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Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band

Robert Kraft: Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band - Kapitel 2
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDetektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 6. Band
publisherH.G. Münchmeyer
correctorreuters@abc.de
senderGeorge Huberty
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1. Die Magnetinsel oder Der schlafende Tod

»Hier, mein lieber Nobody, das ist wieder etwas für Sie, da müssen Sie gleich hin.«

Mit diesen Worten reichte Mr. World seinem stillen und doch so tätigen Kompagnon eine Zeitung und deutete auf eine gewisse Stelle, die dieser lesen sollte.

Es war ein wöchentlich erscheinendes Blatt, auf rotem Papier gedruckt, das gleich seinen Inhalt kennzeichnete; denn es enthielt immer nur die sensationellsten Tagesneuigkeiten. Am bevorzugtesten waren grausige Morde, so blutrünstig wie möglich, von entsprechenden Illustrationen erläutert: wie ein Mann seine Frau im Bett mit Petroleum übergießt und anbrennt, wie eine Dame aus dem Luftballon stürzt und auf der Erde zerschmettert – und nun kann sich der Leser denken, was für eine Zeitung es war.

Um indes auch das höhere Ziel einer Zeitung im Auge zu behalten, um auch »bildend« auf das Publikum zu wirken, brachte dieses Wurstblättchen außer Koch- und Fettfleckenrezepten allwöchentlich unter der Rubrik »Die neuesten geographischen Forschungen aus aller Welt« einen besondern Artikel, der irgend eine sensationelle Entdeckung aus der Land- und Völkerkunde behandelte, und da stand heute folgendes zu lesen:

»Im Kalifornischen Meerbusen liegt eine kleine Insel, welche von den Schiffern ängstlich gemieden wird. Denn auf ihr erhebt sich ein Berg, der aus reinem Magneteisen besteht, und dessen Anziehungskraft so groß ist, daß nicht nur ein eiserner Dampfer, sondern sogar jedes hölzerne Segelschiff schon aus meilenweiter Entfernung unwiderstehlich angezogen wird, aus dem einfachen Grunde, weil doch die hölzernen Planken durch eiserne Nägel verbunden sind und auch sonst jedes Schiff immer eiserne Gegenstände an Bord hat. Die ganze Küste ist mit Schiffstrümmern bedeckt, und nur selten einmal gelingt es einem Schiffbrüchigen, sich wieder von der Insel freizumachen. Er muß sich zu diesem Zwecke ein Floß fertigen, welches er aber nur mit Stricken zusammenbinden darf. Kommt ein hölzernes Schiff zufällig in die Nähe der Magnetinsel und fühlt sich schon angezogen, so bleibt der Mannschaft nichts andres übrig, als in die Boote zu gehn, aus denen sie aber vorher alle eisernen Nägel entfernen muß, während ein eiserner Dampfer unrettbar verloren ist. Wie wir hören, läßt jetzt ein amerikanischer Kapitän ein hölzernes Fahrzeug bauen, bei dem nur kupferne Nägel verwendet werden – Kupfer wird bekanntlich nicht vom Magneten angezogen – um auf diese Weise ungefährdet die geheimnisvolle Magnetinsel erforschen zu können, und wir werden später ausführlich von dieser Expedition berichten.«

Nobody ballte das rosenrote Blatt zusammen und warf es in den Papierkorb.

»Horrender Unsinn!« knurrte er ärgerlich. »Wie nur eine Zeitung wagen kann, dem Publikum so etwas zu bieten!«

»Ja; und doch gibt's genug Leute, die das sogar für bare Münze nehmen!«

»Von wem wird denn das Schundblatt gelesen?«

»O, es hat in den einsamen Distrikten Amerikas eine gar große Verbreitung, es geht bis in die entlegenste Hinterwäldlerhütte. Jeder Goldgräber kauft sich, wenn er einmal in eine Ansiedlung kommt, das rote Blatt. Die wollen doch auch wissen, was draußen in der Welt passiert, und nun die blutigen Bilder, der blutige Stil, die ganze Ausstattung – das imponiert solchen Leuten, sie kaufen es, sie abonnieren sogar darauf.«

»Desto unverantwortlicher ist es, wenn man solchen Leuten, die in ihrer Einsamkeit wirklich wissenshungrig sind, so etwas auftischt! Da schadete eine polizeiliche Zensur wirklich nichts. Wie der Schreiber nur auf so ein Märchen gekommen ist?«

»Das hat er einfach so aus der Luft gegriffen, das Papier muß doch voll werden!« meinte der alte World.

»Nein,« sagte da Nobody mit Betonung, »alles hat einen reellen Hintergrund, wie jede mythische Sage, so auch jedes Märchen. Oder aber der Verfasser ist ein echter, ein gottbegnadeter Dichter, und das darf man wohl von diesem Skribifax, der in solch jämmerlichem, unbehilflichem Stile etwas wiedererzählt, nicht annehmen. Irgend etwas Wahres ist stets daran.«

Nobody griff wieder nach dem verächtlich fortgeschleuderten Blatte, faltete es auseinander und las jenen Artikel noch einmal, war dabei ganz in Gedanken versunken. Dann stand er auf, trat zu einer großen Wandkarte und wandte seine Aufmerksamkeit der Kalifornischen Halbinsel zu.

»Sie wollen wohl wirklich nach Kalifornien?« platzte Mr. World endlich heraus, nachdem er Nobody zuerst still beobachtet hatte.

Dieser drehte sich ihm wieder zu.

»Allerdings!« sagte er ernst.

»Um im Kalifornischen Meerbusen die unheimliche Magnetinsel aufzusuchen?!« lachte der alte Herr jetzt aus vollem Halse. »Mann, Nobody, Sie werden doch nicht auf solch ein Kindermärchen hereinfallen, das ist doch der purste Humbug!!«

»Na, na, Mr. World, nun seien Sie mal gefälligst still!« entgegnete Nobody. »Wenn jemand an solche Zeitungsenten immer geglaubt hat, dann sind Sie's doch gewesen, und ich habe Mühe genug gehabt, Sie von Ihrer Leichtgläubigkeit zu kurieren, und wenn es immer nach Ihnen gegangen wäre, dann hätte ich Geld genug umsonst verfahren, und wir beide hätten uns manchmal unsterblich blamiert. Oder ist's nicht so?«

Ja, so war es, und der alte Verleger schwieg beschämt. Es ist schon früher wiederholt erzählt worden, was für seltsame Ideen Mr. World manchmal hatte, wie er jedesmal, wenn die Zeitungen irgend ein Märchen auftischten, Nobody immer gleich hinschicken wollte. Es sei nur an den in Brasilien vergrabenen Hund der Donna Dingsda erinnert.

»Ja, ich werde allerdings einmal einen Abstecher nach jener Gegend machen!« fuhr Nobody fort. »Ich kenne Kalifornien zur Genüge, desgleichen Mexiko, aber noch nicht die zur Republik gehörige Kalifornische Halbinsel. Morning!«

Nobody hatte nach seiner Taschenuhr geblickt; nun ein leichtes Kopfnicken, und er ging.

Mr. World sah ihm nach. Wohin begab sich Nobody? Vielleicht saß er fünf Minuten später, so wie er jetzt war, auf der Pacificbahn und sauste quer durch Amerika hinüber an die Küste des andern Ozeans. Das war so Nobodys Weise, wenn er etwas vorhatte, darin hatte ihn sein Verleger nun schon kennen gelernt.

Aber diesmal sollte sich Mr. World geirrt haben. Wenigstens ging es jetzt nicht ganz so fix.

Nobody schlenderte sogar recht langsam die Straßen entlang, und er beschleunigte erst seinen Schritt, als er plötzlich über das Pflaster hinübersteuerte. Er mußte ein bestimmtes Ziel ins Auge gefaßt haben.

»Hallo, Wilhelm Petersen, wie geht's? Auch wieder einmal in New-York?«

Der Angeredete war ein noch junger, untersetzter Mann, mit ein paar Schultern, deren sich Herkules nicht hätte zu schämen brauchen, durch seine Kleidung wie durch sein ganzes Aeußere den Seemann verratend, und zwar den deutschen, der etwas auf sich hält.

Ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, musterte er mit seinen scharfen, blauen Augen den vor ihm stehenden, hocheleganten Herrn.

»Kenne Euch nicht!« lautete dann sein Urteil.

»Heliotrop, Kapitän Flederwisch – und der andre, der zur Kompanie gehört, das bin ich!«

Wie Sonnenschein flog es über das offne, wettergebräunte Gesicht.

»Ach, Mister ... weiß schon. Ihr wollt niemals gekannt sein. Das ist ja famos, daß ich Euch wieder einmal die Hand schütteln kann!«

Und die schwielige Arbeitshand schüttelte denn auch die schlanke, aber nicht minder kräftige des andern, als sollte der Arm ausgerenkt werden.

Es war zwei Jahre her, daß Nobody auf seiner eignen Jacht die Westküste Südamerikas befahren hatte. Es lag etwas Besondres vor, er hatte in alle Hafennester gucken müssen, hatte deshalb einen eignen Lotsen an Bord gebraucht. Ein deutscher Steuermann war gefunden worden, hier, der Wilhelm Petersen, welcher behauptete, die ganze Westküste wie seine Hosentasche zu kennen, und er hatte nicht geprahlt, es war an dem gewesen.

Nobody hätte um alles in der Welt gern den prächtigen Menschen für immer an sich gefesselt; aber es gelang ihm nicht. Wohl war Wilhelm Petersen ein internationaler Seezigeuner gewesen, dem solch ein abenteuerliches Vagabundenleben behagte; aber gerade nach Beendigung jener Reise war etwas dazwischengekommen, was seinem ganzen Leben eine andre Richtung gab. Sein kranker Vater, ein alter pensionierter Kapitän, hatte ihn nach Hause gerufen, und auf dem Sterbebett hatte ihm der Sohn das Versprechen gegeben, von jetzt ab ein zielbewußtes Leben zu beginnen, ein deutscher Kapitän zu werden, so wie es alle Petersens gewesen waren – und um Kapitän werden zu können, brauchte Wilhelm noch einige Jahre Seefahrtszeit, und auf dem deutschen Seemannsamt gilt nur die, welche unter deutscher Flagge geleistet worden ist.

Wilhelm erzählte, daß er erst gestern von einem deutschen Segler abgemustert worden sei, welcher wegen Reparatur hier in Dock gehn mußte.

»Habt Ihr schon wieder angemustert?«

»Behüte! Das war eine Höllenfahrt auf dem lecken Kasten, von der muß ich mich erst ein bißchen erholen.«

»Hm!« brummte Nobody nachdenklich. »Wart Ihr eigentlich auch schon in Nieder-Kalifornien? Die lange Halbinsel meine ich.«

»Na und ob und wie! Das heißt, ich kenne immer nur die Küsten und die Hafenstädte. Gerade an der Ostküste von Nieder-Kalifornien kenne ich jedes Loch, ebenso die gegenüberliegende Küste von Mexiko und das ganze Wasser, was dazwischen liegt. Ich bin da ein Jahr lang auf einem Marketenderschiffe gewesen, wir brauten den Pulk gleich an Bord und verkauften dieses köstliche Gesöff, das ungefähr wie faule Limonade schmeckt, an die mexikanischen Fischer.«

»Auf einem Marketenderschiffe seid Ihr gewesen? Donnerwetter, da allerdings müßt Ihr dort etwas erlebt haben. Hört, ich habe die Absicht, mir einmal diese Gewässer anzusehen. Wollt Ihr mich begleiten?«

Der junge Steuermann zögerte doch zuerst etwas.

»Als was? Auf Eurer Jacht? Hm, ich bin ...«

»Nein, mit der Pacificbahn, es ist nur eine Vergnügungstour, länger als zwei Monate darf sie nicht dauern; wir jagen mit der Pacific hin, und Ihr sollt mein Reisegesellschafter und mein Mentor sein.«

»Topp, da bin ich dabei!« rief Petersen jetzt erfreut.

»Gut, und da wollen wir gleich unsre Vorbereitungen treffen, dort ist ja ... einen Augenblick.«

Das Gespräch hatte vor dem großen Laden eines Buchhändlers stattgefunden, der auf seinem Firmenschilde betonte, daß er auch die obligatorischen Seekarten führe, und jetzt war der Moment eingetreten, wo Nobody zu handeln begann.

Er war in den Laden gesprungen, und als er wieder herauskam, hatte er eine große Spezialkarte von Süd-Kalifornien und eine nautische der kalifornischen Bucht erstanden. Die beiden Männer begaben sich in ein Hotel, wo sie ungestört über den Karten die Reise besprechen konnten, und der junge Steuermann wunderte sich nicht über diese Schnelligkeit. Er hatte Nobodys Wesen schon zur Genüge kennen gelernt und wußte, daß er jetzt nicht mehr erst lange den Koffer packen durfte.

Zunächst wurde mit Hilfe der Speziallandkarte die allgemeine Reisetour festgestellt.

»Was mich hauptsächlich dorthinzieht,« meinte Nobody, »ist das mexikanische Fischerleben, von dem ich schon so viel Interessantes gehört habe.«

»Das lernt Ihr am besten auf den Golfinseln kennen, dort gibt es überhaupt viel Sehenswertes.«

Gut, so wurden erst einmal die kleinen und großen Inseln vorgenommen, welche den kalifornischen Golf zu Hunderten erfüllen, und wenn Petersen sie auch nicht sämtlich kannte, so wußte er sich doch durch alle hindurchzufinden, das eben war für Nobody die Hauptsache; denn er gedachte ein eignes Boot zu benutzen. Auch sonst konnte der weitbefahrene Steuermann von den Inseln, welche er damals besucht hatte, viel Interessantes berichten.

»Hier geht eine sehr gefährliche Wasserstraße hindurch. Wir wollen doch lieber die Seekarte zur Hand nehmen –«

Bisher hatte man nur die Landkarte befragt, jetzt also wurde die ausgebreitet, welche sich nur mit den Wasser- und Küstenverhältnissen jener Gegend beschäftigte. Auf dieser sah alles ganz anders aus, die Inseln waren viel größer angegeben: in dieser Schifffahrtskarte durfte keine Klippe mit den nächsten Meerestiefen fehlen.

»Von der Angeles-Insel bis nach Tiboran nehmen wir am besten einen ...«

Der Steuermann wurde in seiner Erklärung unterbrochen.

»Die Magnetinsel!!« rief Nobody überrascht, auf einen Punkt deutend, welcher die Bezeichnung › Isola magneta‹ trug.

Ja, die Magnetinsel war im Kalifornischen Meerbusen wirklich vorhanden! Also hatte Nobody in diesem Falle recht gehabt, wenn er gesagt, daß auch jener sinnlose Artikel in dem roten Blatte irgend einen reellen Hintergrund haben müsse. Freilich, etwa diese merkwürdige Insel aufzusuchen, um sich zu überzeugen, ob an dem Märchen wirklich etwas Wahres sein könne, daran hatte er nicht im entferntesten gedacht. Jener Artikel hatte ihn eben nur auf die Idee gebracht, einmal jene Gegend von Amerika zu besuchen, welche er noch nicht kannte, und er hatte jetzt auch gerade Zeit zu solch einer Reise.

»Ja, das ist die Magnetinsel!« bestätigte Petersen. »Nur ein kleines Ding, aber mit einem hohen Berge darauf. Auf der haben wir nichts zu suchen, sie ist völlig unbewohnt.«

»Weshalb unbewohnt?«

»Weil nichts darauf wächst,« war die einfache Antwort.

Nobody wollte vorläufig noch nichts von jenem sinnlosen Artikel sagen.

»Warum heißt sie Magnetinsel? Besteht der Berg vielleicht aus Magneteisenstein?«

»Gott bewahre!« lachte der junge Steuermann. »Ach, Ihr denkt wohl an die alte Sage von dem Magnetberg, der eiserne Schiffe anzieht und aus den hölzernen Schiffen wenigstens die eisernen Nägel? Das erzählen schon die Araber in Tausendundeiner Nacht, da erleidet Sindbad, der Seefahrer, Schiffbruch an solch einem Magnetfelsen, von dem er nicht wieder loskommt, und auch die deutsche Sage vom Herzog Ernst behandelt dasselbe Thema. Nee, so was gibt's nicht in der Welt. – Und doch,« fuhr Petersen, wieder ernst werdend, fort, »Ihr seht, daß diese Insel gleich mit drei Kreuzen markiert worden ist.«

»Das bedeutet, daß es ein für die Schiffer ganz gefährlicher Punkt ist.«

»Weil, wie Ihr seht, nicht nur die durch den Golf kreisende permanente Strömung von Norden her dagegenprallt, sondern auch noch eine seitliche, und so liegt die Insel in einem für Segelschiffe ganz gefährlichen Wirbel. Nur von Süden her könnte man sich ihr nähern; aber erstens hat ja niemand etwas auf der wüsten Insel zu suchen, und zweitens haben die mexikanischen Schiffer überhaupt einen höllischen Respekt vor der Magnetinsel, die nach der Volkssage anziehen soll, und daher ihr Name.«

Aha, jetzt kam es ja. Also eine Volkssage! Wie Petersen weiter erzählte, ging dort die Fabel, daß es nicht allein die nördlichen Strömungen seien, welche die Schiffe gegen die Insel trieben, sondern das geschähe auch von Süden her, also direkt dem Strome entgegen – natürlich eine durch gar nichts bewiesene Behauptung. Da diese aber nun einmal vorhanden sei und alles daran glaube, so könne eben die Insel selbst nur eine magnetische Anziehungskraft ausüben.

»Außerdem wird diese ganze Gegend« – Petersen beschrieb um den Punkt auf der Karte einen kleinen Kreis – »von den Schiffern und allem Volke der ›schlafende Tod‹ genannt. Die Schiffe hüten sich, in diese Region zu kommen. Wenn nämlich ein Schiff dahineingerät, so wird die ganze Mannschaft von einer unüberwindlichen Schlafsucht befallen. Vergebens wehrt man sich dagegen, man schläft ein, um nie wieder zu erwachen.«

»Nanu!« stellte sich Nobody erstaunt. »Woher kommt denn das?«

»Das kommt einfach daher, weil auf der magnetischen Insel eben der schlafende Tod herrscht,« lachte Petersen.

»Diese Insel wird ja immer geheimnisvoller!«

»Ja, die Leute dort unten wissen allem und jedem etwas Geheimnisvolles und Spukhaftes anzudichten, das wimmelt bei ihnen alles von Heiligen und Gespenstern.«

»Wie mag denn diese Sage von dem schlafenden Tode entstanden sein?«

» Quien sabe? Wer weiß es? Das ist nämlich die Antwort, die man dort unten fast auf jede Frage erhält. Quien sabe? Die Yankees nennen die Mexikaner in jener Gegend gleich die Quien sabe-Männer. Ein faules, nichtsnutziges Volk dort unten, wirklich stinkend vor Faulheit und Dummheit. Nicht einmal so weit können sie es bringen, auf der Magnetinsel einen Leuchtturm zu errichten, der die Schiffer vor der Gefahr warnt.«

»Wie? Nicht einmal ein Leuchtturm ist darauf?«

»Nein. ›Was hätte es für einen Zweck?‹ sagen sie. ›Das Schiff, welches in die Nähe der Magnetinsel kommt, ist doch sowieso verloren, es wird mit unwiderstehlicher Kraft angezogen, immer schneller und schneller, bis es an der felsigen Küste zerschellt: schon vorher fällt die ganze Mannschaft in einen Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt, und aus demselben Grunde könnte ja auch gar kein Leuchtturmwärter dort existieren, der schlafende Tod duldet nichts Lebendes auf der Insel, also man kann überhaupt gar keinen Leuchtturm dort errichten. Wer sollte ihn denn bauen? Wenn es wirklich jemandem gelingt, die Magnetinsel lebendig zu betreten, der ist doch noch nachträglich dem schlafenden Tode verfallen.‹ So wird einem erzählt, wenn man auf die Frage nicht das gewöhnliche › Quien sabe‹ zu hören bekommt.«

»Das ist ja unglaublich! Da müßte doch die Regierung eingreifen.«

»Ach Gott, ach Gott, die Regierung der Republik Mexiko!« spottete Petersen. »Wenn dort unten keine Yankees wären, die den ganzen Handel in Händen haben und manchen Wandel schaffen – an der ganzen Küste des Kalifornischen Golfs gäbe es noch keinen einzigen Leuchtturm. Doch schließlich ist ein solcher auf der Magnetinsel auch gar nicht so nötig. Etwas nördlich davon liegt Santa Topina. Dieses Inselchen hat an der Südküste einen großen Leuchtturm; hier seht Ihr es ja verzeichnet, und dessen Licht reicht bei Nacht auch zur Orientierung für die umliegenden Eilande aus, zu denen die Magnetinsel gehört.«

Aufmerksam betrachtete Nobody die Seekarte.

