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Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band

Robert Kraft: Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band - Kapitel 6
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDetektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band
publisherH.G. Münchmeyer
correctorreuters@abc.de
senderGeorge Huberty
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5. Der Geisterkönig von Sumatra

Auf einer Allee des oberen Batavia, in dem nur wohlhabende Europäer wohnen, trabte ein bis auf den Schurz nackter Malaie, hinter sich den Rikscha ziehend, einen leichten, zweirädrigen Wagen.

In demselben saß ein alter Herr, trotz der tropischen Hitze in einen schwarzen Gesellschaftsanzug gekleidet. Wohl musterte er die prächtigen Gebäude und die herrlichen Gärten, an denen ihn sein Wagen vorüberführte, mochte aber nicht viel davon sehen, denn auf seiner Nase saß außer einer goldenen Brille noch ein Klemmer, und auch das Blinzeln der Augen, wie überhaupt jede Bewegung verriet, daß der alte Herr äußerst kurzsichtig war.

Der Wagen hielt vor dem vergoldeten Gittertor eines Parkes.

»Der Assis-Radscha, Sahib, der Vollstrecker der Befehle des Maharadscha von Dschawa,« sagte der Kuli und machte mit auf der Brust verschränkten Armen eine tiefe Verbeugung gegen das Häuschen, welches, im Stile einer kleinen chinesischen Pagode gebaut, im Garten neben dem Tore stand – nichts weiter als die Wohnung des Portiers.

Wir können in einem deutschen Buche die handelnden Personen nicht Malaiisch und Holländisch sprechen lassen. So wollen wir die fremdartigen Ausdrücke und Bezeichnungen auch nur gebrauchen, wenn es unumgänglich notwendig ist.

Hier hatte Graf Axel Bjoger, der Gouverneur von Java und zugleich Generalgouverneur des ganzen Malaiischen Archipels, so weit Holland darauf Anspruch macht, seine Privatwohnung.

Der Kuli hatte ›Assis-Radscha‹ gesagt. Uebersetzt würde das lauten: Assistent-Fürst.

Es ist eine sehr kluge Regierungsform, welche Holland für seine indischen Kolonien gewählt hat. Wohl wird der Vertreter der holländischen Regierung kurzweg Generalgouverneur genannt, nicht aber amtlich, und auch in der Gesellschaft hütet man sich, dieses Wort auszusprechen, wenn nur ein einziger malaiischer Diener zugegen ist.

Der offizielle Titel des an der Spitze der Verwaltung stehenden Mannes ist ›Assistent-Regent‹. Der eigentliche Regent des Malaiischen Archipels ist der eingeborene Maharadscha von Pandang, der Großfürst, der über alle andern Sultanate gebietet, so unabhängig diese Radschas sonst auch sein mögen.

Man wird es trotzdem für selbstverständlich halten, daß diese Art von Regierung nur eine scheinbare ist. In Wirklichkeit ist der Generalgouverneur der unumschränkte Herrscher, denn der Maharadscha hat bedingungslos zu unterschreiben, was ihm sein ›Assistent‹, also sein Berater, vorlegt.

Jedenfalls aber ist dies, wie schon gesagt, eine sehr kluge Regierungsform. Freilich gehört auch das Glück dazu, daß der Maharadscha, wie es damals der Fall war, einsichtsvoll genug ist, um zu wissen, daß er der europäischen Macht auf die Dauer doch nicht trotzen kann, auf dieses unterwürfige Puppenspiel also eingegangen ist, wodurch er wenigstens scheinbar seine unbeschränkte Macht wahrt. Und so sind auch die Eingeborenen mit allem zufrieden, vom Radscha an bis zum Rikscha-Kuli; ihr Großfürst ist der eigentliche Machthaber, der Vertreter der holländischen Fremdlinge sorgt nur dafür, daß seine Befehle vollzogen werden.

So galt die Verbeugung des armen Wagenziehers in Wirklichkeit dem Maharadscha von Pandang, denn hier wohnte dessen Vertreter, und da dessen Haus von den Bäumen verdeckt wurde, so verbeugte sich der Malaie wenigstens vor der Portiersloge.

Vorsichtig mit dem Fuße nach einem nicht existierenden Trittbrett tastend, verließ der kurzsichtige alte Herr den niedrigen Wagen, und dann vergrub er seine Nase förmlich in dem Portemonnaie.

»Was hast du für die Fahrt zu bekommen?« fragte er, sich der malaiischen Sprache bedienend, und er konnte nicht nur einige solche Fragen und Redensarten auswendig gelernt haben, sondern er mußte das Malaiische vollkommen beherrschen, das hörte man schon aus diesen wenigen Worten.

»Zwölf Cents, Sahib.«

Es sind holländische Cents gemeint, der Cent nicht ganz zwei Pfennig, also etwa zwanzig Pfennig, und ebensoviel Minuten war der athletisch gebaute Kuli im schnellsten Trabe gerannt, fast immer bergauf, und hatte dabei drei Kilometer zurückgelegt! Man weiß nicht, worüber man mehr staunen soll: über die Ausdauer und Schnelligkeit der javanischen Wagenzieher oder über ihre Genügsamkeit – oder über ihre Ehrlichkeit.

Endlich hatte der alte Herr, der den pedantischen Gelehrten nicht verleugnen konnte, sechs Kupfermünzen in seinem Portemonnaie gefunden. So glaubte er wenigstens – es war ein silberner Gulden dabei. Der Kuli sagte es ihm, als er die Münzen empfing.

»So? Dann behalte ihn als Trinkgeld, weil du ein so ehrlicher Bursche bist.«

»Einen ganzen Gulden?« rief der Malaie in hellem Jubel. »O, Sahib, Allah schenke dir Kinder wie Sand am Meer und schütze dich und sie vor den bösen Ghullas!«

Mit diesem Segenswunsche spannte er sich wieder in die Doppelgabel und rannte mit seiner Karre davon, vor Freude über das reiche Geschenk dabei Sprünge wie ein junger Ziegenbock machend.

Blinzelnd blickte ihm der Gelehrte durch Brille und Klemmer nach.

»Die zahllosen Kinder,« murmelte er in seinen weißen Bart, »mag Allah selber behalten; aber wenn er mir recht viele steinwerfende Ghullas und andre von euren Geistern und Gespenstern in den Weg führt, dann will ich ihm dankbar sein.«

Er ging durch das offenstehende Tor nach der kleinen Pagode, an deren niedrigem Fenster ein in seidene Gewänder pompös gekleideter Portier stand.

»Sie wünschen, Mynheer?«

»Doktor Berneveld.«

»Ah, Mynheer Professor werden von Seiner Exzellenz schon erwartet,« sagte der braune Portier ehrerbietig, trat an das Telephon, welches hier bereits vorhanden war, und sprach hinein.

Es war ein gar berühmter Name im Reiche der Wissenschaft, den der alte Herr führte. Dr. Pieter Berneveld, ehemaliger Professor an der Universität zu Amsterdam, hatte ein epochemachendes Werk über die Korallenformationen geschrieben, und auch durch seine Studien über die Menschenaffen des Malaiischen Archipels, verglichen mit den dortigen Ureinwohnern, den Baduvis, war er ein zweiter, ein holländischer Darwin geworden. Auf zwei Reisen hatte er sämtliche Inseln des malaiischen Archipels kreuz und quer durchzogen, und obgleich die letzte vor nunmehr schon achtzehn Jahren stattgefunden hatte, war der damals schon ältliche Herr in Gegenden vorgedrungen, z. B. in Sumatra, die noch heute nach ihm kein andrer Europäer betreten hat.

In die Heimat zurückgekehrt, hatte sich der alleinstehende Witwer bald in der Einsamkeit vergraben, höchstens noch einmal von seinen Kindern und Kindeskindern besucht, aber nicht um der wohlverdienten Ruhe zu pflegen. Noch immer der Wissenschaft dienend, trieb er bakteriologische Studien, und noch im späten Alter wurde er, was wohl sonst nicht der Fall gewesen wäre, ein Opfer seines Berufes, indem die mikroskopischen Untersuchungen sein Augenlicht hochgradig schwächten.

Und jetzt kam er noch einmal nach den indischen Inseln, trotz der vierundsechzig Jahre immer noch ein rüstiger Mann, bis auf seine Kurzsichtigkeit.

Das Telephon hatte gemeldet; durch die Baumgänge kam ein bildschöner Malaie gerannt, der, obgleich zur Bedienung in einem europäischen Hause verwendet, wiederum nackt bis auf einen winzigen Schurz war. Auf Java kennt man die deutsche Lex Heinze nicht, auch nicht in manchen anderen Gegenden der Erde.

Der Diener erhielt die Weisung, den Herrn zu führen, Professor Berneveld folgte ihm. Wie sehr kurzsichtig er war, das zeigte sich auch wieder bei diesem Gange. So lange die Baumallee schnurgerade war, ging alles gut. Aber als sie angesichts des palastähnlichen Herrenhauses eine Biegung machte, hörte der vorausgehende Diener keine Schritte mehr hinter sich, und als er sich umwandte, sah er Herrn Professor Berneveld auf einem Blumenbeet herumlatschen, die Hände etwas ausgestreckt und jenes hilflose Lächeln des Kurzsichtigen, der sich seines Ungeschickes bewußt ist, um den Mund.

Nicht einmal die grüne Wiese hatte er von dem gelben Kiesweg unterscheiden können, und dann war er zwischen die farbenprächtigen Blumen geraten.

»Ich glaube, ich bin vom Wege abgekommen,« sagte er mit jenem unsicheren Lächeln.

Der Malaie eilte zurück, ergriff die eine Hand des Gelehrten und leitete so den armen Bakteriologen glücklich in das Haus hinein. –

Am Fenster des luxuriösen Salons stand Graf Axel Bjoger. Für die mächtige Stellung eines Generalgouverneurs war er ein noch junger Mann, und er hatte sie, wenn auch einem der reichsten und ältesten Adelsgeschlechter Hollands entstammend, keiner Protektion zu verdanken. Als jüngster Leutnant hatte er einen Feldzug gegen die aufrührerischen Atschinesen mitgemacht und war wegen seiner Kühnheit und Umsicht zum Obersten befördert worden; einen zweiten Feldzug hatte er als General geleitet, als Gouverneur von Sumatra hatte er sich hohe politische Verdienste erworben, und als Generalgouverneur des malaiischen Archipels hatte er sein diplomatisches Meisterstück gemacht: er hatte die Begumin von Pandang geheiratet, die Tochter des Maharadschas.

Nach den vorausgeschickten Erklärungen braucht wohl nicht näher erklärt zu werden, welchen Vorteil der Generalgouverneur für die holländische Regierung hierdurch errungen hatte, besonders wenn noch bemerkt wird, daß er mit dem Maharadscha von Pandang auf bestem Fuße stand. Da ließ sich dieser von seinem Schwiegersohne doch eher Vorschriften machen als von einem wildfremden Menschen.

Der Gouverneur hatte keine ›Wilde‹ geheiratet. Von ihrem 6. bis zum 13. Jahre war Prinzeß Lotija in einem Pariser Pensionat erzogen worden, dann zurück in ihre Heimat gekommen, und am Hofe des Vaters hatte Graf Bjoger in dem fünfzehnjährigen Mädchen eine vollendete Weltdame kennen gelernt.

Wolle man sich durch dieses jugendliche Alter nicht beirren lassen. Es handelt sich eben um eine Malaiin, die schon mit zwölf Jahren heiraten kann und heiraten darf. Wir sehen sie, sie steht neben ihrem um fünfundzwanzig Jahre älteren Gatten, und doch ist der Unterschied gar nicht so groß, denn die Sechzehnjährige, Mutter eines Kindes, ist bereits ein gereiftes Weib, eine zur vollsten Schönheit erblühte Malaiin aus königlichem Geblüt.

Ihre Hände und Füße sind so klein wie die eines achtjährigen Kindes, wie wir es im kalten Norden kennen, der seine Früchte spät reifen läßt, ebenso klein und zierlich ist ihre ganze Gestalt, und dennoch voll, sogar üppig, und ihre Toilette war danach angetan, das deutlich erkennen zu lassen; sie bestand nur aus drei Stücken: aus der Kabaya, einer Art weißer Nachtjacke, aus dem Sarong, das ist ein langes Stück Stoff, gleichgültig, ob Kattun oder Seide, welches mehrmals um den Leib geschlungen wird, und aus einem Paar Pantöffelchen.

Gleichwohl müssen wir diese leichte Bekleidung wirklich eine ›Toilette‹ nennen, denn so gehn auf Java die Frauen und ›Damen‹, das heißt also arm und reich, die Europäerinnen wie die Malaiinnen, und so präsentieren sie sich auch dem fremden Besuch – allerdings vorausgesetzt, daß sie einen einmal außerhalb der bestimmten Empfangsstunde annehmen. Diese ist von sieben bis acht, und da freilich zeigt sich auch die vornehme Malaiin, wenn sie mit Europäern verkehrt, nur in der modernsten Pariser Toilette, wie in der Abendgesellschaft, die sich bis zum Morgengrauen ausdehnt – um am Tage, dessen tropische Glut nur durch einen Regenguß gemildert wird, der regelmäßig nachmittags zwischen zwei und vier Uhr vom Himmel prasselt, zurückzukehren zur Kabaya, zum Sarong und zu den Pantoffeln, auch nicht bedrückt durch die Last eines einziges Fingerringes.

Es war halb sechs Uhr gewesen, als das Telephon des Portiers die Ankunft des Professors gemeldet hatte.

»Da kommt er!« flüsterte Graf Axel, sich hinter die Gardine zurückziehend.

Es mußte ein gar bedeutungsvoller Besuch sein, daß der Generalgouverneur sich nicht enthalten konnte, seine Ankunft schon vom Fenster aus hinter der Gardine zu beobachten, und die mandelförmigen Augen der jungen Malaiin öffneten sich weit vor Erwartung, ihre Blicke schienen den alten Herrn verschlingen zu wollen, die Flügel ihrer feinen Nase zitterten heftig, alles an ihr drückte beim Anblick des Professors die größte Erregung aus.

Dies war der Zeitpunkt, da er vom Wege abirrte und über das Gras in das Blumenbeet geriet, wo er hilflos stehn blieb.

»Ja, was macht denn der?!« rief Prinzeß Lotija erstaunt.

»Ich sagte dir doch schon, Kind, daß er sehr kurzsichtig ist.«

Erst ein grenzenlos erstauntes Gesicht, und dann suchte die Begum ihr helles Lachen zu unterdrücken.

»Wie? Solch einen blinden Mann schickt uns die holländische Regierung?! Der soll das Rätsel des gespenstischen Steinwerfens ergründen?!«

Graf Axel machte eine erschrockene Bewegung und blickte sich vorsichtig um. Doch es war ausnahmsweise kein Diener im Zimmer.

»St, Kind,« warnte er, »du weißt doch, wie streng das Geheimnis seiner Mission gewahrt werden soll!«

»Ja, aber,« lachte Lotija noch immer, nur leiser, »wie kann man denn einen Blinden mit solch einer Mission betrauen! Da haben doch schon die scharfsichtigsten Männer vergebens ihre Augen angestrengt, um die steinwerfenden Geisterhände zu entdecken.«

»Freilich, freilich,« murmelte der Gouverneur gedrückt, »man muß doch wohl seine früheren Verdienste in bezug auf diese Mission überschätzt haben. Wie hilflos er dasteht! Das ist ja gar keine Kurzsichtigkeit mehr, das ist schon mehr Blindheit. Ich habe nicht geglaubt, daß er so schlecht sehe. Er trägt zwei Brillen ...«

»Er soll nur gleich sein Mikroskop aufsetzen,« lachte die Malaiin noch immer.

