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Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band

Robert Kraft: Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band - Kapitel 4
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDetektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band
publisherH.G. Münchmeyer
correctorreuters@abc.de
senderGeorge Huberty
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3. Das Unfaßbare

Es war nachmittags gegen zwei Uhr, die Sonne brannte so fürchterlich, daß ich beinahe glaubte, mein Gehirn müsse schmelzen.

Ich beschloß, ein Bad zu nehmen, doch kein gewöhnliches, sondern ich wollte das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, und zwar in doppelter Hinsicht: ich wollte zum ersten Male im Titicaca-See mein Taucherkostüm probieren, das ich im Boote mitgenommen hatte.

Ich meine, zum ersten Male wollte ich auf den Grund des heiligen Sees hinabsteigen. Probiert hatte ich den selbsttätigen Tauchapparat schon, den ich für meine eigne Erfindung hätte ausgeben dürfen, wenn ich auch keinen Anspruch darauf machte. Ich hatte an jenem Apparat, wie ich ihn auf der Magnetinsel benutzte, fast ein ganzes Jahr gearbeitet, viel verbessert, viel Neues hinzugebracht – er hatte nur in seinem Aeußeren noch Aehnlichkeit mit jener Erfindung des amerikanischen Ingenieurs. Vor allen Dingen bin ich es gewesen, der diesen Apparat zum Gebrauch unter Wasser verwendbar gemacht hatte, indem sich jetzt die Luftzufuhr bei wechselndem Druck selbsttätig regulierte. Ich hatte dem Ingenieur Mr. Harry Bulwer meine Erfindung mitgeteilt, ohne Anspruch auf ein Patent zu erheben. Nevermind.

Außerdem hatte ich an meinem eignen Apparat noch einige andre Verbesserungen angebracht: die Luftbombe speiste zugleich eine Petroleumlampe mit intensivem Scheinwerfer; trotzdem lieferte die Bombe jetzt für fünfzehn Stunden Luft; ich konnte die Bleiplatten durch einen Federdruck von den Stiefelsohlen ablösen, um sie an Land einstweilen in die Hand zu nehmen; durch Schließen des Ausstoßventils wurde ich sofort in die Höhe gehoben und hatte inzwischen dennoch atembare Luft – und die Hauptsache war doch schließlich die, daß ich mich auf meinen selbstgefertigten Apparat mit absoluter Sicherheit verlassen konnte. Er gestattete das Erreichen einer Tiefe wie die gewöhnlichen Tauchapparate am Luftschlauch, also eine solche von dreißig Metern, höchstens bis zu vierzig Metern, wie das ja überhaupt ganz auf die Konstitution des Tauchers ankommt. Doch sei bemerkt, daß ich in diesem See noch etwas tiefer dringen konnte, weil derselbe ja 4000 Meter über der Meeresoberfläche liegt, so daß also auch der Luftdruck auf den Wasserspiegel ein viel geringerer ist. Allerdings konnte der Unterschied nur wenige Meter betragen.

Ich hatte die Proben im New-Yorker Hafen ausgeführt, der wegen seines schlammigen Wassers berüchtigt ist. Sonst hatte ich bisher noch keine Gelegenheit gehabt, meinen Apparat praktisch zu verwerten. Aber nun hier am Titicaca! Wenn ich auch nicht hoffen durfte, etwas Besonderes zu entdecken – an die Tempelschätze dachte ich gar nicht – so brannte ich doch vor Begierde, auf dem Grunde des heiligen Sees spazieren zu gehen – – und dabei wurde in dem kühlen Wasser zugleich auch das Brennen meines Kopfes gelöscht.

So packte ich das Kostüm aus und legte es an, über den Anzug, nicht einmal der Stiefel brauchte ich mich zu entledigen, auch sie blieben in einem Gummiüberzug vollkommen trocken.

Die Luftzufuhr funktionierte; ich schritt dem Wasser zu, es schlug über meinem Kopfe zusammen.

O, dieses Gefühl, welches der Taucher hat, wenn er über den Meeresgrund dahinwandelt, dahinschwebt! Es läßt sich mit nichts vergleichen. Der Flugapparat muß erst erfunden werden, und ich kann mir nicht denken, daß dieses Fliegen in der Luft ohne große Kraftanstrengung und ohne viel Schweiß abgehn wird. Aber im Wasser, da verwandelt sich der Mensch wirklich zum Vogel in der Luft! Und mich behindert kein Luftschlauch, keine Signalleine!

Mit sprungartigen Schritten strebte ich vorwärts, auf ebenem Grunde, bergauf und bergab. Verschwunden war das irdische Gewicht, der schwere Taucheranzug war zum leichten Flügelkleide geworden. Ein tiefes Tal senkte sich jäh hinab. Ich brauchte nicht zu klettern, ich hätte die hundert Meter hinabspringen können, aber auch das war nicht nötig. Ich setzte einfach meinen Weg geradeaus fort, um den jenseitigen Hügelkamm zu erreichen. Wie ich in der Mitte des Tales hoch über dem Abgrunde schwebte, erblickte ich unter mir auf dem Grunde etwas Quadratisches, ich dachte an einen Sarg – ich mußte es besichtigen – gut, ich ließ einfach etwas überschüssige Luft ausströmen, und sofort sank ich wie ein Stein hinab.

Es war nur ein unbehauener Steinblock, nichts weiter. Jetzt behielt ich überschüssige Luft zurück; sofort stieg ich wieder empor, bis ich, mich in gleicher Höhe mit dem Hügelkamm befindend, meinen unterseeischen Weg in der Luft fortsetzte.

»In der Luft,« sage ich. Nämlich das Gefühl, ein Fisch zu sein, hat man weniger. Man kommt sich mehr wie ein im Aether schwebender Vogel vor.

Allerdings muß dieses Schweben gelernt sein. Schon das Gehn auf festem Grunde bietet viele Schwierigkeiten. Der Neuling schnellt bei jedem Schritte trotz der schweren Bleisohlen viele Meter hoch empor und kommt doch nicht von der Stelle; es ist ein ganz eigenartiges Gehen dazu nötig, und erst recht will das Vorwärtsschweben gelernt sein, wenn man gar keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Da müssen die Hände mit einer eigentümlich drehenden Bewegung mithelfen.

Nun, ich konnte es, ich hatte es schon genug geübt.

Das Wasser dieses Bergsees ist äußerst klar. Wie ich ausmaß, konnte ich auf eine Entfernung von dreißig Metern noch jeden Gegenstand unterscheiden, und das will unter Wasser etwas heißen. Wenn man oben vom Boot aus so wenig tief blicken kann, so kommt das daher, weil der Boden überall schwarz ist und alle Lichtstrahlen absorbiert. Ich meine also die horizontale Durchsichtigkeit, welche so groß ist. Und als ich von einer Tiefe von hundert Metern sprach, in welcher ich den Steinblock liegen sah, den ich für einen Sarg hielt, so war das nur eine Täuschung. So tief konnte ich ja auch gar nicht sehen. Das waren kaum zehn Meter gewesen.

So dürftig wie auf der Puna war auch der Pflanzenwuchs hier unten, und das im Verhältnis von der Erde zum Wassergrund. Hohe Pflanzen, wie sie besonders den tropischen Meeresgrund schmücken, fehlten hier ganz. Nur mit einer Art von Moos war der schwarze Boden überzogen. Ebenso waren Muscheln sehr spärlich vertreten. Dagegen umschwärmten mich Fische in überreichlicher Fülle, betrachteten mich neugierig und schossen wie ein Blitz davon, vom Gründling an bis zum größten Lachs.

Hierbei sei für den, welcher Tauchapparate kennt, bemerkt, daß das Glas in meinem Helm nicht konvex war, wie es sonst bei den Taucherhelmen der Fall ist, infolgedessen der Taucher eine Sardine für einen Haifisch ansieht, bis er sich daran gewöhnt hat, seine vor das Glas gehaltene Hand in Riesengröße zu erblicken. Ich sah alles in natürlicher Größe.

Immer weiter ging es über Berg und Tal. Es war herrlich, so in dem kühlen Wasser über den moosbedeckten Boden dahinzuschweben. Ich spielte wie ein Kind, wie ein flügge gewordener Vogel, der sich zum ersten Male aus dem Neste wagt.

Ein Blick nach der wasserdichten Uhr am Handgelenk belehrte mich, daß ich nun schon zwei Stunden unter Wasser war. Wo befand ich mich? Ich war immer nach Osten gewandert, das sagte mir der am Gürtel in horizontaler Lage hängende Kompaß. Aber wie weit ich mich schon von jener Insel entfernt hatte, das wußte ich nicht. Was hatte das auch zu sagen? Um mich zu orientieren, brauchte ich mich nur zu erheben und den Kopf über die Wasserfläche zu stecken. Und wenn ich nun da keine Insel mehr sah?

Du lieber Gott, an solche Fragen dachte ich gar nicht! Ich hatte ja noch gute dreizehn Stunden Zeit zur Rückkehr, und ich bin überhaupt kein solch sorgenschwerer Charakter, der sich durch ängstliche Fragen den Genuß des Augenblickes verderben läßt.

Also immer weiter gewandert, geschwebt, geflogen! Der Grund wurde eben, nur daß er sich etwas senkte. Ich amüsierte mich mit riesigen Sprüngen, kam außer Atem. Da merkte ich, wie dieser mir recht schwer ward, in meinen Ohren begann es zu sausen. Wie tief war ich denn? Am Gürtel hing das Manometer, das nach dem Luftdruck eine sofortige Ablesung der Wassertiefe gestattete, eingestellt auf Null für die Höhe des Wasserspiegels des Titicaca.

Donnerwetter, 37 Meter tief! Ganz unbemerkt war ich so tief geraten, die leichte Senkung der Ebene täuschte. Daß es um mich herum immer dunkler geworden war, hatte ich nicht bemerkt, weil sich meine Augen an die langsame Zunahme der Dunkelheit gewöhnten. Ich konnte noch ebenso sehen wie zuerst.

In einiger Entfernung vor mir, wie ich im Zwielicht gewahrte, öffnete sich eine Schlucht, und in diese wollte ich erst noch einmal hinabblicken, ehe ich den Rückweg aus dieser gefährlichen Tiefe, die mir schon Beklemmung verursachte, antrat. So lange hielt ich es schon noch aus.

Mit wenigen Sprüngen hatte ich den Rand erreicht. Es war eigentlich keine Schlucht, wenn man unter einer solchen eine Bodensenkung mit jähen Wänden versteht. Sie senkten sich mit mäßiger Steilheit hinab, dann freilich in unergründlichem Dunkel verschwindend.