»Hm. Aber die Isola magneta liegt doch gerade in der Mitte der Gruppe. Wenn die Yankees nun einmal die Erbauer der Leuchttürme sind, dann hätten sie doch einen auf der Magnetinsel errichten können. Diese energischen Leute werden sich doch nicht vor dem schlafenden Tode fürchten?«

»Santa Topina ist aber insofern günstiger, weil es eine sehr fruchtbare, bevölkerte Insel ist. Auf der Magnetinsel müßten die Leuchtturmwächter immer mit Proviant versehen werden, ganz abgesehen davon, daß es schwer halten würde, für diese Geisterinsel einen Leuchtturmwärter zu bekommen.«

»Und wie sind die andern umliegenden Inseln beschaffen?«

»Alle mit einer reichen Vegetation bedeckt, alle stark bevölkert.«

»Und auf der Magnetinsel wächst nichts?«

»Gar nichts! Sie ist völlig steril.«

»Wie kommt das?«

»Es muß wohl an Wasser fehlen.«

»Wenn es auf den benachbarten Inseln regnet, muß doch dieselbe Regenmenge auch auf die in der Mitte der Gruppe liegende Insel fallen.«

»Schon recht, aber die Bodenbeschaffenheit mag eine andre sein, das Regenwasser wird sich in Spalten verlaufen, denn deren gibt es dort genug. Kurz und gut, ich habe auf der Magnetinsel auch kein Grashälmchen entdecken können.«

»Was? Ihr seid wohl gar darauf gewesen?«

»Einmal, jawohl.«

»Und das sagt Ihr mir erst jetzt?«

»Jawohl, ich bin einmal darauf gelandet, im Boote, allerdings unfreiwillig, habe ein paar Stunden auf ihr zugebracht.«

»Und Ihr seid nicht eingeschlafen, um nicht wieder zu erwachen?«

»Nee, das weniger!« lachte Petersen. »Die Geschichte war so. Wir erspähten einen Walfisch – das heißt, keinen mächtigen Grönlandswal, sondern so eine kleinere Sorte, wie man sie im Kalifornischen Golf genug findet, Delphinwal wird er dort genannt; sein Fleisch schmeckt ganz gut. Immerhin ist es ein ansehnliches Tier, zu angeln ist er nicht, er muß harpuniert werden, und die Jagd ist nicht ohne Gefahr.

»Wir brauchten gerade frisches Fleisch, das eingesalzene konnten wir immer verkaufen, und so gingen fünf Mann ins Boot, ich als Harpunier. Es war eine heiße Jagd, der Wal ließ uns immer dicht herankommen, und dann war er wieder fort, bis ich ihn endlich doch an der Harpune hatte. Jetzt aber ging es mit Windeseile davon. Das Tier schleppte uns dem Norden zu.

»›Die Isola magneta, der schlafende Tod!‹ schreit da plötzlich ein Matrose, und ehe ich es hindern kann, hat er die Leine gekappt, und der Wal verschwindet mit meiner Harpune.

»Jawohl, da lag sie, seitwärts, ein niedriges Eiland, in der Mitte zu einem Berge aufsteigend. Und da merken wir auch schon, daß wir darauf zutreiben, wir sind bereits in der Ostströmung, und da hilft kein Rudern mehr, die Strömung ist stärker. Ja, ich sage Euch – wenn ich nicht gewesen wäre, die vier braunen Schufte wären über Bord gejumpt und hätten sich abgesoffen, nur aus Angst vor dem schlafenden Tode. Da habe ich einmal gemerkt, was die Einbildung tut. Wir befanden uns doch ganz einfach in einer Strömung – nein, diesmal war das keine Strömung, das mußte unbedingt die magnetische Anziehungskraft der Insel sein, die uns auf diese zutrieb, und weil ihnen nun das Märchen im Kopfe spukte, daß hier jeder von einer Müdigkeit befallen würde, die mit dem Tode endete, wollten die Kerle, weiß Gott, vor Angst einschlafen. Faktisch, so mächtig war die Einbildung!

»Aber ich hatte großen Einfluß auf sie, ich war auf dem Marketenderschiff, obgleich nur Matrose, der Hauptmatador, und so gelang es mir, sie wieder lebendig zu machen, daß sie in die Hände spuckten und sich über die Riemen beugten. Gegen die Strömung konnten wir nicht ankommen. Nur ließ ich das Boot so weit südlich wie möglich antreiben. Dann mußten wir es am Lande entlangziehen, bis wir außerhalb der Strömung waren.

»Da also bin ich eine Stunde auf der Insel gewesen. Es war absolut nichts zu erblicken, kein Grashalm und gar nichts. Eine schreckliche Oede! Zum Glück sahen wir in der Ferne unser Schiff treiben, bald waren wir wieder an Bord. Da hättet Ihr aber nun hören sollen, was die braunen Kreolen erzählten! Anstatt auszusagen, daß das mit der magnetischen Anziehungskraft und dem Einschlafen nur Mumpitz sei, schwuren sie hoch und heilig, von einer Strömung wäre gar keine Rede gewesen, der Magnetberg hätte sie angezogen, und nur weil sie zu ihren Heiligen gebetet hätten, seien sie nicht in den tödlichen Schlaf gefallen. Aber sie hätten schon kaum noch ihre Augen aufhalten können, sie wären von einer überwältigenden Müdigkeit befallen worden. – Seht,« schloß der junge Steuermann seinen Bericht, »auf solche Weise entsteht so eine Sage. Oder wenn die Fabel einmal da ist, dann wird schon dafür gesorgt, daß sie immer weiter verbreitet wird, indem man die Einbildung für Tatsache nimmt, und in so etwas leistet das unwissende, abergläubische Volk da unten ja großes.«

»Nun,« meinte Nobody, »wir werden auch einmal dieser Isola magneta einen Besuch abstatten.« –

 

Drohend ballten sich am Horizont die Wolken zusammen, ab und zu setzte ein heftiger Windstoß ein, der das kleine Dampfboot stark auf die Seite legte.

»Ohne Sorge, das wird ein kleines Gewitter, nichts weiter. Stürme gibt's hier gar nicht, die Berge fangen alles ab, und die ›Lucia‹ ist kenterfest.«

Dies rief der am Steuerrad stehende Petersen Nobody zu, weil dieser sorgenvoll den Himmel musterte.

Seit zwei Wochen befanden sich die beiden auf jener langgestreckten Halbinsel, welche man mit Süd- oder Niederkalifornien bezeichnet, nicht zu den Vereinigten Staaten, sondern zu der Republik Mexiko gehörend.

Sie hatten in diesem Lande, welches wegen seiner unglücklichen Regierungsverhältnisse – Bürgerkriege sind hier an der Tagesordnung – noch auf einer sehr tiefen Stufe der Kultur steht, schon manches Abenteuer erlebt, waren unter anderem auch einmal in der Postkutsche von Banditen angefallen worden; doch wir überspringen diese Abenteuer, da sie nicht mit dem Detektivberufe unsers Helden zusammenhängen.

Vor zwei Tagen hatte Nobody in einem Hafenstädtchen von einem reichen Privatmanne gegen Hinterlegung einer Kaution dieses Dampfboot, auf welchem er die hauptsächlichsten Inseln besuchen wollte, für billiges Geld gemietet. Er brauchte nur noch einen Heizer zu engagieren, genügend Kohlen und Proviant an Bord zu nehmen, und die Seereise konnte beginnen.

Die Schiffahrtsverhältnisse im Kalifornischen Golf sind sehr günstig. Es weht hier ständig ein und derselbe Nordwestwind, die zu beiden Seiten liegenden Bergketten halten jede andre Luftströmung ab, und selbst gegen den Wind kann ein Segelschiff leicht kommen, indem es die Strömung benutzt, welche den ganzen Golf umkreist.

Nur in der finstern Nacht ist die Fahrt gefährlich, wegen der zahllosen Inseln mit ihren Klippen und Untiefen. Für eine Reise quer über den Meerbusen kommen diese allerdings gar nicht in Betracht, denn der Golf ist an keiner Stelle breiter als fünfzehn Meilen, und die kann jedes Segelboot noch am hellen Tage zurücklegen. Aber die Fischerboote können nicht jedesmal am Abend einen Hafen anlaufen, der reichste Fischzug gelingt in der Nacht; außerdem liegt der ganze Handelsverkehr in dieser Gegend, die noch heute nichts von Eisenbahnen weiß, auf dem Wasser: ganz stattliche Dampfer befahren den Golf von Süden nach Norden und zurück; tiefe Häfen sind selten, und da rennt in finstrer Nacht mancher Dampfer auf ein Riff, läuft direkt auf den Strand, und das Verschwinden von Fischerbooten ist an der Tagesordnung.

Durch Errichten von genügend Leuchttürmen könnte hier leicht Abhilfe geschafft werden; aber es ist schon gesagt worden, wie faul es in der Republik Mexiko aussieht. Ja, es ist ganz offenbar, daß die Regierung die Gelegenheit zu Schiffbrüchen sogar begünstigt – wie es auch einmal an unsern deutschen Küsten gewesen ist, wo auch der Pfarrer den lieben Gott bat, er möge ›den Strand segnen‹.

In Mexiko ist es noch heute so. Alles, was antreibt, gehört den Küstenbewohnern. Strandet ein Schiff, so gehört ihnen Wrack und Ladung – vorausgesetzt, daß kein einziger mehr von der Mannschaft lebt. Sonst fällt den Küstenbewohnern nur der zehnte Teil zu.

Liegt da der Verdacht nicht nahe, daß die Strandbewohner die Schiffbrüchigen, die sich selbst retten wollen, auch noch kaltmachen? Nein, das ist kein Verdacht, sondern offenkundige Tatsache. Alle diese Insel- und Küstenbewohner sind professionelle Raubmörder!

Nun aber bezieht die Regierung von dem erbeuteten Strandgut in jedem Falle 25 Prozent. Da liegt wiederum der Verdacht sehr nahe – und diesmal wollen wir wirklich nur von einem Verdachte sprechen – daß die Regierung diesen Raubmord sogar privilegiert! Jedenfalls tut sie nichts, um die Gefahr der Schiffbrüche zu verringern, und dazu hat sie um so weniger Grund, als der Handel ausschließlich von englischen und amerikanischen Schiffen betrieben wird, und jedenfalls wird nur sehr, sehr selten einmal ein Strandbewohner, der einem noch lebenden Schiffbrüchigen mit der rettenden Hakenstange so von ungefähr den Garaus gegeben hat, vor Gericht zur Verantwortung gezogen, und dann ist noch immer zehn gegen eins zu wetten, daß der wegen Mordes zum Strange Verurteilte schließlich aus dem Kerker entspringt.

Nachdem Nobody alle diese Verhältnisse genauer erfahren hatte, interessierte er sich für die Magnetinsel aus einem ganz besondern Grunde.

Dieses Eiland wurde also auf zwei verschiedenen Seiten von zwei starken Meeresströmungen getroffen. Abgesehen davon, daß wohl hin und wieder direkt an der Magnetinsel ein Schiff scheitern würde, trotz aller ängstlichen Sorgfalt, mit der man der verhexten Insel aus dem Wege ging, so mußten die beiden Strömungen doch auch die Trümmer von anderwärts gescheiterten Fahrzeugen dort an die Küste werfen.

Was wurde nun aus den Planken, aus den Fässern, Kisten und aus alledem, was das Meer nach jedem Schiffsuntergange wieder ausspeit?

Nobody hatte an der Küste des Festlandes schon genug Fischer über die Isola magneta ausgefragt und im Grunde genommen nichts weiter erfahren, als was ihm Petersen erzählt hatte. Es sei noch einmal mit kurzen Worten zusammengefaßt:

Der auf der Insel befindliche Berg zog alles an, was sich ihm näherte, und die hiesigen Fischer machten hierbei keinen Unterschied zwischen Eisen und Holz, die Insel zog überhaupt alles an. Nur über die Weite der Anziehungskraft waren sie uneinig. Die einen sprachen von einer Meile, andre verstiegen sich bis zu vier Meilen!

Jedenfalls erreichte kein Mann des betreffenden Schiffes den Strand lebendig. So weit, wie die Anziehungskraft, wirkte auch der ›schlafende Tod‹. Sobald man in den Bereich der geheimnisvollen Anziehungskraft kam, wurde alles Lebendige von einer unwiderstehlichen Müdigkeit befallen, man schlief ein, in den Tod hinüber.

Das war der Kernpunkt der ganzen Sache, hierüber sagten alle dasselbe aus.

»Also kein einziger Mensch ist jemals von der Magnetinsel lebendig zurückgekommen?«

»Es kommt, wie ich bereits sagte, gar niemand lebendig hin, er schläft schon vorher ein, um niemals wieder zu erwachen.«

»Dann sind also in der Nähe der Magnetinsel schon Schiffe betroffen worden, deren ganze Besatzung tot war, ohne daß man ein Zeichen der Verletzung fand?«

»O nein, wie soll denn das möglich sein? Das Schiff mit der eingeschlafenen Mannschaft wird doch von der Insel angezogen, und jedem andern Fahrzeuge, das sich ihm nähert, würde es ja ebenso gehn.«

»Ja, mein lieber Freund, woher weißt du denn da das? Wo ist denn da ein lebender Zeuge?«

Gewiß, es gab lebende Zeugen, welche davon erzählen konnten. Aber hier fing auch die echte Fabel an.

Da war einmal ein alter Fischer gewesen, der war in seinem Boote eingeschlafen, und wie er erwachte – also aus einem natürlichen Schlafe – da sah er in der Ferne die Magnetinsel auftauchen und merkte auch gleich, wie sein Boot daraufzugetrieben wurde ...

»Ich denke, in solcher Nähe der Insel schläft jeder ein, um nie wieder zu erwachen?«

»Ja, aber der Mann hatte doch schon ausgeschlafen, bei dem ging es nun nicht mehr so schnell,« war die unverfrorene Antwort, und der glaubwürdige Berichterstatter fuhr fort zu erzählen, wie der Fischer die Jungfrau Maria angerufen hatte; wenn sie ihn rette, wolle er ihr seine Tochter weihen – das ist auch so echt mexikanisch: um sich zu retten, will er seine Tochter ins Kloster stecken! – Und richtig, da erschien die Jungfrau und lenkte das Boot vermöge ihrer Wunderkraft wieder aus der gefährlichen Nähe der Insel.

Dieser alte Fischer war freilich schon tot, aber da gab es auch noch einen jungen, der lebte heute noch. Der war auch einmal im Boot hingetrieben worden, und als er merkte, daß er einschlafen wollte, sprang er schnell über Bord ...

»Und was meint Ihr wohl, wohin er gesprungen ist?«

»Ins Wasser.«

»Nein.«

»Wohin denn sonst?«

» Quien sabe? – Wer weiß es?«

Nobody mußte erst wieder einmal in die Tasche greifen und dem Manne einen halben Piaster in die Hand drücken. Diese Fragerei kostete nämlich schrecklich viel Geld.

»Direkt auf den Rücken eines Delphins, der schwamm mit Pedro davon und brachte ihn in sein Heimatsdorf.«

»Aha! Warum aber wurde denn der Delphin nicht von der magnetischen Insel angezogen, wo Ihr doch vorhin gesagt habt, daß selbst die Fische die Insel ängstlich meiden?«

»Das war kein gewöhnlicher Delphin, der hatte das Leiden Christi auf der Nase.«

»Aha! Der hatte das Leiden Christi auf der Nase! Das ist freilich etwas andres! Wie kam denn aber dieser Delphin gerade zu dem bedrohten Manne?«

»Weil Pedro seinen Schutzheiligen angerufen hatte, den Sankt Peter.«

»Da sollten aber doch alle immer ihren Schutzheiligen anrufen, dann würde stets der Delphin mit dem Leiden Christi kommen und sie retten.«

»Nein, er würde nicht kommen.«

»Weshalb nicht?«

»Weil doch die meisten Menschen gottlos sind und ihr in der Todesangst gegebenes Gelübde niemals halten, und das wissen die lieben Heiligen im voraus. Pedro aber hatte schon immer täglich hundert Rosenkränze gebetet, und damals hat er gelobt, die Zahl auf täglich zweihundert zu erhöhen, das tut er denn auch, und das haben die lieben Heiligen schon im voraus gewußt.«

So wußten sich diese biedern Leute immer aus der Klemme zu ziehen, und wenn es einmal gar keinen Ausweg mehr gab, dann retirierten sie einfach zu ihren lieben Heiligen, und da war die Geschichte fertig.

»Also dieser Pedro lebt noch?«

»Jawohl.«

»Wo wohnt er?«

» Quien sabe?«

Der halbe Piaster mußte zu Hilfe kommen.

»Dort, in dem Dorfe da drüben.«

Nobody scheute die Mühe nicht, er suchte den Mann auf, der feste mit dem Rosenkranz arbeitete und dabei vergnügt mit seinen Spitzbubenaugen blinzelte, als er die Geschichte seiner Rettung ganz ausführlich erzählte – freilich nicht umsonst, der nahm dafür gleich fünf Piaster, und dazwischen kam immer einmal ein › Quien sabe‹, was bei diesem aber einen Piaster kostete. Ja, diese braven Fischer verstanden es!

»Was wird denn nun aus den Kisten und Fässern, welche doch jedenfalls massenhaft an der Isola magneta stranden?«

Und diesmal kam für keinen halben, für keinen ganzen Piaster und auch nicht für drei etwas andres heraus. Die Fischer wußten es eben nicht, und schließlich fanden sie höchstens die Antwort:

»Alles, was auf der Isola magneta strandet, gehört dem schlafenden Tode.«

Gar kein Zweifel, auf der Magnetinsel konnte wirklich seit Menschengedenken niemand gewesen sein, sie war von keiner Forschungsexpedition besucht worden. So unerklärlich Nobody dies auch fand – er mußte es als Tatsache annehmen. Höchstens durch die Indolenz der Bewohner dieser Gegend mit ihrem ewigen › Quien sabe‹ konnte er sich die Unkenntnis über diese geheimnisvolle Insel erklären.

Denn ein Geheimnis steckte dahinter, darüber war Nobody sich jetzt klar, und seitdem er dies erkannt hatte, brannte er darauf, der Magnetinsel einen Besuch abzustatten.

Daß er für diese Expedition keine Leute fand, welche ein größeres Segelboot oder ein Dampfer erforderte, wußte er von vornherein. Er hatte diese kleine Dampfpinasse aufgetrieben, die nur einen Heizer brauchte, und ein solcher war sofort gefunden, weil Nobody überhaupt zu niemandem über seine Absicht gesprochen hatte. Mochte der Mexikaner dann später, wenn er das Ziel erkannte, auch streiken, dann hätte Nobody eben einstweilen selbst aller Viertelstunden eine Schaufel Kohlen unter den kleinen Kessel geworfen.

Die Abfahrt hatte am frühen Morgen stattfinden sollen, dann hätte die ›Lucia‹ mit ihren acht Knoten gegen Mittag die Magnetinsel erreicht, aber infolge verspäteter Lieferung der Kohlen erfolgte der Aufbruch erst am Nachmittag, und so brach schon die Dämmerung an, als sich jene heftigen Windstöße bemerkbar machten, und man war noch wenigstens zwei Stunden von der Magnetinsel entfernt.

In der Nacht die so gut wie unbekannte Insel anzulaufen, das war ganz ausgeschlossen; man wäre unrettbar gestrandet oder auf ein Riff gelaufen. Das Dampfboot war hinten überdeckt, in der kleinen Kabine konnten die Polsterbänke in Betten verwandelt werden, eine Wache hätte genügt, aber man hatte ja gar nicht nötig, die Nacht auf offner See zu verbringen, da gab es überall bewohnte Inseln, in deren Buchten die kleine Pinasse eindringen konnte, und solch eine Insel lag direkt vor ihnen.

Es war ein sehr kleines Ding, was sich da aus dem Wasser erhob, aber dafür ziemlich hoch, mit steilen Wänden, und auf der südlichen Seite dicht am Rande stand ein ansehnlicher Leuchtturm. Das Ganze wurde von einer flachen Sandbank umgeben.

»Santa Topina, kalkuliere ich!« wandte Nobody sich an den Steuermann.

Dieser bestätigte es. Das war die Insel mit dem einzigen Leuchtturm in dieser Gegend. Nobody spähte hinter sich den Horizont ab, erkannte aber nur aus aufsteigenden Nebeln, daß dort noch andres Land liegen müsse. In der Nacht jedoch würde man das Licht dieses Leuchtturmes auf jenen Inseln und noch weit darüber hinaus ganz deutlich sehen können.

Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Leuchtturminsel zu.

