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Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band

Robert Kraft: Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band - Kapitel 9
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDetektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band
publisherH.G. Münchmeyer
correctorreuters@abc.de
senderGeorge Huberty
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8. Über und unter der Erde

»Bitte, treten Sie ein!«

Mit diesen Worten öffnete Nobody die Tür seines Arbeitszimmers, und der Fürst sah sich einem Manne gegenüber, welcher soeben von dem Schreibtische aufgestanden war. Er trug eine kurze Jacke mit silbernen Knöpfen.

»Seine Durchlaucht Fürst Alexjeff – mein Diener Jean,« stellte Nobody vor, den Hut lüftend. »Habe die Ehre.«

Der alte Fürst machte wieder einmal ein sehr verdutztes Gesicht. Einem livrierten Diener vorgestellt zu werden, das war er nicht gewöhnt.

»Nein, nein,« setzte aber Nobody lachend gleich hinzu. »Wohl spielt Mr. Hawsken jetzt die Rolle meines Dieners, in Wirklichkeit aber ist er mein erster Sekretär.«

Dann wandte Nobody das Gesicht nach der offenstehenden Tür, welche zum Nebenzimmer führte.

»Wilm!«

»Was denn?« erklang drüben eine bärbeißige Stimme, welche der Fürst schon mehrmals gehört hatte, so zum Beispiel damals in dem Kutter.

Wie? Hatte Nobody nicht gesagt, daß er selbst dieser Wilm sei? Nun, es konnte ja auch noch ein andrer den Namen Wilm führen, und dieser hatte eben auch so eine grobe Stimme.

»Was machst du?« fuhr Nobody fort.

»Nischt!« lautete drüben die prompte Antwort.

»Komm herüber und bringe die große Lampe mit!«

»Wozu denn?«

»Du sollst einem Herrn leuchten.«

»Wohin denn?«

»In den Tunnel.«

»Warum denn?«

Der russische Fürst staunte. Na, wenn das sein Diener gewesen wäre! Jetzt verlor aber auch Nobody die Geduld.

»Na, mach schnell, bringe die Lampe!«

»Ach, ich habe keene Zeit,« erklang jetzt drüben die grobe Stimme im phlegmatischsten Tone.

Noch immer ging Nobody nicht selbst hinüber.

»Ich denke, du hast nichts zu tun?«

»O ja,« kam es faul aus dem Munde des unsichtbaren Geistes, »ich dressiere einen wilden Regenwurm.«

»Wart, ich will dich Regenwurm dressieren -!«

Mit einem Satze war Nobody durch die Tür und im Nebenzimmer verschwunden, und nun entspann sich drüben eine heiße Balgerei, anders konnte es wohl nicht sein, der Herr konnte nicht nur den frechen Diener prügeln, dieser mußte sich auch wehren. Tische rückten, Stühle stürzten polternd um, auch ein Glas zerbrach, und zwischen den knallenden Schlägen immer zwei Stimmen.

»Du – un-ver-schämter – Lümmel!« donnerte Nobody.

»Au – autsch – ich habe Ihnen doch gar nichts getan?!« heulte der Baß.

»Da – hast – du – noch einen!«

»Das waren vier.«

»Und da einen fünften als Zugabe!«

»Das war nur ein halber.«

»Soll ich dir die Knochen im Leibe zerbrechen?«

»Aaahoouuuh ... Master, Master, halten Sie um Gottes willen ein, Sie verlieren ja Ihre Blumen aus dem Knopploch!!«

»Hinüber mit dir!«

»Zertreten Sie nur meinen Regenwurm nicht!«

»Marsch!!!«

Der Fürst war sprachlos vor Staunen, wußte gar nicht, was er davon denken sollte, daß hier vor seinen durchlauchtigsten Augen oder vielmehr vor seinen durchlauchtigsten Ohren – denn sehen konnte er nichts – solch eine wüste Szene aufgeführt wurde.

Übrigens dauerte es nicht lange, nur wenige Sekunden, die Worte wechselten blitzschnell hin und her, und wie nun Nobody sein letztes ›Marsch!!!‹ donnerte, da kam wie eine Granate durch die Tür eine hemdsärmlige Gestalt herein geschossen und stand plötzlich vor dem Fürsten – und dieser sah die große Hornbrille, den dicken Bauch, diese fürchterlichen X-Beine – es existierte also dennoch ein Wilm, hier stand er ja vor ihm! – und was ihm die Schwungkraft gegeben, das war schon daraus erklärlich, daß sich Wilm, den Bauch noch etwas weiter vorreckend als sonst, mit beiden Händen sein Hinterteil hielt, auf welchem sich Nobodys Stiefel verewigt hatte. So stand er einige Augenblicke vor dem fassungslosen Fürsten, da aber wuchs der kleine Mann mit einem Male in die Höhe, das kam daher, weil seine Beine plötzlich gerade wurden, er legte beide Hände auf den dicken Wanst, preßte darauf, ein pfeifender Laut, es war nicht anders, als wenn ein Luftkissen ausgepreßt würde – und das war es ja auch. Seine Durchlaucht bekam die aus dem Schmerbauch herauspfeifende Luft sogar direkt ins Gesicht – nun noch die Hornbrille abgenommen und ...

»Ernst ist das Leben, heiter die Kunst,« sagte Nobody nach seiner Hausjacke greifend. »Oder ist das nicht die wahre, heitere Kunst, die hiermit gemeint ist? Dann habe ich mich geirrt, und irren ist menschlich. Verzeihen Durchlaucht nur, daß ich mich in Hemdsärmeln präsentiert habe.«

Jetzt konnte der Sekretär sein Lachen nicht mehr verbeißen. Wahrscheinlich aber lachte er nur über das dumme Gesicht des Fürsten.

»Ach nee! Sind Sie's denn nur wirklich?«

»Wenn Durchlaucht Nobody meinen – ja, der bin ich.«

»Aber wo ist denn der Wilm?«

»Der bin ebenfalls ich.«

»Sie balgten sich doch drüben mit ihm herum?«

«Nein, ich rückte nur einen Tisch, klatschte darauf und warf zwei Stühle um, während ich schnell das Luftkissen aufpumpte, welches ich unter der Weste trage.«

Jetzt bemerkte der Fürst oder dachte daran, daß die Ordonnanz, so wie sie eben vor ihm gestanden, ja einen weißen Kragen und andre Kleidungsstücke angehabt hatte, wie sie der Matrose sonst nie trug, aber das war alles so schnell vor sich gegangen, daß das gar nicht aufgefallen war.

»Aber Sie sprachen doch mit einer Person, auch hier von diesem Zimmer aus.«

»Das besorgte alles ich allein.«

»Ah, Sie sind Bauchredner?«

»Das gehört mit zu meinem Beruf. Ich bitte Durchlaucht um Verzeihung, daß ich mir solch einen etwas groben Scherz erlaubt habe. Ich wollte Durchlaucht nur einen kleinen Beweis geben, daß ich wirklich der durch seine Verwandlungen bekannte Nobody bin. Und dann ... ich führte vorhin das Zitat nicht ohne Grund an. Das Leben ist manchmal sehr ernst, und wenn man sich nicht selbst Spaß macht – andre tun einem den Gefallen nicht.«

Jetzt kam es dem Fürsten zum Bewußtsein, was er soeben erlebt hatte, und auch er brach in ein schallendes Gelächter aus. Fürwahr, dieser Mann war eine gute Medizin für Melancholiker!

Unterdessen holte Nobody selbst aus dem Nebenzimmer die gewünschte Lampe, brannte sie an und ging auf den großen Kleiderschrank zu.

»Und laß dir raten, habe die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne – komm, folge mir ins Reich der Nacht!«

Mit diesem neuen Zitat hatte er die beiden Türen des Kleiderschrankes geöffnet. Garderobe sah man nicht, wohl aber ragte aus dem Boden der Anfang einer Leiter hervor.