»Ja, wenn die Ghullas Mikroben wären,« seufzte Graf Axel und machte dabei ein sehr sorgenschweres Gesicht.

Unterdessen war der Kurzsichtige von seinem Führer wieder auf den richtigen Weg geleitet worden und im Torweg verschwunden.

»Nun, mein liebes Kind,« wandte sich Graf Axel an sein junges Weib, »mach schnell Toilette, frisiert bist du ja schon. Ich empfange den Professor also in meinem Arbeitszimmer, dort nehmen wir auch den Tee ein, damit wir ganz ungestört sein können.«

Er schloß sie in seine Arme, küßte sie zärtlich, und während sie zu einer nach dem Korridor führenden Tür hinausschlüpfte, durchschritt er eine Flucht von Zimmern, bis er aus einer großen Bibliothek sein Arbeitszimmer betrat.

Nach dem Luxus, der sonst in diesem Hause herrschte, eines Generalgouverneurs, den man eher einen Vizekönig nennen konnte, würdig, wirkte dieses Gemach hier geradezu armselig.

Es enthielt nichts weiter als den in Indien unentbehrlichen Teppich, der aber schon stark mitgenommen war – ein langer Streifen, der am häufigsten von einem rastlosen Fuße benutzt wurde, war sogar durchlöchert – in der Mitte ein mächtiger Schreibtisch mit Rolljalousie, so alt, so wurmstichig, so voll Tinte geschmiert und mit der Zigarre verbrannt, daß ein Trödler ihn nur als Brennholz gekauft hätte, davor ein mit Pferdehaut bezogener Lehnstuhl, in seiner Ausgesessenheit zu dem Schreibtisch passend – das war das ganze Mobiliar. Absolut nichts weiter. Kein Bücherregal, nicht einmal ein Bild an der Wand, deren dunkle Tapete kein Muster zeigte.

Der sonst so energische Mann hatte nämlich eine Schwäche. Er dichtete, oder vielmehr er reimte, und er hielt sich für einen gottbegnadeten Dichter.

Und um sinnen und dichten zu können, sagte er, brauchte er die Einfachheit, seine Gedanken durften durch das Auge von keinem Gegenstande abgelenkt werden, und hier in diesem seinem Heiligtume, wenn er auf der alten Pferdehaut vor dem wurmstichigen Schreibtische saß, kam sein Genius am leichtesten über ihn, ihm die Verse diktierend, mit denen er die Menschheit beglückte.

Er konnte ja recht haben. Von Goethe ist bekannt, daß er in seinem Arbeitszimmer im Schloß zu Weimar auch nichts weiter duldete als einen einfachen Tisch und einen Holzstuhl. Ja, aber ...

»Wie er räuspert, und wie er spuckt,
Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt ...«

Bisher hatte Graf Axel die Menschheit nur mit einem Epos beglückt. Es behandelte die malaiische Sage über die Entstehung des Oa, eines auf Java einheimischen Menschenaffen. Die Sage ist folgende:

Brüderchen und Schwesterchen gehn mit ihrer Tante Oa im Walde spazieren, verlieren ihre Begleiterin, verirren sich, rufen immer ›Oa! Oa!‹ – allein vergebens, niemals wieder finden sie Menschen, sie sinken zu Tieren herab, zu Affen, heiraten sich, und von ihren Nachkommen ist von der menschlichen Sprache nur noch der Ruf ›Oa‹ übriggeblieben.

Zur Wiedergabe dieses Märchens, wozu hier 7 Zeilen nötig waren, hatte Graf Axel rund 23.000 Zeilen oder 864 Seiten gebraucht. Das reich illustrierte Prachtwerk hatte er auf seine Kosten bisher nur in holländischer Ausgabe erscheinen lassen, und sein höchster Schmerz war, daß sich bisher keine Uebersetzer gefunden hatten, um es der internationalen Weltliteratur einzuverleiben.

Jetzt dichtete er an einem zweiten Epos, betitelt ›Der Geisterkönig von Sumatra‹, noch viel mystischer als ›Oa, der Affenmensch‹, in welchem er ebenfalls schon ungeheuerliche Behauptungen aufgestellt hatte, indem er nämlich die Fabel der Eingeborenen zu seinem eignen Ueberzeugungsglauben machte, so zum Beispiel, daß die Affen nur verwilderte Menschen seien, welche durch liebevolle Pflege wieder zu vernünftigen, sprachbegabten Ebenbildern Gottes erzogen werden könnten. Im ›Geisterkönig‹ bekannte sich Graf Axel ganz offen als Anhänger der Geister- und Dämonentheorie.

Wenn jedoch auch dies für eine Schwäche des sonst so gebildeten Mannes gehalten wird, so soll hierfür später, wenn wir erfahren, weshalb die holländische Regierung den Professor Berneveld nach dem malaiischen Archipel schickte, eine entschuldigende Erklärung gegeben werden.

Aber Graf Axel blieb vorläufig nicht in seinem Tuskulum; er begab sich in das benachbarte Gemach, und dieses konnte wirklich das Arbeitszimmer des Gouverneurs genannt werden. Es war sein Privatbureau, in welchem er wichtige geschäftliche Angelegenheiten zu Hause erledigte. Für einen Sekretär, der jetzt aber nicht anwesend, war ein mit Schriftstücken bedeckter Schreibtisch vorhanden, und auch sonst entsprach dieses mit Möbeln vollgepfropfte Gemach dem übrigen Luxus des ganzen Hauses.

Einen die javanischen Verhältnisse nicht kennenden Fremden mußte es seltsam anmuten, daß auf einem weichen Teppich ein mehr ganz- als halbnackter Malaie lag, auf dem Bauche, den Kopf in beide Hände gestützt und die Füße in die Luft streckend, während ein zweiter mit dem Kopfe unter einem Sofa hervorblickte und mit den Fransen spielte, und daß die beiden beim Eintritt des Hausherrn sich nicht im geringsten in dieser Beschäftigung stören ließen, von ihm gar keine Notiz nahmen, so wenig wie sie von dem Grafen beachtet wurden.

Es waren die beiden Bureaudiener, dazu angestellt, das Zimmer täglich zu reinigen, Botengänge zu besorgen und dergleichen. Ihre Pflicht taten sie auch, da waren sie treu wie Gold, sie schliefen sogar im Bureau, und Geldschrank und alles konnte offen stehn bleiben – aber sie hätten sich geweigert, aus einem andern Zimmer auch nur eine Streichholzschachtel zu holen. Dazu war doch die Klingel da, die den Diener rief, welcher speziell die Rauchutensilien unter sich hatte. Und nun etwa gar wagen zu wollen, die beiden Malaien einmal hinauszuschicken, weil man vielleicht mit einer Person ungestört sprechen wollte – das hätte unter der ganzen malaiischen Dienstbotenwelt gleich eine Revolution hervorgerufen, sie hätten gestreikt, und man brauchte sie doch so notwendig, kann ja in diesem heißen Klima, wo tagsüber jede Bewegung zur Last wird, gar nicht ohne sie existieren.

Graf Axel suchte auf seinem Schreibtische noch nach einem Schriftstücke, als, ohne anzuklopfen, ein andrer Malaie eintrat, welcher auf silbernem Teller eine Visitenkarte brachte, und da ja der Besuch schon angemeldet und angenommen war, erschien gleich darauf, mit der Hand die Tür suchend, Professor Berneveld.

»Seien Sie mir herzlich willkommen, mein sehr geehrter Herr Professor! Ich habe Ihr Telegramm schon heute früh ... bitte, hier!«

Das erste war, daß der mit unsicherem Schritte vorwärtsgehende Herr Professor dem auf dem Bauche liegenden Malaien auf die Hand trat, daß der Kerl wie ein junger Hund aufheulte.

»Oooooo, tut mir sehr leid,« bedauerte der Gelehrte.

»Hat nichts zu sagen, es war nur einer von den Malaien! Bitte, Herr Professor, wollen Sie Platz nehmen. Hier – hier steht der Stuhl.«

Endlich hatte der kurzsichtige alte Herr den Sitz gefunden. Graf Axel ließ sich ihm gegenüber nieder, mit Vertraulichkeit beobachtet von den beiden Dienern, die sich nicht im geringsten stören ließen.

Die beiden Herren kannten sich persönlich noch nicht. Der Gouverneur sagte dem berühmten Bakteriologen, dessen Werke er gelesen haben wollte, Schmeicheleien über seine Entdeckung auf dem Gebiete der Wissenschaft, und der Professor, der einst ein vollendeter Weltmann gewesen war, der seiner Dame beim Tanzen niemals auf den Fuß getreten hatte, erwiderte die Komplimente, indem er von ›Oa, dem Affenmenschen‹ begann, und er mußte dieses endlose Epos wirklich gelesen haben, denn er zitierte gleich eine ganze Seite daraus, was den Autor in Entzücken versetzte.

»Ich habe gehört, Exzellenz haben jetzt die Bearbeitung einer malaiischen Sage unter der Feder?«

Diese Frage war der Uebergang zu einem neuen Thema, welches die abermalige Rückkehr des alten Professors nach Java betraf, und der Gouverneur war über alles orientiert, war sogar in dieser Sache ein Diener des Gelehrten. Er nahm vom Schreibtisch ein Dokument, auf der einen Hälfte mit holländischer, auf der andern mit malaiischer Schrift bedeckt, darunter viele Namenszüge und große Siegel, und reichte es jenem hin.

»Alles in Ordnung, sehr geehrter Herr Professor! Hier ist Ihr vom Maharadscha unterzeichneter Paß, mit dem Sie unter dem Schutze der Regierung wie der einheimischen Fürsten ganz Holländisch-Indien bereisen können, und jede Tür muß sich Ihnen öffnen.«

Dankend nahm der Professor den prächtig ausgeführten Paß in Empfang, brachte ihn dicht vor die doppelte Brille und ließ ihn darauf in seiner Brusttasche verschwinden.

Dann sprachen die beiden noch längere Zeit über den Zweck der neuen Reise des Professors durch den malaiischen Archipel, wobei sie an den eingeborenen Dienern aufmerksame Zuhörer hatten.

Der schon so bejahrte Gelehrte hatte abermals ein neues Feld der Wissenschaft betreten. Jetzt kam er nach Indien, um die alten Sagen und Märchen der Malaien und Ureinwohner des Archipels zu sammeln. Er hatte dazu die Regierung um Unterstützung gebeten, oder es konnte auch sein, daß er von der holländischen Regierung zu dieser Studienreise aufgefordert worden war – aber merkwürdig war es jedenfalls, mit welcher Macht die Regierung im Haag diesen einfachen Gelehrten ausgestattet hatte, der sich von den Eingeborenen nur Märchen erzählen lassen wollte! Denn das war kein Paß, sondern das war in Wirklichkeit eine unumschränkte Vollmacht, die ihn über alle Beamten und auch über den Generalgouverneur wie über alle einheimischen Fürsten stellte, seinen Befehlen mußte unbedingt Gehorsam geleistet werden.

Die beiden unterhielten sich also über diese malaiischen Sagen. Berneveld offenbarte seine Pläne, wie er reisen wolle, wie er das ausgiebigste Material zu finden hoffe. Besonders erwartete er eine reiche Ausbeute am Hofe des Maharadscha, und es sei nochmals betont, daß die beiden malaiischen Diener aufmerksam lauschten.

Eine Klingel ertönte; der Gouverneur erhob sich.

»Bitte, Herr Professor, wir nehmen den Tee drüben ein, in meinem eigentlichen Arbeitszimmer; wir sind dort ganz ungestört, auch,« setzte er auf französisch hinzu, »auch ohne lauschende Dienerohren.«

Sie begaben sich hinüber. Unterdessen war ein gedeckter Tisch hereingetragen worden nebst drei Stühlen, wie auch drei Kuverts vorhanden waren. Ein zweiter, kleiner Tisch war hauptsächlich mit köstlichen Früchten besetzt. Da es dunkel wurde, waren schon die Rouleaus herabgelassen worden, und neben der summenden Teemaschine brannte eine kostbare Petroleumlampe.

Zunächst hielt der Gouverneur eine Entschuldigung wegen der Einfachheit des Zimmers für nötig, wobei er stark durchblicken ließ, daß er hier seinen unsterblichen Affenmenschen Oa geschaffen hatte.

»Ganz meine Ansicht!« kam ihm Professor Berneveld entgegen. »Auch mein Auge darf bei der geistigen Arbeit keine Zerstreuung finden.«

»Und die Hauptsache ist,« fuhr der Graf fort, »daß wir hier ganz ungestört über Ihre geheime Mission sprechen können. Gestatten Sie nun, Herr Professor, Ihnen meine Gattin vorzustellen, welche vor Verlangen brennt, den Mann kennen zu lernen, welcher die Ursache des gespenstischen Steinwerfens ergründen und hoffentlich auch beseitigen wird.«

Er schritt der nach dem Bibliothekszimmer führenden Tür zu, und hinter seinem Rücken schien der Professor eine Gebärde des Unwillens zu unterdrücken.

Ja, die Mission des Professors hatte einen ganz andern Zweck, als malaiische Fabeln zu sammeln. Das gespenstische Steinwerfen, von dem wir dann ausführlicher sprechen werden, sollte er erforschen, jenes geheimnisvolle Treiben unsichtbarer Hände, wodurch Holland so schwer geschädigt wird, indem dadurch so viele Arbeitskräfte abgeschreckt werden, nach Indien auszuwandern, weswegen so viele Kolonisten ihre Ansiedlungen wieder verlassen, die Frucht von jahrelanger Arbeit und alles preisgebend, so daß ganze Provinzen veröden.

Aber mochten auch selbst die auf den indischen Inseln ansässigen Europäer und selbst die gebildetsten Freigeister schließlich zu der Ueberzeugung kommen, daß dieses unheimliche Steinwerfen mit etwas zusammenhing, was über des irdischen Menschen Begriffe geht – im holländischen Ministerium des Auswärtigen wollte man allerdings nicht diesen Glauben an die malaiischen Ghullas oder Gespenster teilen. Nein, dort blieb man ungläubig. Und diesem Unfug mußte durch Aufdeckung endlich einmal ein Ende bereitet werden. Aber da durfte man nur heimlich, ganz heimlich vorgehn. Ganz allein hatte der Kolonialminister die Sache in die Hand genommen. Daß seine Wahl gerade auf den Professor Berneveld, der trotz aller seiner in Indien gesammelten Erfahrungen kaum die Hand vor den Augen sehen konnte, gefallen war, das war allerdings merkwürdig. Aber ... es war eben geschehen, wir sehen Professor Berneveld ja hier im Zimmer des Gouverneurs, um die Angelegenheit mit diesem zu besprechen.

Also ganz heimlich! Die Uebeltäter vollkommen in Ungewißheit lassen, das war hier die Hauptsache! Der Indienkenner sollte die malaiischen Sagen sammeln, und damit er überall das größte Entgegenkommen fände, setzte der Kolonialminister seine ganze Macht daran, ihm von der Regierung jenen Paß auszuwirken, der den einfachen Privatmann schon mehr zum Regenten von Holländisch-Indien machte. Kein Mensch sollte von dem eigentlichen Zwecke dieser Reise erfahren, nur noch der Generalgouverneur durfte davon wissen, denn der konnte dem Forscher außerordentlich behilflich sein. So schrieb also der Kolonialminister seinem Freunde, dem Grafen Axel Bjoger, einen einweihenden Brief, die strengste Diskretion war doch ganz selbstverständlich – und nun ...

»Einen Augenblick, Exzellenz!«

Der Graf, die Türklinke schon in der Hand, wandte sich noch einmal um.