»Hm. Nach Eurer Beschreibung habe ich mir ein ganz andres Bild von Santa Topina gemacht. Ihr spracht von einer fruchtbaren, stark bevölkerten Insel, und diese hier kann doch kaum eine Familie ernähren.«

»Fruchtbar ist sie, kommt nur drauf, und daß ich ›stark bevölkert‹ gesagt habe, ist mir nicht bewußt,« verteidigte sich der Steuermann. »Ich habe gemeint, daß diese Insel imstande ist, den Leuchtturmwärter und seine Familie zu ernähren, während, wenn der Leuchtturm auf der Magnetinsel stände, sein Wächter mit Proviant versorgt werden müßte.«

»Also nur die Familie des Leuchtturmwächters wohnt darauf?«

»Vor vier Jahren, als wir Santa Topina einmal wegen Trinkwassers anlaufen mußten, war als staatlich angestellter Wärter ein alter Mann darauf, mit seiner alten Frau, mit Söhnen und Töchtern, mit Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern und einer ganzen Menge kleinem Gewürm, zusammen vielleicht 30 Köpfe. Sie hatten ein paar Kühe, Ziegen und Schweine und trieben Landwirtschaft. Was sie an Nahrung brauchten, bauten sie selbst.«

»Dreißig Menschen – Donnerwetter, hätte nicht geglaubt, daß das Dingelchen so viel ernähren könnte!« brummte Nobody. »Kann die Dampfpinasse dort anlegen?«

»Ein Schiff von 300 Tonnen fände einen sichern Ankerplatz, gleich am Leuchtturm. Dort tritt die Sandbank zurück und bietet einen guten Hafen.«

»Dann, Lotse, tue deine Pflicht! Wir werden dort für die Nacht anlegen. Und wenn ich sonst noch etwas Wichtiges über die Magnetinsel und über den schlafenden Tod erfahren kann, so muß es doch von diesem Leuchtturmwächter sein, der die Magnetinsel ständig vor Augen hat.«

Eine halbe Stunde später steuerte die Dampfpinasse in den kleinen Hafen ein, unter Donner und Blitz. Ein heftiges Gewitter entlud sich, begleitet von einem Platzregen, während der anfängliche Sturm ganz nachgelassen hatte.

Schon von weitem hatte Nobody mit seinen Argusaugen bemerkt, daß die kleinen, runden Fensterchen des hohen Turmes mit Menschenköpfen besetzt waren, und jetzt, als die Pinasse einen Bogen beschrieb und direkt in den Hafen steuerte, zeigte sich auf der in halber Höhe um den Turm herumlaufenden Galerie die knochige Gestalt eines weißhaarigen Mannes. Mit einer abwehrenden Bewegung hob er wie drohend den Arm.

»Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?!« rief seine starke Stimme.

»Wir wollen hier für die Nacht anlegen!« überschrie Nobody das Donnern.

»Zurück!! Dies ist eine staatliche Leuchtturminsel und steht unter den Kriegsgesetzen, kein fremder Fuß darf sie betreten!«

»Und wenn uns nun der Proviant ausgegangen ist?«

»Wasser kommt genug vom Himmel, fangt es auf, und wenn ihr Proviant braucht, so will ich euch ...«

Der Alte wollte durch die Tür ins Innere des Turmes verschwinden, Nobodys weitere Worte bannten ihn an die Stelle.

»Und wenn ich nun im Auftrage der Regierung komme?«

Ein scharfer Blick, und wieder schüttelte der Alte drohend den Arm.

»Ihr lügt!« donnerte er herab. »Das ist kein Regierungsboot, sonst hättet ihr auch die Flagge gezeigt! Ihr seid ein Spion, zurück, oder ich ...«

Wahrhaftig, der Alte hatte ein Gewehr bei sich, er schlug es auf den vorn im Boote Stehenden an!

Aber Nobody fürchtete sich vor dem alten Feuerschloßgewehr sehr wenig, und jetzt änderte auch er sein Benehmen, jetzt streckte auch er gebieterisch die Hand aus.

»Fort die Waffe!! Fort, oder es ist dein Unglück!! Ich werde dir schriftlich beweisen, daß ich im Auftrage der Regierung hier bin!«

Das wirkte! Nobody sah ganz deutlich, wie das sonnenverbrannte Gesicht des alten Mannes plötzlich eine aschgraue Farbe annahm, und als er schnell im Turme verschwand, wußte Nobody ganz bestimmt, daß jener jetzt herabkommen würde, um den Besuch höflich zu empfangen.

»Was meint Ihr dazu?« wandte sich Nobody an den Steuermann. »Sieht das nicht fast gerade aus, als ob der Leuchtturmwächter ein recht schlechtes Gewissen hätte?«

»Nee!« meinte aber Wilhelm Petersen phlegmatisch. »Ganz genau so hat er uns auch vor vier Jahren empfangen, da durften wir kaum mit den Schöpfeimern an Land kommen, und so angeschnauzt hat er uns auch. 'S ist ein Grobian. Uebrigens ist er ganz im Recht, er darf niemanden Fremdes die Leuchtturminsel betreten lassen.«

»Als ich sagte, ich käme im Regierungsauftrage, verließ ihn plötzlich alle Farbe.«

»Natürlich, so ein hoher Besuch von Staats wegen ist doch immer etwas Unangenehmes, der kann doch eine Kündigung bringen, und es mag ja auf dem Leuchtturm auch nicht alles so in Ordnung sein, wie es sein soll.«

Petersen hatte recht, es lag kein Grund zu irgendwelchem Verdachte vor. Man mußte auch damit rechnen, daß man es mit einem einsamen Leuchtturmwächter zu tun hatte, für den die Insel seine Welt, die unter ihm stehenden Leute sein Volk waren, der sich wie ein kleiner König fühlte.

Die Dampfpinasse hatte dicht an einer Mauer beilegen können, an welcher außer einem kleinen noch ein außerordentlich großes Ruderboot lag, das bequem wohl fünfzig Mann fassen konnte. Es mochte dazu bestimmt sein, wenn einmal auf der Insel etwas passierte, die ganze Bevölkerung mit Hab und Gut aufzunehmen.

Von dieser niedrigen Mauer aus stieg der natürliche Felsen noch etwa acht Meter hoch empor, ganz steil, nur eine eiserne Leiter führte hinauf, und an dieser kam jetzt der alte Mann herab, an dem das Auffallendste die starke Habichtsnase und die funkelnden Augen waren.

»List und Habgier!« taxierte der an Land gesprungene Nobody.

Mit kriechender Unterwürfigkeit näherte sich der Alte ihm.

»Ich bin Lord Hamilton,« sagte Nobody von oben herab, »ein englischer Edelmann, ein Graf. Verstanden? Mache eine Studienreise. Will jetzt die Inseln im Kalifornischen Golf besichtigen. Hier mein Paß und der Regierungsbefehl, daß mir alle Beamten in jeder Weise entgegenzukommen haben, ausgestellt von der Präsidentschaft in Mexiko, beglaubigt vom Gouverneur.«

Der Regen hatte aufgehört, Nobody zog unter seinem Oelmantel ein Lederetui hervor, klappte es auf und ließ den Alten die beiden kleinen Dokumente sehen.

Der Paß war echt, nur der Inhaber nicht. Von dem berühmten englischen Geschlechte der Grafen Hamilton war eine Seitenlinie in den Vereinigten Staaten ansässig, Nobody kannte den einen Sohn sehr gut, den Lord Charles Hamilton, er hatte ihm einmal einen großen Dienst erwiesen, der Lord hatte ihm seinen Paß geliehen. Nobody brauchte sein Aeußeres gar nicht zu verändern, er trat als ein junger, vornehmer Gentleman auf, und das Signalement stimmte. Die Gefahr war ganz ausgeschlossen, daß die unberechtigte Führung des Passes herauskommen könne, der Lord war noch gar nicht in Mexiko gewesen, wohl keiner seiner Verwandten, obgleich die Hamiltons, die es in Amerika zu Geldfürsten gebracht hatten, sehr starke Gläubiger der verschuldeten mexikanischen Regierung waren.

Infolgedessen war man dem vermeintlichen Lord Hamilton sofort von der höchsten Seite aus mit der größten Unterwürfigkeit entgegengekommen. Er brauchte nur zu befehlen, alles gehorchte ihm.

Der Alte sah nur das große Siegel des Präsidenten – vielleicht noch mehr Eindruck auf ihn machte das kleine des Gouverneurs, dem diese Inseln unterstanden – und er knickte förmlich zusammen.

Daß der Besuch gar nicht, wie er gesagt, im Auftrage der Regierung hierherkam, vielmehr nur im Schutze derselben, das hatte nichts zu sagen, ja, das schien für den Alten eine große Erleichterung zu sein, man sah es seinem grinsenden Gesichte an.

»Wie heißt Ihr?«

»Lopez, Ew. Gnaden. O, Ew. Gnaden, o, Herr Graf, wie komme ich armer Schlucker, der nicht wert ist, daß ihn die Hunde an ...«

»Schon gut, schon gut! Ich werde also hier über Nacht bleiben.«

»O, Ew. herrliche Gnaden, wie konnte ich es wagen, Euch die Landung zu verbieten – habt doch die unendliche Güte, mir die Zunge aus dem Halse zu reißen und sie den Möwen vorzuwerfen ...«

In diesem Tone ging es weiter, ein › Quien sabe‹ gab es jetzt nicht mehr, jetzt kam die ganze mexikanische Geschwätzigkeit zum Vorschein, und dabei wollte Lopez noch einmal die Kette des Dampfers lösen, um das Boot, welches den hohen Besuch gebracht, selbst festzulegen, wurde aber von dem Steuermann daran gehindert, und dann schlug er mit tausend Entschuldigungen vor, der Herr Graf dürfe doch nicht die steile Leiter hinaufklettern, wobei er sich die Hände schmutzig mache, dort oben sei doch ein Flaschenzug, der Herr Graf möchte sich doch in einen Korb setzen oder sich wenigstens eine Schlinge unter die Arme legen. Nobody aber hatte schon die Leiter benutzt.

Wir wollen in summarischer Kürze wiedergeben, was Nobody hier oben zu sehen und zu hören bekam.

Die Insel bildete ein ebenes Plateau, bedeckt mit Grasweide, Bäumen und Maispflanzungen. An der Ostseite entsprang dem Felsen eine frische Quelle. Die siebzig Acker reichten aus, um die aus achtunddreißig Köpfen bestehende Bevölkerung der Insel vollständig zu ernähren. Freilich kamen nur Mais und Kastanien in Betracht, welche in der Milch von drei Kühen gekocht wurden.

»Wahrhaftig, das ist ein kleines Königreich; solch ein Leuchtturmwächter ist zu beneiden!« rief Nobody enthusiastisch, nachdem er die ganze Insel umgangen hatte, was sein erstes gewesen war. »Was könnte ein Mensch hier nicht alles schaffen!«

Die Mexikaner hatten hier gar nichts zu schaffen gewußt. Gras und Kastanien wuchsen ja von selbst, beim Säen des Maises wurde der Boden nur leicht mit einem hölzernen Instrumente geritzt. Alles andre überließ man dem Himmel, der diesen faulen Menschen hier so überaus gnädig gesinnt ist. Der Leuchtturm und die eiserne Leiter waren fast das einzige, was von der Hände Arbeit zeugte, und die hatten die jetzigen Bewohner der Insel ja nicht einmal selbst gefertigt, das war noch das Werk der Yankees, welche diesen Leuchtturm erst angelegt hatten.

Auf der ganzen Insel gab es keinen einzigen Weg; diese Mexikaner konnten sich nicht einmal so weit aufraffen, von der Quelle eine Röhrenleitung nach dem Turme zu legen, lieber gingen sie täglich mehrmals mit dem Kruge die hundert Schritte hin und her, obgleich das doch eine Arbeit bedeutete; aber die war ja den Frauen überlassen. Bretter trieben genug an; mit Leichtigkeit hätte man für die paar Kühe und Schweine einen Stall errichten können – nein, wenn es die Witterung unbedingt verlangte, so wurde das Vieh einstweilen in einen untern Raum des Turmes getrieben, den für gewöhnlich eine Familie bewohnte. Die achtunddreißig Menschen waren überhaupt in dem Turme wie die Heringe zusammengequetscht, aber sie dachten nicht daran, sich Wohnhäuser zu bauen, wo doch alles dazu vorhanden war. Die nordamerikanischen Erbauer des Leuchtturms hatten diesen mit dem damals modernsten Spiegellicht ausgestattet. Zwischen großen Reflexspiegeln drehte sich eine mit Petroleum gespeiste Lampe. Leider hatten sie dann das Ganze der mexikanischen Regierung abtreten müssen. Und wer sollte denn jeden Tag diese vielen Spiegel putzen? Die waren schon längst erblindet, zertrümmert, die Drehvorrichtung funktionierte nicht mehr – jetzt hing man einfach die schmutzige Petroleumlampe an die Kette, das genügte ja, dieses Licht ward auch noch jenseits der Isola magneta gesehen, ausgenommen, wenn Nebel war. Dann sollten die Schiffer nur fleißig zu den lieben Heiligen beten.

Und so war es hier mit allem und jedem. Mexikanische Wirtschaft, mexikanische Faulheit und Indolenz.

»Bevor ich als dein Gast das Innere des Turmes betrete, möchte ich erst deine Familie kennen lernen. Kannst du sie mir nicht im ganzen vorstellen?«

Lopez verstand sofort, was jener wünschte, er steckte den Finger in den Mund und stieß einen eigentümlichen Pfiff aus, und aus dem Turmeingang quoll es heraus, Männlein und Weiber und Kinder.

Es war, als ob solch eine Massenvorstellung öfters erfolgte, oder vielleicht handelte es sich auch um eine Art von Manöver – so baute sich alles in einer Reihe vor dem Turme auf, und jeder wußte seinen Platz.

Lopez war schon Urgroßvater, hatte Söhne und Töchter von vierzig Jahren, und auch bei dem kleinsten Säuglinge erkannte Nobody dieselben Gesichtszüge wieder, welche List und Habgier ausdrückten.

»Wo bekommst du denn deine Schwiegersöhne und Schwiegertöchter her? Von den benachbarten Inseln?«

»Das ist nicht mehr nötig,« grinste der Alte, »schon seit zwanzig Jahren heiraten wir untereinander.«

Ja, daß dem so war, das hatte Nobody schon erkannt.

»Hier braucht nur noch ein Geschlecht zu entstehn,« wandte er sich auf deutsch an den Steuermann, »dann ist die schönste Degeneration fertig. Das Kind dort zeigt schon etwas Idiotismus. Solche Blutheiraten zwischen Geschwisterkindern läßt die Natur nicht unbestraft.«

»Sie sehen aber alle recht kräftig und wohlgenährt aus.«

»Lebt ihr denn nur von Mais und Kastanien?« fragte Nobody.

Wenn es auf die Regierung angekommen wäre, ja. Von dieser kam allmonatlich ein kleiner Dampfer, welcher den Insulanern nur einige Pfund Tabak, einige Meter Zeug, Kaffee und für den Leuchtturm Petroleum brachte. Sonst mußten die Insulaner für sich selbst sorgen. Im Jahre wurden ein halbes Dutzend Schweine geschlachtet, sonst war man auf Fische angewiesen.

»Strandet nicht ab und zu ein Schiff?«

»Hier, wo der Leuchtturm steht?« grinste der Alte. »Nein. Aber wir sehen oft im Strome etwas treiben, das holen wir, und da ist manchmal auch ein Faß Pökelfleisch dabei.«

Nobody begab sich in den Turm und besichtigte die Leuchteinrichtung, während Petersen von den an Bord befindlichen Vorräten die Abendmahlzeit bereitete.

Die Wolken hatten sich wieder verzogen, und von dem hohen Turm aus sah Nobody in der Ferne ganz deutlich eine bergige Insel liegen.

»Die Isola magneta?« fragte er den Alten.

»Die Isola magneta,« bestätigte Lopez und vergaß nicht, sich dabei zu bekreuzigen.

Nobody beachtete es nicht, er wollte hören, was der Leuchtturmwächter über diese Insel zu sagen habe, er stellte sich ganz unwissend.

»Ist sie bewohnt?«

Nobody besaß eine unglaubliche Geduld, daß er sich das mit der Magnetinsel verbundene Geheimnis wiederum ganz ausführlich erzählen ließ, nun wenigstens schon zum fünfzigsten Male. Wilhelm Petersen ergriff immer gleich die Flucht, wenn Nobody mit einem Fischer über die Magnetinsel zu reden anfing.

Neues bekam er von dem Leuchtturmwächter, der die Insel ständig vor den Augen hatte, nicht zu hören.

»Ihr wart noch nicht darauf?«

»Die heilige Jungfrau behüte mich!« war die erschrockene Antwort. »Wie wäre das auch möglich? Ist meine Erklärung nicht deutlich gewesen? Die Insel läßt nicht wieder los, was sie einmal angezogen hat, und noch ehe ein Mensch sie erreicht hat, ist er dem schlafenden Tode verfallen. Blickt durch das Fernrohr! Seht Ihr um den Berg Möwen flattern? Nein. Alle andern Inseln sind von Seevögeln belebt, aber auf die Insel des schlafenden Todes wagt sich kein Vogel, er würde mitten im Fluge betäubt ins Meer sinken, und das wissen die Vögel; ängstlich meiden sie den Magnetberg.«

Auch das war Nobody nichts Neues mehr, daß auf der Magnetinsel kein einziger Vogel horsten sollte, eine seltene Ausnahme, und das war es ganz besonders, was ihm so viel zu denken gab. Da mußte mit der Insel wirklich irgend ein Geheimnis verknüpft sein. Nobody wollte es lösen.

»Wie weit ist es von hier bis nach der Magnetinsel?«

»Es sind sechs Seemeilen.«

»Wie ich merke, geht die Strömung, welche sie trifft, auch hier vorbei.«

»Ja, Herr, das ist dieselbe Strömung.«

»Wie stark ist sie?«

»Ein vierriemiges Boot kann leicht dagegen ankommen, das heißt, nur etwa bis zur Hälfte dieser Entfernung, also etwa drei Seemeilen weit. Dann übt der Magnetberg seine Anziehungskraft aus, dann gibt es kein Rudern mehr, und je näher man der Insel kommt, desto schneller geht es.«

»Habt Ihr das schon einmal beobachtet?«

»Gewiß, schon oft.«

»Auf welche Weise denn?«

»Nun, es treiben doch oft Gegenstände vorbei, groß genug, daß man sie mit dem Fernrohr noch sehen kann, bis sie die Insel erreichen. Es ist erst vierzehn Tage her, da kam das Wrack eines großen Schoners vorüber, die ›Morbida‹ von Kuzil war es. Wie wir dann später erfuhren, war sie an einem Riff leck geschlagen worden, die Mannschaft hatte das Schiff verlassen, weil man glaubte, wenn es von dem Riff frei käme, würde es augenblicklich sinken. Wir gingen gleich ins Boot, konnten das Wrack aber nicht mehr rechtzeitig erreichen, und als es an die Grenze gelangte, wo die Anziehungskraft anfängt, mußten wir natürlich schleunigst umkehren. Da konnten wir sogar mit den bloßen Augen sehen, wie das Wrack schneller und immer schneller trieb, bis es die Insel erreicht hatte.«

Nobody richtete wieder das Fernrohr nach derselben. Er konnte größere Felsen unterscheiden, sonst nichts weiter.

»Dann müßte man doch eigentlich so ein Wrack sehen können.«

»O, Herr, die Schnelligkeit wird zuletzt so groß, daß selbst das stärkste Schiff im Augenblick der Strandung wie ein hohles Ei zerdrückt wird, und die kleinen Trümmer kann man auch nicht durch das beste Fernrohr erkennen, dazu ist die Entfernung doch zu groß.«

»Mit was war die ›Morbida‹ befrachtet?«

»Sie hatte hundert Tonnen Kupferdraht an Bord.«

»Was?« staunte Nobody. »Das sind doch ungefähr an Wert ... hunderttausend ... nein, zweimalhunderttausend Mark ... fünfzigtausend Piaster!«

»Mindestens. Das ist allein der Kupferwert.«

»Und das liegt jetzt dort herrenlos am Strande?«

»Freilich. Schiff und Ladung waren natürlich versichert. Den Schaden hat allein die Versicherungsgesellschaft.«

»Und diese tut nichts, um die kostbare Ladung zu bergen, zu retten, von der Insel abzuholen?«

»Ja, Herr, auf welche Weise denn? Es kommt doch niemand lebendig auf die Isola magneta, da kann doch auch niemand sie wieder lebendig verlassen.«

Für Nobody ward das Rätsel immer größer.

»Was ist denn das für eine Versicherungsgesellschaft? Eine mexikanische?«

»Nein, die New-Yorker Shipping-Bank. Ich hab's zufällig erfahren.«

Jetzt wußte Nobody gar nicht mehr, was er sagen sollte. Wenn es eine mexikanische Gesellschaft gewesen wäre, welche aus Aberglauben oder aus sonst einem Grunde die wertvolle Ladung einfach dort liegen ließ, Nobody hätte es, so unbegreiflich es auch war, schon eher verstehn können – aber eine von zähen, kaltblütigen, geldgierigen Yankees geleitete Gesellschaft, nein, das ... ging ihm wirklich über die Hutschnur!

