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Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band

Robert Kraft: Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band - Kapitel 8
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDetektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band
publisherH.G. Münchmeyer
correctorreuters@abc.de
senderGeorge Huberty
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7. Nobody und Kompanie

Es ist abermals ein sonderlicher Einsiedler, mit dem wir uns zu beschäftigen haben.

Wenn man die Zeit berechnet, so war es gerade an dem Tage, an welchem der Kapitän den maskierten Knaben an Land setzte, als Monsieur Bertran in Monte Carlo auftauchte.

Es war ein Mann mittleren Alters, gut bürgerlich gekleidet. Sonst ist über seine Alltagserscheinung nichts weiter zu bemerken.

Der Personendampfer aus Nizza hatte ihn mit einigen Koffern gebracht, welche bereits die Marke der französischen Steuerbehörde trugen, auch er nahm erst in einem einfachen Hotel Wohnung, auch er begab sich sofort auf die Suche nach einem Hause, und schon einige Stunden nach seiner Ankunft hatte er mit Hilfe eines Agenten ein kleines, möbliertes Häuschen gekauft, welches auf dem Gebirgsabhang westlich von La Bordina stand, umgeben von einem Gärtchen.

Der Kaufpreis betrug 15.000 Francs. Der so einfach aussehende Mann bezahlte ihn sofort mit französischem Papiergeld, welches er in seiner Brusttasche bei sich führte.

»Danke, hier ist die Quittung,« sagte der Agent. »Die Eintragung in das Grundbuch erfolgt morgen, ich besorge alles, der Herr braucht dann nur einmal Einblick zu nehmen, daß alles in Ordnung ist. Wünschen Monsieur, daß ich Dienerschaft besorge?«

»Nein, ich bringe meinen eignen Diener mit, der genügt. Er kommt noch heute. Essen werde ich auch in einem Hotel. Nur möchte ich früh Brot und Milch gebracht haben. Wie ist es damit?«

Der Agent konnte alles besorgen.

Hier, wo es nur Leute gibt, welche die große Welt kennen, fiel so etwas ja auch gar nicht auf, wir haben gar kein Recht, von einem sonderlichen Einsiedler zu sprechen. Emil Schmidt, der spätere Eremit von La Turbie, war ein solcher, aber dieser Monsieur Bertran durchaus nicht.

Besonders Gelehrte, Künstler und Schriftsteller lieben es, wenn sie es sich leisten können, auf solche Weise zu leben. In Krähwinkel freilich weiß man nichts davon. Das charakteristischste Beispiel hierfür war Emile Zola. Wenn dieser in einem Roman ein Kapitel schreiben wollte, welches am Meeresstrande spielt, so reiste seine Frau ihm voraus nach der Seeküste, mietete ein Haus oder eine Hütte, in welcher Zola nun das betreffende Kapitel schrieb. Spielte das nächste Kapitel zwischen den Arbeitern einer Maschinenfabrik, so reiste Madame Zola erst nach einer Industriestadt und mietete dicht neben einer Maschinenfabrik eine bescheidene Stube, in welcher der Schreibende das Dröhnen des Dampfhammers hören konnte. Wir haben auch genug deutsche Schriftsteller, welche ebenso produzieren, und wenn Gerhard Hauptmann nur beim Lichte von Altarkerzen arbeitet, so wird er schon wissen, warum er das tut.

Eine Ausnahme war freilich, daß dieser Monsieur Bertran das möblierte Häuschen gleich kaufte, ohne sich das Kaufobjekt erst näher betrachtet zu haben, und die 15.000 Francs so ohne weitres aus der Tasche hervorholte. Aber das war jedenfalls ein steinreicher Mann, der nichts auf Äußerlichkeiten gab und das Geld nur als ein Tauschmittel betrachtete, mit welchem er seine bescheidenen Bedürfnisse und seine kostspieligen Neigungen befriedigen konnte.

Als am andern Morgen zum ersten Male das Milchmädchen kam, war schon ein Diener da, der von seinem Herrn mit dem nicht ungewöhnlichen Namen Jean gerufen wurde.

Sonst ist von Monsieur Bertran nichts Besonderes zu melden. Im Kasino ward er nur ein einziges Mal erblickt, wo er das Spiel und das Publikum mit philosophischen Augen betrachtete, er ward überhaupt nur sehr selten gesehen. Die meiste Zeit war er in seinem Gartenhäuschen, dessen Fenster immer noch spät in der Nacht erleuchtet waren. Ging er einmal aus, so speiste er in einem Hotel, für gewöhnlich aber holte sein Diener aus dem Gasthof von La Bordina das Essen für zwei Personen. Ferner holte Jean auch mehrmals von der Post Briefe ab, welche dort unter einer Chiffre ankamen.

Nachdem Monsieur Bertran so drei Wochen in seiner Gartenwohnung gehaust hat, wollen wir ihm in einer Morgenstunde einmal einen Besuch abstatten. –

Es ist ein Zimmer des hochgelegenen Parterres, in das wir uns versetzen.

Mit behaglichem Komfort eingerichtet, enthält es unter anderm einen Schreibtisch, bemerkenswert ist auch noch ein in einer Ecke stehender, sehr großer Kleiderschrank mit Doppeltüren.

Ferner ist auffallend, daß auf dem Schreibtische ein Telephon liegt, dessen Drähte zwischen Tisch und Wand verschwinden – nämlich deshalb ist das auffallend, weil das Häuschen nicht mit einem Telephon versehen war.

Allerdings kann man solch ein Haustelephon für billiges Geld sehr leicht anlegen, es ist auch nur solch ein simpler Apparat, nur eine einzige Membrane, mit der man sowohl spricht, wie hört ... aber immerhin, wozu hatte denn Monsieur Bertran, der das Häuschen allein mit seinem Diener bewohnte, solch ein Telephon nötig? Jedenfalls fällt es auf.

Monsieur Bertran sitzt in einer bequemen Hausjoppe vor dem Schreibtische. Gewiß, er ist ein Mann der Feder. Vor ihm liegen in einer Reihe viele vollbeschriebene Seiten, und noch immer gleitet seine Goldfeder rastlos über das Papier.

Jetzt macht er einen Punkt, liest die letzte Seite durch, legt den Federhalter hin und greift nach dem Telephon.

Eine Klingel ist nicht vorhanden, er pfeift in eigentümlicher Weise hinein und legt das runde Holzstück mit der Membrane an sein Ohr.

Erst knackert es in dem Apparat, man vernimmt sogar ein Atmen.

»Sir?« fragt es dann.

Schnell bringt Monsieur Bertran wieder den Mund an die Membrane.

»Ist Jean unten?«

»Jawohl, Sir.«

»Er soll heraufkommen.«

»Sofort, Sir.«

Wieder ein Pfeifen, und das Telephongespräch des einsamen Mannes mit einer dritten Person, mit der man ihn noch nie hatte verkehren sehen, war beendet.

Monsieur Bertran stand auf und begab sich in das Nebenzimmer. Als er wieder hereinkam, hatte er seine Joppe mit einem schwarzen Gehrock vertauscht und einen Zylinder in der Hand. Zunächst trat er noch einmal an den Schreibtisch, ordnete die beschriebenen Blätter und packte sie zusammen.

Da plötzlich raschelte es hinter ihm in dem großen Kleiderschranke, die Türen öffneten sich von innen, und heraus trat Jean, hinter sich wieder die Türen schließend.

Der am Schreibtisch Stehende mußte das Geräusch gehört haben, mußte wissen, daß sich jetzt ein andrer im Zimmer befand, aber er wendete gar nicht den Kopf, fuhr in seiner Beschäftigung fort.

»Sind Sie fertig?« fragte der aus dem Kleiderschranke Gekrochene, welche Frage auch gar nicht recht für einen Diener passen wollte.

»Ja. Ich begebe mich sofort zu ihm.«

»Ich möchte dabeisein, was der für ein Gesicht macht, wenn er das Manuskript liest,« lächelte der Diener.

»Ich werde Ihnen dann alles getreulich schildern. Machen Sie jetzt gleich die Lohnliste fertig. Und wegen der Kohle ... was hat Hammond gefordert?«

»21 Francs die Tonne, beste englische Steinkohle.«

»21 Francs, das ist nicht viel. Dann bestellen Sie gleich 600 Tonnen, die können wir noch mitnehmen. Übrigens genügen 2.000 Revolvergranaten vollkommen, die andern bleiben einstweilen liegen.«

»Sehr wohl, Sir!«

Ohne weiteres ging er, der sonderbare Privatmann, welcher zur Heizung des Gartenhäuschens, das gar keinen Ofen besaß, soeben für 12.600 Francs Kohlen bestellt hatte, und welcher zur Verteidigung seines Lebens 2.000 Revolvergranaten brauchte. Und der Diener stieg jetzt vielleicht wieder in seinen Kleiderschrank, um da drin erst die Lohnliste aufzusetzen. Eine kuriose Gesellschaft!

Monsieur Bertran promenierte langsam den schmalen Fußpfad entlang, welcher nach La Bordina führt, summte ein Liedchen, blieb manchmal stehen, um an den Blüten eines Strauches zu riechen, steckte eine Blume ins Knopfloch – ein Mann, der mit sinnigem Behagen den herrlichen Frühlingsmorgen genoß, und dem man nimmermehr zutraute, daß in seinem Gehirn Raum für 2.000 Schnellfeuergranaten war.

In La Bordina wartete er auf die Zahnradbahn, bestieg den nach Monte Carlo hinabfahrenden Zug, verließ ihn aber schon nach drei Minuten, als er vor dem Riviera-Palast-Hotel hielt.

Dieses war sein Ziel, er betrat das Portal.

»Ist Seine Durchlaucht Fürst Alexjeff zu sprechen?« wandte er sich an den Portier.

»Wen darf ich melden?«

»Jules Bertran ist mein Name. Hier meine Karte.«

»In welcher Angelegenheit?«

»In einer dringenden Angelegenheit,« war die unbestimmte Antwort.

»Geschäftlich?«

»Privat.«

»Seine Durchlaucht ist wohl anwesend, aber ich glaube nicht, daß sie zu sprechen ist.«

»Warum nicht? Krank?«

»Seine Durchlaucht haben Besuch.«

»Melden Sie, daß ich ihn in dringenden Sachen seiner Tochter sprechen will.«

Der Portier sah stutzend den Sprecher an, der trotz seiner Einfachheit oder gerade deshalb einen sehr gediegenen Eindruck machte, und ließ die Meldung durch einen Zimmerkellner besorgen.

Abends zuvor waren im Palast-Hotel ein Herr und eine Dame angekommen, ein gräfliches Paar aus Rußland, mit Fürst Alexjeff verwandt, wie die Kellner bei der Begrüßung bemerkten.

Es handelte sich um eine Familienratsitzung wegen Prinzessin Turandot, die nicht wieder aus ihrer Einsiedelei herauswollte. Ein Briefwechsel war schon vorausgegangen, überhaupt war es eine bereits früher ausgemachte Sache, welche jetzt persönlich besprochen wurde.

Wir wollen es möglichst kurz fassen. Das Grafenpaar hatte einen Sohn, welcher gegenwärtig bei der russischen Gesandtschaft in Paris war. Maximilian und Turandot kannten sich sehr gut, das exzentrische Mädchen hatte schon als Kind für den schneidigen Kavalier geschwärmt, und im geheimen war es zwischen den Eltern von vornherein ausgemacht gewesen, daß die beiden dereinst ein Paar würden. Auf keiner Seite war ein Hindernis vorhanden. Auch Maximilian war schon eingeweiht und mit Vergnügen bereit, die liebreizende Prinzessin als seine Braut zu betrachten.

Freilich war die Ausführung des Projektes erst für später angesetzt gewesen, Turandot war noch zu jung; aber unter den jetzigen Verhältnissen hielt man es für das Beste, nun gleich die Verlobung in Szene zu setzen. Die Liebe würde in dem verdrehten Köpfchen der Weltentsagerin schnell genug andre Gedanken erzeugen.