»Diesen Tunnel oder vielmehr diesen Schacht haben meine Leute erst gegraben,« erklärte Nobody. »Hier unter uns führt ein Tunnel von der Mäander-Burg nach der Einsiedelei der Prinzeß und weiter bis zum Turm des Augustus in La Turbie, das älteste Bauwerk dieser Gegend, wie überhaupt dies alles noch aus den Zeiten der Römer und Mauren stammt. Wir berechneten den Gang des Tunnels an der Erdoberfläche, eine Projektionsarbeit, und fanden, daß dieses Häuschen ungefähr gerade daraufstand; sofort kaufte ich es und ließ durchbohren. Zeit, um Marmorstufen zu legen, hatten wir nicht, und eine gesunde Hühnerleiter ist sicherer als ein kranker Fahrstuhl. Bitte, folgen Sie mir, es ist ein ganz bequemer Weg!«

Es war zwar ein etwas starkes Verlangen, daß der schon sechzigjährige Fürst auf einer Leiter ins dunkle Ungewisse hinabklettern sollte, aber Nobody hatte ganz recht, die Leiter war solid, und wer nicht gerade am Delirium tremens litt, konnte auf ihr die Balance nicht verlieren.

Nobody war schon in der Tiefe verschwunden und schickte einen hellen Lichtstrahl herauf, der alte Herr riskierte es, er tat den ersten Schritt.

»Sie können auch fallen, wenn Durchlaucht das vorziehen, ich fange Sie ganz sicher und weich in meinen Armen aus,« fuhr unten Nobody in unverwüstlichem Humor fort. »Es gibt noch einen andern unsichtbaren Weg ins Heiligtum, aber der führt durchs Wasser, und dazu muß man auch noch zwei Minuten lang den Atem anhalten, und das ist nicht jedermanns Sache. Übrigens werde ich gleich das elektrische Licht andrehen.«

Der Fürst war schon unterwegs, er erreichte eine Plattform, von einem Brette hergestellt, welches von Balken gestützt wurde, noch eine lange Leiter hinab, und wie der Fürst festen Boden unter seinen Füßen fühlte, flammte auch schon elektrisches Licht auf, fast Tageshelligkeit verbreitend.

Der alte Herr sah einen langen, gewölbten Gang, alles mit Quadersteinen ausgemauert. An der Wand liefen grünumsponnene Drähte, hin und wieder hing von der Decke eine Glühlampe herab.

»Als wir diese Gänge entdeckten,« fuhr Nobody in seiner Erklärung fort, »sah es hier ganz anders aus. Nicht so reinlich, nicht so gemütlich. Überall Menschenknochen mit den dazugehörenden Schädeln, und zwar der Kopfform nach Mauren. Hier muß einmal ein ganzes Bataillon Sarazenen verhungert sein. Wahrscheinlich waren die Zugänge von einem Erdbeben verschüttet worden. – Aber damals war hier natürlich noch kein elektrisches Licht gelegt.«

»Das glaube ich wohl,« mußte der Fürst denn doch über diesen trocknen Zusatz nach der vorausgegangenen, grassen Beschreibung lachen. »Woher bekommen Sie die Elektrizität?«

»Von der Mäander-Burg. Das Elektrizitätswerk freut sich, daß der maskierte Kapitän so viel Kraft verbraucht. Das Volk in Monaco denkt natürlich, er frißt die Elektrizität – vielleicht zur besseren Verdauung, wenn er zu viel Mädchen verspeist hat. Das löst die Haare im Magen.«

Und in dieser Weise ging es weiter. Der alte Fürst achtete gar nicht seiner Umgebung, wußte gar nicht, wie viele Gänge und Treppen er schon hinter sich hatte, er lauschte nur dem Plaudern seines Begleiters, und dann war er grenzenlos erstaunt, als er sich plötzlich in einem höchst luxuriös ausgestatteten Zimmer sah.

»Papa!« ertönte da schon der jubelnde Ruf, und ein leichtes Persönchen hing an des alten Mannes Halse. »Wenn du selbst kommst, dann ist ja alles wieder gut, und ich habe dir auch wirklich einen Strumpf gestrickt, du kannst ihn auch wirklich anziehen, aber ich habe drin die Hacke vergessen, und nun gib mir eine recht tüchtige Ohrfeige und dann sei wieder gut mit mir!« –

Wir wollen nicht wissen, ob der Kosak die wohlverdiente Ohrfeige erhielt oder nicht, ob der Papa den hackenlosen Strumpf gleich anzog oder nicht – wir wollen auch nicht dabeisein, wenn sich zu den beiden Kapitän Flederwisch gesellt, welcher seinen frühern Vollbart etwas verändert und ihn wie die Kopfhaare schwarz gefärbt hat, um auch ohne Maske nicht erkannt zu werden.

Wir bleiben bei Nobody, welcher jetzt als bartloser, junger Mann erschien, bequem, aber immer noch elegant gekleidet.

Daß er sich im Innern der Mäander-Burg befand, dürfte der geneigte Leser erraten haben. Der Weg nun, welchen er jetzt in dem durch und durch winkligen und mit fast zahllosen Gängen erfüllten Hause nahm, das einem Ameisenbau ähnelte, läßt sich nicht beschreiben. Wenn er ein bestimmtes Ziel im Auge hatte, so sollte er dies nicht erreichen, d. h., er änderte seine Absicht.

Als er sich auf einem Korridore befand, schrillte ein gellendes Glockenzeichen, welches wohl im ganzen Hause und auch noch im tiefsten Keller gehört werden mußte, und als ob es für Nobody bestimmt wäre, so sprang dieser sofort mit drei großen Sätzen an zwei Türen vorbei, riß die dritte Tür auf und stand in einem kleinen Boudoir vor einem Telephon.

»Hier ich. Wer ist dort?«

»Die Seewarte. Wer ist am Telephon?«

»Ich.«

Daß Nobody nicht vergaß, seinen Namen zu nennen, darf wohl geglaubt werden. Er gebrauchte diese besonders bei dienstbaren Geistern beliebte Anmeldung – »Wer klopft? – Ich!« – weil es in diesem Hause am Telephon nur ein ›Ich‹ gab, und das war eben Nobody.

»Was gibt es?« fragte er weiter.

»Von Cigalgi ist soeben ein Herr nach der Teufelsinsel übergesetzt worden.«

»Er wird das Grab eines ihm bekannten Selbstmörders besuchen wollen.«

»Sie haben den Befehl gegeben, daß alles, was auf der Insel vorgeht, Ihnen sofort gemeldet ...«

»Schon gut, ich danke Ihnen. Ist an dem Manne irgend etwas Besondres zu beobachten?«

»Nein. Er hat sich mit Cigalgi längere Zeit unterhalten, Cigalgi selbst begleitet ihn, will ihm jedenfalls ein gewisses Grab zeigen, das jener zu sehen wünscht, jetzt sind die beiden ... halt, einen Augenblick!«

Auf der Seewarte, die sich also auf der andern Seite gemeldet hatte, wurde das Gespräch plötzlich abgebrochen, Nobody wartete einige Sekunden, dann fing das Telephon sehr hastig wieder zu sprechen an:

»Ja, wir irren uns nicht, es ist Ernst von Marbachs Grab, welches er sich von Cigalgi zeigen läßt ... er besichtigt es mit ganz besonderem Interesse ... jetzt geht er an das leere Grab daneben, welches für die Tochter bestimmt war ... jetzt zieht er ein Taschentuch ... trocknet sich die Augen ...«

»Ich komme selbst hinauf. Schluß!«

Nobody klingelte ab, verließ schnell das Zimmer, sein Ziel war ein Fahrstuhl. Eine halbe Minute später befand er sich in dem obersten Türmchen der Mäander-Burg, welches von Lord Roger mit allen Apparaten eingerichtet worden war, die zu einer Seewarte gehören. Vor allen Dingen war auch ein sehr großes, drehbares Fernrohr vorhanden.

In dem Turmgemach waren zwei Herren anwesend; der eine stand vor dem großen Fernrohr, trat jetzt zur Seite, Nobody brachte sein Auge daran.