»Da muß ja dort nach und nach eine wahre Goldgrube entstanden sein!«

»Ja freilich, was dort alles liegen mag! Vor etwa zehn Jahren verschwand in dieser Gegend ein Silberschiff, und ganz sicherlich ist es von der Magnetinsel angezogen worden und dort gescheitert. Da liegt nun das viele Silber.«

»Mann, ist es denn nur wirklich wahr – noch kein Mensch hat den Versuch gemacht, diese Schätze zu heben?!«

O doch! Und jetzt bekam Nobody etwas ganz Neues zu hören. Es hatte immer einmal Zeitperioden gegeben, wo Abenteurer sich einzeln und auch in Gesellschaft aufgemacht hatten, um die auf der Magnetinsel sich anhäufenden Schätze zu heben. Keiner von ihnen war zurückgekehrt. So war es auch vor zehn Jahren gewesen, als man das mit Silber befrachtete Schiff auf der Magnetinsel gescheitert wähnte. Da war ein großes Regierungsschiff nach der Insel abgegangen – man hatte nie wieder etwas von ihm gehört. Und das mußte Tatsache sein, der Leuchtturmwächter konnte Namen und alles nennen.

Jetzt erkannte Nobody aber auch, daß er sich an die unrechte Quelle gewendet hatte, wenn er wegen dieser geheimnisvollen Insel immer nur Fischer und dergleichen Leute befragte. Er hätte sich gleich an mexikanische Gelehrte oder höhere Regierungsbeamte wenden müssen. Er hatte es nicht getan, weil er eben bisher geglaubt, alles beruhe nur auf einer Volkssage.

Nun aber liegt auch die Frage sehr nahe: Wie ist es möglich, daß solch ein sensationeller Fall nicht über die Grenzen eines Landes hinauskommt, daß sich nicht die ganze Welt mit diesem Geheimnis beschäftigt?

Doch, das war einmal geschehen! Aber zehn Jahre sind eine gar lange Zeit, besonders in Amerika, wo man sehr schnell vergißt, weil eine Sensation immer die andre jagt.

Uebrigens steht dieser Fall, daß auf einer Insel kein Mensch existieren kann, daß man sich auf ihr den unvermeidlichen Tod holt, nicht vereinzelt da.

Es ist noch gar nicht so lange her, im Jahre 1904 war es, als durch alle Zeitungen, also auch durch die deutschen, folgende Notiz ging: Nicht weit von der Westküste Australiens entfernt, ungefähr auf dem elften Breitengrade liegt die kleine Insel Kenningdy, nach ihrem Entdecker so benannt, ein wahrhaft paradiesisches Eiland. War sie bewohnt? Man wußte es nicht, kümmerte sich nicht um sie. Aber in den fünfziger Jahren kam sie in aller Mund. Damals wurden in Australien doch die unermeßlichen Goldfunde gemacht, Schiffe brachten das Gold nach England, und solch ein Goldschiff war nun einmal verschwunden, und das bestimmte Gerücht tauchte auf, die Mannschaft hätte gemeutert, den Dampfer an der Insel Kenningdy auflaufen lassen und das Gold dort einstweilen vergraben, um es erst später abzuholen; die ganze Mannschaft hätte aber ihren Tod gefunden.

Noch ehe ein englisches Kriegsschiff abging, waren schon viele Abenteurer unterwegs nach der Insel. Die wenigsten kamen zurück, und auch diese starben noch nachträglich an einem bösartigen Fieber. Das Kriegsschiff ›Albert‹ fand auf der paradiesischen Insel den vermuteten Goldschatz nicht, wohl aber eine Unzahl von menschlichen Skeletten, und als der ›Albert‹ nach England zurückkam, hatte er nur noch die Hälfte der Mannschaft an Bord, und noch viele seiner Besatzung starben im Hospitale.

Weshalb? Woran? Gewiß, das hat man gewußt, davon hat man damals viel gesprochen, aber in den fünfzig Jahren ist die Erinnerung daran verloren gegangen.

Bis zum Jahre 1904. Da nahm ein reicher, junger Engländer – Harry Worth hieß er, sein Vater ist ein bekannter Pillenfabrikant – das abenteuerliche Projekt wieder auf, wollte auf der Insel Kenningdy nach den verschwundenen Goldbarren suchen. Er fuhr mit seiner eignen Jacht hin und – gab gleich in der ersten Stunde, nachdem er das Land betreten hatte, seinen Geist unter entsetzlichen Schmerzen auf. Eine Giftschlange hatte ihn gebissen, und von solchen schwarzen Ottern wimmelt es auf dieser Insel! Unter der Mannschaft aber, die trotz der Schlangen nach dem vermeintlichen Schatze suchen wollte, brach schon am ersten Tage eine so furchtbare Dysenterie aus, daß die Leute kaum noch Dampf aufmachen und Segel setzen konnten, um von dieser teuflischen Insel fortzukommen, auf der ein großer Sumpf, die Brutstätte von Schlangen, Skorpionen, giftigen Fliegen und andren verderblichen Kreaturen, pestilenzialische Dünste aushauchte. Fünf Kameraden ließ man als Leichen zurück, gleich unbeerdigt, so eilig hatte man es; die Entkommenen wurden noch auf hoher See von der Malaria befallen, die unter ihnen tüchtig aufräumte, und wer einmal die Malaria in den Knochen hat, der geht noch nach Jahren am kleinsten Erkältungsfieber zugrunde. Außerdem waren sie samt und sonders mit dem schrecklichen Fadenwurm behaftet. –

Konnte bei der Magnetinsel nicht etwas Aehnliches vorliegen? Wie gesagt, Nobody sah zu spät ein, daß er sich an eine andre Auskunftei hätte wenden sollen. Doch um so besser, so würde er jetzt das Rätsel durch eigne Kraft lösen.

»Nun, da werde ich morgen einmal der Isola magneta meinen Besuch abstatten.«

Mit großen Augen blickte der Alte ihn an.

»Ew. Gnaden wollen doch nicht etwa ...«

»Jawohl, ich will! Gebt Euch keine Mühe weiter, mich von meinem Vorhaben abzuhalten. Mit meinem schnellen Dampfboot fürchte ich die Anziehungskraft und mit meiner gesunden Leibeskonstitution auch den schlafenden Tod nicht.«

Wirklich, der alte Leuchtturmwächter machte gar keinen Versuch mehr, den vornehmen Besuch von diesem Vorhaben abzureden.

»Ich habe Euch die Wahrheit erzählt und Euch vor der Gefahr gewarnt, mich trifft dann keine Schuld,« sagte er nur noch.

»Gewiß, Ihr habt als Leuchtturmwächter und als Christ Eure Pflicht getan. Aber ich kann Euch auch die Versicherung geben, daß ich Euch morgen oder übermorgen erzählen werde, was aus den hundert Tonnen Kupferdraht geworden ist und was alles dort am Strande liegt.«

»Das haben schon viele gesagt, und keiner ist zurückgekommen,« meinte der Alte achselzuckend.

Für den Senor und seinen Steuermann war unterdessen ein Turmzimmer hergerichtet worden, und nicht lange währte es, so wurde an die Tür geklopft. Es war José, der Heizer von der Pinasse.

»Ihr wollt morgen nach der Isola fahren, Senor?« fragte der Mann finster.

»Jawohl, das ist meine Absicht!«

»Das habt Ihr mir nicht gesagt, als Ihr mich annahmt. Da fahre ich nicht mit!«

»Habt Ihr auch nicht nötig! Ihr solltet für jeden Tag einen halben Piaster erhalten – hier, ich bezahle Euch gleich für einen ganzen Monat.«

Solch eine Freigebigkeit hatte der Mann nicht erwartet, sein finsteres Gesicht klärte sich auf, und dann wollte er mit einem Wortschwall den vornehmen Senor von seinem Vorhaben abbringen, denn er ginge in seinen unabwendbaren Tod.

»Schon gut, schon gut! Ich danke Euch für Euern wohlmeinenden Rat, aber Ihr könnt mich in meinem Entschlüsse nicht wankend machen.«

Der Mann entfernte sich. Es war unterdessen finster geworden, dazu war noch eine Neumondnacht. Im Scheine einer Laterne verzehrten die beiden das selbstbereitete Abendbrot.

»Da müßt wohl Ihr morgen einmal heizen,« begann Nobody, »oder wenn Ihr am Steuerruder zu stehn habt, tue ich's.«

»Sollten wir es uns nicht erst reiflich überlegen, ehe wir die Fahrt antreten? Irgend etwas muß doch mit der Insel sein.«

Es sprach keine Furcht aus den Worten des jungen Steuermannes. Er hatte ganz recht. Ohne Grund konnte nicht so übereinstimmend über die Gefahr der Magnetinsel gesprochen werden.

Sie erwogen hin und her, was für ein Geheimnis das sein könne, welches niemanden die Insel wieder verlassen ließ.

»Morgen werden wir es erfahren!« schloß Nobody diese resultatlose Beratung. »Wir werden die Insel zuerst in respektvoller Entfernung umfahren und uns ihr dann von Süden her nähern, wo also keine Strömung herrscht, wir werden keine Vorsicht außer acht lassen. Das ist mein unumstößlicher Entschluß. Wollt Ihr mich begleiten, Petersen?«

»Ihr könnt noch fragen? Selbstverständlich! Als ob mir solch eine abenteuerliche Fahrt nicht selber Spaß machte! Und ich weiß, daß man sich mit Euch in jedes Abenteuer einlassen kann.«

 

»Herr, Ihr geht in Euern Tod!«

So sprach der alte Leuchtturmwächter nochmals, als am andern Morgen bei Sonnenaufgang seine beiden Gäste Anstalten trafen, ihre Pinasse zu besteigen. Er hatte doppelten Grund, ihnen ein langes Leben zu wünschen, denn Nobody hatte die Gastfreundschaft mit einem sehr reichlichen Geldgeschenk belohnt.

»Ich bin darauf gefaßt, und Euch wird deswegen kein Vorwurf treffen.«

Mit diesen Worten begab Nobody sich in den Kesselraum und machte Feuer an, während der Steuermann die Pinasse auf ihre weitere Seetüchtigkeit prüfte, daß nicht etwa unberufene Hände über Nacht mit oder ohne böswillige Absicht irgend etwas berührt hätten, was während der Fahrt von schlimmen Folgen sein konnte. Nein, alles war in Ordnung.

Das Kesselwasser war noch warm gewesen, nach einer Viertelstunde war der nötige Druck vorhanden, das Boot dampfte aus der Bucht. Am Rande derselben standen die Insulaner, mit stumpfsinnigen Gesichtern den Abfahrenden nachblickend. Da aber, als die Pinasse das offne Fahrwasser erreicht hatte, erscholl vom Ufer her ein höhnisches Lachen.

»Laßt nur,« meinte Nobody, mit dem Kopfe aus der Luke blickend, als Petersen Worte des Unwillens hatte, »das ist so die Art dieser Leute, und wenn sie nicht schadenfroh wären, dann wären es doch auch keine Mexikaner.«

Es war nicht nötig, daß Nobody als Heizer immer in dem winzigen Kesselraum steckte. Als das Kohlenfeuer im Gange war, konnte er sich die meiste Zeit an Deck aufhalten, denn das Manometer befand sich oben am Schornstein, und auch von hier aus konnte man das Feuer und das Wasserstandsglas beobachten.

Von einer starken Strömung getrieben, einen frischen Wind im Rücken, schoß der kleine Schraubendampfer wie ein Pfeil dem Süden zu. Schnell wuchs der Magnetberg aus dem Wasser empor. Nach einer halben Stunde konnte man die Brandung mit bloßen Augen gewahren.

»Wir wollen einmal die Schnelligkeit der Strömung feststellen.«

Es ist dies, da man sich doch selbst auf einem von der Strömung fortgetragenen Objekt befindet, eine schwierige Berechnung. Aber der Seemann hat dafür seine Beobachtungen und Exempel. Nachdem ein weit über Bord geschleudertes Stück Holz beobachtet worden war, welches schnell zurückblieb, wurde erst geloggt, dann ließ man die Pinasse, deren Geschwindigkeiten unter verschiedenem Atmosphärendruck man ganz genau kannte, mit Volldampf zurückgehn, sie wurde gewendet, fuhr mit wechselnder Kraft dem Strome entgegen, das Exempel war fertig.

»Sapristi, die Strömung macht wenigstens acht Knoten in der Stunde, gerade so viel wie unser Boot! Ja, dann freilich ist das ein gefährliches Wasser, dann müssen wir machen, daß wir herauskommen, sonst erleiden wir wirklich an der Magnetinsel Schiffbruch.«

Wenn also das Dampfboot auch mit voller Kraft dem Strome entgegenging, so kam es doch schon gar nicht mehr von der Stelle, und wenn es Tatsache war, daß die Strömung nach der Insel zu immer mehr an Schnelligkeit zunahm – was Nobody und auch Petersen freilich bezweifelten, weil dies den Naturgesetzen zuwiderlief – so mußten sie unter allen Umständen der Insel zugetrieben werden.

Doch so weit war es noch nicht. Der Schraubendampfer ging einfach seitwärts gegen die Strömung, und wieder eine Viertelstunde später trieb er mit ihr an der Insel vorbei.

Die Entfernung von der Küste betrug etwa zwei Kilometer; so konnte man ihre Formationen genau studieren und hatte auch Zeit dazu, schoß nicht schnell vorüber, denn man konnte ja das Boot manchmal rückwärts gehn lassen und so die Fahrt wenigstens verlangsamen.

Die Größe der Insel mochte vielleicht vier bis sechs Quadratkilometer betragen. Sie war sehr niedrig und völlig eben, bis auf den Nordrand, wo sich ziemlich steil ein Berg erhob, dessen Höhe sofort mittels Instrumenten auf rund 260 Meter bestimmt wurde. Aus seiner kegelförmigen Gestalt und der abgeplatteten Spitze konnte nicht nur auf vulkanischen Ursprung geschlossen werden, sondern auch darauf, daß er einst selbst ein tätiger Vulkan gewesen war, oben mußte sich noch der offne Krater befinden.

Aber die Kegelgestalt war keine vollkommene mehr. Seit Jahrhunderten, vielleicht seit ungezählten Jahrtausenden, war die gewaltige Meeresströmung auf der Nordseite des Berges angeprallt, sie hatte gewaschen und gewaschen, eine große Höhlung war entstanden, in dieser arbeitete die Brandung, wusch kleinere Höhlen aus, und so kamen ab und zu Perioden, in denen die Decken der Höhlen zusammenstürzten, es entstanden ganze Bergrutsche, und die Strömung hatte einen neuen Angriffspunkt für ihre zerstörende Tätigkeit.

Schon mit bloßem Auge konnte man erkennen, was für ein Chaos dort an der Nordseite des Berges herrschte; wilde Felstrümmer türmten sich übereinander, und mit dem Fernrohr konnte man auch genug Schiffsplanken und andre Ueberreste von Schiffbrüchen unterscheiden.

Die in das Höhlenlabyrinth wie in eine Sackgasse hineingeratene Strömung mußte doch auch wieder herauskommen, und da war es nach den hydrostatischen Gesetzen ganz selbstverständlich, daß sie jetzt nicht dicht an der Küste um die Insel herumging, sondern eine südwestliche Richtung einschlug. Nun kann man bei jedem schnell fließenden Flusse beobachten, besonders deutlich unmittelbar hinter einem Wasserfall oder auch nur hinter einer Stromschnelle, wie sich dort das Wasser dicht an den Ufern langsam der eigentlichen Strömung entgegenbewegt, bis es wieder von derselben erfaßt wird, und so treibt ein dort ins Wasser geworfener Gegenstand immer im Kreise, bis er irgendwo am Ufer hängen bleibt.

Genau so war auch hier eine leichte Gegenströmung vorhanden, und was von den Trümmern glücklich aus dem Nordstrudel herausgekommen war, das hatte sich noch nachträglich hier festgesetzt. An der zerrissenen Küste war alles mit Planken und Masten bedeckt.

»Ja, du lieber Gott,« meinte Nobody, das Fernrohr vor dem Auge, »wie soll man denn auch hier landen können? Da ist es begreiflich, wie die Insel in den Verruf gekommen ist, einen Magnetberg zu besitzen, der sogar Holz anzieht; und wenn selbst ein Dampfer mit kräftiger Maschine seine Not hat, aus der verderbenbringenden Strömung wieder herauszukommen, da darf ein Segelschiff gar nicht wagen, sich der Insel zu nähern.«

»Und das Fehlen aller Vegetation?« fragte Petersen. »Und warum keine einzige Möwe, die sonst hier jede Insel bevölkert?«

»Hm!« brummte Nobody. »Faktisch, das Rätsel bleibt bestehn.«

»Ein Segel!!« rief Petersen.

Soeben hatte Nobody behauptet, daß kein Segelschiff wagen würde, sich dieser Insel zu nähern, und im nächsten Augenblick wurde seine Ansicht widerlegt. Die Pinasse war noch nicht vollständig um die Insel herum, aber diese war so niedrig, daß man über sie hinweg auf der Südseite zwei Mastspitzen mit Segeltakelage emporragen sah.

»Wahrhaftig, ein Segler! Das müssen wir wissen, was der dort zu suchen hat!«

Die Pinasse ging, um die Geschwindigkeit zu beschleunigen, noch einmal in die südliche Strömung zurück und wieder heraus, und dann hatte sie die Insel umfahren, befand sich auf der Südseite derselben.

Es ist schon früher gesagt worden, daß auf die Insel auch von Osten her eine Strömung traf. Diese war weit schwächer als jene von Norden, aber auch ihr mußte von der Insel eine andre Richtung vorgeschrieben werden, und wieder war es eine Folge der hydrostatischen Gesetze, daß sie nun nicht direkt an der Küste entlangging.

Infolgedessen mußte auf der Südseite der Insel ein rückwärtsgehendes Stauwasser herrschen. Das war auf der Seekarte auch alles ganz genau angegeben. Die Ausdehnung desselben betrug ungefähr eine Quadratmeile. Alles, was dahineingeriet, mußte, also den eigentlichen Strömungen direkt entgegen, auf die Insel zugetrieben und an der Südküste abgesetzt werden. Da ließ sich die Fabel von der magnetischen Anziehungskraft der Insel erst recht erklären. Aber das galt doch nur für jeden toten Gegenstand, der keine eigne Kraft besaß. Nobody konstatierte sofort, daß diese Gegenströmung so schwach war, daß jeder Schwimmer sie überwinden konnte.

Da nun, wie schon früher gesagt, im Kalifornischen Golf der Wind beständig von Nordwesten herkommt, so bestand auch für ein Segelschiff gar keine Gefahr, mit Ausnahme etwa, wenn es ...

»Das Schiff ist steuerlos, es dreht sich im Kreise!!« rief Petersen.

Nobody hatte es schon längst erkannt. Es war ein stattlicher Kutter mit zwei Masten, hatte alle Segel gesetzt, aber dadurch, daß es nicht mehr dem Steuer gehorchte, war das Schiff nichts andres als ein totes Stück Holz, welches der größern Triebkraft gehorcht, und da die Segel nicht so gestellt waren, daß sie dem Winde die größte Fläche boten, war in diesem Falle die Wasserströmung, so schwach diese auch an sich war, die größere Kraft, und so wurde das sich langsam im Kreise drehende Fahrzeug dem Winde entgegengetrieben, also direkt auf die Insel zu.

Doch aus welchem Grunde war es steuerlos? Von einem Wrack war keine Rede, alles war in bester Ordnung, die Boote eingeschwungen. Ob sich an Deck Menschen befanden, war von der niedrigen Dampfpinasse aus nicht zu sehen, denn der Kutter, überhaupt sehr hoch gebaut, war mit einer hohen Bordwand umgeben, und das Steuerrad befand sich hinten in einem kleinen Häuschen.

Das Schiff war vielleicht noch 500 Meter von der Küste entfernt, es wurde ganz, ganz langsam darauf zugetrieben, aber auch mit unfehlbarer Sicherheit, wenn das Steuerrad nicht bald mit fester Hand ergriffen wurde.

Es mußten sich indes doch Menschen darauf befinden, denn aus dem Schornstein der Kambüse, wie das auf Deck stehende Häuschen genannt wird, in dem sich die Küche befindet, stieg ein leichter Rauch auf.

»Vorwärts! Dieses Rätsel wollen wir bald gelöst haben!«

Nobody sprang in den Heizraum, warf einige Schippen Kohlen nach und kam wieder an Deck. Bald war man in Rufweite.

»Hallo!!«

Alles Rufen nützte nichts, kein Mensch zeigte sich.

Da wurde Nobodys Arm berührt.

