke und ein Hosenbein sausten im Kreise durch die Luft – »Rrrraus!!« – und der Schwung war gut berechnet, der losgelassene Mexikaner sauste gerade durchs Fenster auf die Straße hinaus.

Jetzt freilich brach der Tumult los; alle Samtjacken und Lederhosen stürzten auf Mojan zu, und diesem wäre es übel ergangen, er wäre sofort zugedeckt worden, wenn ihm nicht von anderer Seite Hilfe gekommen.

Mit dem Satze eines Tigers stand plötzlich der Mestize neben ihm, die geballten Fäuste gegen die Brust gelegt, er schnellte sie vor, zweien der Angreifer ins Gesicht; wie vom Blitz getroffen stürzten sie, zwischen die Augen getroffen, zu Boden, einen dritten packte er unter den Armen und warf ihn mit Wucht den Anstürmenden entgegen, daß gleich eine ganze Reihe niedergerissen wurde.

Diesen Moment der allgemeinen Stockung benutzte Mojan, um den ihm zunächst stehenden Manne bei den Hüften zu packen.

»Rrrraus!!«

Und auch der zweite, diesmal ein lederner Fallensteller, folgte dem Mexikaner durchs Fenster zur Straße hinaus.

»Rrrraus!!«

Ein dritter war von der menschlichen Schleudermaschine im eleganten Schwunge zum Fenster hinausbefördert worden.

Und jetzt schien die menschliche Schleudermaschine genug zu haben, aller guten Dinge sind drei – Mojan hob die Hand und winkte mit dem Finger.

»Meine Name ist Achilles Stronghand. Na, wer hat noch Lust? Immer heran, heran, heran! Macht viel Vergnügen und kostet nichts! Na, niemand?«

Nein, niemand. Die Niedergeworfenen hatten sich wieder aufgerichtet, es war ihre letzte Bewegung gewesen, dann standen auch sie wie die Statuen da und starrten die beiden an.

Es war nicht allein, daß der Mestize ein langes Messer gezückt hatte, und daß sie diesen Mestizen schon früher oder doch während der Reise kennen gelernt haben mochten, daß mit dem nicht zu spaßen war – nein, etwas anderes war es, was diese Lähmung der Gliedmaßen bei all diesen Männern erzeugte, die sonst auch recht gut ihren Mann standen.

Die Schnelligkeit war es, mit der sich dies alles abgespielt hatte! Denn das war nicht so langsam gegangen, wie hier erzählt werden kann. Das war eine phantomartige Geschwindigkeit gewesen – zwei niedergeschlagen, einen als Kriegskeule gebraucht, drei zum Fenster hinausexpediert – alle diese Männer glaubten, nur eine Vision gehabt zu haben, deshalb standen sie so träumend da.

Der Mestize legte seinem Partner die linke Hand auf die Schulter, ohne das erhobene Messer zu senken.

»Kommt,« flüsterte er, »jetzt ist die beste Gelegenheit.«

Gut, Mojan war bereit dazu. Aber seine Waffen konnte er doch nicht hierlassen. Also er ging hin an den Tisch, schnallte seinen Gürtel um, hing das Gewehr über die Schulter, trank sein Bier aus – und wie er das tat, da verließ ihn seine bisherige Ruhe, mit einem Male bekam er einen feuerroten Kopf, so wandte er sich gegen die noch immer regungslos Dastehenden um, und jetzt war es mit der Höflichkeit des amerikanischen Gentleman vorbei, jetzt donnerte er los, wie es nur Mr. Cerberus Mojan konnte.

»Ihr voll Jauche gefüllten Wiedehopfe ihr! Ihr Mistkäfer stinkigen! Ihr ihr ihr ihr ihr – ihr Etcetera bäbäs – bäbäbäbäbäääääs!! Rrrrraus!!!«

Ein Mann hatte sich dem Schimpfenden genähert, ein blitzschneller Griff – schwubb! – der betreffende flog als vierter zum Fenster hinaus.

Nun sind aber aller guten Dinge drei. Beim vierten hatte sich Achilles Stronghand vergriffen. Es war der ganz harmlose Wirt, der sich ihm in der besten Absicht genähert, den er zum Fenster hinausexpediert hatte.

Doch Mojan merkte seinen Irrtum nicht. Er ging der Tür zu, der Mestize, das Messer noch immer erhoben, retirierte rückwärts hinaus, jenem den Rücken deckend, sie erreichten die Straße, hinter sich nur ein Murren zurücklassend.

Diese Vorstellung sollte jedoch noch ein Nachspiel ganz besonderer Art haben.

Als Mojan auf die Straße trat, erhob sich vor dem Fenster gerade ein Mann, der dort am Boden gelegen hatte. Es war der hinausgeworfene Wirt.

Jetzt erkannte Mojan ihn als solchen, aber eben, weil er keine Ahnung hatte, daß er versehentlich den Wirt durchs Fenster geworfen, wußte er auch nicht, daß es derjenige war, welcher, und nun war der kleine, dicke Kerl, der soeben den Beweis geliefert, daß er sich den Namen Achilles Stronghand nicht mit Unrecht anmaßte, einmal im Zuge.

»Seid Ihr nicht der Wirt?« schnauzte er den Aufstehenden an. »Was habt Ihr hier herumzulungern, wenn drin in Eurer Gaststube solcher Radau ist? Ist das überhaupt eine Sache, daß Ihr einen anständigen Gast, der alles im voraus bezahlt hat, von fremden Menschen so beleidigen laßt? Was? Wie? He? Und Ihr bummelt hier draußen herum? Rrrrrein!!«

Ein blitzschneller Griff um den Leib, und der unglückliche Wirt flog durchs Fenster wieder in die Gaststube hinein.

Jetzt wurde es drinnen lebendig, das Murren verwandelte sich in ein Brüllen; es wurde nach Waffen geschrien, das Knacken rührte offenbar vom Abbrechen von Stuhlbeinen her.

»Kommt schnell!« warnte der Mestize. »Daß Ihr ein ganzer Mann seid, habt Ihr bewiesen, aber diesem Gelichter ist nicht zu trauen, und gegen eine Kugel ist niemand gefeit.«

Mojan hatte auch durchaus keine Lust, sich eine Kugel in seine dicke Hinterseite schießen zu lassen, er machte, daß er um die Ecke kam.

»Wohin? Ins Fort? Verstecken möchte ich mich vor diesem Gesindel nicht. Nur den Rücken will ich frei haben. Und einen höllischen Durst habe ich nach dieser Geschichte bekommen.«

»Folgt mir, ich weiß ein Haus, wo es das Beste gibt, was in Ratkill zu haben ist. Dort sitzen wir wie in Abrahams Schoß, wie in einer Festung, und doch ist es ein Fuchsbau mit vielen Ausgängen.«

»Das lasse ich mir gefallen. Andiamo sagt der Italiener.«

Nur noch um eine andere Ecke brauchten sie zu gehen, so blieb der Mestize vor einem alten, baufälligen Hause stehen, das oben mit Schießscharten versehen war; er klopfte in eigentümlicher Weise an der schweren Tür, sofort öffnete ein alter Indianer, freilich keiner mit Skalplocken, sondern eines jener Individuen, wie man ihnen überall in Amerika begegnet, auch in den Städten; der Mestize flüsterte ihm einige Worte zu und stieg, von Mojan gefolgt, eine knarrende Treppe empor. Ein nur von kleinen Schießscharten erhellter Raum zeigte sich, und als der Mestize zwei Stühle an den einzigen Tisch rückte, setzte der nachgekommene Indianer auch schon Gläser auf denselben und eine Flasche Champagner, die eine in Frankreich aufgeklebte Marke trug.

»Ich habe einst andere Zeiten gesehen,« meinte der Mestize, »und wenn ich einmal aus der Wildnis herauskomme, weiß ich zu leben.«

Noch bevor sie sich gesetzt hatten, geschah etwas, was den Charakter des kleinen, dicken Mannes, dessen Prahlerei sonst keine Grenzen kannte, in einem ganz anderen Lichte erscheinen ließ.

Er hielt dem Mestizen die Hand hin.

»Mann, wer Ihr auch seid – Ihr seid ein braver, wackerer Kerl. Wenn Ihr nicht dazwischen gesprungen wärt, mir wäre es ganz dreckig gegangen.«

Kräftig schüttelte der Mestize die dargebotene Hand. Dann setzten, sie sich und stießen an mit dem schäumenden Naß.

»Wer seid Ihr eigentlich?« begann Mojan.

»Die Indianer haben mich Bolekenna genannt, das würde bedeuten ... fliegender Pfeil, schwirrender Pfeil – nein – Sausepfeil, das ist das Richtige. Bin Botenläufer im Indianerterritorium – Ihr wißt – ich eile von Stamm zu Stamm, wenn eine Botschaft auszurichten ist. Wegen meiner Schnelligkeit hat man mich Sausepfeil genannt.«

»Welchem Stamme gehört Ihr an?«

»Gar keinem. Bin Halbblut. Mein Vater war ein Deutscher, meine Mutter eine Indianerin. O, mein Vater hatte viel mit mir vor. Er war auch nicht etwa ein einfacher Jäger, sondern ein Forschungsreisender, und er liebte meine Mutter. Ich habe in der Stadt eine hohe Schule besucht. Habe es aber nicht lange ausgehalten. Mußte zurück in den Wald, das Blut meiner Mutter trieb mich dazu. So bin ich Waldläufer geworden.«

»Sehr interessant, wirklich sehr interessant! Was war Ihre Frau Mutter für eine Geborene, wenn ich fragen darf?«

Hinter der Farbenmaske wurde ein Lächeln unterdrückt.

»Sie war eine Cherokesin!«

Mit einem Male nahm das Gesicht des Dicken den Ausdruck des höchsten Mißtrauens an.

»Da sind Sie wohl gar ... erbberechtigt?«

Wieder wurde ein Lächeln unterdrückt.

»Wenn Sie damit meinen, ob ich Ansprüche auf das Cherokesengebiet habe, so ist dies durchaus nicht der Fall. Ich bin in den Stamm der Cherokesen nicht aufgenommen worden, ich bin sogar völlig heimatlos.«

»Ah, sehr gut, sehr gut!« nickte Mojan befriedigt.

»Aber,« fuhr Sausepfeil fort, »Susquesan, die letzte Cherokesin, ist meine Schwester.«

»Was, Schwester?!« fuhr Mojan mißtrauisch schon wieder auf.

»Nicht im Familiensinne gemeint. Wir sind durch Blutschwur miteinander verbunden. Sie rettete mir einmal das Leben, ich erwies ihr einmal einen großen Dienst, da haben wir gegenseitig unser Blut getrunken zum Schwure der ewigen Freundschaft.«

»Was für einen Dienst haben Sie ihr geleistet?«

»Sie von einem Bösewicht befreit, der es auf ihre Frauenehre abgesehen hatte.«

»Da werden Sie sie heiraten?«

»Kann man eine Schwester heiraten? Am wenigstens eine, mit der man sein Blut getauscht hat. Es ist die idealste Freundschaft – außerdem bin ich schon verheiratet.«

Da hielt Mojan ihm wieder die Hand hin.

»Wenn Susanne in diesem Sinne Ihre Schwester ist, dann, junger Mann, begrüße ich Sie als meinen Schwager, denn den Dienst, den Sie Ihrer Schwester geleistet haben, haben Sie meiner Braut, meiner zukünftigen Frau geleistet. Hier, nehmen Sie meine Hand, ich danke Ihnen, Herr Sausewind.«

Diesmal legte ›Herr Sausewind‹ seine Hand nur zögernd in die dargebotene, diesmal konnte er auch nicht mehr sein Lächeln unterdrücken.

»Ja, aber ... ich wurde ja Zeuge, wie kraftvoll Sie vorhin für die Ehre meiner Schwester eintraten – ich selbst schwieg, weil mich das Kläffen von Schakalen nicht belästigt – aber – Sie nennen Susquesan Ihre Braut?«

»Freilich, das ist meine Braut!«

»Sie sind mit ihr verlobt?«

»Nu, gewiß doch, ich habe ja schon die Verlobungsringe in der Hosentasche.«

Und mit jener Naivität, welche so seltsam mit seiner manchmal hervorbrechenden Energie kontrastierte, holte Mojan das Etui hervor, ließ den Deckel aufspringen und jenen die beiden Goldreifen sehen.

»Die bringe ich ihr jetzt; dann kann die Geschichte losgehen.«

»Welche Geschichte?«

»Nu, 's Heiraten,« war die vergnügte Antwort.

»Sprechen Sie denn von Susquesan, der letzten Cherokesin?«

»Nu natürlich, von wem den sonst?«

»Von Susquesan, der Witwe des Cherokesenhäuptlings Hack-hei-tlos?«

»Jawohl, das ist meine Braut!«

»Sie dürfen mir doch glauben, daß ich die Verhältnisse meiner Schwester sehr gut kenne.«

»Das glaube ich Ihnen wohl, Herr Sausewind. Na? Und?«

»Haben Sie denn Susquesan überhaupt schon einmal gesehen?«

»Ich? Nee!«

»Weiß denn Susquesan überhaupt schon, daß Sie sie als Ihre Braut betrachten?«

»Die? Nee!«

Der Mestize war nicht auf den Kopf gefallen – er hatte ja auch die hohe Schule besucht – jedenfalls wußte er gleich, was hier vorlag, er hatte den Charakter dieses Sonderlings sofort erkannt.

»Aha, ich verstehe – Sie beabsichtigen, sich um die Hand der letzten Cherokesin zu bewerben, um damit Besitzer des ganzen Cherokesengebietes zu werden.«

»Erraten, junger Mann, erraten, so ist es, und das ist ein Faktum!«

»Wissen Sie, daß Susquesan durchaus nicht wieder heiraten will, schon viele, viele Bewerber zurückgewiesen hat?«

»Natürlich weiß ich das! Jenes Gesindel hat sie ja eben erst aus ihrem Lande hinausschmeißen lassen.«

»Sie aber sind ganz sicher, daß Susquesan Ihre Werbung nicht abschlagen wird, so sicher, daß Sie die letzte Cherokesin schon Ihre Braut nennen? Ist es nicht so?«

Mojan antwortete nicht mehr, er stand auf, nahm das Gewehr von der Schulter, stemmte sich darauf, setzte den einen Fuß vor, reckte den Bauch möglichst weit heraus, und in dieser unternehmenden Pose zwirbelte er seinen schwarzen Schnurrbart, der jetzt nicht mehr abging, denn Nobody hatte ihn mit einem Mittel befestigt, das wie Gift klebte.

»Sehen Sie mich an!«

»Ich sehe Sie.«

»Junger Mann, können Sie wirklich glauben, daß Ihre Schwester, wenn Sie mich so dastehen sieht, meine Werbung abschlagen kann?«

Wie gesagt, der ›Herr Sausewind‹ schien ein Pfiffkopf zu sein. Er ging sofort auf alles ein.

»Ja, allerdings, da haben Sie recht! Sie machen freilich einen ganz, ganz anderen Eindruck als alle jene Menschen, die ich bisher bei Susquesan habe vorsprechen sehen. Sie imponieren.«

»Na, da haben Sie's! Und nun setze ich den Fuß so vor und drehe den Schnurrbart so ...«

Und der kleine Dickwanst machte alle die Posen vor, mit denen er sich der Häuptlingswitwe vorstellen würde, um ihr Herz im Sturme zu erobern.

»Ja, da wird sie Ihnen allerdings nicht widerstehen können,« stimmte der Mestize bei.

»Na,« sagte der moderne Don Juan und Don Quichotte, als er sich wieder setzte, und vorläufig nichts weiter. Dieses ›Na‹ hatte schon genug gesagt.

Gleich darauf wollte der Mestize aus seinem Glase trinken, verschluckte sich, brach in ein krampfhaftes Husten aus. Der gutmütige Mojan klopfte ihm behilflich auf den Rücken, ohne zu merken, wie das krampfhafte Husten nur ein unterdrücktes Gelächter bemäntelte.

Dann hatte sich der Mestize wieder in der Gewalt.

»Wenn die Cherokesenwitwe aber nun nicht nach Ihrem Geschmack ist?«

»Ich sage Ihnen: Und wenn sie lahm und schief und bucklig und triefäugig ist – wenn sie die Schwindsucht hat, den Lungenkrebs, den Bandwurm, die Blind- und Mastdarmentzündung, das ganze Etcetera bäbä – ich heirat' se!«

Wir wollen nicht noch einmal wiederholen. Denn dasselbe, wenn auch mit anderen Worten, hatte Mojan schon zu Nobody gesagt, und so ging es auch dem Mestizen gegenüber fort.

Nur in einem Falle änderte Mojan seine Pläne, und da bewies er sich als Schlaukopf.

Was würde er denn nun mit dem Cherokesengebiete beginnen, wenn er erst als Mann der letzten Cherokesin der Eigentümer war?

Nein, von seinen Kolonisationsplänen, von seiner Schenkung an die Regierung der Vereinigten Staaten sprach er diesem Halbindianer gegenüber nicht, davor hütete er sich.

»Ich werde,« rief der kleine Dickwanst mit Pathos, »mit der Häuptlingswitwe ein urkräftiges Geschlecht von Jägern und Kriegern erziehen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Mit diesen werde ich das entleerte Gebiet wieder bevölkern, und ich, Achilles Stronghand, werde ihr Häuptling sein, der Schrecken aller Blaßgesichter, aller roten Feinde, aller Pferdediebe, aller Mädchenräuber, aller Etcetera bäbäs! Oder,« Mojan sprang auf und reckte seinen Bauch abermals weit heraus, »oder glauben Sie etwa nicht, daß ich der Mann bin, um mit der Häuptlingswitwe solch ein Geschlecht von urkräftigen, bildschönen Kindern zu zeugen?«

Bum! Der Dickwanst hatte sich wuchtig mit der Hand auf den Bauch geklatscht, und es klang gerade, als wäre auf eine straffgespannte Pauke geschlagen worden.

Man konnte dem Mestizen nicht verdenken, daß er sich nochmals am Champagner verschluckt hatte. Vielleicht dachte er in diesem Augenblicke daran, daß die Ahnmutter dieses urkräftigen, bildschönen Geschlechtes lahm, schief und bucklig war, die Schwindsucht, die Mastdarmentzündung und das ganze Etcetera bäbä hatte.

Ein wüster Lärm näherte sich dem Hause. Mit dem Satze eines Laubfrosches sprang der Dickwanst an die Wand und hatte auch gleich das dreiläufige Donnerrohr durch eine Schießscharte geschoben.

Aber es war nicht nötig, die Festung zu verteidigen. Ganz im Gegenteil. Die betrunkenen Samtjacken und Lederhemden waren, als sie im Forthofe unter Drohungen ihre Waffen gefordert hatten, von den Soldaten überwältigt worden, sie wurden jetzt vorübergeführt, daher das Gejohle.

So hätten die beiden also das Haus verlassen können, aber sie taten es nicht, die Unterhaltung wurde in dem Zimmerchen fortgesetzt. Doch wir brauchen nicht mehr dabeizusein.

 

Nobody hatte sich durch Anlegung seines abstrapazierten Lederkostüms mit allem, was dazu gehörte, in Cutting Knife verwandelt.

Als er die Poststube, in der er sich gleich umgekleidet hatte, verließ, hörte er schon, daß in einem Hotel eine große Schlägerei stattgefunden habe, und nach der Beschreibung war der Hauptheld kein anderer als sein spleeniger Reisegefährte, der zweite Sieger und Mojans Kampfgenosse konnte nur der Dolmetscher mit dem bemalten Gesicht gewesen sein.

Nobody eilte sofort hin nach jenem Hotel.

Dort angelangt, betrat er die Gaststube, in welcher nur noch jene beiden Männer im Hintergrunde saßen.

Wenn Nobody beim Anblick dieser Gäste stutzte, so geschah es nur innerlich, äußerlich war ihm davon nichts anzumerken gewesen. Er würdigte die beiden keines Blickes, aber dieses innerliche Stutzen war dafür ein gründliches gewesen.

»Mac Orley, der Pelzhändler! Derselbe, welcher schon den schneidigen Oskar Singer engagiert hatte, daß er die Häuptlingswitwe auf seine Rechnung heirate! Hier in eigener Person! Im vertraulichen Gespräch mit Bill Job, dem größten Schufte, der im Indianerterritorium herumläuft! Und er hat ihm soeben Geld ausgezahlt! Es waren grüne Hundertdollarnoten und zwei Reihen Goldstücke, die er aufgezählt hatte! Und sie wollen dieses Geldgeschäft verheimlichen! Hallo, da heißt es, die Ohren steifhalten!«

So war es. Die beiden waren also allein in der Gaststube gewesen. Zum Aufzählen von ein paar Banknoten und zwei Reihen Goldstücken braucht man doch nicht lange Zeit. Da war unvermutet ein Fremder eingetreten. Schnell hatte der Indiantrader ein Zeitungsblatt über das Geld gelegt, aber doch noch zu langsam für des Detektivs Argusaugen.

Nobody ließ sich von dem Wirt die Geschichte erzählen. Der harmlose Mann beklagte sich bitter, wie ihn der kleine Dicke erst durchs Fenster hinaus- und dann auf demselben Wege wieder hereingeworfen hatte, und inzwischen beobachtete Nobody die beiden, denen er den Rücken zukehrte, in einem Wandspiegel.