»Bitte?«

»Sie haben zu Ihrer hohen Gemahlin, der Begumin von Pandang, von meinem geheimen Auftrag gesprochen?«

Ein finsteres Stirnrunzeln – doch gleich war es wieder verschwunden.

»Zwischen mir und meiner Gattin gibt es kein Geheimnis,« sagte der Gouverneur hoheitsvoll, »und,« setzte er lächelnd hinzu, »ich darf ihr auch alles offenbaren, denn ein Geheimnis ist bei mir nicht besser verwahrt als bei ihr.«

»Selbstverständlich! Ich bitte wegen meiner Frage um Entschuldigung.«

Der Graf drehte sich wieder um, hinter seinem Rücken hob Professor Berneveld die Schultern, als müsse er sich eben ins Unvermeidliche schicken – und da ging die Bibliothektür schon von allein auf, die Begumin war ihrem Manne zuvorgekommen und hatte sie selbst geöffnet.

So fand gar keine Zeremonie statt, auch die Vorstellung war einfach genug. Der Graf wollte mit Absicht alles ganz familiär abmachen.

»Herr Professor Dr. Berneveld, von dem ich dir schon so viel erzählt habe – Ihre Hoheit die Begumin von Pandang, oder,« fuhr er mit gutmütigem Lächeln fort, »ich will lieber sagen: meine Frau.«

Sie trug ein spitzenbesetztes, kostbares, für indische Verhältnisse aber dennoch einfaches Hauskostüm, von einem Pariser Damenschneider bezogen, also ganz modern, und die damalige Mode forderte von einem Hauskleide, daß es die Füße freiließ, so daß man über den winzigen Goldkäferschuhchen noch einen Zoll von den durchbrochenen, mit Blumen durchwirkten Seidenstrümpfen sehen konnte. Sonst wollen wir die Toilette nicht weiter beschreiben, es wäre Verschwendung. Der Leser weiß jetzt, was er für später wissen muß.

Mit einigen herzlichen Begrüßungsworten reichte die javanische Prinzessin dem Gelehrten wie einem alten Bekannten die Hand, sie setzten sich an den Tisch, und die Prinzessin schenkte den Tee ein und bediente die Herren, als wäre sie niemals von einer Legion Dienern umschwärmt gewesen, die jeden ihrer Handgriffe unmöglich zu machen wußten.

Es konnte doch nicht gleich mit den ›Geistern‹ angefangen werden. Der Professor war erst im unteren Batavia in einem Hotel abgestiegen, hatte dort noch sein Gepäck liegen, das mußte hierherbesorgt werden – über solche Angelegenheiten wurde zunächst gesprochen.

Alle hielten mitten in der Bewegung inne und lauschten. Galoppierende Hufschläge drangen an ihr Ohr.

»Da ist doch ein – Reiter im Garten?« flüsterte der lauschende Graf.

Das unregelmäßige Pferdegetrappel kam näher, es war auf dem Kies, jetzt ein allgemeines Stimmengewirr von malaiischen Dienern dicht unter dem Fenster.

»Kurier von Fort Tjibodas!« erklang eine heisere Stimme, die schon gar nichts Menschliches mehr hatte. »Wo ist der Assis-Radscha?«

Wie die Automaten hatten sich der Graf und die Prinzessin erhoben, erwartungsvoll des Kommenden harrend. Der Professor dagegen blieb gleichmütig sitzen und versenkte seine Nase in die Teetasse.

»Von Fort Tjibodas?« flüsterte Graf Axel. »Was mag da passiert sein?«

»Ist das javanischer Tee? Schmeckt ausgezeichnet!«

»Reibt das Pferd mit Arrak ab,« erklang unten die heisere Stimme wieder. »Oder's ist auch nicht nötig, das ist sowieso hin.«

Lautlose Schritte von barfüßigen Dienern, nur durch die Erschütterung bemerkbar, dazwischen ein schwerer, sporenklirrender Tritt, immer näher kam er der Tür, diese wurde aufgerissen, und herein kam, den mächtigen Pallasch unter dem Arm, ein Mann in der Uniform der Kolonie-Dragoner. Von Uniform war freilich nicht mehr viel zu sehen. Alles Fetzen! Am besten waren die Achselstücke erhalten, an denen man den Wachtmeister erkannte, und das Gesicht unter der Staubmaske mit dem weißblonden Bärtchen gehörte offenbar nicht nur einem Germanen, sondern sogar einem Deutschen an. In der holländisch-indischen Armee dienen ja genug Deutsche.

Mit dröhnenden Sporen schritt der kräftige, hochgewachsene Mann auf den Tisch zu, blieb vor dem Gouverneur stehn, schlug die Hacken zusammen und salutierte nach holländischer Weise auch als Unteroffizier.

»Wachtmeister Keller von Fort Tjibodas als Kurier!« meldete er mit jener heiseren Stimme, die nichts Menschliches mehr an sich hatte.

Seine schwarzbraune Hand, von Dornen zerkratzt, brachte unter dem zerfetzten Waffenrock ein großes, versiegeltes Kuvert zum Vorschein, der Gouverneur, der sich wieder gesetzt hatte, nahm es, erbrach es, begann ein längeres Schriftstück zu lesen.

Es war ein schöner Zug von ihm, daß er gleich wieder mit Lesen aufhörte, um den Unteroffizier zu betrachten, der noch immer dastand. Das Datum des Schreibens mußte den Lesenden stutzig gemacht haben.

»Ihr seid doch über Buitenzorg gekommen?«

»Zu Befehl, Exzellenz!«

»Habt von Buitenzorg die Eisenbahn benutzt?«

»Nein, Exzellenz. Hätte vier Stunden warten müssen. Habe dort ein frisches Pferd genommen.«

»Und Ihr seid schon hier? Donnerwetter!«

Noch einmal betrachtete der Gouverneur den Mann, der so stramm in seiner zerfetzten Uniform und den kotigen Reitstiefeln vor ihm stand, wie eine eherne Statue, und dem man es dennoch ansah, daß er sich nur noch mit seiner letzten Kraft aufrecht hielt.

»Wollt Ihr eine Tasse Tee?«

»Exzellenz – ein Glas – Wasser,« röchelte die heisere Stimme.

Der Gouverneur nahm vom Seitentischchen eine Wasserflasche, füllte ein Glas und reichte es jenem hin – der Dragoner aber griff über das Wasserglas hinweg, nahm ihm die große Flasche aus der Hand und leerte sie, ohne abzusetzen.

»Es ist gut! Laßt Euch verpflegen!«

Der Wachtmeister salutierte und marschierte sporenklirrend hinaus.

Die Prinzeß stand noch immer, mit großen, starren Augen blickte sie auf den lesenden Gatten.

»Axel, was ist im Urwald von Tjibodas geschehen?« hauchte sie, vor Erregung bebend, während der Professor sich mit dem größten Gleichmut ein belegtes Brötchen bereitete – nur schade, daß der kurzsichtige Mann das Salz verpaßte und dafür klaren Zucker auf den Kalbsbraten streute.

Der Graf war fertig, er faltete das Schreiben zusammen. Man sah ihm an, wie er mit sich rang, seine Aufregung zu verbergen.

»Im Fort von Tjibodas haben sich wieder die tödlichen Krallen der Ghullas bemerkbar gemacht!« erklang es dann feierlich.

Die Prinzeß stieß einen hellen Schrei aus.

»So so,« brummte der Professor. »Sie gestatten, daß ich mir noch diesen halben Hummer nehme?«

»Heute früh,« erzählte der Gouverneur, die langen Protokolle des Fortkommandeurs zusammenfassend, »wurde ein Posten, ein Holländer, tot aufgefunden, nur wenige Schritte von der Fortmauer entfernt, erwürgt, die bekannte Teufelskralle am Halse ...«

Wieder ein Schrei der Prinzessin, jetzt fiel sie auf ihren Stuhl zurück, und der Professor servierte sich die andere Hälfte des Hummers.

»... und nicht nur das – am Pulvermagazin fand man gleich zwei Posten tot, sie lagen zusammen, ein Franzose und ein Malaie – alle beide das blutige Merkzeichen der Teufelskrallen am Halse.«

»Gleich zwei Posten, die zusammengestanden hatten!« rief die Prinzessin im heftigsten Schrecken, warf einen Blick auf den Professor, der seine Nase wieder einmal in der Teetasse vergrub, und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Schon in der ersten Erzählung, als die Leser Nobody kennen lernten, wurde von diesen javanischen ›Teufelskrallen‹, welche die Wachtposten erwürgten, gesprochen – damals, als Nobody die Zeitungsausschnitte hernahm und sagte, wie so viel in der Welt passiere, was der Aufklärung bedürfe, vorausgesetzt, daß wirklich etwas Wahres daran sei.

Unterdessen waren viele Jahre vergangen, Nobody stand auf dem Höhepunkt seines Ruhms, die Zeitungen hatten nichts wieder von der javanischen Teufelskralle berichtet – und nun hören wir es hier in Java selbst, und das war kein Zeitungsklatsch, sondern der protokollmäßige Bericht eines Offiziers!

Es war tatsächlich so, die Zeitungen hatten auch nichts mehr darüber berichten können, die würgende Teufelskralle hatte sich wirklich viele Jahre lang nicht mehr bemerkbar gemacht. Dieser hier war nach der Pause wieder der erste Fall, gleich drei Opfer fordernd, und das war wichtig genug, daß der Fortkommandant aus dem Urwald von Tjibodas sofort zum General-Gouverneur einen Kurier schickte, der zwei Pferde totgeritten hatte.

Ja, diesmal handelte es sich um noch etwas viel Schlimmeres! Wolle sich der geneigte Leser an jene Zeitungsnotiz erinnern. Sie lautete wörtlich: In der Garnison Madschpat herrscht eine Panik. Die allein auf Nachtwache stehenden Posten werden am Morgen tot aufgefunden, stets mit Wunden am Halse wie von einer Teufelskralle; alle Versuche, dem rätselhaften Mörder auf die Spur zu kommen, bleiben erfolglos; ziehen zwei Mann auf Nachtwache, oder wird der Posten heimlich beobachtet, so bleibt alles ruhig. Es hat nicht an verwegenen Männern gefehlt, welche, um das Rätsel zu lösen, allein auf die einsame Nachtwache zogen; wurden sie nicht beobachtet, so fand man auch sie am andern Morgen tot mit den Krallwunden am Halse.

So hatte der Bericht gelautet. Also immer nur einsame Nachtposten. Natürlich, Geister zeigen sich viel lieber Einsamen und gehn ihnen zu Leibe. Von menschlicher Gesellschaft wollen sie nicht gern etwas wissen.

Jetzt aber kümmerte sich die Teufelskralle – die selbstverständlich irgend einem Gespenste angehören mußte, das drückte ja auch schon das Wort aus, welches die Zeitung gebrauchte – nicht mehr um Gesellschaft. Sie hatte es nicht mehr nur auf einsame Wachtposten abgesehen, Doppelposten verschmähend, und daß dies noch viel furchtbarer war, wurde hier sofort erkannt, das lag ja schon in dem Rufe der Prinzessin:

»Gleich zwei Posten, die zusammengestanden hatten?!«

Professor Berneveld nahm seine Nase wieder aus der Teetasse.

»Wird dieses Vorkommnis im Fort Tjibodas geheimgehalten?«

»Das ist unmöglich,« entgegnete der Gouverneur, »da müßte die ganze Garnison interniert werden.«

»Schade! Nun, ich werde mich morgen nach Tjibodas begeben und den Fall untersuchen.«

»Sie?« erklang es spöttisch, und zwar aus dem Munde der Prinzessin, die sich von ihrem Entsetzen wieder erholt hatte.

Der Gouverneur hatte diese versteckte Beleidigung herausgehört.

»Weshalb soll Herr Professor Berneveld den Fall nicht untersuchen?« fragte er seine Gattin mit leisem Vorwurf.

»Untersuchen, ja, aber ... Herr Professor, wie erklären Sie sich eigentlich das gespenstische Steinwerfen?«

Zunächst bedarf wohl auch der Leser einer Erklärung. Ueber das Steinwerfen selbst ist nicht viel zu sagen. Es kommt eben ein Stein geflogen, manchmal regnet es Steine, im Freien, im Zimmer, und man weiß nicht, woher sie kommen. Stets sind es flache Steine, höchstens zwei Zoll im Durchmesser. Bemerkenswert ist noch, daß es sehr oft Steine sind, welche in der Umgegend gar nicht vorkommen, was man recht wohl konstatieren kann, ferner, daß der unsichtbare Werfer manchmal Schabernack treibt, aber niemals einen ernstlichen Schaden anrichtet. So zum Beispiel fällt sehr oft ein Stein oder Steinregen auf das Bett eines schlafenden Kindes, aber dieses selbst wird dabei niemals getroffen, am wenigsten ins Gesicht. Ein Erwachsener kann einmal einen derben Schlag auf die Hand bekommen, doch niemals ist so etwas wie eine Augenverletzung vorgekommen. Dieses sogenannte gespenstische Steinwerfen ist speziell auf Java und Sumatra einheimisch. Es gibt Provinzen, die mehr davon heimgesucht werden als andre. In manchen Jahren ist es häufiger, dann hört es einmal ganz auf, eine lange Periode vergeht, und dann plötzlich regnet es wieder allerorten die kleinen, flachen Steine, die es immer auf Menschen abgesehen haben, um sie zu necken.

Aber die Folge von diesem an sich harmlosen Steinwerfen, das ist das Böse dabei! Für die Eingeborenen sind diese unsichtbaren Steinwerfer Spukgeister, welche seit uralter Zeit auf Java und Sumatra hausen. Das hängt noch mit der alten Religion zusammen, welche vom Islam verdrängt worden ist. Diese Dämonen sind nicht mit verdrängt worden. Schaden dürfen die Ghullas den Menschen nicht, aber sie ärgern, soviel sie wollen und können, und die Ghullas haben stets in Steinen gehaust. Dieser Glaube der Eingeborenen ist begreiflich. Unbegreiflich kommt einem nur vor, wenn man hört, daß auch alle Europäer, die gebildetsten und die bei ihrer Ankunft an gar nichts glaubten, bei längerem Aufenthalt auf Java zu der Ueberzeugung kommen, daß das nicht mit rechten Dingen zugeht, daß also Geister hier im Spiele sein müssen.

Und dennoch! Wenn man selbst dortgewesen ist oder es wenigstens von einwandfreien Personen richtig zu hören bekommt, glaubt man es schon. Ein Beispiel davon ist der bekannte Reiseschriftsteller Friedrich Gerstäcker, der sicher nichts von Gespensterfurcht und dergleichen gewußt. Der hat auch so lange darüber gespottet, bis er einmal über den festgetretenen Exerzierplatz einer Garnisonstadt ging, allein, kein Mensch war in der Nähe zu sehen, und plötzlich prasselten kleine, flache Steine um ihn herum nieder.

Ein andermal saß er mit einer Dame bei geschlossenen Fenstern im Zimmer, als ein Stein, der von der Decke herabzukommen schien, ihm die Zigarre aus dem Munde schlug. Bemerkenswert ist, daß Gerstäcker dies in der ›Gartenlaube‹ erzählt hat, zu einer Zeit, als dieses Blatt sehr scharf gegen allen Aberglauben vorging. Aber Gerstäcker belegte die Tatsache des gespenstischen Steinwerfens mit so vielen Beweisen, führte so viele einwandfreie Zeugen an, daß jeder Gegenspruch verstummen mußte.