Hierüber, wie das am besten einzuleiten sei, unterhielten sich die drei auch, als der Kellner die Visitenkarte mit der Meldung brachte.

»Was, in dringender Sache meiner Tochter?« wiederholte der alte Fürst erstaunt. »Was will der Mann?«

»Mehr hat er nicht gesagt.«

»Wer ist dieser Jules Bertran?«

Zufällig konnte der Zimmerkellner Auskunft geben. Der Name hatte in der Fremdenliste gestanden, ein Herr, welcher in jener Gegend eine Villa besaß, hatte im Hotel über seinen neuen Nachbar gesprochen.

»Es ist ein französischer Privatgelehrter, hat vor drei Wochen in der Nähe von La Bordina ein kleines Landhaus gekauft, in welchem er nur mit seinem Diener wohnt, er führt ein ganz zurückgezogenes Leben.«

»Ja, aber was hat dieser mir völlig unbekannte Privatgelehrte mir für Mitteilungen über meine Tochter zu machen?«

Der Fürst sah ein, daß solche Fragen dem Kellner gegenüber unangebracht waren.

»Ich lasse den Herrn bitten.«

Die beiden andern waren doch wegen der Prinzeß hierhergekommen, sie blieben also auch in dem Zimmer, in welchem der Fremde empfangen werden sollte.

Monsieur Bertran trat ein. Man sah es schon diesem Eintreten an, daß der sonst so einfache Mann sich auch auf dem glattesten Parkett bewegen konnte, mindestens ebenso sicher wie jene drei Hofleute.

Gerade sehr höflich wurde er nicht empfangen. Der Fürst stand in der Mitte des Zimmers, das Ehepaar blieb ruhig sitzen, alle drei betrachteten den simplen Gelehrten ebenso neugierig wie erwartungsvoll.

»Jules Bertran,« stellte dieser sich vor.

»Sehr angenehm.«

»Habe ich die Ehre, Seine Durchlaucht Fürst Alexjeff zu sprechen?«

Nur ein gnädiges Kopfnicken.

»Ich bitte, Eure Durchlaucht unter vier Augen sprechen zu dürfen.«

Oho!! Was sollte denn das heißen?!

»Unter vier Augen? Mich? Weshalb? Worüber?«

»Über Ihre Hoheit die Prinzeß Turandot,« war die gelassene Antwort.

Es lag etwas in dem ganzen Wesen dieses sonst so bescheidenen Mannes, was selbst den alten Fürsten förmlich verlegen machte. Er war durchaus nicht bereit, er, der Fürst Alexjeff, dem ersten besten Menschen so eine vertrauliche Unterredung zu gewähren, er gewährte nur Audienz, und um eine solche mußte in ganz andrer Weise nachgesucht werden, aber er warf dem gräflichen Ehepaar einen Blick zu, als erwarte er von dort eine Hilfe.

»Wozu aber nur unter vier Augen? Diese – äh - Graf Jarkenof und Gemahlin – äh – Verwandte von mir – äh – Onkel von meiner Tochter ...«

»Es wäre sehr bedauerlich, wenn Durchlaucht mir keine vertrauliche Unterredung gewährten, denn in Gegenwart einer dritten Person werde ich niemals über das sprechen, was mich herführt.«

Der Fürst machte seinem Zögern ein Ende, er schritt einer Tür zu.

»Bitte, kommen Sie!«

Der Gelehrte folgte ihm in das Nebenzimmer und sah sich dort um.

»Sind wir hier ungestört?«

»Völlig. Wollen Sie Platz nehmen!«

Beide setzten sich, der Gelehrte lehnte sich behaglich zurück.

»Ich komme als Brautwerber,« sagte er mit möglichstem Phlegma.

Im Gegensatz dazu wurde der Fürst gleich nervös, tat, als habe er nicht recht gehört, bog sich etwas vor.

»Als – Brautwerber?«

»Ja. Als Bevollmächtigter eines Mannes, eines jungen Freundes von mir, welcher um die Hand der Prinzeß Turandot bittet.«

Na, der Fürst war doch überzeugt, daß er richtig hörte, und jetzt wurde er zum kaltblütigen Diplomaten, der den andern ausholt.

»Ach was! Das überrascht mich sehr! Wie heißt denn der Herr?«

»Müller, Paul Müller.«

»Paul Müller? Unbekannt. Klingt deutsch.«

»Jawohl, ein Deutscher.«

»Was ist denn der Herr?«

»Seemann. Seemann von Beruf. Hat sich vom Schiffsjungen an hochgearbeitet. Jetzt ist er Kapitän.«

»In Diensten welcher Linie?«

»Selbständiger Kapitän. Fährt sein eignes Schiff. Aus sehr guter, achtbarer Familie und vermögend, sehr vermögend.«

»So. Wie hat denn dieser Herr – Müller, war sein Name, nicht wahr? – wie hat er denn die Bekanntschaft der Prinzeß gemacht?«

»In Paris. Bei einem Spaziergange des Pensionats. Die Prinzeß war einmal etwas zurückgeblieben, hatte ihr Taschentuch verloren, suchte es, ein Herr hatte es schon gefunden, gab es ihr. Dabei wurden einige Worte gewechselt. Das war Herr Paul Müller gewesen.«

»So, so. Und wann hat Herr Paul Müller meine Tochter wiedergesehen?«

»Niemals wieder.«

»Niemals wieder?«

»Nein.«

»Sie haben sich dann geschrieben?«

»Auch nicht.«

»Ist mir unverständlich. Was sind denn das für Worte gewesen, welche die beiden bei ihrer ersten Begegnung wechselten?«

»Worte der Höflichkeit. – ›Ist das Ihr Taschentuch?‹ – ›Ja.‹ – ›Ich bin glücklich, es gefunden zu haben.‹ – ›Danke sehr!‹ – ›Bitte sehr!‹«

»Nichts weiter?«

»Absolut nichts weiter.«

»Wird mir immer unverständlicher.«

»Wieso, wenn ich fragen darf?«

»Nun – ich denke, dieser Herr begehrt die Hand meiner Tochter?«

»Gewiß doch, deshalb bin ich hier, ich spreche in seinem Namen.«

»Aber er kennt die Prinzeß doch gar nicht!«

»Durchlaucht,« entgegnete der Gelehrte, und es klang recht herzlich, so wirklich recht von Herzen kommend, »für einen jungen Mann und für ein junges Mädchen, auch wenn es eine Prinzessin ist, genügt ein einziger Blick, vielleicht begleitet von einem leichten Erröten, genügt ein leises Zittern der Stimme, um einander zu verstehen. Sie haben es sich nicht mit Worten gesagt, und sie haben es sich dennoch gesagt: ›Ich hab' dich lieb – ich bin dir gut!‹«

Aber der Fürst blieb von dieser Herzlichkeit unberührt.

»Wann war das?«

»Vor zwei Monaten.«

»Aaaah!«

»Was meinen Durchlaucht mit diesem Ausruf?«

»Also deswegen hat die Prinzeß die Pension heimlich verlassen!«

»Durchlaucht irren. Allerdings mag diese Begegnung etwas mit der Entfernung aus dem Pensionat zu tun haben, aber das war dann nur weibliche Gefühlssache. Direkt hat jener junge Mann damit nichts zu tun gehabt, keine Verabredung, gar nichts. Er hat sie ja überhaupt nie wieder gesehen, ihr keine Zeile geschrieben.«

»Da möchte man aber doch glauben, daß ...«

»Durchlaucht, auf Ehrenwort nicht! Der junge Mann hat mir daraufhin sein Ehrenwort gegeben, und das seine ist auch das meine.«

»Gut, ich glaube Ihnen. Woher weiß er denn, daß die Prinzeß sich hier in Monte Carlo befindet?«

»Das steht doch in allen Zeitungen!«

O, das zu hören war dem alten Fürsten fatal! Freilich, es war so, das wußte der Fürst ja selbst, aber wenn man seiner Tochter auch durchaus nichts Übles nachreden konnte, ganz im Gegenteil, höchstens etwas Überspanntheit, so war es ihm doch jedesmal höchst fatal, daran erinnert zu werden, wie der Name seiner hoffähigen Tochter und damit auch sein eigner jetzt in aller Munde war.

»Herr Paul Müller liebt die Prinzeß,« fuhr der Gelehrte fort, »und er ist fest überzeugt, daß sie ihn liebt. Er hat mir versichert, daß er nur nötig hätte, sie in ihrer Einsamkeit aufzusuchen, und sofort würde sie ihm wieder ins heitre Leben folgen, und, Durchlaucht, hiermit wäre doch sicherlich auch Ihnen ein großer Dienst erwiesen, denn Sie können doch nicht wollen, daß sich Ihre Tochter schon mit so jungen Jahren lebendig begräbt, und, wie gesagt, der Kapitän ist ein tadelloser Ehrenmann aus sehr guter Familie.«

Ah, jetzt wußte der alte Diplomat, wo das Ganze hinaus sollte. Es lag eigentlich auch ganz klar auf der Hand; um das zu erkennen, dazu brauchte er gar kein scharfsinniger Diplomat zu sein.

Hier wurde ihm von fremder Seite genau dasselbe angeboten, was er selbst mit dem Grafen Maximilian vorhatte. Aber die Aufdringlichkeit dieser ›rettenden Hand‹ empörte ihn natürlich aufs äußerste.

Doch er wußte sich zu beherrschen, er wollte dieser Sache so schnell als möglich ein Ende bereiten und hielt es für das Beste, zur Ironie zu greifen.

»So, so. Nun, lassen Sie uns sehen! Also dieser junge Mann ist aus guter Familie?«

»Aus einer hochachtbaren Bürgerfamilie.«

»Und er hat seinen Seemannsberuf als Schiffsjunge begonnen?«

»Jawohl, er hat von der Pike auf gedient, als Schiffsjunge, Leichtmatrose, Vollmatrose, Bootsmann und Steuermann, bis er Kapitän wurde.«

»So. Nun erlauben Sie mir noch eine Frage. Sie sind Gelehrter?«

»Privatgelehrter.«

»Welchem Studium haben Sie sich gewidmet?«

»Der Astronomie. Speziell beobachte ich den Saturn. Gegenwärtig habe ich eine theoretische Berechnung auszuführen und habe mich einstweilen, da eine Ortsveränderung meiner Gesundheit guttun wird, in Monte Carlo niedergelassen.«

Fürst Alexjeff stand langsam auf.

»Geehrter Herr,« sagte er mit schneidendem Spott, »ich bezweifle nicht, daß Sie ein tüchtiger Astronom sind, welcher unter den Sternen zu Hause ist, aber auf der Erde scheinen Sie sich gar nicht heimisch zu fühlen, und deshalb möchte ich Ihnen in Ihrem eignen Interesse den wohlgemeinten Rat geben, sich lieber nicht mit irdischen Angelegenheiten zu beschäftigen. – Bitte!«

Ein leichtes Kopfneigen, und Fürst Alexjeff machte eine einladende Handbewegung nach der Türe, welche zum Korridor hinausführte.

Auch Monsieur Bertran hatte sich erhoben, aber nicht um zu gehen.