»Stimmt,« brummte er, »ein noch junger Mann, blaß, schwarze Locken – sieht gerade wie ein verhungerter Künstler aus. Was hat sich der Kerl die Augen zu wischen? Wer mag das sein? Halt, da fällt mir ein, das könnte ... Jetzt zieht ihn Giuseppe seitwärts auf einen freien Fleck. Was soll das? Giuseppe blickt und deutet offenbar gerade hierher nach der Mäander-Burg, und er weiß, daß die Insel immer von uns beobachtet wird, und der intelligente Bursche gibt sich die größte Mühe, daß wir ihn verstehen, deshalb auch hat er den Mann auf den freien Platz gezogen ...«

»Das sieht gerade aus, als ob Giuseppe ihn uns auf den Hals schicken wollte, er soll nach der Männder-Burg gehen und dort weitres wegen des leeren Grabes erfragen,« meinte der eine Herr, welcher ebenfalls durch ein Fernrohr nach der Insel spähte.

Mit einer hastigen Bewegung wandte Nobody sein Gesicht dem Sprecher zu, der ihn unterbrochen hatte.

»Sie sind wohl verrückt!?« fuhr er jenen nicht eben höflich an. »Oder halten Sie Giuseppe wirklich für so dumm, daß er einen Fremden in ein Haus schickt, von dem ganz Monaco weiß, daß es unbewohnt, daß kein einziger Mensch drin ist?«

So war es, so mußte es sein!

Als der maskierte Kapitän sich mit den 36 Damen an Bord der Heliotrop begeben hatte, um davonzufahren, waren, wie man dann später auskundschaftete, in der Mäander-Burg noch zwei Matrosen und ein Mann gewesen, welcher wohl der Hausmeister war. Noch an demselben Tage sah man diese drei Männer die Mäander-Burg verlassen, die sämtlichen Pferde mitnehmend. Sie schlugen die Richtung nach Nizza ein, dann erfuhr man, daß der Pferdehändler die Tiere bereits zurückgekauft hatte, und als man sich nun wieder das schlanke Riesenhaus betrachtete, fand man, daß die Läden sämtlicher Fenster geschlossen waren. Es war eben alles schon von langer Hand vorbereitet gewesen, der Prinz von Monte Carlo hatte englischen Abschied genommen.

Und niemand in Monaco hatte auch nur eine Ahnung, daß die Mäander-Burg dennoch bewohnt war, sogar von sehr vielen Menschen. Woher sollte man auch auf diese Vermutung kommen? Keine Tür, kein Fenster öffnete sich, kein Rauch entquoll den Schornsteinen. Das schrille Klingeln konnte man wohl überall innerhalb, aber nicht außerhalb der massiven Felsenmauern hören.

Ebensowenig konnte jemand gesehen werden, der am Tage in dem hohen Türmchen durch die Fernrohre die Umgegend abspähte, danach war hier alles eingerichtet.

Nobody hatte zwar vorhin zu dem Fürsten gesagt, das Elektrizitätswerk freue sich, daß die Männder-Burg jetzt so viel Kraft verbrauche, und die Monacascogner meinten, der Teufelskapitän fräße wohl die Elektrizität – aber das war nur ein Scherz im Laufe der Unterhaltung gewesen.

Das Elektrizitätswerk schickte den Strom nach der Gaumates-Schlucht, ohne zu wissen, wieviel ein jedes der dort stehenden Häuser davon entnahm. Das wurde nur vierteljährlich kontrolliert, und bis dahin war noch lange Zeit. Erst wenn dann das fragliche Haus nicht geöffnet wurde, schnitt man ihm die Leitung ab.

Nur ein einziger Mann schien in das Vertrauen gezogen worden zu sein, ohne daß er sonst etwas mit der Mäander-Burg zu tun hatte – Giuseppe Cigalgi, der Fährmann.

Der zurechtgewiesene Herr schwieg beschämt.

»Nein,« fuhr Nobody fort, wieder sein Auge an das Fernrohr bringend, »so dumm ist Giuseppe nicht. Mir kommt es eher vor, als wolle er, daß jemand nach der Insel komme – jawohl, jetzt winkt er sogar, allerdings ganz unauffällig, macht es sehr geschickt. Gut, ich komme. Aber auf die Insel gehe ich lieber nicht, ich will alles vermeiden, was Aufmerksamkeit erregen kann – Mr. Andree, ist etwas Neues über die Arche Noah eingelaufen?«

«Ja, gestern abend um die neunte Stunde ist die Madame Orranda in Monte Carlo gesehen worden. Sie war in der Apotheke und hat Heftpflaster geholt, gleich für drei Francs. Dann ist sie von dem Beobachter eine Stunde später auf dem Wege von Monte Carlo gesehen worden, und da hat sie ein andres Weib bei sich gehabt, anscheinend jung, sie hat es mit sich in die Arche Noah genommen.«

»Wer ist die Zweite gewesen?« fragte Nobody, ohne das Auge vom Fernrohr zu nehmen.«

»Das konnte nicht festgestellt werden. Die unbekannte Frau war dicht verschleiert, oder sie hatte wohl eine Kapuze über dem Kopf. Mr. Row kann Ihnen alles genau berichten.«

»Das weiß ich, dafür bezahle ich den Row, aber ich habe jetzt keine Zeit, ich will nur das Notwendigste von Ihnen hören. – Mr. Fittmann, bitte holen Sie mir eine Badehose!«

Der zweite der Herren schien gar nicht erstaunt zu sein, daß sein Prinzipal am Fernrohr plötzlich das Verlangen nach einer Badehose hatte, er ging, sie zu holen.

»Nun?«

»Die junge Frau soll scheinbar gar nicht recht gewillt gewesen sein, der Orranda zu folgen,« fuhr Mr. Andree in seinem Berichte fort, »das Skelett hatte einen Arm um sie geschlungen und führte sie mit Anwendung von etwas Gewalt fort, dabei immer auf sie einredend, bis sich die Pforte der Arche Noah hinter ihnen schloß.«

»Was hat die Orranda auf sie eingeredet?«

»Row hat kein Wort vernehmen können. Die Straße war ganz einsam; unbemerkt heranschleichen konnte er sich nicht, und sobald er sich näherte, verstummte das Skelett, packte aber noch fester zu, er konnte hören, wie die junge Frau schluchzte.«

»Also halbe Gewalt! Wo hat das Skelett die Frau aufgefischt?«

»Das kann Mr. Row auch nicht angeben. Er hatte das Skelett nach dem Betreten der Apotheke aus den Augen verloren, und nach einer Stunde hatte sie eben die fremde Frau am Arm.«

»Ist sie aus der Arche Noah wieder herausgekommen?«

»Nein.«

»Hm,« brummte Nobody, noch immer durch das Fernrohr blickend, »diese meine Frage war eigentlich auch ganz überflüssig. Aus der Arche Noah ist noch keine wieder herausgekommen, wenigstens nicht wieder zurück in ihre alten Verhältnisse. Also mit halber Gewalt? Hm, da wird es die höchste Zeit, daß ich endlich – jetzt gehen sie wieder dem Ufer zu, ich muß eilen,« unterbrach er sein Selbstgespräch laut und hastig, von dem Fernrohr zurücktretend. »Teufel, wo bleibt denn nur Fittmann mit meiner Badehose, ich kann doch nicht im Adamskostüm ...«

Der Erwartete trat schon mit der Badehose ein, Nobody nahm sie ihm aus der Hand und eilte davon. Sein Weg führte ihn wieder tief unter die Erde, und obgleich kein Licht brannte und es immer treppauf und treppab ging, behielt er doch in der völligen Finsternis seinen schnellen, elastischen Schritt bei, ohne jemals zu zögern, ohne sich einmal zu stoßen. Aber wir wollen verraten, daß er dabei in Gedanken gewissenhaft zählte, seine Schritte sowohl, wie die Stufen, und nur selten einmal tastete er seitwärts nach der Wand, wo dann auch richtig stets eine Ecke war, an der sich ein andrer Gang abzweigte.

Vor ihm tauchten viele Lichter auf. Elektrische Lampen beleuchteten einige Männer, welche hier mit einer großen Bohrmaschine arbeiteten. Sie wollten die massive Wand durchbrechen. Der Gang war an dieser Stelle gefährlich. Für den Fußgänger blieb nur an einer Seite eine schmale Galerie frei, die andre Seite wurde von tiefem Wasser ausgefüllt.