Da sah er, wie der Trader das Geld unter dem Zeitungsblatte hervorholte, vorsichtig, daß das Gold nicht klapperte, und einsteckte, dann dankend einen Finger an die Kappe legte. Auch Schreibzeug stand auf dem Tische, die Quittung war jedenfalls schon ausgestellt, vielleicht auch ein Kontrakt gemacht worden.

Jetzt konnte Nobody hier nichts mehr tun. Er begab sich nach dem Fort und kam gerade dazu, wie die trunkenen Menschen von den Soldaten überwältigt wurden. Die Waffen vorenthalten durfte man ihnen allerdings nicht. Die Ausgewiesenen hatten ja nichts weiter begangen, aber da keiner einen Waffenschein besaß, brauchte man sie ihnen auch nicht in diesem Distrikte auszuliefern, besonders nicht nach ihrem jetzigen Auftreten. So wurden sie für ihr eigenes Geld mit der Eisenbahn nach der nächsten Station befördert – und dieser Zug hielt nicht aller zehn Minuten – dort bekamen sie die Waffen und konnten dann tun, was sie wollten.

Nobody war es sehr angenehm, daß alles so gekommen war. So brauchte er nicht mehr für seinen Begleiter zu fürchten. Die knippen sich doch auf jener Station erst fest, und dann war alles bald verraucht.

Die Komantschen kampierten im Forthofe, bereiteten sich das Essen selbst an offenen Feuern, auch die Nacht würden sie hier unter freiem Himmel verbringen. Nobody begab sich hinab.

Ob die älteren Komantschen, mit denen er früher zusammen gejagt und gefochten hatte, Cutting Knife wiedererkannten, das war bei dem Phlegma des Indianers schwer zu sagen. Eine Vorstellung mußte sowieso erfolgen, weil der Indianer ja von sich selbst meistenteils in der dritten Person spricht, aber als dann einer der roten Krieger nach dem anderen die rechte Hand aufs Herz legte und, sich im Sitzen etwas verneigend, sagte: »Cutting Knife ist mein Bruder,« – da lag in diesen einfachen Worten trotz allen Ernstes mehr herzliche Freude, als wenn sie dem ehemaligen Waffengefährten um den Hals gefallen wären.

Qualvoll langsam ging die Unterhaltung am Lagerfeuer vonstatten. Ehe Nobody die Antwort auf seine Frage erhielt, ob er die Komantschen in das Cherokesengebiet begleiten dürfe, da mußte erst gar manche Rauchwolke durch die Nase geblasen werden, und dann endlich bekam er es zu hören:

»Der kleine Fischotter wird entscheiden.«

Der kleine Fischotter kam, der führende Häuptling, der Sohn des großen Fischotter, dessen sämtliche Kinder es im Schwimmen und Tauchen mit dem Fischotter aufnahmen.

Nobody sah den jungen Häuptling, den Stellvertreter der Cherokesenwitwe, zum ersten Male, und der kleine Fischotter rauchte erst drei Pfeifen aus, ehe er seine Entscheidung fällte:

»Morgen, wenn die Sonne aufgeht, wird Cutting Knife es wissen.«

Fertig! Der kleine Fischotter hatte gesprochen. Kein Wort mehr!

Nobody suchte den gesprächigsten Krieger auf und forschte ihn über den Dolmetscher aus, natürlich mit äußerster Vorsicht, die größte Geschicklichkeit war dazu nötig; denn um Gottes willen nur keine Neugier, nicht einmal Wißbegierde zeigen!

Bolekenna, Sausepfeil, ein Mestize, neutraler Botenläufer, eine Art indianischer Botschafter, alle Stämme zugleich vertretend – mehr brachte auch Nobody trotz all seiner Geschicklichkeit nicht heraus.

Dann stieß Nobody mit Mojan zusammen, der einen kleinen Käfer gehascht hatte. Gegenwärtig hatte er den Schlucken.

»Famoser – Hop – Beng – Hop – Bengel – Hop – wir haben zusammen – Hop – vier Flaschen Champ – Hop – Cham – Hop – Cham – Hop – Cham – Hop ...«

»Champagner,« kam Nobody ihm zu Hilfe.

»Na, da lassen Sie mich doch aussprechen!« schnauzte ihn da der kleine Dicke auch noch an. »Bin ich etwa nicht Mann genug, um selber mein Wort zu führen? Was? Wie? He? Wir haben zusammen vier Flaschen Cham – Hop – Cham – Hop – Cham – Hop – Cham – Hop ...«

»Gott bewahre mich!« lachte Nobody. »Machen Sie erst einmal eine tiefe Rückenbeuge und fressen Sie Ihr Taschentuch auf, das hilft gegen den Schlucken. Mensch, von den paar Flaschen Champagner könnt Ihr doch keinen solchen Affen bekommen haben!«

Mojan klammerte sich an einen Laternenpfahl an, und jetzt fing der kleine Kerl auch noch an zu weinen.

»Ich glaube,« schluchzte er, »ich habe das ganze Etc – Hop – Etc – Hop – Etc – Hop – Etcetera – bäb – Hop – bäb – Hop – bäb – Hop – bäbäbäbäbäbäääää! Aaah, das tat mir aber wohl!«

Nobody brachte ihn ins Fort und zu Bett. Den Mestizen aufzufinden, gelang ihm nicht; niemand hatte ihn gesehen. Bezecht konnte er nicht sein, denn von Mojan hatte Nobody noch erfahren, daß der Mestize von der ersten Flasche Champagner nur zwei Gläser getrunken hatte, dann hatte er sich an Limonade gehalten, auch so ein Lieblingsgetränk aller Naturkinder, selbst wenn sie schon Geschmack am Feuerwasser bekommen haben. Die anderen vier Flaschen Champagner hatte Mojan allein ausgetrunken und noch manches ›Etcetera bäbä‹ daraufgesetzt.

Es war schon dunkel geworden, als Noboby, welcher noch zwei Reit- und drei Packpferde besorgen wollte, denn Mojan hatte als Geschenk für die Indianer vier Zentner Schokolade mitgenommen, noch einmal an jenem Hotel vorüberkam. Die Vorhänge waren an den erleuchteten Fenstern zugezogen; Nobody fand eine Spalte und spähte hindurch – dort hinten an jenem Tisch saß noch immer der Indiantrader, jetzt aber allein.

Gut, so konnte diese Angelegenheit gleich erledigt werden. Er mußte den Mann von hier fortlocken, um ihn unter vier Augen zu bekommen.

Das Fortlocken war vielleicht nicht nötig, wie Nobody beim Eintreten erkannte, denn Bill Job war in der von einer trübe brennenden Petroleumlampe erleuchteten Stube der einzige Gast.

»Hallo, Bill Job, old man, kennt Ihr mich denn noch?«

Nein. Aber als der Indiantrader versichert war, daß er Cutting Knife vor sich habe, da lüftete er respektvoll seine Kappe, die er sonst nicht einmal während des Schlafens abnahm.

Der Wirt brachte Whisky, Wasser, Zucker, Pfeffermünz und andere Ingredienzen, der Cocktail wurde zusammengerührt, und als die beiden allein waren, da machte Nobody als Hypnotiseur sein Meisterstück.

Bill Job hatte also nur ein Auge, mit diesem schielte er auch noch, man wußte nie, wohin er sah; den Sprecher blickte der heimtückisch aussehende Geselle überhaupt nie an, dazu verbreitete die weitentfernte Lampe nur ein Dämmerlicht, und dennoch brachte Nobody es fertig, dieses eine Auge nach oben zu fixieren, daß nur noch das Weiße zu sehen war. Der Kerl behielt sein widriges Grinsen auch noch in der Hypnose.

»Bill Job, du wirst mir bedingungslos gehorchen!«

»Ich gehorche – hähähä.«

»Sobald ich sage ›Prost!‹, wirst du erinnerungslos erwachen!«

»Erinnerungslos erwachen – hähähä.«

»Wer war der Mann, der dir vorhin das Geld gab?«

»Mr. Peters.«

Das stimmte nicht. Natürlich nicht. Mac Orley hatte sich einen anderen Namen beigelegt.

Nobody erfuhr alles. Der Indiantrader, der sich wieder in das Cherokesengebiet zurückbegab, sollte der Häuptlingswitwe ein Mittel beibringen, in Schokolade oder in einem anderen Getränk oder sonst auf eine Weise, welches für lange Zeit die heftigsten Kopfschmerzen erzeugte.

»... und auch die Augen sollen ihr vor Schmerz aus dem Kopfe fallen, hähähä,« grinste der Hypnotisierte.

Das Mittel hatte der Trader in verschiedenen Präparaten von Mac Orley bekommen; Nobody sah es, ein grünes Pulver, er ließ es ihm. Was es gewesen ist, steht nicht in Nobodys Tagebuch, jedenfalls war Belladonna dabei.

Der Hokuspokus des Medizinmannes, wenn sich Susquesan solch einer Kur wirklich unterwarf, würde nichts nützen. Dann sollte der noch anwesende, natürlich ganz unschuldige Bill Job ein Geschichtchen erzählen, wie so eine Krankheit mit ganz gleichen Erscheinungen jetzt unten an der Grenze sehr häufig vorkäme, Chinesen hätten sie eingeschleppt, aber da sei unten in Ballcreek, einem Städtchen nicht weit von der Grenze entfernt, ein Arzt, welcher diese Krankheit schon oft und immer mit dem glücklichsten Erfolge behandelt habe.

Susquesan, die fremde Indianerin, welche ebenso geistig wie körperlich über alle anderen Squaws stehen sollte, würde, von den furchtbarsten Kopfschmerzen geplagt, nicht minder für ihre entzündeten Augen fürchtend, unbedingt diesen Arzt in Ballcreek sofort aufsuchen und ...

»Prost!« sagte Nobody in scharfem Tone; denn ein Gast war ins Zimmer getreten.

Das eine Auge kehrte in seine natürliche Lage zurück, Bill Job stieß mit seinem Glase an das vorgehaltene.

»Prost, hähähä.«

Nobody brauchte den Mann gar nicht noch einmal vorzunehmen. Er wußte bereits alles.

Als er die Gaststube verließ, trällerte er draußen in der Hansflur ein schönes, deutsches Liedchen, einfach, aber sinnreich:

»Zum Tinglingling, Auguste,
Wenn du nicht willst, dann mußte ...«

Als er auf die Straße trat, wunderte er sich nicht wenig, vor der Haustür auf der Bank einen Indianer mit der geölten Skalplocke sitzen zu sehen – den kleinen Fischotter, sein geliebtes Kalumet rauchend. Was machte der große Häuptling der Komantschen hier vor der Kneipe auf der Bank?

»Uff!«

Gut, Nobody folgte dieser Einladung, er setzte sich neben jenen und rauchte gleichfalls eine Pfeife.

Als des Häuptlings Kalumet zu schnarchen begann, hatte er endlich ausgedacht, was er sagen wollte.

»Mein Bruder ist immer bei den Komantschen willkommen gewesen, Cutting Knife wird auch im Wigwam der letzten Cherokesin willkommen sein. Uff!«

Sprach's, klopfte seine Pfeife aus, stand auf und ging majestätisch von dannen, hinter sich her einen langen Schweif von Fischotterschwänzen ziehend.

Noch verwunderter blickte Nobody ihm nach.

Sieht das einem Häuptling ähnlich, daß er den, dem er etwas zu sagen hat, auf der Bank vor der Kneipe erwartet? Sieht das einem Häuptling ähnlich, daß er seinen Entschluß ändert, daß er schon am Abend sagt, was er erst am anderen Morgen sagen will?

Doch es gibt eben immer Ausnahmen.

Nobody ging, um die Pferde zu besorgen. Denn hatte er die Erlaubnis, so war es ganz selbstverständlich, daß jeder, den er mitbrachte, ebenfalls willkommen war. Die indianische Gastfreundschaft ist fast unbegrenzt.

 

Die langen Schatten der Morgensonne bekamen schärfere Umrisse, als sich die Komantschen auf ihre Mustangs schwangen, und jetzt erst, da sie ihre Beine um einen Pferdeleib legen konnten, wurden diese geborenen Reiter wirkliche Menschen.

Cerberus Mojan nahm eine kritische Kennermiene an, wie er das Roß betrachtete, welches er besteigen sollte, er sprach etwas von Fesseln und hartem Maul; Nobody traute ihm nicht recht – aber wahrhaftig, der kleine Dickwanst brauchte keine Leiter, nicht einmal einen Baumstumpf, um in den Sattel zu kommen!

Vergebens sah sich Nobody nach dem Mestizen um. Bolekenna war schon am Abend zuvor abgeritten, die Ankunft zu melden.

Zwei Tage lang bewegte sich der schweigsame Zug tiefernster Rothäute durch Urwald und Prärie, in Schritt, Trab und Galopp. Wohin? Dorthin, wohin der an der Spitze reitende Häuptling sein Pferd lenkte. Selbst die hintereinandergehenden Tiere schienen in die einmal vom Führer vorgezeichneten Hufspuren zu treten, und die Worte konnten gezählt werden, welche während dieser beiden Tage zwischen den Rothäuten gewechselt wurden.

So etwas wirkte ansteckend. Auch der sonst so geschwätzige Mojan verlernte ganz das Sprechen. Vielleicht auch fühlte er sich schon als Indianerhäuptling. Und wirklich, Nobody hatte ihm bitter unrecht getan, als er bezweifelte, daß der kleine Dickwanst einen Reisegesellschafter durch die Wildnis abgeben könne.

Zwischen den beiden glühenden Sonnentagen war eine böse Nacht mit eiskaltem Regen gewesen, und Cerberus Mojan hatte am Lagerfeuer, das nicht brennen wollte, in der durchnäßten Wolldecke wie ein Mann geschlafen und wie ein Bär geschnarcht.

»Na, Achilles Stronghand,« hatte am anderen Morgen Nobody gefragt, »was sagen Sie denn zu solch einer Regennacht im Freien?«

Da hatte der schweigsam gewordene Dickwanst nur eine wegwerfende Handbewegung gemacht und in abgekürzter Weise geantwortet:

»Cetra bä!«

Am Morgen des dritten Tages erreichte der Zug eine Stelle im Walde, der jeder Mensch, wenn er nicht gerade blind war, ansah, daß hier noch vor kurzer Zeit ein größeres Zeltlager gestanden hatte.

Auch den Rothäuten konnte man anmerken, daß sie hier das Lager ihrer Kameraden zu finden geglaubt hatten. Dasselbe war eben aus irgend einem Grunde abgebrochen und verlegt worden, vielleicht war es auch noch auf der Wanderung.

Nun, selbst wenn keine geheimen Zeichen zurückgelassen waren, welche dem Häuptling erzählten, wohin er sich zu wenden hatte – um die noch ganz frische Spur der vielen Pferdehufe und der nachschleifenden Zeltstangen verfolgen zu können, brauchte man kein geübter Fährtensucher zu sein.

Nur wenige Stunden noch, so änderte sich das Aussehen der Gegend, immer mehr wurde der Laubwald von Fichten verdrängt, die auf dem steiniger werdenden Boden die zu ihrer Existenz günstigsten Bedingungen gefunden hatten; wie Druidensteine einzeln umherliegende Felsblöcke traten auf, dann ganze Felsformationen, immer mächtiger wurden die Fichten und Tannen, und plötzlich, als der Zug um ein Miniaturgebirge bog, lag vor ihm ein Dutzend buntbemalter Wigwams.

Sie bildeten einen weiten Kreis; innerhalb desselben loderten große Feuer; an diesen gingen rote Krieger ihrer Beschäftigung nach, die sich meist auf Zubereitung des Essens erstreckte, mehr noch lagen rauchend umher, und als der Zug mit den beiden fremden Bleichgesichtern einritt, hielt keine Hand in der Arbeit inne, niemand hob auch nur den Kopf.

Kein Weib und kein Kind war zu sehen, kein Hund kläffte den Ankommenden entgegen. Das hier war eben kein gewöhnliches, indianisches Zeltlager, hier gab es kein Familienleben. In der Mitte des weiten Kreises stand ein einzelner Wigwam, die Lederhäute mit ganz anderen Totems oder Zeichen bemalt, mit denen der ausgestorbenen Cherokesen; hier also hauste Susquesan, die letzte Cherokesin, die sich aus dem Stamme der befreundeten Komantschen zweiundfünfzig der besten Krieger zur Schutzwache auserlesen hatte.

Deshalb durfte man auch nicht glauben, daß man unvermutet gekommen sei. Wenn auch kein Vorposten zu bemerken gewesen, so waren doch ganz sicher solche ausgestellt, so wie die draußen am Rande eines Baches weidenden Pferde unter einer ebenfalls unsichtbaren Aufsicht standen.

Die zurückgekommenen Rothäute stiegen von ihren Mustangs; diese suchten sofort ihre Kameraden auf, mit freudigem Wiehern sich wieder mit ihnen vereinend, während ihre Herren in die verschiedenen Wigwams verschwanden, oder sie setzten sich ohne weiteres an ein Feuer nieder und zogen die geliebte Tabakspfeife aus dem Gürtel, begannen schweigend zu rauchen, jedenfalls wartend, bis die auf den Holzkohlen liegenden Fleischstücke gar waren.

Auch Nobody und Mojan waren abgestiegen, ein Indianer führte ihre Pferde davon, und dann standen die beiden ganz allein da, keines Wortes, nicht einmal eines Blickes gewürdigt.

»Das ist ja ein merkwürdiger Empfang,« brummte Mojan, »wir scheinen Luft für die zu sein.«

»Sind wir auch,« entgegnete Nobody, ohne seine Stimme zu dämpfen. »Jetzt befinden wir uns gewissermaßen im Empfangszimmer.«

»Sollen wir uns nicht ebenfalls an ein Feuer setzen?«

»Dürfen wir noch nicht. Wir sind gegenwärtig von den Indianern noch durch eine zwar durchsichtige, aber undurchdringliche Wand geschieden. Uebrigens wollen Sie bedenken, daß diese Indianer gar kein Recht haben, uns als ihre Gäste zu begrüßen; denn wir befinden uns nicht in einem Komantschenlager, sondern in der Residenz der letzten Cherokesin. Diese fremden Krieger sind nur ihre Vasallen, allerdings ihre freiwilligen. Dort der einzelne Wigwam, wo unter den Malereien der Fuchs vorherrscht, ist der ihre. Der Häuptling ist schon hineingegangen, er erstattet jetzt Bericht, und seien Sie versichert, daß wir bereits von den dunklen Augen einer schönen Indianerin beobachtet werden!«

»Beobachtet? Von der Susanne Hackeklotzen?«

Wie elektrisiert hatte Mojan es hervorgestoßen, und gleich stützte er sich in imposanter Haltung auf seine Donnerbüchse, setzte den einen Fuß vor, reckte den Bauch heraus, zwirbelte den angeklebten Schnurrbart und rollte mit den Augen.

»Nobody – Nobody – so? – Was? – Was mache ich für einen Eindruck – wie sehe ich aus?«

»Einfach bezaubernd! Die Susanne verwitwete Hackeklotzen wird gleich gerannt kommen und Ihnen um den Hals fallen. Aber Mr. Achilles Stronghand, wenn Sie mich jetzt noch einmal Nobody nennen, dann haue ich Ihnen eine herunter, daß Sie sich Ihrer Zukünftigen mit einer fürchterlich geschwollenen Visage präsentieren sollen. Ich bin Cutting Knife, meinetwegen auch Mr. Irwing – verstanden?«

Die Decke, welche den Zugang zu dem allein stehenden Wigwam verhüllte, wurde zurückgeschlagen, der Häuptling kam wieder heraus, kümmerte sich noch immer nicht um die beiden, sondern verschwand in einem anderen Zelte.

Aber die Decke fiel nicht wieder herab, noch immer hielt eine Hand sie, und da plötzlich stand in dem Eingange ein Weib, die Hand über den Augen, um sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen, so blickte es nach den beiden.

»Da ist sie!« flüsterte Nobody, und schnell wechselte der kleine Dickwanst seine Positur, setzte den anderen Fuß vor, reckte den Schmerbauch noch weiter heraus – benahm sich wie ein geblähter Pfauhahn.

Doch es war nur ein Moment gewesen, dann war die Gestalt wieder hinter der herunterfallenden Decke verschwunden. Sie hatte ein buntes Kostüm getragen, jedenfalls aus Leder, mit Malereien bedeckt, der kurze Rock nur bis zu den Knien reichend. Mehr war nicht zu erkennen gewesen, es war viel zu schnell gegangen. Vom Gesicht hatte man überhaupt gar nichts zu sehen bekommen.

»Ob sie mich gesehen hat?« stieß Mojan aufgeregt hervor.

»Natürlich, sie hat doch direkt nach uns geblickt, und Ihre Figur ist nun freilich etwas auffallender als die meine, also können nur Sie ihre Aufmerksamkeit gefesselt haben. – Hm,« setzte Nobody nachdenklich hinzu, »diese Neugier war eigentlich gar nicht einer Indianerin entsprechend, noch weniger einer selbständigen Häuptlingsfrau würdig. Die scheint so selbständig zu sein, daß sie hier ganz neue Moden einführt.«

»O, wenn sie erst meine Frau ist, will ich ihr schon die Selbständigkeit austreiben,« versicherte der dicke Freiersmann, der sich schon glücklicher Bräutigam nannte. »Gehorchen muß sie, sonst kriegt sie Dresche.«

Nobody mußte sich ein Lächeln verkneifen.