Nun nehme man an, es sind ganz einfach Menschen, welche aus weiter Ferne so geschickt mit Steinen zu werfen verstehn – ja, du lieber Gott, wer will sich denn immer mit Steinen bombardieren lassen? Kurz und gut, dieses sogenannte gespenstische Steinwerfen hat Holland, wie gesagt, schon schweren Schaden verursacht. Deswegen sind schon ganze Provinzen von fleißigen Kolonisten verlassen worden. Man bedenke es nur recht, und man wird es begreiflich finden. Wenn eine Mutter sieht, wie ihr schlafendes Kind immer mit Steinen beworfen wird, und die Ursache ist absolut unerklärlich, und das wiederholt sich fortwährend – dann heißt es eben eines Tages:

»Nein, hier halten mich keine zehn Pferde mehr!« Dazu kommt noch, daß die malaiischen Diener und Arbeiter immer von ihren ›Ghullas‹ schwatzen – da muß doch zuletzt auch ein aufgeklärter Mensch kopfscheu werden.

»Wie erklären Sie sich das gespenstische Steinwerfen?« hatte die Prinzessin den Professor gefragt.

»Erst muß ich einmal Gelegenheit haben, es zu beobachten.«

»Wie?« rief der Graf erstaunt. »Sie kennen es noch gar nicht?«

»Nur vom Hörensagen. Trotz meines zweimaligen und langjährigen Aufenthaltes auf diesen Inseln haben mich die Geister immer mit ihrer Werferei verschont. Hoffentlich geben mir die Ghullas diesmal die Ehre.«

»Hören Sie, Herr Professor,« warnte die Prinzessin, »ich kenne ein Sprichwort Ihrer Heimat: ›Man soll den Teufel nicht an die Wand malen!‹«

»Nur schade, daß ich nicht an einen Teufel glaube, auch an keine Ghullas. Sind Exzellenz schon mit Steinen beworfen worden?«

»Schon oft,« entgegnete der Graf ernst.

»Auch in diesem Hause?«

»Auch in diesem Hause. Und es ist völlig unerklärlich, da muß man eben ... glauben!«

Eine kleine Pause entstand. Der Gelehrte blickte sinnend vor sich hin und strich seinen weißen Bart.

»Darf ich dem Herrn Professor noch eine Tasse Tee einschenken?«

»Bitte sehr!«

Die Prinzessin stand auf, nahm die Teekanne und beugte sich zum Einschenken ziemlich weit über den Tisch, wobei ihre rechte Hand die Kanne hielt und ihre linke auf dem Deckel lag. Auch der Professor mußte sich etwas vorbeugen, als er ihr die am Henkel gefaßte Tasse entgegenhielt; seine linke Hand lag dabei auf dem Tische. Der Graf hantierte mit Messer und Gabel.

So war die Situation, als plötzlich etwas von der Decke herabgesaust kam und dem Professor die Tasse aus der Hand schlug, so daß er nur noch den Henkel in der Hand behielt, und auf dem weißen Tischtuch lag ein schmutziggrauer, flacher Stein von etwa zwei Zoll Durchmesser.

Die Prinzessin stieß einen Schrei des Schreckens aus und setzte die Teekanne schnell hin. Der Graf war aufgesprungen, ohne sichtbares Zeichen des Schreckens, während der Professor den Henkel in der einen Hand behielt und mit der andern schnell den Stein ergriff.

»Da, da, da, da, da ... da war es!!« sagte der Graf, und zwar ganz ruhig.

»Es ist ein Ghulla im Zimmer!« flüsterte die Malaiin und schaute sich ängstlich um.

»Seltsam, höchst seltsam!« meinte der Professor, den Stein dicht vor den Augen, blickte nach der Decke, stand auf und untersuchte das Zimmer weiter.

Es gab hier kein Versteck. Die Fenster waren geschlossen, und keine der beiden Türen war aufgegangen. Es war unerklärlich, woher der Stein gekommen war, und das fand auch der alte Professor.

»Seltsam, höchst seltsam!« sagte er nochmals, als er nach seinem Stuhle zurückkehrte.

Der Graf war also überhaupt nicht erschrocken gewesen. Seine Gattin hatte sich schnell wieder beruhigt. Den beiden war solch ein Vorkommnis eben etwas ganz Gewöhnliches. Es war ein Ghulla im Zimmer. Und ist es auch gerade nicht hübsch, wenn er einem die Tasse aus der Hand schlägt, so tut einem solch ein Spukgeist doch sonst nichts zuleide.

»Sind Sie nun überzeugt, daß das nicht mit rechten Dingen zugehn kann?« fragte der Graf.

»Ganz gewiß!« lautete die trockene Antwort des alten Gelehrten. »Da ich es also nehmen muß, wie es nun einmal ist, so bitte ich doch noch um eine Tasse Tee.«

Als ob nichts geschehen wäre, setzte Professor Berneveld die unzerbrochene Tasse jetzt auf den Unterteller und hielt sie so, wie es sich überhaupt gehört hätte, der Hausdame zum Einschenken hin.

»Vielleicht will der Ghulla nicht, daß ich noch eine Tasse Tee bekomme, und er wirft sie mir nochmals aus der Hand,« setzte er lächelnd hinzu.

»Nein, zweimal hintereinander kommen solche Würfe nicht vor,« versicherten der Graf und Lotija gleichzeitig.

»Nicht? Seltsam, höchst seltsam!«

Die Prinzessin hatte wieder die Teekanne genommen, auch der Professor hatte sich zum Vorbeugen halb erhoben. So war genau die Stellung wie vorhin, nur daß der Graf jetzt beide Hände untätig auf dem Tische liegen hatte. Alle drei blickten auf die zu füllende Tasse, was bei den beiden handelnden Personen selbstverständlich war.

Wir aber wollen nicht auf die Teetasse, sondern einmal unter den Tisch blicken.

Da sehen wir, wie der alte Professor plötzlich seinen leichten Halbschuh abstreift, den rechten; es zeigt sich, daß der Fuß mit einem dünnen Strumpfe bekleidet ist, der vorn nicht in der gewöhnlichen Form ausläuft, sondern nach Art eines Handschuhes jede Zehe einzeln bekleidet, und mit diesem Fuße greift er unter das andere Hosenbein, und wie er wieder zum Vorschein kommt, hält dieser Fuß einen kleinen, flachen Stein, und zwar ist dieser nicht nur so zwischen die große Zehe und die Zeigezehe – wenn man sich so ausdrücken darf – geklemmt, sondern diese Zehen greifen genau so zu wie die Finger der Hand, jede kann sich unabhängig bewegen, es ist der Fuß eines Affen oder eines armlosen Fußkünstlers – und jetzt streckt der sich vorbeugende Professor den Fuß hinter sich zwischen die Stuhlbeine hindurch, eine Wurfbewegung, der Stein wird kräftig in die Höhe geschleudert, dreht sich an der Decke um und ...

Trotz der Versicherung der beiden, die es doch wissen mußten, daß so etwas nie zweimal hintereinander erfolge, hatte der gespensterhafte ›Ghulla‹ abermals einen Stein von der Decke herabgesandt, diesmal hatte er gerade die auf dem Deckel der Teekanne liegende Hand der Prinzessin getroffen.

Der zweite, gespenstische Steinwurf hatte einen ganz andern Erfolg als der erste. Obgleich es gar nicht so schmerzhaft gewesen sein konnte, ließ die Prinzessin doch die volle Teekanne fallen, stieß aber keinen Schrei aus, sie war nicht fähig dazu, ihr schönes, braunes Antlitz war plötzlich aschgrau geworden, was vorhin auch nicht der Fall gewesen war; sie warf einen Blick auf ihren Mann, und dann stierte sie mit allen Zeichen des Entsetzens den Professor an.

»Wer – ist – unter – uns?« kam es keuchend von ihren schneeweiß gewordenen Lippen, und dann erst brach es bei ihr hervor, jetzt erst begann sie zu schreien, und zwar war es ein fürchterliches Schreien, das einer Wahnsinnigen, dann schlug sie zu Boden und wälzte sich in Krämpfen.

Bei einem Tumult kann man nicht das Benehmen der einzelnen Personen beschreiben, und es entstand ein solcher. Weiße, schwarze, braune und gelbe Diener kamen hereingestürzt, noch mehr Dienerinnen, sie beschäftigten sich mit der in Krämpfen liegenden und dabei noch immer fürchterlich schreienden Herrin, trugen sie hinaus, begleitet von dem händeringenden Grafen.

 

Der alte Professor, der trotz seiner horrenden Kurzsichtigkeit so ausgezeichnet werfen konnte, dabei den Fuß wie eine Hand gebrauchend, hatte sich auf die ihm angewiesenen Zimmer zurückgezogen.

Der Leser wird sich nicht mehr im unklaren sein, wen er vor sich hat. Es war Nobody. Wieder einmal hatte er einen Auftrag von einer Regierung erhalten, von der holländischen. Er konnte stolz darauf sein. Wie ein Fürst war der Privatdetektiv in Haag vom geheimen Ministerrat empfangen worden.

Denn geheim mußte die ganze Sache behandelt werden, und was früher vom Kolonialminister gesagt worden, das gilt jetzt für den ganzen Ministerrat.

Der amerikanische Detektiv sollte sich also nach dem malaiischen Archipel begeben, um das gespenstische Steinwerfen zu ergründen. Daß die holländische Regierung zuletzt auf den amerikanischen Privatdetektiv kam, der für die meisten Menschen nur eine Romanfigur war, das zeigt am deutlichsten, wie viele schon vergebens dieses geheimnisvolle Problem zu lösen versucht hatten, und welche Wichtigkeit die holländische Regierung einer endlichen Lösung beimaß.

Gut, Nobody war bereit, der Sache seine ganze Kraft zu widmen, obgleich er ... doch davon später! Er war also bereit dazu.

Er wollte indes nicht als Nobody gehn, sondern unter einer Maske. Das war bei ihm ganz selbstverständlich. Als er sich für seine Mission vorbereitete, verkehrte er auch mit Professor Berneveld, der als gründlichster Kenner des malaiischen Archipels ihm wichtige Ratschläge erteilen konnte. Der alte Herr, am Star fast erblindet, wollte sich eben einer langwierigen Augenoperation unterziehen.

Da war Nobody die Idee gekommen. Der berühmte Gelehrte, mit dem sich früher die Zeitungen so viel beschäftigt hatten, dessentwegen, als er einst schwer erkrankt gewesen, amtliche Bulletins ausgegeben worden waren, hatte sich in den letzten Jahren so in Einsamkeit vergraben, daß von seiner beabsichtigten Augenoperation gar nichts in der Oeffentlichkeit bekannt war.

Wie, wenn Nobody die Maske dieses Gelehrten annahm? Gerade dem so äußerst kurzsichtigen Berneveld dürften die ›Ghullas‹ manchen Schabernack spielen, und hinter der doppelten Brille aus Fensterglas wurden die ›Geister‹ dabei von den Argusaugen des Detektivs beobachtet!

Es wurde gemacht. Nobody ging als Professor Berneveld nach Java, um malaiische Sagen zu sammeln. Nur der Generalgouverneur war von der geheimen Mission benachrichtigt worden, und dieser hatte wirklich einen Vertrauensbruch begangen, allerdings einen entschuldbaren, man hatte nicht daran gedacht, ihm zu sagen, daß er auch seiner Gemahlin gegenüber Stillschweigen üben sollte. Aber daß dieser bekannte Gelehrte in Wirklichkeit der berühmte amerikanische Detektiv Nobody sei, das hatte man auch dem Generalgouverneur nicht mitgeteilt, und das war schließlich die Hauptsache.

Nobody hatte von vornherein gewußt, was es mit dem gespenstischen Steinwerfen für eine Bewandtnis hat. Und hat es nicht auch der Leser gewußt? Es sind eben ganz einfach Menschen, welche die Steine werfen. Und mögen diese auf noch so rätselhafte Weise geflogen kommen und noch so sicher treffen, das geht alles zu machen, alles zu lernen. Da muß man eben mit indischen Verhältnissen rechnen. Es ist schon genug von den chinesischen Gauklern erzählt worden, von den Zahnziehern, wie die sich ausbilden, und dasselbe gilt auch von den Indiern; weshalb also nicht auch von den Malaien? Wenn sich jemand von klein auf den ganzen Tag im Steinwerfen übt, dann muß er doch als erwachsener Mann darin eine Sicherheit haben, die ans Wunderbare grenzt. Und die Steine, die im Zimmer bei geschlossenen Fenstern von der Decke geflogen kommen, die werden eben mit den Füßen geworfen. Das läßt sich alles lernen, deshalb braucht man nicht ohne Arme geboren zu sein. Wir kultivierten Europäer staunen die Gaukeleien der nackten Orientalen an und halten manches für unbegreiflich, während wir solche Sachen doch unter uns selbst treiben. Was für eine Uebung gehört nicht dazu, um die Finger so schnell über die Klaviertasten fliegen zu lassen, daß man gar nichts mehr von ihnen sieht, und nun diese fabelhafte Sicherheit des Griffes von jedem einzelnen Finger, und da hat der indische Fakir ganz recht, wenn er seinerseits das auch als eine ›übernatürliche Gaukelei‹ anstaunt, sich vor dem Klavierspieler entsetzt.

Aber so einfach war das gespenstische Steinwerfen denn doch nicht erledigt, nämlich wenn man die Sache von einer andern Seite betrachtete. Wozu wurde der Hokuspokus überhaupt betrieben? Um den Europäern den Aufenthalt auf den Inseln zu verleiden, um sie sozusagen wieder hinauszuekeln! Das war für Nobody ganz klar, und das wurde eben nach indischer Art arrangiert. Doch wie konnte man das so geheimhalten, und weshalb wurde dabei niemals ein Mensch verletzt, warum blieb man bei einer harmlosen Neckerei? Kurz und gut, das war für Nobody auch ganz klar, daß man es hier mit einer geheimen Verbrüderung zu tun hatte, welche unter den strengsten Gesetzen stand.

Nobody hatte ebenso von vornherein gewußt, hatte es wenigstens geahnt, daß er in Java etwas enthüllen würde, womit der holländischen Regierung durchaus nicht gedient wäre, und als jener erste Stein geflogen kam, der ihm die Tasse aus der Hand riß, da hatte Nobody seine böse Ahnung sofort als Tatsache bestätigt gefunden.

Denn diesen ersten Stein hatte nicht etwa der Herr Professor geschleudert, der war von andrer Seite gekommen. Und von wem anders als von der Prinzessin? Auch diese verstand ihren Fuß zu ›handhaben‹. Der geistergläubige Generalgouverneur wurde von seiner eignen Frau ›gemacht‹. Sie foppte ihren eignen Gatten. Nein, sie foppte ihn nicht nur, hier war noch etwas ganz andres im Spiele. Die Begum von Pandang, die Gattin des Generalgouverneurs von Holländisch-Indien gehörte selbst mit zu dieser kindischen und doch so gefährlichen Verschwörung! Wenn sie nicht an der Spitze derselben stand, so spielte sie als Tochter des ersten indischen Fürsten doch sicher eine Hauptrolle.

O, das waren böse Verwicklungen! Da konnte man sich die Finger verbrennen! Und dann vor allen Dingen: Beweise, Beweise!! Sollte Nobody etwa die Prinzessin beim Beine packen, ihr den Schuh ausziehen, daß die jedenfalls auch geteilten Zehen sichtbar wurden? Sollte er ihren Körper nach flachen Steinen durchsuchen und zu ihrem Gatten, zum Generalgouverneur von Indien sagen:

»Hier, deine Frau, Ihre Königliche Hoheit die Begum von Pandang, das ist der Ghulla, der in deinem Hause die gespenstischen Steine wirft!!«

Durfte er das? Sicher nicht! Bei diesem aufdeckenden Griffe hätte er sich eben die Finger verbrannt, woran Nobody nichts gelegen war, und anstatt in Holland Dank zu ernten, hätte man ihn dort ganz sicher auch noch mit Vorwürfen überhäuft.