Aber mein Auge versuchte nicht, dieses Dunkel zu durchdringen; wie gebannt hing es an einer Stelle, die etwa nur vier Meter unter mir lag – denn da – heiliger Gott! – wie diese dicke Schlange auch noch in dem Zwielichte glänzte und gleißte ... ich hatte die goldene Kette der Inkas gefunden!!

Es war ihr Anfang oder ein Ende. Ich sah die gelbe Schlange noch weiter hinablaufen, bis sie sich im Dunkel verlor. Was ich in diesem Augenblicke der Entdeckung dachte, vermag ich nicht zu schildern. Der Herzschlag stockte mir. Schnell war ich die wenigen Meter hinab, ich bückte mich, meine Hände befühlten sie – es war keine Vision!

Sie war vollkommen blank. Schlamm fehlte hier gänzlich; auf dem Golde hatte sich kein Mooshälmchen, keine Muschel angesetzt. Von dieser goldenen Kette, welche die Hafeneinfahrt zu der heiligen Insel gesperrt haben sollte, existiert keine nähere Beschreibung. 200 Meter lang und so dick wie ein Mannesschenkel – so geht die Sage. Infolgedessen hatte ich mir ein falsches Bild von ihr gemacht, hatte sie mir nur aus einzelnen, zusammenhängenden Gliedern, gedrehte oder runde Ringe, vorgestellt, und nun sah ich, daß sie aus einer vierfachen Reihe von Gliedern bestand! Eine überaus kunstvolle Arbeit!

Was diese goldene Kette von 200 Meter Länge wert war? Das Pfund Münzgold kostete zurzeit 1000 Mark. Und schlechtes Gold werden die alten Inkas zur Fertigung ihres Heiligtums wohl nicht verwendet haben. Zur Schätzung des Wertes der ganzen Kette mußte ich wenigstens das Gewicht eines gewissen Teiles kennen, eines Meters.

Aber vergebens mühte ich mich ab, auch nur das letzte Ende der Kette zu heben. Bewegen konnte ich es, doch nicht heben, obgleich das Gewicht eines Gegenstandes im Wasser viel geringer wird. Schon die ersten der vierfachen Glieder mußten viele Zentner wiegen.

Angenommen nun, ein einziger Meter wog acht Zentner, so wäre die ganze Kette 150 Millionen Mark wert gewesen. Wahrscheinlicher aber betrug der Wert das Doppelte, das Dreifache! Und das hier war kein imaginärer Wert, wie ihn Perlen und Edelsteine schließlich doch nur besitzen, das war wirklich so gut wie bares Geld! 150 ... 300 Millionen!!

Aber vielleicht noch mehr erregte mich schon das Wort »die Kette der Inkas«. Ich, ich hatte sie gefunden! Und wäre dieses mysteriöse Heiligtum aus Eisen gewesen, mich hätte jedenfalls keine geringere Erregung gepackt. Ich hatte es gefunden! Doch immerhin, ich bin ein Mensch, und die zivilisierte Menschheit hat von jeher alle käuflichen Werte nach Gold abgeschätzt und wird es wohl auch bis zur Vernichtung dieser Erde tun. Gold ist das Universaltauschmittel, mit welchem der Jüngling seine frohe Genußsucht befriedigt, mit welchem sich der Mann Ehre einhandelt, der Greis Ruhe. Gold ist die größte Macht dieser Erde, in der Hand des Bösen zum Fluche gereichend, in der Hand des Guten und Weisen zum Segen.

Ich war erschüttert. Ich war von Sinnen. So von Sinnen war ich, daß ich wissen mußte, ob die Kette wirklich so lang sei; ich wollte sie verfolgen, ihr andres Ende sehen – und indem ich weiter hinabstieg, war ich verblendet.

Da leuchtete es unterhalb meiner Füße noch in andrer Weise auf – ein Goldberg war es, der mir entgegengleißte – und das war auch nicht etwa die Kette, die hier zusammengerollt dagelegen hätte – nein, ich unterschied einzelne Gegenstände – einen Eimer – oder vielleicht einen großen Kelch – und das dort war offenbar die goldene Statue eines Götzen ... ich hatte die Stelle gefunden, wo die alten Peruaner ihre Tempelschätze versenkt hatten!!

Zum Glück für mich war mein Gefühl stärker als meine Vernunft. In dem Augenblick, da es mir zum Bewußtsein kam, die goldenen Heiligtümer zu sehen, fühlte ich, wie mir das Blut zum Kopfe stieg, ich glaubte, es müsse mir aus den Augen spritzen; es war mir, als ob mein Kopf von eisernen Schrauben zusammengepreßt würde – und da erkannte ich die Gefahr, ich erschrak, ich hatte keine Zeit, erst das Ventil zu schließen, mit weiten Sätzen entfloh ich der Tiefe, deren furchtbarer Druck mich zusammenzuquetschen drohte.

Wie tief ich mich schon befunden hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls fühlte ich die Erleichterung, die bei jedem nach oben führenden Sprunge eintrat, außerdem ging es so, wenn ich mich bei jedem Tritt vom Boden abstoßen konnte, viel schneller, als wenn ich durch die Hebekraft der Luft emporstieg. Bald hatte ich den Rand der Schlucht wieder erreicht, und ...

Ich erstarrte zur Statue. Da stand auf dem Boden des Sees noch ein andrer Mensch, ein andrer Taucher! Zwischen uns war eine Entfernung von vielleicht nur sechs Metern, und das war gering genug, daß ich ihn ganz deutlich sehen konnte. So unbeweglich wie ich stand er da, ganz genau so wie ich war er gekleidet, ganz genau dasselbe Taucherkostüm, ganz genau dieselben Apparate am Gürtel und schließlich ganz genau dasselbe ...

Ich brach unter meinem Helm in ein herzliches Lachen aus. Das war ja nichts weiter als mein Spiegelbild! Sah ich doch auch hinter der Glasscheibe, so dick diese auch war, mein eignes Gesicht.

Doch schnell wich das Lachen dem Staunen, dieses dann dem Nachdenken.

Wie in aller Welt kam dieses Spiegelbild denn zustande? Das mußte mit einer Brechung der Sonnenstrahlen zusammenhängen – aber auf welche Weise, das war mir ein Rätsel.

Ich hob den Arm – mein Spiegelbild natürlich ebenfalls. Ich ließ den Arm wieder sinken – und mein Spiegelbild ...

Ich überlasse dem, welcher dereinst mein Tagebuch in die Hände bekommt, darüber zu denken, was er will. Ich versichere nur, daß ich hier kein Märchen erdichte, sondern meine wahren Erlebnisse niederschreibe. Außerdem werde ich dann später eine Erklärung geben, die übrigens sehr nahe liegt, wenigstens was diese Erscheinung hier anbetrifft. Dann werde ich auch noch von andern Sachen berichten, für welche mein Menschenverstand keine Erklärung findet, da kann es nur heißen: ich glaube. Ob es der einstige Leser meines Tagebuches glaubt oder nicht, ist mir ganz gleichgültig.

Also mein vermeintliches Spiegelbild behielt die Hand oben, welche ich wieder gesenkt hatte, und mit dieser Hand winkte es mir.

Man stelle sich vor – es ist ja unmöglich, aber man stelle es sich einmal vor, so etwas passiere einem vor dem Spiegel, und es braucht nicht gerade um Mitternacht in einer einsamen Kirche zu sein, wird es einem da nicht eiskalt ans Herz greifen? Nun, ich befand mich so gegen fünfunddreißig Meter unter der Wasseroberfläche, nur von Fischen umgeben, in grüner, unheimlicher Beleuchtung, und bei mir wurde das Unmögliche zur Tatsache, ich träumte doch nicht, ich war vollkommen bei Bewußtsein – und deshalb darf man glauben, daß auch mir eine eiskalte Hand ans Herz griff.

Die Gestalt winkte wieder, und als fände sie es ganz selbstverständlich, daß ich ihr folge, wandte sie sich um und schritt mit dem schwebenden Gange des Tauchers davon.

Ich raffte mich auf. Gespensterfurcht und alles war gewichen. Das war ganz einfach ein Mensch, der ein ebensolches Taucherkostüm wie ich besaß. Daß ich mein eignes Gesicht gesehen haben wollte, war nur Täuschung gewesen. Die Glasscheibe war sehr dick, das Wasser grün, dieses Zwielicht – und ich hatte eben zuerst an mein Spiegelbild gedacht.

Ich folgte. Eine Stunde lang ging es immer an dem Rande der Schlucht entlang, dem Norden zu, ich immer sechs Schritte hinter dem andern her.

Solch eine Stunde ist eine gar lange Zeit, und in dieser habe ich gar viele Entschlüsse gefaßt – ohne sie auszuführen. Ich wollte auf jenen zueilen, was doch auch sehr nahe lag, ihn anhalten, ihn fragen. Ich tat es nicht. Einmal hätte ich mich schwerlich mit ihm verständigen können, die dicke Glasscheibe in dieser Tiefe dämpfte jeden menschlichen Laut, eine Schreibtafel hatte ich nicht bei mir, und ... ich wollte eben sehen, wohin der Kerl mich führen würde, was daraus noch werden sollte.

Einmal, gleich im Anfang, ich gestehe es ganz offen, wandelte mich die Lust an, nein, eine förmliche Wut, mich auf meinen Führer zu stürzen und ihn zu töten, ihm mein Messer in den Rücken zu stoßen. Denn der wußte natürlich auch von der Kette der Inkas und den Tempelschätzen.

Die Wut wurde mannhaft wieder gebändigt. Ich folgte.

Es ging langsam wieder bergauf, und bei einer Tiefe von ›nur‹ zwanzig Metern – man denke dabei an ein vierstöckiges Haus – wurde die ›Gegend‹ hügeliger, und plötzlich tauchten vor mir Gebäude auf, in jener pyramidenähnlichen Form gehalten.

Es ist ja ausgeschlossen, daß die alten Peruaner solche Gebäude unter Wasser aufgeführt haben. Wohl aber kann man an ein vulkanisches Ereignis denken oder an eine Unterspülung – jedenfalls hatten diese Häuser dereinst auf einer Insel gestanden, waren im See versunken.

Ich sagte: sie tauchten plötzlich vor mir auf. Sogar sehr plötzlich. Man konnte ja eben nur dreißig Meter weit sehen.

Da blieb mein Führer vor einem Eingange stehn, wandte sich zum ersten Male nach mir um, erhob winkend die Hand und war in dem Hause verschwunden.

Jetzt erst fiel mir etwas auf – wiederum ein Rätsel. Also zum ersten Male hatte er sich nach mir umgewandt. Wie hatte er denn wissen können, ob ich ihm auch wirklich immer folgte?

Doch ich grübelte jetzt nicht über die Lösung dieser Frage nach. Auch ich betrat den Eingang, aus meiner Blendlaterne einen Strahl voraussendend.