»Da da da da – sie beobachtet mich hinter der Gardine hervor!« flüsterte Mojan.

So war es allerdings, man mußte es annehmen. An dem Vorhange war eine Hand zu sehen, das Tuch wurde ein wenig zurückgezogen, an der Spalte erkannte auch ein weniger geübtes Auge ein Gesicht.

»Sollte sie uns nicht unbemerkt beobachten können?« dachte Nobody verwundert. »Das sieht ja fast gerade aus, als ob sie direkt beabsichtige, daß wir merken sollen, wie sie uns beobachtet.«

Mojan hatte keine solchen Gedanken, er drehte und wendete sich aus Leibeskräften, auf daß die Susanne verwitwete Hackeklotzen seine Heldengestalt von allen Seiten bewundern könne. Wirklich schade, daß er kein echter Pfauhahn war, der sein buntes Rad schlagen konnte. Da dies aber nun einmal nicht angängig war, weil der kleine Dickwanst eben über solch eine Zierde des männlichen Geschlechtes nicht verfügte, hatte er wenigstens einen andern Einfall.

»Nobo ... Mr. Irwing wollte ich sagen – was meinen Sie dazu – soll ich einmal auf den Händen laufen? Oder die tiefe Rückenbeuge machen und mein Taschentuch auffressen? Soll ich?«

»Mr. Achilles Stronghand,« entgegnete der um sein Urteil Gefragte, »wenn Sie nicht mit einem Wasserkopfe zur Welt gekommen sind, dann haben Sie sich während des Rittes hierher einen Sonnenstich geholt. Unterlassen Sie doch um Gottes willen solche Kindereien!«

»Was, Kindereien?« sagte Mojan entrüstet. »Ich bin fest überzeugt, daß es hier keinen einzigen Indianer gibt, der auch nur sein Taschentuch ins Maul pfropfen kann, ganz abgesehen davon, daß ...«

Mojan brach in seiner geistreichen Auseinandersetzung ab. Wieder wurde der Vorhang zurückgeschlagen, diesmal vollständig, und der aus dem Wigwam der Häuptlingswitwe Herauskommende war kein anderer als Bolekenna, der Mestize.

Mojan reckte den Kopf vor, als wäre sein sonst so kurzer, dicker Hals aus Gummi.

»Wa – was?! Was hat denn der Sausewind, oder wie der Kerl heißt, im Zelte meiner Braut zu tun? Der muß doch so lange ganz allein bei ihr da drin gewesen sein!«

»Das ist nicht unbedingt nötig,« beruhigte Nobody den Eifersüchtigen. »Das Häuptlingszelt hat stets zwei Eingänge, er kann auch von hinten hineingekommen sein.«

»Von hinten? Ja, aber – aber ... i da schlage doch Gott den Deiwel tot und das ganze Etcetera bäbä – was hat denn der bei meiner Braut zu suchen?«

»Still! Er kommt zu uns! Jetzt erfolgt die Einladung.«

Doch so schnell ging das noch nicht. Wieder geschah etwas, was sich nicht recht mit den Sitten und Gewohnheiten der nordamerikanischen Indianer zusammenreimen wollte. Nobody hatte ja schon von Mojan gehört, daß dieser Mestize nicht immer in der Wildnis unter Indianern zugebracht hatte, auch eine gewisse Bildung besaß; aber als Abgesandter der Häuptlingswitwe hätte er, selbst wenn er sich der englischen Sprache bediente, eine ganz andere Ausdrucksweise anwenden müssen.

Schnellen Schrittes kam der Mestize, noch ganz derselbe wie im Fort, auch noch das Gesicht so dick mit den drei Farben beschmiert, auf die beiden zu. Doch Nobody existierte gar nicht für ihn, er wandte sich nur an Mojan, und auch diesem gegenüber tat er, als sehe er ihn zum ersten Male.

»Susquesan, die Witwe de s letzten Cherokesen-Häuptlings, läßt fragen, wie du heißt.«

Wie gesagt, so hätte eigentlich kein indianischer Botschafter gesprochen. Nun, für Mojan war das gleichgültig, er reckte seine kurze Gestalt empor.

»Mein Name ist Cerb ... hopsa ... mein Name ist Achilles Stronghand ...«

Der war noch nicht fertig, das sah man ihm gleich an, wie er schnell einmal seinen Rachen auf- und wieder zuklappte, ein Schlucksen und Drucksen, und dann prasselte das, was noch gefehlt hatte, mit Vehemenz hinterher:

»... Schmieröl Schwefel Schokolade etcetera bäbä.«

Ohne ein Wort zu verlieren, ohne Nobody eines Blickes zu würdigen, drehte sich der Mestize um und ging nach dem Wigwam zurück, verschwand in diesem.

»Daß Sie mit Etcetera bäbä handeln, hätten Sie der letzten Cherokesin auch nicht gerade sagen zu lassen brauchen,« meinte Nobody trocken.

Mojan hatte diese Bemerkung gar nicht gehört, er war viel zu sehr entzückt darüber, daß er allein die Aufmerksamkeit der Häuptlingswitwe gefesselt hatte, und er nahm der Reihe nach alle jene unnachahmlichen Posen durch, die er schon damals dem Mestizen vorgemacht hatte.

Nicht lange währte es, so kam dieser wieder zurück. Abermals hatte er nur für den kleinen Dickwanst eine Frage.

»Susquesan läßt fragen, wie alt du bist.«

Aha! Aha!!! Mojan merkte etwas, er bekam vor Freude gleich einen ganz roten Kopf, wurde auch etwas verlegen.

»Ich? Als wie ich? Wie alt ich bin? Ich bin fünfund – fünfund – fünf – fünfzehn bin ich. Jawohl, eine schöne Empfehlung an die Frau Hackeklotzen, fünfzehn Jahre wäre ich.«

Der Mestize war erhaben über Staunen und Zweifel, er wandte sich, um diesen Altersbericht seiner Herrin zu übermitteln, da aber war es Cerberus Mojan selbst, dem noch rechtzeitig Bedenken aufstiegen, ob seine Angabe auch glaubwürdig erschien.

»He, Sie da, Herr Sausewind, warten Sie mal noch 'nen Augenblick.«

Richtig, der Herr Sausewind kehrte noch einmal zurück.

»Fünfundzwanzig wollte ich sagen – jeder Mensch kann sich mal verrechnen – jawohl, fünfundzwanzig Jahre bin ich alt.«

»Fünfundzwanzig, gut!« sagte der Mestize mit unbeweglichem Gesicht, soweit sich dieses unter der Farbenmaske überhaupt beobachten ließ, und verschwand wieder in dem Wigwam.

»Na ja, na was denn?« verteidigte sich Mojan gegen seinen Begleiter, ohne von diesem angegriffen worden zu sein. »Ich kann der doch nicht sagen, daß ich schon fünfundvierzig auf dem Buckel habe, und sehe ich etwa nicht aus wie ein Fünfundzwanzigjähriger?«

Nobody widersprach nicht, er dachte sich nur sein Bestes, und da kehrte der Botschafter der Häuptlingswitwe schon wieder zurück.

»Susquesan läßt fragen, ob du noch unverheiratet bist.«

Da war es! Jetzt war es ja ganz klar, was diese Erkundigungen bezweckten, Mojan hatte bereits gesiegt, nur durch seine Erscheinung, und er warf sich noch mehr ... mehr in den Bauch als in die Brust, als er erklärte:

»Selbstverständlich bin ich noch unverheiratet – ich bin perfekter Junggeselle – ich bin sogar sozusagen noch Jungfrau!«

Der Mestize ging wieder, und die fünfzehn- bis fünfundzwanzigjährige ›Jungfrau‹ reckte den Bauch heraus und zwirbelte den mächtigen Schnauzbart, daß es nur so seine Art hatte.

Nobody aber wußte gar nicht mehr, was er von alledem denken sollte. Hier gab es keine andere Erklärung, als daß diese Häuptlingswitwe eben keine in der Wildnis aufgewachsene Indianerin, sondern eine ...

Da wurde wiederum der Vorhang vor dem Wigwam zurückgeschlagen, aber nicht der Mestize zeigte sich in dem Eingang, sondern jenes Weib, welches man schon vorhin einmal für einen Augenblick gesehen hatte, besonders wiedererkenntlich an dem kurzen, bunten Röckchen – die letzte Cherokesin – langsam ging sie auf die beiden zu, und ... zur Statue erstarrt stand Nobody da, er traute seinen Sinnen nicht, und doch fiel es in eben demselben Moment wie Schuppen von seinen Augen.

Dieses junge Weib mit den schönen, stolzen Gesichtszügen war ja niemand anders als der Mestize selbst! Gewiß, Nobody irrte sich nicht – Bolekenna, der soeben von ihnen gegangen, hatte sich in jenem Wigwam nur schnell die dicke Farbe vom Gesicht gewaschen, sich diesen kurzen Lederrock übergeworfen, und als Indianerin kam er wieder heraus! Und das war nicht etwa ein als Weib verkleideter Mann, sondern das war ein wirkliches, ein echtes Weib!

Nobody glaubte zu träumen, er schämte sich seiner selbst. Zum ersten Male in seinem Leben war es ihm passiert, hoffentlich zum letzten Male in seinem Leben, daß er ein als Mann verkleidetes Weib nicht sofort als solches erkannt hatte – und das war ihm passiert, ihm, der sich rühmte, wenn auch nicht öffentlich, daß es an Scharfsichtigkeit kein anderer Detektiv, kein anderer Mensch mit ihm aufnehme – und dabei hatte er damals im Fort wahrhaftig Zeit genug gehabt, den Mestizen zu beobachten!

Doch Irren ist eben menschlich, und wenn es auch dem pedantischsten Bankbeamten passieren kann, daß er sich beim Wechseln einmal verzählt, zu viel Geld herausgibt, wovon er aber nichts wissen will; er nimmt das ihm nachträglich zurückgebrachte Geld nicht an, ein Verzählen gebe es bei ihm nicht – so konnte auch diesem Detektiv einmal solch ein Irrtum unterlaufen.

Es war ja auch ausdrücklich gesagt worden, wie sehr ihn der merkwürdige Körperbau des Dolmetschers frappiert hatte, er war sich nicht einmal darüber einig geworden, ob er ihn schlank oder voll nennen sollte, dabei hatte er immer an einen spanischen Stierkämpfer gedacht, und diese Beschäftigung seiner Gedanken, dieser Vergleich mochte nicht die wenigste Schuld daran gehabt haben, daß er mit keiner Idee auf die Vermutung gekommen war, ein Weib vor sich zu haben.

Ein anderer hätte es freilich auch nicht gemerkt, und Mojan ahnte nicht einmal jetzt, daß der Herr Sausewind und die Susanne verwitwete Hackeklotzen, wie sie sich jetzt präsentierte, ein und dieselbe Person waren, obgleich sie doch nur die Farbe abgewaschen und das kurze Röckchen angelegt, sonst nicht die geringste Aenderung an ihrem Kostüm vorgenommen hatte. Aber den Gang, das ganze Wesen eines Weibes, einer Indianerin hatte sie jetzt angenommen, und das war es, weshalb auch niemand anders so leicht auf die Vermutung gekommen wäre, daß sie noch vor einer Minute die Rolle des Mestizen gespielt hatte. Nobody freilich ließ sich jetzt nicht mehr täuschen.

Wir haben zu dieser Auseinandersetzung sehr lange Zeit gebraucht, während die Indianerin von ihrem Wigwam zu den beiden doch nur zwanzig Schritte hatte, und Nobodys grenzenlose Ueberraschung hatte auch nur eine Sekunde gewährt, dann war er wieder Herr seiner selbst, und mochte das schwarzhaarige Weib mit den blauen Augen auch keine vollblütige Indianerin sein, trotz ihrer kupferfarbigen Haut, die Frau des letzten Cherokesenhäuptlings war sie sicherlich, und da mußte vor allen Dingen die indianische Höflichkeit gewahrt werden, welche gerade bei einer zeremoniellen Begrüßung allen europäischen Sitten direkt zuwiderläuft.

»Setzen!« flüsterte Nobody seinem Begleiter zu. »Wir dürfen sie nur sitzend erwarten!«

Mojan wußte es bereits, er hatte von Nobody während der langen Eisenbahnfahrt ja genug Instruktionen erhalten, wie er sich unter den Indianern zu verhalten habe, er war auch gewillt, sich zu setzen, erst aber mußte er zum Empfang derjenigen, die er schon als seine Zukünftige betrachtete, noch eine andere Vorbereitung treffen.

Wie gleich am Anfang dieser Erzählung erwähnt, hingen an seinem Gürtel und an besonderen Riemen eine Unmasse von Lederfutteralen. Nobody gab sich gar nicht mehr die Mühe, ihren Inhalt zu ergründen. Gott wußte, was das originelle Kerlchen für seine Reise in die Wildnis alles mit sich schleppte, es fand sich manchmal selbst nicht zurecht.

Unter anderem baumelte da auch ein sehr großes Futteral, das seiner äußeren Form nach einen Trichter beherbergen mußte – vielleicht den Nürnberger Trichter, den Mr. Cerberus Mojan manchmal auch recht gut hätte gebrauchen können.

Dieses Futteral öffnete er jetzt schnell, und ... er zog es heraus, keinen Trichter, sondern ein Bukett, Rosen, Veilchen, Vergißmeinnicht, das ganze – um mit Mojan zu sprechen – das ganze Etcetera bäbä der Gartenflora, nicht natürliche, sondern künstliche Blumen, aber wirklich ein reizendes Bukett, dazu angetan, auch das Herz einer Indianerin zu bezaubern.

Nobody hatte nur einen Blick auf das Brautbukett geworfen, die Zeit drängte zum Handeln.

»Setzen!« kommandierte er nochmals und ließ sich selbst da, wo er gerade stand, mit untergeschlagenen Füßen nieder, der kleine Dickwanst folgte seinem Beispiel und ...

»Auuuuuu!« heulte er wie ein Kettenhund und schnellte auf, als wäre er von einer Tarantel gebissen worden, oder vielmehr, als hätte er sich auf einen zusammengerollten Igel gesetzt, und viel anders war es auch nicht.

Es gibt in Nordamerika eine besondere Art von Dornenkaktus, welcher deshalb gefürchtet ist, weil seine Stacheln mit Widerhäkchen versehen sind, sehr lose sitzen und von dort, wo sie sich einmal eingespießt haben, gar nicht wieder zu entfernen sind; zum Glück für Menschen und Tiere kommt er nur sehr selten vor.

Hier auf dieser Waldblöße verbarg sich einmal einer im Grase, die Indianer, die das Lager eben erst aufgeschlagen, hatten den höllischen Kaktus wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt, sonst hätten sie ihn schon vernichtet, ihn durch Untergraben in die Erde versenkt und mit heißem Wasser seine Keimkraft zerstört – und nun hatte sich der unglückliche Dickwanst mit seiner Lodenhose direkt daraufgesetzt!

»Auuuuu!« heulte er also mit schmerzverzerrtem Gesicht, und es war ganz natürlich, daß er, um mit dem Hinterteil der Hose nicht in Berührung zu kommen, den Oberkörper etwas rückwärts bog und den Bauch herausreckte, und dabei hielt er der vor ihm stehenden Indianerin das Brautbukett hin, während er die andere Hand hinten auf seine Hose gelegt hatte – ein Bild des unsäglichsten Jammers.

Mit unerschütterlichem Ernst in den braunen, schönen, stolz-trotzigen Zügen betrachtete ihn das junge Weib.

»Mr. Cerberus Mojan,« begann es dann zu Nobodys Staunen, der sich ganz unbewußt wieder erhoben hatte, »es freut mich, Sie zu ...«

Mojan glaubte, sich nur auf irgend etwas Spitziges gesetzt zu haben. Der erste Schmerz war bereits überwunden, also schnell klappte er seinen Oberkörper nach vorn, wollte mit vorgehaltenem Blumenstrauß eine Verbeugung machen – da aber kam seine fleischige Hinterseite doch wieder mit der Hose in Berührung, die mit zahllosen Stacheln gespickt war, und mit Vehemenz schleuderte er den Oberkörper wieder nach hinten und den Bauch nach vorn.

»Auuuuu!« heulte er abermals, und da erkannte er, in was er sich gesetzt hatte, und er wußte, daß es hier nur ein Mittel gab, um sich von dieser Folter zu befreien – die Hose ausziehen und einen Stachel nach dem anderen ablesen, aber das konnte er doch nicht gleich hier tun, unter den Augen seiner Braut!

»Ach, entschuldigen Sie gütigst,« sagte er mit weinerlicher Stimme und mit angstverzerrtem Gesicht, immer die Hand auf seiner Hinterseite, »ich muß erst mal ... ich habe in meiner Hose einen Kaktus und das ganze Etcetera bäbä.«

Sprach's, wandte sich und watschelte breitbeinig davon, den Oberkörper zurückgeneigt, den Bauch herausgereckt, mit der einen Hand sich hinten die Hose vom Leibe haltend, in der anderen Hand das Brautbukett, um hinter dem nächsten Felsen zu verschwinden.

So endete des unglücklichen Cerberus Mojan erste Brautwerbung!

Die am Feuer sitzenden Indianer hatten dem Davonwatschelnden nachgeblickt, und das durften sie in diesem Falle auch, ohne ihrer Würde etwas zu vergeben. Lachen taten sie dabei allerdings nicht.

»Uff!« sagte da der eine, und er fügte noch ein Wort hinzu, welches aber hier nicht wiedergegeben werden kann. Wir wollen es mit ›Hosenmatz‹ übersetzen. So hatte Cerberus Mojan von den Indianern auch seinen Namen wegbekommen, freilich keinen besonders ehrenden; der Hosenmatz war fertig.

Auch Susquesan hatte ihm nachgeblickt, und in ihren dunklen Zügen zuckte es seltsam.

»Was hat der Mann?« fragte ihre tiefe Stimme.

»Er hat sich versehentlich in einen Igelkaktus gesetzt,« entgegnete Nobody.

»Ooo,« erklang es gleich im Tone des Bedauerns. »Der arme Kerl! Das tut mir leid! Er ist ein so braver Mensch!«

Nobody starrte die Sprecherin wie ein Phantom an. Diese Sprache! Dieses Wesen! Und dieses Gesicht! Diese Züge! Was waren das nur für phantastische Bilder, die sich plötzlich vor seinen geistigen Augen entwickelten, ohne geordnete Formen annehmen zu wollen?

Sie hatte sich ihm wieder zugewandt, und wieder zuckte es so seltsam über ihre schönen Züge, jetzt nahmen diese einen schelmischen Ausdruck an.

»Nun, Mr. Nobody, kennen Sie mich denn nicht mehr?«

Ja, er kannte sie, aber ... er verharrte dabei, sie wie ein Phantom anzustarren.

Da trat sie dicht vor ihn hin, streckte die braune Hand aus, die Hand, die Nobody schon an dem Mestizen bewundert hatte, so schlank und dennoch so voll, dabei die kleinste Muskel wie herausgemeißelt, und mit dieser Hand griff sie ihm ungeniert unters Kinn und schaute ihn lachenden Auges an.

»Titi.«

»Titi?« wiederholte Nobody traumverloren, absolut nicht wissend, was sie meine, dieses braune, stolze Antlitz, das jetzt so schelmisch lachen konnte, durchaus nicht in seine Erinnerung einpassen könnend.

»Titicaca! Machen wir bald wieder einmal zusammen eine Luftballonfahrt?«

Himmel! Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte sich Nobody gleichfalls in den Igelkaktus gesetzt. Doch er blieb stehen, er begnügte sich damit, nur die Hände über dem Kopfe zusammenzuschlagen.

»Gretchen! Ist es möglich – Gretchen Seidel aus Ebstorf – als letzte Cherokesin!«

 

Fernab vom Lager saßen sie zusammen auf einem moosigen Steine. Der Wigwam hätte keinen Raum gehabt für die Erzählung des abenteuerlichen Weibes.

Doch wo überhaupt sollte Gretchen ihre Erzählung beginnen?

Fast fünf Jahre waren nun schon verstrichen, seitdem sich die beiden am Titicaca-See getrennt hatten. Wolle sich der geneigte Leser nicht über diese lange Zeitspanne wundern! Wir schildern die Erlebnisse unseres Helden ja nicht der Reihe nach, sondern greifen aus seinem Tagebuche nur immer das Interessanteste heraus, ja, wir überspringen oftmals sogar mit Absicht etwas Interessantes. Es kam oft genug vor, daß Nobody in demselben Lande, in ein und derselben Gegend, in ein und derselben Stadt gleich mehrere Fälle zu erledigen hatte, ein Ereignis knüpfte sich an das andere an, jedes wert, erzählt zu werden – um aber dem Leser immer neue Gegenden, Volkstypen und Charaktere vorzuführen, greifen wir jedesmal nur einen einzigen Fall heraus, um vielleicht viel später auf einen anderen zurückzukommen, der in Wirklichkeit dicht auf jenen ersten gefolgt ist.