»Ich verstehe, Durchlaucht, was Sie vorhin sagen wollten. Sie machen meinem jungen Freunde zum Vorwurfe, daß er einst ein gewöhnlicher Arbeiter gewesen ist, und mag er auch aus einer noch so achtbaren, bürgerlichen Familie stammen, so ist es doch nach den Ansichten, mit denen Sie unsre irdischen Angelegenheiten betrachten, ganz ausgeschlossen, daß solch ein Mann des Volkes eine Tochter des russischen Fürsten Alexjeff heiraten kann. Nun, Durchlaucht, lassen Sie sich von dem Manne, der in den Sternen zu lesen versteht, etwas andres sagen: die Mutter meines jungen Freundes war ein deutsches Edelfräulein, welches aus Liebe einen bürgerlichen Geistlichen heiratete; aber die Mutter der Prinzeß Turandot ist von Ihnen, dem Fürsten Alexjeff, auf dem Sklavenmarkte von Jakutsk für 14 Rubel, 8 Pfund Tabak und 10 Flaschen Schnaps gekauft worden.«

Himmeldonnerwetter!!! Das sonst so gesunde Gesicht des russischen Fürsten ward plötzlich weiß wie das einer Leiche, dann übergoß es sich mit einer dunklen Blutwelle, dann entfärbte es sich abermals, und seine Lippen bebten ebenso wie die Hand, mit welcher er nach der Tür deutete.

»Hinaus!!« keuchte er.

Aber der Gelehrte ging nicht. Gelassen griff er in seine Brusttasche, brachte ein Paket zum Vorschein, riß schnell die Papierumhüllung ab und hielt dem Fürsten einige beschriebene Seiten hin.

»Wollen Sie, bevor ich gehe, erst einmal dieses Manuskript lesen?«

Der Fürst sah es gar nicht, er zitterte noch am ganzen Leibe.

»Hinaus, Sie Unverschämter!!«

»Sie wollen das Manuskript nicht lesen? Das wäre sehr bedauerlich. Dann wird dieser von Ihnen und Ihrer heiligen Tochter handelnde Artikel in achtundsiebzig Zeitungen erscheinen.«

Der alte Mann stutzte, seine nach der Tür ausgestreckte Hand sank langsam herab und legte sich auf das Papier.

»Was – was – steht in dem Artikel?« brachte er nur mühsam hervor. »Lesen Sie ihn! Ich warte hier so lange.«

Der russische Fürst hatte ein reines Gewissen, und daß seine Tochter das Kind einer tscherkessischen Sklavin war, dadurch fiel auf seine Ehre kein Makel, das war schon längst abgetan.

Nein, hier lag etwas andres vor. Es ging von dem ganzen Wesen des einfachen Gelehrten etwas aus, was den alten Fürsten förmlich zwang, das dargebotene Manuskript zu nehmen und zu lesen.

Monsieur Bertran hatte sich wieder gesetzt, der Fürst tat desgleichen.

Wir wollen das Manuskript mit ihm lesen, wenigstens den Anfang, ohne uns vorläufig darum zu kümmern, was jener beim Lesen für Empfindungen hatte, denen er auch äußerlichen Ausdruck gab.

 

Der Prinz von Monte Carlo.

Spezial-Bericht von * * *

Der mich sehr ehrende Auftrag der Gebrüder Hobwell, im Interesse ihrer Zeitungsleser die mit dem sogenannten Prinzen von Monte Carlo verbundenen Rätsel zu lösen, erreichte mich in Rom.

Gerade über freie Zeit verfügend, war ich sofort bereit, der Aufforderung Folge zu leisten. Ich schicke voraus, daß ich mir die Lüftung des Geheimnisses, welches über dem Prinzen von Monte Carlo schwebte, überaus leicht vorstellte. Ich hatte der ganzen Sache überhaupt noch gar keine ernstliche Bedeutung geschenkt.

Schnell sammelte ich alle Zeitungen, welche sich mit diesem Falle beschäftigten, konnte mir auch alle Nummern der ›Maske‹ verschaffen. Dieses Material studierte ich auf der Fahrt nach Monte Carlo. Es war mir ganz klar, daß der Geisterspuk auf der Teufelsinsel aufs engste mit dem mysteriösen Kapitän zusammenhing, und diesem Spuke wollte ich denn zunächst einmal auf den Leib rücken.

Das war der Grund, weshalb ich in Genua noch einmal Station machte. Hier verschaffte ich mir nämlich erst ein Trikotkostüm, wie es die Artisten tragen, und zwar ein solches aus dunkelblauem Stoff, firnißte und wachste es, was nur zwei Stunden in Anspruch nahm, fertigte mir aus demselben wasserdichten Stoffe Handschuhe und eine Kapuze, und nachdem ich so meine Garderobe vervollständigt hatte, setzte ich die unterbrochene Fahrt fort.

Als ich in Monte Carlo ankam, vernahm ich das allerneuste Ereignis dieses Tages oder der vergangenen Nacht: das mißglückte Unternehmen der Geisterbanner unter Lord Rogers Führung, wobei Mr. Dixon fast sein Leben eingebüßt hätte.

Alle diese Vorgänge sind so bekannt, daß ich sie nicht mehr zu schildern brauche. Ja, dem Leser, welcher die ganze Sensationsaffäre in Monte Carlo von Anfang an mit Interesse verfolgt hat, müssen die Details bekannter sein als mir, der ich, wie schon gesagt, erst in letzter Zeit gewissermaßen aus Geschäftsgründen dieser Sache Aufmerksamkeit widmete.

Mich für einen Arzt ausgebend, gelang es mir, Zutritt zu Mr. Dixons Krankenzimmer zu erhalten. Ich war sofort der Überzeugung, daß es sich nur um einen starken elektrischen Schlag handeln könne, den Dixon erhalten hatte – eine Ansicht, welche dann auch noch von einem tatsächlichen Arzte ausgesprochen wurde.

Jetzt hätte ich mich lieber mit einem isolierenden Gummianzuge ausgerüstet, doch ich wollte möglichst wenig Zeit verlieren und überzeugte mich auch, daß das mit Firnis und Wachs imprägnierte Trikotkostüm, welches ich ursprünglich nur zu dem Zwecke angefertigt hatte, um mich im Wasser unsichtbar zu machen und beim Betreten von trocknem Land keine Wasserspur zu hinterlassen, auch ganz vorzüglich gegen elektrische Entladungen schützte.

Im Laufe dieses Tages bekam ich weder den maskierten Kapitän noch den maskierten Knaben zu Gesicht. Dagegen sah ich einige Matrosen von der Heliotrop, darunter auch den eine größere Rolle spielenden Wilm, die dicke Ordonnanz, welche fast immer in der Begleitung des Kapitäns oder des Knaben ist.

Nebenbei erwähnen will ich auch noch, daß ich zufällig die Prinzeß Turandot sah, wie sie gerade auf dem Wege war, sich aus dem Bosamentierladen neue Wolle zu holen. Straßenpassanten drängten sich hinzu, besonders Damen, um ihr die Kutte aus Sackleinwand zu küssen, was sie mit demutsvoller Bescheidenheit duldete.

Ohne irgendwelche persönliche Nachfragen zu stellen, um mein Vorhaben nicht zu verraten, traf ich meine Vorbereitungen. Hauptsache war für mich, einen Ort auszukundschaften, von welchem aus ich unbemerkt den Strand verlassen konnte, um schwimmend die Ile de Castelle zu erreichen.

Ich fand einen solchen am Fuße des Felsens, auf welchem die sogenannte Arche Noah steht. Am Abend zog ich in meinem Hotel das gewachste Trikot an, einen langen Mantel darüber, verschaffte mir eine Angelrute, und so begab ich mich kurz vor Anbruch der Dunkelheit nach jener Stelle am Strande, um scheinbar einem nächtlichen Angelsport zu huldigen.

Ohne gefragt zu haben, hatte ich erfahren – denn ganz Monte Carlo sprach ja von nichts andrem – daß unmöglich fernerhin jemand die Teufelsinsel nächtlicherweile zu betreten wagen würde, am wenigsten heute nacht, nachdem gestern nacht erst die Katastrophe geschehen war.

Fernerhin war ich sicher, daß ich keinen angelnden Nachbar bekommen würde, denn es war eine gar gefährliche Kletterpartie, welche ich erst zu unternehmen hatte, ehe ich die vom Wasser ausgewaschene Grotte erreichte, in welche die See brandete.

Hier wartete ich den völligen Anbruch der Nacht ab, und daß diese mondlos war, kam meinem Unternehmen sehr zustatten.

Es war gegen neun Uhr, als ich Mantel, Hut und Stiefel ablegte, dafür die blauen Handschuhe anzog und die gleichfarbige Maske vorband und so ins Wasser glitt. Die Farbe meines Kostüms stimmte so genau mit der des Wassers überein, daß man mich auch in nächster Nähe nicht bemerkt hätte, zumal, da auch nicht Hände und Gesicht zum Verräter werden konnten.

Einen Beweis meiner Unsichtbarkeit sollte ich sehr bald bekommen, ich hatte auf dem Meere eine mich sehr überraschende Begegnung.

Etwa hundert Meter hatte ich mich vom Strande entfernt, als ich plötzlich hinter mir einen schwachen Lichtschein hervorhuschen sah, gleichzeitig hörte ich ein leises Plätschern, und wie ich mich schnell umdrehte, zum Untertauchen bereit, fuhr schon dicht an mir ein kleines Segelboot vorbei.

Die Toplaterne brannte, und in deren Scheine sah ich deutlich am Steuerruder einen großen, starkgebauten Mann, welcher eine schwarze Maske vor dem Gesicht hatte, während vorn im Boote ein Knabe stand, gleichfalls maskiert.

Ich hatte sie vor mir, die beiden Maskierten! Trotz ihres früheren Abenteuers, als sie von dem Kutter gefangen werden sollten, machten sie noch immer ihre nächtlichen Segelpartien, und sie durften es auch wagen, denn ich hatte ohne mein Zutun in Erfahrung gebracht, daß sich in dieser Gegend kein Mann mehr fand, der es riskiert hätte, an den mit dem Teufel im Bunde stehenden Prinzen von Monte Carlo auch nur eine Hand zu legen.

In dem Augenblicke, als das Boot an mir vorüberrauschte, hörte ich die tiefe Stimme des Mannes sagen:

»Das Licht muß unbedingt noch einige Nächte spuken, aber sei ohne Sorge, Heinz hat strengsten Befehl, sich vor jedem Menschen zurückzuziehen, falls wirklich noch jemand die Insel betreten sollte. So etwas wie gestern darf freilich nicht wieder vorkommen.«

Eine Antwort erfolgte nicht, dann war das schnelle Boot, dem der beste Schwimmer nicht folgen konnte, schon weit entfernt.

Ich konnte zufrieden sein mit dem Erfolge der ersten zehn Minuten. Allerdings wurde ja allgemein angenommen, daß der Spuk auf der Teufelsinsel von dem maskierten Kapitän herrührte, aber ich hatte soeben aus des Kapitäns eignem Munde die Bestätigung der Richtigkeit dieser Annahme vernommen.

Was nun meine Unsichtbarkeit anbetrifft, so wußte ich, daß der Kapitän gerade nach der Stelle der Wasseroberfläche geblickt hatte, wo ich mich befand, und auch die scharfen und geübten Augen des Seemannes hatten den blaugekleideten Schwimmer nicht von dem blauen Wasser des Mittelländischen Meeres zu unterscheiden vermocht.

Ich war gespannt, ob das Boot an der Insel landen würde. Allein dann wäre doch vor allen Dingen die Toplaterne verlöscht worden, und das geschah nicht. Das Boot segelte mit brennender Laterne an der Insel vorüber, und während meines weiteren Schwimmens sah ich dasselbe Licht, welches ich nicht aus den Augen gelassen hatte, noch weit draußen auf dem Meere.

Nach weiteren zehn Minuten hatte ich die Teufelsinsel erreicht; das Erklettern der Klippenformation bot bei der völlig ruhigen See gar keine Schwierigkeit, und da ich mich auf einem Plane, der überall zu haben ist, schon orientiert hatte, fand ich mich mit Leichtigkeit zurecht. Ich faßte dicht neben dem Eingange zum Turme Posto, verbarg mich unter einem Busch und wartete hier, glatt ausgestreckt liegend, fast drei Stunden, ohne das geringste Verdächtige zu vernehmen.

Da ich die Schiffsglocken glasen hörte, konnte ich berechnen, daß es bald Mitternacht sein mußte, als mich ein leises Geräusch aufschreckte, welches erst im Turme erscholl und dann sich daraus entfernte, bis ich auch Schritte im Gebüsch unterscheiden konnte.