Es war sehr leicht möglich, daß dies schon Meerwasser war, welches sich von der Seeseite aus bis hierherein durchgewühlt hatte, denn Nobody hatte bereits einen weiten Weg hinter sich, und es war derselbe Gang, welcher schließlich im Turm auf der Teufelsinsel endete. Also mußte er sich auch schon in der Nähe des Meeres befinden.

»Nun, wie weit seid ihr?« fragte Nobody, während er schnell seine Kleider abzustreifen begann.

»Bald anderthalb Meter tief,« lautete die Antwort eines Mannes, welcher der Vorarbeiter zu sein schien.

»Teufel, und immer noch nicht durch?«

»Der Bohrer langt bald nicht mehr.«

»Dann wird ein längerer genommen.«

»Das ist schon der längste, der hier würgt sich auch schon bald ab.«

»Dann wird gemeißelt,« sagte Nobody, sich der Stiefel entledigend.

»Wenn das nur überhaupt eine Wand ist und nicht etwa der massive Felsen,« erwiderte der Mann zweifelnd.

»Es ist eine Wand. Die alte Karte hat sich bisher in den kleinsten Details als richtig erwiesen, sie wird sich auch diesmal nicht irren. Ich war doch überhaupt schon selber drüben. Ich gehe jetzt wieder hinüber. Die Dicke kann ich freilich nicht abmessen, da irrt man sich im Wasser zu sehr, besonders wenn man dabei tauchen und schwimmen muß. Bohrt nur los! Dicker als zwei Meter kann es nicht sein, es muß schnellstens ein geheimer Zugang geschaffen werden.«

»Ja, wenn wir sprengen könnten!«

»Unsinn, wir dürfen die Jungfern dort oben nicht durch Kanonenschüsse erschrecken, zumal wenn sie im Gebete liegen.«

»Ich denke mir, die Weiber treiben etwas ganz andres, als daß sie beten.«

»Du magst recht haben, Bruno. Nun, wir wollen bald in der Arche Noah Umschau halten. – Meine Sachen bleiben hier liegen.«

Nobody war nackt bis auf die Badehose. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, trat er sofort an das Bassin, dessen Wasserspiegel nur einen Fuß tiefer stand, hob die Arme hoch, schöpfte tief Atem und – war mit einem Satze kopfüber in der Flut verschwunden. Er kam nicht wieder zum Vorschein.

Die Männer ließen die Arbeit ruhen, mit offenbarer Scheu blickten alle auf das dunkle, in seiner Ruhe gestörte Wasser, wie sich auf ihm Kreise zogen.

»Otto,« brach endlich einer das lange Schweigen, »du kannst doch auch wie ein Seehund schwimmen und tauchen, ich hab' dir oft genug zugesehen, wie du die Steine herausholtest – würdest du das nachmachen?«

»Nicht für drei Taler – nee, nicht für drei Millionen Taler,« antwortete der Gefragte, und er schüttelte sich vor Grauen. »Und wenn ich hier verhungern müßte und auf der andern Seite stände ein gedeckter Mittagstisch – nee, ich riskierte es nicht. Daß das Loch, in welches er erst kriechen muß, sich vier Meter unter der Wasseroberfläche befindet, das stimmt, das habe ich selber mit einer Stange sondiert. Nun tauche mal vier Meter tief! Hier oben ist das nichts, aber unterm Wasser! Was da schon für ein Druck herrscht! Das will einem gleich die Trommelfelle eindrücken. Und in diesem engen Loche, wo er gar nicht richtig mit den Armen und Beinen ausstreichen kann, muß er wenigstens eins halbe Minute schwimmen, ehe er drüben wieder herauskommt. Er hat's gesagt, er muß immer ungefähr hundert schnelle Stöße zählen, ehe er drüben ist. Ei, daß ist ein Kerl?!«

Eine größere Bewunderung, als dieser einfache Matrose sie in seine letzten Worte zu legen verstand, hätte dem Schwimmer niemand zollen können.

»Woher hat er denn gewußt, daß hier unterm Wasser so ein Loch ist, daß noch einen andern Ausgang hat?« fragte ein andrer.

»Im Keller der Mäander-Burg, von dem aber Lord Roger selbst gar nichts gewußt hat, ist eine alte Zeichnung gefunden worden,« erklärte der kundige Otto, »ein Plan von allen diesen unterirdischen Gängen, welche die alten Sarazenen oder gar die Römer hier gegraben haben, auf ein Stück Leder gemalt. Da ist auch dieses Loch angegeben, welches durch die Arche Noah hindurch ins offne Meer führt. Das heißt, das ist alles nur durch bunte Striche angedeutet. Maße und so etwas gibt's da nicht drauf.«

»Du warst dabei, wie er das Loch untersuchte?«

»Ja, und ich wollte, ihr verständet, um was es sich dabei handelte. Denkt nur einmal, da unten vier Meter tief ist ein Loch, das ist ein tiefer Tunnel, aber ob einen Meter lang oder hundert – keine Ahnung! Und nun taucht einmal dahinunter und wollt es ausmessen! Ich wollte ihn anseilen. Nee, gab's nicht. Das würde ihn nur hindern, und ersaufen täte er am Seile auch. Hier auf dieser Stelle habe ich vor ihm auf den Knien gelegen und ihn beschworen, dann solle er höchstens bis sechzig zählen und dann wieder umkehren, und ich Dummkopf dachte nicht einmal daran, daß es so enge Löcher gibt, wo man gar nicht umkehren kann!«

»Und er schwamm gleich drauflos?«

»Natürlich, der ließ sich nicht halten! Und die Minuten vergingen! Ei, was ich da ausgestanden habe! Aber richtig, in fünf Minuten kam er wieder. Ich dachte, es wäre eine Ewigkeit gewesen. Er war wirklich durchgekommen. Während er sich ein bißchen verschnaufte, mußten wir ihm Licht und Feuerzeug bringen, und dann ging es gleich wieder hinab ...«

»Brannte denn das Licht unten im Wasser?« fragte ein geistig nicht allzu begabter Matrose.

»Das nahm er wasserdicht eingepackt mit, Döskopp! Dieser Wassertunnel endet nämlich nicht etwa schon draußen im offnen Meere, noch lange nicht. Der mündet erst in einer großen Höhle in dem Felsen, auf dem die Arche Noah steht. Das ist ja hier alles ausgewaschen. Dazu aber muß auch früher einmal das Meer hierhereingeflutet haben, dann hat sich der vordere Teil der Höhlen gesenkt, und so sind die vom Wasser abgeschlossenen Zugänge entstanden. Das ist alles auf dem alten Leder verzeichnet. Und Nobody fand denn auch richtig den zweiten unterirdischen Tunnel, der aus der Höhle hinaus ins offne Meer führt.«

»Wozu wird denn nun hier der Felsen durchbrochen?«

»Damit man bequemer in die große Höhle hinüberkommen kann. In diese Höhle führt von der Arche Noah eine steinerne Treppe hinab, am Eingang nur durch eine einfache Falltür verschlossen. Nobody ist schon oben gewesen, die Falltür konnte er heben, er hätte ins Innere der Arche Noah eindringen und die verrückten Weiber beobachten können, hat es auch schon ein bißchen getan; aber er muß verdammt vorsichtig sein, daß er die Weiber nicht mißtrauisch macht. Da will er sich nächstens lieber als Frauenzimmer verkleiden und ordentlich zu der Fonserra hineingehen, da erfährt er doch alles. Wenn aber nun irgend etwas passiert, da muß er schnell Reißaus nehmen. Ich habe gehört, wie er zu seinem Sekretär sagte, solche verrückte Weibsbilder wären zu allem fähig, und dann wären sie schlimmer als die Hyänen. Wenn also nun etwas passiert, dann kann Nobody durch die Falltür in die Höhle und hierherein flüchten.«

»Dann brauchte er aber doch nur wieder durch den Tunnel zu schwimmen, wie er schon oft getan.«

»Und wenn er nun Sachen anhat? Sogar Frauensachen? Und die wütenden Weiber sind dicht hinter ihm her? Er kann sich die Kleider nicht erst vom Leibe reißen. Nee, da hört so ein Tauchen und Schwimmen auf. – Vorwärts, weiter gearbeitet! Nobody hat gesagt, wir kommen durch, und da kommen wir auch durch!«

 

Das Mittelmeer hat keine Ebbe und Flut, wenigstens sind die Gezeiten nicht mit bloßem Auge wahrnehmbar; aber früher muß das anders gewesen sein – früher, als die Wüste Sahara noch mit Wasser bedeckter Meeresgrund war, und als es noch keine Straße von Gibraltar gab. Da haben Ebbe und Flut hier an den felsigen Ufern tüchtig gearbeitet. Allerdings wäscht auch schon die Brandung aus, welche hier an manchen Tagen nichts zu wünschen übrig läßt; aber diese Höhlen haben alle in gewisser Höhe auch Galerien, und das kann nur das Werk von Ebbe und Flut sein.