»Mister Nobody,« flüsterte Petersen, »denkt Ihr daran ...?«

»An den schlafenden Tod? Jawohl, ich denke daran. Fühlt Ihr Euch müde?«

»Nicht im geringsten.«

»Ich auch nicht. Also hin, dieses scheinbar ausgestorbene Schiff müssen wir näher untersuchen!«

Nochmals, ehe das Dampfboot den Kutter erreicht hatte, warf Nobody Kohlen unter den Kessel, dann legte die Pinasse unter Petersens Steuerung längsseit. Von der hohen Bordwand hing ein Tau herab, Nobody ergriff es und schwang sich hinauf.

Der Anblick, der sich ihm bot, war danach angetan, ihm das Blut in den Adern erstarren zu lassen.

An Deck lag ein halbes Dutzend mexikanischer Matrosen wie tot, und man bemerkte gleich, daß sie mitten in der Beschäftigung, mitten in der Bewegung vom Tode überrascht worden waren. Der eine hatte ein langes Tau aufrollen wollen – er lag neben dem Bündel, das Tau noch in der Hand; zwei andre hatten offenbar die Enden einer Raa auf den Schultern gehabt, als sie plötzlich umgefallen waren, um nicht wieder aufzustehn; der Kapitän, durch seine Kleidung als solcher erkenntlich, hatte noch das Fernrohr in der Hand, und so lag auch in dem Ruderhaus ein Matrose neben dem Steuerrad, beide Hände noch an den Speichen.

Nobody raffte sich empor. Dann mußte der Tod sie erst vor ganz kurzem mitten im frischen Leben überrascht haben, mit der Schnelligkeit eines Herzschlages; selten einmal aber findet man einen Toten, der die Augen geschlossen hat, und dies war bei diesen allen der Fall.

Nobody kniete vor dem nächsten nieder – er erschrak förmlich, daß der vermeintliche Leichnam noch ganz warm war. Nein, das war ja gar kein Leichnam, der Mann schlief nur! Herzschlag und Atem gingen noch, allerdings außerordentlich langsam. Das war kein natürlicher Schlaf. So schwach ist die Herz- und Lungentätigkeit nur bei einer Ohnmacht.

»Petersen,« rief er, an seinen Begleiter denkend, der unten auf dem Dampfer des Bescheides wartete, »das Märchen wird zur Tatsache, hier liegen ...«

Das Wort erstarb ihm im Munde. Was war das? Der kerngesunde Nobody wurde, wie er sich so niederbeugte, plötzlich von einem Schwindel ergriffen, wie Blei wollten ihm die Augenlider zufallen.

»Mister Nobody,« erklang es in diesem Augenblicke unten, »ich weiß gar nicht, mir wird mit einem Male so ...«

Ein dumpfer Fall folgte.

Da hatte Nobody die furchtbare Gefahr erkannt, in der er selbst schwebte. Diese Erkenntnis als jäher Schreck ließ ihn die plötzlich auftretende Müdigkeit überwinden; er sprang empor, sah Petersen, der neben dem Steuerrade zusammengebrochen war, sprang mit einem Satze über Bord ins Wasser, ergriff beim Auftauchen den niedrigen Rand der Pinasse und hatte sich bald an Deck geschwungen.

Nicht etwa, daß er einen falschen Sprung getan und aus Versehen ins Wasser gestürzt wäre, sondern er hatte in aller Geschwindigkeit erst ein erfrischendes Bad genommen.

»Kommt zu Euch, Steuermann! Dampf auf, fort von der Insel, wir sind in der Region des schlafenden Todes, und wenn wir einschlafen, erwachen wir nie wieder zum Leben!!!«

Aber der junge Steuermann hörte schon nicht mehr, er schlief sanft; Nobody mußte allein handeln.

Und es war eine schöne Tat, die er vollbrachte. Nein, allein der erste Gedanke, der ihn durchzuckte, war es, der dem Charakter dieses Mannes, der oft so rücksichtslos sein konnte, ein herrliches Zeugnis ausstellte.

Nur eine Drehung des Ventils, und der kleine Dampfer wäre davongeschossen, und einmal davon, hätte wohl niemand mehr gewagt, in jene Zone zurückzukehren, in welcher einem der Tod in Gestalt eines heimtückischen Schlafes nahte.

Aber Nobody hatte eben erst einen andern Gedanken als an seine eigne Rettung. Er schlug das von dem Schiffe herabhängende Tau um einen Böller des kleinen Dampfers, dann erst stürzte er nach dem Ventil, und als der Dampf schon zischte, nach dem Steuerrad.

Wußte Nobody vielleicht schon, was hier vorlag? Kannte er die Ursache dieses todähnlichen Schlafes bereits?

Es war nämlich recht merkwürdig, daß Nobody nicht direkt nach Süden floh, um sich auf dem kürzesten Wege so schnell wie möglich von der Insel zu entfernen – nein, er drehte den Dampfer bei, steuerte nach Westen, von wo jetzt ungefähr der Wind kam.

Es schien auch wirklich, als ob er das beste getan hätte, was er hatte tun können. Obgleich er dadurch gar nicht so schnell von der Insel fortkam, merkte er doch sehr bald, wie die Müdigkeit wieder von ihm schwand, und je tiefer er Atem schöpfte, desto freier fühlte er sich wieder. Dabei ist zu bedenken, daß der kleine Dampfer auch noch das große Schiff hinter sich schleppte, also viel langsamer aus dem Bereiche der Insel kam.

Die Strömung war erreicht, jetzt ging es schnell dem Süden zu.

»Oooooaaaahhhhh,« gähnte der am Boden liegende Petersen aus voller Lunge und dehnte sich, als wenn er im weichsten Bette läge.

»Guten Morgen!« sagte Noboby gemütlich. »Ausgeschlafen?«

»Na, wenigstens aufgehört. Aber ich habe einen kuriosen Traum ge ...«

Der Steuermann hatte sich halb erhoben, mit weitaufgerissenen Augen blickte er um sich.

»Ich denke, ich bin noch in dem Leuchtturm?!«

»Nee, meerschdendeels sind wir schon unterwegs nach der Magnetinsel!«

Die Besinnung kehrte ihm zurück; der Steuermann sprang empor.

»Bei Gott, ich habe geschlafen – ja, ich wurde plötzlich so furchtbar müde, ich muß auf der Stelle umgefallen sein!«

»Caracho!« fluchte da eine fremde Stimme. »Was ist denn das für ein Dampfer?«

Oben über der Bordwand des Kutters zeigte sich ein Matrose, der sich schlaftrunken die Augen rieb und dann verwundert auf den kleinen Dampfer herabstierte, als ob er nur ein Traumgebilde zu sehen wähnte.

Es gesellten sich ihm noch andre bei, auch der Kapitän. Nobody begab sich hinüber an Bord, und er brauchte sich nicht zu verantworten, wie er dazu kam, mit seinem kleinen Dampfer das große Schiff wegzuschleppen. Die Besinnung stellte sich bei den Leuten sehr bald wieder ein, und sie wußten recht gut, was mit ihnen vorgegangen, und daß sie von dem Kapitän der Dampfpinasse vom sicheren Tode errettet worden waren. Das Entsetzen darüber stellte sich bei ihnen noch nachträglich ein, und dann erst konnten sie erzählen.

Der ›Toreador‹, mit Stückgut beladen, hatte quer über den Golf segeln wollen. Kurz vor Anbruch der Morgendämmerung war es sehr neblig geworden, so daß das Leuchtfeuer von Santa Topina nicht mehr zu sehen gewesen war. Damit hörte aber auch jede Orientierung auf. Doch dies hatte schließlich nichts zu sagen. Von der gefährlichen Magnetinsel wußte man sich südlich, und so brauchte man sich nur noch etwas weiter in dieser Richtung zu halten, so kam man in respektvoller Entfernung an der Insel vorüber.

Aber bei dem dichten Nebel war doch ein Irrtum möglich, und man hatte einen solchen begangen. Als die Luft durchsichtig ward, stand die Sonne schon ziemlich hoch, und da befand man sich zwar südlich von der Magnetinsel, aber in ungeahnter Nähe von ihr.

Schnell setzte man Segel, um aus der unheimlichen Nachbarschaft zu kommen. Der letzte Matrose war soeben aus der Takelage herabgeklettert, als plötzlich jeder von einer unüberwindlichen Müdigkeit befallen wurde.

»Das ist der schlafende Tod! Herr, nimm meine arme Seele in Gnaden auf!«

Das war der letzte Gedanke eines jeden gewesen, bevor er in jenen Schlaf sank, aus dem es kein Erwachen geben sollte – und das wäre in der Tat eingetreten, wenn Nobody nicht zur rechten Zeit gekommen wäre.

Als der Schlaf die Leute überwältigt hatte, war es früh um acht gewesen, da hatten sie sich in der Strömung befunden. Dann war das steuerlose Schiff nach dem Rande der Strömung zu und herausgetrieben worden. Die rückwärtsgehende Strömung hatte es in Empfang genommen und nach der Magnetinsel getrieben. Die Pinasse war anderthalb Stunden später gekommen.

Was wäre sonst ihr Los gewesen? Auf alle Fälle hätte das Schiff die Küste erreicht, wäre wahrscheinlich gestrandet. Bei den Mexikanern aber herrschte kein Zweifel darüber, daß sie vorher schon in den Tod hinübergeschlummert wären.

»Und wie denkt Ihr hierüber?« fragte der Steuermann seinen Herrn und Meister. »Was ist denn nun die Ursache dieser Müdigkeit?«

»Der Krater jenes Berges atmet offenbar ein giftiges Gas aus.«

»Ein giftiges Gas?« staunte Petersen. »Das so einschläfert?«

»Es dürfte Kohlensäure sein.«

 

Die Erzählung der geretteten Mannschaft des ›Toreador‹ war in aller Munde, und Nobody wandte sich in dieser Sache zum ersten Male an einen gebildeten Mann, an einen ehemaligen Kapitän.

»Gewiß, der Berg auf der Isola magneta enthält eine starke Kohlensäurequelle. Und Kohlensäure wirkt nicht nur dadurch schädlich auf den Menschen, weil ihm der zum Leben unbedingt notwendige Sauerstoff fehlt, sondern Kohlensäure kann auch als ein direktes Gift angesehen werden, indem sie, durch die Lungen ins Blut gebracht, eine Art von Starrsucht hervorruft, der eine große Müdigkeit vorausgeht. Da aber nun beim Längerverweilen im Kohlensäurestrom die zum Atmen nötige Luft fehlt, so muß unbedingt der Erstickungstod eintreten.«

»Wissen denn auch die hiesigen Fischer, daß die Ursache dieser Müdigkeit ein von der Insel ausgehender Kohlensäurestrom ist?« fragte Nobody.

»O ja, sie wissen es. Wenigstens wissen sie, daß es irgend ein unatembares Gas ist.«

Wolle sich nun der geneigte Leser ebensowenig wie Nobody darüber wundern, daß selbst die aufklärendsten Zeitungen Mexikos beim Bericht über diesen Vorfall niemals von einer Vergiftung durch Kohlensäure, sondern immer nur vom »schlafenden Tode« erzählten, der wieder einmal beinahe viele Opfer gefordert haben würde, wenn nicht Lord Charles Hamilton sie rechtzeitig gerettet hätte.

Wir haben nämlich in Deutschland einen ganz ähnlichen Fall. Wenn in einem Bergwerk eine Explosion erfolgt ist, so berichten unsre Zeitungen doch niemals von der »Explosion einer Mischung von Kohlenwasserstoff mit atmosphärischer Luft«, sondern sie sprechen nur von einem »schlagenden Wetter«. Das ist doch ganz geläufig, und jeder weiß, was darunter zu verstehn ist. Ganz genau dasselbe war es hier mit dem Ausdrucke »schlafender Tod«.

Ferner, wenn unsre deutschen Bergleute, die doch gewiß heutzutage alle eine Schulbildung genossen haben, das Entstehen der schlagenden Wetter noch immer bösen Erdgeistern und Grubenkobolden zuschreiben, welche die Menschen hassen, weil diese in ihr Reich eindringen – übrigens eine gute, deutsche Sage, die man nicht lächerlich finden soll – dann ist es wohl begreiflich, daß die vom Aberglauben durchseuchten Mexikaner, von denen unter hundert kaum einer lesen und schreiben kann, sich diesen »schlafenden Tod« als einen bösen Geist vorstellten, der auf jener öden Insel herrschte und den vorüberfahrenden Schiffen seinen Gifthauch zusandte.

Hiermit ist wohl erklärt, weshalb Nobody immer nur vom schlafenden Tode und niemals von einer Kohlensäurequelle zu hören bekommen hatte. Dieser ›schlafende Tod‹ war eben ein vollkommen geläufiger Ausdruck, selbst unter den Gebildeten, auch wenn diese sich darunter etwas ganz andres vorstellten als einen bösen Geist.

»Es sind Versuche genug angestellt worden, um das Phänomen zu ergründen,« fuhr der Erklärer fort. »Die Quelle liegt oben auf dem Berge – ganz richtig, wie Sie sagen, es ist der Krater des einst tätig gewesenen Vulkans. Das Ausströmen der Gase erfolgt permanent, obgleich das nicht so scheint. Denn oft kann ein Schiff ganz dicht an die Insel herankommen. Das hängt einfach mit der Windrichtung zusammen. So ständig in dieser Gegend der Wind auch ist, immer von Nordwesten her – etwas dreht er sich doch, manchmal mehr nach Osten, manchmal mehr nach Westen, respektive nach Süden, und da treibt er denn den Kohlensäurestrom stets hin.

»Daß die Wirkung des Gases nur in der Nähe der Insel zu spüren ist, das ist nicht wunderbar. Kohlensäure ist ganz bedeutend schwerer als die atmosphärische Luft, der Strom liegt also dicht auf dem Wasser und wird von diesem begierig absorbiert. Anderthalb Seemeilen von der Insel entfernt hat man noch nie mehr Kohlensäure in der Luft konstatieren können, als diese für gewöhnlich enthält.

»Sie haben einen Freund, der eine Stunde lang auf der Magnetinsel verweilt hat? Noch dazu auf der Ostseite? Da hat Ihr Freund ein großes, großes Glück gehabt. Da hatte sich eben der Nordwestwind einmal stark nach Süden gedreht. Es ist ja überhaupt schon häufig vorgekommen, daß Menschen die Isola magneta betreten haben, als Schiffbrüchige oder mit Absicht. Das Volk schreibt dann ihre glückliche Errettung immer den Heiligen zu.

»Die Isola magneta ist kein so großes Hindernis für die Schiffahrt, wie im Auslande angenommen wird – vorausgesetzt, daß dorthin überhaupt einmal eine Kunde davon dringt. Die Schiffer hier nehmen es als ein unvermeidliches Uebel hin, sie kennen die Zone des schlafenden Todes und meiden sie, wozu für die Nacht der Leuchtturm von Santa Topina genügt, wenn er auch etwas besser sein könnte. Aber bei starkem Nebel hilft überhaupt kein Leuchtfeuer mehr.

»Dann sind auch die Tage der Magnetinsel gezählt, wenigstens die des Magnetberges mit seiner giftigen Kohlensäurequelle. Das heißt, es können auch noch Jahrhunderte vergehn, die aber in der Geschichte der Erde doch nur Tage bedeuten. Die Nordströmung wäscht unermüdlich, sie wird einst bis in den Kern des Berges dringen und die Hauptader der Kohlensäurequelle bloßlegen. Dann allerdings kann einmal eine Katastrophe erfolgen, indem ein kolossaler Strom von Kohlensäure südwärts der Insel alles Lebendige erstickt. Dabei aber findet die Quelle selbst ihren Tod, wird von dem eindringenden Meere erstickt. Vielleicht aber geht es auch ohne Katastrophe ab, und außerdem sind wir schon an Erdbeben und andre Erdrevolutionen gewöhnt.

»Ja, Sie haben recht – was da alles auf dem Strande liegen mag! Aber wie soll man es abholen? Es ist schon genug, daß hin und wieder ein kühner Forscher wagt, das Eiland aus wissenschaftlichen Gründen zu betreten, denn wenn er auch noch so gut den Wind berechnet hat, so kann ihn doch jeden Augenblick der Kohlensäurestrom treffen, der ihn bewußtlos zu Boden wirft, ihn erstickt, und so mancher hat denn auch schon sein Wagnis mit dem Leben gebüßt. Da müßte erst ein Apparat erfunden werden, welcher dem Menschen ständig atmosphärische Luft zuführt, so daß er sich wie ein Taucher in der giftigen Kohlensäure bewegen kann.«

Hoch horchte Nobody auf. Eine Frage brannte ihm auf den Lippen, aber er unterdrückte sie. Sie hätte gelautet: ›Habt ihr hier denn noch gar nicht gehört, daß ein solcher Apparat soeben in New-York erfunden worden ist?‹

Dem war so. Kurz bevor Nobody New-York verließ, hatte ein Amerikaner ein Patent angemeldet und gleichzeitig auch schon das Modell seiner Erfindung einer Versammlung von Herren vorgeführt, welche sich dafür interessierten, und dazu hatte auch Nobody gehört. Es handelte sich um einen neuen Tauchapparat, welcher den Taucher unabhängig von dem Schlauche macht, der ihm von außen frische Luft zuführt. Der Apparat bestand der Hauptsache nach aus einer helmartigen Kopfbedeckung, wie sie auch jetzt noch die Taucher haben, und aus einem auf den Rücken zu schnallenden Ranzen, welcher komprimierte Luft enthielt, von der durch eine sinnreiche Vorrichtung dem Taucher nicht mehr und nicht weniger zugeführt wird, als er zum Atmen braucht, während die ausgeatmete Kohlensäure durch ein andres Ventil entweicht.

Bei der Vorführung hatte sich der Erfinder, angetan mit seinem Apparat, in ein großes Faß mit Wasser gesetzt, hatte stundenlang darin ausgehalten. Trotzdem eignete sich der Apparat nicht für den Taucher, d. h. nicht für den Tiefseetaucher. Denn je tiefer man unter Wasser geht, desto mehr nimmt der Druck zu, und zwar in ganz gewaltigem Maße, und da funktionierte noch nicht die Luftzufuhr und Abfuhr, die Ventilation regulierte sich nach dem verschiedenen Drucke noch nicht selbsttätig. Wohl aber leistete dieser Apparat in andrer Weise schon unschätzbare Dienste, z. B. der Feuerwehr, wenn sie in brennende Gebäude dringen muß, in mit Rauch erfüllte Räume, bei Rettungsarbeiten in Bergwerken mit Stickluft, bei Brunnengasen und dergleichen.

Nobody hatte sich für den Apparat höchlichst interessiert, er selbst hatte sich eine halbe Stunde in das Wasserfaß gesetzt, es war sofort bei ihm beschlossen gewesen, Geld und eignen Scharfsinn daranzusetzen, um den Apparat so weit zu vervollkommnen, daß man ihn auch in der Meerestiefe verwenden konnte.

Der phantasievolle Nobody sah schon, wie sich sein Detektivberuf auch auf den Meeresboden erstreckte.

Aber zu dem, was er jetzt vorhatte, war ja der Apparat schon wie geschaffen, da brauchte er gar nicht erst verbessert zu werden. Der Erfinder garantierte für eine Wirksamkeit von zehn Stunden, und die Granate mit komprimierter Luft konnte immer wieder durch eine neue ersetzt werden, ohne daß man den Helm zu lösen brauchte. In den Handel gekommen waren die Apparate noch nicht, doch der Erfinder besaß einige perfekte Modelle, Nobody hatte sie ausgestellt gesehen.

Er sagte also nichts hiervon, er suchte sofort Petersen auf, erzählte demselben, was ihm soeben mitgeteilt worden war, sowie von den Tauchapparaten.

»Ich frage telegraphisch an, ob solch ein Apparat zu haben ist, und wenn alles klappt, kann er in vierzehn Tagen hier sein.«

»Hm. Und ich? Da müßte ich doch eigentlich auch so ein Ding auf dem Kopfe haben,« meinte Wilhelm Petersen nachdenklich.

»Das ist es ja eben, was ich fragen wollte!« rief Nobody erfreut. »Also Ihr wollt mich wiederum begleiten?«

»Selbstverständlich! Wir müssen auf der Insel gewesen sein, bevor die andern Wind von diesen Apparaten bekommen. Ich nehme einen großen Sack mit, wo ich alle die Dukaten hineinstopfe, die ich in den Schiffswracks finde. – Das heißt ... ich weiß nicht recht ...«

Plötzlich drückte das ehrliche Gesicht des jungen Steuermannes, der eben noch so enthusiastisch von dem Unternehmen gesprochen hatte, das größte Mißtrauen aus.