Für mich war es selbstverständlich, daß das nur ›Heinz‹ sein konnte, der jetzt den Spuk inszenierte. Gesehen hatte ich absolut nichts, obwohl der Mann nur wenige Schritte von mir entfernt vorübergegangen sein mußte,, und wenn es auch stockfinster war, so hätten meine sehr guten Augen doch wenigstens einen Schatten wahrnehmen müssen. Doch ich wunderte mich nicht besonders über diese Unsichtbarkeit des hörbaren Geistes, ich hatte schon meine Vermutung, wie diese möglich war, die sich dann auch bestätigen sollte.

Punkt zwölf Uhr, als die Schiffe Mitternacht glasten, flammte im Gebüsch ein weißes Licht auf, welches nun den schon zur Genüge beschriebenen ›Meistertanz der ruhelosen Seele‹ über die ganze Insel hinweg aufführte, schwebend und springend, bald hoch, bald niedrig.

Aber wer da gesagt hatte, es gliche ganz einem Irrlichte, der hat noch nie eins gesehen. Die Form einer Hand besaß es wohl, aber das Feuer war nicht flackernd, sondern ganz ruhig, und ein Irrlicht bewegt sich überhaupt ganz anders.

Immer auf dem Boden lang ausgestreckt, schlich ich mich geräuschlos näher, und bald hatte ich erkannt, was für eine ›ruhelose Seele‹ das war.

Es war einfach eine Lampe aus weißem Milchglas, die von einem Manne hin- und hergeschwenkt wurde, und dieser Mann – also Freund Heinz – hatte dieselbe Sicherheitsmaßregel getroffen wie ich, nur in schwarz, während meine blau war. Er war nämlich ganz schwarz gekleidet, auch Hände und Gesicht waren schwarz, und es gehörten gute Augen dazu, um seine Gestalt aus der stockfinstern Nacht hervortreten zu sehen, selbst in der Nähe seiner Laterne gewahrte ich noch immer nur schwache Umrisse.

Als er einmal in ein besonders gutes Licht kam, wobei er mir zufällig die Seite zuwendete, erkannte ich ferner, daß er auf dem Rücken eine Art von Ranzen trug, von dem Drähte herabhingen – also einfach ein Apparat von Akkumulatoren, welcher die elektrische Glühlampe speiste.

Wenn man nun annimmt, daß auch jene weiße Frauengestalt mit solch einer elektrischen Batterie ausgestattet gewesen war, so weiß man, warum Mr. Dixon die Gestalt nicht hatte fassen können. Nur war der elektrische Schlag etwas gar zu stark ausgefallen.

Eine Stunde lang arbeitete der schwarze Popanz so mit seiner Glühbirne, dann verlöschte das Licht plötzlich – die Geisterstunde war vorüber.

Er hatte sich zuletzt dem Turme zubewegt, und jetzt hieß es, ihm zuvorzukommen. Wie war der Mann eigentlich auf die Insel gelangt? Aus dem Turme war er vorhin herausgetreten, das wußte ich ganz bestimmt. Hielt er sich dort den ganzen Tag über verborgen, um nur in der Nacht auf der Insel herumzuspuken? Wohl schwerlich!

Mein Plan war von vornherein gefaßt gewesen. Die Hauptsache war, ihm auf den Hacken sitzen zu bleiben, ohne mich zu verraten, und im ›Schleichen‹ habe ich es zu einer gewissen Virtuosität gebracht. (Meine Bescheidenheit gestattet mir nur in diesem Falle einmal die Bemerkung, daß mich die Gebrüder Hobwell doch nicht umsonst in aller Welt gesucht hatten, bis sie mich in Rom telegraphisch auffanden, um mir den Auftrag zu geben, diesem Prinzen von Monte Carlo einmal auf den Zahn zu fühlen).

Vor mir die leise knackenden Schritte, ich als geräuschlose Schlange auf dem Bauche hinterher! Richtig, es ging wieder in den Turm hinein!

Jetzt aber wurde die Sache faul für mich. Drin war der Mann, ich hörte längere Zeit ein Kratzen und Schaben, aber in der Stockfinsternis war absolut nichts zu sehen, und ich mußte doch unbedingt erfahren, was der Kerl da drin machte, wie er sich wieder entfernte usw.

Schon wollte ich zu meinem letzten Hilfsmittel Zuflucht nehmen: die ›ruhelose Seele‹ dingfest machen und ihr ein Geständnis abnötigen, eventuell mit ›sanfter Gewalt‹, als mir ein Zufall zu Hilfe kam.

»Verflucht und zugenäht, nun habe ich die Geschichte aber satt!« hörte ich die ruhelose Seele brummen, und plötzlich flammte die weiße Glühbirne wieder auf, und zwar unter der Pritsche.

Der schwarze Mann lag gleichfalls darunter und machte sich dort am Boden etwas zu schaffen, und lange bedurfte er des Lichtes auch nicht, so hatte er erreicht, was ihm im Finstern mißlungen war: eine große, aber scheinbar leichte Steinplatte hob sich aus dem Boden wie eine Falltür empor; sofort verlöschte die Lampe wieder – und wenn ich es auch nicht sah, so wußte ich doch, daß der Mann in der Öffnung verschwunden war, und ich hörte auch, wie der Stein sich wieder schloß.

War das ein Gang? Wohin führte er?

Ich sollte es bald erfahren.

Sofort folgen durfte ich jenem nicht. Vielleicht eine halbe Stunde wartete ich, größtenteils das Ohr auf den Boden gepreßt. Als alles ruhig blieb, setzte ich meinen Schleichweg fort, auch ich kroch unter die Pritsche.

Ich habe vorhin nichts von meiner sonstigen Ausrüstung erwähnt. An meinem Gürtel hingen ein Nickfänger, ein kleiner, geladener Revolver, dessen Patronen durch Wasser nicht litten, eine zusammenklappbare Laterne mit zwei Wachskerzen und ferner in wassersicherer Büchse ein Feuerzeug.

Es war gar nicht nötig, daß ich erst Licht machte. Ich hatte vorhin während der wenigen Augenblicke gut Obacht gegeben, ich fand auch im Finstern den Mechanismus, welcher die Steinplatte hob und in Wirklichkeit viel einfacher war, als wie er zu beschreiben wäre.

Ich griff in das Loch hinein, aus dem es so schwarz herausgähnte, wie es um mich herum war, fühlte seitwärts Steinstufen, stieg hinab, ließ über meinem Kopfe wieder die Steinplatte herab.

Nichts regte sich, Todesnacht umgab mich.

Ich riskierte es, meine Lampe in Brand zu setzen. Das bedeutete für mich auch nur wenige Augenblicks der Gefahr, von einem Beobachter bemerkt zu worden; denn es war eine vorzügliche Blendlaterne, welche gestattete, das Licht gänzlich unsichtbar zu machen, ohne die Wachskerze zu verlöschen.

Während dieser wenigen Augenblicke, da mich ein Lichtschein umgab, hatte ich um mich gespäht und bemerkte links eine Steinwand, rechts eine Steinwand und zu meinen Füßen zahllose Steinstufen, deren Ende ich nicht absehen konnte.

Dieser Anblick hatte genügt. Das Licht wurde abgestellt, und auf geräuschlosen Sohlen ging es, mit der Hand an einer Wand tastend, hinab, immer tiefer und tiefer hinab, und – mich beschlich ein gelindes Grauen!

Während der Schwimmtour nach der Insel hatte ich mehrmals mit den Füßen Grund bekommen, ich hatte auch aus dem Plane gesehen, daß diese ganze Gegend des Meeres sehr flach war, – und so konnte es gar nicht anders sein, als daß ich mich nicht nur unter dem Meeresspiegel, sondern sogar schon unter dem Meeresgrunde befand! Denn man muß in Betracht ziehen, daß die Ile de Castelle nur von ganz geringem Umfange ist, und die Treppe, durchaus nicht steil, führte doch schräg hinab.

Also ich befand mich gar nicht mehr innerhalb des Fundamentes der Insel, sondern hatte diese schon hinter mir. Über meinem Kopfe tummelten sich die Fische im Mittelländischen Meere!

Endlich, endlich hörten die Stufen auf! Ich hatte 267 gezählt, und das dürfte eine Tiefe von mindestens 40 Meter sein.

Noch immer umgab mich das Schweigen der ewigen Todesnacht. Ich schickte einen Blendstrahl voraus und sah vor mir einen langen, ebnen Gang. Dort hinten aber kamen schon wieder Stufen, welche aufwärts führten.

Ich will mich kurz fassen. Es ging noch mehrmals hinauf und wieder hinab, immer in der Richtung auf das Festland zu, und meiner Berechnung nach mußte ich mich schon längst unter demselben befinden.

Da zweigte ein Tunnel seitwärts, nach rechts, ab, und wie ich noch überlegte, ob ich diesen neuen Gang verfolgen oder geradeaus gehen sollte, sah ich plötzlich in weiter Ferne ein Lichtchen flimmern.

Kein Zweifel, es kam näher. Die feuchte Luft täuschte auch sehr, es war gar nicht mehr so weit entfernt, schon sah ich eine Gestalt, eine zweite.

Da ich nicht wußte, ob jene geradeaus gehen oder rechts einbiegen würden, blieb mir, wenn ich eine Begegnung vermeiden wollte, nichts andres übrig, als schleunigst zu retirieren, dann wäre aber mein ganzes bisheriges Vordringen vergeblich gewesen, und das durfte sich noch mehrmals wiederholen.

Gab es kein Versteck? Wirklich, eine Steinnische! Ich preßte mich hinein, auf die Gefahr hin, trotz meines dunklen Anzugs gesehen zu werden. Übrigens hielt ich eine Entdeckung gar nicht für so lebensgefährlich.

Jetzt konnte ich die beiden Gestalten unterscheiden: ein Mann und ein Knabe! Zum Überfluß hatte der große Mann noch eine schwarze Maske in der Hand, desgleichen der Knabe. Der Kapitän der Heliotrop und Raoul! Und dieser Knabe – wo hatte ich dieses schöne, übermütige Antlitz, umrahmt von schwarzen Locken, denn heute schon einmal gesehen?

Ach, jetzt wußte ich es! Und ich war nicht wenig überrascht! Nein, ich war paff! Ja, da freilich war es erklärlich, daß der Prinz so zärtlich den Arm um den Knaben geschlungen hatte!

Jetzt begann der Knabe zu sprechen, er sagte 40 Meter unter der Erde etwas sehr Prosaisches!

»Du, ich habe einen ganz infamen Hunger, von der Küsserei wird man doch nicht satt.«

Und der Kapitän erwiderte, indem er den schönen Knaben an sich drückte, den ich heute schon in der Nonnenkutte gesehen hatte:

»Aber, meine süße Turandot, eine hoffähige Prinzessin darf doch nicht ...«

 

Weiter kam der Leser nicht. Mit einem heiseren Schrei sprang Fürst Alexieff auf und stierte mit wilden Augen nach dem Gelehrten, der sich ebenfalls erhob.

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr!!« stieß er hervor. »Wer hat diesen Artikel verfaßt?«

Er blickte noch einmal auf die erste Seite, unter dem Titel war der Verfasser nicht angegeben – Spezialbericht von * * * – der Gelehrte konnte es ihm sagen.

»Haben Sie schon von einem gewissen Nobody gehört?«

»Das ist ... das ist ...«

»Ein Privatdetektiv und bisheriger Berichterstatter der in New York erscheinenden Zeitschrift ›Worlds Magazine‹,« ergänzte Monsieur Bertran. »Aber dieser Artikel ist von ihm für die Gebrüder Hobwell geschrieben, welche 78 englische und amerikanische Zeitungen verlegen, und in diesen 78 Zeitungen wird dieser Spezialbericht veröffentlicht werden. Lesen Durchlaucht nur weiter, es kommt noch viel besser, das ist ja erst der Anfang.«

Der Fürst war seiner Sinne nicht mächtig, er ballte das Manuskript zusammen und machte eine Bewegung nach dem Kamin.