Nein, das mußte anders angefangen werden. Selbst wenn er nämlich die Prinzessin wirklich direkt entlarvt hätte, so wäre damit noch gar nichts gewonnen gewesen. Das war nur der Anfang oder das Glied einer Kette, und Nobody wollte diese ganz in seiner Tasche haben.

Es war eigentlich ein Fehler von ihm gewesen, daß er ebenfalls die Rolle eines steinwerfenden Ghulla gespielt und dadurch die Prinzessin in solch furchtbaren Schreck oder doch in Aufregung versetzt hatte. Denn daß sie wußte, wer den Stein geworfen, das war ganz offenbar. Umsonst hatte sie den Professor nicht so angeblickt. Damit war es aber auch mit der Harmlosigkeit vorbei. Jetzt wurde er sicher unausgesetzt beobachtet.

Nobody hatte indes den Fehler mit Absicht begangen.

»Gottsapperlot!! Hält die mich für einen dummen Jungen, der sich auf der Nase herumspielen läßt?! Nein, da will ich dieses malaiische Frauenzimmer lieber zur Feindin haben, die mich mit tödlichem Hasse verfolgt, da weiß ich wenigstens, woran ich bin!«

So hatte Nobody gedacht, als er sein Zimmer betrat. Er war sehr aufgeregt gewesen. Doch das war schnell wieder vorbei, und er bereute auch nicht hinterher, sich ebenfalls als gespenstischer Ghulla produziert zu haben. Gut, er war gespannt darauf, wie die Prinzessin es auffassen würde. Jetzt freilich mußte er auf seiner Hut sein – hatte nichts zu sagen, sein Name war ja Nobody!

Unterdessen war sein ziemlich umfangreiches Gepäck angekommen. Er prüfte das Schloß jedes einzelnen Stückes, nicht mit dem Schlüssel, sondern er hatte sein geheimes Merkmal daran, falls jemand das Oeffnen des Schlosses auch nur versucht hätte. Es war nicht der Fall.

Ein junger Malaie kam, sagte, er sei als Diener des Herrn Professors beordert. Dieser brauchte ihn jetzt nicht, und es war Nobody ganz egal, daß der Malaie durchaus nicht verstehn konnte, wie ein Diener hinausgeschickt werden könne, wenn sich der Herr umkleiden wolle, er brauche doch Hilfe – Nobody schob den jungen Menschen sans façon und allen malaiischen Dienstbotenmoden zum Hohne zur Tür hinaus und verschloß diese.

Darauf öffnete er einen Koffer, zog den schwarzen Gesellschaftsanzug aus und legte dafür das weiße, weite Nachtkostüm an, in dem man aber auch im Hause und selbst im Garten umhergehen darf, nur nicht auf der Straße.

Nicht lange währte es, so wurde geklopft, und auf Nobodys Befragen meldete sich der Gouverneur. Er wurde eingelassen.

»Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht erst durch einen oder eigentlich durch vier Diener anmelden lasse; aber Sie scheinen diese indische Dienerei auch für überflüssig zu halten, geradeso wie ich, nur daß ich als Beamter und Hausherr mich in diese Tyrannei schicken muß. Der Malaie, den Sie energisch hinausgeschickt haben, lamentiert jetzt nicht schlecht – ich glaube, der Kerl trägt sich mit Selbstmordgedanken, seine Ehre ist hin.«

»Mag er! Wie befindet sich Ihre Frau Gemahlin?«

»Danke! Der Anfall hat nachgelassen. Jetzt liegt sie in einem wohltuenden Schlummer. Daß sich ein Ghulla ausnahmsweise gleich zweimal hintereinander manifestiert hat, etwas noch nie Dagewesenes, das hat sie so alteriert.«

Nobody mußte innerlich lachen. Nicht, weil er selbst den zweiten ›Ghulla‹ gespielt hatte, sondern wegen des Ausdrucks ›manifestiert‹. Das kommt vom lateinischen › manus‹, die Hand. Der ›Ghulla‹ hatte sich nicht manifestiert, sondern pedestiert, sich mit den Füßen bemerkbar gemacht.

»Nun,« fuhr Graf Axel fort, »jetzt haben Sie auch einen Fall des gespenstischen Steinwerfens erlebt. Wie können Sie sich die Sache auf natürliche Weise erklären?«

»Hm! Vorläufig finde ich noch keine Erklärung. Bis jetzt bin ich noch einfach baff.«

»Sehen Sie!« triumphierte Graf Axel.

Aber er war nicht hierhergekommen, um über das gespenstische Steinwerfen zu sprechen. Für ihn war die Existenz von Spukdämonen auf diesen Inseln so selbstverständlich und so unanfechtbar wie Adam Rieses Einmaleins. Freilich, wie kann man denn auch glauben, daß einen die eigne Frau mit Steinen schmeißt, noch dazu mit ›de Beene‹.

So dachte nämlich Nobody, und er bedauerte den armen, betrogenen Mann.

Der Graf sprach noch einmal von dieser indischen Dienerwirtschaft, unter deren Tyrannei der Europäer manchmal so viel zu leiden hat, noch viel mehr als in der Heimat unter der von Dienstmädchen, Ammen und dergleichen – aber wenigstens einen Raum hatte er sich von diesen indischen Quälgeistern reinzuhalten gewußt, sein Arbeitszimmer, und so lenkte der Graf das Gespräch geschickt wieder auf sein Steckenpferd, auf seine neueste Dichtung, auf den »Geisterkönig von Sumatra«.

»Eigentlich sollte der Titel ›Der Geisterkönig von Timukai‹ lauten.«

»Weshalb?«

»Nun, Timukai wäre übersetzt: der Inselberg, der Geisterkönig vom Inselberg. Nach der Sage der Malaien haust der Geisterkönig auf einem sich jäh erhebenden Berge, wie Sie ja solche auch zur Genüge im Innern Sumatras gefunden haben werden.«

Jetzt mußte Nobody als falscher Professor Berneveld aufpassen, daß er sich nicht verriet. In Java war er schon gewesen; wolle sich der Leser erinnern, daß er dort z. B. das Ayka gefangen hatte, welches er bei seinen spiritistischen Experimenten gebrauchte; auf Java war er auch ziemlich weit ins Innere gekommen, nicht aber auf Sumatra, von welcher Insel er nur einige Hafenstädte kannte.

Doch der Stellvertreter des Professors hatte sich theoretisch sehr gut vorbereitet, und dann fehlte es ihm ja auch nicht an Witz.

»Gewiß, diese Inselberge, richtiger Tafelberge, sind mir bekannt genug. Besonders die Karbauengat, die Büffelschlucht, ist sehr reich daran. Da hat der reißende Masang im Laufe der Jahrtausende den Sandstein weggewaschen und nur den Granit stehn lassen. Aber wo befindet sich denn der Timukai, auf dem der Geisterkönig wohnen soll?«

»Ja, wenn ich das wüßte!« lachte der Graf. »In einem Gebiete, das die Malaien Ghullaton nennen.«

»Ghullaton – das Land der Geister,« übersetzte der Professor.

»Aber wo nun dieses wieder liegt, das ist die Frage. Es ist das sagenhafte Ophir des Altertums, das Eldorado Südamerikas.«

»Welches immer nur in der Phantasie existiert hat,« ergänzte Nobody.

»Ja, und Indien und noch manches andre hat auch einmal nur in der Phantasie existiert – bis es gefunden wurde,« meinte der Graf.

Wir wollen nicht annehmen, daß der gebildete Mann auch an einen ›Geisterkönig‹ glaubte. Aber angesteckt war er dennoch vom Geisterglauben. Schließlich hatte er mit seiner Verteidigung gar nicht so unrecht.

»Was treibt der Geisterkönig dort?«

»Nach der Sage der Malaien ist dieser jetzige Geisterkönig oder Dahuradscha niemand anders als der Gott Singtara, der von Allah und seinem Propheten vertrieben, respektive von den Anhängern Mohammeds abgesetzt wurde. Nur in seinem speziellen Lande Ghullaton konnte ihm Allahs Macht nichts anhaben. Dort also regiert er nach wie vor in seiner geheimnisvollen Residenz Timukai, von dort aus sendet er seine Ghullas unter die Menschen, sie müssen durch harmlosen Spuk die ungetreuen Malaien daran erinnern, daß der alte Gott noch lebt und wieder zur Macht gelangen wird.«

Das war für Nobody wirklich sehr interessant. Jetzt bekam er über das gespenstische Steinwerfen ein ganz andres Urteil, hier wurde ihm auch zum ersten Male erklärt, weshalb das Steinwerfen immer so harmlos betrieben wurde. Also nur eine wohlmeinende Erinnerung! Da konnte es sehr leicht sein, daß dies alles von einer geheimen Sekte ausging, welche den Mohammedanismus von den Inseln vertreiben und wieder den alten Religionskultus einrichten wollte. Politik konnte deshalb ja noch immer im Spiele sein.

»Wollen aber die ungetreuen Malaien,« fuhr der Graf fort, »welche er dennoch liebt, da sie seine Kinder sind, nicht im guten auf ihn hören, verlachen sie die Ghullas, dann schickt Singkara ab und zu einen Chatto, das ist ein böser Geist, und diesen Chattos werden jene Erwürgungen der Wachtposten zugeschrieben.«

So war man wieder auf die ›Teufelskralle‹ zurückgekommen.

»Es sind aber doch meist europäische Soldaten, die von diesen Chattos erwürgt werden,« meinte der Professor.

»Auch hierfür haben die Eingeborenen schnell eine Erklärung. Singkara ist eben eigentlich ein guter Geist, er liebt seine Kinder immer noch, und da statuiert er die Exempel hauptsächlich an Fremden.«

»Hm! Das ist eine sehr egoistische Liebe. Na ja, eine Erklärung muß es ja für alles geben. Und wie erklärt Exzellenz sich das Erwürgen der Wachtposten?«

Der Graf begnügte sich, nur die Schultern zu heben.

»Sind die Fingerabdrücke immer ganz deutlich?«

»Blutige Nägelmale sind es. Ganz deutlich! Haben Sie noch keinen solchen Erwürgten gesehen?«

»Nein! Hat man diese Nägelabdrücke noch nicht gemessen?«

Der Graf machte ein etwas überlegenes Gesicht.

»Der Herr Professor denkt wohl an Affen?«

Ja. Nobody mußte es zugeben.

»O, mein geehrter Herr Professor,« nahm der Graf mit jener überlegenen Miene wieder das Wort, »was meinen Sie wohl, wie viele sich schon mit dem Problem beschäftigt haben, auch Naturforscher! Nein, von einem Menschenaffen stammen diese blutigen Male nicht. Für einen Orang-Utan sind die Nägel viel zu weit auseinander, für den Oa und den Gibbon sind sie viel zu breit, und andre Affen kommen hier nicht in Betracht. Nein, es ist eine Riesenfaust, die die Kehle des Opfers umspannt. Sie müssen sich das Mal nur einmal ansehen, um zu der Ansicht zu kommen, daß der Griff weder von der Hand eines Affen noch von der eines normalen Menschen herstammen kann.«

»Ich hoffe einmal Gelegenheit zu bekommen, solch einen erwürgten Wachtposten zu sehen. Ich spreche im Dienste der Wissenschaft, deshalb sei mir dieser unfromme Wunsch verziehen. Haben Exzellenz noch einmal den Kurier über die Einzelheiten befragt?«

Nein, das war noch nicht geschehen. Der Mann konnte jetzt fertig sein mit Essen, und wenn er sich noch nicht schlafen gelegt hatte, konnte man ihn ja gleich einmal hierherzitieren. Es wurde einem Diener geklingelt, aber das ging nun nicht so schnell, ein Malaie sagte es dem andern, die Sache wurde noch komplizierter dadurch, daß der Hausherr auch gleich Bier und Zigarren bestellte, und als man endlich wußte, daß der Wachtmeister noch nicht schliefe und gleich erscheinen würde, und als auch das holländische Bier und die Manillas zur Stelle waren, da wurde der Graf abgerufen, die Begumin verlange nach ihm.

Er ging: statt seiner trat der Wachtmeister ein, dem man auch so ein weißes Nachtgewand geliehen, hatte. Zunächst expedierte Nobody das halbe Dutzend Malaien hinaus, von denen einer die Zigarre aus der Kiste nehmen, der zweite die Schachtel halten wollte, an der der dritte das Streichholz anriß, während sich die andern drei in das Einschenken des Bieres teilen wollten – und als dieses Hinausexpedieren endlich geglückt war, wonach sich also sechs Selbstmordkandidaten aus beleidigtem Ehrgefühl mehr im Hause befanden, war Nobody mit dem Wachtmeister allein im Zimmer.

Der junge Mann, dessen hübsches, offenes Gesicht durch einen furchtbaren Sarrashieb noch männlicher wurde, machte auf den unübertrefflichen Menschenkenner den sympathischsten Eindruck. Jedenfalls hatte man dem Wachtmeister schon von dem berühmten Professor erzählt, der am holländischen Hofe verkehrte – auch in seinem Nachtgewand nahm er neben der Tür militärische Haltung an.

»Wie ist Ihr Name, bitte?«

»Joseph Keller, Herr Professor.«

»Jetzt sind Sie nicht Soldat, sondern mein Gast. Bitte, Herr Wachtmeister, nehmen Sie Platz und bedienen Sie sich, ich möchte mit Ihnen etwas plaudern.«

Freimütig nahm der junge Mann das Anerbieten an.

»Sie sind Deutscher, Herr Keller? Ich interessiere mich dafür.«

Ebenso freimütig, wie er sich benahm, erzählte der Wachtmeister. Er hatte in Deutschland gedient, wollte kapitulieren, ein ihm nicht wohlwollender Offizier hatte ihm die Karriere zerstört, und er hatte Lust zum Soldatenleben – kurzerhand hatte er sich in der holländischen Fremdenlegion anwerben lassen. Dazu mochte auch viel mit beigetragen haben, daß in seinem Heimatstädtchen ein pensionierter Hauptmann wohnte, der, vom Gemeinsten der Gemeinen beginnend, nur acht Jahre in Indien gedient hatte und jetzt aus dem Haag eine Pension von 3000 Gulden bezog. Freilich hatte er auch dafür etwas aushalten müssen, sein Gesicht war, wie der ganze Körper, zerfetzt, er hatte keine Nase mehr und im Munde keinen einzigen Zahn, alles hatten ihm die Atschinesen ab- und raus- und neingehauen.

Joseph Keller diente erst drei Jahre bei der Fremdenlegion, hatte es schon bis zum Wachtmeister gebracht und würde demnächst zum Leutnant befördert werden; denn der Abgang ist hier ein gar großer, daher erfolgt auch das Nachrücken schnell. Mehr noch als den Flammenschwertern und den Giftpfeilen der Atschinesen, mit denen Holland bisher einen ununterbrochenen Krieg geführt hat, der auch niemals ein Ende finden wird, erliegen dem Fieber. Auch der junge Deutsche hatte schon viel durchgemacht.

»Die Hauptsache ist, daß man fieberfest ist, und danach muß man leben. Die meisten sterben nicht in den Sümpfen, sondern am Sumpfen. Der Arrak ist hier zu billig, und hier wächst jeder Kater ins Riesenhafte.«

»Ganz meine Ansicht! Nun erzählen Sie mir doch einmal, wie man die drei erwürgten Wachtposten heute früh gefunden hat.«

Es war nichts Neues, was Nobody zu hören bekam.