»Na, was gibt es? Was habt Ihr für ein Bedenken?«

»Zehn Stunden hält die Luftzufuhr aus?«

»Zehn Stunden.«

»Und so lange muß man in dem Helme stecken?«

»Nun, wenn der Erfinder für zehn Stunden garantiert, so werden wir uns zur Sicherheit wohl mit der Hälfte begnügen. In fünf Stunden kann man schon viel ausrichten, ich werde mich auch mit genügend Reserve-Bomben versehen, und natürlich machen wir erst ausgiebige Proben.«

»Hm – fünf Stunden – das ist auch schon lange genug – unter so einem verflixten Helme zu stecken ... kann man denn da wenigstens rauchen?«

Jetzt merkte Nobody, wovor sich der junge Steuermann, der sonst die Verwegenheit selber war, bei diesem Unternehmen am allermeisten fürchtete, und er mußte aus vollem Halse lachen.

»Nee, Petersen, das tut mir leid, aber das hilft nichts – Euern Kalkstummel müßt Ihr für die fünf Stunden einmal aus den Zähnen nehmen!«

Das niedergeschlagene Gesicht des Mannes zeigte, wie hart ihm solch eine Bedingung ankam. Doch dann erschien wieder etwas wie Hoffnungsfreudigkeit.

»Und ... und ... priemen darf ich in der Helmtute auch nicht?«

»O, ja,« lachte Nobody. »Ihr könnt Euch beide Backentaschen mit Tabak vollpfropfen, könnt den ganzen Helm mit ›swarten Krusen‹ auspolstern, müßt nur dafür Sorge tragen, daß Ihr den Tabak mit der Zunge erreichen könnt.«

Jetzt war es eitel Sonnenschein, der sich auf dem braungebrannten Germanenantlitze mit dem weißblonden Bärtchen zeigte.

»Na, dann ist ja alles gut, dann komme ich natürlich auch mit!« rief Petersen mit wahrer Herzenserleichterung. »Das heißt, mitgekommen wäre ich ja überhaupt, aber so ist es doch bedeutend schöner.«

»Nur ausspucken dürft Ihr nicht,« setzte Nobody noch hinzu, »sonst wird das Guckfenster blind. Ihr müßt die Sauce immer hinterschlucken.«

»Das tue ich sowieso immer.«

 

Drei Wochen später durchschnitt abermals ein Dampfboot die Wellen des Kalifornischen Golfs. Nobody hatte es sich gekauft, als Seefahrzeug zwar immer noch klein zu nennen, aber doch bedeutend größer als die ›Lucia‹. Denn man gedachte es mit allem zu belasten, was des Mitnehmens von der Insel wert war. Eine gewisse Größe durfte das Boot nicht überschreiten, sonst würde bei der Bedienung durch nur vier Hände seine Manövrierfähigkeit gelitten haben.

Auf seine telegraphische Bestellung hatte Nobody von dem Erfinder drei Tauchapparate erhalten. Vorher hatte er sorgfältige Prüfungen angestellt. Der beste Apparat hielt vierzehn Stunden aus, der minderwertigste noch immer elf. Zur Reserve waren zehn jener Stahlbomben mitgesandt worden, welche die komprimierte Luft enthielten, und schon war ein neuer telegraphischer Auftrag unterwegs, daß der Erfinder noch mehr solcher Luftbomben anfertige und nachschicke. Denn das waren natürlich nicht solche ungefüge Granaten, wie man sie etwa bei Bierdruckapparaten anwendet, sie mußten mit ebensolcher Festigkeit eine große Leichtigkeit verbinden, hatte man sie doch auf dem Rücken zu tragen.

Nobody beabsichtigte nicht nur diese eine Fahrt, sondern wollte sein Boot so oft wie möglich mit den Strandgütern beladen, die er auf der Insel vorfinden würde – oder wir können auch gleich von Schätzen sprechen; denn wenn er auch nur den Kupferdraht barg, so hatte er schon dadurch ein Vermögen verdient.

Hierbei dürfte der geneigte Leser ein Rätsel verspüren, und das mit Recht. Nobody hatte es doch gewiß nicht nötig, sein Leben zu riskieren, in einen Kohlensäurestrom zu tauchen, wenn er auch statt Kupferdrahtes Goldbarren finden würde. Etwas andres war es vielleicht bei dem jungen Steuermann, dem konnte man es nicht verdenken, wenn er einmal sein Leben riskierte. Der brauchte bei dieser abenteuerlichen Fahrt nur 100.000 Mark zu verdienen, dann war er ein gemachter Mann, konnte als Kapitän sein eignes Schiff fahren. Wahrscheinlich aber würde er hier noch eine ganz andre Summe verdienen.

Deshalb hatte Nobody aber noch immer nicht nötig, sich und seinen Begleiter solch einer Gefahr auszusetzen. Der junge Steuermann war doch sein Freund, und Nobody, dessen Geschäftsunternehmungen wir verfolgt haben, hätte gar nicht so tief in die Tasche zu greifen brauchen, um jenem ein ganzes Schiff mit allem, was dazu gehört, einfach zu schenken.

Nein, hier lag ein ganz andrer Beweggrund vor, und wir wollen zur Erklärung ein Gleichnis heranziehen: Wenn Nobody die Wahl gehabt hätte, in einem Tage durch eine Spekulation eine Million zu gewinnen – oder aber es wurde ihm ein gesunkenes Schiff gezeigt, mit Kohlen befrachtet, 10.000 Mark an Wert, sie gehörten ihm, wenn er sie durch Tauchen heraufbeförderte ... Nobody hätte die Million fahren lassen und hätte getaucht, hätte vierzehn Tage lang gearbeitet, daß ihm sogar noch unter Wasser der Schweiß von der Stirn getropft wäre.

Es war also der Reiz der Gefahr, der Reiz am gefährlichen Gewinn. Hier so das gestrandete Gut von der geheimnisvollen, herrenlosen Insel abzuholen, jeden Augenblick mit dem Tode bedroht, und kein einziger Mensch auf der Erde wußte davon, dann vielleicht noch die Gefahr, später deswegen mit der Regierung in Konflikt zu kommen, wo Nobody natürlich nicht nachgegeben hätte, in diesem Falle sollte man etwas von ihm zu hören bekommen – das war so etwas für ihn! Und was den jungen Steuermann betrifft, so gehörte Wilhelm Petersen zu jenen Männern, welche sich nicht gern beschenken lassen.

Von der sonstigen Ausrüstung der ›Kohlensäure-Taucher‹ sei nur noch ein Apparat erwähnt, nicht gerade Nobobys eigne Erfindung, aber doch erst auf Grund von dessen chemischen Kenntnissen angefertigt. So einfach der Apparat zum Messen der in der Luft vorhandenen Kohlensäure auch war, so kompliziert würde doch seine genaue Beschreibung sein. Der Hauptsache nach war es ein Glasfläschchen, durch dessen Kork eine Röhre lief, die oben in einer Glaskugel endigte, welche mit klarem Kalkwasser gefüllt war. Wurde ein Hahn geöffnet, so lief etwas von dem Kalkwasser in die Flasche, und in diese führte noch eine zweite Glasröhre, welche am Ende einen Gummiball trug. Mittels dessen konnte Außenluft in die Flasche gepreßt werden, und wenn es nun Kohlensäure war, so entstand in der klaren Flüssigkeit augenblicklich ein Niederschlag von unlöslichem kohlensauren Kalk, sonst nicht, oder das Kalkwasser wurde nur etwas getrübt. Dies mag genügen, wir werden sehen, wie Nobody diese Meßflasche, wie wir den Apparat einfach nennen wollen, wiederholt anwendete. – –

Im Norden stieg der Magnetberg auf. Der Steuermann bestimmte die geographische Lage, in der sich das Dampfboot zur Zeit befand.

»Höchstens noch fünf Minuten, und wir befinden uns in der Region des schlafenden Todes,« sagte er dann, und er sagte es schon ganz geläufig.

Der Wind kam gerade von der Insel her, aber Nobody brauchte nicht erst den Meßapparat zu Hilfe zu nehmen, man merkte schon am freien Atmen, daß noch keine Kohlensäure in der Luft sein konnte.

Trotzdem legten die beiden schon jetzt die Kostüme an, in denen sie wirklich wie Taucher aussahen, nur daß sie noch auf dem Rücken einen umfangreichen Tornister trugen, während der wasserdichte Anzug und die schweren Stiefel mit den Bleisohlen fehlten, denn es genügte, daß der Glockenhelm am Halse mittels eines Kautschukstreifens luftdicht abgeschlossen wurde. Ferner ist erwähnenswert, daß dieser Helm nicht für Tauchversuche unter Wasser hergestellt worden war, er hatte also auch keine kompakte Form, das Glasfenster war nicht so dick, und so konnten sich die beiden recht gut verstehn, wenn sie etwas laut sprachen.

Mit voller Fahrt ging es durch das Stauwasser auf die Insel los, das Meer war hier so klar, daß man schon von weitem jedes unterseeische Hindernis erkennen konnte, und erst dicht am Ufer wurde die Fahrt immer mehr verlangsamt, bis man eine kleine, aber tiefe Bucht gefunden hatte, in welcher die Pinasse bequem anlegen konnte.

Bevor Nobody das Land betrat, ließ er einen atmosphärischen Luftstrom durch das Kalkfläschchen gehn – sofort entstand ein dicker, weißer Niederschlag!

Hier also mußte man sich schon in fast reiner Kohlensäure befinden, die nichts Lebendiges duldet, und danach sah es auch auf dem Strande aus!

Den großen Haufen von Schiffstrümmern aller Art hatte Nobody wohl erwartet, nicht aber so zahlreiche menschliche Skelette!

Das Boot wurde mittels einer Kette befestigt, die man um einen mit dem Boden verwachsenen Stein schlang, dann ließ Nobody es sich nicht nehmen, als erster an Land zu springen, worauf ihm Petersen die zehn Reservebomben reichen mußte, die an Land aufgestapelt wurden, so wie auch der dritte Tauchapparat von Bord an Land wanderte.

Denn, gesetzt nun den Fall, sie verloren durch irgend einen Zufall das Dampfboot? Dann hätten sie, von jetzt an gerechnet, nur noch neun Stunden Zeit gehabt, um sich aus den Schiffstrümmern ein Floß zu bauen, und kamen sie auf diesem nicht eher aus der Todeszone heraus, als bis ihr Tornister die letzte Luft abgegeben hatte, so waren sie unrettbar verloren.

»Woher kommen die menschlichen Skelette?«

»Die gehören jedenfalls zum größten Teil jenen Schätze suchenden Abenteurern an, welche es wagten, die Insel zu betreten, oder vielmehr schon vorher erstickten, im Boote wurden ihre Leichen hierhergetragen, es wurde von der Flut an Land gehoben und zerfiel mit der Zeit – da liegen die Schatzsucher. Dann können ja auch solche Fälle eingetreten sein, wie beinahe mit dem ›Toreador‹. Eigentliche Schiffbrüche kommen hier wohl schwerlich vor, und was sonst antreibt, das kommt sicher alles von der Nordseite, falls es sich dort zu lösen vermag.«

Soeben kamen längs der Ostküste mit der Strömung wieder einige morsche Holzplanken angeschwommen. Aber nach wertvollen Sachen brauchte man nicht zu suchen. Ein Schiffbruch war jedenfalls schon seit langer Zeit hier nicht vorgekommen, und es gibt doch wenig Stoffe, welche auf die Dauer dem Zahne der Zeit widerstehn – eigentlich nur die Edelmetalle und sogar von den Steinen wiederum nur die Edelsteine.

Sowohl Nobody, wie Petersen nahm eine Reserve-Luftbombe unter den Arm und schlugen den Weg quer über die Insel nach dem Berge ein. Wie sich Nobody mehrmals durch den Meßapparat überzeugte, befanden sie sich ständig in einem Kohlensäurestrom, dessen Höhengrenze mit der Hand nicht zu erreichen war.

Die Oberfläche der Insel war völlig eben und ganz steril. Doch nein, nicht eigentlich steril, darunter versteht man etwas andres, zum Beispiel steinharten oder salzigen Boden – hier aber hatte sich eine starke und doch lockere Humuserde gebildet, man stieß auch auf einen klaren Bach, dieser bildete sogar einen Sumpf, und doch war kein einziges Grashälmchen zu entdecken. Das machte die Kohlensäure-Atmosphäre, welche kein Tier und auch keine Pflanze duldet.

Hierbei sei eine Frage berührt, welche Petersen auch wirklich aufwarf, und die von Nobody ausführlich beantwortet wurde.

Die Pflanze braucht zu ihrer Existenz Kohlensäure, so wie die Tierwelt den Sauerstoff. Aber in einer reinen Kohlensäure-Atmosphäre geht jede Pflanze ebenso zugrunde, wie jedes Tier im reinen Sauerstoff verbrennen würde – (wenn auch ohne Flamme). Jedes Uebermaß schadet eben. Nun darf man allerdings mit Sicherheit annehmen, das kann man sogar direkt beweisen, daß in der Urzeit der Erde die Atmosphäre viel mehr Kohlensäure enthielt als jetzt, und das ist den damaligen Pflanzen und Tieren doch sehr gut bekommen. Ganz gewiß, aber das waren damals auch ganz andre Pflanzen als die jetzigen, die bedurften eben zu ihrer Existenz mehr Kohlensäure, ebenso wie die Lungen der vorsintflutlichen Tiere anders beschaffen waren.

Bald war der Fuß des Berges erreicht; der Aufstieg bot keine Schwierigkeiten, in zehn Minuten waren sie oben, standen an dem Rande eines Kraters von höchstens sechs Metern Durchmesser, dessen Tiefe sich so ohne weiteres aber nicht bestimmen ließ, indem man in ein schwarzes Loch blickte.

Daß dieses unbedingt die Kohlensäurequelle sein mußte, das zeigte der Meßapparat an.

Doch die höchste Höhe des Berges war noch nicht erreicht. Hinter dem Krater erhob sich noch einmal ein Kegel von etwa zehn Meter Höhe, und dessen Gipfel war Nobodys nächstes Ziel, denn von dort oben mußte man noch eine bessere Aussicht haben, zumal nach der Nordseite, welche der Kegel verdeckte.

Auch dieser wurde leicht erklommen, und er war oben genügend abgeplattet, daß einige Menschen nebeneinander stehn konnten.

Von hier aus konnten die beiden die ganze Insel überblicken, sie konnten auch direkt hinabsehen, dorthin, wo der Nordstrom alles antrieb, was in seine Gewalt geriet, und da allerdings türmten sich zwischen den Steinen die Trümmer von eisernen und hölzernen Schiffen turmhoch auf, und dazwischen wimmelte es von Kisten und Kasten und Fässern und Ballen.

»Sieht das dort nicht gerade aus, als wäre das ein ganz frischer Schiffbruch?« fragte Petersen, nach Westen deutend.

Auch dort hatten sich Schiffstrümmer aufgestaut, das hatten die beiden ja schon vor drei Wochen durch das Fernrohr erkennen können, aber jetzt lag dort auch noch das Wrack eines großen, eisernen Dampfers von wenigstens 1000 Tonnen, noch ganz gut erhalten, aber ein vollständiges Wrack, und das hätte den beiden damals nicht entgehn können.

»Gewiß, der hat vor drei Wochen noch nicht dort gelegen,« bestätigte Nobody, »und der kann nicht schon als Wrack durch die Strömung angetrieben worden sein, das ist ein direkter Schiffbruch.«

»Ja, als wäre der Dampfer mit voller Kraft gerade auf den Strand gelaufen.«

Petersen hatte sein Taschenfernrohr gezogen.

»Wahrhaftig!« rief er. »Da liegen auch Menschen, natürlich Leichen, aber noch vollständig angezogen!«

»Ist an dem Schiffe der Name zu erkennen?«

»Nein.«

»Nun, wir werden dann zuerst dorthinabsteigen,« meinte Nobody, der jetzt seine Aufmerksamkeit dem Krater zuwendete und sich mit der Meßflasche beschäftigte, während der Steuermann das Wrack weiter durch das Fernrohr betrachtete, seine Entdeckungen erzählend.

»Nur der Vordersteven ist eingerannt ... aber was ist denn das? Das sieht ja gerade aus, als ob in der Mitte alles herausgehoben wäre. Aha, da ist ein Kessel explodiert! Natürlich, wenn so ein ...«

Plötzlich ließ Petersen das Fernrohr fallen, daß die Gläser auf dem Steinboden zersplitterten, er machte mit den Händen hastige Bewegungen in der Luft herum, dann war es, als ob er den Helm losschrauben wollte.

»Mein Apparat funktioniert nicht!« erklang es röchelnd in dem Helm. »Ich ersticke, ich ersticke!«

Nobody hatte schon die verdächtigen Bewegungen gesehen, sprang hin, schraubte schnell seines Begleiters Helm los, nahm ihn ab und ... tief schöpfte der Steuermann Atem!

Erst nachträglich kam ihm zum Bewußtsein, daß dies doch nicht mit rechten Dingen zugehn könne, erstaunt blickte er Nobody an – da aber hatte auch dieser seinen Helm schon abgenommen.

»Guten Tag. Hob' die Ehr'!« scherzte Nobody, seinen Helm schwingend.

»Ja, was ist denn das?« staunte Petersen. »Das ist doch ganz frische Luft?!«

Nobody deutete nur auf die Krateröffnung unter sich, und bald hatte auch Petersen erkannt, was hier vorlag.

Von hier oben konnte man ganz deutlich beobachten, wie die Kohlensäure aus dem Krater hervorquoll, in einer zwei bis drei Meter dicken Schicht den Berg hinabkroch und sich von seinem Fuße aus über die ganze Insel verbreitete. Die Grenze zwischen der schweren Kohlensäure und der leichteren Luft war ganz scharf gezeichnet, obgleich es sich doch um zwei vollständig durchsichtige und farblose Gase handelte.

Hieran ist gar nichts Wunderbares. Dies kann man schon im kleinen beobachten, wenn man ein mit Aether gefülltes Glas gegen die Sonne hält, da sieht man auch ganz deutlich, wie der Aether verdampft, ohne sich sofort mit der atmosphärischen Luft zu mischen. Das kommt daher, weil jede Gasart das Licht anders bricht.

»Wir stehn hier auf einer Insel,« erklärte Nobody, zunächst nicht an des Steuermanns defekten Apparat denkend, »rings umgeben von Kohlensäure, denn sie quillt auch hinter diesen Kegel herum, aber hierherauf kann sie niemals kommen; denn wir sind jetzt im heißesten Monat, es ist Mittagszeit, heißer kann die Sonne überhaupt nicht brennen, und so kann sich die Kohlensäure auch nicht mehr ausdehnen, also auch nicht noch höher steigen, selbst, kalkuliere ich, wenn sich die Ausflußmenge einmal verdreifachen sollte. Hier oben brauchen wir also keinen Helm zu tragen.«

»Das ist ja famos!« rief Petersen, froh, daß er einmal außerhalb des fatalen Helmes frische Luft schnappen konnte. »Nee, das ist wirklich fa ...«

Klirr! ging es – und Wilhelm Petersen hatte in seiner Freude mit der Hacke in die Glasscheibe von Nobodys Helm getreten, den dieser einstweilen an den Boden gelegt hatte.

Nobody wußte gewiß im Augenblick, was der Steuermann getan hatte, in welch fatale, in welch schreckliche Lage sie durch diesen unvorsichtigen Tritt kommen konnten – und was sagte er?

»Das ist wirklich famos,« wiederholte er ganz gemütlich, und dann war es auch fast mehr Humor als Aerger, als er noch hinzusetzte: »Zum Deibel, habt Ihr denn hier oben nicht genug andern Platz zum Herumtrampeln? Was müßt Ihr denn gerade in mein Schaufenster reintrampeln?«

Jetzt schien auch Petersen die Situation zu begreifen, er verfärbte sich plötzlich.

»Es geschah wirklich nicht mit Absicht!« konnte er im ersten Schrecken nur hervorstammeln.

Da brach Nobody auch noch in ein herzliches Gelächter aus.

»Wirklich nicht? Ihr seid ein guter Kerl! Aber mit dem Absatz seid Ihr hineingetreten! Na, da müssen wir eben aus den beiden halben Apparaten einen ganzen zusammenflicken, und dann geht einer hinunter und holt den dritten Apparat. Das wäre aber eine nette Geschichte, wenn wir jetzt nicht den Reserve-Apparat mithätten!«

Nobody setzte sich hin und untersuchte erst des Steuermanns Apparat. Den Defekt fand er, er lag in der Luftzuführung, im Ranzen, aber von einer Reparatur konnte keine Rede sein, an dem komplizierten Mechanismus war etwas gebrochen.

»Dann bleibt richtig nichts andres übrig, als die beiden Teile zusammenzuflicken, meinen Ranzen und Euern Helm – so, das geht ja auch, hier schraubt man los – nun dies hier ... sakra, das sind ja zwei ganz verschiedene Modelle!!!«

Noch einmal probierte Nobody, dann stand er phlegmatisch auf, stemmte die Arme in die Hüften und drehte sich langsam im Kreise herum.