»Ins Feuer mit dem Wisch!!« schrie er.

»Ich erlaube mir Durchlaucht darauf aufmerksam zu machen, daß im Ofen gar kein Feuer brennt,« erklang es auf der andern Seite mit kaltem Spott.

»Ich vernichte das Geschreibsel!!«

»Schadet nichts, das Geschreibsel ist kopiert, in die 78 Zeitungen kommt es doch.«

Der Fürst, der schon die Hände angesetzt hatte, um das Manuskript zu zerreißen, stutzte und blickte nach dem kaltblütigen Gelehrten.

»Ja, Herr, wer sind Sie eigentlich? Wie kommen Sie dazu, mir Nobodys handschriftlichen Bericht zu bringen? Ich muß diesen Mann sofort selbst sprechen.«

»Wenn Sie Nobody selbst sprechen wollen, so haben Sie es nicht weit.«

Und Monsieur Bertran griff an seinen Bart, hatte ihn in seiner Hand, der Fürst sah ein völlig andres Gesicht, das schöne, energische Gesicht eines noch jungen Mannes – doch es war nur eine Vision, mit einem Knacks saß der Bart wieder fest, und da stand schon wieder der Gelehrte, der trotz aller Bescheidenheit so energisch auftreten konnte.

»Sie sind – Sie sind ...«

»Der Privatdetektiv Nobody in eigner Person, nur in der Maske eines französischen Gelehrten.«

»Und Sie ... Sie haben ... meine Tochter ...«

»Vierzig Meter unter der Erde in Begleitung des sogenannten Prinzen von Monte Carlo gesehen,« ergänzte Nobody. »Ich habe auch noch viel mehr gesehen.«

»Was?«

»Ich habe die beiden auch soupieren sehen.«

»Soup ...?«

» ... ieren.«

»Die Beiden allein?«

»Ganz solo.«

Der bescheidene Gelehrte sprach jetzt in einem etwas andern Tone, jetzt kam der spöttische Nobody zum Vorschein, der manchmal auch etwas zynisch sein konnte.

»Was aß meine Tochter?« würgte der alte Fürst mühsam heraus.

»Nicht den Brotlaib, welchen der Gastwirt ihr jeden Tag über die Mauer wirft, sondern erstens: Bouillonsuppe mit was drin, zweitens: einen gebratenen Fisch, den ich für Seehecht hielt, drittens: Beefsteak à la Chauteaubriand, viertens: Schnitzel à la Nelson. Dann folgte Torte und diverser Käse.«

Je mehr Schüsseln aufgezählt wurden, desto größre Augen machte der Papa.

»Und dazu trank sie Champagner,« ergänzte Nobody.

»Cham ...«

» ... pagner, zusammen mit ihrem Geliebten.«

»Ge ...«

» ... liebten. Hierauf gingen die beiden in ein andres Zimmer, in welches ich ihnen nicht folgen konnte und nicht durfte. Denn soviel ich durch die offene Tür sah, stand nur ein Himmelbett drin, nur ein einziges. In diesem – das heißt in diesem Zimmer – blieben die beiden zusammen, bis der Morgen anbrach, worauf der Knabe Raoul wieder die Nonnenkutte der weltentsagenden Prinzeß Turandot anzog und durch einen Tunnel in die Einsiedelei von La Bordina zurückkehrte. Das alles ist dort in dem Manuskript ausführlich beschrieben, wenn Durchlaucht es weiterlesen wollen.«

In diesem Augenblicke, da er vollständig niedergeschmettert sein sollte, verwandelte sich der russische Fürst wieder in den kaltblütigen Diplomaten. Mit plötzlich eisernem Gesicht wandte er sich um und wollte der zum Nebenzimmer führenden Tür zuschreiten.

Schnell vertrat ihm Nobody den Weg.

»Warten Sie mal 'nen Augenblick. Noch ist Polen nicht verloren, auch Rußland noch nicht. Daß die heilige Prinzessin in der Mäander-Burg zusammen mit dem Prinzen von Monte Carlo getrüffelten Truthahn ißt, das wissen nur der Kapitän der Heliotrop, seine Mannschaft und meine Wenigkeit, und von uns erfährt niemand etwas, und wenn wir uns in Güte einigen, so ist es durchaus nicht nötig, daß jener Bericht wirklich veröffentlicht wird ...«

»Und von mir wird erst recht niemand etwas erfahren,« fiel ihm der Fürst ins Wort. »Ich will meinem Cousin und seiner Gattin nur sagen, daß sie mich entschuldigen sollen, ich hätte ein unaufschiebbares Geschäft zu erledigen.«

»Aber sie wissen, daß ich wegen der Prinzeß gekommen bin.«

»Die Prinzeß hat bei Ihnen Schulden gemacht ... nein, hat in Paris einen wertvollen Familienschmuck verkauft. Sie bringen ihn mir wieder.«

»Dann ist es gut. Ich warte hier.«

Als Nobody allein war, brachte er aus der einen Westentasche ein Messerchen zum Vorschein, aus der andern eine Platte Tabak, von dieser schnitt er bedächtig ein Stückchen ab, schnipselte noch länger daran herum, und als der Kautabak mundgerecht war, trat schon wieder der Fürst ein.

Er war ganz ruhig, sah aber ernst, sehr ernst aus. Er mußte in den letzten Minuten doch etwas Furchtbares durchlebt haben, und es kostete ihn gewaltige Anstrengung, so gelassen zu erscheinen.

»Ich zweifle nicht an der Wahrheit Ihrer Worte, und jetzt weiß ich, warum meine Tochter bei ihrem Brotlaib so dick wird,« begann er, was im Gegensatze zu seinem sonstigen Ernste etwas komisch wirkte. »Nun sagen Sie aber, das können Sie doch nicht alles von einem Versteck aus beobachtet haben!«

»Nein, Ich gab mich zu erkennen, denn ich fand in dem Prinzen von Monte Carlo einen guten Bekannten wieder.«

»Eben jenen Paul Müller?«

»Ja. Und er erzählte mir alles.«

»Sie kamen von der Insel aus durch den Tunnel in die Mäander-Burg?«

»Ja. Aber das Seltsame dabei ist, daß Lord Roger, der bisherige Besitzer und sogar Erbauer der Mäander-Burg, gar nicht gewußt hat, daß von seinem Hause aus solch ein unterirdischer Tunnel abgeht. Allerdings hat er die Burg nicht von Grund auf gebaut, es war schon ein kleiner Anfang da, eine Art von Höhlenwohnung. Das Ganze ist eben ein Werk der alten Sarazenen oder der früheren Bewohner dieser Gegend, die zum Schutze gegen die Seepiraten alles unterminiert haben. Ein Gang endet auch in der Ruine, welche sich innerhalb der Umfassungsmauern der Einsiedelei Ihrer Tochter befindet. Die Prinzeß hat denn auch die Tunnels entdeckt.«

»Daß meine Tochter aus ihrer Behausung nur durch einen Tunnel in die Mäander-Burg gelangen konnte, war mir sofort klar, nachdem ich gelesen hatte, daß auch Sie solch einen Tunnel benutzten. Aber ich verstehe nur nicht recht ... Turandot entdeckte also zufällig, daß sich in ihrer kleinen Ruine der Eingang zu einem unterirdischen ...«

»Halt! Hier sind Sie im Irrtum. Die Geschichte leitet sich ganz anders ein. Darf ich erzählen?«

»Bitte, ausführlich.«

»Sie kennen doch alles, was mit dem Prinzen von Monte Carlo zusammenhängt, wenigstens soweit die ›Maske‹ über ihn berichtet hat?«

»Alles.«

»Und Sie kennen doch auch den Eremiten von La Turbie?«

»Ich habe alles gehört, was hier über ihn erzählt wird.«

»Nun, an dem Tage, an welchem Sie hier eintrafen, hatte die Prinzeß doch gerade den Eremiten aufsuchen wollen. Sie ist auch tatsächlich oben gewesen, wußte die heraufgezogene Fallbrücke herabzulegen, ging hinüber, fand den Eremiten nicht zu Hause. Sie besah sich die Wohnung, kam aus einer Felsenkammer in die andre – mit einem Male wich unter ihren Füßen eine Steinplatte, sie tat einen Sturz in ziemliche Tiefe, verlor das Bewußtsein. Als sie wieder zu sich kam, umgab sie die schwärzeste Finsternis. Gebrochen hatte sie nichts, sich nicht verletzt. Was sie nun alles durchgemacht hat, davon will ich lieber schweigen, das kann man wohl auch gar nicht schildern. Nur das eine will ich sagen: Durchlaucht, Sie haben eine heroische Tochter! Jeder andre Mensch, auch der energischste und stärkste Mann, wäre darüber wahnsinnig geworden – meiner Ansicht nach. Ihre Tochter hat es durchgesetzt.«

Der Fürst vergaß hier einen Augenblick alles andre, die Erinnerung befiel ihn, er lächelte stolz und glücklich.

»Ja, ja, das ist auch mein Kosak. – Nun, was hat sie denn durchgesetzt?«

»Das spottet eben aller Beschreibung. Das kann man nur andeuten. Sie war fünf Meter tief in einen Schacht gestürzt, von dem nur ein Weg abführt, eine in die Tiefe gehende Treppe. Nun liegt aber der Felsen, auf dem der Eremit haust, von der Teufelsinsel, nur in der Luftlinie gerechnet, gute zwei Kilometer weit entfernt, und diese hat der Kosak – Pardon, die Prinzeß, in vollständiger Finsternis zurückgelegt, sich nur an der Wand entlangtastend, immer treppauf und treppab, volle fünfzehn Stunden hat sie gebraucht, ehe sie endlich einen Ausgang fand. Verstehen nun Durchlaucht meine Bewunderung? Ich möchte wissen, wieviel Menschen sich nicht schon in der ersten Stunde lieber verzweifelt hingeworfen hätten, um den Tod zu erwarten.«

»Ja, der Kosak!« sagte der Fürst in stolzer Vaterfreude. »Es ist kolossal!«

»Nein, es ist nicht kolossal, sondern es ist hahnebüchen!« verbesserte ihn Nobody.

»Also der Tunnel, welcher bis zur Teufelsinsel geht, sogar unter dem Meeresgrunde hinweg, beginnt schon bei dem Felsen des Eremiten?«

»Er geht noch viel weiter. Nun entsinnen sich Durchlaucht wohl, wie an demselben Tage, an welchem die Prinzeß verschwand, von dem maskierten Kapitän das Fehlen der weiblichen Leiche auf der Teufelsinsel bemerkt wurde.«

»Ja, ich entsinne mich. Hat er die Selbstmörderin beiseite gebracht?«

»Nein. Der Kapitän war hieran ganz unschuldig. Doch davon später! Der Kapitän wollte wirklich nur eine Leichenwache halten, um das Gruseln zu lernen, und dann allerdings, ich will es auch gleich erwähnen, war er mit dem alten Herrn von Marbach und seiner Tochter sehr gut bekannt und sogar nahe verwandt.«

»Was Sie nicht sagen. Sie sprechen doch von Paul Müller?«

»Gewiß, das ist der Kapitän von der Heliotrop, der maskierte Prinz von Monte Carlo. Ernst von Marbachs zweite Frau, die Mutter Johannas, war eine Schwester von Pauls Mutter. Deshalb also hatte er die Insel der Selbstmörder besucht, um die beiden noch einmal zu sehen, er war zu spät gekommen, um sie zu retten, und nun allerdings gedachte er, auf eigne Faust Untersuchungen anzustellen, wo die Leiche des jungen Mädchens geblieben sei. Während der Nacht konnte er nur vor dem Turme Wache stehen. Gegen Mitternacht hörte er ein Seufzen und Knarren. Es war Prinzeß Turandot, welche das letzte Ende der Treppe erreicht hatte und unter großen Kraftanstrengungen die Steinplatte, welche sie ganz richtig für eine Falltür hielt, aufzustoßen versuchte, bis ihr dies auch gelang. So befand sie sich jetzt dem Kapitän gegenüber. Hierbei will ich einschalten, daß, wenn man dann die Scherben seiner Laterne am Boden fand, er diese erst später mit Absicht zerbrochen hat. Er hat dann eben einen Geisterspuk markiert. Wohl war er beim Anblick der aus dem Boden steigenden Gestalt höchst bestürzt, aber so schreckhaft ist mein Freund nicht, daß er gleich alles fallen läßt, was er in der Hand hält.