»Wie erklären Sie sich das? Was für ein würgendes Wesen ist das?«

Wie der Gouverneur, so hob jetzt auch der Soldat nur die Schultern.

»Ein Geist ist der Täter nicht,« sagte er dann. »Und wenn auch alle andern an Chattos glauben – ich kann nicht annehmen, daß der liebe Gott einem bösen Geiste erlaubt, so herumzuspuken.«

Auf Nobody machten diese kindlich-naiven Worte des wetterfesten und kampferprobten Soldaten einen tiefen, einen unvergeßlichen Eindruck.

»Könnte es nicht ein Affe sein?«

»Nein. Daran ist schon oft genug gedacht worden. Es ist eine Riesenfaust, wie gar kein Affe sie hat, auch der Gibbon nicht. Es ist eine menschliche Faust mit sehr breiten Nägeln. Ja, und doch,« setzte Keller sinnend hinzu, »die eine Annahme hat schon etwas für sich.«

»Was für eine Annahme?«

»Daß es doch ein Affe sein könnte, ein Affe, den wir noch nicht kennen. Java soll ja durch und durch erforscht sein – aber, ach, du lieber Gott – da gibt es noch so viel Dschungeln und Urwälder, in die noch kein menschlicher Fuß gekommen ist. Ich habe einmal so etwas vom Gorilla gelesen, habe es mir gut gemerkt. Die Neger an der Westküste von Afrika hatten schon immer von einem behaarten Waldmenschen erzählt. Dann war da von Karthago ein Seefahrer, Hanno hieß er, der legte dort an der Küste die erste Kolonie an, und der hat auch von dem Waldmenschen gesprochen, den er zuerst Gorilla nannte, und das ist nun schon zweitausend Jahre her. Man hat das alles für Märchen gehalten, und das noch jahrhundertelang, als den Europäern die Westküste Afrikas schon ganz bekannt war, wo sie schon Faktoreien angelegt hatten und mit den Negern Handel trieben. Das war ja alles Schwindel mit dem Waldmenschen – bis im Jahre 1850 der erste Gorilla erblickt und geschossen wurde. Sein Fell kam nach Paris. Und da wollte man es immer noch nicht glauben! Das sei ein künstliches Fell. Jetzt freilich ist's kein Märchen mehr, daß es einen Gorilla gibt. Ja, könnte es da nicht auch hier so einen ungeheuren Affen geben, dem die Riesenfaust angehört, von dem wir nur nichts wissen? – Nein, nichts ist es damit!«

»Weshalb nicht?«

»Weil er die einsamen Wachtposten überfällt und erwürgt.«

»Nun, er hat es eben auf Menschen abgesehen, er duldet sie in seinem Waldgebiete nicht neben sich.«

»Ja, aber warum hat er es denn da gerade auf die Wachtposten abgesehen? Noch kein anderer einsamer Mensch ist im Urwalde dem Chatto zum Opfer gefallen – nur immer gerade die Wachtposten.«

Der Mann hatte recht, mit der Annahme eines menschenhassenden Affen war das Rätsel nicht erklärt.

»Außerdem,« fuhr jener fort, »gibt es ja gar keinen Affen, der in der Nacht in Bewegung wäre. Alle Affen schlafen in der Nacht, fürchten sich sogar vor der Dunkelheit. An den Orang-Utan, an den Gibbon und an den Oa aber braucht man gleich gar nicht zu denken, das sind ja ganz sanfte Tiere. Außerdem müßte man doch endlich einmal eine Spur von der Bestie finden. Nein, gar nichts! Wahrhaftig, wenn man da von einem gespenstischen Chatto spricht, da ist wenigstens die Sache erledigt; denn der Mensch braucht nun einmal eine Erklärung – wenn mir das mit einem Geiste auch nicht in den Kopf will.«

Es trat eine Pause ein. Der Professor und sein Gast tranken Bier und sahen gedankenvoll den bläulichen Rauchwölkchen ihrer Manillas nach.

»Ein Skandal ist es!« nahm der Wachtmeister dann wieder das Wort. »Im Fort Tjibodas liegen 114 Mann, 68 eingeborene Soldaten und 46 weiße, unter diesen 13 Deutsche, und wir Deutsche halten zusammen. Die meisten haben daheim gedient. Alles tüchtige Kerle! Warum ich das dem Herrn Professor erzähle? Weil es ein Skandal ist! Fort Tjibodas ist eine wichtige Station wegen der unruhigen Dajaks. Wir haben vier Außenposten zu besetzen: eine Eisenbahnbrücke mit einer Wache, einen Tunnel mit zweien, an jedem Ende ein Mann, einen Hügel mit Wachturm, der mit dem Fort telephonisch verbunden ist, und das Pulvermagazin, das außerhalb des Forts an der Mauer liegt, auch von zwei Posten bewacht. Und alle diese Außenposten werden seit heute nicht mehr besetzt. Die für das Pulvermagazin stehen auf der Mauer, wie Frauenzimmer, die vor einer Maus auf den Stuhl klettern. Von dort oben aus können sie auch gar nicht das Magazin beobachten. Eine Schande ist es!«

»Weigern sich denn die Leute, die Außenposten zu beziehen?«

»Weigern? Herr Professor, glauben Sie mir, von uns Deutschen will ich gar nicht reden, wir wissen, was Disziplin ist – da ist ein Holländer, ein eiserner Kerl, der hat eine Granate mit brennender Lunte aufgehoben und zurückgeworfen – wenigstens drei Viertel von uns Weißen würden beim Aufruf freiwillig vortreten und die Posten beziehen; aber es hat keinen Zweck! Der Kommandeur würde sich nur eine Nase holen – so lang – daß er nämlich so viele Leute umsonst geopfert hat; denn die Soldaten sind rar und werden anderswo gebraucht. Der Herr Professor weiß wohl noch gar nicht, wie hier über den spukenden Chatto gesprochen wird? Jetzt war wieder einmal zwei Jahre Ruhe vor ihm – aber daß er nun gleich zwei Posten auf einmal erwürgt, die vor dem Pulverhaus, das schlägt dem Faß den Boden aus. Unser Kommandeur hat gemeldet, daß er die Außenposten zurückzieht, bis er Gegenorder bekommt – und er bekommt keine, ich weiß es. Eine Schmach ist es, daß wir uns wie die kleinen Mädchen vor Gespenstern fürchten müssen, aber ... 's ist nun einmal so!«

Wieder eine längere Pause, mit Rauchen ausgefüllt. Dann blickte der Gelehrte hinter seinen Augengläsern lebhaft auf.

»Würden Sie freiwillig einen einsamen Wachtposten beziehen, vielleicht den an der Brücke?«

»Herr Professor – ich glaube, ich hab's Ihnen deutlich genug gesagt. Es hat keinen Zweck. Es ist eben etwas Höllisches dabei. Ich hab's ja schon einmal erlebt. Vor zwei Jahren war es, ich war auch auf einem Fort im Urwalde, aber auf Sumatra. Wir mußten hauptsächlich eine Eisenbahnlinie bewachen, mußten auch die Weichensteller spielen. Da erlebte ich zuerst den Spuk. Drei Mann lösten sich auf einer Station als Weichensteller ab, ein vierter stand zum Schutze dieser drei auf einem etwas entfernten Hügel Wache. Denn wir mußten immer vor den Eingeborenen auf der Hut sein. Eines Morgens lag der Posten auf dem Hügel unter dem Baume erwürgt da, die Teufelskrallen am Halse. ›Der Chatto!!‹ erklang der Schreckensruf. Auf die malaiischen Soldaten war nun gar nicht mehr zu rechnen, und wir Weißen waren nicht im Ueberflusse vorhanden, wir bekamen gar keinen Schlaf mehr. Noch ein Wachtposten wurde auf dem Hügel erwürgt. Jetzt wurden zwei Leute dort aufgestellt. Da ging es. Da kam kein Chatto mehr. Aber wir paar Europäer rieben uns dabei auf, die Weichen mußten doch bedient werden, und bis wir Ersatz bekamen, das ging nicht so schnell. Da war der Otto. Der Otto, sage ich. Es war mein Leutnant. Aber wir waren Freunde, erzählten uns immer von der Heimat. ›Das ist ja zu dumm,‹ sagte der, ›soll mir einmal so ein Chatto kommen, wenn ich mit Pallasch und Revolver dort oben unter dem Baume stehe!‹ Herr Professor – ich bin kein Waschlappen – aber der Otto – er war Student gewesen, hatte zu viel Schulden gemacht – aber ein schneidiger Hund, verwegen wie ein Teufel und kalt wie Eis, und das Gras hörte er auch wachsen. Der spielte mit einem Dutzend Malaien Fangeball, und mit uns allen dazu. Für uns war er ein Gott. Also er machte es. Er ging ganz wissenschaftlich vor. Wir mußten am Tage weißen Flußsand hinauftragen und ihn unter dem Baume ganz glattstreichen. Ich höre ihn noch sprechen: ›Hier stehe ich, und wenn ich morgen früh liege, dann müßt ihr wenigstens an den Spuren sehen, was für ein Ding das eigentlich ist. Aber ich denke, ich werde noch stehen.‹ So lachte er. Und ich sehe ihn noch im Abendsonnenscheine vor mir, mit den hohen Stiefeln, die er auch im Urwald immer wichste, in der einen Faust den Pallasch, in der andern den Revolver – wie ein Gott. Wir gingen. Es war eine lange Nacht für uns. Er hatte streng verboten, ihn zu beobachten; denn dann kam der Chatto nicht. Das war ja das Merkwürdigste dabei. Auf alles, was sich regte, würde er schießen, hatte er gesagt, und wenn Otto schoß, dann traf er auch. Ja, es war eine lange Nacht für uns. Doch wer wollte denn auch mit unserem Leutnant anbändeln? Nicht einmal ein Chatto! Nichts regte sich, kein Schuß fiel, alles blieb totenstill. Bei Sonnenaufgang gingen wir hin. Und ... da lag er. Die Teufelskrallen am Halse. Das schöne, stolze Gesicht ganz blau und ver ...«

Der Wachtmeister brachte die letzten Worte nicht mehr hervor, es schien ihm etwas in der Kehle zu sitzen, und er tupfte mit dem Zeigefinger in die Augenwinkel. Nobody war durch die einfache, manchmal unbeholfen vorgetragene Erzählung furchtbar erschüttert. Seine lebhafte Phantasie spielte, er sah alles ganz deutlich vor Augen – er war es, der sein Schluchzen nicht unterdrücken konnte, und der Wachtmeister blickte ihn deshalb nicht erstaunt an.

»Ja, wir flennten damals alle wie die Kinder ... der Otto ...«

»Und was war auf dem weißen Sande zu sehen?«

»Gar nichts, rein gar nichts! Auch gewehrt konnte er sich nicht haben.«

»Seltsam!«

Wieder eine lange Pause, und dann legte sich auf das Knie des Wachtmeisters eine Hand.

»Ich werde dem Treiben dieses spukhaften Wesens ein Ende machen. Ob Geist oder Mensch – ich werde Ihren Freund rächen!«

Es war begreiflich, daß der Wachtmeister den, der so sprach, sehr überrascht anblickte.

»O, Herr Professor, das haben schon viel ...«

»Sind Sie bereit, einen einsamen Wachtposten zu beziehen?« wurde er unterbrochen.

Der Frager erhielt keine Antwort.

»Ich will Sie dabei heimlich beobachten, und den Chatto, der sich Ihnen nähert, werde ich fangen.«

Es war der kurzsichtige Professor, der auch jetzt immer danebengriff, der so sprach, und es war verzeihlich, daß der Wachtmeister ein Lächeln unterdrücken mußte.

»Wenn man beobachtet wird, dann kommt er nicht.«

»Ich werde mich so zu verbergen wissen, daß er mich unmöglich bemerken kann, und dann werde ich ihn abfangen.«

Der Wachtmeister zauderte nicht mehr. Dem kurzsichtigen Manne mußte die Wahrheit gesagt werden, er verlangte zuviel.

»Herr Professor – verzeihen Sie gütigst – Sie kennen die Verhältnisse nicht – es haben schon viele Jäger und auch Detektivs versucht ...«

»Haben Sie schon einmal etwas von einem Nobody gehört?« wurde er abermals unterbrochen.

Er hatte nicht geglaubt, daß der im Urwalde vergrabene Soldat ein so freudig-erstauntes Gesicht machen würde.

»Nobody? Nu freilich! Unser Proviantmeister hält sich doch ›Worlds Magazine‹, und wir lesen es alle mit. Ja, wenn der einmal hierher ...«

Das Wort erstarb dem Manne auf der Zunge, so wurde er plötzlich hinter den Brillengläsern mit machtvollen Blicken angefunkelt.

»Mann, können Sie schweigen?« flüsterte der Gelehrte.

Er wartete die Antwort nicht ab, er brauchte sie nicht, er wußte, daß er sich in diesem Manne nicht täusche – und er nahm den Klemmer und die Brille ab, nahm den weißen Bart ab, und wie im Zaubertheater ein Bild aus der Laterna magica, so verwandelten sich die Züge des alten Gelehrten, bis der verblüffte Wachtmeister, der seinen Augen nicht traute, vor sich einen jungen, schönen Mann sitzen sah.

»Ich bin Nobody. Wollen Sie sich mir anvertrauen? Ich gehe morgen mit Ihnen nach Fort Tjiboda.«

 

Nach einer weiteren kurzen Unterredung war der Wachtmeister gegangen, Nobody wieder der alte, kurzsichtige Professor geworden.

Aufmerksam blickte er sich im Zimmer um, rückte einen Lehnstuhl anders, dann zog er die Klingel.

»Ich werde den Diener einmal etwas vornehmen,« murmelte er. »Das Kerlchen sah zwar sehr unschuldig aus, es könnte aber doch sein, daß er mir etwas von der Prinzessin erzählen kann. Schade, daß ich die nicht selbst hypnotisieren kann. Diese Gelegenheit unter vier Augen dürfte kaum kommen.«

Ein Malaie trat ein – und sofort erkannte Nobody, daß es nicht der vorige war, der gesagt hatte, er sei dem Herrn Professor zur Verfügung gestellt worden. Das war ein hübsches, wirklich sehr unschuldig aussehendes Kerlchen gewesen – der hier war schon älter und besaß einen lauernden Blick.

»Was befiehlt der Sahib?« fragte er mit tiefer Verbeugung.

»Vorhin war doch ein anderer da.«

»Sabu muß der gnädigen Begumin vorlesen, Sabu kann am besten vorlesen. Ich bin bestimmt worden, dem Sahib aufzuwarten.«

»Wie heißt du?«

»Dekka Soliman, Sahib.«

»Es ist gut. Hier, räume den Tisch ab!«

Der Malaie ging hin, setzte die Bierflaschen und Gläser zusammen.

»Dekka Soliman!« erklang es da scharf hinter ihm.

Der Mann zuckte zusammen, wandte sich um – Nobody hatte die Brillen abgenommen, nur ein einziger Blick, und der Malaie sank in den Lehnstuhl, die Augen ganz nach oben verdreht, in der Hand noch eine Bierflasche.

Nobody nahm sie ihm ab und griff dem Manne in den Nacken. Wir kennen schon diesen eigentümlichen Griff, mit dem Nobody noch eine andre Art von Erstarrung hervorzurufen wußte.

»Dekka Soliman, blicke mich an!« sagte er leise, aber scharf, und die Augen kehrten in ihre natürliche Lage zurück.

Nobody hielt es nicht für nötig, nicht für gut, die Tür zu verschließen. Wenn jetzt jemand hereingekommen wäre, so bedurfte es nur eines Wortes, und der Hypnotisierte wäre erwacht und hätte ruhig seine Arbeit fortgesetzt.