Wie ich jetzt erkannte, war es kein eigentliches Haus, sondern nur ein überbauter Gang, wie ihn alle diese peruanischen Tempel besitzen, mehr oder weniger lang. Man muß ihn erst wie einen Tunnel passieren, ehe man in das Innere des Tempels gelangt.

Meinen unterseeischen Führer sah ich nicht mehr. Ich beschleunigte die Schritte, allein er wollte nicht wieder in den Bereich des Blendstrahls kommen. Trotzdem setzte ich meinen Weg in dem Tunnel fort, kam an eine Treppe, stieg hinauf, sie brach ab, ich bekam Sand unter die Füße, es wurde heller und immer heller, und mit einem Male steckte ich meinen Helm über die Wasserfläche empor.

Im Scheine der sich dem Horizonte nähernden Sonne watete ich vollends ans Ufer, sofort erkennend, wo ich mich befand. Es war eine Insel, die ich schon bei meinem vorigen Besuche des Titicaca betreten hatte, sie als Zwischenstation auf meiner Schwimmtour benutzend. Sie war noch weniger als andre Inseln zum Ausstreuen der Pflanzensamen geeignet gewesen, denn sie war über und über mit Steintrümmern bedeckt. Gerade auf dieser Insel hatten die einstigen Gebäude im Laufe der Zeit am meisten gelitten, oder wahrscheinlicher waren sie von Menschenhänden zerstört worden. Von Ruinen konnte man gar nicht mehr sprechen, die mächtigen Quaderblöcke lagen bunt durch- und übereinander.

Wo aber war mein unterseeischer Kamerad? Nicht zu erblicken. Wenn er die Insel betreten hatte, so konnte er keinen andern Weg genommen haben, der Tunnel besaß keine seitlichen Abzweigungen, darauf hatte ich geachtet.

Vor allen Dingen mußte ich nach Spuren suchen, und da das dicke Glas mein Auge doch sehr behinderte, so schraubte ich den Helm los und nahm ihn ab.

Augenblicklich fiel mir ein Geruch nach gebratenen Fischen auf, ich hörte auch ein Zischen, ich wandte den Kopf und ...

»Gott mit dir, mein Bruder,« begrüßte mich auf englisch eine tiefe, wohllautende Stimme.

Nur wenige Schritte seitwärts von mir, unter einem Dache, das von einer über zwei Quadern liegenden Steinplatte gebildet wurde, saß ein Mann. Ich will ihn erst beschreiben, was auch ganz angebracht ist, da sich mir sein Aeußeres und seine Umgebung im ersten Augenblicke unauslöschlich einprägten.

Es war ein arabischer Beduine. Zu diesem Urteil kam ich nicht etwa durch den weißen Burnus, den er trug; der beeinflußte mich gar nicht. Aber diese edlen, stolzen Züge des braunen Gesichtes, dabei so ruhig, sogar sanft, auch etwas melancholisch – diese Adlernase, diese runden, schwarzen Augen mit dem Adlerblick – das war der Beduine Arabiens aus dem Stamme der Beni Kader, aus dem die Kalifen hervorgehn, der die direkten Nachkömmlinge der Stuten Mohammeds besitzt. Ich kannte diesen Stamm, ich hatte unter ihnen gelebt, und das war solch ein Beduine, oder alles trügte. Er war noch im Vollbesitze seiner Kraft, obschon der schwarze Schnurrbart und das kurze Kopfhaar grau durchzogen waren.

Wie in aller Welt kam der Sohn Arabiens hierher?

Zunächst machte ich noch andre Entdeckungen, die mich nicht minder überraschten.

Er kauerte nicht nach orientalischer Art, sondern saß auf einem stuhlhohen Steine. Vor ihm am Boden stand ein eiserner Dreifuß, darauf eine große Pfanne, in der er Fische briet, und in dem Augenblick, als er mich mit jenen Worten begrüßte, war er damit beschäftigt, zwei irdene Teller, die neben ihm standen, aus der Pfanne mit Fischen zu füllen.

Doch was für eine Flamme war das, welche die Pfanne erhitzte? Sie kam gelbleuchtend in Fingerstärke aus einer Spalte des Bodens hervor, nicht anders als eine Gasflamme, sich unter der Pfanne verbreiternd, auch noch darüber zusammenschlagend, so kräftig war sie.

Diese aus dem Boden kommende Flamme war mir vielleicht das allergrößte Rätsel, mehr noch als der arabische Beduine auf einer Insel des Titicaca-Sees. Nun, er ließ ja mit sich sprechen, jetzt winkte er mir auch. Ich trat näher.

»Gott mit dir, mein Bruder!« wiederholte er, die geleerte Pfanne vom Dreifuß nehmend, so daß die Flamme jetzt frei in die Höhe ging, etwa einen halben Meter hoch. Dann deutete der Beduine, ohne aufzustehn, auf einen ihm gegenüberliegenden Stein, auf den er den zweiten Teller mit Fischen gestellt hatte.

»Komm, setze dich, du wirst Hunger haben, teile mit mir mein Abendessen!«

Aber ich folgte der Einladung noch nicht. Man kann sich vielleicht denken, was in mir vorging. Ich sah mich immer mehr vor etwas Unfaßbarem stehn.

»Wer bist du?«

»Ein Mensch wie du.«

»Wie kommst du hierher?«

»Ich befinde mich schon lange auf dieser Insel.«

»Was machst du hier?«

»Ich habe auf dich gewartet.«

»Auf mich? Auf mich?!« konnte ich nur wiederholen.

»Auf dich.«

»Weißt du denn, wer ich bin?«

»Ein Mann ohne Namen – ein Niemand – ein Nobody.«

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß noch mehr von dir.«

»Was?«

»Ich weiß noch mehr über dich, Prinz Alfred.«

Himmel! Hier auf einer Insel im weltverlassenen Titicaca-See, ein Beduine!

»Und du hast mich hier erwartet?«

»Du sagst es.«

»Woher weißt du, daß ich mich hier befinde?«

»Gott hat es mir gesagt.«

»Was für ein Gott?«

»Es gibt nur einen Gott.«

»Du bist ein Araber.«

»Ich bin ein Mensch.«

»Du betest nicht zu Allah?«

»Ich bete denselben Gott an, den du anbetest – Gott, den Unfaßbaren!«

Woher wußte dieser Mann auch meinen Lieblingsausdruck für jenes Etwas, mit welchem ich jedem religiösen Gespräche ausweiche?

»Weshalb erwartest du mich hier?«

»Um dir etwas zu sagen.«

»Was?«

»Du wirst es erfahren, wenn du mein Gastfreund gewesen bist. Setze dich, laß die Fische nicht kalt werden, welche uns Gott gegeben hat.«

»Wo ist der andre?«

»Welcher andre?«

»Der Taucher, welchen ich auf dem Meeresboden sah, der mich hierhergeleitete.«

»Das warst du selbst.«

»Ich selbst?«

»Dein zweites Ich.«

»Es war nicht mein Spiegelbild. Ich hob die Hand – er auch. Ich ließ den Arm wieder sinken – er aber winkte mir mit der Hand, ihm zu folgen.«

»Es war nicht dein Spiegelbild, sondern dein zweites, dein besseres, dein geistiges Ich, welches Gott, der Unfaßbare, aus dir heraustreten ließ, auf daß es dein Führer wäre, um dich vom Verderben zu erretten, dem du verfallen warst, als du die goldenen Tempelschätze der Inkas erblicktest, welche den Menschen vorenthalten sind. Und nun fordere ich dich zum dritten und letzten Male auf: komm und iß. Ein viertes Mal erfolgt meine Aufforderung nicht!«

Eine Ruhe überkam mich, eine ganz seltsame Ruhe. Ich konstatierte, daß meine Uhr ging und mit dem Stande der Sonne übereinstimmte, ich konstatierte, daß ich Hunger empfand – kurz, ich konstatierte, daß ich nicht träumte, sondern wachte, ohne mich dabei in die Nase oder sonst wohin zu kneifen, und ich entledigte mich der schweren Bleisohlen, ging hin, setzte mich dem rätselhaften Manne gegenüber und langte zu, mich wie der Araber nur der Hände bedienend, was bei den gebratenen Fischen keine Schwierigkeit bot.

Trotzdem kann ich nicht behaupten, daß er nach orientalischer oder richtiger mohammedanischer Art aß. Vor allen Dingen riß er dabei nicht den Mund so unmenschlich weit auf, wenn er die Bissen hineinsteckte, weil die Lippen von der Speise nicht berührt werden dürfen, und dann nahm er dabei ja auch die linke Hand zu Hilfe, welche nach dem Glauben der Moslems des Teufels ist. Und hatte er überhaupt nicht schon gesagt, daß er gar kein echter Mohammedaner sei?

Mir kam es eher so vor, als wenn er keine Eßgerätschaften besäße. Der Dreifuß, die Bratpfanne, die beiden irdenen Teller und ein Näpfchen mit Salz schienen die ganze Hauseinrichtung auszumachen. Wenigstens konnte ich weiter nichts sehen. Auch der Araber hatte sonst nichts bei sich. Keine Waffen, gar nichts, nur den Burnus.

Nun, ich konnte ja auch wohl während des Essens fragen.

»Wie darf ich dich nennen?«

»Nenne mich deinen Freund!«

»Hast du sonst keinen Namen?«

»Ich will keinen haben, so wenig wie du!«

Mit dieser Erklärung mußte ich mich wohl begnügen.

»Was ist das nur für eine seltsame Flamme, die hier aus der Erde quillt?«

»Weißt du nicht, wo du dich befindest?« entgegnete er.

»Auf einer heiligen Insel der Inkas.«

»Hast du nicht gehört, daß auch dem Gott Pachacamac eine besondere Insel geweiht war?«

»Wohl stellten sich die alten Inkas diesen Gott vor, aber er war ihnen zu hoch, als daß sie ihn anbeteten; er brauchte ihre Anbetung gar nicht. Pachacamac war gewissermaßen die Schöpfungskraft.«

»Trotzdem räumten sie dieser sinnbildlichen Schöpfungskraft, die auch die Sonne, welche die alten Peruaner anbeteten, erschaffen hat, ein Heiligtum ein, in dem sie dieselbe sich wohnend dachten – auf dieser Insel hier, auf welcher Flammen aus dem Boden lodern.«

»Das habe ich noch nicht gewußt, noch nicht gesehen, und ich bin doch auch schon auf dieser Insel gewesen.«

»Ich weiß es. Die Flammen lodern nicht immer aus den Spalten der Erde; nur manchmal, jeder Regen verlöscht sie; dann flackern sie wieder auf, ganz entsprechend den heiligen Feuern von Baku, welche von den Feueranbetern verehrt werden.«

Ich verfiel in Nachdenken. Wer war dieser Mann nur? Er kannte die Feuer von Baku am kaspischen Meer? Er wußte, daß ich schon einmal hier gewesen war? Ich hatte nichts von seiner Anwesenheit bemerkt.