»Die der Unterwelt Entstiegene gab eine Erklärung. Ein Glück war es gewesen, daß die Prinzeß bei ihrem Sturz in die Tiefe ein gebratenes Huhn und Rotwein mit Wasser mit hinabgenommen hatte. Sogar ihre Waschleine und den Bergstock hatte sie nicht fahren lassen ...«

»Bitte,« unterbrach der Fürst den Erzähler, »in diesem Tunnel ist es also auch gewesen, wo sie die Vision mit dem Skelett gehabt hat?«

»Vision? Ist nicht,« entgegnete Nobody in seiner trocknen Weise. »Gerippe liegen oder lagen dort unten genug herum, aber gesehen hat sie keins, es war zu duster. Sie ist immer tapfer gewandert. Irgendwo muß der Tunnel doch einmal ein Ende nehmen, hat sie sich ganz richtig gesagt. Sie ist wohl manchmal über ein Skelett gestolpert, aber eine Vision hat sie nicht gehabt. Erklärung folgt später – falls Durchlaucht eine solche noch brauchen.

»Also die Prinzeß aß noch etwas aus des Kapitäns Futterkorbe – Furagekorbe, wollte ich sagen, dann schlief sie im Stehen ein. Der Kapitän bettete sie sanft auf Meister Hydrians Lumpen und machte sich daran, den von der Prinzeß genommenen, abenteuerlichen Weg im Scheine seiner Laterne zu besehen. Er bog rechts in den Tunnel hinein, den ich vorhin erwähnte, eine Treppe hinauf, stieß mit dem Kopfe an eine Steinplatte, lüftete sie und befand sich in einem wohleingerichteten Hause. Freilich ging das nicht so schnell, da mußte er erst durch Kellergewölbe und noch einige Platten heben. In dem Hause war alles vorhanden, nur kein Mensch. Er fand die Haustür, konnte sie aber nicht öffnen, auch nicht sprengen. Gleichgültig! Doch warum sollte er die übermüdete Prinzeß auf den Lumpen schlafen lassen, da es in dem Turme schon gar nicht mehr appetitlich roch? Hier gab es die weichsten Betten, und der Weg war gar nicht weit.

»Gedacht, getan! Der Kapitän ging zurück und trug die Schlafende in seinen Armen in das Haus. Unterwegs erwachte die Prinzeß und war gleich wieder munter wie ein Fisch. Die beiden machten etwas aus. So ganz, wie sich dann alles entwickelte, war der Plan freilich noch nicht fix und fertig, aber die Idee, irgend einen Streich ins Werk zu setzen, war doch schon vorhanden. Die Hauptsache war, daß die beiden ihr Geheimnis, die Entdeckung dieses Tunnels, für sich behalten wollten.

»Das Haus befand sich in der Gaumates-Schlucht. Das konnten sie, indem sie zum Fenster hinausblickten, bestimmen, auf der rechten Seite, mehr nicht. Nun sollte die Prinzeß erst ausschlafen, der Kapitän ging nach der Teufelsinsel zurück, wollte sich morgen nach der Gaumates-Schlucht begeben, ein geheimes Zeichen wurde verabredet, welches die Prinzeß am Fenster machen sollte – dann war das Haus bestimmt, der Kapitän wollte es zu kaufen versuchen ...«

»Um weitere Allotria zu treiben,« ergänzte der Fürst mit finsterm Gesicht.

»Meinetwegen, ja. Der Kapitän ist jung und unverheiratet, er durfte es, kraft dieser Eigenschaften. Ja, er hatte noch mehr vor. Es ist ein bißchen stark, aber ... er hat es eben getan, und Dummheiten sind dazu da, daß sie gemacht werden. Ja, er hatte geradezu die Verpflichtung, es zu tun, denn es handelte sich um eine Wette, bei der viel auf dem Spiele stand.

»Außer Totenschädeln und etlichen andern Knochen hatte der Kapitän in dem Tunnel auch noch ein Leichenhemd gefunden. Es lag gleich unterhalb des Turmes, noch auf der Treppe. Wie das dahin kam, werde ich später erklären. Natürlich war es das Leichenhemd der Selbstmörderin. Das nahm er mit hinauf als erste Spur der Vermißten.

»Wie nun am andern Morgen die Beamten wiederkommen, und er sieht schon von weitem die gespensterbangen Gesichter der Herren, da fällt es dem Kapitän ein, den Toten zu markieren. Er zieht das Hemd an, legt sich neben den Alten auf die Pritsche und ... das andre wissen doch Durchlaucht.«

»Un-er-hört!!« ließ sich der Fürst entrüstet vernehmen.

»Ach was, unerhört,« meinte aber Nodody, der jetzt allen Respekt fallen ließ. »Die dummen Leute hielten ihn nun einmal für einen Vampir, und nicht nur die dummen, selbst sogenannte gebildete haben es geglaubt, daß der maskierte Kapitän jungen Mädchen das Blut aussauge, und denen mußte er nun doch eine Szene vormachen.«

Der alte Fürst biß sich auf die Lippen. Wußte dieser Mann, daß er, der Fürst, schon auf dem Wege gewesen war, von dem vermeintlichen Vampir seine Tochter zurückzufordern? Er fühlte den Hieb und schwieg.

Ja, und doch – war seine Tochter nicht in die Hände des maskierten Kapitäns gefallen?

»Was geschah nun weiter? Wo war die Prinzeß?«

»Die schlief in einem Bett der unbewohnten Mäander-Burg. Sie verschlief es. Sechs geschlagene Stunden mußte der Prinz in der Gaumates-Schlucht sitzen und alle Fenster im Auge behalten, ehe die Prinzessin das Zeichen gab, worauf wiederum der Prinz die drei verabredeten Revolverschüsse abknallte. Ein großer Zufall war es, daß dieses Haus gerade dem Lord Roger gehörte. Da hatte der Kapitän leichtes Spiel. Er holte den Lord und ...«

»Und hat ihn in alles eingeweiht?« fragte der Fürst hastig.

»War gar nicht erst nötig.«

»Wieso nicht erst nötig?«

»Von Lord Hannibal Roger geht ja die ganze Komödie mit dem maskierten Kapitän der Heliotrop erst aus.«

»Waaas?« fragte der Fürst mit großen Augen. »Von Lord Roger?«

»Gewiß, es handelte sich um eine Wette, oder auch um einen Auftrag ...«

Nobody ließ sich von einer Handbewegung unterbrechen.

»Schildern Sie erst weiter, was nun mit meiner Tochter geschah. Wo ist sie in den drei Tagen gewesen?«

»In der Mäander-Burg.«

»Zusammen – mit – dem Kapitän -?« kam es gedrückt heraus.

Nobody hob langsam die Schultern hoch und ließ sie dann mit einem energischen Ruck schnell wieder sinken.

»Durchlaucht, wir wollen ganz ungeniert sprechen. Ja, es ist geschehen. Es sind zwei junge Leutchen, sie verdienen Ihre Verzeihung. Und eine Heirat macht alles wieder gut.«

»Und das – nennen Sie – einen Ehrenmann?« hauchte der Vater.

»Na,« meinte Nobody unverfroren, »haben Sie denn Prinzeß Turandots Mutter geheiratet?«

Der alte Fürst fuhr nicht wieder entrüstet empor, er ließ vielmehr den Kopf tief auf die Brust sinken. Es half ja alles nichts, er mußte von diesem Manne Schlag für Schlag hinnehmen, und es waren Keulenschläge.

Es war auch noch ein andrer Gedanke, der ihn beherrschte, in diesem Augenblicke vielleicht noch mehr ans Herz greifend.

»Wußte sie denn – nicht – daß ich – schon hier war, um sie abzuholen, um sie wieder in meine Arme zu schliefen?« kam es stockend von seinen Lippen.

»Ja, sie wußte es.«

»Und sie – eilte nicht – sofort zu mir?«

Nobody hatte eine Antwort auf den Lippen, eine Antwort, die den Vater allerdings zu Boden geschmettert hätte. Er wollte sagen: ›Alter Mann, hast du deine Tochter nicht hilflos auf der Straße gelassen, deine Hand von ihr gezogen? Und da verlangst du auch noch, daß sie den, den sie soeben in Liebe gefunden, sofort wieder verläßt, um dir entgegenzufliegen, weil es dir endlich gefallen hat, dich um deine Tochter zu kümmern?‹

Aber er tat es nicht.

»Gott, versetzen Sie sich nur in die Lage solch eines Pärchens,« sagte er stattdessen. »Die Liebe, die Liebe! Natürlich wollte sie gleich zum Papa, aber – es ist eben ein dummes Ding mit der Liebe, sie sollte polizeilich gar nicht erlaubt sein – die drei Tage verflogen den beiden wie im Traum.«

Der Alte war doch sehr erschüttert, er legte die Hände vor die Augen.

»O, mein Kosak, mein Kosak!!« stöhnte er.

»Ja, daher der Name Kosak,« fing jetzt Nobody wieder in seiner trocknen Weise an. »Na, was denn? Als sie aus dem angenehmen Traume erwacht war, ist sie da nicht gleich zu ihrem guten Papa gegangen?«

»Um ihm ein Märchen zu erzählen, um ihn zu belügen.«

»Na, lassen wir das! Jugend hat eben keine Tugend. Der Kapitän hatte sie natürlich in die ganze Komödie, welche er der Welt vorführte, eingeweiht, und die Prinzeß war gleich Feuer und Flamme, da mitspielen zu können. Der Plan dazu entsprang ihrem erfinderischen Kopfe. Die beiden hatten während der Tage die unterirdischen Gänge noch näher untersucht und unter andern Entdeckungen auch die gemacht, daß der eine Seitentunnel in der Ruine eines leerstehenden Gehöftes endete. Nun war damals alles noch über den Eremiten erregt – die Prinzeß wollte eine weltentsagende Eremitin werden. Ich denke, die Komödie ist ganz vorzüglich geglückt.«

»Und während sie der Welt weismachte, sie nähre sich nur von Brot und Wasser, schwelgte sie in der Mäander-Burg.«

»Freilich, das eben gehörte mit zu der Posse. Und außerdem spielte sie noch die Rolle des maskierten Knaben, und ich denke, sie hat Talent zur Schauspielerin.«

»Unerhört! Aber dabei hat sie doch immer fleißig Strümpfe gestrickt!«

»I wo, dachte gar nicht daran. Die sind von Matrosen gestrickt worden. Daß die ersten Strümpfe so kläglich ausfielen, das war alles Berechnung.«

»Un-er-hört!!« echote der Fürst abermals.

»Daß Matrosen Strümpfe stricken?« tat Nobody harmlos. »Die meisten Matrosen können stricken, so gut wie sie zu schustern und zu schneidern verstehen.«

»Diese Komödie war eine Gotteslästerung!«

»Niemals!« sagte Nobody mit Entschiedenheit. »Von einer scheinheiligen Frömmigkeit war bei ihr niemals die Rede, und dann bedenken Sie, wieviel Gutes die Prinzeß dadurch gestiftet hat.«

»Was hat denn nun aber eigentlich die ganze Komödie mit dem Prinzen von Monte Carlo zu bedeuten?«

»Wozu ist denn überhaupt eine Komödie da? Um sich zu amüsieren! Das Ganze ist das Ergebnis einer feuchtfröhlichen Stunde. Haben Durchlaucht vom Kapitän Flederwisch gehört?«

Der Fürst verneinte.