Aus solch einer Galerie einer Höhle, welche das Meer in den Felsen der Arche Noah gewaschen hatte, saß eine Möwe und putzte ihr Gefieder. Plötzlich flog sie laut aufkreischend davon, denn aus dem glatten Wasserspiegel, welcher den Boden der Grotte bildete, war ein menschlicher Kopf aufgetaucht.

Es war ein Mann. Er schöpfte tief Atem, ruhte sich jedoch nicht aus, näherte sich, auf dem Rücken liegend und die Füße voran, der Klippenformation, hinter welcher das offne Meer leichte Wellen schlug, überkletterte sie, und nun ging es mit kräftigen Stößen um den Felsen herum.

Vor ihm lag die Teufelsinsel, und ehe dort noch das kleine Boot abstieß, in dem zwei Personen saßen, hatte der Schwimmer schon die Grenze von Monaco erreicht, wo Cigalgis Badehütten standen. Er watete ans Land, ging auf eine der Badehütten zu, welche verschlossen zu sein schien, wenigstens steckte kein Schlüssel daran – doch der Mann wußte die Tür zu öffnen, er drückte nur oben stark gegen eine Latte, und er trat ein in die Zelle, in der es aussah, als hatten mehrere Personen hier ihre Kleider abgelegt, nicht nur eine. Die Badehütte war mehr ein Garderobeschrank.

Das Boot hatte das Ufer noch nicht ganz erreicht, als unser Mann schon wieder angezogen heraustrat. Als gediegener Gentleman hatte sich Nobody entkleidet, auch noch im Wasser hatte er die vornehmen, aristokratischen Züge gehabt – jetzt machte er, ohne daß er irgendwelche Hilfsmittel benutzt hätte, ganz den Eindruck eines robusten Bauernjünglings, welcher weiß, daß er viel Geld hat, eines jungen, gebildeten Gutsbesitzers, welcher sich freut, daß er lebt.

Händereibend stand er am Ufer, das ankommende Boot erwartend.

Der im Stehen vorwärtsrudernde Giuseppe hatte alles beobachtet.

»Eine Kältehunde, ja?« lachte er.

»Kältehunde, hahaha!« lachte auch der Gutsbesitzer, sich somit als Deutscher legitimierend, und daß der junge Italiener gleich mit seinem aufgeschnappten Deutsch zu kauderwelschen anfing, schien ebenfalls einen Zweck zu haben.

»Landsmann, Landsmann,« setzte Giuseppe noch hinzu, eine Kopfbewegung nach dem Insassen seines Bootes machend.

Diese Angabe war auch nötig. Man hätte den Herrn, der jetzt an Land stieg, schwerlich für einen Deutschen gehalten. Das brünette Gesicht mit den schwarzen Augen war eher das eines echten Italieners. Trotzdem hatte es Nobody durch das Fernrohr als ›blaß‹ bezeichnet, und man konnte ihm auch recht geben. Es war hager, eingefallen, leidend. Auffallend war auch, daß der Fremde die schwarzen Locken außergewöhnlich lang trug, sie fielen ihm bis auf die Schultern. Man sah dem noch jungen Manne sofort den Künstler an, aber sonderbar, obgleich er ganz anständig gekleidet war, machte er doch einen dürftigen Eindruck. Nobody wenigstens hatte diesen Eindruck sofort. – Geistiges Proletariat, Künstlerelend!

Heimatliche Laute im Auslande berühren stets wohltuend, die dunklen Augen leuchteten auf.

»Was, Sie sind auch ein Deutscher?« fing da schon der begüterte Gutsbesitzer an. »Das freut mich, freut mich, ich bin nämlich auch einer, Becker heiße ich, war früher auch einmal Bäcker, das heißt natürlich Mehl en gros, Mühlenbesitzer – Richard Becker – na, da geben Sie mir nur eine Hand!«

Der Herr lächelte flüchtig, als er seine Hand in die dargebotene legte.

»Sehr angenehm! Richter ist mein Name, und unsre Vornamen stimmen zufällig über ein.«

Nobody hatte nur diese Hand und besonders diese Finger näher betrachten und anfassen wollen, und er hatte sich nicht in seiner Kalkulation geirrt. Plötzlich stellte er sich erstaunt, blickte mit halbgeöffnetem Munde den andern steif an.

»Was? Wie ist mir denn? Sie muß ich doch schon einmal gesehen haben – in einem großen Saale – sind Sie nicht – in Berlin, nicht wahr?«

Er machte dabei mit Händen und Armen die Gebärde des Klavierspielens.

»Das ist ja seltsam!« staunte der andre denn auch sofort. »Der erste Mensch, mit dem ich hier in Unterhaltung komme, erkennt mich gleich.«

Dann wurde sein Blick wieder trübe.

»In Berlin nicht, aber vielleicht in ... Weimar?«

»Weimar, natürlich, in Weimar war's!« rief Herr Becker erfreut. »Ich mache mir eejentlich nischt aus dem Gedudel, sie hatten mich so mit ringeschleift, aber wie Sie da auf dem Klapperkasten rumfuhrwerkten – ei verflucht! Mir kam's immer vor, als hätten Sie an jeder Hand ein Dutzend Finger. Na, kommen Sie nur, wir essen wo was zusammen. Wo wohnen Sie denn hier in Monte Carlo? Wie lange sind Sie denn schon in Monte Carlo?«

Der Künstler warf noch einen wehmütigen Blick nach der Insel der Selbstmörder zurück, dann schritt er neben dem geschwätzigen Landsmann den Strand entlang.

»Seit gestern nachmittag,« entgegnete er auf die letzte Frage.

»Wo wohnen Sie denn hier?«

»Im Hotel Printemps.«

Diese Offenheit war lobenswert, denn er nannte eins der allerbilligsten Hotels, und Nobody wußte nun, was für einen Charakter er vor sich hatte.

»Da wollen Sie wohl jetzt hier in Monte Carlo wieder ein Konzert geben?«

Wieder trat das trübe Lächeln hervor.

»Wenn man im Hotel Printemps wohnt, so kann man wohl nicht nach Monte Carlo gekommen sein, um eine Konzertvorstellung zu geben.«

»Dann wollen Sie spielen? Hören Sie, da lassen Sie lieber Ihre Finger davon, das Kasino hat noch jeden mit Haut und Haaren gefressen.«

Der Künstler nahm weder die neugierige Fragerei, noch diesen unaufgeforderten Rat übel.

»Ich und spielen!« sagte er bitter. »Ich bin froh, noch das Rückreisegeld zu haben, um wieder den fluchwürdigen Ort verlassen zu können, den ich nur einmal sehen wollte, weil mir hier mein Lebensglück geraubt wurde, und der Räuber war eben die Spielbank!«

Nobody blickte sich um, es war kein Mensch in der Nähe, und er blieb plötzlich stellen, den andern durch seinen Blick zwingend, das gleiche zu tun, und jener gehorchte.

»Jetzt weiß ich, was ich von Ihnen wissen wollte. Es hat Sie nach Monte Carlo getrieben, um das Grab eines geliebten Mädchens zu besichtigen oder doch die Stelle, welche zur Aufbewahrung ihrer Leiche schon bereitet war.«

Das Stutzen und sogar der Schreck des jungen Mannes ist begreiflich, und dazu kam noch, daß er plötzlich einen ganz andern vor sich zu sehen glaubte. Das war nicht mehr der harmlose Bäckermeister oder für was er sich sonst ausgab, das waren ganz andre Züge geworden.