Aus meinem Sinnen erwachend, bemerkte ich, daß mein Teller geleert war, und wie mich mein Gegenüber erwartungsvoll anschaute. Ich schob den Teller zurück, der Augenblick war gekommen.

»Ich bin gesättigt. Nun erkläre dich mir!«

»Frage!«

»Du sagtest, du hättest mich hier erwartet. Aus welchem Grunde?«

»Um dir zu sagen,« erklang es ruhig, »daß du hier dein Leben beschließen wirst.«

Oho!! Aber dabei lächelte ich nicht ungläubig, sondern ich mag den so Sprechenden wie eine Geistererscheinung angestarrt haben.

»Ich soll hier meinen Tod finden?«

»Du sagst es.«

»Woher weißt du das?«

Aber mit der Frage wollte ich nicht etwa wissen, ob dieser Mann vielleicht in einen Plan eingeweiht sei, der gegen mein Leben ginge – ich konnte ja auch an jenen Yankee denken – sondern ich ahnte schon, daß ich eine ganz besondere Antwort erhalten würde, und dem war denn auch so.

»Dem Leben eines jeden Menschen ist ein Ziel gesetzt,« entgegnete er mit seiner hoheitsvollen Ruhe, »und auch du bist nur ein Mensch!«

»Ja, ich weiß, daß auch ich einmal sterben werde. Aber wenn dir im voraus bekannt ist, daß ich hier am Titicaca-See meinen Tod finden soll, so bist du kein Mensch.«

»Sondern?«

»Dann bist du ein Gott.«

»So gehörst du zu denen, welche neben den einzigen Gott noch andre Götter setzen?« erklang es unwillig.

Ich weiß nicht – mich überkam etwas wie Scham.

»Dann bist du ein Prophet.«

»Ja, und ich bin ein Mensch, der den Tod überwunden hat.«

Seltsam, daß ich gar keinen Unglauben hegte. Ich hörte ihn ganz gelassen an, als erzähle er mir da etwas Alltägliches.

»Wie werde ich meinen Tod finden?«

»Frage erst, weswegen! Denn jeder Abschluß eines Lebens hat eine Ursache.«

»Nun, weswegen?«

»Weil du der einzige Mensch bist, welcher die Schätze dieses Sees gesehen hat, die, seitdem sie vor Jahrhunderten versenkt worden sind, kein Auge eines Irdischen mehr erblicken sollte. So steht es im Buche des Schicksals verzeichnet. Schon zweimal hast du die Heiligtümer geschaut. Das erstemal gestern von dem Ballon aus, als du eine Landungsstelle suchtest. Das zweitemal vorhin, und wenn das auch wieder andre waren, so gehörten doch auch sie zu den Heiligtümern, welche das Unfaßbare mit einem Fluche beladen hat – zum dritten Male wirst du sie nicht erblicken – dein Tod ist bestimmt!«

»Ich glaube nicht an solch ein Schicksal.«

Es war gegen meine Ueberzeugung gesprochen, und doch auch wieder nicht.

»So wirst du daran glauben lernen müssen.«

»Und wenn ich nun sofort diese Gegend verlasse, mich davor hütend, daß ich auch nur den Grund des Sees zu sehen bekomme, niemals wieder nach dem Titicaca komme?«

»Das ist etwas andres. Der Mensch ist frei, er kann über seinen Willen verfügen. In diesem Falle bleibst du leben.«

Das war es! In diesem Punkte konnte ich mit ihm übereinkommen. Wohl glaube ich, daß jeder Mensch sein Schicksal hat, dem er nicht entgehn kann – aber an jenes Kismet des Mohammedaners, das den freien Willen des Menschen überhaupt ganz unterbindet, daran glaube ich nicht. Auf den Unterschied kann ich mich hier nicht einlassen.

Aber auch noch gegen die Vorherbestimmung meines Schicksals bäumte sich mein Trotz auf. Wenigstens nicht aus dem Munde eines Menschen wollte ich es hören, und sei dieser Mensch auch ein wirklicher Prophet!

»Ich werde dennoch hierbleiben, die Schätze wiederfinden und heben!«

»Höre mich an, mein Sohn,« erklang es da mild, und ebenso mild konnte auch das Adlerauge blicken. »Ich bin hierhergeschickt, um dich zu warnen, um dich zu retten. Wer mich geschickt hat? Ich weiß es nicht. Das Unfaßbare, eine innere Stimme. Ich bin nicht allwissend, aber ich weiß manches, was andre Menschen nicht wissen. Und ich will dir überzeugende Beweise geben, so daß du meinen Worten Glauben schenkst.«

»Gut, ich höre!«

»Zum ersten: Diego Alcala war ein Betrüger!«

»Diego Alcala?« wiederholte ich erstaunt, weil ich am wenigsten vermutet hatte, daß er seine Beweise mit diesem Manne beginnen würde. »Was weißt du von dem?«

»Er hat vor zwei Jahren einen französischen Gelehrten namens Dr. Jérôme Girard bei einer Luftballonfahrt durch Südamerika begleitet.«

»Das stimmt!«

»Als der Ballon über diesem See schwebte ...«

»Haben die Insassen die goldenen Tempelschätze auf dem Grunde des Sees liegen sehen,« fiel ich ihm ins Wort.

»Nein. Habe ich dir nicht gesagt, daß du der einzige Mensch bist, welcher diese Heiligtümer nach ihrer Versenkung erblickt hat?«

»Nun, was haben jene sonst gesehen?«

»Eine Insel mit besonders interessant aussehenden Tempeln darauf.«

»Ah, ich beginne zu verstehn!« rief ich. »Nur die geographische Lage dieser Insel haben die Gelehrten im Ballon berechnet?!«

»So ist es. Nichts weiter. Der Ballon verunglückte. Diego Alcala entkam dem Tode, nachdem er sich die Zeichnung und andres angeeignet hatte. So weit beruhte seine Erzählung auf Tatsache. Es war von vornherein seine Absicht gewesen, mit dieser Zeichnung Mißbrauch zu treiben, er wäre fähig gewesen, die Reisenden deswegen zu ermorden. Aber ihr Tod war schon vorher im Buche des Schicksals verzeichnet gewesen. Der Spanier kannte das optische Gesetz, nach welchem man aus der Höhe tief in das Wasser hinabblicken kann. Die Zeichnung und die geographische Ortsbestimmung sollten die Lage der im Titicaca-See versenkten Schätze angeben. Diesen betrügerischen Plan hatte er sich von vornherein zurechtgelegt. Er suchte einen Gläubigen. Zuerst wandte er sich an dich, darauf an einen Mann namens Maximus Wilken. Du kennst ihn. Dieser wurde ein Opfer des Betruges und zugleich das Werkzeug der ewigen Gerechtigkeit.«

Wenn dieser Araber nicht allwissend war, so befand er sich doch auf dem laufenden.

»Wieso wurde dieser Yankee ein Werkzeug der Gerechtigkeit?«

»Er kaufte dem Spanier den Plan ab, unter der Bedingung, daß Diego ihn auch nach dem Titicaca begleite, und das war schon deshalb selbstverständlich, weil die beiden ja die gefundenen Schätze teilen wollten. Und Diego begleitete ihn auch deshalb, weil es bei ihm bereits beschlossen war, den Amerikaner zu töten und ihm das zur Ausrüstung der Expedition mitgenommene Geld abzunehmen. Maximus Wilken aber erhob dieses Geld erst in Quilca, und das schadete nichts, in Südamerika hielt sich der Mörder – denn in Gedanken war er schon zum Mörder geworden – für sicherer, und so begleitete er den Mann erst recht gern.«

»Woher weißt du das alles?«

»Ich weiß es!«

»Nun, weiter?«

»Maximus Wilken kam den Anschlägen Alcalas zuvor. An Bord der ›Kassandra‹, in einer stürmischen Nacht, hat er dem Spanier das ihm ausgezahlte Geld wieder abzulocken gewußt, nur für einen Augenblick, er wollte nachsehen, ob kein falsches darunter sei – und hat den Spanier mit einer klaffenden Todeswunde über Bord in das tobende Meer geschleudert.«

»Daß dies der Yankee getan hat, daran zweifle ich nicht – nur darüber wundere ich mich, woher du das alles so genau weißt.«

»Ich habe es gesehen.«

»Ohne dabeigewesen zu sein? Von hier aus?«

»Du sagst es.«

Wenigstens ein offnes Geständnis, daß ich es mit einem Fernseher und Propheten zu tun hatte. Aber ehe ich ihn bitten konnte, mir weitere Enthüllungen zu machen – ob diese auf Tatsachen beruhten, würde ich ja dann später zu erfahren bekommen – nahm dieser schon selbst wieder das Wort, und er kam auch meinen Fragen zuvor.

»Aber auch dieser Mörder wird seiner Strafe nicht entgehn, und sein Schuldbuch ist schon übervoll. Jetzt wird zusammengerechnet und der Schluß gemacht. Ich sehe ihn; er befindet sich auf dem Wege durch den Engpaß nach Peru zurück. Dort will er mehr Leute anwerben, um dir deinen Besitz streitig zu machen, um es mit den Indianern aufnehmen zu können, wenn sie ihn nicht auf den See lassen wollen. Auch andres hat er noch vor. Er hat den Rückmarsch nicht nötig, bis er in bewohnte Gebiete kommt, wo er genug Schurken findet. Schon vorher trifft er mit einem großen Trupp peruanischer Soldaten zusammen, welche mit ihrem Offizier desertiert sind. Sie wollen über die Puna nach Bolivia hinüber, haben ihre Waffen und genügend Proviant bei sich, auch lebendes Vieh. Es sind fast zweihundert Mann. Maximus Wilken spricht mit dem Offizier, weiht ihn ein, die beiden wollen gemeinschaftliche Sache machen, natürlich zuletzt wieder die Soldaten betrügen. Zunächst will Maximus Willen Rache an dir nehmen –«

»Das kann ich mir wohl denken!« lachte ich.

»... und dich auch deshalb beseitigen, weil du ihm hinderlich bist. Nach seiner Anweisung bleibt eine Anzahl der Soldaten an einer versteckten Stelle des Engpasses zurück.«

Der Sprecher machte offenbar eine Kunstpause, und ich wurde deshalb auch gleich stutzig. Weshalb hatte er das ›versteckt‹ so betont?