»Es ist der Spitzname meines Freundes, den er als Seemann führt. Der Name Kapitän Flederwisch ist mir selbst geläufiger. Aber jetzt müssen mir Durchlaucht erst das Ehrenwort geben, nichts von dem zu verraten, was ich Ihnen nun erzähle, und ich versichere Ihnen, daß Sie mir Ihr Ehrenwort ruhig geben können, Sie werden dann auch gleich einsehen, warum ich es Ihnen abfordern muß. Es handelt sich nämlich um den Fürsten von Monaco.«

»Dann gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.« entgegnete jener ohne Zögern.

»Danke. Also Kapitän Flederwisch befindet sich in London, aus Geschäftsgründen. In einem Klub macht er die Bekanntschaft von Lord Hannibal Roger und andrer Herren, die sich immer langweilen, weil sie gar zu viel Geld haben. Nachdem sie sich ausgegähnt haben, fangen Sie von Monte Carlo an. Es wird darüber gesprochen, was die Kasinoverwaltung schon für verzweifelte Anstrengungen gemacht hat, die Wintergäste auch während des Sommers an Monte Carlo zu fesseln. Es ist noch niemals gelungen, da helfen keine Festlichkeiten – wenn die Schwalben nach Norden ziehen, fliehen alle menschlichen Wintergäste mit, ganz Monte Carlo stirbt aus. Da sagt Kapitän Flederwisch: ich weiß ein Mittel, sie festzuhalten. – Welches? – Irgend eins, es muß dort unten etwas Sensationelles herausgesteckt werden. – Es geht nicht. – Wetten, daß? Ich setze gleich eine Million Pfund Sterling ein ...«

»Wieviel?« stutzte Fürst Alexjeff.

«Eine Million Pfund Sterling.«

»Das wären 25 Millionen Francs,« staunte der Russe, der, obgleich selbst überreichlich mit Schätzen gesegnet, dennoch vor dem goldnen Kalbe hochachtungsvoll seinen Fürstenhut abnahm. Jedenfalls gehörte er zu jenen Durchschnittsmenschen, denen die Bekanntschaft mit einem dummen Krösus schmeichelhafter dünkt, als die mit einem geistvollen Kopf.

»Ist denn dieser ... dieser ... Paul Müller so reich, daß er gleich eine Million Pfund Sterling zum Verlieren einsetzen kann?«

»Ja, er hat es dazu. Ich will Ihnen später erzählen, wie er dazu gekommen ist. Kolumbus und Pizarro waren auch nur Abenteurer, und sie haben ihrem Vaterland unermeßliche Schätze und sogar ganze Weltteile geschenkt. – Das heißt, das war von Kapitän Flederwisch, wenn er auch eine Million Pfund Sterling verlieren konnte, eigentlich nur eine leichtsinnige Redensart, die Ausgeburt einer Champagnerlaune. So ernst wurde das auch nicht genommen. Eine eigentliche Wette wurde nicht daraus, die Herren arbeiteten zusammen. Lord Roger hatte sich auf einer australischen Werft eine Motorjacht bauen lassen, also die Heliotrop, ein prachtvolles Fahrzeug, aber der exzentrische Lord hatte sich wegen einer Kleinigkeit geärgert, wollte das Ding nicht mehr haben. Wenn es nun dem Kapitän Flederwisch gelang, einen gewissen Prozentsatz der ständigen Wintergäste in Monte Carlo durch seine Bemühungen festzuhalten, nur vier Wochen lang, so sollte die Heliotrop ihm gehören, Flederwisch setzte also gar nichts ein, und wie sehr dem Lord daran gelegen war, den Grund seines Ärgers los zu werden, das ersehen Durchlaucht daraus, wie kräftig der Lord selbst bei der Komödie mitgewirkt hat. Es handelte sich ja überhaupt nur um einen Jux, in dem Kapitän Flederwisch die Hauptrolle spielte, und so etwas läßt sich Lord Roger doch nicht entgehen.«

»Der Lord hat selbst mitgespielt, un-er-hört!« echoten Durchlaucht abermals. »Inwiefern?«

Der Fürst begann sich so dafür zu interessieren, daß er ganz die Hauptsache vergaß, seine Tochter.

»Nun, zunächst fing die Komödie doch damit an, daß der Lord von seiner Begegnung mit dem uralten Kapitän der Heliotrop erzählte, in Colombo usw. wie der überall seinen Hiran Singh suchte.«

»Und davon war gar nichts wahr?«

»I, Gott bewahre!« lachte Nobody jetzt. »Das war doch nur die Vorbereitung, alles aus der Luft gegriffen.«

»Un-er-hört!«

»Die vierzig Zentner Goldbarren gehörten Carnegie, der hatte in Alexandrien einen Geschäftsabschluß gemacht und dort 5 Millionen Francs in Gold zu zahlen, er vertraute es der Heliotrop an, natürlich versichert, das Geld nahm in Monte Carlo nur einmal eine Station auf Smiths Bank, dann wurde es weiter nach dem Orte seiner Bestimmung abgeführt.«

»Und Carnegie war auch mit an der Komödie beteiligt?«

»Gewiß doch.«

»Un-er-hört! Und jener Hiran Singh?«

»Das war ein vigilanter Armenier, der zum Adepten gestempelt wurde.«

»Und nun die Verjüngungskur. Dieser ursprüngliche Kapitän der Heliotrop, wie er sich zuerst präsentierte, soll doch wirklich ein alter Mann gewesen sein.«

»Ja, das war ein Meisterstück von Kapitän Flederwisch, und dennoch ist es überaus einfach. Eben ein geschickter Taschenspielerkniff. Jener alte Mann war gar nicht Flederwisch. Das war eben wirklich ein alter Mann. Und es gelang während der drei Tage, den alten Mann aus dem Hotel unbemerkt herauszubugsieren und den jungen Kapitän hineinzueskamotieren. Warum sollte denn das nicht gehen? Geschickt war es freilich gemacht worden, aber warum sollte denn das nur ganz unmöglich sein? Das Hotel und das Zimmer wurden doch gar nicht so streng bewacht? Mich wundert nur, daß das Publikum darüber so erstaunt war. Da werden doch unter den schwierigsten Verhältnissen noch ganz andre Tricks ausgeführt.«

»Und der Passepartout des Fürsten?«

»Das ist es, weswegen ich vorhin das Ehrenwort von Ihnen forderte. Wie Kapitän Flederwisch als Dramaturg seinen Plan ausarbeitete, hatte er gleich an eine geheimnisvolle Maske gedacht, mit der er das Publikum düpieren wollte. Ja, das wäre ja herrlich gewesen, aber – das geht doch am wenigsten in Monte Carlo zu machen, wo es mit der Legitimation so genau genommen wird. Hier wußte Lord Roger einen Rat. Der Fürst von Monaco ist diesem englischen Krösus zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet. Mit dem Fürsten hat es bis vor kurzer Zeit sehr faul gestanden. Viele Familienschulden. Und die Spielbank ist vom Landesvater ebenso abhängig wie der Landesvater von der Spielbank, von wegen, Sie wissen ...« Nobody machte mit den Fingern die Bewegung des Goldzählens, » ... und hier war die Möglichkeit vorhanden, die Wintergäste auch im Sommer festzuhalten, daß sie ihr Geld lassen ... na, kurz und gut, es wurde gemacht, der Passepartout ausgestellt!«

Fürst Alexjeff war aufgestanden, um einige Gänge durchs Zimmer zu machen, wobei er immer nur den Kopf schüttelte. Sein ›un-er-hört!‹ sagte er jetzt nicht mehr – vielleicht, weil nun der Fürst von Monaco in Betracht kam.

»Eben aus diesem Grunde,« fuhr Nobody fort, »hätte niemand erfahren, wer eigentlich hinter diesem maskierten Prinzen von Monte Carlo steckte. Wozu auch? Diese englischen und amerikanischen Milliardäre belustigen sich nur, wie das Publikum Mund und Nase aufsperrt, und das genügt ja auch. Übrigens ist es ja jetzt noch ganz genau dasselbe. Der Kapitän wird jetzt noch einen Haupttrick ausführen, und dann wird er wieder spurlos von der Bühne verschwinden, so unbekannt, wie er zum ersten Male aufgetreten ist. Nur mit Ihnen, Durchlaucht, muß eine Ausnahme gemacht werden. Sie müssen jetzt in alles eingeweiht werden. Sehen Sie, Durchlaucht, das, was ich geschrieben habe, und was Sie vorhin gelesen haben, wie ich nach der Insel geschwommen und dem Manne mit der weißen Lampe nachgeschlichen bin, wie ich in den Tunnel drang und den Kapitän und den Knaben ohne Maske beobachtet usw. usw. - an alledem ist doch kein einziges, wahres Wort ...«

Mit einem Ruck blieb der Fürst in der Mitte des Zimmers stehen.

»Waaas? Das alles – ist – gar nicht – wahr?!«

»I, Gott bewahre, der ganze Bericht ist nur ein Erzeugnis meiner Phantasie,« entgegnete Nobody mit dem größten Gleichmut.

Der alte Fürst war stehen geblieben – jetzt blieb auch noch sein Verstand stehen. Er sah bald wie ein Irrsinniger aus, so stierte er den andern an.

»Das heißt,« fuhr Nobody unbeirrt fort, »nach der Insel bin ich wohl einmal geschwommen, um dem Spuk auf den Grund zu kommen, aber das ist von einem ganz andern Gesichtspunkte aus zu betrachten. Ich bin doch der Hauptmacher von der ganzen Sache. Der Spuk ging erst von mir aus. Als ich nach der Insel schwamm, wollte ich untersuchen, wo die Leiche ...«

»Sie sind – der Hauptmacher – von der ganzen Sache?« echote der Fürst.

»Jawohl. Sie kennen doch die Ordonnanz des Kapitäns, den dicken Wilm mit der Hornbrille und den X-Beinen?«

»Ich habe ihn oft genug gesehen.«

Nobody spuckte seinen Primtabak zum Fenster hinaus.

»Der bin ich selbst.«

Fürst Alexjeff war überhaupt keines Wortes mehr fähig.