»Schöne Aussicht. Wirklich sehr schöne Aussicht hier oben!«

»Um Gott!« stammelte der Steuermann. »Wir sind doch nicht etwa ...«

Er wagte den Gedanken gar nicht auszusprechen. Nobody kam ihm zu Hilfe.

»Natürlich sind wir. Wir können jetzt Robinsons spielen. Bloß daß unsre Insel nur drei Schritte lang und zwei Schritte breit ist. Ja, da hilft nun alles nichts – ans Meer hinab können wir nicht mehr. Uns umgibt anstatt Meerwasser Kohlensäure.«

»Und ich ... und ich ...«

»Bah, macht Euch keine Vorwürfe. Ja, Ihr habt mir sogar eine große Gefälligkeit erwiesen. In so einer Patsche sitzen, wie in dieser hier, das ist gerade so nach meinem Geschmack. Mensch, bist du Gottes Sohn, dann hilf dir ... selber wieder heraus. Solch eine famose Gelegenheit kommt nur leider so selten. Denn etwa, wie in diesem Falle, den Tauchapparat mit Absicht zerbrechen – nein, das tue ich denn doch nicht, das finde ich ... gotteslästerlich. Aber daß Ihr nur so aus Versehen in den Helm getrampelt seid, nachdem schon der andre Apparat in die Brüche ging, das finde ich nun wirklich ausgezeichnet, ich bin Euch für Eure Tolpatscherei wirklich dankbar. – Na, Steuermann, nun strengt mal Euern Gehirnkasten an. Wie kommen wir unter solchen Verhältnissen wieder hinab an unser Boot und hinaus aus der Zone des schlafenden Todes?«

Es war wunderbar, wie erfrischend solche Worte wirkten. Auch der leichte Ton trug viel mit dazu bei. Der Steuermann hatte die Lage nun vollständig erkannt, sie war trostloser, als sie auf der nacktesten Felsenklippe sein konnte. Dort hätte man sich wenigstens ins Meer stürzen können, man hätte einen kühlen Tod gefunden – hier mußte man entweder in der Sonnenglut langsam verschmachten oder freiwillig ersticken. Wirklich, wenn Petersen allein gewesen, er hätte sich lieber gleich dort den Felsen hinabgestürzt; er gestand es dann ganz offen, so trostlos war ihm seine Lage erschienen.

Jetzt, auf diese ermunternden Worte hin, überlegte er kaltblütig, und er entsann sich, daß er doch schon einmal die Insel betreten hatte, ohne Atemnot verspürt zu haben.

»Ja, damals habt Ihr Glück gehabt. Wie der Wind jetzt weht, bestreicht der Kohlensäurestrom die ganze Insel. Und wenn der Wind nun tagelang so bleibt, was für gewöhnlich auch der Fall ist? Wo habt Ihr wenigstens Trinkwasser, um bei dieser Sonnenglut abzuwarten, bis sich der Wind dreht?«

Es war der einzige Rettungsgedanke gewesen, den Petersen hatte finden können, und er war sofort widerlegt worden.

»Aber Ihr wißt einen Ausweg?«

»Ja, ich weiß einen.«

»Nobody, die Neugier ist sonst nicht gerade meine Schwäche, aber in diesem Falle bitte ich Euch herzlich, mich nicht erst lange raten zu lassen.«

Nobody deutete auf den Krater.

»Seht! Die Höhe des Kohlensäurestromes schätze ich auf zwei und einen halben Meter. Hätte ich die Möglichkeit, mir lange Stelzen zu fabrizieren, so würde ich durchstelzen. Aber wir haben kein Holz und nichts dergleichen. Es bleibt uns nichts andres übrig, als daß einer abwechselnd auf des andern Schultern steht oder doch sitzt ...«

»Auf den Schultern stehn?« staunte der Steuermann. »Und was wird denn da aus dem unteren? Der muß doch ersticken!«

»Abwechselnd, sagte ich. Eine halbe Minute Ihr auf mir, eine halbe Minute ich auf Euch. Das muß alles fix gehn. Immer runter, immer rauf' Könnt Ihr das? Nein. Ihr seid kein Zirkusclown. Dann müssen wir die Nacht abwarten. Da können wir bequemer auf den Schultern reiten, haben sogar große Aussicht, daß wir einfach aufrecht gehn können. Weshalb in der Nacht? Weil es in der Nacht kälter ist als am Tage, in dieser Gegend sogar ganz bedeutend. Hitze dehnt aus, Kälte zieht zusammen, und bei Gasen ist der Unterschied immerhin beträchtlich. Auf alle Fälle wird die Kohlensäureschicht in der Nacht viel niedriger, und nicht nur deshalb, weil sie durch die Zusammenziehung tiefer sinkt, sondern ganz sicherlich entquillt in der Nacht dem Krater auch viel weniger Gas, als wenn die Sonne darauf brütet. Also wir müssen hier oben geduldig die Nacht abwarten, und dann, so gegen zwei herum, wenn's am kältesten ist ... Hurrah, mit Gott, für Ferscht und Vaterland! ... dann geht die reitende Gebirgsmarine zur Attacke vor.«

Der Steuermann konnte sich nicht helfen, er mußte herzlich lachen. Aber er wurde gleich wieder sehr ernst.

»Und wenn wir auf diese Weise das Boot erreichen?«

»Dann springt der oberste schnell von den Schultern des andern herunter und stülpt sich in aller Fixigkeit den Helm des dritten Apparates über, schnallt sich den Ranzen auf den Buckel – so, nun ist er feine raus, nun hat er Zeit, nun macht der in aller Gemütlichkeit Feuer unter dem Kessel an, und dann dampft er dem Winde entgegen.«

»Und der andre, der untere, der schon seit einer halben Minute nicht mehr geatmet hat? Was macht der?«

»Der klettert in aller Geschwindigkeit auf den Signalmast, und so klein der auch sein mag, höher ist er doch als zwei Menschen übereinander, und wenn er also dort oben keine frische Luft hat, dann erreichen wir ihn überhaupt gar nicht.«

»Hm,« brummte Petersen, »und wenn der dritte Apparat nun nicht funktionieren sollte? Wenn da nun auch wieder etwas bricht?«

»Mein lieber Steuermann! Ihr kennt doch die Geschichte von dem Hunde, der den Hasen nicht bekommen hatte? Ja? Na also! Wenn der Himmel einfällt, dann sind alle Spatzen tot. Verlaßt Euch darauf, das ist der einzige Ausweg aus dieser Klemme.«

Ja, Petersen sah es ein, und als er sich alles noch einmal recht überlegte, konnte er nur über die kühne Genialität oder geniale Kühnheit dieses Mannes staunen, den er seinen Freund nennen durfte.

Also wenigstens bis zur Mitternacht warten! Mit der Möglichkeit, daß man auf der Insel den Helm abnehmen konnte, hatte Nobody nicht gerechnet, ihr Aufenthalt wäre ja sowieso nur ein beschränkter gewesen, und so hatten sie auch weder Wasser noch Proviant mitgenommen, sie hatten sich vor dem Anlegen des Tauchapparates noch einmal satt gegessen und getrunken.

Aber verschiedenes andre hatte Nobody mitgenommen, so zum Beispiel Hammer und Meißel, und er begann jetzt in den Stein seine Initialen einzuhauen. Während dabei die Splitter spritzten, hatte er immer etwas zu erzählen.

»Wißt Ihr, Steuermann, warum ich hier so kräftig haue? Ich könnte mir doch Zeit nehmen, brauchte nicht so furchtbar zu kloppen!«

»Nun?«

»Ich bilde mir ein, dieser Stein ist der Erfinder der höllischen Tauchapparate, den bearbeite ich.«

Das soll nur eine Probe sein, wie Nobody seinem Leidensgefährten und sich selbst die Zeit durch Scherze zu vertreiben wußte.

Die Stunden vergingen. Die schrägstehende Sonne brannte womöglich noch fürchterlicher auf das kleine Plateau herab, in welches Nobody noch immer meißelte. Petersen konnte nicht mehr liegen und sitzen, er kletterte auf dem Kegel herum, soweit es die Zone des Todes gestattete.

Es war gegen vier Uhr, als er wieder einmal auf das Plateau kam. Eine Zeitlang sah er schweigend dem Meißelnden zu.

»Ich bin ein Mensch,« begann er plötzlich mit heiserer Stimme.

Mit scheinbarer Verwunderung blickte Nobody auf.

»Ich dito. Da habt Ihr keinen Vorzug vor mir.«

Aber der Scherz wirkte jetzt nicht mehr. In des jungen Steuermanns Augen glühte es unheimlich.

»Ich bin kein Schwächling ...«

»Wollt Ihr mir sagen, daß Ihr Durst habt?«

»Das ist's!« platzte Petersen heraus. »Mich quält ein furchtbarer Durst!«

»Und ich habe Euch gesagt, daß ich ebenfalls ein Mensch bin – mir geht's nicht anders!«

Nobody stand auf, deutete mit der Hand in die Richtung des Kraters.

»Dort unten fließt Wasser.«

Er mußte die Stelle näher beschreiben, ehe Petersen das Wasser entdeckte, so ausgezeichnete Augen der Seemann auch besaß.

Es war nur ein Gerinnsel, welches dort unten über den schrägen Steinboden floß, zwar breit, aber von einer Tiefe konnte man gar nicht reden, und die Hauptsache war, daß es sich noch weit unterhalb des Kraters befand.

»Ja, jetzt sehe ich die fließende Pfütze. Was nützt uns die? Es wäre besser, Ihr hättet sie gar nicht erst entdeckt, um mit ihr mir den Mund wässerig zu machen.«

Nobody zog ein reines Taschentuch hervor, faltete es auseinander; es war sehr groß.

»Dieses Tuch müssen wir dort unten mit Wasser tränken. Anders läßt sich dasselbe nicht schöpfen.«

Starr blickte der Steuermann hinab. Das Wasser befand sich wenigstens zwanzig Meter tief – man bedenke, etwa vier Stockwerke!

»Ja, aber wie soll ein Mensch da hinunterkommen?«

»Tauchen,« lautete die lakonische Antwort.

»Bis da hinab, das Tuch tränken, und wieder herauf? So lange den Atem anhalten? Das bringt kein Mensch fertig!« rief Petersen mit Ueberzeugung.

»Es ist die einzige Möglichkeit, um Wasser zu erhalten, und ich will's riskieren. Nein, ich will's versuchen. Zu viel riskieren darf ich nicht, denn einer allein wäre hier oben unrettbar dem Tode verfallen, dann würde heute nacht das Reittier fehlen. Ich kann den Atem bequem eine Minute anhalten, bringe es auch zu anderthalb Minuten. Dabei ist nämlich zu bedenken, daß ich mit dem Körper kräftig zu arbeiten habe, wodurch die Lunge vielmehr Sauerstoff verbraucht, als bei völliger Ruhe. Also ich zähle in Gedanken sekundenweise bis dreißig, und habe ich bis dahin das Wasser nicht erreicht, dann muß ich umkehren – Euretwegen, und dann müssen wir eben bis zur Nacht ohne Wasser aushalten. Aber ich kalkuliere, ich werd's vollbringen.«

Ohne ein Wort weiter zu verlieren, stieg Nobody, das Taschentuch in der Hand, den Kegel hinab, bis ziemlich an den Krater. Hier blieb er stehn, natürlich noch außerhalb der tödlichen Zone, schöpfte tief Atem – und dann sah der Steuermann ihn springen. Aber wie er sprang! Nein, das war kein Springen, das war ein Stürzen, nur daß der Stürzende dabei das Gleichgewicht behielt. Am Rande einer schiefen Ebene duckte er sich plötzlich mitten im Sprunge zusammen und schoß so, zur Kugel zusammengekauert, mit der zunehmenden Geschwindigkeit eines fallenden Steines auf der glatten Fläche hinab – und dann hatte er die Wasserstelle erreicht.

Schnell wischte er mit dem Tuche am Boden hin und her, und Petersen wunderte sich, daß er dabei immer nach oben blickte. Das Tuch hatte sich vollgesaugt. Nobody trat den Rückweg an, und jetzt verwandelte er sich in einen Steinbock mit ehernen Füßen und federnder Schnellkraft. Auch hier konnte das Auge seinen Bewegungen kaum folgen, es schien unmöglich zu sein, daß ein Mensch die schiefe Ebene auch wieder hinaufkam, wo sich dem Fuße doch nicht der geringste Anhalt bot, und doch brachte er es fertig – und dann war er wieder oben!

Nur ein einziger tiefer Atemzug und ...

»Mach's Maul auf!« erklang es in gemütlichem Tone.

Der junge Steuermann, wirklich dem Verschmachten schon nahe, bückte sich, kniete gleich nieder, bog den Kopf zurück und öffnete den Mund, und Nobody, das Tuch ausringend, ließ in den geöffneten Mund geschickt eine grauweiße Sauce laufen.

»Ah, das schmeckt!« atmete Petersen auf, als Nobody im Ausringen eine Pause machte.

»Das glaube ich wohl, das ist auch eine vortreffliche Suppe – da ist doch die Stärke vom ganzen Taschentuch drin.«

Doch Petersen war jetzt nicht für Witze empfänglich, er dachte zunächst auch an den, der ihm diesen Labetrunk spendete.

»Und Ihr?«

»Was?«

»Soll ich Euch nicht das andre aus dem Tuche in den Mund ringen?«

»Mir? Nee! Nee!« Und Nobody tat, als schüttelte er sich vor Grauen. »Für mich weiß ich etwas Besseres. Ich habe nämlich von unten gesehen, wo das Wasser herkommt – natürlich immer von oben – und da bildet es einen kleinen Wasserfall, gar nicht weit von hier, und da werde ich mir meinen Trunk lieber von dort holen.«

Nobody sprach's, hatte Petersens Helm ergriffen und war wieder vom Plateau verschwunden, diesmal aber einen andern Weg nehmend.

Wenn gesagt wurde, diese höchste Erhebung sei ein Kegel, so sollte nur ungefähr seine Form beschrieben werden. So ganz glatt war der Kegel nicht, er besaß Klüfte und Vorsprünge genug, besonders in der Nähe des Kraters, also schon in der Kohlensäurezone, und hinter solch einem Vorsprung verschwand Nobody.

Zu der Taucherausrüstung gehörte auch eine Uhr, an einem ledernen Armband getragen; zufällig hatte Petersen daraufgesehen, wie Nobody abermals hinabsprang; der Sekundenzeiger hatte soeben eine neue Umdrehung begonnen.

Eine halbe Minute verstrich, Nobody kam noch nicht wieder zum Vorschein. Dreiviertel Minute, eine Minute! Jetzt aber wurden die Sekunden für den Wartenden zu Minuten, er zählte:

»69 – 70 – 71 – 72 ...«

Petersen trat an den Rand des Plateaus.

»Nobody, um Gottes willen, Nobody!!«

Unterdessen waren anderthalb Minuten vergangen, und länger konnte Nobody es doch ohne Luft nicht aushalten!

»Nobody! Nobody!!!«

Alles totenstill, und der junge Steuermann fühlte, wie ihm am ganzen Körper plötzlich der Angstschweiß hervorbrach.

Die zweite Minute war voll geworden.

»Gott im Himmel, sei gnädig ...«

Ein keuchender Laut hinter ihm, und Nobody war wieder auf dem Plateau. Er war von der andern Seite heraufgekommen. Aber den Helm hatte er nicht wieder mitgebracht. Furchtbar arbeitete seine Brust. Doch es währte nicht lange, dann hatte er sich wieder etwas beruhigt; er erhob sich.

»Sapperlot, jetzt wär's mir bald an den Kragen gegangen!« keuchte er ruckweise hervor. »Ich hatte mich verlaufen, das heißt, ich sah eine Höhle – aber hinten offen – hielt es für den nächsten Weg – hatte mich geirrt – kam nicht durch das Loch – mußte wieder umkehren ... na, die Hauptsache ist, daß ich wieder oben bin!«

»Und der Helm?«

»Der läuft unterdessen voll. So fix geht das nicht!«

Während er seine Lungen sich beruhigen ließ, nahm er aus dem Blechranzen des Steuermannes den unbrauchbar gewordenen Mechanismus heraus.

»Wohin wollt Ihr? Ihr wollt doch nicht etwa ...«

»Ganz gewiß. Wasser will ich holen, erst den Helm, und da setze ich gleich wieder den Blechkasten darunter, daß der einstweilen volläuft. O, jetzt ist keine Gefahr mehr dabei, jetzt kenne ich den Weg, und die Quelle ist gar nicht weit von hier.«

Fort war er wieder, und richtig, schon nach einer halben Minute brachte er den mit Wasser gefüllten Helm zurück, und da es keine besondere Leistung ist, den Atem eine halbe Minute anzuhalten, so konnte er jetzt nach Belieben Wasser holen.

Es schmeckte köstlich, war mit Kohlensäure gesättigt, und wenn es nicht perlte, so kam es nur daher, weil es eiskalt war.

»Magnetwasser. Wer diese Quelle auszubeuten versteht, wird im Handumdrehen ein Millionär.«

Jetzt ließ es sich hier oben recht gut aushalten. Petersen griff zu Meißel und Hammer, um auch seinen Namen einzugraben, und Nobody zog sein Notizbuch und begann offenbar zu zeichnen. Er blickte dabei oft nach dem Steuermann.

»Was zeichnet Ihr da? Doch nicht mich?«

»Jawohl. Und ich komme auch mit darauf. Ich verewige die Situation, wie Ihr vorhin die Stärkekleistersuppe schlucktet.«

Nobody konnte ausgezeichnet skizzieren. Das hier war eine Karikatur, aber mit deutlichen Köpfen. Petersen lag auf den Knien, zurückgebeugt, den Rachen unmenschlich weit aufgerissen, die Zunge weit heraus, und Nobody stand über ihm und rang unter furchtbarer Anstrengung ein Taschentuch aus, schon mehr ein Handtuch – rang, daß ihm der Schweiß von der Stirn tropfte, und zwar ebenfalls in Petersens Mund hinein. –

Die Nacht brach an, eine finstere Nacht ohne Mond und mit bedecktem Himmel. Im Norden flammte der Leuchtturm von Santa Topina auf, hin und wieder sah man die Topplaterne eines Dampfers oder das rote und grüne Seitenlicht eines Seglers sich bewegen, aber immer sehr weit von der Magnetinsel entfernt.

Stundenlang beschäftigte Nobody sich damit, zu konstatieren, wie nach und nach die Kohlensäureschicht immer mehr fiel. Für jeden Versuch genügten stets wenige Tropfen seines großen Vorrats an Kalkwasser, und um die Wirkung sehen zu können, benutzte er seine Benzintaschenlampe.

Petersen hatte sich oben hingelegt, um bis Mitternacht zu schlafen, denn eher wollte Nobody den Versuch, das Plateau zu verlassen, nicht wagen, aber er fand keinen Schlaf, und so beobachtete er das Lichtchen, welches unter ihm sich hin- und herbewegte, anscheinend auch immer tiefer hinabging.

»Donnerwetter, sieht denn das nicht bald aus, als ob sich Nobody schon unterhalb des Kraters befände?« brummte Petersen. »Freilich kann man sich bei solcher Finsternis auch sehr täuschen.«

Da kam das Lichtchen wieder herauf, Nobody betrat das Plateau.

»Petersen, ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht,« sagte er flüsternd, und es klang fast feierlich.

»Und das wäre?«

»Aus dem Krater quillt keine Kohlensäure mehr.«

Mit gleichen Füßen sprang der Steuermann empor.

»Da können wir also jetzt nach dem Dampfboot zurückkehren, ohne gegenseitig auf den Schultern zu reiten?« rief er.

»Jawohl, das können wir! Aber versteht Ihr nicht, was hier vorliegt? In der Nacht haucht der Krater überhaupt keine Kohlensäure aus, da versiegt die Quelle gänzlich, jede Nacht!«

»Nicht möglich! Woher wollt Ihr das wissen?«

»Durch meine Beobachtungen. Schon als die Sonne sich dem Horizonte näherte, sank die Kohlensäure Zoll für Zoll, und noch schneller ging es, als die Sonne untergegangen war und die Kühle der Nacht anbrach. Ja, ja, es ist so! Und das ist nicht etwa einmal eine Ausnahme! Das Ausdehnungsvermögen der Gase bleibt doch immer dasselbe. Nur in der Tageswärme, und ganz besonders, wenn die Sonne direkt hineindringt, entströmt dem Krater die Kohlensäure, eben infolge ihrer Ausdehnung durch die Wärme; und am kühlen Abend tritt sie langsam wieder zurück, bis sie gar nicht mehr den Rand des Kraters erreicht. – Petersen, begreift Ihr, was ich ... was wir entdeckt haben?! Wir beide sind die ersten Menschen, welche um dieses Geheimnis wissen! Schon seit Jahrhunderten, seitdem der Mensch die Isola magneta kennt, hält er sie für unbetretbar, weil auf ihr ein Kohlensäurestrom, weil auf ihr der schlafende Tod herrscht. Petersen, wir haben den schlafenden Tod besiegt, wir haben diese verzauberte Insel von ihrem Banne befreit; durch uns wird man sie betreten können, und wenn auch nur bei Nacht, so genügt das doch, um alles Strandgut in Bequemlichkeit zu bergen und, wenn man will, diese Insel als ein Hindernis der Schiffahrt in die Luft zu sprengen! Petersen, wißt Ihr nun, was für einen kolossalen Erfolg unsre abenteuerliche Fahrt gehabt hat?«

Nobody befand sich in einer ganz ungewöhnlichen Aufregung, doch sie war berechtigt, und auch Petersen als Seemann verstand jetzt, was sein Begleiter da für eine hochwichtige Entdeckung gemacht hatte. Der erste Mensch, welcher erkannt hatte, daß die Todesinsel während der Nacht nicht zu fürchten sei! Freilich dachte der junge Steuermann jetzt mit mehr Vergnügen an die Aussicht, nun wieder an Bord des Dampfers zurückkehren zu können, ohne dabei wie die Clowns auf den Schultern voltigieren zu müssen.