»Warum bleiben sie in dem Engpaß zurück?«

»Du erwartest doch noch jemanden hier.«

»Einen Freund.«

»Mit der Besatzung seiner Jacht. Sie bringen den Apparat nach, um den Ballon wieder füllen zu können, und ein ziemlich großes Boot, auseinandergenommen, welches du hier oben wieder zusammensetzen willst, denn du brauchst doch ein schweres Fahrzeug, an dem du den Ballon befestigst, wenn du den See absuchst ...«

»Alle Wetter!!« fuhr ich da empor. »Ich Tor habe ja dem verfluchten Yankee selber davon erzählt – jetzt weiß ich, auf was die Bande im Engpaß lauert – da muß ich schnell ...«

Ich griff nach dem Taucherhelm, drehte mich um, wollte davoneilen – es galt, meinen Freund Flederwisch, die ganze Besatzung der ›Wetterhexe‹ vor dem Untergang zu retten ... da erklang hinter mir ein spöttisches Gelächter, und wie gebannt blieb ich stehn, ich drehte mich wieder um.

Der Araber saß noch auf seinem alten Platze, und in seinen Zügen war nichts von dem Hohne jenes Gelächters zu merken, es war überhaupt eine ganz andre Stimme gewesen, die seine klang würdevoll wie immer.

»O Mensch, glaubst du wirklich, wenn im Buche des Schicksals der Tod deiner Freunde beschlossen wäre, du könntest noch etwas daran ändern? Denn es ist die Stimme des Schicksals, des Unfaßbaren, die durch meinen Mund zu dir spricht. Doch nein, der Tod deiner Freunde ist noch nicht beschlossen, sie werden die Puna erreichen, und alle deine Zukunftspläne werden in Erfüllung gehn. Wende dich um, o Mensch, und schaue dein Werk!«

Ich wandte mich um und ... da hatte ich eine Vision!

Wie soll man eine solche mit der Feder beschreiben? Ich will es versuchen.

Ich stand nicht mehr auf der Insel, ich schien hoch in der Luft zu schweben, unter mir lag der See, aber auch die ganze Puna konnte ich überblicken, alles war so klein und zierlich, aber doch konnte ich alles ganz deutlich erkennen.

Aber wie hatte sich alles verändert! Der See war belebt von Booten und sogar von Dampfschiffen, Indianer und Weiße fischten mit Schleppnetzen, die Beute wurde auf den Dampfern verstaut. Die Sekunden wurden zu Stunden, ich sah, wie die Fische ausgenommen und in Fässer verpackt wurden, und die Dampfer fuhren davon und legten vor einer Stadt an; ich erkannte sie wohl, das war das in Ruinen liegende Puno, die Stadt der alten Peruaner am westlichen See, aber wieder aufgebaut; ich hörte die Kirchenglocken läuten, ich sah die Kinder aus der Schule kommen, und ich wußte, daß die eine Schule ein Gymnasium sei. Ringsherum sah ich wogende Felder und Triften, große Herden von Pferden und Rindern und Lamas, und ich blickte in die Gehöfte der Bauern und sah Hühner und Schweine ...

»O Mensch!« erklang da eine donnernde Stimme hinter mir, mächtiger und schrecklicher als der Donner des furchtbarsten Gewitters. »O Mensch, du hast das Schicksal besiegt, du hast den Fluch von diesem See genommen, und deshalb sollst du leben bleiben! Die goldenen Schätze aber, auf denen der Fluch ruhte, soll kein irdisches Auge mehr schauen, auch das deine nicht!«

So sprach der Donner, und da plötzlich sah ich es wie Feuer aus der Erde schießen, ich sah einen mächtigen Wald in Flammen stehn, ich wußte ganz bestimmt, daß es ein Kiefernwald war, das Feuer drang mir bis zum Herzen, es schlug mir aus den Augen, die Besinnung schwand mir.

+++

Ein quälender Durst ließ mich erwachen. Ich glühte am ganzen Körper, aber ohne dabei zu schwitzen. Um mich herum herrschte die schwärzeste Finsternis. Wo befand ich mich? Ich lag weich, und ich fühlte, daß es nur Lamafelle sein konnten, auf denen ich gebettet war. Der Durst war entsetzlich, schrecklicher, als ich ihn einmal auf einer Wüstenwanderung durchgemacht hatte, wo ich dem Verschmachten nahe gewesen war.

»Pachacamac!« rief ich mit heiserer Stimme.

Wie ich darauf kam, den Namen dieses Gottes zu nennen, weiß ich nicht.

Da wurde mir ein irdener Krug an die Lippen gesetzt, wobei eine Hand in meinem Gesicht tastete. Ich hatte mich etwas aufgerichtet, was mir recht schwer fiel, mit langen Zügen trank ich das frische Wasser.

»Wo bin ich?« fragte ich dann tief aufatmend.

»Herr, bist du erwacht?« erklang es da freudig.

Himmel, diese Stimme! Das konnte doch kein andrer sein als ...

Da ertönte das schmetternde Krähen eines Hahnes, ein Quieken folgte, das nur von einem Dutzend kleiner Ferkel stammen konnte.

»Sind die Schweine schon wieder aus dem Stall gekommen?« fragte draußen eine Stimme, wenigstens nahm ich an, daß eine Mauer dazwischen war. »Wir müssen sie auf eine andre Insel schaffen, dort können sie frei herumlaufen.«

»O, Golly, Golly!« jauchzte der schwarze Sam, der Steward von der ›Wetterhexe‹.

»Willst du Schlingel gleich's Maul halten?!« wurde er angeschnauzt.

»O, Golly, Golly, der Massa lebt ja noch!!«

»Was, ist er erwacht?«

»Jawohl, Pomuchelskopp hat er mich genannt,« hörte ich Moritz erklären.

So und noch anders drang es an mein Ohr, nur wie im Traume. Dann kamen Schritte, Schritte von Lederstiefeln, ein grünes Licht flammte auf, ich sah es wohl, es war eine elektrische Glühbirne, mit einem grünen Tuche verhangen, und ich blickte in das ernste Gesicht des Herrn Rockstroh, des Schiffsarztes der ›Wetterhexe‹.

»Wie befinden Sie sich?«

Ich stierte ihn nur wie eine Geistererscheinung an, und ich sah, daß ich mich immer noch in einem peruanischen Tempel befand.

Dr. Rockstroh ergriff meine Hand, fühlte den Puls. Jetzt – ich weiß es genau – begann ich zu lächeln, nämlich über diesen seltsamen Traum.

Da sah ich die hohe Gestalt Flederwischs auf den Fußspitzen herbeischleichen.

»Wie steht es mit ihm?«

»Jetzt kommt die Krisis, seine Hand fühlt sich schon feucht an, und bricht er in Schweiß aus, dann ist er gerettet.«

»Gelobt sei Gott!«

Da sah ich ein andres Gesicht auftauchen, mit ängstlichen Augen – Gretchen, um den Kopf ein blutiges Tuch, den einen Arm in der Binde, sogar geschient ... in diesem Augenblick fiel mir auf, daß meine Hand so seltsam in der des Arztes lag, ich hatte ein so merkwürdiges Gefühl dabei, ich blickte hinab auf meine Hand – eine Hand? Ich sah nur die Knochenfinger eines Skelettes, bedeckt mit einer faltigen, zusammengeschrumpften Haut ... ich fiel in eine neue Ohnmacht.

Als ich wiederum erwachte, fühlte ich, daß ich in Schweiß gebadet war. Noch öffnete ich die Augen nicht. Es war auch noch ein Halbschlaf, obschon ich wußte, daß um mich herum viele Personen standen, und ich fühlte, daß es Freunde waren: wie ein kräftigender Hauch ging es von ihnen aus, mir unsägliches Glück und Frieden einstoßend, und ich war so kraftlos, und das alles war so köstlich, daß ich mich gar nicht entschließen konnte, die Augen zu öffnen, fürchtend, dann könnte dieses herrliche Gefühl entschwinden.

Wer einmal schwer krank gewesen ist, und er kommt wieder zu sich, er fühlt, daß er den Tod überwunden hat und jetzt der Genesung entgegengeht, der weiß, in was für einem Zustand ich mich befand, den ich sonst nicht beschreiben kann.

»Still,« wurde geflüstert, es war Dr. Rockstroh, »gleich wird er erwachen, er hat geseufzt!«

Eine Hand ergriff vorsichtig die meine, und ich schlug die Augen auf.

Eine Menge Menschen umstand mein Lager, weiße, schwarze, braune und gelbe, alle von der ›Wetterhexe‹, dazwischen aber auch peruanische Indianer, so meine beiden Diener, dann auch der eine Häuptling.

Im Augenblick sah ich nur Gretchen, immer noch mit verbundenem Kopfe, den linken Arm geschient, und dann Flederwisch. Jetzt beugte er sich über mich und strich sanft mit der Hand über mein vom Schweiße nasses Haar.

»Na, alter Junge, was machst du denn für Geschichten?« lächelte er; aber es klang so eigentümlich, und seine Augen lächelten nicht. »Ich dachte immer, du könntest gar nicht krank werden!«

»Ich war – krank?« flüsterte ich.

»Und wie! Diesmal wärst du beinahe hops gegangen.«

Ich hob meine Hand; nur mühsam brachte ich es fertig – ja, diese mit einer faltigen Haut überzogene Skeletthand war wirklich die meine – ich befühlte mit ihr mein Gesicht – alles nur Knochen, die Nase war ganz lang geworden.

»Wie lange – war ich krank?«

»Kannst du dich des Datums entsinnen, wann du diese Insel im Boote verlassen hast? Die befragten Indianer wissen ja nur von so und so viel Sonnenaufgängen zu sprechen, und sie könnten sich doch irren.«

»Es war – am 5. Februar, als ich hier mit dem Ballon landete, und an demselben Tage bin ich abgesegelt.«

»Stimmt! Dann haben mir die Indianer doch recht berichtet. Drei Tage später wurdest du ohnmächtig aufgefunden. Heute ist der 2. März.«

»Der – zweite – März?« konnte ich nur stockend hervorbringen, und ich glaube, auch mein Herzschlag stockte.

»Der 2. März,« bestätigte Flederwisch. »Ja, ja, 25 Tage hast du Sünder bewußtlos gelegen, dich höchstens im Fieberdelirium bewegend, und wie! Mich hast du einmal dabei auf die Nase gehauen, daß sie jetzt noch geschwollen ist. Künstlich ernähren mußten wir dich.«

»Wir dürfen ihn nicht zu sehr aufregen,« warnte der Arzt, welcher sah, wie furchtbar betroffen ich über diese Erklärung war.