Sie war ins Wandern gekommen, das abenteuerlustige Mädchen, das heimlich die deutsche Schneiderstube verlassen hatte, um ›Indianerhäuptling‹ zu werden.

Vom Titicaca-See war sie mit einigen von ihrem Stamme ausgestoßenen Puna-Indianern nach dem Süden gegangen, einen ihrer Begleiter verlor sie nach dem anderen, sie allein zog hinab bis in das eisige Patagonien, bis ins Feuerland, zurück durch ganz Südamerika, auch Brasilien von Süden nach Norden durchquert, durch Columbia, über den Engpaß von Panama nach Mexiko, nach Texas, hier hatte sie einige Monate unter den Apachen gelebt – und hier war sie dem letzten Häuptling der Cherokesen begegnet – nicht als Freund, sondern als Feind – in wildem Kampfe mit Lanze und Messer hatte sie mit ihm gerungen – sie hatte gesiegt, um besiegt zu werden – als sein Weib war sie dem stolzen Seeadler gefolgt – und jetzt war sie die letzte Cherokesin!

Wie soll man denn nun den Inhalt dieser fünf Jahre wiedergeben? Sie begnügte sich, ihrem einstigen Gefährten nur ihre erste Begegnung mit dem Cherokesenhäuptling zu schildern, wie sie mit ihm gekämpft hatte, in doppeltem Sinne gemeint, in Haß und in Liebe, mit Waffen und mit dem Herzen, und sie brauchte schon hierzu lange Zeit genug – es war schon Stoff, um ein dickes Buch zu füllen, ein ganzer Roman!

»Und nun?« fragte Nobody, als sie schwieg.

»Und nun?« wiederholte sie träumerisch. »Was nun?«

Es war etwas Eigentümliches an ihr, und doch etwas, was ganz zu der amerikanischen Wildnis paßte, besonders zu den zerklüfteten Felsen und den dunklen Fichten, unter denen sie lagerten.

Der Beduine der Wüste, der Samojede der Eisfelder, der nordamerikanische Indianer des Urwaldes und der Prärie – sie alle haben in ihren Zügen, so verschieden diese sonst auch sein mögen, eine gewisse Aehnlichkeit. Es ist Melancholie, Schwermut – es ist die Einsamkeit, die ihren Stempel ihnen auf das Antlitz gedrückt hat. Ja, wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Denselben eigentümlichen Zug von Schwermut – der aber eigentlich mit Traurigkeit gar nichts zu tun hat, denn im Grunde genommen kann der Betreffende der heiterste Charakter sein, der bei jeder Gelegenheit in das fröhlichste Lachen ausbricht – finden wir auch beim einsamen Hirten unserer Alpen, sogar schon beim Waldhüter dicht neben der Großstadt.

»In den Pampas von Südamerika,« hatte das einst blonde Gretchen schon vorhin erzählt, »hatte ich, um nicht gar zu sehr aufzufallen, mir mit Pflanzensaft mein Haar schwarz und die Haut braun gefärbt. Ich tue es noch jetzt. Aber ich glaube, ich hätte es gar nicht mehr nötig, nicht einmal beim Haar. Etwas Fremdes ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.«

»Du wirst nun dieses große Jagdgebiet als selbständige Häuptlingsfrau behaupten?« fragte jetzt Nobody direkt. »Denn das war doch immer das Ziel deiner Sehnsucht, schon dein Kindestraum, und ich weiß, daß ich dir damals mit der Kultivierung der Puna keinen besonderen Dienst erwies. Jetzt aber hast du dein Ideal erreicht.«

Mit jener eigentümlichen Resignation schüttelte sie den Kopf, obgleich sie bejahte.

»Ja, ich habe es erreicht. Nicht nur eine Häuptlingsfrau darfst du mich nennen, sondern einen echten Häuptling, denn nur ausnahmsweise trage ich einen Weiberrock, und die Komantschen verehren mich als kriegerische Amazone, nicht als Squaw. Aber wie lange wird das noch währen? Dann muß ich wieder fort von hier. Weshalb? Frage mich nicht, Alfred – ich weiß es nicht – frage den Zigeuner, warum er von Ort zu Ort zieht – frage den Wandervogel, warum er auch das wärmste Nest verläßt, das ihm eine freundliche Menschenhand bereitet hat. Ich – weiß nur eins – über mich ist etwas gekommen – daß ich wandern muß – wandern, wandern, rastlos wandern!«

Diese Worte, so schwermütig von der tiefen Frauenstimme gesprochen, trafen unseren Nobody bis ins tiefste Herz.

Wandern, wandern, rastlos wandern – es war seine eigene Stimme gewesen, die gesprochen hatte.

Aber während er den Kopf tief auf die Brust sinken ließ, warf sie den ihren mit einer trotzigen Bewegung zurück, daß die schwarzen Haare flatterten.

»Doch ehe ich von hier gehe, den Komantschen mein Gebiet überlassend, habe ich noch eine heilige Pflicht zu erfüllen.«

»Die Rache!« ergänzte Nobody, alle trüben Gedanken abschüttelnd.

»Die Rache?« wiederholte sie in ihrer sinnenden Weise. »Ich weiß, was du meinst. Nein. Auch ich kenne die Rache, auch ich übe sie aus – aber solch eine Rache ist mir fremd. Als die Seminolen die alte Zauberin, der sie sich nicht nahen durften, mit Gewalt entführten, da handelten sie wie echte Indianer. Die Cherokesen waren die Angreifer, sie verloren dabei Leben und Skalp. Dann drangen die siegreichen Seminolen in das feindliche Gebiet und vernichteten auch noch die ganze Brut der Todfeinde. Das war indianisch gehandelt. Ja, es war mein Mann, und ich habe Seeadler geliebt wie sein ganzes Volk, welches das meine geworden war. Aber noch bin ich eine Christin geblieben. Nein, in diesem Falle kenne ich keine Rache. Eine andere Pflicht ruft mich. – Hast du denn von Islanga gehört, von der alten Susquesan, mit der ich so oft verwechselt werde?«

»Ich weiß alles.«

»Nun wohl. Es besteht der Verdacht, daß ich die Ahne des Seeadlers mit Absicht in den Händen der Seminolen lasse, denn eigentlich ist doch sie die letzte Cherokesin, sie ist die Erbin ...«

»Nein,« unterbrach Nobody sie aufgeregt, »nein, Gretchen, solch ein Verdacht existiert nicht! Sonst hätte doch auch ich schon etwas davon hören müssen.«

»Doch! Doch!! Ich habe es mir von jenen Schmeißfliegen, die mich umschwärmten, bis ich sie hinausjagte, sagen lassen müssen. Und selbst wenn es nicht die öffentliche Meinung wäre, so flüstert mir doch stets und ständig eine innere Stimme zu, und ihr Flüstern klingt mir wie Donnerhall: ›Du mußt!!‹ Ja, ich muß erst wissen, ob diese alte Indianerin noch lebt, und ist es der Fall, dann muß ich sie aus den Händen der Seminolen befreien, muß sie hierher zurückbringen – die letzte Cherokesin – die Erbin – das ist meine Pflicht – dann erst darf ich von hier gehen – um weiterzuwandern.«

Eine Pause trat ein. Jedes war mit seinen ernsten Gedanken beschäftigt.

»An den Komantschen habe ich dabei keine Hilfe,« nahm dann Gretchen von selbst wieder das Wort.

»Weshalb nicht? Wie kommt es, daß sie dich hierbei im Stiche lassen? Ja, hätten die Komantschen nicht deinetwegen den Kriegspfad gegen die Seminolen betreten müssen? Warum tun sie es nicht?«

»Weil es Männer sind, denen ihr Wort gilt. Noch ehe all diese Ereignisse eintraten, hatten die Komantschen mit den Seminolen ein Bündnis der Freundschaft geschlossen, und noch einmal muß es Winter werden und noch einmal Sommer, ehe dieses Bündnis erlischt. So lange kann ich nicht mehr warten. Ich habe meine zudringlichen Beobachter entfernt – jetzt werde ich allein in das feindliche Gebiet der Seminolen eindringen, um mir Gewißheit über den Verbleib von Seeadlers Ahne zu verschaffen.«

Da legte sich eine Hand auf die ihre.

»Nicht allein – ich werde dich begleiten.«

Sie antwortete nicht, sie drückte nur seine Hand leise, und immer glücklicher wurde ihr Lächeln, während sie so träumend in die Ferne blickte, und gar seltsame Worte waren es, die sie dann ihren Träumen verlieh, so gar nicht passend zu ihrer Umgebung, oder aber es war ein riesengroßer Sprung, den sie plötzlich im Geiste machte, hatte sie doch soeben vom Kriegspfad gesprochen, den sie betreten wollte, und doch hing dies alles mit einer Erinnerung zusammen, die mit einem Male in ihr erwacht war.

Zunächst machte sie sanft ihre Hand aus der seinen frei, und sie erhob diese Hand und schien mit dem ausgestreckten Zeigefinger Bilder in der Luft zu malen, dazu sagte sie in eigentümlich singendem Tone, immer mit jenem glücklichen Lächeln:

»Ich sehe – eine Heide – die Erika blüht – und in dieser Heide liegt ein Städtchen – und darin steht ein Häuschen – und ich sehe eine kleine, enge Stube – angefüllt mit Stoffen und mit halbfertigen Kleidern – und ich sehe eine Nähmaschine – meine Nähmaschine ...«

Die von der deutschen Heimat Träumende wurde jählings unterbrochen.

»Wawawas? Ei – ei – eine Nähmaschine?« ertönte eine fremde Stimme, die Worte vor freudiger Aufregung nur stoßweise hervorbringen könnend, und wie ein aus dem Boden gewachsener Berggeist stand vor den beiden urplötzlich Mr. Cerberus Mojan.

Aber in welchem Kostüm präsentierte er sich nun den Blicken derjenigen, die er seine Braut nannte, und war es auch eine Indianerin, es war doch immerhin ein Weib, noch dazu ein junges!

Oben war er, bildlich ausgedrückt, ein gepanzerter Ritter, unten prangte er so ziemlich in paradiesischer Unschuld – das heißt deutlicher ausgedrückt: oben trug er noch seinen grünen Lodenkittel, gespickt mit Waffen aller Art, aber die Hosen hatte er ausgezogen, und darunter hatte er nichts weiter angehabt, und das kurze Hemdchen war nicht viel länger als der Lodenkittel, und an den Füßen hatte er nur Socken.

Wie Mojan in dieses Negligé gekommen war, ist leicht erklärlich. Nach jenem Malheur mit dem Igelkaktus war er schmerz- und nicht minder schamerfüllt zwischen die Büsche geflüchtet, er fand in dem zerklüfteten Gestein unter einem Felsen eine kleine Höhle, in diese kroch er, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß er von dem Lager aus nicht gesehen werden konnte, zog er seine Hose aus, wozu er sich auch der langen Stiefeln entledigen mußte, um das wichtigste Bekleidungsstück des Mannes, ohne welches er kein Mann ist, und durch welches sich äußerlich mancher Mann allein vom Weibe unterscheidet, von dem ›ganzen Etcetera bäbä‹ zu säubern, auch, um die zahllosen Stacheln daraus zu entfernen.

Er war mitten drin in dieser mühseligen Arbeit, als er Stimmen sich nahen hörte, und zu seinem grenzenlosen Schreck sah er sogar die eine Gestalt, es war keine andere als seine Braut, die Susanne verwitwete Hackeklotzen!

Herrgott, wenn die jetzt hier herein ...

Nein, er hatte nicht nötig, schnell wieder in das stachlige Beinkleid zu schlüpfen. Die beiden kletterten schon den Felsen hinauf und lagerten sich dort oben. Mojan konnte sein Entstachelungsgeschäft fortsetzen, und dabei verstand er jedes Wort, das die beiden sprachen.

Oder eigentlich verstand er sehr wenig davon. Das alles reimte sich auch gar nicht mit der Witwe des Cherokesenhäuptlings zusammen, was er da zu hören bekam. Höchstens erfuhr er nun, daß sie von den Indianern am Titicaca-See stammte und Nobody schon von früherher kannte.

Doch Mojan zerbrach sich deshalb gar nicht den Kopf, außerdem war er viel zu sehr mit dem Absuchen der kleinen Dornen beschäftigt, und er wollte doch so schnell wie möglich fertig werden, um seinen unterbrochenen Heiratsantrag fortzusetzen. Denn das Spiel gab er wegen jenes Malheurs mit dem Igelkaktus durchaus noch nicht verloren, er hatte doch gesehen, welch mächtigen Eindruck seine imposante Gestalt auf die Indianerin gemacht hatte.

Nun müssen wir aber noch eins erwähnen: Mr. Cerberus Mojan war nicht etwa ein Mann, dem alles Schamgefühl abging. Ganz im Gegenteil, er war sogar ein Gentleman mit sehr viel Takt, und nie, nie hätte er sich einer Dame, überhaupt einem Weibe, und es sei auch eine Südseeinsulanerin im Evagewande, in solch einem unzulänglichen Kostüm zu zeigen gewagt, da wäre er vor Scham gleich in die Erde versunken. Das ist übrigens schon zur Genüge angedeutet worden – wie er sich erst überzeugte, ob er unbeobachtet sei, wie er erschrak, als er seine ›Braut‹ kommen sah, u.s.w.

Als aber das Wort ›Nähmaschine‹ fiel – ›ich sehe eine Nähmaschine, meine Nähmaschine‹ – da freilich war alles vergessen, das wirkte auf Cerberus Mojan wie elektrisierend, da erwachte der Geschäftsmann in ihm, da hatte er sogar vergessen, daß er keine Hose anhatte, er ließ sie aus den Händen fallen, und anstatt im Boden zu versinken, wuchs er aus diesem empor und stand plötzlich vor den beiden, und vor freudiger Aufregung konnte er kaum sprechen.

»Wawawas? Ei – ei – ei – eine Nähmaschine? Sie haben eine Nähmaschine? A-a-a-a-ach, da kaufen Sie mir doch ein Fäßchen Schmieröl ab! Na, da machen Sie doch! Darf ich ...«

Er wollte sein Notizbuch ziehen, dieses hatte er immer in der hinteren Tasche seiner Hose stecken, dazu mußte er den etwas langen Lodenkittel heben, und so hob der kleine Dickwanst jetzt auch noch sein Hemd hoch und fingerte an seinem nackten Beine herum, ohne zu merken, daß er gar keine Hose anhatte.

»Na, da machen Sie doch,« fuhr er dabei mit jenem vertraulichen Schmunzeln fort, das schon früher einmal geschildert wurde, »nur ein Tönnchen – ich mach's billig – frachtfrei bis an die Haustür – na, da geben Sie mir doch einen kleinen Auftrag – 's ist heute mein erster – darf ich no ...«

Was die beiden oben bei diesem Anblick dachten, kann nicht gesagt werden – sie hatten gar keine Zeit zu denken – wie Mojan von dem Igelkaktus aufschnellte, so sprangen plötzlich die beiden empor.

»Zurück, zurück!! Hierherauf!! Hinter den Baum!«

Denn plötzlich war hinter Mojan, wie er noch immer so mit hochgehobenem Hemde dastand und nach seinem Notizbuch fingerte, ein zottiges Ungeheuer mit rotglühenden Augen aufgetaucht – zwei mächtige Hörner fuhren dem Ahnungslosen unter die Arme, und plötzlich schlug der Hosenmatz ohne Hose, jetzt richtiger ein Hemdenmatz, in der Luft einen tadellosen Salto mortale.

Es war ein riesiger Büffel, der sich hierher verirrt hatte, oder vielleicht gar nicht so zufällig – ein Stier, der von seiner Herde aus irgend einem Grunde getrennt worden war und nun an keine andere wieder Anschluß fand, der dadurch zum griesgrämigen Einsiedler geworden, dessen natürliche Liebesgefühle, die er nicht anbringen konnte, sich in unbändigen Haß gegen alles Lebendige, selbst gegen tote Gegenstände verwandelt hatten – ein Gegner, der vom eingeborenen Jäger nicht weniger gefürchtet wird als der graue Bär, dessen Erlegung im Einzelkampf deshalb auch zu ebensolcher Ehre gereicht.

Solch ein Tier war es, das den ahnungslosen Hemdenmatz auf seine Hörner genommen, glücklicherweise unter den Armen, und in die Luft geschleudert hatte, und plötzlich saß Mr. Cerberus Mojan rittlings auf einem zottigen Rücken, gerade so recht hübsch zwischen Kopf und Hals.

Da freilich wußte er, was mit ihm geschehen, und Cerberus Mojan war nicht der Mann, der vor einem durchgehenden Bierwagen auskniff, und seine Geistesgegenwart bewies er auch jetzt – denn kaum hatte er seinen Salto mortale beendet und fühlte sich rittlings sitzen, als er auch schon mit der linken Hand den einen Korkzieher von Horn gepackt hatte, während er in der andern schon eines seiner Messer zum Stoße erhob, und nun ging es los, wie es eben nur Mr. Cerberus Mojan konnte, wenn er einmal aus seiner Gentlemanrolle fiel, und jedes Wort, jede Silbe war von einem Stich in den Nacken und Kopf des Büffels begleitet:

»I du Stinkvieh elendigliches, du voll Jauche geplumpter Mistkäfer, du du du Etcetera bäbä stinkiges – wart, ich will dich lehren, ich mache aus dir ein gehacktes Beefsteak mit Remouladensauce ...«

Das andere verlor sich schon in der Ferne. Denn der Stier nahm diese Schimpfworte natürlich nicht geduldig hin, noch weniger ließ er solch eine Messerhackerei stillschweigend über sich ergehen, sondern mit einem donnernden Schmerzgebrüll war er mit seinem Reiter davongestürmt.

Wie Nobody und seine Begleiterin zu den weidenden Pferden gekommen waren, wußten sie später selbst nicht, und da jagten auch schon die ersten Komantschen davon, deren Mustangs wie die Hasen mit den Leibern fast den Boden berührten, und dann beteiligten sich auch Nobody und Gretchen an der Verfolgung des unfreiwilligen Reiters.

Aber es war sehr die Frage, ob sie den Stier überhaupt einholen würden. Der Büffel der freien Prärie steht dem Mustang wenig an Schnelligkeit nach, und diese Prärie hier, an welche der Fichtenwald grenzte, war mit steinigem Geröll bedeckt, für welches der Büffelhuf geeigneter war als der des Pferdes. Dieses Tier hier wurde noch dazu durch Schreck und Schmerz zu immer wahnsinnigerem Laufe angespornt; denn Mojan ließ nicht ab vom Stechen, und er war kein gelernter Fleischer, den tödlichen Nackenstich wußte er dem Stiere nicht beizubringen.

Nun gut, so mochte er sitzen bleiben und stechen, lange hielt es der Büffel doch nicht mehr aus, das verriet die breite Blutspur, die er hinterließ!

Aber die Sache hatte einen bösen Haken. Das Gebiet der Cherokesen ist etwa zehn geographische Meilen lang und zehn breit, zwei Tage war die Karawane geritten, bis sie das Lager erreicht, dieses lag also dicht an der Grenze – und wirklich schimmerte dort schon der Spiegel des Washita, des Waschbärenflusses, welcher das Gebiet der Cherokesen von dem der Seminolen scheidet, und unberechenbar konnten die Folgen sein, trotz aller sonstigen Freundschaft, wenn die Komantschen von hier aus diese Grenze überschritten.

»Abspringen, abspringen!!« schrie Nobody aus voller Lungenkraft. »Oder eine Revolverkugel hinters Ohr!!«

Doch der Hosenmatz ohne Hose hörte nicht, der wollte sein gehacktes Beefsteak haben, er stach und schimpfte weiter. Nobody hatte seine Büchse bei sich, aber so von hinten dem Büffel eine Kugel nachsenden, die ihn fällte, das geht leichter in einer Jugendschrift als in der Wirklichkeit.

Und da spritzte es auch schon hoch auf, der Büffel war in den Fluten des Washita verschwunden – nicht mit ihm sein Reiter, der schwamm wie eine Fettkugel oben auf. Doch daß sich vor ihm noch der Büffelkopf befand, das verriet nicht nur das unausgesetzte Stechen des Reiters, sondern auch, weil sich die menschliche Fettkugel gar so schnell dem anderen Ufer zubewegte, und als die ersten Komantschen ihre Pferde ins Wasser treiben wollten, da hatten Stier und Reiter schon das jenseitige Ufer erreicht.

Die Schwimmtour war die letzte Kraftleistung des riesigen Tieres gewesen, drüben brach es zusammen, um nicht wieder aufzustehen. Mojan war noch rechtzeitig auf seine Bratwurstbeine gekommen – da aber trieben die Komantschen ihre Pferde schon wieder zurück – zu spät! – Dort drüben brachen aus einem Gebüsch Indianer hervor – der Hosenmatz war mit Hinterlassung seiner Hose, in der die Trauringe steckten, in die Hände der Seminolen gefallen!

Ueber den breiten Strom hinweg trug kein Gewehr, wenigstens nicht mit sicherem Schuß, und jetzt zum Angriff über den Strom zu gehen, das wäre die reine Tollheit gewesen, jeder Kopf hätte eine sichere Zielscheibe geboten.