»Steh auf!«

Jener gehorchte ohne Mühe und blieb in ganz natürlicher Stellung stehen.

»Du wirst mir der Wahrheit gemäß alles beantworten, was ich frage!«

»Ich gehorche.«

»Wer hat dir gesagt, daß du mich bedienen sollst?«

»Die Begumin.«

»Weshalb sollst du mich bedienen? Was für einen Auftrag hast du sonst noch bekommen?«

»Ich soll dich beobachten und belauschen.«

»Weshalb sollst du das tun?«

»Weil du ein Naddik bist.«

Es gab im englisch-malaiischen Wörterbuch keine Vokabel, die Nobody nicht kannte. Ein Wort ›Naddik‹ befand sich nicht darin.

»Was ist das, ein Naddik?«

»Einer, der es auf uns abgesehen hat.«

Nobody hatte schon genügend Uebung, um immer durch Fragen auf kürzeste Weise zum Ziele zu kommen.

»Wenn ich ein Naddik bin, was bist dann du?«

»Ein Naddikja.«

»Ist ein Naddikja ein solcher, welcher die gespenstischen Steine wirft?«

»Ja, Sahib.«

»Wirfst auch du mit Steinen?«

»Ja, Sahib.«

»Mit den Füßen?«

»Nur mit den Händen – ich bin nur ein Molan.«

Nobody nahm Bleistift und Papier zur Hand.

Diese fremden Worte wurden auch seinem Gedächtnis zu viel, und wir selbst wollen uns dabei aufs Unvermeidliche beschränken.

Weiter erfuhr Nobody, daß noch vier andre ›Steinwerfer‹ sich in diesem Hause befanden, zwei Männer und zwei Dienerinnen, und dann vor allen Dingen die Begumin selbst, welche allein die Kunst verstand, die Steine mit unfehlbarer Sicherheit mit den Füßen zu schleudern. Sie alle waren Mitglieder der Sekte der Naddikjas oder, wie wir einfach sagen wollen, der Sekte der Steinwerfer.

»Wo lernt ihr diese Kunst?« war die nächste Frage.

Nirgend anders als am Hofe des Maharadscha von Pandang! Die Lehrer hießen Kursis, der Maharadscha selbst war einer.

Im übrigen aber konnte dieser einfache Malaie wenig berichten. Nicht einmal über den Zweck dieses Steinwerfens war er sich klar. Nobody konnte nur schließen, daß gegen den Islam von oben herab ein Haß herrschte, oder vielmehr es zirkulierte eine Sage, daß, wenn der Islam gestürzt und wieder die alte, menschenopfernde Kawi-Religion eingeführt wäre, der ganze malaiische Archipel von der Fremdherrschaft befreit würde. Durch das gespenstische Steinwerfen sollte das Volk immer an die alte Religion erinnert werden – bis es wahrscheinlich zu einem Aufstande kam. Hierüber konnte der Malaie aber gar nichts sagen, er hatte auch keine Ahnung, wieviel Anhänger die Sekte habe. Er kannte im ganzen sechzehn Steinwerfer, Männer und Frauen, welche zum Teil in den vornehmsten europäischen Häusern Batavias dienten. Aber sie durften nicht so ohne weiteres Steine werfen, das wurde ihnen erst von höheren Mitgliedern der Sekte auf eine geheime Weise befohlen.

»Gehört der Assis-Radscha auch mit zu dieser Sekte?«

Selbst in diesem hypnotischen Zustande staunte der Malaie ob solch einer Frage. Nein, der Generalgouverneur war ein Opfer des Betrugs seiner eigenen Frau.

»Welchen Rang bekleidet die Begumin?«

Einen sehr hohen. Alle in Batavia angestellten Steinwerfer hatten ihr zu gehorchen. Hieraus schloß Nobody mit Sicherheit, daß es in Batavia auch noch andere vornehme Malaien und Malaiinnen gab, welche in europäischen Kreisen verkehrten und die gespenstischen Steine warfen – eben daraus, daß dieser Diener nichts davon wußte, schloß er es. So einen weihte man doch nicht ein.

»Wer ist der Höchste in der Sekte der Steinwerfer?«

»Der Maharadscha von Pandang, und der gehorcht dem Dahuradscha.«

»Wer ist das der Dahuradscha?« fragte Nobody, nur um sich zu vergewissern, daß es sich wirklich um den ›Geisterkönig‹ handelte, was ja die wörtliche Uebersetzung ist.

»Singkara, der Herr über die Ghullas und Chattos und alle andern Geister.«

»Wo haust dieser Geisterkönig?«

»In Ghullaton auf dem Timukai.«

»Wo liegt dieses Gebiet?«

»Kein Mensch weiß es, kein Mensch könnte hingelangen. Nur Geister können dort wohnen.«

Des weiteren wurde sich Nobody klar, daß dieser Malaie, obgleich er doch selbst Steine warf, ebenfalls an steinwerfende Ghullas glaubte, oder vielmehr: die Ghullas warfen die Steine durch ihn, durch die Mitglieder der Sekte der Naddikjas. So groß dieser Widerspruch auch erscheinen mag, er ist doch leicht zu erklären. Jedenfalls wurde den Mitgliedern der Sekte, wenn sie nach langer Uebung im Steinwerfen zu einem gewissen Range emporstiegen, in einer feierlichen Zeremonie weisgemacht, jetzt führe ein Ghulla in ihn. Wir haben ja ähnliche Fälle auch im Abendlande. Kurz, der Malaie war stolz darauf, als Steinwerfer das Werkzeug eines Ghullas zu sein.

»Was kannst du mir über den Chatto sagen, welcher die Wachtposten erwürgt?«

Nobody bekam nichts anderes zu hören, als was ihm schon der Gouverneur erzählt hatte. Auch nach den Begriffen dieses Malaien, der nur zum gespenstischen Steinwerfen angestellt war, war es ein schwarzer Würgengel, eine Art von Vampir, den der Geisterkönig von Zeit zu Zeit aussandte, um die Eingeborenen an seine alte Macht zu erinnern.

Zu lange durfte Nobody die Hypnose nicht ausdehnen, er weckte den Mann, der darnach das Geschäft des Aufräumens vollendete und das Zimmer verließ, ohne eine Ahnung zu haben, wie er ausgefragt worden war.

Nobody verschloß die Türen, deren Schlösser er schon geprüft hatte, ließ die starken Jalousien herab und hing die eisernen Haken ein, so daß die Fenster geschlossen und dennoch offen waren. Bei völlig geschlossenen Fenstern hätte man es im Zimmer vor Hitze nicht aushalten können. Dann legte er sich hin, aber nicht um zu schlafen.

Er hatte einen Todfeind im Hause, dem er alles zutraute – die Begumin – und er war auf alles gefaßt. Er befand sich in einem Lande, in dem das Gift schon eine traurige Rolle gespielt hatte – Nobody würde in diesem Hause nicht einmal mehr irgend etwas genießen, es sei denn, er hatte sich vorher vergewissert, daß es ihm nichts schaden konnte, und so durfte er jetzt auch nicht schlafen. Doch nur diese eine Nacht brauchte er auszuhalten, morgen wollte er andere Vorbereitungen für seine Sicherheit treffen. Er brauchte auch keine Müdigkeit zu bezwingen, er hatte an Bord genug geschlafen.

Bald sollte sich zeigen, wie recht er mit seinem Argwohn gehabt. Es mochte gegen Mitternacht sein, als Nobody das unbestimmte Gefühl hatte, daß sich jemand Fremdes im Zimmer befand. Erst hinterher bestätigte ein leises Rascheln, daß er richtig gefühlt hatte. Das einmalige Geräusch hätte auch von einer Maus herrühren können, jetzt aber vernahm dieses Detektivs wundersam feines Gehör ganz deutlich das Atmen eines Menschen, er konnte sogar in dem stockfinsteren Zimmer genau die Stelle bezeichnen, wo sich jener befand.

Nicht umsonst hatte er kein Licht brennen lassen. Er wollte von einem eventuellen Mörder beschlichen werden, um ihn im Augenblick der Tat zu überraschen. Und dieser Detektiv, der für seinen Beruf, den er sich zur hehren Lebensaufgabe gemacht hatte, dessentwegen er sich manche Lebensfreude versagte, sich mancher peinvollen Uebung unterzog, der jedes Glied in seiner Gewalt hatte und durch ein zielbewußtes Training seine Sinne immer mehr verschärfte – dieser Mann durfte solch ein gefährliches Experiment wagen. Er wußte, wenn sich ihm ein Mensch näherte, er hörte es, roch es, fühlte es, das war bei ihm zum Instinkt geworden; er sah mit geschlossenen Augen, wie weit sich der betreffende Mensch noch von ihm entfernt befand, er sah ihn näher schleichen, und sein Geruch spielte dabei tatsächlich eine Hauptrolle; er roch, zu welcher Rasse dieser Mensch gehörte, ob es ein Europäer oder ein Neger oder ein Chinese war; seine Empfindung ging noch weiter – jetzt zum Beispiel wußte er durch den Geruch, daß der im Zimmer befindliche Mann kein anderer als Dekka Soliman war.

Wir können uns nicht damit befassen, jedesmal zu schildern, mit welcher Vorsicht Nobody bei allem, was er tat, zu Werke ging. Das würde viel zu kompliziert werden und manchmal auch ganz unverständlich sein. Nur hier einmal ein Beispiel!

Nobody lag gar nicht mehr auf dem Bett. Er hatte es bereits verlassen. Der Detektiv war bereits über dem im Zimmer Schleichenden wie Simson über den Philistern.

Abgesehen von vielem anderen, hätte es schon kein Mensch fertig gebracht, das Bett, gerade dieses Bett, so lautlos zu verlassen. Die hölzerne Bettstelle knarrte nämlich etwas. Nobody hatte es gemerkt, als er sich darauflegte. Und da hatte er so lange probiert, bis er genau die Bewegungen kannte, die er machen mußte, um dieses Knarren beim Aufstehn zu vermeiden. Wäre das nicht möglich gewesen, so hätte er sich entweder gar nicht auf das unvermeidlich knarrende Bett gelegt, oder er hätte für jede Eventualität ganz andere Pläne entworfen – Pläne, auf die man so wenig eingehen kann, wie auf die Kombinationen eines Meisterschaftsschachspielers, welcher beim Beginn des Spieles schon weiß, mit welchem Zuge er seinen Gegner matt setzen wird.

Das Zimmer hatte er vorher zu seiner Sicherheit nicht untersucht. Er hatte Türen und Fenster geschlossen, wie es jeder andre Mensch auch getan hätte, er wußte, daß sich kein Mensch darin versteckt hatte, und damit genug! Hätte er nach geheimen Tapetentüren oder nach Gott weiß was sonst alles suchen wollen, da wäre er ja die ganze Nacht nicht fertig geworden. Aber auf so etwas, wie das Knarren dieser Bettstelle hier, darauf lenkte er seine ganze Aufmerksamkeit! So etwas konnte ihm verhängnisvoll werden!

Hiermit genug! Wir wollen Nobody handeln sehen. In diesem Falle freilich war nicht viel zu sehen, wenigstens nicht für das menschliche Auge. Nur eine Momentphotographie hätte es festhalten können.

Ein Magnesiumblitzlicht, zwei Menschen, ein Faustschlag und ein Fall – und dann beleuchtete eine kleine Blendlaterne den am Boden liegenden Dekka Soliman, nackt bis auf den Schurz, die Glieder mit Oel eingerieben, in der rechten Hand noch den kleinen, malaiischen Dolch.

Nobody kniete auch schon auf dem Besiegten, versicherte sich erst des Dolches, betrachtete die Waffe aufmerksam, ließ den blauen Stahl im Scheine der Blendlaterne spiegeln, murmelte etwas und legte ihn einstweilen neben sich.

Der Schlag gegen die Schläfe war genau mit der Stärke geführt worden, um einem kräftigen Manne für einige Zeit das Bewußtsein zu rauben.

Sehr bald schlug der Malaie denn auch wieder die Augen auf – da begegneten sie dem machtvollen Blicke des sich über ihn beugenden Mannes, und sofort verdrehte sich das Weiße des Augapfels nach oben.

»Dekka Soliman, du wirst mir antworten!« flüsterte der Hypnotiseur.

»Ich – werde – antworten.«

»Weshalb bist du in mein Zimmer geschlichen?«

»Um – dich – zu – töten.«

»Wer hat dich damit beauftragt?«

»Die Begumin.«

»Was sagte sie?«

»Töte – den – Naddik – er weiß schon zu viel – von uns – gib mir – deinen Dolch!«

Nobody hätte gar nicht zu fragen brauchen, er konnte sich den Sinn dieser Worte sofort zusammenreimen, er vergewisserte sich nur noch einmal.

»Das ist dein Dolch?«

»Ja.«

»Er ist vergiftet?«

Mit was für einem Gifte?«

»Mit – Torakli.«

Nobody atmete einmal schwer. Kli ist Gift und Tora die Hölle. Höllengift! Nobody kannte es und seine Wirkung. Seine Bereitung ist ein Geheimnis nur einiger Radschas aus derselben Familie oder weniger Priester – es wird über dieses Gift viel gefabelt.

»War dein Dolch schon immer mit Torakli vergiftet?«

»Nein.«

»Wer hat den Stahl damit eingerieben?«

»Die Begumin – vorhin.«

Wieder ein schwerer Atemzug.

»Kennst du die Zubereitung des Torakli?«

»Nein.«

»Gesetzt nun den Fall, du wärst beim Einschleichen ins Zimmer überrascht worden, was hättest du dann gesagt?«

»Ich wollte – deinen Koffer – mit dem Dolche – aufschlitzen.«

Da war es! Beweise, Beweise!! Dieser Mann war jetzt als Einbrecher überführt, aber nicht als Mörder, nicht einmal als Dieb! Die Aussage in der Hypnose gilt nicht vor Gericht.

Nobody erfuhr noch, daß sich der Malaie durch das Ventilationsloch eingeschlichen habe, welches sich dort unter dem Diwan in der Wand befand, es führte rechtwinklig nach dem Korridor, nur ein aalglatter Schlangenmensch konnte sich hindurchzwängen, und dann weiter, daß dieser Malaie von keinem andern Anschlage wußte, den man gegen das Leben des Professors vorhatte. Die Begumin hatte ihm allein den geheimen Auftrag gegeben, den Professor zu töten, nichts weiter. Der winzigste Stich hätte genügt, am andern Morgen hätte jeder Arzt bei dem Toten einen Herzschlag konstatiert. Dieses Gift führte auch wirklich einen augenblicklichen Herzschlag herbei.

Nobody nahm den kleinen Dolch zur Hand, betrachtete ihn, und als sein Gesicht einmal in den Bereich des Blendstrahls kam, da sah dieses sonst so frische Gesicht plötzlich ganz bleich aus.

»Du hättest mich mit diesem vergifteten Dolche gestochen?«

»Ja.«

Die Blendlaterne verlöschte. In dem stockfinsteren Zimmer wurden abgerissene Sätze gemurmelt.

»... richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet ... ich muß es tun ... ich bin kein Mörder ... es ist geschehen ...«

Dann entstand in dem finsteren Zimmer ein Geräusch, als wenn ein Körper geschleift würde, ein Gegenstand wurde gerückt, und dann knarrte das Bett. Nobody hatte sich wieder schlafen gelegt, und Stille herrschte in der undurchdringlichen Finsternis.

Die Morgendämmerung brach an. Schon huschten die eingeborenen Diener durch die Korridore, jeder seiner Beschäftigung nacheilend.