»Herr, wer sind Sie?« stieß er bestürzt hervor. »Wie kommen Sie dazu ...«

»Ich bin nicht der, als den ich mich Ihnen gegenüber zuerst vorstellte,« fiel ihm Nobody ins Wort. »Ich bin ein Detektiv.«

Detektiv ist ein unangenehmes Wort, auch für den, der ein reines Gewissen hat. »Ich weiß gar nicht, was ich ...«

»Bitte, antworten Sie mir auf meine Fragen, es ist das Beste für Sie,« fuhr Nobody im Beamtentone fort, obgleich er als Privatdetektiv gar keine Berechtigung dazu hatte. Aber es war der kürzeste Weg und für ihn gar keine Gefahr vorhanden, er hätte jeden Augenblick wieder spurlos verschwinden können, und auch Giuseppe wäre nicht kompromittiert worden.

»Fragen Sie! Ich bin mir keiner Schuld bewußt.«

»Haben Sie nicht einen Künstlernamen?«

»Ja, Riccardo.«

»Sie baten vor zwei Jahren den Herrn Ernst von Marbach, einen pommerschen Gutsbesitzer, um die Hand seiner Tochter Johanna.«

»Ich liebte sie und wußte, daß sie mich wiederliebte!«

Nobodys Vermutung war richtig gewesen, obgleich er den Mann nur in einer Entfernung von einem Kilometer durch das Fernrohr gesehen und nur einen sehr schwachen Anhaltepunkt gehabt hatte.

Kapitän Flederwisch war also ein Verwandter von Johanna gewesen, doch hatte er sie nur mehrmals als Kind gesehen, dann nie wieder, und vor ungefähr zwei Jahren hatte ihm einmal ein Bekannter, mit dem er noch in Briefwechsel stand, geschrieben, daß seine Cousine einen Heiratsantrag bekommen habe, von einem Klaviervirtuosen, der vom Vater abschlägig beschieden wurde, nichts weiter. Nicht einmal den Namen hatte Flederwisch nennen können, als er mit Nobody den Selbstmord der beiden erörterte.

»Wissen Sie, daß Vater und Tochter hier durch Selbstmord geendet haben?« fuhr Nobody fort, immer noch stehenbleibend.

»Ich weiß alles, alles!« rief Riccardo schmerzlich.

»Nicht so laut, es brauchen keine fremden Ohren zu hören, daß Sie an der Selbstmörderin, deren Leiche verschwunden ist, ein besonderes Interesse haben. Was wissen Sie davon? Es kommt mir darauf an, dies zu erfahren.«

»Sie haben beide Blausäure genommen.«

»Und wohin ist die Leiche Johannas verschwunden?«

«Sie war gar nicht tot, sie war nur scheintot, entweder eine Herzlähmung durch Schreck, oder die Dosis der verdünnten Blausäure hatte nicht genügt, jedenfalls ist sie auf der Insel wieder zu sich gekommen und hat dann noch nachträglich den Tod im Meere gesucht und gefunden.«

»Und ihre Leiche?«

»Die ist ins offne Meer hinausgetrieben worden, das kann bei Nordwind einmal vorkommen.«

Das war die amtliche Erklärung des rätselhaften Falles, und jeder gute Staatsbürger sprach sie gehorsam nach, wenn er auch nicht daran glaubte.

»Johanna ist tot,« sagte Nobody.

»Ich fahre noch heute wieder ab,« murmelte der andre gedrückt, »zurück in mein Elend.«

»Aber Sie können sie wieder lebendig machen.«

Riccardo blieb die Antwort schuldig, er starrte den Sprecher nur an.

»Ich will Sie nicht mit Redensarten hinhalten. Johanna lebt, ist nur für die Welt erstorben – sie befindet sich in einem Kloster.«

Da wurde Nobody an den Schultern gepackt und geschüttelt.

»Mann, Mann, was sprechen Sie da? Machen Sie mich nicht wahnsinnig!!« rief Riccardo mit heiserer Stimme.

Nobody hatte sich etwas abschütteln lassen, stand aber gleich wieder wie ein Eichbaum, der sich von keiner menschlichen Hand schütteln läßt.

»Ja, wenn Sie sich wie ein Wahnsinniger benehmen, dann erfahren Sie überhaupt gar nichts von mir, Sie können, wie Sie sagen, nur gleich wieder in Ihr Elend zurückfahren.«

Das wirkte, der Künstler ließ ab von ihm.

»In welchem Kloster befindet sie sich?«

»Kommen Sie, ich erzähle es Ihnen unterwegs.«

Sie schritten langsam den Strand entlang.

»Haben Sie schon von dem Eremiten von La Turbie gehört?« begann Nobody.

Riccardo verneinte und mußte sich erst eine kurze Schilderung dieser Persönlichkeit gefallen lassen.

»In jener Nacht,« fuhr der Erzähler dann fort, »als die beiden Leichen aufgebahrt lagen, stattete dieser Eremit der Teufelsinsel einen Besuch ab, zu welchem Zwecke, weiß ich nicht. Er fand das wieder zu sich gekommene und im Leichenhemd umherirrende Mädchen, nahm es mit sich in seine Behausung auf dem Felsen. Kein Mensch hat etwas davon gesehen. Ich aber bin Detektiv, ich widmete dem Verschwinden der Leiche meine Aufmerksamkeit, ich fand die Spur, welche zu dem Einsiedler von La Turbie hinaufführte. Auf Einzelheiten lasse ich mich jetzt nicht ein.

Ich begab mich hinauf, forderte Rechenschaft von dem Eremiten. Zuerst wollte er nichts davon wissen. Allein ich wußte ihn zu zwingen, daß er seine Tat eingestand. Ja, er hatte das Mädchen mitgenommen, hatte es bei sich, würde es auch fernerhin bei sich behalten. Wozu? Nicht allein als Wirtschafterin für seinen primitiven Hausstand. Hier liegt ein Fall vor, den kein Alltagsmensch versteht, das würde über seine Begriffe gehen. Sie sind Künstler, Sie werden auch ohne längere Erklärung verstehen, was hier vorliegt. Bedenken Sie, was ich Ihnen über den Eremiten erzählt habe, über seine Anschauungen, wie er ständig seine Willenskraft durch Entsagung zu stärken sucht, und handle er auch nur im Wahne einer Einbildung ...«

»Ich verstehe vollkommen,« unterbrach Riccardo den Sprecher. »In Rußland gibt es Klöster mit Bewohnern von beiderlei Geschlecht, Nonnen und Mönche schlafen sogar zusammen und üben dabei Enthaltsamkeit, indem sie glauben, dadurch ein gottwohlgefälliges Werk zu tun. Denn das Gelübde der Keuschheit zu halten ist sehr leicht, wenn kein Objekt der Versuchung vorhanden ist, und je größer die Versuchung, desto größer der Sieg.«

»Ganz richtig! Auch ich habe schon von diesen russischen Klöstern gehört. Muß sehr nett dort drin sein. Möchte einmal mitmachen – wenn's meine Frau erlaubte. So ist's auch mit unserem Eremiten. Johanna ist der Apfel, in den er nicht hineinbeißen darf. Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. Und Johanna? Ich habe mit ihr gesprochen. Sie will nicht fort. Es gefällt ihr bei dem Eremiten. Und das ist begreiflich. Bedenken Sie nur, was das arme Mädchen Fürchterliches durchgemacht hat. Bisher immer unter dem sorgsamsten Schutze des Vaters gestanden, den sie für einen Gott hielt – und dann dieses Erwachen, im Leichenhemd, frierend auf der Insel! Der Eremit erschien ihr wie ein Engel, und er bleibt ihr Engel. Johanna wird das ihr angebotene Asyl nicht wieder verlassen.«

»Auch sie treibt asketische Übungen?«

»Nein, durchaus nicht. Danach ist ihr Charakter gar nicht beschaffen. Sie hilft dem Eremiten optische Gläser schleifen, und sonst dient sie ihm als Paradiesapfel der Versuchung.«

Riccardo machte ein sehr mißtrauisches Gesicht.