»Ich bin nicht aufgeregt. Ich fühle mich ganz wohl. Nur die Ungewißheit wäre mir jetzt schädlich. Wo hat man mich bewußtlos aufgefunden?«

»Nun, in deinem Boote.«

»In – meinem Boote?«

»Gewiß doch! Die beiden Indianer, die du als Diener angenommen hattest, fanden dich bewußtlos darin liegen.«

»Wo denn? Wo war das Boot?«

»Hier an dieser Insel. Du hattest wohl gerade noch die Kraft, es anzubinden, dann muß dich die Besinnung verlassen haben.«

Starr sah ich den Sprecher an. Weshalb sollte er mir ein Märchen erzählen? Dann raffte ich mich zusammen, erklärte dem Arzt, ich sei kräftig genug, habe mit dem Kapitän etwas allein zu besprechen, auch die beiden Indianer möchten hierbleiben, die andern sollten sich entfernen.

So geschah es. Ich wandte mich an Lapotle, den ich für den intelligenteren von beiden hielt.

»Erzähle mir ausführlich, wie du mich in dem Boote gefunden hast!«

Ich bekam nichts andres zu hören, als was ich schon von Flederwisch erfahren hatte. Am 5. Februar nachmittags war ich von der Titicaca-Insel, auf der ich mich auch jetzt befand, abgefahren, ohne Angabe meines Zieles. Am andern Tage hatte ich die Insel erreicht, auf welcher ich jene Pflanzen gesät, nun kam das seltsame Abenteuer – und am 8. Februar war ich wieder hier gewesen.

Bei Tagesanbruch waren die beiden Indianer aufgestanden, da hatten sie mein Boot in der kleinen Bucht liegen sehen, an einen Pfahl angebunden, und ich selbst lag besinnungslos am Boden des Fahrzeuges, neben mir das Taucherkostüm mit dem Helm und den Bleiplatten, nichts fehlte.

Mehr wußten die Indianer nicht anzugeben, und ich kann erst recht nichts darüber sagen. Ich weiß nicht, wie ich wieder nach der Insel zurückgekommen bin, mir ist es heute noch ein Rätsel.

Ich suchte meine Aufregung zu beherrschen. Flederwisch mußte mir aber doch etwas anmerken.

»Du weißt wohl gar nicht mehr, wie du eigentlich wieder hierhergekommen bist?«

Ich hatte diese Frage erwartet und mir die Antwort schon zurechtgelegt. Verraten wurde nichts. Man hätte es mir ja doch nicht geglaubt, und ich wiederum konnte nicht an einen Traum glauben. Es war alles gar zu natürlich gewesen – höchstens bis zuletzt auf die Vision.

»Nein,« entgegnete ich also, »ich muß schon unterwegs vom Fieber befallen worden sein und kann das Boot nur ganz mechanisch bis hierher gelenkt haben.«

»Das ist wohl möglich,« meinte Flederwisch. »Solche unbewußte Handlungen führt man im Fieber aus, besonders ehe dasselbe richtig ausgebrochen ist. Mir ist es einmal ähnlich gegangen, auf dem Amazonenstrome. Ich hatte mich von unserem Lager – wir sammelten Kautschuk – allein in einem Boote entfernt, wollte noch etwas schießen, fuhr wenigstens drei Meilen stromaufwärts, legte am Ufer an und blieb bis zur Nacht dort liegen. Die Müdigkeit überwältigte mich, ich schlief ein. So mußte ich wenigstens glauben. Und dann haben sie mir im Lager versichert, ich sei kurz nach Mitternacht angerudert gekommen, habe mein Boot selbst angebunden, abgetakelt und sei ganz ruhig in mein Zelt gegangen. Ich wollte es durchaus nicht glauben; denn ich hatte nicht die geringste Ahnung davon. Und an demselben Tage noch bekam ich das schönste Fieber.«

Dieser Bericht hätte mir eine Erklärung für meinen Fall geben können, aber er tat es doch nicht. Nein, so einfach war das bei mir nicht. Ich war ja einen Tag hingesegelt, da mußte ich doch auch einen Tag zurückrudern. Immer im Schlafe? Aber ich sagte nichts zu Flederwisch.

»Was ist mit Gretchen? Sie hat doch den Kopf verbunden und den Arm geschient?«

»Ja, Mensch,« fing Flederwisch in seiner Seemannsmanier wieder an, »weißt du denn wirklich nicht, was unterdessen alles passiert ist?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Hast du denn nicht wenigstens im Traume die Kanonenschüsse gehört?«

»Kanonenschüsse?«

»Wir haben mit Kartätschen geschossen. Wir haben unterdessen eine Schlacht geschlagen.«

»Schlacht geschlagen?« wiederholte ich geistesabwesend.

Ich füge hier kurz zusammen, was ich zu hören bekam.

Die beiden Indianer hatten mich gebettet, so gut sie konnten, und dann ihre Kameraden am Ufer über meinen Zustand benachrichtigt. Die angesehensten Indianer kamen herüber, und nun wurde der allgemeine Schrecken erst recht groß. Unterdessen war nämlich bei mir das Fieber ausgebrochen, ich raste im Delirium, und auf der hochgelegenen Puna ist das Wechselfieber ganz unbekannt. Ja, Wundfieber und dergleichen kommt wohl oft genug vor, wo man auch im Schlafe spricht und um sich schlägt, aber das Wechselfieber, in dem man einmal vor Hitze zu zergehn droht, und dann wieder vor Kälte mit den Zähnen klappert, das ist auf der Puna eine unbekannte Erscheinung, eigentlich sogar ein Ding der Unmöglichkeit.

Das ist auch wieder so etwas Merkwürdiges, das konnte nur mir passieren. Ich habe mich in den verpestetsten Fiebergegenden herumgetrieben, habe mitten in den Tod aushauchenden Sümpfen viele Nächte im Freien zugebracht. Jeder akklimatisierte Eingeborene wäre am nächsten Tage dem Fieber erlegen, und ich habe niemals etwas von Malaria und dergleichen gewußt. Hier auf der kerngesunden Puna, wo die Leute nur an Altersschwäche sterben oder eines unnatürlichen Todes, werde ich vom denkbar schwersten Wechselfieber befallen!

Vielleicht war es zu meinem Glück. Es mag mir schon lange im Blute gesteckt haben. Dieser Ausbruch kann wie eine Art Impfung betrachtet werden; denn seitdem bin ich nie wieder davon befallen worden, später auch nicht in einer Sumpfgegend, wo die Menschen wie die Fliegen um mich herum starben.

Kurz, die Indianer standen vor mir wie vor einem geheimnisvollen Rätsel. Ich war in ihren Augen nicht krank, sondern ein Zauberer, der im Schlafe mit seinem Gott sprach. Es mag mein Glück gewesen sein, daß ihr Medizinmann nicht mit mir seine Experimente machte; doch wurden der nach den östlichen Kordilleren abgezogenen Karawane schnelle Läufer nachgeschickt, um meine Begleiterin zurückzuholen.

Es vergingen zwei Tage, ohne daß ich zum Bewußtsein erwacht wäre. Ich schwatzte, tobte oder lag apathisch da. Ich wurde mit Wasser getränkt. Von einer flüssigen Nahrung verstanden diese Indianer nichts. Wie ich mich selbst verzehrte, das zeigte mein Aussehen. Meine Begleiterin kam nicht zurück, auch nicht die nachgeschickten Läufer.

Am Morgen des dreizehnten Tages erschienen auf der Puna viele Soldaten. Sie wurden gezählt, es waren hundertzweiunddreißig Mann, alle gut bewaffnet, aber nur achtzehn von ihnen waren beritten, und diese Pferde gehörten Maximus Wilken und dessen Chulos, welche die Soldaten begleiteten. Dann trieben sie ziemlich viel Rinder und auch Lamas mit sich, jedenfalls die Beute eines räuberischen Ueberfalls auf ein peruanisches Dorf.

Ein Offizier trat als Imperator auf, noch mehr der Yankee. Sie wollten mich sprechen. Die Indianer sagten gar nichts von meinem Zustande, sondern verboten eben den Bleichgesichtern, die heilige Insel zu betreten, durch den geheimnisvollen Kranken noch heiliger geworden.

Wäre ich nicht zu beschützen gewesen, so wäre es den Soldaten schlecht ergangen. Die Indianer hätten sich vor den Feuergewehren in die unermeßliche Puna zurückgezogen und die Feinde nach und nach durch fortwährende Ueberfälle aufgerieben.

So aber entstand sofort ein Kampf um die Insel, in dem die Indianer Sieger blieben, das heißt nur insofern, als sie in ihren Booten die Insel zuerst erreichten. Es hatte vielen von ihnen das Leben gekostet.

Am andern Tage schritten die Soldaten zum Sturm. Sie hatten noch Boote genug erbeutet. Befand sich auch auf der Insel die doppelte Anzahl von Indianern, so war deren Schicksal doch besiegelt. Gegen die Hinterlader konnten sie nichts ausrichten, und die Peruaner stehn ihren Ahnen, den Spaniern, an Tapferkeit nicht nach. Daß sie sich zur offnen Feldschlacht nicht eignen, das ist etwas andres, das macht der Mangel an Disziplin, sie können sich niemals bezähmen. Aber zum Stürmen sind sie so geeignet wie die türkischen Janitscharen.

Hierbei sei bemerkt, daß es den Soldaten, respektive dem Yankee, hauptsächlich darauf ankam, erst einmal Herr der Situation zu werden. Unterdessen wurde von den zurückgebliebenen Soldaten im Engpaß der Transport unter Kapitän Flederwisch abgefangen. Schließlich brauchte man ja den Apparat gar nicht, um den Ballon wieder zu füllen. Maximus Wilken glaubte die Stelle zu kennen, wo die Tempelschätze auf dem Grunde des Sees lagen, aber immerhin mußten doch meine Freunde vernichtet werden, ehe sie mir zu Hilfe kommen und die Hebeversuche zunichte machen konnten. Dann hieß es immer noch so schnell wie möglich zu arbeiten, man mußte fertig sein, ehe sich die Kunde von dem Ueberfall unter den andern Stämmen verbreitet hatte, denn diese würden sich dann doch natürlich sammeln und den Soldaten mit Uebermacht zu Leibe rücken, nicht eher ruhen, als bis der letzte der Rache zum Opfer gefallen war.

Das war den beiden Kompagnons, dem Offizier und dem Yankee, ja ganz recht, die Soldaten mußten doch sowieso daran glauben, wenn sich die beiden nur mit ihren erhofften Schätzen rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten. Und dann hätte sich Mr. Maximus Wilken ebenso selbstverständlich noch seines Kompagnons entledigt.

Es sollte anders kommen. Die Soldaten umringten in ihren Booten die Insel, schossen auf alles, was sich sehen ließ und zogen den Kreis immer enger. Schon ordneten sie sich zum Sturm von allen Seiten, der das Schicksal der ganz ungenügend bewaffneten Indianer und auch das meine besiegelt hätte, als plötzlich ein donnernder Krach ertönte und zwischen die nördlichen Boote eine Kartätschenkugel einschlug, Tod und Verderben anrichtend.