Auch wären die Komantschen zu so etwas gar nicht zu bewegen gewesen und ebensowenig würden die Seminolen ihren Gefangenen, der aus dem Cherokesengebiete zu ihnen herübergekommen war, auf friedlichem Wege herausgeben.

Man sah noch, wie der zusammengebrochene Büffel auf der Stelle zerwirkt wurde, wie die Seminolen mit ihrem Gefangenen wieder im Unterholz verschwanden, und dann konnte sich Nobody mit den Komantschen und ihrem weiblichen Häuptling am Beratungsfeuer niederlassen.

Aber an diesem herrschte über eine gewisse Sache nur eine einzige Ueberzeugung, so selbstverständlich, daß sie von keinem Munde erst ausgesprochen wurde: Der Mann, der auf dem Rücken eines wütenden Büffelstieres, eines Einsiedlers, über den breiten Strom geschwommen war und ihn am Ufer zur Strecke gebracht hatte, nur mit dem Messer, der würde auch als Gefangener bei den Seminolen die ehrenvollste Aufnahme finden! –

Sollte sich Nobody, sollten sich all diese Komantschen im Charakter der benachbarten Seminolen so geirrt haben?

Cerberus Mojan nämlich merkte nichts von einer ›ehrenvollen Aufnahme‹, die er auf dem jenseitigen Ufer fand.

Kaum war der Büffel unter ihm zusammengebrochen, als sich Mojan von Indianern umringt sah, und da wurden ihm auch schon die Arme auf dem Rücken zusammengepreßt, die Hände gebunden, was sich der kleine Held natürlich nicht gefallen lassen wollte; er fing gleich mit ›stinkigen Mistkäfern etcetera bäbä‹ an, und weil er sich außerdem mit den Füßen zu wehren suchte, wurden ihm diese mit einem schnellen Griffe unter dem Leibe weggezogen, es gab einen gewaltigen Plauz, der Hosenmatz ohne Hose lag wie ein geprellter Frosch auf dem Rücken, und auch die mit kurzen Socken bekleideten Füße wurden gebunden.

Mit Zauberschnelle wurde der große Büffel, der unterdessen seinen letzten Atem ausgehaucht hatte, abgehäutet und zerwirkt, und die Zeiten sind vorbei, da die Indianer von dem erlegten Büffel nur die Zunge und das fetteste Stück vom Rücken, den sogenannten Höcker, ausschnitten, jetzt wurde von dem erbeuteten Fleische alles nur Eßbare mitgenommen.

Merkwürdig aber war – wovon Mojan freilich nichts wußte – daß dem Büffel auch der ganze Kopf samt den mächtigen Hörnern abgeschnitten wurde, den dann zwei Indianer tragen mußten. Denn gerade den Kopf und die Hörner des erlegten Wildes, ob nun Büffel oder Hirsch oder Gazelle, lassen die roten Jäger, unseren weidmännischen Regeln direkt entgegengesetzt, stets liegen, es sei denn, daß sie Horn oder Geweih zu irgend etwas brauchen, zu einem Trinkgefäß, zu einem Bogen oder sonst etwas. Aber eine Trophäe ist Horn und Geweih dem Indianer nicht, und der Kopf des Tieres bleibt überhaupt stets für die Schakale und Raubvögel zurück. Hier also geschah einmal die seltene Ausnahme, daß der ganze Kopf mitgenommen wurde.

Das abgestreifte Fell wurde umgedreht, die blutige Seite nach unten, der Gefesselte wurde auf die wolligen Haare gelegt, sechs Indianer spannten sich an Lederriemen davor, die anderen bepackten sich mit den Fleischstücken, und im Eilmarsch ging es dem nahen Gehölz zu.

Mojan war in den Verhältnissen zu unbewandert, um bemerken zu können, wie man ihn als Gefangenen dennoch mit Ehrerbietung behandelte, wenn man ihm auch Hände und Füße gebunden hatte.

So hatte ein Indianer ihm die Revolver aus dem Gürtel nehmen wollen – ein drohender Ruf eines anderen, der eine Adlerfeder in der Skalplocke trug, und sofort ward die ausgestreckte Hand zurückgezogen. Mojan schimpfte wie ein Rohrspatz, einer oder der andere verstand doch Englisch, und da wäre ein anderer Gefangener nicht nur geknebelt worden, sondern hätte jedenfalls eins aufs Maul bekommen, daß ihm Hören und Sehen vergangen wäre. Bei Mojan geschah nichts von alledem, er wurde vielmehr, nachdem er schon auf das Fell gelegt worden war, noch einmal so gedreht, daß die Sonne ihn nicht blendete. Und warum legten die Indianer die schweren Fleischstücke nicht lieber auf das Fell, das doch sowieso wie eine Schleife gezogen wurde? Nein, die saubere Seite blieb nur für den Gefangenen reserviert.

Doch, wie gesagt, Mojan merkte nichts von dieser besonderen Behandlung, man hatte ihm die Beine unter dem Leibe weggezogen und ihn gebunden, damit basta. Uebrigens stellte er bald sein Schimpfen ein, es hatte ja doch keinen Zweck.

In wenigen Minuten hatte dieser Trupp, welcher einen Vorstoß nach dem Flußufer gemacht, sein Lager im Walde erreicht. Doch nur einige Feuer brannten dort unter der Aufsicht von zurückgelassenen Wachen; keine Zelte, auch keine Pferde waren zu sehen.

Bei der Entdeckung Amerikas besaßen die Indianer noch keine Pferde; diese sind erst von Europa aus nach Amerika gekommen. Aber mit überraschender Schnelligkeit machten die Indianer sich dieses Reittier zu Diensten, es entstanden mehrere Reitervölker, wahre Kentauren, die ohne Pferde gar nicht mehr existieren konnten.

Die Seminolen machten diese Umwandlung wieder nach rückwärts durch. Als sie nach dem Territorium verpflanzt wurden, waren sie zu Fuß langsam und unbehilflich wie die Schnecken. Doch das ihnen zugewiesene Gebiet eignet sich nicht für Pferde, viel Gebirge, viel Wald, die wenige Prärie durchweg mit Steingeröll bedeckt; die Pferde verschwanden immer mehr, und es hat gar nicht lange gedauert, so sind aus den Seminolen die herrlichsten Läufer und Springer geworden. Für den Ethnographen und Physiologen ist es noch besonders interessant, in wie kurzer Zeit sich dadurch der ganze Körperbau des Stammes verändert hat, auch der Kindersegen ist größer geworden, indem nämlich erwiesene Tatsache ist, daß alle Reitervölker sich sehr spärlich vermehren – und das Gegenteil davon ist die ehrbare Schneiderzunft.

Die Seminolen führen auch noch den Tomahawk, bis vor kurzem noch englisches Fabrikat, in Sheffield angefertigt, während jetzt die nordamerikanische Regierung diese Waffe in eigener Fabrik herstellen läßt, auf daß ihre roten Schutzbefohlenen recht schnell unter sich selbst aufräumen.

Die Seminolen, etwa zwei Dutzend, traten zu einer in leisem Tone geführten Beratung zusammen, es ging dabei für Indianer außergewöhnlich lebhaft zu, es hatten sich offenbar zwei Parteien gebildet, die einander widersprachen, dann kam der mit der Adlerfeder, der zwar kein Häuptling zu sein schien, aber wegen der Bärenklauen, die er auf der Brust trug, große Auszeichnung genoß, auf den Gefangenen zu. Mojan hatte seine Gemütsruhe schon wiedergefunden, er sah dem Kommenden mit philosophischer Gelassenheit entgegen.

»Bist du der Blitz ohne Donner?« fragte der Indianer in geläufigem Englisch.

»Wat?«

»Bist du das Bleichgesicht, welches blitzen kann, ohne zu donnern?«

»Ich? Blitzen ohne zu donnern? Nee, das kann ich nicht. Aber ich kann donnern, ohne dabei zu blitzen.«

Der Indianer verzog keine Miene, verstand den Witz ja auch gar nicht, er ging zurück, wieder fand eine eifrige Debatte statt, dabei war ganz unverkennbar, jetzt auch für Mojan, daß man beim Sprechen nur mit Hochachtung nach ihm blickte, und die Adlerfeder kehrte wieder.

»Du bist unser Gefangener.«

»Das merke ich.«

»Büffelstirn, der große Häuptling der Seminolen, will dich sehen.«

»Ehrt mich sehr!«

»Du hast den Wabohu mit dem Messer getötet.«

Zufällig hatte Mojan diesen Namen schon gehört. Was der Fihl unter den afrikanischen Elefanten ist, das von einer Herde ausgestoßene Männchen, von den Negern gefürchteter als der Löwe, mehr noch sogar als das Flußpferd, das ist bei den Indianern Nordamerikas der einsame Büffelstier, der Wabohu, der Teufel.

»Es ist eine Schmach für dich,« fuhr Adlerfeder fort, »es ist eine Schmach für uns, daß du gebunden bist.«

Nun hatte Mojan auch schon gemerkt, was für eine Rolle er hier spielte und weswegen. Es fehlte ihm nur an den nötigen Ausdrücken.

»Na, dann macht mich doch frei!«

»Dennoch bist du unser Gefangener, bis Büffelstirn über dich entscheidet. Wenn ich wüßte, daß du keinen Fluchtversuch und keinen Gebrauch von deinen Waffen machst ...«

Der Gefangene im kurzen Hemdchen streckte sich lang auf dem Rücken aus und reckte den Bauch möglichst in die Höhe.

»Mein Name ist Achill ... nein, mein Name ist Cerberus Mojan, Schmieröl Schwefel Schokolade etcetera bäbä, und was Cerberus Mojan einmal sagt, daran ist nicht mehr zu wackeln, und so verspreche ich, keinen Fluchtversuch und keinen Gebrauch von meinen Waffen zu machen, bis ich den Häuptling gesehen habe.«

Ob Adlerfeder ihn nun verstanden hatte oder nicht – ohne ein Wort zu sagen, zog er sein Messer, bückte sich, zerschnitt die Lederriemen an den Füßen, richtete den Gefangenen halb auf und befreite auch seine Hände.

»Hugh, der Töter des Wabohus ist als mein Gefangener ein freier Mann.«

Mojan stand auf und dehnte die steifgewordenen Glieder. Ohne daß sich jemand um ihn noch kümmerte, fand wiederum eine Beratung statt. Doch schon viele Indianer hatten sich entfernt, auch der abgeschnittene Büffelkopf mit den Hörnern war verschwunden.

Ein Indianer stand allein; auf diesen ging Mojan zu, und jetzt war er wieder der höfliche Gentleman.

»Ach, entschuldigen Sie, können Sie mir nicht eine Hose besorgen?«

Der Gefragte hatte keine Zeit zur Antwort, dem kleinen Dickwanst mit den kurzen Bratwurstbeinchen hätte wohl auch keine Hose der schlanken, hochgewachsenen Indianer gepaßt – schon kam Adlerfeder wieder.

»Zweimal blökt ein durstiger Hirsch, ehe er das Wasser erreicht, an dem Büffelstirns Lager steht, und das Bleichgesicht ist ebenso klein und dick wie stark – wird es bis dorthin laufen können?«

Mojan glaubte herausgehört zu haben, daß es sich um einen sehr langen Marsch handle, er dachte sogar an zwei Tage.

»Zweimal blökt der Hirsch? Hm, das ist verdammt weit. Da wäre mir schon ein Pferd lieb.«

»Die Krieger der Seminolen brauchen keine Pferde, ihre Füße sind schneller als die des Hirsches,« war die stolze Antwort; doch Mojan wußte schon, woher dieser negative Stolz stammte.

»Na, dann wenigstens eine Droschke!«

Er konnte nun einmal nicht von seinen Verrücktheiten lassen, sonst fühlte er sich nicht wohl. Aber siehe da, der Witz verging ihm, als er bemerkte, wie man bereits für seine gewichtige Person, die keine Stiefel mehr besaß, gesorgt hatte.

Aus dem Gebüsch kamen einige Indianer hervor, welche unterdessen aus Zweigen schon eine Tragbahre geflochten hatten, und nun gab es auch keinen Aufenthalt mehr.

Mojan hatte sich eigentlich nur einmal zur Probe daraufsetzen wollen, da aber ward ihm auch schon eine Decke über die nackten Beine geworfen, und in demselben Augenblicke hoben acht Indianer, an jedem Ende der beiden jungen Baumstämme zwei, die Bahre hoch die Stangen über die Schultern genommen, fort ging es! – und bald merkte Mojan, was es auf sich gehabt hätte, wenn er diese Seminolen in gleichem Schritt hätte begleiten sollen.

Vom ersten Tritt an hatten die roten Träger einen sogenannten Hundetrab angeschlagen, und zwar einen sehr fördernden, weit ausgreifenden, und als sie nach vierstündigem Rennen, ohne jede Pause, das Ziel erreichten, da war ihr Trab genau so federnd wie im Anfang.

Merkwürdig war dabei auch, wie ruhig die schwebende Bahre hängen blieb, wie überhaupt die acht Träger, durch Stangen verbunden, immer so gleichmäßig im Takte blieben, obgleich es doch über Stock und Stein ging, sie hatten auch einen ganz eigentümlichen Schritt oder vielmehr Takt dabei, ähnlich wie bei unseren militärischen Krankenträgern, bei denen der Hintermann nicht mit dem linken, sondern mit dem rechten Fuße antritt, und zwar einen halben Takt später, nur daß es sich hier sogar um acht Träger handelte, und auf hartem Boden konnte Mojan ganz deutlich den doppelten Vierertakt heraushören.

Die Indianer behandeln ihre Frauen überhaupt wie Haustiere, und die Stämme, welche keine Pferde haben, vollends als Packesel. Als die Seminolen nach und nach ihre Pferde verloren, beluden sie wenigstens nicht ihre Weiber mit den Stangen, mit den Fellen und allem, was zum Wigwam und Hausgerät gehört, die Männer trugen das alles selbst, und da die Lagerstelle fortwährend gewechselt wird, da sie auch das erlegte Wild selbst hereinschaffen, was andere Stämme ebenfalls den weiblichen Packeseln überlassen, erlangen sie außerordentliche Uebung im Tragen.

Ein durstiger Hirsch muß wohl aller anderthalb Stunden brüllen, denn es währte nur drei Stunden, so war schon das große, von Männern, Frauen, Kindern und Hunden belebte Zeltdorf der Seminolen erreicht; der alte, an einem einzelnen Feuer sitzende Häuptling mit dem mächtigen Schädel war offenbar Büffelstirn, und auf der anderen Seite des Feuers lag schon der frisch abgeschnittene Büffelkopf, mit seinen Hörnern wie ein origineller Lehnstuhl zum Sitzen einladend – und richtig, die Träger hielten auch daneben, von Mojans nackten Beinen wurde ohne weiteres die Decke genommen, und dann saß der Hosenmatz ohne Hose selbst auf dem Büffelkopfe.

»Der Töter des Wabohus ist an Büffelstirns Feuer willkommen!« sagte der alte Häuptling und reichte ihm das Kalumet.

Mojan war nicht zum Sprechen aufgelegt, denn vor allen Dingen beobachtete er mit Interesse die großen, saftigen Koteletten, die auf den glühenden Holzkohlen schmorten und einen gar lieblichen Duft von sich gaben.

An anderen Feuern rührten Frauen in großen Töpfen herum, die Männer sahen ihnen untätig zu, nur einige wenige bereiteten ihr Essen selbst, jedenfalls Junggesellen, und auch der Häuptling wendete die Beefsteaks eigenhändig um, jedenfalls hatte auch er keine Squaw mehr, und eine fremde Bedienung schien es hier nicht zu geben, nicht einmal für das Stammesoberhaupt. Dafür aber hatte er von dem ›Wabohu‹ auch die saftigsten Stücke bekommen, das erkannte der Gourmand auf den ersten Blick.

Doch da kam eine Frau. Aber sie brachte nur einige steinerne Teller und Salz in einem mittelgroßen Topfe, der einst zu einem anderen Zwecke gedient hatte.

»Mein weißer Bruder wird hungrig sein,« sagte Büffelstirn, spießte mit seinem Skalpiermesser, mit dem er schon so manchem Menschen die Kopfhaut abgezogen haben mochte, ein fertiges Beefsteak an, legte es auf einen Steinteller und reichte ihn Mojan hin.

Dieser ließ sich nicht zweimal auffordern, er zog vom Leder, und zu seinen Vorbereitungen gehörte auch die Malertube.

Der ernste Häuptling konnte sich nicht enthalten, ein »Hugh« hören zu lassen und sehr große Augen und ein sehr mißtrauisches Gesicht zu machen, als er sah, wie aus dem seltsamen Dinge eine rote Wurst hervorquoll, die das Bleichgesicht auf seinem Fleischstück, das es doch essen wollte, breitschmierte, und als Mojan es wirklich aß, da verwandelte sich das mißtrauische Gesicht in staunende Ehrfurcht.

»Medizin.«

»Anschovisbutter.«

»Medizin,« sagte der Häuptling nochmals.

»Anschovisbutter,« blieb Mojan ebenso hartnäckig bei seiner Behauptung.

Der Häuptling, der sonst sicherlich an Gefräßigkeit keinem anderen Indianer nachstand, sonst wäre er doch kein Häuptling gewesen, vergaß ganz das Essen, er versank in Gedanken, und endlich hatte er es herausgefunden.

»Ist das die An-scho-vis-butter, welche dem Bleichgesicht solchen Mut verleiht, daß er einem Wabohu auf den Rücken springt, um ihn mit dem Messer zu töten?«

Mr. Cerberus Mojan war manchmal etwas dämlich. Jetzt hätte er endlich etwas merken und die Gelegenheit beim Schopfe fassen müssen. Ein Glück war es nur, daß er nicht gleich erzählte, wie vielmehr der ›Wabohu‹ ihn sich mit seinen Hörnern auf den Rücken gesetzt hatte.

»Ja, wenn man ein Tönnchen von diesem Zeug im Magen hat, dann springt man wie ein junger Ziegenbock. Wollen Sie mal kosten?«

Trotz aller geschulten Selbstbeherrschung schreckte der Häuptling vor der vorgehaltenen Tube etwas zurück.

»Nur ein bißchen auf den Finger,« ermunterte Mojan.

Schließlich ließ sich Büffelstirn bewegen, von der roten Wurst, bei deren Hervorquellen er aber wiederum zurückschreckte, etwas auf den Finger zu nehmen, er leckte davon, und wenn er auch keine Grimasse schnitt, so sah man ihm doch an, wie gern er eine geschnitten und gespuckt hätte. Die Anschovispaste, an sich schon sehr scharf und salzig, war noch stark mit Paprika gewürzt.

»Mein weißer Bruder ist ein starker Mann,« sagte Büffelstirn und holte das versäumte Essen nach.

Als das letzte Beefsteak verschwunden war, wurde schweigend eine Pfeife geraucht, und unterdessen hatte der Häuptling wieder überlegt, was er sagen wollte.

»Die roten Söhne des großen Geistes sind weiser als die Bleichgesichter, welche lange, lange Zeit an steinernen Wigwams bauen, die doch wieder einfallen. Aber die Bleichgesichter sind klüger als die Indianer, sie haben mehr Medizin.«

Ehe Mojan den tiefen Sinn dieser Rede kapiert, hatte, streckte der Häuptling ihm den linken Arm hin, an dessen Handgelenk er einen schmutzigen Verband trug.

»Büffelstirn ist krank,« sagte er wehmütig.

»Was habt Ihr da?«

»Ein Wabohu ist drin.«

»Ein Büffel?«

»Nein, ein Wabohu, den ihr Teufel nennt. Er pocht im Blut und läßt Büffelstirn nicht schlafen.«

Er wickelte den Lappen ab; ein bösartiges Geschwür zeigte sich, jedenfalls die Folge eines giftigen Mückenstiches.

»Wenn der weiße Medizinmann etwas von der An-scho-vis-but-ter daraufstreicht, wird der Wabohu entweichen und Büffelstirn wieder schlafen können.«

Aha, jetzt allerdings begriff Mojan! Gut, der Häuptling sollte seinen Willen haben, und Mojan machte sich kein Gewissen daraus, eine kleine Portion der scharfen Paste auf das offene Geschwür zu schmieren.

Ein scharfer Beobachter hätte erkennen können, welch furchtbaren Schmerz der Indianer augenblicklich in der Wunde fühlte, die Heringslake mit Paprika mußte eben wie Pfeffer im Blute brennen; aber der Stoiker wußte den Ausdruck des Schmerzes in ein Lächeln zu verwandeln, und ein wahrhaft glückliches war es, als er sagte:

»Die rote Medizin ist gut, sie brennt wie Feuer und ist doch kein Feuer, Büffelstirn fühlt schon, wie der klopfende Wabohu sein Blut verläßt.«

Ja, wer weiß, ob diese Heringslake mit Paprika vielleicht nicht wirklich ein recht gutes Wundmittel war, ob sie nicht tatsächlich ein eiterndes Geschwür wie Höllenstein ausbrannte. Unter den sogenannten Hausmitteln gibt es noch viel trivialere, und in den meisten Fällen helfen sie doch.