»Als einmal solch ein russisches Kloster abgerissen wurde, fand man im Keller lauter Skelette von neugeborenen Kindern.«

»Werden im Keller des Eremiten nicht gefunden,« entgegnete Nobody in seiner lakonischen und drastischen Weise. »Die Lebensanschauung des Eremiten hat nichts mit Frömmelei zu tun, hinter seiner Entsagung sitzt ein ganz andrer Sporn. Seien Sie ohne Sorge, ich weiß es bestimmt. Bei dem ist das Mädchen sichrer aufgehoben als in einer zugemauerten Nonnenzelle.«

»Und das ist gar nicht bekannt, daß sich Johanna bei ihm befindet?«

»Nur mir, sonst keinem andern Menschen. Dem Eremiten ist es ein leichtes, sein Geheimnis zu wahren. Niemand weiß, daß er das Mädchen bei sich hat, die Regierung ist unbewußt ihm sogar behilflich, indem sie den Tod des Mädchens amtlich veröffentlicht, für die ganze Sache eine Erklärung gefunden hat. Und Johanna, die nichts mehr auf der Welt zu verlieren hat, will nicht entdeckt sein. Bekommt der Eremit einmal einen Besuch, der von ihm wissen will, wie man die Kugel der Roulette nach seinem Willen lenken kann, so verbirgt er das Mädchen einstweilen in einer seiner Felsenkammern. Ich selbst aber habe einen Grund, das Geheimnis des Eremiten als das meine zu bewahren.«

»Was für ein Grund ist das?«

»Das, geehrter Herr, kann ich Ihnen nicht sagen, wenigstens jetzt nicht. Dazu müssen wir erst bekannter zusammen werden.«

Der Grund war einfach der, daß der Eremit, von dessen Höhlenwohnung ein Tunnel nach der Teufelsinsel führte, auch um das Geheimnis des Prinzen von Monte Carlo wußte. Wenigstens wußte er manches, und er konnte sich jeden Augenblick davon überzeugen, was dort unter der Erde vor sich ging, und es war ihm auch bekannt, daß sich jetzt in der Mäander-Burg noch Menschen aufhielten.

»Übrigens,« fuhr Nobody fort, »hätte ich das Geheimnis in meinem eignen Interesse nur noch einige Tage bewahrt. Dann würde ich Johanna auch gegen ihren Willen dem Kuttenträger mit List oder mit Gewalt aus den Fängen gerissen haben. Denn mag sich das Mädchen auch glücklich fühlen, wie es sagt – das ist ein Wahn, ein Selbstbetrug, so etwas empört mich. Das Weib ist zur Liebe geboren, ein junges Mädchen gehört ins Leben. – Nun ändert sich mein Entschluß. Kommen Sie, Signor Riccardo, wir begeben uns jetzt sofort zu dem Eremiten hinauf und fordern ihm seinen Paradiesapfel ab! Der ist für Sie bestimmt und für keinen andern.«

Nodody wußte, wie immer, in einer Art und Weise zu sprechen, daß in dem Herzen des jungen Künstlers gleich eine wunderbare Hoffnungsfreudigkeit eingezogen war. Nur sein Mund fand noch Worte des Zweifels.

»Sie meinen, der Eremit wird uns das Mädchen gleich herausgeben?«

»Wenn er nicht will, dann muß er.«

»Wir rufen die Polizei zu Hilfe?«

»Unsinn, Polizei! Ich bin selbst Polizei genug. Die Hauptsache ist, daß Johanna will.«

»Wenn sie aber nun nicht will?«

»Ja, geehrter Herr,« lachte Nobody, »wenn Sie Ihrer Sache nicht sicher sind, wie soll ich's dann sein? Lieben Sie das Mädchen noch?«

»Johanna war stets mein einziger Gedanke,« beteuerte der Künstler, die Hand auf dem Herzen.

»Ich konnte es mir denken, sonst wären Sie nicht hierhergekommen, um das leere Grab der Selbstmörderin zu besichtigen, ich hätte auch gar nicht diesen Plan gefaßt, wenn dem Mädchen nur eine Enttäuschung bereitet worden wäre, und Johanna liebt Sie ebenfalls.«

»Woher wissen Sie das?«

»Zum Teufel, Herr! Soll ich Ihnen das erst sagen? Kommen Sie, ich kenne die Weiber ... den weiblichen Charakter, meine ich. Sie sollen sehen, wie Ihnen Johanna entgegenfliegt, und wie gern sie an Ihrer Seite die Höhlenwohnung verläßt!«

Sie erstiegen die hohe Steintreppe, welche vom Strande aus nach Monte Carlo hinausführt, durchschritten dieses und begannen den steilen Weg nach La Turbie zu erklimmen.

Unterwegs fand eine Unterhaltung statt, deren Inhalt wiedergegeben werden soll. Teils ist er in gewissem Sinne sehr interessant, teils wird unser Nobody hierdurch wieder einmal trefflich charakterisiert.

Nobody befragte den Künstler nicht mehr in so plumper Weise über seine Lebensverhältnisse, er war jetzt eine ganz andre Person, und Riccardo hatte allen Grund, sein Inneres einmal einem Manne zu offenbaren, welcher, wie dieser hier, solchen Anteil an ihm nahm.

Begann für ihn jetzt doch ein ganz neues Leben. Er hatte die totgeglaubte Geliebte, der er die Treue bewahrt, wiedergefunden. Denn als echter Künstler war er Optimist, bei ihm war alles schon fix und fertig, er brauchte, die Braut nur noch in seine Arme zu schließen, vergessen war alles Leid, vor ihm lag die Zukunft im rosigsten Lichte.

Trotzdem mischte sich seinem seligen Empfinden auch etwas Bitterkeit bei – die Bitterkeit des verkannten Genies.

Der vom prosaischen Vater abgewiesene Künstler hatte den Mut nicht verloren gehabt, sein Entschluß war gewesen, dereinst als berühmter Virtuose wiederzukommen, der nur die Finger auf die Tasten zu legen braucht, so fallen aus dem Klavier die Goldstücke – und dann würde der Vater ihm die Tochter nicht mehr verweigern.

Sein Ziel hatte er erreicht, nur in ganz andrer Weise, nicht durch eigne Kraft! Wenn er jetzt die Geliebte als seine Frau umarmen durfte, so hatte er dies einer Verkettung von Umständen zu verdanken, es war die Gunst eines grausamen Schicksals. Er selbst war trotz alles Ringens der unbekannte Klavierspieler geblieben, und die Geliebte würde seine Armut mit ihm teilen müssen.

Freilich, Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar. Aber ...

Künstlerelend! Es ist durchaus nicht nötig, daß sich ein Virtuose zum Biermusikanten herabwürdigt. O, wer da wüßte, wie es in der Seele solch eines gottbegnadeten Künstlers aussieht, der sich durch eisernen Fleiß zum Höchsten emporgerungen hat, er ist zur Soiree beim reichen Kommerzienrat eingeladen, scheinbar als Gast, in Wirklichkeit aber muß er ›aufspielen‹ – und wenn er nun so am Klavier sitzt und seine Augen wandern über die geputzte Gesellschaft – und dann beim Abschied drückt ihm der Gastgeber heimlich ein Zwanzigmarkstück in die Hand – o, wer da wüßte, wie es in der Seele solch eines Mannes aussieht!!

»Viele sind erkoren, wenige auserlesen. Und das Auslesen besorgt das Glück, der reine Zufall, die Protektion, welche Bücklinge fordert. Das tiefste Verständnis und die fabelhafteste Technik sind heutzutage nicht mehr imstande, auch nur drei Menschen in den auf eignes Risiko gemieteten Saal zu locken. Das Wunderkind aber füllt den Konzertsaal, und sei sein Verständnis auch noch so mangelhaft. Blind muß man sein, eine skandalöse Vergangenheit hinter sich haben, das zieht, das ist immer interessant, das ist sensationell. Ich möchte einen Automaten konstruieren, hinten mit einer Kurbel, und wenn ich ihn an das Klavier setze, und ich drehe hinten an der Kurbel, so spielen seine Gelenkfinger geläufig die schwierigsten Stücke. Das wäre etwas! Wie da die Leute gelaufen kämen! Ich würde diesem Publikum das Gold abnehmen und würde es verachten. Das wäre meine Rache. Das Verachten wäre mein Genuß dabei. Ich weiß nicht, ob Sie mich vorstehen.«

»Ja, ich verstehe, Sie,« entgegnete Nobody. » Well, konstruieren Sie doch solch einen Automaten!«

»Können Sie mir das Rezept dazu geben?« lachte Riccardo.