Wenn die peruanischen Soldaten den Satan in leibhaftiger Gestalt erblickt hätten, sie wären nicht entsetzter gewesen als jetzt, da sie dort plötzlich ein gepanzertes Kanonenboot unter vollem Dampf ankommen sahen, hoch oben auf dem Titicaca-See!!

Diese Panzerung war allerdings eine Täuschung. Das überdeckte Fahrzeug war aus Holz und nur grauschwarz angestrichen. Diese Ausstaffierung und Farbe war freilich auch Berechnung gewesen. Kurz, die Soldaten, welche schon alle unten an der Küste wirkliche Kanonenboote mit Panzerung gesehen hatten, hielten es für ein solches, und diese Erscheinung auf der 4000 Meter hohen Puna wirkte auf sie wie ein Schreckgespenst.

Hals über Kopf ruderten oder schwammen sie dem Ufer zu – – da kam wie eine Wetterwolke eine wilde Reiterschar herangebraust, voran auf ungesatteltem Roß eine phantastisch gekleidete Mädchengestalt. Aus der verderbenschwangeren Wetterwolke zuckten auf zitternden Bambusschäften die Lanzenspitzen wie Blitze, aber statt des nachfolgenden Donners erscholl der gellende Kriegsruf der Kimoros!

Ein Gemetzel entstand, wie Flederwisch es mir gar nicht schildern konnte. Nicht ein einziger der Soldaten entging dem Tode. Das war eigentlich schade, denn nun konnte niemand mehr sagen, wohin sich Maximus Wilken unterdessen begeben hatte. Dieser fehlte nämlich unter den Toten, er hatte auch an dem Sturme gar nicht teilgenommen, konnte daher also auch nicht auf dem Grunde des Sees ruhen.

»Aber das hatte ich wenigstens erfahren,« fuhr Flederwisch nach dieser Schilderung des Kampfes fort, »daß nicht alle Soldaten gefallen waren, daß vielmehr noch gegen fünfzig Mann unter Anführung eines Offiziers auf diesem Ende des Engpasses versteckt lagen, um meinen Transport abzufangen. Ich brach sofort mit der Hälfte meiner Mannschaft und mit genügend Indianern auf. Sie wurden vollkommen überrascht. Es kam zu gar keinem Kampfe. Ich lasse sie unter scharfer Bewachung auf einer Insel gefangen halten. Entscheide du darüber, Alfred, was aus den Deserteuren werden soll, ob wir sie ihrer Regierung ausliefern oder nicht. Ich sage dir, als sie nun erfuhren, daß wir diejenigen seien, auf die sie es abgesehen hatten, da glotzten sie uns wie Gespenster an. Daß wir auf die Puna gekommen sind, ohne den Engpaß benutzt zu haben, das ist bei ihnen einfach Hexerei. Freilich, wären wir mit dem schweren Gepäck durch den Engpaß marschiert, so wären wir auch rettungslos in den Hinterhalt der Soldaten gelaufen. Das wäre unser letztes Stündlein gewesen; denn diese Bluthunde hätten uns doch nicht geschont.«

»Ja, wie seid ihr denn sonst hierheraufgekommen, wenn nicht durch den Engpaß?« staunte ich.

Und da blickte mich Flederwisch nicht minder erstaunt an.

»Durch den Sumpf. Du hast mir doch einen Führer zugeschickt!«

»Ich dir – einen – Führer – durch den Sumpf?!«

»Na, Alfred,« lachte jetzt Flederwisch, »du kannst doch nicht auch im Fiebertraum gelegen haben, als du mir diesen Zettel zuschicktest! Bei Aufsetzung der Geheimschrift mußt du doch wenigstens bei voller Vernunft gewesen sein!«

Mit diesen Worten hatte er seine Brieftasche gezogen, er reichte mir einen Zettel, der aus meinem Notizblock stammte, mit Zahlen bedeckt.

Wir beide haben eine aus Ziffern bestehende Geheimschrift verabredet, nur wir besitzen den Schlüssel dazu, und da sich die Zahlenanordnung immer ändert, ist eine Auflösung durch Fremde ganz und gar unmöglich.

In der Uebertragung lauteten die Worte.

»Kapitän Flederwisch. Vertraue dem Manne, den ich dir sende, er führt dich auf einem geheimen Pfade durch den Sumpf. Nobody.«

Es soll jemand versuchen, meine Handschrift, von mir geschriebene Zahlen nachzuahmen. Alles, was ich besitze, gebe ich dem, dem ich nicht sofort die Fälschung nachweise. Und diese Zahlen waren von mir geschrieben!!

»Na, Mensch, was machst du denn für ein Gesicht? Hast du den Zettel nicht etwa selbst geschrieben?«

»Gewiß habe ich den Zettel geschrieben und dir den Mann zugeschickt – ich – fand ihn – ein andermal erzähle ich es dir,« murmelte ich und heuchelte eine Schwäche – oder ich brauchte sie gar nicht zu heucheln, sie befiel mich wirklich. –

Ich habe niemals über dieses rätselhafte Wunder gesprochen. Ich habe zugegeben, daß ich selbst jenen Mann geschickt hätte. Ganz selbstverständlich! Wer denn sonst? Um alles zu wissen, was vorgegangen war, hypnotisierte ich bei der ersten Gelegenheit den Steuermann von der ›Wetterhexe‹ und erfuhr von ihm folgendes:

Am andern Tage nach meinem Aufstieg im Ballon war die ›Wetterhexe‹ nach Quilca zurückgekehrt. Flederwisch fuhr per Eisenbahn mit zweiundzwanzig Mann nach Arequipa, alles mitnehmend, was man mir auf das Hochplateau nachbringen sollte, vor allen Dingen also das in einzelne Teile zu zerlegende Dampfboot und den Gasapparat. Nur Kohlen brauchten nicht mitgenommen zu werden, die gab es ja hier oben im Ueberfluß, und darauf gründete sich ja meine ganze Siedelungsidee.

(Hierzu muß bemerkt werden, daß Nobody bei seinem ersten Besuche des Titicaca ein reiches Kohlenlager gefunden hatte; im Norden der Insel, in der Nähe des Ufers traten die Kohlen zutage, sie brauchten nur abgeschürft zu werden. Sie waren bisher unbenutzt geblieben, die Indianer wußten nicht einmal, daß der schwarze Stein brannte. Nobody hatte die Lage der Kohlenfelder geographisch bestimmt. Flederwisch wußte also schon, wo sie lagen.)

Natürlich mußten auch viele Träger angemustert werden, und so vergingen vier Tage. Am 5. Februar nachts war ich aufgestiegen, am 6. kam Flederwisch in Arequipa an, am 10. war die Karawane fertig zum Aufbruch nach dem furchtbaren Engpaß der 12.000 Stufen, zu dessen Ueberwindung ich allein per Maultier 13 Tage gebraucht hatte, und so war es nicht zuviel, wenn ich für die große Karawane mit dem schweren Gepäck drei Wochen rechnete.

Eben wollte die Karawane von Arequipa aufbrechen, als vor Flederwisch ein staubbedeckter Indianer erschien, der ihm jenen Zettel von mir überbrachte. Der Steuermann konnte mir über den Mann nichts weiter mitteilen, als daß er sich Zokakane genannt habe und der zuverlässigste Führer durch den Sumpf gewesen sei. Nach seiner Beschreibung sei es der 6. Februar gewesen, da ich seine Bekanntschaft gemacht habe. Er hätte von meinem Vorhaben gehört, er gehöre zu den wenigen, welche einen festen Weg durch den Sumpf von Cuzco kenne und habe sich erboten, die Karawane hindurchzuleiten. Nur vier Tage habe er zu dem Wege gebraucht, freilich immer im Hundetrab.

Die Geheimschrift mußte bei Flederwisch jedes Bedenken heben. Gut, man folgte dem Führer. So ging es erst nordöstlich, durch einen sehr bequemen Paß, der nur leider in jenem undurchdringlichen Sumpfe endigt – undurchdringlich für jeden andern Menschen!

Unter den Füßen des Führers war immer fester Boden. Wohl ging es stets in Windungen und im Zickzack, aber ohne sonstige Schwierigkeiten, kein Lastträger, kein Tier versank, und schon nach sieben Tagen erblickten sie den Spiegel des Titicaca.

Das Fahrzeug und die Maschine wurden schnell zusammengesetzt, Kohlen gehackt und eingenommen, man durchquerte den See, um den auf der Insel belagerten Indianern und mir noch rechtzeitig zu Hilfe zu kommen. Denn was hier vorging, das hatte man nun schon von andern See-Indianern gehört, die sich bereits zum Rachezug rüsteten. Während man mit diesen verhandelt hatte, war der Führer verschwunden, war nicht wiedergekommen.

So viel hatte ich aus dem hypnotisierten Steuermann herausgebracht.

Was ich über diesen Fall dachte, kann ich nicht schildern. Schließlich grübelte ich selbst gar nicht mehr darüber nach. Es hätte so wenig Zweck gehabt, wie wenn ich die Sterne zählen wollte.

»Wie bist du denn zu dem Manne gekommen?« fragte mich dann Flederwisch. »Wußtest du denn nicht schon vorher, daß es einen Weg durch den Sumpf gibt? Du hattest doch schon genug Indianer in der Hypnose ausgefragt!«

Mit Flederwisch war ich bald fertig. Ich blieb dabei, daß alles mit natürlichen Dingen zugegangen sei. Ich hatte eben vorher nichts erfahren, jenen Zokakane hatte ich getroffen, ihm von meinem Vorhaben erzählt; er kannte einen Weg durch den Sumpf und erklärte sich bereit, die Karawane auf demselben zu führen – und damit basta! Ich lasse mir nicht in meine Karten blicken, auch von Flederwisch trotz aller sonstigen Freundschaft nicht, in gewisser Beziehung halte ich mich ganz separiert. Und seit Flederwischs Ankunft hatte ich in den folgenden Tagen, als ich noch bewußtlos dagelegen, nichts mehr im Traume gesprochen, und die Indianer hatten mein Englisch nicht verstanden. Mit Pachacamac hätte ich mich unterhalten, sagten sie.

Nun aber weiter. Ich genas schnell, meine abgemagerten Glieder rundeten sich zusehends. Und was tat ich, sobald ich nur wieder stehn konnte? Ich stieg in die Gondel des wieder gefüllten Ballons, um von dieser aus hinabzuschauen auf den Grund des Sees nach der goldenen Kette – trotz alledem und alledem! Mochte mich, wenn ich die goldenen Tempelschätze zum dritten Male sah, der Tod in irgend einer Gestalt ereilen – ich trotzte der Prophezeiung! Ich wollte eben sehen, wie noch alles kommen würde.