»Im Lager ist ein Knabe,« nahm der befriedigte Häuptling wieder das Wort, »er hat im Munde den zweibeinigen Wabohu, der ihm an den Zähnen rüttelt. Will das Bleichgesicht den Wabohu mit der roten Medizin austreiben?«

Also Zahnschmerzen? Gut, Mojan war bereit dazu, seine Heilkunst zu probieren.

Ein halbwüchsiger Junge wurde gebracht, dessen eine Backe dick angeschwollen war, und man sah ihm an, welche Schmerzen er auszustehen hatte; aber auch schon diese kleine Rothaut verstand es, keinen Wehlaut den Lippen entschlüpfen zu lassen und die Tränen zurückzuhalten.

Mojan ließ ihn den Mund aufmachen und blickte hinein, er sah nicht den Grund des Uebels, er schmierte mit seiner Anschovispaste drauflos, salbte das Zahnfleisch ein – und, war es nun bloß eine Gefälligkeit seitens des Knaben gegen den Medizinmann, oder besaß die Anschovisbutter in diesem Falle wirklich eine Heilkraft, eine Folge der Einbildung – freudig erklärte der Junge, daß plötzlich alle Schmerzen aufgehört hätten.

Alle Indianer, Männer, Frauen und Kinder, hatten im Kreise herumgestanden und mit ehrfürchtigem Staunen diese Heilkur beobachtet, und – wir wollen es kurz machen.

In dem großen Lager gab es noch viele Kranke und Gebrechliche, mit verstauchten Gliedmaßen und besonders auch solche mit offenen Wunden, und der weiße Medizinmann salbte alles mit seiner roten Anschovisbutter ein, den noch blutigen Fleischriß sowohl als den noch nicht geheilten, abgehackten Finger, das von Gicht geplagte Knie und den gebrochenen Arm, der aber schon recht gut geschient war, den Leib des wimmernden Kindes und den wackelnden Hals einer alten Frau, eine brandige Zehe und ein erfrorenes Ohrläppchen; einem alten Krieger, dem die letzten Haare seiner Skalplocke auszufallen drohten, wurde die Anschovisbutter mit Paprika zum Haarwuchsbeförderungsmittel, und Mojan brauchte nicht allzu sparsam mit seiner Medizin zu sein, er hatte noch zwei große Tuben davon bei sich, und alle, die er daraus beglückte, versicherten, eine augenblickliche Linderung ihres Leidens zu merken, der alte Krieger fühlte seine Skalplocke schon wieder wachsen, bei einem Gelähmten war die Einbildung so groß, daß er einige Schritte zu gehen vermochte, und wenn der von Leibschmerzen geplagte Säugling noch immer wimmerte, so war das ganz einfach der Eigensinn eines unvernünftigen Kindes.

Cerberus Mojan war der Held des Tages, der Löwe des Lagers. Schon bereiteten sich die jungen Krieger zu einem Feste vor, sie wollten dem weißen Medizinmann zu Ehren ein Turnier geben, und die rotbraunen Frauen und Mädchen, welche sich viel weniger Zwang aufzulegen brauchen, waren glücklich, dem Hosenmatz ohne Hose das kurze Hemdchen küssen zu dürfen.

Ja, so ein Medizinmann der Bleichgesichter!

Und daß er ein ganz außergewöhnlicher Mann unter den Bleichgesichtern war, einen ganz besonderen Rang einnahm, das zeigte er ja schon dadurch, daß er keine Hose anhatte! Denn noch nie hatten die Seminolen ein Bleichgesicht gesehen, das ohne Hose zu ihnen gekommen war und ohne Hose herumlief.

Aber diese vielbewunderte Hosenlosigkeit behagte unserem Helden durchaus nicht. Ein für ihn passendes Beinkleid war hier nicht aufzutreiben, diese Erfahrung hatte er nun schon gemacht, aber er wußte sich zu helfen.

Endlich hatte er eine intelligentere Squaw gefunden, die auch etwas Englisch sprach, dieser vertraute er sich an, und sie verstand seine Wünsche – jawohl, eine Hose könne sie ihm machen, sie zeigte ihm auch ein großes Stück Baumwollenstoff und verschwand im Wigwam.

Mojan brauchte gar nicht so lange zu warten, da kam sie schon wieder zum Vorschein mit der Hose, aber mit was für einer Hose! Nicht für die Beine berechnet, nur für die Lenden, und noch nicht einmal das, noch nicht einmal eine Badehose, nur so ein künstliches Feigenblatt, mit einem Lederriemchen festzubinden.

Die rote Squaw wunderte sich, daß sie es nicht recht gemacht habe. Ja, war er denn kein weißer Medizinmann? Habe denn ein solcher überhaupt jemals eine richtige, lange Hose an? Die Squaw konnte sich einen Medizinmann der Bleichgesichter ohne nackte Beine bereits gar nicht mehr vorstellen.

Nun, Mojan war schon froh, daß er wenigstens so etwas hatte; in einem verborgenen Winkel zog er das Ding an. Jetzt brauchte er doch wenigstens nicht mehr bei jedem Luftzug sein flatterndes Hemdchen festzuhalten.

Außerdem war man hier schon an nackte Beine gewöhnt, gerade waren alle jungen und auch noch viele von den älteren Kriegern dabei, ihre Leggins auszuziehen, auch sie präsentierten sich nur noch in solchen winzigen Lederschürzen, denn das Turnier nahm seinen Anfang.

Es bestand zuerst im Wettlauf und im Springen, und besonders im Hochsprung leisteten die Seminolen Außerordentliches.

»Kann der Besieger des Wabohus auch so rennen und springen wie meine Krieger?« fragte in der Pause Büffelstirn seinen Gastfreund, in den sich der Gefangene verwandelt hatte.

Schon längst hatte Mojan unruhig dagesessen, alle Fibern hatten an ihm gezuckt, als wolle er aufspringen und auf den Kampfplatz eilen.

Diese Frage hatte nur noch gefehlt. Nein, laufen und springen konnte er nicht, dabei waren ihm zu sehr seine kurzen Bratwurstbeine und noch mehr sein Schmerbauch im Wege; aber etwas konnte er – und schwubb! – Mr. Cerberus Mojan stand mitten auf dem Kampfplatz auf den Händen und lief sogar herum, wobei es ihn gar nicht genierte, daß ihm Lodenkittel und Hemd über den Kopf fielen.

Der Erfolg dieser Kunstleistung läßt sich gar nicht beschreiben. Die ernsten Indianer, schon durch das Wettspiel erregt, fielen vollständig aus der Rolle, die einem roten Krieger gebührt. Das ganze Lager wollte auf den Händen laufen. Selbst der alte, ehrwürdige Häuptling stemmte die Hände gegen den Boden, hob ein Bein nach dem anderen und quirlte mit ihm in der Luft herum, und als er beide Beine zugleich heben wollte, schlug er über die Skalplocke hinweg einen Purzelbaum.

»Uff, Büffelstirn muß viel, viel essen, noch mehr essen als viel, damit er auch so einen dicken Bauch bekommt,« meinte er, als er sich wieder aufrichtete, glaubend, nur solch ein Schmerbauch, wie ihn vorhin Mojan bei dem Kunststück ganz deutlich gezeigt hatte, stelle die Balance her.

Lange Zeit währte dieser tolle Trubel, bis die Ankunft einer Abteilung von Kriegern, welche vom Lager fortgewesen, ihm ein Ende machte. Einige von ihnen waren verwundet, offenbar kamen sie von einem Kampfzuge zurück, doch schienen sie keinen Toten zu haben, sonst hätten sich besonders die Frauen anders benommen.

Mojan hörte das Wort ›Komantschen‹, aber recht seltsam ausgesprochen, eher ein ›Kontschen‹, und vergebens versuchte er, sich Gewißheit zu verschaffen, mit wem die Zurückgekommenen ein Gefecht bestanden hätten, wo und wie und aus welchem Grunde. Sie sprachen in ihrer Weise immer nur von ›feigen Hunden‹ und von ›kläffenden Schakalen‹, und es ist überhaupt äußerst schwer, von einem Indianer etwas zu erfahren, wenn er nichts sagen will, obgleich er immer höflich und scheinbar sachgemäß antwortet.

Der weiße Medizinmann schmierte gern auf die noch frischen Wunden, fast allein Messerstiche, seine Anschovisbutter, dann suchte er ein stilles Plätzchen auf, um ein Nickerchen zu machen.

 

Die Abendfeuer flackerten auf, rauchend saßen die roten Krieger daran, an dem des Häuptlings, zusammen mit den ältesten und angesehensten Kriegern, auch Mojan, zum Schutze gegen die Kälte des Nachttaus in eine Decke gehüllt.

Schon lange war die Abendmahlzeit verzehrt, und noch war kein Wort gefallen. Nur das federgeschmückte Kalumet wurde gehandhabt, einige rauchten auch aus dem ausgehöhlten Stiele ihres Tomahawks. Endlich öffnete der Häuptling seinen Mund, und er richtete das Wort an den großen Medizinmann der Bleichgesichter.

»Kennt mein weißer Bruder die Sahara?«

Mr. Cerberus Mojan war über Staunen erhaben. Es fiel ihm nicht besonders auf, daß der rote Häuptling im Urwalde des Indianerterritoriums plötzlich von der Sahara begann.

»Jawohl, das ist die große Wüste in Afrika, die größte in der Welt.«

»Es ist ein Weib!« sagte Büffelstirn mit Nachdruck, aber auch nichts weiter, denn er mußte aufpassen, daß seine Pfeife nicht ausging.

Jetzt fing Mojan doch an, darüber nachzugrübeln, wie der Indianer die Wüste Sahara mit einer Dame in Verbindung bringen konnte. Er brauchte seinen Schädel nicht besonders anzustrengen, denn sobald der Rauch wieder in Strömen aus den Nasenlöchern quoll, gab Büffelstirn von selbst die Erklärung.

»Die Sahara war hundert Jahre alt, als sie von Abaram noch einen Sohn bekam, und Abaram hatte den Sommer und den Winter auch schon neunzigmal kommen und gehen sehen.«

Aha! Jetzt ging dem großen Medizinmanne der Bleichgesichter ein Seifensieder auf! Dieser Seminolenhäuptling hatte etwas von einem der Missionare gehört, die ja auch schon im Indianerterritorium herumarbeiten, freilich mit herzlich wenig Erfolg. Außerdem ist die Sache gerade umgekehrt, die ›Sahara‹ war erst neunzig und der ›Abaram‹ schon hundert Jahre alt gewesen, als der Klapperstorch endlich Einsicht bekam.

»Sara hieß sie,« verbesserte Mojan nur noch.

»Du sagst es: Sahara,« entgegnete der Häuptling mit Würde.

»Sara.«

»Du sagst es: Sahara,« wiederholte der große Häuptling mit ernster Liebenswürdigkeit.

»Saaaraaa!!!« fing Mr. Ceberus Mojan jetzt zu brüllen an.

»Du sagst es: Sahara.«

Mojan ergab sich in die Sahara, und der alte Häuptling rauchte erst seine Pfeife aus, was eine gute Viertelstunde währte, ehe er von neuem begann:

»Es muß so sein, denn viele, viele Bleichgesichter haben es Büffelstirn erzählt, und auch mein weißer Bruder weiß es, Büffelstirn glaubt ihm.«

Schluß! Der Vorhang fiel vor dem Munde und ging erst nach einer Pause von zehn Minuten wieder auf.

»Abaram war ein Bleichgesicht und die Sahara seine weiße Squaw. Büffelstirn spricht: die Bleichgesichter sind nicht so weise wie die Söhne des großen Geistes, aber sie sind klüger.«

»Das haben Sie nun schon dreimal gesagt.«

Ein freundliches Nicken, und der weise Sprecher fuhr fort:

»Können das alle Bleichgesichter?«

Mojan fühlte an seinem Beine etwas beißen und suchte unter der Decke.

»I nu natürlich,« entgegnete er daher zerstreut, denn er mußte alle Vorsicht aufbieten, um das Tierchen nicht etwa scheu zu machen.

»Könnte auch mein weißer Bruder, der große Medizinmann der Bleichgesichter, mit der Sahara noch einen Sohn erzeugen?«

Mojan hatte es und knickte es, mußte aber sehr bedachtsam sein, daß ›Es‹ nicht noch rechtzeitig davonhüpfte.

»I nu natürlich.«

Erst das Beifallsgemurmel der umsitzenden alten Kriegshelden machte ihn aufmerksam, aber sie hätten ihm den Kopf abhacken können, er hätte nicht gewußt, wovon soeben die Rede gewesen, und ehe er eine Frage stellen konnte, bekam er etwas zu hören, was ihn alles Vorhergehende vergessen ließ.

»Hat mein weißer Bruder schon von Susquesan gehört?«

Dieser Name wirkte auf Mojan wie ein Stichwort, es brachte ihm seine ganze Mission in Erinnerung.

»Du meinst doch nicht die letzte Cherokesin?!«

»Mein Bruder sagt es, Büffelstirn spricht von ihr.«

»Die will ich ja heiraten!« platzte Mojan jetzt heraus.

Er brauchte diesen Ausruf nicht als eine Unvorsichtigkeit zu bereuen, denn wieder ertönte ein Beifallsgemurmel.

»Der große Medizinmann der Bleichgesichter, welcher ebenso klug ist wie dick, will die letzte Cherokesin zu seiner Squaw nehmen?« fragte der Häuptling mit freundlichem Blick.

»Nu allemal!! Wo wo wo wo ...,« Mojan blickte sich suchend um, »wo sind denn meine Hosen, da stecken doch schon die Trauringe ... ach so!«

»Und mein starker Bruder wird mit ihr Kinder erzeugen?«

»Nu allemal!« schrie Mojan enthusiastisch.

»Auch Söhne, so klug und tapfer wie mein weißer Bruder?«

»Nu allemal! Söhne, Töchter, Töchtersöhne, Schwiegersöhne, Geschwisterkinder, Stiefkinder, das ganze Etcetera bäbä. Ich will ja das ganze ausgestorbene Gebiet wieder vollmachen, und dazu brauche ich nicht lange Zeit, so was geht bei mir fix.«

»Susquesan ist bei uns.«

Natürlich horchte Mojan nicht schlecht auf, und sein Unglaube war berechtigt.

»Susquesan ist bei euch?!«

»Bei uns.«

»Susquesan, die letzte Cherokesin?«

»Die letzte Cherokesin.«

Da freilich gab es nun keinen Zweifel mehr.

»Ja, wie in aller Welt kommt denn die zu euch?«

»Sie ist unsere Gefangene.«

»Eure Gefangene?«

»Mein Bruder sagt es.«

»Ihr habt die Susquesan gefangen und hierhergebracht?«

Der Häuptling wurde noch wortkarger als sonst, er öffnete den Mund auf solche Fragen überhaupt nicht mehr, sondern begnügte sich meistens nur mit einem Kopfnicken.

Mojan fragte, ob es vielleicht jene Krieger, die vorhin zurückgekommen, gewesen seien, welche die Komantschen überfallen und Susquesan gefangen und hierhergebracht hätten, und dieses infame Kopfnicken, welches der Indianer wie der Chinese an sich hat, wobei der Chinese aber stets ein Nein meint, war daran schuld, daß Mojan zu der Ueberzeugung kommen mußte, seine Annahme sei die richtige.

Durch solches Fragen und solches Antworten glaubte er sogar bestimmt zu erfahren, daß zwischen den Seminolen und den Komantschen ein fürchterliches Gemetzel stattgefunden habe, daß aber sein Freund Nobody oder Cutting Knife dem Tode wie der Gefangenschaft glücklich entronnen sei.

Der rauchende Häuptling, der wahrscheinlich an etwas ganz anderes dachte, so wie Mojan vorhin, nickte immer.

Nun braucht der geneigte Leser wohl nicht besonders darauf aufmerksam gemacht zu werden, daß Mojan noch gar nichts von der Existenz einer zweiten Susquesan, die bei den Seminolen gefangen gehalten wurde, wußte. Nobody hatte es ja auch erst später erfahren, und er hatte es nicht für nötig gehalten, seinen Begleiter darüber aufzuklären. Da wären bei dem spleenigen Freiersmann nur Verwicklungen entstanden.

»Wo ist sie?« fragte Mojan stürmisch, sich schon halb aufrichtend.

»Sie schläft, und der Medizinmann der Bleichgesichter muß sich zuvor unter die Krieger der Seminolen aufnehmen lassen.«

Oho! Und nun entspann sich eine längere Debatte darüber, ob dies unbedingt notwendig sei. Jawohl, das sei unbedingt notwendig. Susquesan, die letzte Cherokesin, sei eine Gefangene der Seminolen, und wer sie heirate, müsse unbedingt in den Stamm der Seminolen aufgenommen werden, mit allen Totems.

»Mit allen Totems?«

»Mein Bruder erhält die Tätowierungen der Seminolen.«

Mojan betrachtete zweifelnd die vor ihm sitzenden Krieger. Kein einziger hatte eine Tätowierung im Gesicht, dieses bemalen sie bloß, desto mehr auf der Brust, es ist dies eine Eigentümlichkeit der Seminolen.

Die Haupttätowierung war stets eine große, strahlende Sonne, etwas unterhalb der Brust, also auf dem Leibe; darüber eine große, volle Kugel, die Mojan für den Mond hielt, und dann konnte er die kleineren, gezackten Punkte, die rings um Sonne und Mond tätowiert waren, für Sterne halten. Dann kamen noch andere Tätowierungen hinzu, meist Tierbilder, bei jedem einzelnen verschieden.

»Fürchtet mein tapferer Bruder, der den Wabohu besiegt hat, den kleinen Schmerz?«

Nein, fürchten tat Ceberus Mojan überhaupt nichts, weder eine Abortgrube, noch einen Bierwagen, noch einen Zahnzieher, noch einen Tätowierer, aber ...

»Und wenn sie mich nun dann nicht heiraten will?« erklang es etwas zaghaft, ganz im Gegensatz zu seiner früheren Siegessicherheit.

»Sie muß!« sagte der Häuptling mit Nachdruck, doch gleich setzte er milder hinzu: »Sie will.«

»Sie will?«

»Du sagst es.«

»Sie will mich heiraten?« überzeugte sich der vorsichtige Mojan noch einmal. »Das hat sie selber gesagt?«

Ein Kopfneigen bejahte.

»Weiß sie denn, daß ich hier bin?«

Ein Kopfnicken.

»Da hat sie mich wohl gar hier schon gesehen, wohl vorhin, wie ich auf den Händen lief?«

Wieder ein bejahendes Kopfneigen.

 

Wir wollen das Lagerfeuer verlassen, wie es auch die Indianer sehr bald taten, um ihre Wigwams aufzusuchen, und mit ihnen Mojan.

Die ganze Nacht wälzte er sich schlummerlos auf seiner Büffeldecke herum – ob oder ob nicht – es war auch ein schwer zu fassender Entschluß, doch als Mojan endlich einschlief, war er mit sich im reinen.

Ja, seinem Vaterlande, der ganzen Menschheit wollte er dieses Opfer bringen – ganz abgesehen davon, daß die Susquesan, die er gesehen, auch gar nicht so ohne gewesen, ein strammes Weib, da konnte man sich schon einmal ein bißchen am Bauche herumstechen lassen.

»Ob ich da auf dem Denkmale, das mir mein Vaterland mindestens in Washington und die andere Menschheit in verschiedenen Städten der Welt setzen wird, wohl auch eine Sonne auf den Bauch bekomme? Und ob die Susanne Hackeklotzen wohl auf dem Denkmal neben mir sitzen wird?«

Das war sein letzter fragender Gedanke, mit dem er einschlief.

 

Die Morgensonne beleuchtete im Lager der Seminolen ein außergewöhnliches Schauspiel. Um einen kleinen Wigwam, der gestern noch nicht hier gestanden hatte, tanzten unter monotonem Gesange eine Menge seltsamer Gestalten, auf die phantastischste Weise herausgeputzt, besonders mit Büffelschwänzen, Schlangenbälgen, getrockneten Fröschen und dergleichen Raritäten behangen, und auf den Schultern ausgehöhlte Büffelköpfe mit Hörnern.

Sie führten den Medizintanz auf, damit die Prozedur gelänge, welche dort drinnen ausgeführt wurde.

Betreten wir nun das Innere dieses Zeltes. Zunächst ist es schwer, den Eingang zu finden, es gibt überhaupt gar keinen, man muß ein Fell etwas lüften und auf dem Bauche darunter hinwegrutschen, und dann wird dieses Fell sofort wieder sorgfältig am Boden befestigt, auf daß so wenig Wärme wie möglich verloren geht, und so gibt es nirgends eine Ritze.

Es herrscht eine wahre Backofentemperatur, verbunden mit übergroßer Feuchtigkeit, es ist ein römisches Dampfbad.

Am Boden brennt ein mächtiges Feuer, oder vielmehr glüht ein großer Haufen der besten Holzkohlen, von den ausgebrannten Lagerfeuern zusammengesucht – denn der Rauch von Holz, und sei es auch noch so trocken, würde ja keinen Abzug finden, man müßte ersticken. Auf den Holzkohlen werden große, flache Steine glühend gemacht, und sobald einer rot ist, wird er zur Seite geschoben und Wasser daraufgegossen, und immer und immer wieder erkaltet zischend ein glühender Stein, und nun kann man sich vorstellen, was in der engen, niedrigen, luftdichten Hütte, in der sich fünf Menschen befinden, für eine Atmosphäre herrscht!