Bemerkt sei, daß es damals noch keinen solchen Apparat gab, welcher ins Klavier eingeschaltet wird und es mechanisch ertönen läßt.

»Ja, das kann ich Ihnen geben. Ich will sogar Ihre drei Bedingungen miteinander verbinden: ein künstlerischer Automat, ein Wunderkind und – blind gerade nicht, aber einen Zopf soll der Kerl haben. Gehen Sie nach China. Suchen Sie sich ein einjähriges Kind aus der Gauklerklasse aus. Sie kaufen es. Schnallen Sie es vorm Klavier fest. Geben Sie ihm Unterricht. Wenns Luder nicht spielen will, bekommt's nischt zu fressen. Jeden Tag zwölf geschlagene Stunden georgelt. Das ist für einen Chinesen eine Kleinigkeit. Und ich sage Ihnen, wenn der Junge vier Jahre alt ist, spielt er schon die fürchterlichsten Rhapsodien. Musikalisches Gehör braucht er gar nicht zu haben. Er kann taub geboren sein. Vielleicht ist das sogar vorteilhaft. Nur die Finger sind's. Aber einen Zopf muß er haben, einen langen, schönen Zopf. Das ist die Hauptsache, dann gehen Sie mit dem kleinen Chinesen zuerst nach Amerika, führen ihn dem kunstverständigen Publikum vor, und das, was Ihnen jeden Abend an einer Einnahme von tausend Dollars fehlt, will ich Ihnen aus meiner eignen Tasche zulegen.«

Das war wieder einmal so echt ›nobodysch‹. Aber hatte er nicht recht? So muß es heutzutage gemacht werden! Ja, das war sogar eine geniale Idee; auf geniale Ideen kommen aber so leicht keine gewöhnlichen Menschen.

Und merkwürdig war es gar nicht, daß Riccardo gleich Feuer und Flamme für dieses abenteuerliche Projekt war. Er war eben ein phantastischer Künstler, der die Welt mit ganz besondern Augen betrachtete. Das beste vielleicht war dabei, daß Nobody wirklich Ernst machte.

»Ach, das kostet aber viel Geld, es gehört eben zu allem Geld,« seufzte der Künstler. »Da ist zunächst die Reise nach China ...«

»Das lassen Sie meine Sorge sein,« fiel ihm Nobody ins Wort. »Die Hauptsache ist, daß Sie gewillt sind, einem kleinen Chinesen Klavierunterricht zu geben. Sie begleiten mich nach China.«

»Wollen Sie denn nach China?« staunte der andre.

»Ich begebe mich wieder nach China, das ist sogar meine zweite Heimat, und Sie sollen mein Gast sein. Jetzt holen Sie sich aber erst einmal Ihre Braut! Wir sind am Ziel.«

Sie hatten die Schlucht erreicht, auf deren anderen Seite sich die grünbewachsene Mauer mit dem Brette erhob.

Nobody rief den Eremiten, und fast sofort erschien dieser oben auf der Mauer.

»Was willst du von mir?« erklang es in drohendem Tone.

»Dich sprechen. Lasse die Brücke herab!«

»Wer bist du, daß du das so befehlerisch sagst?«

»Ich bin der, welcher auch auf einem andern Wege zu dir gelangen könnte.«

Diese Andeutung genügte, der Eremit verschwand, das Brett senkte sich. Riccardo dachte daran, daß er jetzt seine Geliebte wiedersehen würde, und in Gedanken daran sah er nicht die fürchterliche Tiefe, über welche er seinem Führer folgte. Er erschrak erst nachträglich, aber nicht über die überstandene Gefahr, sondern über die vor ihm stehende Erscheinung. Der Eremit sah womöglich noch abgezehrter aus denn früher, die Augen in dem Totenschädel glühten jetzt wirklich wie feurige Kohlen.

Regungslos stand er da, die Kommenden erwartend.

»Ich bringe dir hier einen Bekannten von mir,« begann Nobody, »welcher unbedingt das Mädchen sprechen muß, welches du bei dir ...«

»Deine Worte sagen mir, daß du das Mädchen nicht in der Stadt gesehen hast,« unterbrach der Eremit den Sprecher.

»Was?!« fuhr Nobody empor. »Johanna ist ...«

»Fort! Gestern abend hat sie mich heimlich verlassen, um jenen Mann dort mit den schwarzen Locken, welcher Riccardo heißt, aufzusuchen und mit ihm zu gehen, denn sie ist ein schwaches Weib. Aber die Kraft meines Willens wird sie zu mir zurückzwingen.«

Mehr sprach der Eremit über Johannas heimliche Entfernung nicht, jetzt nicht und später nicht, und Nobody brauchte nicht zu fragen, sein scharfer Verstand konnte sich sofort alles erklären.

Von hier aus konnte man bis in die Straßen von Condamine und Monte Carlo hineinblicken, und der Eremit besaß ein gutes Fernrohr. Johanna hatte es benutzt, hatte zufällig den einstigen Geliebten gesehen. Sie brauchte nur den Namen ›Richard‹ oder wahrscheinlicher ›Riccardo‹ geflüstert zu haben, so mußte dies für den Eremiten, dem sie jedenfalls alles erzählt hatte, genügen. Wenn aber auch ihr Entschluß, zu dem Geliebten zu eilen, den sie dort unten durch die Straßen wandeln, vielleicht sogar in seinem Hotel aus- und eingehen sah, vermutlich sofort festgestanden haben mochte, so hatte sie dies doch ihrem Beschützer verheimlicht, hatte ihn zu täuschen gewußt. Der Eremit hatte ihr natürlich wieder etwas von der Nichtigkeit alles Irdischen im allgemeinen und von der Nichtigkeit der Liebe im besondern und voll der Kraft der Entsagung vorgepredigt. Aber Johanna ließ sich nicht beirren, das liebende Weib war wieder in ihr erwacht. Sie hatte eine günstige Gelegenheit dazu benutzt; wahrscheinlich während der Eremit in einer Felsenkammer seinen asketischen Übungen oblag, um sich ohne Abschied heimlich zu entfernen, um Riccardo aufzusuchen.

Dieser stand wie vom Donner gerührt da, nur von dem Gedanken beherrscht, daß er das Ziel seiner Sehnsucht hier nicht gefunden, vielleicht für immer verloren hatte, als er plötzlich jäh emporfuhr.

»Gestern abend!« stieß er hervor. »Mein Kellner sagte mir heute früh, daß gestern abend nach Beginn der Dunkelheit wiederholt eine Frau nach mir gefragt habe. Ich konnte mir absolut nicht erklären, wer das gewesen sein könne, einen Namen wollte sie nicht nennen, sie habe bald wie eine barmherzige Schwester oder gar wie eine Nonne ausgesehen, habe eine Kapuze über dem Kopfe getragen, die wenig von ihrem Gesicht erkennen ließ.«

»Das ist sie gewesen,« sagte Nobody, der seine Ruhe bewahrt hatte, »und ich weiß auch, wo die Obdachlose für die Nacht eine Unterkunft gefunden hat.«

»Sie wissen es?«

»An einem Orte, von dem es keine Rückkehr gibt.«

»Das ist nur der Tod!« schrie Riccardo entsetzt.

»Und die Arche Noah,« erwiderte Nobody, für den andern, der diese Bezeichnung für ein Gasthaus noch nicht kannte, ganz unverständlich.

»Die Kraft meines Willens wird sie zu mir zurückzwingen,« sagte der Eremit, der wahrscheinlich schon viele mystische Experimente deshalb gemacht hatte, ohne daß Johanna bisher zurückgekommen war.

»Nein, Freund Eremit,« meinte Nobody spöttisch, »so lange wollen wir lieber nicht warten. Ich selbst werde das Mädchen wieder herausholen.«

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