Der Fesselballon wurde von dem Dampfer nordwärts geschleppt, ich gab die Richtung an, zwischen jener Insel, auf der ich die Pflanzen gesät, und der des Pachacamac hindurch. Ungefähr konnte ich ja die Stelle bestimmen, wo die Kette gelegen hatte, und indem ich den Ballon immer höher steigen ließ, hatte ich eine weite Umschau auf dem Seeboden, auch die tiefste Stelle war deutlich erkennbar.

Aber wohlgemerkt, ich habe zu niemandem etwas davon gesagt, daß ich es schon bei meiner ersten Landung im See so golden hatte leuchten sehen, daß ich dann gar die goldene Kette in der Hand gehabt – ich sprach von dem so wenig wie über jenes Abenteuer mit dem Araber.

Jetzt gab ich eben nur die Richtung an, wie der See abgesucht werden sollte.

Hier hätte es ungefähr sein können. Ich sah in dem dunklen Boden eine Schlucht sich hinziehen, und so tief sie auch war, wir drei – Flederwisch, der japanische Ingenieur und ich – konnten bis hinabblicken, aber ich sah von Gold ebensowenig etwas wie die andern.

Wie ich so über dem Gondelrand lehne und hinabspähe, da ... bei Gott! ... nein, das kann wiederum nur eine Vision sein ...

Da wird mein Arm von Flederwisch krampfhaft gepackt, und auch der japanische Ingenieur deutet hinab in die Tiefe, in die ich starre.

»Ein Mensch! Ein Mann! Ein Taucher!«

Na, wenn es auch die beiden sahen, dann konnte es doch keine Vision sein!

Dort unten, neben dem kegelförmigen Steine, dem ich schon früher auf dem Meeresboden begegnet war, und zwar gerade dort, von wo aus ich die goldene Kette gesehen hatte, stand ein Taucher, in demselben Kostüm, wie ich eins besaß, hatte den Kopf etwas zurückgeneigt, betrachtete unser Boot!

Mein Doppelgänger oder nicht – ich mußte ihm zu Leibe, und diesmal durfte er mir nicht entgehn, und sollte ich mein zweites, mein geistiges und besseres Ich beim Schopfe fassen!

Wie ich die Strickleiter hinab und an Deck gekommen bin, weiß ich nicht. Die Leiter war etwas zu kurz, ich mußte noch ein gutes Ende hinabspringen. Die Mannschaft schrie laut auf, alle glaubten, ich hätte mir sämtliche Knochen im Leibe gebrochen, so hatte es gekracht.

Dem war aber nicht so. In das Taucherkostüm hinein und über Bord gejumpt!

Nur wenige Schritte von dem Taucher entfernt kam ich auf den Boden nieder. Er rührte sich nicht, blickte immer noch nach oben. Ich ihm zu Leibe. Er rührte sich nicht. Ich packte ihn bei der Brust. Da fiel der Kerl um – tot. Er hatte nur an dem schrägen Steine gelehnt, sein Gürtel war von einem Vorsprung festgehalten worden, so hatte der Tote aufrecht stehn können.

Ich hatte keine Laterne mitgenommen; er hatte auch keine. Durch das Glas sah ich nur ganz verschwommene Züge, es war zu dunkel. Ich machte Zeichen nach oben, die im Ballon konnten mich ja ganz deutlich sehen; man verstand meinen Wunsch, ein Seil ward herabgelassen.

Ich band den Taucher fest, hinauf ging es.

Dann lag er an Deck. Er trug fast dasselbe Taucherkostüm wie ich. Außerhalb des Wassers kann man durch das nasse Glas nicht so gut sehen wie unter Wasser, vor allen Dingen nicht hinein. Es waren immer noch verschwommene Züge. Wir schraubten den Helm ab. Wer war es?

Der Yankee! Mr. Maximus Wilken! Ich hatte es geahnt, der Tauchapparat hatte es mir gesagt. Die Luftbombe war zwar leer, aber der Apparat hatte bis zuletzt funktioniert. Wir nahmen einen Schlaganfall an, den er sich in der beträchtlichen Tiefe geholt. Jedenfalls war er schon seit einigen Tagen tot, der Leichnam ging schon stark in Verwesung über, obgleich diese unter Wasser langsamer eintritt, zumal der Körper so gut geschützt war.

Der Yankee hatte also die Soldaten Soldaten sein lassen und war auf eigne Faust auf die Suche nach den goldenen Schätzen gegangen. Wir fanden dann später sein Boot an meiner Gemüse-Insel.

Wie aber war er gerade hierhergekommen, wo auch ich die goldene Kette gesehen hatte?

Ich visitierte die Taschen seines Anzugs, den er unter dem Kautschukkostüm trug. Unter anderem fand ich einen Plan, jene Zeichnung, welche er von Diego Alcala erhalten hatte, angefertigt von dem französischen Gelehrten, auch mit einer geographischen Ortsaufnahme.

Und nun kommt für mich das Allerunfaßbarste.

Ich nahm sofort die Sonne wieder auf und ... die Berechnung ergab ganz denselben Ort, wo auch ich die goldene Kette hatte liegen sehen, in der Hand gehabt, wo auch Wilken seinen Tod gefunden hatte!

Aber hatte jener Prophet, den ich doch wirklich für einen Hellseher halten mußte, nicht gesagt, daß jene französischen Gelehrten überhaupt kein Gold gesehen, sondern nur die Lage einer Insel bestimmt hätten? Und wie kam es denn, daß ...

Doch ich will mir nicht den Kopf zerbrechen! Ob ich geträumt habe oder sonst was – mir ganz egal. Die Hauptsache ist, daß ich noch lebe und dies niederschreiben kann. Eigentlich hätte ich's gar nicht tun sollen; nun ist es aber einmal geschehen.

Von der goldenen Kette habe ich freilich auch nichts wieder gesehen, so viel ich auch mit dem Ballon auf dem See herumgegondelt bin, und ebensowenig habe ich auf der Pachacamac-Insel meinen Araber wieder getroffen, habe nichts von einer Flamme, einem Dreifuß oder sonst etwas dort gefunden.

 

Hier wollen wir Nobodys eignen Bericht schließen, ohne irgend etwas hinzuzusetzen. Mag der geneigte Leser selbst entscheiden, ob es glaubhaft klingt oder nicht. Jedenfalls ist nicht die geringste Renommisterei dabei.

Nobody war ja nicht an den Titicaca-See gekommen, um nur nach den goldenen Tempelschätzen zu suchen. Sein Ziel war ein viel edleres. Auf seine Anordnung hatte Flederwisch eine Menge Hühner und auch fünf Schweine mitgebracht, die Nobody vorher selbst ausgewählt hatte. Eine Sau hatte während ihres Hierseins schon Junge geworfen, und es mußte eine sehr fruchtbare Gegend hier oben sein – vierzehn Stück waren es geworden.

Eins der Lamas, welche die Soldaten mitgebracht, war bereits vom Zibot befallen, einige andre angesteckt worden. Sie wurden mit Schweineschmalz eingerieben, und an demselben Tage noch sah man, wie der rote Hautausschlag unter der Wolle zurückging.

Wie bescheiden Nobody ist, geht daraus hervor, daß er ausdrücklich betont, dies sei nicht seine Erfindung. Er will in einer alten Reisebeschreibung aus dem 17. Jahrhundert gelesen haben, daß Schweineschmalz das bewährteste Mittel gegen diese Krankheit der Lamas sei, und auch Tschudi spricht davon.

Allein was nützt das Schreiben und Sprechen und Lesen? Diese Punaindianer wußten nichts davon, die kannten überhaupt gar keine Schweine. Nobody war es, der sie bei ihnen einführte, sie gediehen, sie bannten den Zibot von der Puna; außerdem wurden sie bald zum Jagdwild.

Noch sechs Wochen blieb Nobody dort oben, dann trat er mit Flederwisch und der Mannschaft den Rückweg an – durch den Engpaß, denn von einem Wege durch den Sumpf war nichts zu finden gewesen, Regengüsse hatten alle Spuren der Karawane verwischt.

Den Ballon nahmen sie mit, nicht aber den kleinen Dampfer. Zwei von der Mannschaft blieben zurück, zufällig beide Deutsche – sie gingen auf Nobodys Vorschläge ein, wollten hier oben die ersten weißen Kolonisten werden, das Werk fortsetzend, das Nobody schon begonnen hatte. In den Ruinen des alten Puno bauten sie aus den vorhandenen Steinen das erste Haus nach europäischem Muster auf.

Gretchen schmollte. Diese Kolonisation war gar nicht nach ihrem Geschmack. Aber der Abschied war doch ein herzlicher. Was hatte es auch für sie zu sagen? Sie kehrte mit den von der Jagd lebenden Kimoros in die weite Puna zurück. Jetzt sollte bei ihr ja erst das wilde Jägerleben richtig losgehn. Uebrigens glaubte Nobody, daß es dem jungen Mädchen solch ein brauner Bursche angetan habe.

Die gefangenen Soldaten wurden freigelassen. Sie wollten nach der bolivischen Grenze hinübergehn, erreichten aber ihr Ziel nicht, sondern wurden von Punaindianern niedergemacht.

In den peruanischen Hafenstädten sah sich Nobody nach deutschen Kolonisten für sein neues Unternehmen um, und obgleich er ihnen klarmachte, was sie finden würden – ein von aller Kultur abgeschlossenes Leben – meldeten sich genug. Später ließ er aus Deutschland direkt Bauernfamilien kommen, setzte auch für die erste Unterhaltung eine Summe aus, deren Höhe nicht in seinem Tagebuch steht.

Vier Jahre später reiste Nobody selbst einmal hinauf, um sich mit eignen Augen von dem Fortschreiten seines Werkes zu überzeugen. Aus den Ruinen des alten Puno war eine neue Stadt emporgestiegen, aber noch denselben Namen führend, ringsherum blühende Felder, Rinder- und Lamaherden, Hühner und Schweine; die einst so öde Puna begann sich mit Kiefernwald zu bedecken. Die Kolonie war vollkommen auf sich selbst angewiesen, abgeschnitten von aller Welt – und gerade deswegen war sie wahrscheinlich so glücklich.

Nobody nennt die Gründung dieser Kolonie die größte Tat seines Lebens.

Gretchen war schon seit langer Zeit verschwunden.

Dem abenteuerlichen Mädchen mußte auch noch die weite Puna zu eng geworden sein, es hieß, sie sei mit einigen von ihrem Stamme ausgestoßenen Indianern nach den südlichen Pampas gewandert.

Nobody sollte ihr noch einmal begegnen, als er es am wenigsten erwartete.

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