Einer dieser fünf Menschen lag auf einem auf Pfählen ausgespannten Leder, so hoch wie ein Tisch und nur so wenig nachgiebig wie ein hartes Polster, und dieser Mensch lag so da, wie ihn der liebe Gott geschaffen hatte, und der liebe Gott hatte ihm einen stattlichen Schmerbauch gegeben, der gerade in diesem Zustande voll und ganz zur Geltung kam.

Ehe Mojan die Schwitzkur begann, hatte er einige Liter eines schweißtreibenden Tees trinken müssen, und der fette Dickwanst schwitzte, wie wohl noch nie ein Mensch vor ihm geschwitzt hat. Der Schweiß auf seinem Körper quoll aus den Poren heraus, die Gerinnsel vereinten sich zu Bächen, mehrere Bächlein wurden zum Flusse, der schon wieder ansehnliche Nebenflüsse hatte, bis alles im Hauptstrom zusammenkam, der links zwischen Herzgrube und Magengegend als Wasserfall herabstürzte, und dort, wo sich auf dem Bauche eine Vertiefung befand, hatte sich ein Salzsee gebildet.

Der Krieger, welcher die Prozedur leitete – es sei betont, daß der eigentliche Medizinmann, welcher sonst bei so etwas die Hauptrolle spielt, fehlte – betastete den Bauch des Opfers, wollte eine Falte greifen – vergebliches Bemühen, so etwas gab's bei Mr. Cerberus Mojan nicht, das war alles straff gespannt wie eine Pauke. Doch die Haut war geschmeidig genug, das Werk konnte beginnen.

Die draußen erhielten ein geheimes Zeichen, und wilder heulten sie, wilder tanzten sie, obgleich sie schon stundenlang geheult und getanzt hatten. Aber es waren auch die ausgesuchtesten Seminolen, sie würden noch weitere Stunden heulen und tanzen.

Mojan sah es kommen, das gezahnte Eisen – nein, gleich vier Stück auf einmal, und er wußte, was sich schickte, daß er unter keinen Umständen schreien, nicht einmal seufzen durfte, nicht mit einem einzigen Härchen einer Wimper zucken. Wohl aber durfte er sprechen, und Mojan sprach.

»Bitte, die Sonne recht genau mitten auf den Bauch, daß sie dann nicht etwa schief sitzt, denn so etwas kann man doch nicht wie einen Schlips wieder geradeschieben.«

Schwubb, da hatte Mojan den ersten Stich in den Bauch bekommen, und die anderen folgten hageldicht, vier Hände arbeiteten gleichzeitig, und jede Hand führte eine Art von Pferdekamm mit einer ganzen Masse Spitzen.

Ein anderer Mensch preßt, wenn er den Schmerz verkneifen will, die Lippen zusammen; Mr. Cerberus Mojan sperrte seinen Rachen auf und machte ihn nicht eher wieder zu, als bis alles fix und fertig war.

Sonne, Mond und Sterne – der liebe Gott brauchte zu ihrer Erschaffung zwei Tage, diese Seminolen nur zwei Stunden, und außerdem schufen sie noch auf Mr. Mojans Leibe, der hier die Erde vorstellte, eine ganze Menge von Schildkröten, Schlangen, Salamandern, und anderem möglichen und unmöglichen Gewürm. Die vier Zackenmeißel arbeiteten mit einer fabelhaften Geschwindigkeit, und als dann auf der Magengegend noch ein Mensch entstanden war, freilich ein Mensch mit einem Affenschwanze, jedenfalls der zweibeinige Wabohu, da war der erste Teil der Schöpfung beendet.

Ohne Pause begann der zweite Teil, der kürzeste, aber auch der schmerzvollste. Die frischgestochenen Linien wurden tüchtig mit Pulver eingerieben und dann mit einem glühenden Eisen ausgebrannt. Doch sei dabei zur Beruhigung des Lesers bemerkt, daß hierbei Mojans mit Pulver eingeriebener Bauch nicht etwa explodierte. Es zischte und knisterte nur manchmal.

In zehn Minuten war diese Prozedur vollendet, freilich in zehn sehr wehevollen Minuten. Doch Cerberus Mojan hatte keinen Mucks gesagt.

Er erhob seinen Geist über alle sinnlichen Eindrücke, so daß sein irdischer Leib gar nichts von Schmerz fühlte! Er dachte an sein Vaterland und an die ganze Menschheit, der zuliebe er hier solch eine freiwillige Tortur erlitt; er dachte an die vielen Denkmäler, die man ihm setzen würde – und er mochte auch ein bißchen an die Susanne verwitwete Hackeklotzen denken.

Denn gewiß, es war ein schönes Weib gewesen, das er gesehen hatte, ein strammes Weib, und die mußte Feuer im Leibe ...

Schwubb, der noch immer schweißdampfende Träumer hatte gleichzeitig vier Eimer eiskaltes Wasser über den ganzen Körper bekommen!

Das war etwas gewesen, was Mr. Cerberus Mojan nicht vertragen konnte, da fiel er aus der Rolle, da mußte er laut aufschreien, und er tat es:

»Ha – ha – ha – hazziiieeehhh!!! Ha – ha – ha – ha – ha ... ha – ha ... ha – ha ... ha ... etcetera bäbä.«

Hier bei diesem unvollendeten Niesen hatte einmal das etcetera p. p. gepaßt, das praemissis praemittendis, Mojan wußte selbst nicht wie gut.

Der Körper wurde abgerieben, die Prozedur war fertig. Draußen stand eine Bahre bereit, in einem Wigwam war schon ein weiches Lager bereitet worden, auf dem der Tätowierte zwei Tage bis eine Woche, je nach seiner Natur, im Wundfieber verbringen würde.

»Kann mein Bruder aufstehen?«

»O ja, warum denn nicht?« sagte Mojan, setzte sich aufrecht hin und baumelte mit den Beinen. »Ist die Geschichte fertig?«

»Du hast die Totems der Seminolen empfangen, du bist einer der Unsrigen.«

Mojan betrachtete seinen Vorderleib. Noch war nichts Deutliches zu sehen, nur rote, verschwommene und erhöhte Linien. Aber schon nach wenigen Stunden würde die Farbe in scharfen Linien zum Vorschein kommen. Das Ausbrennen verhütete Eiterung und Entzündung.

»Na, da kann's Heiraten wohl gleich losgehen, was? Standesamt und so etwas habt ihr ja hier doch nicht, bei euch kriecht der Bräutigam mit der Braut doch nur unter eine Büffeldecke, die anderen schmausen und machen Spektakel dazu, und die Trauung ist vollzogen.«

Hier bei diesem engen Zusammensein durften die roten Krieger lachen.

»So schnell geht das nicht. Du hast den Schmerz ertragen, wie es nur ein tapferer Seminole kann, aber du bekommst erst heftiges Wundfieber.«

Mit gleichen Füßen sprang Mojan von dem ledernen Tisch herab.

»Ach, macht keine Geschichten! Wegen so ein paar Mückenstichen Wundfieber, weiter fehlte nichts! Wo ist meine Hose – oder doch wenigstens mein Hemd und mein Kittel? Los, jetzt wird auf der Stelle geheiratet! Nur das Mädchen her, das ist die Hauptsache, das andere besorge ich!«

Und die Trauung fand denn auch auf der Stelle statt, wenigstens innerhalb von einer halben Stunde. Denn was für die anderen die Hauptsache war, das war im Ueberfluß vorhanden: nämlich Fleisch zum Hochzeitsschmaus.

Während das in den Stamm der Seminolen aufgenommene Bleichgesicht im Wundfieber gelegen und sich mit dem großen Geiste unterhalten hätte, wäre ja auch geschmaust worden, also ebenfalls tagelang; aber eine Hochzeit, das war doch noch etwas ganz anderes! Dabei wurde gebrüllt und getanzt, und Brüllen und Tanzen macht Appetit!

Und es war, als ob Manitu ganz besonders mit der Aufnahme dieses Bleichgesichts unter seine Kinder zufrieden sei, und er war es ja auch wert, der Mann, der bei der Tortur mit keiner Wimper gezuckt hatte und nichts von Wundfieber wußte – der große Geist hatte die ausziehenden Jäger, welche also ursprünglich Fleisch zum ›Wundfieber-Schmaus‹ hatten schaffen wollen, zu einer Büffelherde geführt, die Salzlecke war heute ausnahmsweise stark von Hirschen besucht gewesen, nicht weniger als sieben deliziöse Waschbären wurden heimgebracht, und den einen hatte man gerade auf einem hohlen Baume ertappt, der von Bienen mit Honig strotzend vollgepfropft worden war – ja, unter Triumphgeschrei wurde sogar ein fetter Baribal ins Lager geschleppt, der in Nordamerika am häufigsten vorkommende Bär, dessen Erlegung zwar nicht so ehrenvoll ist wie die des grauen, dessen Fleisch aber weit leckerer ist.

Herz, was willst du noch mehr? Hei, das wurde eine Fresserei! Die konnte unter Umständen zwei Wochen währen.

Die Zeremonie der Trauung, wie sie bei fast allen nordamerikanischen Indianerstämmen die gleiche ist, sei kurz beschrieben.

Die Hochzeitsgäste, also sämtliche Männer des Stammes oder vielmehr des betreffenden Lagers, sitzen in einem großen Kreise. In der Mitte desselben liegt ein Bären- oder Büffelfell, auf dieses legt sich die Braut, so gekleidet, wie sie gewöhnlich ist, ein anderes großes Fell wird über sie gedeckt – so, nun kann der glückliche Bräutigam kommen.

Er kommt, wird nicht besonders geführt, so wenig wie die Braut, kriecht unter das Fell, ohne dasselbe hoch zu lüften, und sobald das letzte Bein und die letzte Zehe von ihm unter dem Felle verschwunden ist, ist die Trauung vollzogen, die Schmauserei der Hochzeitsgäste, welche von den Squaws bedient werden, beginnt, und solange sie dauert, bleiben die Neuvermählten unter der Decke, und ist Fleisch genug für vier Wochen vorhanden, so wird eben vier Wochen lang Tag und Nacht geschmaust, und das junge Ehepaar bleibt vier Wochen lang mitten in diesem Kreise unter dem Büffelfelle liegen. Natürlich verlassen sie es ab und zu einmal, aber immer nur einzeln, sonst ist von ihnen nichts zu sehen, nur das Fell bewegt sich; und haben sie Hunger, so stecken sie eine Hand hervor und bekommen ein Stück Fleisch hinein, das sie unter der Decke essen. Erst wenn die ganze Jagdbeute verzehrt ist, kommen beide zum Vorschein, die Squaw folgt ihrem Herrn und Gebieter in seinen Wigwam.

Ländlich, sittlich! O ja, es hat etwas für sich. Die kosten die Flitterwochen resp. die Flittertage gründlich aus. Denn wenn sie einmal unter dem Felle hervorgekrochen sind, dann ist es mit der Flitterzeit doch sowieso vorbei. Und ist es bei anderen Völkern, die nicht im Indianerterritorium wohnen, nicht ›merschtenteels‹ ebenso? Bei den Rothäuten ist es aber auch ganz gründlich der Fall. Sobald die rote Frau unter dem Felle hervorgekrochen ist und den Wigwam betreten hat, wird sie zum lieben Vieh gerechnet. Der Hund hat es noch besser, der braucht wenigstens nicht zu arbeiten.

Im allgemeinen bekommt der Indianer seine Zukünftige schon vorher zu sehen, er wächst ja mit ihr auf. Das Heiraten geschieht eben im Kreise der anderen Männer unter der Decke, das ist zugleich die Trauung, wodurch sich der Betreffende verpflichtet, sie fernerhin mit genug Nahrung zu versorgen. Aber er muß das Mädchen den Eltern abkaufen, bei den Reitervölkern besonders durch so und so viel Pferde, die er erst einem anderen Stamme stiehlt, was an sich schon großes Vergnügen macht, sonst durch Felle, Decken und dergleichen, was immer zu beschaffen ist.

Es kommt aber auch vor, daß ein Indianer zu einer Squaw unter das Fell kriecht, ohne sie vorher mit einem Blick gesehen zu haben, zum Beispiel, wenn zwei feindliche Stämme zur Versöhnung untereinander heiraten, wobei dann eine Hochzeit en gros stattfindet, und da wird nicht erst Wahl getroffen, kein Los entscheidet, sondern da heißt es eben: dort ist noch ein Fell frei – marsch, druntergekrochen!

Gefällt dem roten Krieger dann hinterher seine Herzallerliebste nicht, das heißt vor allen Dingen: arbeitet sie ihm nicht genug, dann verkauft er sie eben weiter, und findet er keinen Liebhaber, will niemand sie geschenkt haben, dann quält er sie, schlägt sie einfach langsam tot. Nur einen direkten Mord gibt es nicht, das wäre ja überhaupt ganz widersinnig, denn aus dem menschlichen Haustiere muß doch möglichst viel Arbeit herausgepreßt werden, solange es nur noch auf den Füßen stehen kann.

Es wird hier keine ideale Indianergeschichte für die reifere Jugend geschrieben, sondern die nüchterne Wahrheit. Und trotzalledem sind die nordamerikanischen Indianer, soweit sie noch von der Jagd leben, es wirklich wert, daß sie unserer Jugend als Helden erscheinen; als rohe Jäger und Krieger sind sie Männer vom Scheitel bis zur Sohle, nur nicht so, wie Fenimore Cooper sie verherrlicht hat. Vor allen Dingen muß die Frau, das ganze intime Familienleben, aus dem Spiele bleiben. Dann gibt es überall Ausnahmen, welche ja aber nur die allgemeine Regel bestätigen.

 

Cerberus Mojan war wirklich fähig, sofort von der Torturbank herab sich zum Traualtar zu begeben. Ja, wenn man aber auch so ein Fettpolster hat! Und dann die idealen, himmelstrebenden Gedanken, die er gehabt, die waren auch etwas wert gewesen! Und nun die Susanne verwitwete Hackeklotzen, das war auch keine solche gewöhnliche Indianerin, für die hätte sich mancher Mann ganz gern vorher zwicken lassen, wenn er dann mit ihr für zwei Wochen unter eine Büffeldecke kriechen konnte.

Mojan, ohne Hose, aber schon wieder sein ganzes Klimbim umgehängt, begab sich dorthin, wo in einem großen Kreise die Rothäute saßen, um ein doppeltes Büffelfell herum, sehnsüchtig des Bräutigams harrend; denn schon war das erste Fleischgericht gar, die Squaws standen jenseits mit den rauchenden Töpfen.

Ohne jede Zeremonie! Und Mojan war Amerikaner und hatte nicht nur genug darüber gelesen, sondern sich auch von Augenzeugen erzählen lassen, wie es bei solch einer indianischen Hochzeit zugeht, was sich schickt, und Mr. Cerberus Mojan, auch Achilles Stronghand, der Besieger des Wabohus, würde keinen Anstandsfehler begehen.

Heute war ein ganz besonderer Tag, heute legten die roten Krieger ihrer Selbstbeherrschung weniger straffe Zügel an. Mit der einen Hand deutete der Häuptling auf das Büffelfell, in dessen Mitte es sich bauschte, mit der anderen Hand winkte er den mit den Fleischtöpfen harrenden Weibern.

Der Bräutigam trat in den Kreis, schritt auf das Fell zu, er sah die Bauschung, und sein Auge sah noch mehr.

»Das ist sie, das ist sie!« jubelte es in seinem Innern. »Diese runden Glieder, diese stolze Haltung des ganzen Körpers – das ist sie, die Susanne verwitwete Hackeklotzen!«

Mojan hatte das Zentrum erreicht, bückte sich ließ sich auf Händen und Knien nieder, lüftete das Fell an einem Zipfel etwas, und wie er vorsichtig seinen dicken Schädel daruntersteckte, sah es gerade so aus, als wenn er erst einmal unter das Fell röche.

Er zog den Kopf zurück und drehte ihn noch einmal herum. Wenn er auch in den Stamm der Seminolen aufgenommen worden, so war er doch noch immer ein gebildeter Europäer, und er hatte erst noch eine Pflicht der Höflichkeit zu erfüllen.

»Wünsche gesegnete Mahlzeit allerseits!«

Leider antworteten ihm die Seminolen mit keinem ›dito‹, was hier recht angebracht gewesen wäre. Die konnten es ja gar nicht erwarten, bis er unter dem Büffelfell verschwunden war, denn eher durften sie nicht über die Fleischtöpfe herfallen.

Und Mojan steckte wiederum den Kopf unter das Fell, der Hals folgte nach, die Brust, der Bauch und – das ganze Etcetera bäbä – und als die letzte aus der Strumpfsocke hervorragende Zehe verschwunden war, da war das Signal gegeben, da tauchten die roten Krieger ihre Hände in die Töpfe, gleich hinein in die kochend heiße Brühe, und pfropften sich das Maul voll mit dem qualmenden Fleische.

Bei dieser heißhungrigen Beschäftigung hatten sie keine Zeit, das Büffelfell zu beobachten. Wir wollen es tun.

Unter demselben war durch den Bräutigam eine zweite Bauschung entstanden, sie bewegte sich langsam nach der Bauschung im Zentrum zu – wirklich interessant anzusehen. Dort angelangt, verweilte sie einen Augenblick, aber ohne sich zu bewegen, dann strebte die zweite Bauschung mit einer größeren Geschwindigkeit als beim Hinwege wieder dem Rande zu, doch ehe sie diesen erreichte, drehte sich Mojan herum, das konnte man ganz deutlich unterscheiden, und dann kam sein dicker Schädel unter dem haarigen Felle zum Vorschein.

»Die ist ja kalt wie ein nackjer Frosch?!« rief er in fragendem Tone.

Keine Antwort! Der feierliche Akt der Trauung war durch sein erstmaliges Verschwinden bereits vollzogen, jetzt kümmerten sich die Hochzeitsgäste um nichts weiter als um die Fleischtöpfe und um ihre Mäuler. Nur der Häuptling, aus dessen Munde ein langer Fleischlappen hing, machte mit geschwollenen Backen einmal ›mum mum mum‹ und winkte, wieder zu verschwinden.

Der von der Kälte seiner Neuvermählten Zurückgeschreckte verschwand denn auch wieder, drehte sich abermals um, die Bauschung ging gegen das Zentrum vor – diesmal aber sogar noch langsamer als das erstemal, mit äußerster Vorsicht.

Das Zentrum war erreicht. Stockung. Leichte Bewegung des Büffelfelles. Wieder eine Stockung. Da aber mit einem Male kroch die eine Bauschung mit einer Geschwindigkeit, die man unter dem schweren Büffelfelle gar nicht für möglich gehalten hätte, wieder dem Rande zu, eine sohlenlose Socke kam zum Vorschein, schnell folgte eine andere, ein Paar Bratwurstbeine, ein Rücken mit einem Bauch darunter, und zuletzt Mr. Mojans Kopf.

Und er blieb nicht lange so knien, er machte wie ein Frosch gleich einen großen Satz, und erst als er außerhalb des Bereiches des Felles war, dessen Mitte sich noch immer bauschte, richtete er sich auf.

Er sah ganz verstört aus. Mit stieren Blicken musterte er, so halb seitwärts stehend, das Büffelfell, und dann begann er es auf den Zehenspitzen zu umschleichen, immer mit jenen stieren Blicken, so halb zur Flucht gewendet.

Als er einmal im Kreise herumgeschlichen war, schien er sich ein Herz zu fassen, er schlich auf das Fell zu, aber langsam, ganz langsam, Schritt für Schritt, gebückt und auf den Zehenspitzen – und dann streckte er vorsichtig die Hand aus – faßte vorsichtig das Fell bei einem Zipfel – er wagte es nicht zu heben – und er tat es doch, ein plötzlicher Entschluß, ein kräftiger Ruck, das ganze Fell wurde zur Seite geworfen, und ...

Da saß sie, seine Neuvermählte, die Susanne, saß da wie die Susanne im Bade, wie sie der liebe Gott geschaffen hatte – das war nun freilich schon lange her, so an die hundert Jahre – ein uraltes Knochengerippe, zwerghaft klein, mit einer schwarzen, zusammengeschrumpften Haut bedeckt, auf dem Totenschädel ein paar weiße Haarsträhne – und auch sonst war alles vorhanden, was der Vaterlands- und Menschheitsbeglücker bei einer Heirat mit der letzten Cherokesin übersehen hätte – bucklig, schief, das eine Auge ausgelaufen, das andere Auge zugeklebt ...

Doch wir wollen sie lieber nicht beschreiben. Mit einem Worte: die hatte noch viel mehr als nur das ganze Etcetera bäbä.

Kaum war die alte Hexe von der Decke befreit, als sie die Knochenarme ausstreckte und mit den Spinnenfingern in der Luft herumfuhr, als wolle sie Fliegen haschen, und knarrend kam es dabei aus ihrem zahnlosen Munde:

»Fledderrrmäus – Fledderrrmäus – Fledderer, Fledderrr, Fledderrrmäus!«

Also nicht Fliegen, sondern eingebildete Fledermäuse fing sie, und sie fuhr fort, Fledderrr – Fledderrrmäus zu haschen.