Unverzüglich traten beide den Rückweg an. Nobody sandte einen hellen Blendstrahl voraus, und noch oft genug zog er den Meßapparat zu Rate. Keine Spur mehr von überschüssiger Kohlensäure in der Luft.

»Hierhin müssen wir, dort liegt unser Dampfer,« sagte Petersen am Fuße des Berges.

»Nein, wir wollen erst einmal zu dem gescheiterten Wrack, es ist ja auch nur ein kleiner Umweg, und wenn Ihr Hunger habt, findet Ihr auch dort etwas zu essen. Wir werden überhaupt jetzt immer die Nächte ausnützen und am Tage schlafen, und anstatt der Tauchapparate müssen wir uns große Blendlaternen anschaffen.«

Sie waren noch auf der Mitte des Berges, als plötzlich beide wie angewurzelt stehn blieben.

Was war das? Dort, wo der gestrandete Dampfer liegen mußte, huschten kleine Lichtchen hin und her!

»Die Toten stehn wieder auf!« brachte der Steuermann mit zitternder Stimme hervor.

»Unsinn,« knurrte Nobody ärgerlich, »das werden Strandpiraten sein. Verdammt, da ist mir doch schon jemand mit der Entdeckung, daß man die Insel bei Nacht betreten kann, zuvorgekommen! Vorwärts, ich muß wissen, wer das ist!«

Sie hatten nur nötig, die kleine Laterne zu verlöschen, und unentdeckt konnten sie sich so dicht heranschleichen, daß sie die Gesichter erkennen konnten.

Sie zählten neun Laternen, welche sich teils an Deck, teils an Land herumbewegten, es konnten jedoch auch noch mehr sein, ab und zu verschwand eine im Innern des Schiffes, und die erste Gestalt, die sie in ihrer vollen Größe erkannten, war die Lopez', des alten Leuchtturmwächters!

»Verflucht, wer hätte das gedacht!« knirschte Nobody.

Mit was die Männer beschäftigt waren, das hörte man aus ihrer Unterhaltung.

»Hier liegt noch einer.«

»Das ist der englische Kapitän.«

»Aha, endlich haben wir ihn gefunden!«

»Gold hat er nicht in den Taschen.«

»Aber die Schiffskasse ist voll, Juan ist schon beim Zählen. Hei, das war ein Fang!«

»Ich bekomme seinen Ring nicht runter.«

»Schneide doch den Finger ab!«

Ein andrer Laternenträger näherte sich den Leichenplünderern. Er war, wie sich gleich ergab, sozusagen der technische Leiter des Unternehmens.

»Besser konnte der Dampfer gar nicht aufrennen, Vater,« sagte er. »Ich denke, wir lassen es jetzt bei dieser falschen Peilung.«

Die beiden Lauscher hatten ruhig beobachtet, wie hier Marodeure die Leichen plünderten; daß Finger abgeschnitten wurden, wenn der Ring nicht abging, ließ auch den jungen Steuermann nicht besonders zusammenschauern, man hatte eben Strandpiraten vor sich; aber als das Wort ›falsche Peilung‹ fiel, da zuckten sie beide zusammen, ihre Hände suchten sich, und wenn sie sich auch nicht sahen, so fühlten sie doch förmlich, wie sie einander mit entsetzten Augen anblickten. Denn beide waren Seeleute und wußten, was eine falsche Peilung zu bedeuten hat. Wir werden es gleich kennen lernen.

Sie beobachteten weiter, wie die Insulaner das Schiff ausplünderten, sich wenigstens zuerst an das kostbarste Gut hielten, welches sie in das große Ruderboot verluden, das Nobody damals am Leuchtturm hatte liegen sehen.

Noch weit vor Tagesanbruch ruderten sie davon, um sicher nächste Nacht wieder zurückzukehren, und auch Nobody mußte daran denken, sich von der Insel zu entfernen; denn bei Sonnenaufgang würde wieder die Kohlensäurequelle in Tätigkeit treten.

Sie begaben sich nach ihrem Dampfboot und fuhren davon. Nobodys Entschluß war gefaßt.

 

Die Erregung war eine kolossale, nicht nur unter den mexikanischen Fischern, nicht nur im ganzen Lande Mexiko, sondern unter allen seefahrenden Nationen, und am stärksten vielleicht in England.

Es wurde von gar nichts andrem mehr gesprochen als von der Behauptung, mit welcher der berühmte und so geheimnisvolle Detektiv Nobody wieder einmal an die Oeffentlichkeit getreten war – und von der Konstatierung, daß seine schier ungeheuerliche Behauptung auf buchstäblicher Wahrheit beruhte.

Diese Behauptung, die er nicht nur der Regierung von Mexiko vorgelegt, sondern die er gleich in die ganze Welt geschleudert hatte, lautete:

»Der Leuchtturmwärter von Santa Topina im Kalifornischen Golf verändert manchmal in der Nacht das ihm anvertraute Leuchtfeuer! Er bringt die große Petroleumlampe auf einem an der entgegengesetzten Seite der Insel stehenden hohen Baume an. Dadurch ergibt sich natürlich für die Schiffe, welche sich nach dem Feuer des vermeintlichen Leuchtturms richten, eine falsche Peilung, und zwar müssen alle die Schiffe, welche zwischen Santa Topina und der lsola magneta hindurchfahren, direkt auf letztere laufen und dort scheitern. Das liegt natürlich in der Absicht des Leuchtturmwächters und seiner Sippschaft, denn diese wissen, wie auch ich konstatiert habe, daß in der kühlen Nacht die Kohlensäure aus dem Krater zu fließen aufhört, und so fahren sie unter dem Schutze der Dunkelheit im Boote nach der Magnetinsel und plündern die gestrandeten Schiffe, deren Mannschaften wohl in der Nacht am Leben blieben, mit Tagesanbruch aber stets dem Kohlensäurestrom zum Opfer fielen.«

Das war die Behauptung, welche Nobody in die Welt schleuderte. Und die Aufregung, zumal in den verantwortlichen Beamtenkreisen, war eine so große, daß gar niemand mehr daran dachte, daß dieser amerikanische Detektiv sich zuerst doch für den Lord Hamilton ausgegeben hatte.

Im Augenblick seiner Verhaftung beging der alte Lopez Selbstmord, er zerschmetterte seinen Schädel an der Mauer des Leuchtturms. Sein Tod hatte nichts zu sagen, vielleicht war dieses Zeugnis seiner Schuld sogar gut, denn um so geständiger waren jetzt seine Kinder und Kindeskinder, und diese wußten alles – nur eins nicht, was für den Richter auch nicht von Belang war, aber doch ein großes Geheimnis, welches der Alte nun mit sich in den Tod hinübergenommen hatte.

Woher hatte der alte Leuchtturmwärter gewußt, daß die Magnetinsel während der Nacht gefahrlos zu betreten war?

»Unser Großvater war der Herr des schlafenden Todes!«

Etwas andres bekam man aus der Sippschaft nicht heraus. Hier war eben wieder Aberglaube im Spiel, wie die Kinder und Kindeskinder dem Alten überhaupt eine beinahe abgöttische Verehrung zollten.

Wie gesagt, für den Richter hatte das ja auch nichts zu bedeuten. Als vor etwa vierzig Jahren dieser Leuchtturm gebaut worden war, hatte man Lopez als Wächter vereidigt; er war mit seiner jungen Frau auf Santa Topina gezogen, und so weit sich die Kinder, jetzt aber auch schon gesetzte Männer, entsinnen konnten, waren sie mit dem Vater in mondlosen Nächten hinübergefahren nach der Magnetinsel und hatten sich angeeignet, was Schiffbruch und Strömung an Land gebracht, sich wenigstens das Wertvollste davon aussuchend, und so war es jahraus, jahrein gegangen, und wenn sich die Söhne von andern Inseln Weiber holten und Schwiegersöhne gebraucht wurden – man war gar vorsichtig in der Wahl gewesen – dann wurden sie eingeweiht, und sie waren gern zufrieden, Mitbesitzer des Geheimnisses zu werden. Später brauchte dasselbe gar nicht mehr Fremden preisgegeben zu werden, die Geschwisterkinder heirateten untereinander.

Es war ein gefährliches Geschäft, welches sie ohne Erlaubnis der Regierung nächtlicherweile trieben. Zwei kräftige Männer hatten im Laufe der Zeit dabei ihr Leben eingebüßt. Denn auf den andern Seiten der Magnetinsel trieben fast nur Holzplanken an, der eigentliche Hauptreichtum lag dort, wo der Nordstrom anprallte und die Brandung wütete, und dabei begnügten sich die Insulaner doch damit, nur oberflächlich die Schiffstrümmer zu durchsuchen, an ein Bergen der schweren Kisten und Fässer war bei ihren primitiven Hilfsmitteln gar nicht zu denken, sie suchten nur nach der Schiffskasse und nahmen den Leichen die Ringe ab und das Geld aus der Tasche, fanden wohl auch einmal eine Uhr, besonders wenn ein größeres Schiff angetrieben worden war, nicht nur ein armseliges Fischerboot, obgleich sie auch immer den Fischern goldene und mehr noch silberne Ringe abnehmen konnten, denn der ärmste Mexikaner opfert den letzten Piaster, um sich wenigstens mit einem halben Dutzend silberner Ringe schmücken zu können.

Auf Santa Topina fand man einen versteckt angelegten Keller, der förmlich vollgepfropft war mit goldenen und silbernen Ringen, Uhren, buntseidenen Tüchern und dergleichen Tand. Was sie damit machten? Verkauft wurde nichts. Da hätte doch ein Zwischenhändler eingeweiht werden müssen. Die Insulaner dachten überhaupt gar nicht an ein Verkaufen. Sie schmückten sich auch nicht damit, trugen gar kein Verlangen danach. Diese Insulaner waren eben samt und sonders vom Geizteufel besessen, und dem Geizigen genügt es doch, seine Schätze zu zählen und zu vermehren, ohne daß er einen Vorteil davon hat.

Dann fand man noch einen andern Keller, in dem wohlgeordnet Anzüge, Stiefel, Hüte und andre Garderobestücke aufgeschichtet lagen, und schließlich kam man auch zu einem unterirdischen Geldschrank, der Gold-, Silber- und Kupfermünzen aller Länder barg, ungefähr 26.000 Mark an Wert. Vierzig Jahre lang war an dieser Summe gesammelt worden, und dabei ist in Betracht zu ziehen, daß die Schiffe selten große Summen an Bord haben, wenigstens nicht in bar, und Papiergeld hatten die Insulaner niemals beachtet. Auch von diesem baren Gelde hatten sie durchaus keinen Vorteil gehabt, es genügte ihnen, ihre Schätze durch die Finger laufen zu lassen und immer wieder neu zu ordnen. Der einzige direkte Nutzen, den sie aus den gestrandeten Schiffen zogen, bestand höchstens einmal aus einem Fasse Pökelfleisch, einer Dose Biskuits, aus Wein und Schnaps, ohne daß sie dabei unmäßig wurden.

So hatten sie es bis vor einem halben Jahre getrieben, also ohne ein eigentliches Verbrechen zu begehn. Aber es hatte nur der Versucher gefehlt.

Einem Matrosen von dem kleinen Dampfer, der monatlich Petroleum und den Lohn in Naturalien brachte, hatte es eine schöne Insulanerin angetan. Nein, man wollte keinen Fremden auf der Insel haben, ebensowenig einen Mitwisser fortlassen, und das Mädchen war gehorsam. Aber der Matrose verunglückte einmal beim Anlegen, er mußte zurückgelassen werden, wurde gepflegt, man gewöhnte sich an ihn und erkannte, daß José recht gut zu der Sippschaft paßte. So heiratete er das Mädchen und blieb auf der Insel.

Die Insulaner konnten wohl ein Boot rudern, aber Seeleute waren sie nicht, während José ein richtiger Seemann war. Der kam bald auf eine sehr gute Idee.

»Was auf der Isola magneta strandet und angetrieben wird, das sind meistenteils doch nur Fischerboote und andre armselige Fahrzeuge, und ihr könnt nicht einmal dazu. Ihr müßt große Dampfer nach der Magnetinsel locken, daß sie dort scheitern. Wie man das macht? Ganz einfach, indem man das Leuchtfeuer verändert, so daß das Schiff falsch peilt. Ich will es euch zeigen.«

Und der geriebene Matrose, der oft genug, wenn er am Steuerrad gestanden, die Steuerleute beobachtet hatte, machte eine indirekte Peilung.

Ein Leuchtfeuer ist nicht nur dazu da, um dem Schiffer in finsterer Nacht zu sagen: hier ist eine gefährliche Stelle – sondern es dient dem Schiffer zugleich als ein Orientierungsmittel, um sich um ein Hindernis herum und durch Klippen hindurchzuwinden, das Leuchtfeuer spielt die Rolle eines künstlichen Sternes, der in Verbindung mit den Fixsternen am Himmel ein Sternbild ergibt.

Wie man sich zu orientieren hat, das ist alles ganz genau auf der Seekarte und in Handbüchern angegeben. Der Schiffer zieht im Geiste eine Linie zwischen dem Leuchtfeuer und einem gewissen Stern, und indem er seinen Kompaß gegen diese Linie in einen gewissen Winkel bringt, windet er sich, alle Vorschriften genau befolgend, zwischen den dichtesten Klippen hindurch. Diese Operation ist es, welche man Peilung nennt.

Nun stellte sich José vor, er befände sich draußen auf See auf einem Schiffe, und rechnete so aus, wo sich das Leuchtfeuer von Santa Topina befinden müsse, wenn sein Schiff nach der vorschriftsmäßigen Peilung direkt auf die Magnetinsel zurennen solle, anstatt sicher zwischen den beiden Inseln hindurchzugleiten.

Ungefähr hatte er das bald herausgefunden, auf alle Fälle kam eine der hohen Pinien, welche zum Schutze gegen den Wind auf der Nordseite der Insel angepflanzt waren, für seinen Zweck in Betracht; nach einer nochmaligen Berechnung wählte er eine bestimmte, und als sich einmal die Topplaterne eines vorüberfahrenden Dampfers zeigte, wurde die Petroleumlampe von dem Leuchtturm herabgenommen und an dem Baume bis zur Spitze emporgehißt.

Konnte diese Ortsveränderung des Leuchtfeuers von dem Dampfer aus nicht beobachtet werden? Gott bewahre! Solch ein einfaches Leuchtturmfeuer, aus weiter Ferne betrachtet, ist nur ein schwaches Lichtchen, scheint überhaupt immer hin und her zu tanzen. Man hätte ja auch die brennende Lampe an einem Drahte vom Turm nach dem Baume ziehen können, oder sie wenigstens auf einer hohen Stange forttragen – aber das war alles gar nicht nötig.

Und der intelligente José hatte eine ausgezeichnete, eine todsichere Berechnung entworfen! Der große englische Dampfer, welcher zwischen den beiden Eilanden hindurch wollte, rannte mit einer Wucht auf der Magnetinsel auf, daß gar nicht erst am andern Morgen die Kohlensäure zu kommen brauchte, es war sofort alles tot.

Ja, das war einmal Beute! Zwar Ringe kamen nicht viel in die Sammlung, aber desto mehr Uhren und vor allen Dingen bares Geld, und dann hatte man auch hier das Ausplündern so gemütlich.

Selbst der Himmel schien, entsetzt ob solch eines Frevels, einen zweiten Fall nicht dulden zu wollen. Bei derselben nächtlichen Fahrt verunglückte José tödlich, und am andern Tage ward jener Baum von einem Blitze gespalten.

Aber jetzt war in den Herzen der Insulaner noch eine ganz andre Gier erwacht, jetzt wußten sie in dieser Beziehung nichts mehr von Aberglauben.

Als sich wieder in einer mondlosen Nacht ein Dampfer zeigte, wurde die Lampe einfach am nächsten Baume in die Höhe gezogen.

Nun ist es aber mit der Peilung eine eigentümliche Sache. Da ist es geradeso wie mit dem Schießen. Die Visierlinie braucht nur ein wenig nicht zu stimmen, und der Schuß geht daneben. Kurz und gut, jenes Schiff schlug allerdings eine falsche Richtung ein, aber es kam in unbewußtem Glück an der Magnetinsel vorüber, und so geschah es immer wieder, so sehr sich die braven Insulaner auch Mühe gaben, die vorbeifahrenden Schiffe auf die Magnetinsel auflaufen zu lassen, und obgleich sie mit mehreren andern Bäumen Versuche machten.

Aber durch Fleiß, Ausdauer und Beobachtung kamen sie schließlich doch noch dahinter, sie fanden den richtigen Baum, wieder war es ein englischer Dampfer gewesen, der gestern Nacht sich an der Magnetinsel den Leib eingerannt hatte – und gerade da war Nobody hinter die Schurkerei gekommen!

Ein Glück, daß die Leute ein halbes Jahr Zeit gebraucht hatten, um die Teufelei wiederholen zu können, und ein Glück, daß Nobody nicht später gekommen war! Wer weiß, wie viele Schiffe die Unholde sonst noch auf den Strand gesetzt hätten, und niemand hätte eine Ahnung davon gehabt, kein Kläger wäre aufgetaucht – die Kohlensäure schläferte alles ein.

 

Alle erwachsenen Männer von Santa Topina wurden gehenkt, die Frauen kamen als Hehlerinnen ins Zuchthaus, die Kinder in die Korrektionsanstalt.

Nobody war wieder einmal der Held des Tages. Mit dem Erbeuten des Strandgutes war es nun allerdings nichts mehr. Aber er hatte es geschickt angefangen, gleich seinen und seines Begleiters Vorteil zu wahren. Die Entdecker erhielten von der durch die Regierung erzielten Ausbeute 30 Prozent, und es sei nur erwähnt, daß Wilhelm Petersen schon als vermögender Mann nach Hause zurückkehrte; und seine Dividenden liefen noch viel länger.

Die Bergungsarbeiten wurden des Nachts betrieben. Nobody beteiligte sich nicht daran, er benutzte den dritten Tauchapparat, der sich als dauernd brauchbar erwies, um sich vielmehr des Tages über auf der Insel herumzutreiben, mitten in dem tödlichen Kohlensäurestrom, zum Schrecken der andern.

Nobody war nun einmal in das Studium dieser Kohlensäuregeschichte hineingeraten, und nun trieb er es auch weiter, und zwar mit seiner gewöhnlichen Gründlichkeit. Bewaffnet mit Thermometer, Barometer, Hydrometer und mit andern ...metern drang er gleich bis auf den Grund des Kraters, operierte mit Fröschen und Kaninchen und Hunden. Er selbst schluckte Kohlensäure bis zur Bewußtlosigkeit und kontrollierte bis zum letzten Augenblick seinen Pulsschlag, und was er so beobachtete, mußte er doch notieren, und die Notizen mußten doch geordnet werden, und so entstand nach und nach ein ganzes Buch daraus.

»Was schreibt Ihr denn da immer?« fragte Petersen einmal.

»Ich schreibe meine Dissertation zum Kohlensäuredoktor,« lautete Nobodys scherzhafte Antwort.

Er ließ das Werkchen denn auch wirklich drucken, gab es in New-York heraus – nicht in Worlds Verlag, für den war das nichts, mit den Abenteuern auf der Magnetinsel hatte die Broschüre gar nichts zu tun, nur Kohlensäure, nichts als Kohlensäure – aber er reichte sie auch keiner Universität ein, so viel Aufhebens machte er von seinem Geistesprodukt gar nicht. Er übergab sie einem Verleger, und damit fertig, und wenn die Broschüre in einer Bibliothek ihren Platz fand, so hatte sie ihren Zweck erreicht.

Und gerade dieses trockne, wissenschaftliche Schriftchen sollte es sein, welches so gänzlich umwälzend in Nobodys Leben eingriff.

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