Da schellte die Klingel in des Herrn Professors Zimmer. Niemand kümmerte sich darum. Auf dieses Klingelzeichen hatte nur der ihm zugeteilte Diener zu hören. Etwas anderes war es, als das Klingeln immer heftiger wurde. Da gesellte sich die Neugier hinzu.

Wo war denn Dekka? In der Kammer, in der er sich neben den Zimmern des Professors hätte aufhalten müssen, befand er sich nicht. Nun aber gab es für diese dressierten Malaien keine andere Möglichkeit, als daß er sich dann schon bei seinem Herrn befand. Doch da es weiterklingelte, konnte das auch nicht der Fall sein.

Um dieses für das Hirn eines solchen malaiischen Dieners bestehende Rätsel zu lösen, eilte nun gleich eine ganze Masse von ihnen herbei. Die Korridortür konnte durch eine Zugschnur vom Bett aus geöffnet werden.

Der Professor lag im Bett, ohne Brille und Klemmer, und tastete mit der Hand auf dem Nachttische herum, nach diesen ihm unentbehrlichen Gegenständen suchend, die aber auf dem Boden lagen.

»Dekka, wo bist du denn nur? Wo ist meine Brille?«

Dem Kurzsichtigen mußte die lautlose Stille auffallen, und dann antworteten seiner Frage nur Rufe des Staunens und des Schreckens.

»Was ist denn los?«

Hätte Nobody es nicht schon gewußt, so würde er es nicht so bald zu erfahren bekommen haben, und ein glücklicher Zufall war es, daß der Herr Professor, wie er aus dem Bett kletterte, mit dem nackten Fuße gerade auf Brille und Klemmer trat.

»Na, was gibt es denn da?«

Mit stieren Augen betrachteten die Diener das, was sie da zu sehen bekamen. Unter dem an der Wand stehenden Diwan blickte der nackte Oberkörper eines braunen Mannes hervor, oder nur der Kopf, der Hals und ein kurzes Stück vom Rücken, dann auch beide Arme, der eine war gebeugt, seine Hand hielt einen kleinen Dolch, und dort, wo die Spitze desselben den andern Arm berührte, zeigte sich ein Fleischriß, mit geronnenem Blute bedeckt.

Die Malaien schlichen sich näher, faßten den Mann an ...

»Dekka Soliman! Tot! Der Dolch ist vergiftet! Er hat sich selbst gestochen! Er ist durch das Ventilationsloch gekrochen und hat stehlen wollen!«

So und anders klang es durcheinander, und das immer entsetzter. Den Toten vollends hervorzuziehen wagte niemand. Es herrschte ein allgemeines Durcheinander, bis der Hausherr im Nachtgewande auf der Bildfläche erschien.

Graf Axel erkannte sofort, was hier vorlag. Er war die tödliche Verlegenheit selbst, und das wurde nicht besser, als man den Diwan abhob und nun sah, daß der Tote noch mit Beinen und Unterleib in dem Ventilationsloche steckte. Ein Wunder war es nur, wie er mit den Schultern hindurchgekommen war – wenigstens ein Wunder für den Europäer. Von den malaiischen Dienern hätte es wohl mancher nachmachen können.

»O, daß so etwas in meinem Hause passieren muß!« jammerte der Gouverneur, denn dem Professor konnte man nichts vormachen, der betrachtete schon durch Brille und Klemmer das Korpusdelikti. »Ich habe aber schon immer der Begumin gesagt, diesem Dekka sei nicht zu trauen, er hat einen so falschen Blick – nein, gerade dieser ... o, diese scheinheiligen Malaien, ihr – ihr ...«

Krach, patsch – zwei malaiische Diener hatten ihre Ohrfeigen weg, natürlich gerade die allerharmlosesten.

Doch sie waren die Blitzableiter der zornigen Verzweiflung ihres Herrn gewesen. Dieser raffte sich zusammen.

»Herr Professor, machen Sie mich nicht verantwortlich!« sagte er, beide Hände auf dem Herzen.

»Aber bitte, Exzellenz!« – Der Professor hatte jetzt den Dolch aufgenommen und beäugelte ihn durch seine doppelten Brillengläser. Diesem Manne konnte nichts weisgemacht werden, der kannte die indischen Verhältnisse doch noch viel besser als der Generalgouverneur. »Hm, der Kerl hat mich berauben wollen, und falls ich erwacht wäre und er nicht rechtzeitig entkommen konnte, wäre mir mit diesem vergifteten Dolche ein Stich zugedacht gewesen, der meinen augenblicklichen Tod herbeigeführt ...«

»Um Gottes willen, Herr Professor!«

»Na, anders ist es doch nicht, das liegt doch klar auf der Hand. Der Kerl hat sich, als er unter das Sofa kroch, aus Versehen selbst in den Arm gestochen. Hm, seltsam, höchst seltsam!«

Dann wandte sich der Professor schnell dem Gouverneur zu.

»Wissen Sie, was dabei seltsam ist? Das ist nämlich schon der achte Fall.«

»Was für ein Fall?«

»Daß man mich mit Gift bedroht, und daß der Betreffende selbst an dem Gifte stirbt, das er mir zugedacht hat. Tatsache! Glauben Exzellenz an Weissagen aus der Hand, wie es die Zigeuner machen?«

Vor allen Dingen war Exzellenz froh, daß sein Gast die Sache so kaltblütig auffaßte und dem ganzen gleich eine andere Wendung gab.

»Ja, ja, ich bin gegen alles Gift gefeit!« versicherte der Professor, und er erzählte, sich der malaiischen Sprache bedienend, eine längere Geschichte, welche wir an dieser Stelle nicht wiedergeben wollen, weil wir sie noch einmal beim Frühstück zu hören bekommen.

Jedenfalls war dieselbe etwas für die Malaien, die mit ehrfürchtigem Staunen zuhörten, während ihr Kollege noch am Boden lag.

»Faktum,« schloß der Professor seinen wahren Bericht. »Ich habe zuerst natürlich selbst nicht daran glauben wollen, aber ... das ist nun schon der achte Fall, in dem die Prophezeiung der Zigeunerin eintrifft.«

Die Leiche wurde fortgeschafft, auch der Graf war wieder tätig.

»Wie ist Dekka Soliman zu dem Gift gekommen? Keiner von euch betritt die Dienerwohnungen! Es wird sofort eine Haussuchung abgehalten!«

»Armer Mann,« murmelte Nobody, als er allein war und sich ankleidete, »untersuche einmal die Schubladen deiner Frau, vor der du kein Geheimnis zu haben brauchst – da dürftest du manches finden, was dich sehr überraschte, und wenn es auch nur solche flache Gespenstersteine wären!«

Wie würde die Begumin den Tod ihres Abgesandten aufnehmen? Was hatte sie überhaupt wohl für eine Nacht gehabt? Es war ausgeschlossen, daß sie vor Tagesanbruch den Malaien mit der Meldung erwartet hatte, daß der ›Naddik‹ seinem vergifteten Dolche zum Opfer gefallen sei. Sie hatte bis zum Morgen warten müssen, und Nobody traute der jungen Frau solch eine Energie zu.

Deshalb glaubte er auch nicht, daß man während der Nacht die Fenster seines im ersten Stock liegenden Zimmers beobachtet hatte. Man hätte höchstens das momentane Blitzlicht bemerken können. Diese Diener hier, die er jetzt gesehen hatte, wußten wenigstens von gar nichts.

Nobody war eben fertig mit Ankleiden, als ihm ein Diener meldete, die Begumin bitte den Herrn Professor zum Frühstück.

Wie? Sie wollte ihm persönlich noch einmal begegnen? Er wußte, was sie von ihm wollte, seine List war geglückt, der Graf hatte ihr jene Geschichte erzählt, sie wollte sie noch einmal aus seinem eignen Munde hören – aber daß sie deshalb wagte, ihn noch einmal als ihren Gast zu begrüßen, ihn, von dem sie wußte, daß er hinter ihre Schliche gekommen war, den Mann, der durch einen Zufall dem von ihr abgesandten Mörder entgangen war, das hätte Nobody doch nicht geglaubt, und gerade das zeigte ihm, mit was für einem gefährlichen Weibe er es zu tun hatte.

Zuerst hatte er noch eine Unterredung mit dem Wachtmeister Keller, der noch einmal nach dem unteren Batavia hinab wollte, mußte er doch auch eine neue Uniform ›fassen‹, dann schrieb der Professor einige Briefe, und hierauf begab er sich nach den Gemächern der Prinzessin, wo das Frühstück eingenommen wurde, wobei diesmal ein Dutzend Malaien bediente.

Wahrhaftig, die junge Frau brachte es fertig, ihrem Gaste ganz unbefangen ins Auge zu sehen und mit geläufiger Zunge von ihrem Schreck und ihrer Freude zu sprechen, daß er in einer so großen Gefahr geschwebt habe und so wunderbar daraus errettet worden sei.

»Ist es wahr, Herr Professor? Sie haben meinem Gatten eine so seltsame Geschichte erzählt, von einer Prophezeiung ...«

»Gewiß, gnädigste Prinzessin! Kennen Sie die Leute, welche wir Zigeuner nennen?«

»O, ich habe dieselben in Frankreich gesehen, sie treiben Chiromantie.«

»Nun, als ich in Amsterdam studierte, kam einmal, als wir Studenten im lustigen Kreise saßen, eine alte Zigeunerin, die uns aus der Hand wahrsagen wollte. Gut, wir gingen des Spaßes halber darauf ein. Jeder bekam ein Sprüchlein zu hören, von Ehre, Ruhm, reicher Heirat, langem Leben und dergleichen, manchmal las sie, um die Sache wahrscheinlicher zu machen, aus den Handlinien auch etwas Schlimmes heraus. Zuletzt kam ich an die Reihe. Ich erklärte, keine Lust zu haben, meine Zukunft zu wissen, die ein weiser Gott mit seinem Schleier verhüllt – na, die alte Hexe sollte mir sagen, welch eines Todes ich dereinst sterben würde. Sie betrachtete lange meine Hand und sagte dann mit feierlichem Nachdruck, das erste Wort betonend: ›Du ... stirbst nicht an Gift, sondern der andere!‹ Wir lachten. Die Prophetin hatte sich die Sache sehr leicht gemacht, sie hüllte ihre Orakel überhaupt immer in mystisches Dunkel, worin ja auch schon die Priesterin zu Delhi groß gewesen sein soll.

Kurze Zeit darauf passierte mir eine eigentümliche Geschichte, nein, eine furchtbar tragische. Ich büßte dabei meinen besten Freund ein. Ich studierte Chemie, bereitete mit einem Kollegen zusammen ein langwieriges Experiment vor, welches die Untersuchung des gelben und roten Blutlaugensalzes betraf. Da sich dabei vorübergehend Cyanwasserstoff entwickeln konnte – Sie wissen, das ist die furchtbare Blausäure – wurde im Giftraum gearbeitet. Wir lösten uns gegenseitig ab, jeder hatte vier Stunden lang durch die Glasfenster das Fortschreiten der chemischen Operation zu beobachten, von Zeit zu Zeit verschiedene Säuren nachzugießen und Handgriffe zu verrichten. Eines Morgens wurde ich auf dem Wege zum Laboratorium von einem Wagen überfahren, kam bewußtlos ins Hospital. Ich erholte mich schnell, ging aber doch erst nachmittags ins Laboratorium. Da erfuhr ich das Schreckliche. Mittags um zwölf war mein Kollege in dasselbe gekommen – eine halbe Stunde später fand ihn der Diener tot vor dem offenen Fenster des Giftraumes. Wie die Untersuchung ergab, war in den Apparat eine Lösung gegossen worden, welche eine lebhafte Entwicklung von Blausäure hervorrufen mußte. Mein Freund hatte sie eingeatmet.«

Der ›Herr Professor‹, der so wunderbar glaubhaft zu lügen verstand, der sich gleich einmal von einer Droschke oder einem Kinderwagen überfahren ließ, spielte nachdenklich mit Brotkrümelchen.

»Wer hat denn die Lösung hineingegossen?« fragte der Graf, dem das vorhin nicht so ausführlich erzählt worden war.

Der Professor antwortete nur mit einem Achselzucken.

»Doch Ihr Kollege selbst!«

»Ich konstatiere nur, daß er nicht gewußt hat, daß ich am Morgen gar nicht im Laboratorium gewesen bin.«

»Da hat er also geglaubt, Sie hätten das Fenster aufgemacht, aber Sie seien nicht vergiftet worden, die Blausäure habe sich nicht entwickelt.«

»Hatte Ihr Kollege denn einen Grund, Sie zu vergiften?« fragte die Prinzessin, die schon immer große Augen gemacht hatte.

»Er war mein Freund. Ich hielt ihn sogar für meinen besten Freund. Hinterher freilich erfuhr ich, daß er ... hm, er soll eine gleiche Neigung wie ich gehabt haben ... Eifersucht ... ich will gar nicht mehr daran denken. Den zweiten Fall erlebte ich hier in Indien.«

Wir selbst wollen nicht zu ausführlich werden. Dem in Sumatra reisenden Gelehrten war aus dem Hinterhalt ein Giftpfeil zugedacht worden. Eingeborene hatten es auf sein Gepäck abgesehen gehabt. Der Pfeil verfehlte sein Ziel, traf dafür einen malaiischen Diener, in dem der Räuber seinen Sohn erkannte. Alles vergessend, stürzte er hervor, wollte demselben die Wunde aussaugen, hatte selbst eine an der Lippe, auch er fand seinen Tod.

Das war so glaubwürdig erzählt, mit allen Einzelheiten ausgeschmückt, daß man unmöglich daran zweifeln konnte. Und überhaupt, Professor Berneveld log doch nicht!

Beim dritten Gang des opulenten Frühstücks erzählte Nobody den dritten Fall, ebenfalls in Indien spielend, wie man den Gast, bei dem man Schätze vermutete, mit einer Tasse Tee vergiften wollte, die Tassen wurden verwechselt, der Uebeltäter selbst war es, der mit einem Male alle viere von sich streckte.

Der vierte Fall, beim vierten Gang erzählt, war ein ganz ähnlicher wie dieser hier, der fünfte, da hatte sich der Meuchelmörder aus Versehen selbst mit dem vergifteten Dolch gestochen, nur nicht in den Arm, sondern ins Bein ... und so kamen mit jedem Gange noch zwei andere Fälle, und als der Nachtisch aufgetragen wurde, da erzählte Professor Berneveld, wie ihm von einer ihn tödlich hassenden Feindin eine vergiftete Torte zugedacht worden war, aber die Dame hatte sich vergriffen, der Herr Professor ließ sich die Vanillentorte gut schmecken, die alte Dame hatte das Rattengift gefressen.

»Ja, ja, man sollte es gar nicht glauben,« meinte Professor Berneveld, »und das ist hier nun der achte Fall.«

Und wie die Mäuschen hatten die vielen malaiischen Diener der Erzählung gelauscht, immer größer waren die Augen der Prinzessin geworden, und der Gedankenleser blickte hinter diese braune Stirn.

»Warte, Luder,« dachte er vergnügt, »du versuchst nicht nochmals, mir Gift beizubringen, davor habe ich mich jetzt gesichert, und wenn du selbst nicht dafür sorgst, daß die Erzählung weitergetragen wird, daß ich gegen Gift gefeit bin und der abgeschossene Pfeil auf den Schützen zurückfliegt, dann besorgen es diese geschwätzigen Diener.

Ja, es war ein schlaues Stückchen gewesen, was Nobody da ausgeführt – es hatte zwar ein Menschenleben gekostet, aber er brauchte sich keine Vorwürfe zu machen, machte sich auch keine, er war mit seinem Gewissen ins reine gekommen, ehe er die Tat ausführte – er hatte nur ein giftiges Gewürm zertreten.

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