Ganz seltsam war dabei Mojans Gebaren. Die Verstörtheit seines Gesichtes war einem tiefen, philosophischen Ernste gewichen, er hatte die Arme über der Brust verschränkt, so stand er da und betrachtete mit tiefernsten Forscheraugen das menschliche Scheusal – und dann drehte er sich um, sein Blick überschweifte die roten Hochzeitsgäste, welche dieser Szene gar keine Beachtung schenkten, so waren sie in die Fleischtöpfe vertieft, und dann hob Cerberus Mojan wie segnend die Hände, und pathetisch, sogar feierlich erklang es, wie ein Segen – oder aber auch wie ein furchtbarer Fluch, aber immerhin feierlich:

»Ihr habt mich betrogen. Ihr habt mir meinen ehrlichen, bisher unbescholtenen Bauch geschändet. Ich wünsche gesegnete Mahlzeit allerseits, und ich wünsche euch braven Seminolen noch mehr – ich wünsche, daß ihr alle zusammen von diesem meinem Hochzeitsmahle bekommen sollt die Trichinose, den Bandwurm, den Spulwurm, die Mundfäule, die Speiseröhrenverengung, den Magenkrebs, die Blinddarmverstopfung, die Mastdarmfistel, die galoppierende Kolik und das ganze übrige Etcetera bäbä bäbäbäbäbääääää! Mahlzeit! Empfehle mich!«

Sprach's und wandte sich zum Gehen, hob sein Hemd empor, um die Hände in die Hosentaschen zu stecken, und da er solche an seinen nackten Beinen nicht fand, ließ er seine Hände hängen, wie sie hingen, und so marschierte er ab, dem Süden zu, dorthin, von wannen er gekommen – aber damals als Junggeselle, womit es jetzt vorbei war.

Die Seminolen achteten seines Abzuges nicht, hatten ihn vielleicht nicht einmal bemerkt, denn soeben wurde der köstliche Baribal verteilt, da hieß es, sich dazuhalten.

Und der verheiratete Hosenmatz ohne Hose latschte mit seinen sohlenlosen Strumpfsocken durch den Urwald. Es schien nicht richtig mit ihm zu sein. Er griff sich immer an den Kopf, tastete daran herum, und dann blieb er stehen und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, als wenn er Fliegen haschen wollte.

»Fledderrrmäus, Fledderrr, Fledderrrmäus.«

Mit einem Male fuhr er wie aus einem Traume empor, sah sich verwundert um und setzte kopfschüttelnd seinen Weg fort. Doch nicht lange, so fing er schon wieder mit den Händen zu fuchteln an.

»Mr. Cerberus Mojan, ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrer Vermählung,« erklang da eine Stimme, und kein anderer als Nobody war es, der hinter einem Baume hervortrat und mit ausgestreckter Hand auf den Fuchtelnden zuging.

Nur einen Augenblick hielt Mojan mit der Fuchtelei inne, sonst gar keine Ueberraschung, und dann fuchtelte er schon weiter, und so, den Oberkörper vorgebeugt, die Augen stier auf Nobody geheftet, schlich er auf diesen zu, dabei mit den Händen immer nach etwas haschend.

»Fledderrrmäus – Fledderrrmäus – Fledderrr, Fledderrr, Fledderrrmäus.«

Da konnte sich Nobody nicht mehr halten, nicht einmal auf den Beinen, er mußte sich hinlegen, um sich auslachen zu können.

»Na, was haben Sie denn da zu feixen?!« schnauzte ihn der kleine Dickwanst an. »Was wissen Sie denn überhaupt davon, und was geht es Sie denn an, wenn ich hier im Indianerterritorium Fledderrrmäus hasche?«

Nobody stand auf und trocknete sich die Augen.

»Ich weiß alles.«

»Alles?«

Ja, Nobody wußte alles. Er war fast gleichzeitig mit dem getragenen Gefangenen in oder doch an jenem großen Lager eingetroffen, zu Pferd, noch ein anderes bei sich führend, er hatte es fertig gebracht, sich so weit heranzuschleichen, daß er sogar alles hörte, was am Lagerfeuer gesprochen wurde, er hatte auch gewußt, daß der große Medizinmann mit jener alten Hexe verheiratet werden sollte ...

»Wa – was?« schrie Mojan. »Das haben Sie gewußt, und Sie haben mich nicht auf irgend eine Weise davon benachrichtigt?!«

»Ja, Mr. Mojan, was wollen Sie eigentlich? Diese alte Hexe ist tatsächlich die richtige Susquesan, die ist in Wirklichkeit die letzte Cherokesin, die Erbin des ganzen Gebietes, und Sie sind jetzt ihr Gatte.«

Und er setzte ihm das Verhältnis des weiteren auseinander. Mojan lauschte wie ein Heftelmacher.

»Wa – wa – was? Das ist also wirklich die letzte Cherokesin? Die Hackeklotzen hat eigentlich noch gar keine Ansprüche auf die Erbschaft? I da gehe ich doch natürlich sofort zurück und schließe meine geliebte Susanne in die Arme ...«

Schon wollte er in vollem Galopp zurücklaufen. Nobody erwischte ihn noch rechtzeitig beim Hemdzipfel und hielt ihn zurück.

»Halt, Mr. Mojan, halt – hier liegt ein Irrtum vor! Lassen Sie sich aufklären.«

Und er klärte ihn auf. Es ging hier bei den Indianern fast genau so zu, wie bei den europäischen Souveränen in der Nachfolge. Der Gatte der Häuptlingswitwe war gewissermaßen nur der Prinzgemahl. Zu erben hatte der nicht. Erst seine Kinder waren wieder direkte Erben und Nachfolger.

Weshalb da die Seminolen ihn mit der alten Hexe, die tatsächlich die letzte Cherokesin war, hatten zusammenkoppeln wollen? Na ganz einfach, die Geschichte mit der alten ›Sahara‹ und dem Vater ›Abaram‹, und der Besieger des Wabohus war doch auch ein großer Medizinmann, ein Hexenmeister, und er hatte es doch selbst gesagt, daß er für Nachkommenschaft sorgen könne! Und was für Medizinmänner mußten das nun werden, die Nachkommen dieser alten Zauberin mit dem weißen Hexenmeister, der die An-scho-vis-but-ter ungestraft fressen konnte!

»Die alte Islanga kommt überhaupt gar nicht mehr in Betracht, die kann doch nicht mehr heiraten – oder, heiraten kann sie wohl noch, aber eine vom Herrn gesegnete Sahara wird die doch nicht mehr werden. Also bleibt nur noch die Susanne verwitwete Hackeklotzen übrig, die kann noch heiraten, und deren Kinder würden das Geschlecht der Cherokesen fortpflanzen ...«

»Und die ist noch dort drüben im Lager?« fragte Mojan in höchster Erregung.

»Natürlich. Jene Seminolen hatten nicht ein Gefecht mit Komantschen gehabt, sondern mit ...«

»Nu, da ist ja noch gar nichts verloren!« rief Mojan in hellem Jubel. »Da heirate ich eben die – die verwitwete Hackeklotzen!«

Und wieder wollte er davonrennen, diesmal aber nach der entgegengesetzten Richtung, und wieder holte ihn Nobody beim Hemdchen zurück, wieder folgte eine Aufklärung darüber, wer diese Susquesan eigentlich fei, und daß an eine Heirat unter solchen Umständen gar nicht zu denken wäre. Schon in den nächsten Tagen würde Susquesan das Gebiet verlassen, die Erben waren die Komantschen, das war schon alles ein für allemal geregelt.

Mojan sah es ein, tief ließ er den Kopf hängen.

»Alles, alles vergeblich gewesen!« murmelte er dumpf. »Gebunden hat man mich und geschunden, meinen armen Bauch hat man ... nee, Nobody, gucken Se mal bloß meinen Bauch an!«

Und Nobody guckte.

Eigentlich war es Nobodys Schuld, daß alles so gekommen war. Er hätte es verhindern können. Aber ... des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und es war doch viel Spaß dabei gewesen. Und wenn Nobody aus Mutwillen eine Wunde schlug, so hatte er auch immer gleich ein heilendes Pflaster bei der Hand.

»Ja, Mojan, was wollen Sie denn eigentlich? Wissen Sie denn gar nicht, welch hohe Ehre Ihnen widerfahren ist? Sie haben die höchste Stufe erreicht, die ein Bleichgesicht unter den Indianern nur erlangen kann. Diese Islanga ist die Urgroßmutter des letzten Cherokesenhäuptlings, ist die Ahne eines ganzen Geschlechtes von Häuptlingen, und Sie sind jetzt ihr Gatte, dadurch sind Sie tatsächlich ein Cherokesenhäuptling – das steht auch alles hier auf Ihrem Leibe eingegraben. Jawohl, Sie können sich jetzt mit Recht den letzten Cherokesen nennen. Und nun weiter: Sie nehmen auch unter den Seminolen den Rang eines Häuptlings ein – das ist in der Tätowierung ganz deutlich ausgedrückt – natürlich, der Besieger eines Wabohus kann doch kein gewöhnlicher Krieger werden – und nun hier diese Schlange – Sie sind zugleich Medizinmann, und der steht über sämtlichen Häuptlingen. Mensch, Sie können doch stolz sein auf diese Tätowierung!! Wenn Sie aber wünschen, ich kann sie Ihnen wieder herausstechen ...«

»Sie sind wohl verrückt!!« brüllte Mojan ihn an und legte schützend die Hände vor seinen gefährdeten Bauch. »Nicht um alles in der Welt!«

Und als er dann auf eines der beiden Pferde kletterte, welche in einem Versteck standen, da fühlte er sich schon so als Indianerhäuptling, tat es mit solch einer Vehemenz, daß er auf der anderen Seite gleich wieder herunterfiel.

 

Noch nicht lange waren die beiden wieder im Lager der Komantschen, Mojan beschäftigte sich noch mit seiner glücklich wiedergefundenen Hose, während Nobody der Häuptlingswitwe erzählte, als ein Indiantrader erschien, Bill Job.

Der Wagen wurde wie gewöhnlich von den ihn umringenden Indianern als Kantine betrachtet, Bill Job schenkte fleißig ein und erhielt dafür Waschbärenfelle und dergleichen, oder setzte es auf die Rechnung, die beim großen Austausch beglichen wurde.

Susquesan forderte eine Limonade. Mit seinem gewöhnlichen Grinsen kramte der Trader lange unter der Plane, bis er eine Flasche mit roter Limonade hervorbrachte, die er in ein großes Glas goß.

Susquesan nahm das Glas, setzte es aber mit einer schnellen Bewegung vor des Händlers eigenen Mund.

»Trink dieses Glas mit einem Zuge aus,« sagte sie ruhig, und dabei hatte sie schon dem Manne die Mündung eines Revolvers auf die Stirn gesetzt. »Eins ...«

Wie ein Gespenst starrte der aschgrau gewordene Trader das Weib an.

»Ja – ja – denkst du denn etwa, die Limonade ist ver ...«

»Trink! ... zwei ...«

Nobody sah die Katastrophe kommen, und er hätte sie nicht abwenden können. Die fing nicht noch einmal von vorn an zu zählen. Aber auch der Indiantrader las etwas in den auf ihn gerichteten Augen, und hastig leerte er mit einem Zuge das vorgehaltene Glas.

»Dachtest du denn etwa, die Limonade wäre vergiftet?« fragte er spöttisch, aber das Grinsen war ihm vergangen.

Susquesan drehte ihm den Rücken, und jener machte, daß er mit seinem Wagen wieder fortkam. Einige Tage später fanden ihn Seminolen im Walde neben seinem Wagen liegen, im heftigsten Delirium. Sie nahmen ihn mit, er genas, aber er erblindete auch auf seinem letzten Auge. Da er mit einer Indianerin verheiratet war, wurde er als Krüppel erhalten.

Der Vorgang mit dem Trader war von den wenigsten Komantschen beobachtet worden, seine Bedeutung verstand niemand. Außerdem wurde die allgemeine Aufmerksamkeit von einem Botenläufer in Anspruch genommen, einem Mestizen, eben solch eines Waldläufers, dessen Rolle Susquesan als Bolekenna gespielt hatte.

Er brachte Botschaft von einem befreundeten Indianerstamme, hatte auf seiner Renntour hierher auch ein Lager von Seminolen berührt, brachte die neueste Nachricht mit.

Im Kreise der Krieger, als wenn es eine Hochzeit gegolten hätte, hatte auf einem Büffelfell ein uraltes Weib gelegen – keine andere als die verschwundene Susquesan, die frühere Islanga, aber – tot!

»Tot?«

Der Mestize nickte, blickte nach oben, schnalzte mit den Fingern und machte ein ›ft‹. Das sollte heißen: ihre Seele ist davongeflogen, ist weg, verschwunden, in ein Nichts zerflossen – denn zu den ewigen Jagdgründen haben nur die Männer Zutritt, die Seelen der roten Weiber gehen eben ins ›Ft‹.

»Aaaaoooouuuuhhh,« heulte es da hinter Nobody, wie ein Hund den Mond anheult, und wie er sich umwandte, stand da Cerberus Mojan, wieder mit seiner Hose bekleidet, aus der er soeben ein großes Taschentuch zog, um sich die unsichtbaren Tränen zu trocknen.

»Aaaaoooouuuuhhh – meine Frau ist tot – meine geliebte Frau ...,« auch er blickte gen Himmel und schnalzte mit den Fingern, ... »sie ist – ft! Aaaaoooouuuuhhh! Fledderrrrrmäus, Fledderer, Fledderrr, Fledderrrmäus – aaaaoooo – uumchhhh!«

»Aber Mojan,« sagte Nobody in vorwurfsvollem Ton, »können Sie denn gar nicht einmal vernünftig sein? Das ist doch wahrhaftig keine Gelegenheit, um Witze zu machen.«

»Witze?«

Und der kleine Dickwanst setzte den einen Fuß vor, stemmte sich mit untergeschlagenen Armen auf seine Donnerbüchse, blickte finster zu Boden, und so sagte er mit immer tiefer werdendem Tonfall, wozu man eigentlich Klavierbegleitung haben müßte:

»Jetzt bin ich der letzte meines Stammes ... ich – bin – der – letzte – Che – ro – kese! Aaaaoooouuuhhhh!«

Leider kann man das schriftlich nicht wiedergeben. Das war so hervorgebracht worden, daß Nobody sich schnell umdrehte und einen grunzenden Laut von sich gab.

Dann ging er auf den kleinen Dickwanst zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Mojan, Mojan, Sie haben an der misanthropischen Menschheit ein Verbrechen begangen. Jawohl, Sie haben Ihren Beruf verfehlt. Warum sind Sie nicht zur Bühne gegangen? Als Komiker wären Sie ja von Ihren Lorbeeren erdrückt worden!«

Mojan antwortete nicht, er war auch noch nicht fertig mit seiner Abschiedsvorstellung. Jetzt schritt er auf Susquesan zu, machte eine Verbeugung.

»Madam, gnädige Frau,« begann er in niedergeschlagenem Tone. »Sie sehen vor sich einen tiefunglücklichen Witwer. Gestatten Sie, daß ich mich so kurz wie möglich fasse. Wollen Sie meine Frau werden?«

Kürzer hätte sich Mojan nach der Einleitung wirklich nicht fassen können, und er wartete auch gar nicht die Antwort ab.

»Nee? Also nicht? Auch gut! Dann gestatten Sie mir, Sie auf etwas anderes aufmerksam zu machen. Ihretwegen bin ich von New-York hierher ... doch auf solche Kleinigkeiten will ich mich gar nicht einlassen. Nur die Hauptsachen: Ihretwegen bin ich im Urwalde des Indianerterritoriums tagelang ohne Hose und in Strumpfsocken ohne Sohlen herumgelaufen; Ihretwegen hat man meinen bisher unbescholtenen Bauch auf die niederträchtigste Weise malträtiert; Ihretwegen trage ich jetzt auf meinem Leibe Sonne, Mond und Sterne, sowie das ganze Etcetera bäbä mit mir herum; ja, Ihretwegen hat man sogar auf meinem Bauche ein Feuerwerk abgebrannt. In Anbetracht alles dessen, gnädige Frau, könnten Sie doch ...«

Mojan unterbrach sich, bückte sich, klemmte die Donnerbüchse zwischen die Beine, fingerte hinten an seiner Hose herum, brachte Notizbuch und Bleistift zum Vorschein, und dann fuhr er mit jenem freundlichen Seitenblick und seinem liebreizendsten Schmunzeln fort:

»... na, da kaufen Sie mir doch wenigstens ein Fäßchen Schmieröl ab.«

 

Noch eine kleine Szene.

»Komm, Alfred!«

Susquesan hatte es gesagt, da saß sie schon auf einem Pferde, und Nobody mußte sich beeilen, ihr zu folgen. Eine Viertelstunde lang ging es in wildem Ritt durch Wald und Prärie, bis vor ihnen der Spiegel eines breiten Stromes erglänzte.

Sie sprang ab und setzte sich auf einen Stein, ihm winkend, ein gleiches zu tun, und Nobody erkannte aus Spuren, daß sie hier schon gar oft gesessen hatte.

Die Sonne ging zur Rüste, sie vergoldete den Wasserspiegel, sie vergoldete einen einsam darinstehenden Felsen, und sie vergoldete das dunkle, schöne, stolze Antlitz des Weibes, das jetzt so traurig blickte.

»Morgen gehe ich,« begann sie nach langem Schweigen, und ihre Stimme zitterte.

»Wohin?«

»Dahin, wo die Sonne scheint – ich gehe allein – ohne Abschied.«

Eine lange, lange Pause, bis sie wieder mit stockender Stimme begann.

»Nur einmal noch ... möchte ich ... wenn ich hier sitze ... mir summt immer eine Melodie durch den Kopf ... eine deutsche ... aber ich kenne den Text nicht ... nur den Anfang ... vielleicht du ...«

Sie hatte immer Englisch gesprochen, Nobody hatte noch kein deutsches Wort aus ihrem Munde gehört, jetzt sprach sie es, aber es klang unbehilflich, mit englischer Aussprache:

»Ich wueiß nicht, wuas soll es bedeuten ...«

Da fühlte es Nobody siedend heiß zu seinem Herzen emporsteigen. Sie hatte bereits ihre Muttersprache verlernt! Und was dann, wenn man die verlernt hat, und man hat noch keine andere Heimat gefunden?

Er bezwang sich, er faßte ihre Hand, und mit klarer, schöner Stimme sang er es ihr in der Prärie des Indianerterritoriums am Ufer des Washita vor, das Lied, welches der Deutsche zu allen Zeiten und bei jeder Gelegenheit singen kann, selbst in der fröhlichsten Gesellschaft – aber auch nur der Deutsche!

Sie sang leise mit. Und dann legte sie beide Hände vor das Antlitz und weinte ebenso leise.

Eine Bewegung, sie wollte allein sein. Nobody ging. Er sah sie nicht mehr. Am anderen Morgen hatte sie das Lager schon verlassen und kehrte nicht zurück.

Aber einmal sollte Nobody sie doch noch wiedersehen.

 

Nun noch der Schluß, so kurz wie möglich.

An der Portiersloge eines Hotels in Ballcreek fragte ein widerlich aussehender, einäugiger Kerl, ob hier Mr. Peters wohne. Jawohl. Der Mann wurde hinauf und in ein Zimmer geführt, in dem ein Herr stand.

»Bringt Ihr sie mit?«

»Die letzte Cherokesin? Nein, aber etwas anderes bringe ich Ihnen mit.«

Wie vom Blitz getroffen taumelte der Herr zurück, denn plötzlich blickte er in zwei ganz gesunde Augen, blickte in ein ganz anderes Gesicht und blickte in die Mündung eines Revolvers.

»Keine verdächtige Bewegung! Ich bin kein Kriminalbeamter, nur Privat-Detektiv. Nobody ist mein Name. Das sagt Ihnen wohl alles, um was es sich handelt. Mr. Mac Orley, Ihre Spekulation ist mißglückt. Sie haben dem Indiantrader Bill Job mit besonderen Instruktionen ein Mittel gegeben, welches, wenn es nur in der Tasche gefunden wird, den Betreffenden nach dem Gesetz auf mindestens zwei Jahre ins Zuchthaus bringt. Sie selbst geben Ihr Einkommen auf 120.000 Dollar an, ich schätze es doppelt so hoch, dazu kommen noch die 10.000 Dollar Prämie für den Trader, die ich jetzt für mich beanspruche, sind zusammen 250.000 Dollar – well, Mr. Mac Orley, dort ist Tinte und Feder, ziehen Sie Ihr Scheckbuch, schreiben Sie diese Summe aus. Schnell! Mein Zug wartet. Schreiben Sie – oder ich lasse Sie in Sing-Sing mindestens zwei Jahre Baumwolle spinnen.«

Es ging überraschend schnell. In einer Minute hatte Nobody den Scheck in seiner Hand.

»Mr. Nobody, Ihr Name bietet mir Garantie, daß ...«

»... Sie in dieser Angelegenheit nicht weiter belästigt werden. Nein. Die Quittung über diese Summe erhalten Sie von einem New-Yorker Armenhaus.«

Rückwärtsgehend, den Revolver vorhaltend, verließ Noboby das Zimmer.

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