»Ich bin mit Kapitän Flederwisch geschäftlich eng verbunden. Wir arbeiten in Kompanie. Er deckt mich. Davon aber darf die Welt nichts erfahren. – Wir müssen bei dieser ganzen Geschichte drei Parteien mit verschiedenen Interessen unterscheiden: für den Kapitän handelte es sich darum, sich die prachtvolle Motorjacht zu verdienen, die englischen und amerikanischen Herren wollten sich nur einmal amüsieren; und ich faßte diese Gelegenheit beim Schopfe, um eine journalistische Fehde siegreich zu Ende zu führen. – Seit langer Zeit schon greifen nämlich die Gebrüder Hobwell in ihren 78 Zeitungen das ›Worlds Magazine‹ in schärfster Weise an, nennen es ein Schundblatt usw., mich nennen sie einen Hokuspokusmacher. Wohl! Mögen sie recht haben! Ich aber wollte ihnen nun einmal einen Hokuspokus vormachen, daß ihnen die Augen übergingen. Hierzu hatte ich jetzt die beste Gelegenheit. Ich ließ das Gerücht verbreiten, ich hätte mich von Mr. World in Unfrieden getrennt, seine Zeitung bestätigte es. Unterdessen wurde hier die Harlekinade mit dem maskierten Kapitän aufgeführt. Ich also bin der x-beinige Wilm, ich arrangiere alles, ich bin der Hauptmacher vom Ganzen, wenn auch nur hinter den Kulissen. – Es hält sich hier ein Mr. Hobwell auf. Er hat schon viel darangesetzt, die geheimnisvolle Maske des Kapitäns zu lüften, aber immer vergebens. Seit Mr. Dixon von der ›ruhelosen Seele‹ den elektrischen Schlag wegbekommen hat, wobei diesmal Lord Roger als deus ex machina im Hintergrunde stand, findet sich nicht so leicht wieder ein Reporter, der solch ein Wagnis unternimmt. Nun nehmen Sie an, ich gehe zu Mr. Hobwell, stelle mich vor – ich bin Nobody, Sie wissen doch, daß ich mich von Mr. World getrennt habe, ich habe den Fall des Prinzen von Monte Carlo auf eigne Faust untersucht, habe bereits alle Geheimnisse enthüllt, hier ist schon mein Bericht – was geben Sie mir dafür? Dieser Hobwell hat mich zwar einen Hokuspokusmacher genannt, aber er weiß doch, wer ich bin, und was ich kann. Ich sage Ihnen: er würde mir vor Freude gleich um den Hals fallen und mich abküssen – und außerdem mir goldne Berge versprechen. Er liest also das Manuskript, und ich gewähre ihm, um ihn von der Wahrheit zu überzeugen, einen Blick hinter die Kulissen, wenn auch nur einen flüchtigen. Jetzt wird mein Spezialbericht in den 78 Zeitungen veröffentlicht. Unter anderm wird darin auch erzählt, wie ich, der Detektiv Nobody, mich 40 Meter tief unter der Erde mit dem x-beinigen Wilm herumprügle. Wir beide balgen uns, daß die Haare nur so in der Nachbarschaft herumfliegen. Und da mit einem Male veröffentlicht ›Worlds Magazine‹ einen andern Artikel von mir, in dem ich die Wahrheit erzähle – wenn ich auch nicht sage, daß der maskierte Kapitän mein Freund und Kompagnon Flederwisch ist – aber ich selbst habe erst die ganze Komödie arrangiert, ich selbst bin dieser x-beinige Wilm, und ich liefere den Beweis dafür! Verstehen Durchlaucht? Die Gebrüder Hobwell samt ihren 78 Zeitungen sind unsterblich blamiert, die Lacher sind auf unsrer Seite, die Abonnentenzahl von ›Worlds Magazine‹ schnellt gleich um einige Zehntausend in die Höhe, und das ist mein eigner pekuniärer Vorteil, und ich habe den Sieg in dieser journalistischen Fehde davongetragen. Ich gestehe ja ganz offen, das ist nicht eben fein gehandelt, aber ... das ist der Krieg.«

Und Nobody schnipselte gleichmütig ein neues Stückchen Kautabak zurecht.

Der alte Diplomat aber stand noch immer mitten in der Stube, und jetzt faltete er die Hände über dem Leibe, blickte zur Decke empor und schüttelte langsam den Kopf. Nein, auf solche Finessen war seine Diplomatie denn doch noch nicht gekommen!

»Die Geschichte mit der Prinzeß Turandot,« nahm Nobody wieder das Wort, »und daß Kapitän Flederwisch sein Herz in Liebe verlor, das war in meinem Programm nicht vorgesehen. Das ändert nun vieles, alles. – Durchlaucht!«

Nobody stand auf und trat einen Schritt auf den Fürsten zu, seine Stimme nahm einen ganz andern Klang an. »Ihnen, Ihrer Tochter und meinem Freunde zuliebe sehe ich von der ganzen Sache ab, ich gehe nicht zu Hobwell, nichts soll veröffentlicht werden, alles soll im Sande verlaufen, aber ... jetzt kommen Sie mit mir und segnen Sie den Bund Ihrer Tochter mit meinem jungen Freunde!«

In diesem Augenblicke kam es dem Fürsten voll und ganz zum Bewußtsein, wie er in die Gewalt dieses rätselhaften Mannes gekommen war, auf Gnade und Ungnade; wie mit Bärenpranken hielt derselbe ihn umklammert, und er wußte nicht, ob er staunen solle, wie dieser Mann das so geschickt fertig gebracht hatte, oder ob er sich vor ihm entsetzen solle.

Es blieb ihm ja kaum noch etwas andres übrig, als auf alles einzugehen, sein Kosak ließ sich ja überhaupt von ihm gar nichts sagen – er war eben mit dem Grafen Maximilian fünf Minuten zu spät gekommen – und wenn er doch noch zögerte, so geschah dies aus einem andern Grunde.

»Wenn ich nun gleich, als Sie als Brautwerber Ihres jungen Freundes kamen, nachdem ich mich über ihn näher erkundigt hätte und mit allem zufrieden gewesen wäre, mein Jawort gegeben hätte, was dann?«

»Ja, das wäre sehr schön gewesen,« entgegnete Nobody. »Da hätten Sie von dem ganzen Krempel überhaupt gar nichts erfahren. Ich wäre der Privatgelehrte Jules Bertran geblieben, hätte Ihnen sehr bald einen stattlichen Herrn als den Kapitän Paul Müller vorgestellt, er wäre mit Ihnen nach der Einsiedelei zu Ihrer Tochter gegangen, und alles wäre in Ordnung gewesen. Niemals hätten Sie erfahren, was die beiden schon für dumme Streiche gemacht haben, daß dieser Herr Paul Müller der maskierte Prinz von Monte Carlo ist usw. Wenigstens jetzt hätten Sie es nicht erfahren, vielleicht später einmal! Diese bittere Stunde wäre Ihnen jedenfalls erspart geblieben. Aber als Sie mir die Türe wiesen, mich quasi hinausschmissen – da freilich mußte ich frisch vom Leder ziehen.«

Der so schwer geprüfte alte Mann konnte doch noch lächeln.

»Und jetzt wird nichts mehr über diese Sache veröffentlicht?«

»Gar nichts. Prinzeß Turandot verläßt ihre Einsiedelei, sie ist des trocknen Brotes und Wassers und der ganzen Weltentsagung eben überdrüssig, und auch der Prinz von Monte Carlo wird wieder verschwinden, ohne daß die Welt erfährt, wer der maskierte Kapitän der Heliotrop eigentlich gewesen ist. Nur noch eine einzige Überraschung soll dem leichtgläubigen Publikum bereitet werden, dann fällt der Vorhang.«

»Was für eine Überraschung?«

»Kommen Sie mit mir, ich werde Sie schon vorher hinter die Kulissen blicken lassen! Erst aber beruhigen Sie Ihre Tochter, denn schwere Sorgen hat sie doch; sie liebt ihren Vater trotz alledem mit aller Kraft ihres jugendlichen Herzens; und dann heißen Sie den, welchen Ihre Tochter noch inniger liebt als den Vater, weil das eben die Natur so will, als Ihren Schwiegersohn willkommen, und wenn Ihnen meine Versicherung nicht genügt, daß es ein ehrenwerter Mann ist, so holen Sie über ihn Auskunft ein bei Lord Roger und Mr. Carnegie.«

Wie schon gesagt, auch dieser russische Fürst beugte sich vor dem roten Golde, und die Namen ›Lord Roger‹ und ›Carnegie‹ hatten für ihn noch einen besonderen Klang. Wenn diese für jenen Mann gutsagten, dann war auch wirklich alles gut, und daß diese beiden mit hinter den Kulissen steckten, das nahm dem frevelhaften Spiele auch schon die ganze Ungeheuerlichkeit.

»Wohin führen Sie mich?«

»In meine Wohnung, die ich als Monsieur Bertran innehabe.«

»Was soll ich dort?«

»Dort beginnt der Faden der Ariadne, den wir zu verfolgen haben, um uns aus dem Labyrinth herauszufinden.«

»Gut, ich folge Ihnen!«

Der Fürst ließ sich Stock und Hut bringen; der Diener hatte sich wieder entfernt, der alte Herr war schon auf dem Wege zur Tür, als er plötzlich stehen blieb, seinen Begleiter starr ansah und die Hand auf die Stirn legte.

»Ja, wie ist mir denn?« murmelte er. »Sie wollen mich zu Herrn Kapitän Müller führen?«

»Jawohl, auch Kapitän Flederwisch genannt.«

»Das ist doch aber ... der Maskierte, der Prinz von Monte Carlo?«

Nobody wunderte sich nicht, daß jener dieser Vermutung erst jetzt Ausdruck gab, er wußte schon, was dem alten Herrn jetzt plötzlich eingefallen war und ihn stutzig machte, und innerlich amüsierte er sich.

»Gewiß doch, das ist ein und dieselbe Person.«

»Ja, aber ... jetzt sofort soll ich ihn sehen?«

»Jetzt sofort. Und den Lord auch.«

»Den Lord Roger?«

»Auch den Lord Hannibal Roger.«

»Ja, aber ...,« fing der alte Herr immer wieder an, »ich denke ... die sind nach der Südsee ... nein, nach der marokkanischen Küste hinübergefahren ... und der Lord ist doch ...«

»Sogar enthauptet worden,« kam Nobody dem Fassungslosen zu Hilfe. »Freilich, die Madame Pompadour war doch selbst bei der Hinrichtung, hat mit eignen Augen gesehen, wie dem armen Lord das Haupt vom Rumpfe geschlagen wurde, und da muß es doch wahr sein.«

»Ja, ist es denn nicht ...«

»Na, kommen Sie nur mit, Durchlaucht,« lachte Nobody jetzt aus vollem Halse, »wir dampfen eben von meinem Häuschen aus direkt nach der Pirateninsel an der marokkanischen Küste, dort wird Ihnen der kopflose Lord nähere Erklärungen geben.«

Noch einen unsichern Blick nach dem lachenden Sprecher, dann stampfte der Fürst ärgerlich den Stock auf, aber er lachte selbst dabei.

»Zum Teufel, da werde der Kuckuck daraus klug! Ich kann's nicht. Ich glaube, das Einfachste ist es, ich gehe mit Ihnen.«

Und er folgte gehorsam dem Manne, dem er vor einer halben Stunde die Tür gewiesen hatte.

 

Hiermit ward auch einmal angedeutet, was die dem Pökelfleischfasse entstiegene Pompadour alles erzählt hatte. Natürlich flunkerte sie fürchterlich, vielleicht unbewußt, hielt ihre eigene Phantasie für Wirklichkeit, glaubte wahrscheinlich schon selbst, wie sie erzählte, dabeigewesen zu sein, wie der unglückliche Lord Roger seinen Fluchtversuch mit dem Kopfe büßen mußte, und solche Erzählungen wußte sie mit allen Details auszuschmücken.

Die Erregung war in Monaco-Monte Carlo natürlich ungeheuer gewesen. Ja, warum sollte man denn aber auch der Pompadour keinen Glauben schenken? Sie war doch mit der Heliotrop fortgefahren! Das hatte man gesehen. Und wie kam sie nun in dem zugenagelten Fasse nach dem Strande von Monaco?

Alles, was sie erzählte, beruhte eben auf buchstäblicher Wahrheit.

Auch der Brief, den sie an ihre Zofe geschrieben hatte, war angekommen und trug wirklich den Poststempel von Marokko. Freilich hatte er Monte Carlo zwei Tage später erreicht als die Schreiberin. Das kam eben daher, weil die Postverbindung zwischen der Pirateninsel und Marokko nicht so häufig war.

Auch die andern Damen hatten geschrieben, alle Briefe trugen den marokkanischen Stempel, und sie alle enthielten erst die sensationellsten und dann die schauderhaftesten Berichte, keiner widersprach dem andern.

Ja, was sollte man nun zu alledem sagen?

Man war empört, daß sich die Polizei dem gegenüber so gleichgültig verhielt. Wenn es nach den Heißblütigen gegangen wäre, so hätte gleich die französische Kriegsflotte abdampfen müssen, um die Pirateninsel zu suchen und diesen Karabaß zur Bestrafung heranzuziehen. Andre meinten, daß hierzu die Armee von Monaco vollkommen genüge.

Dies letztere mochte ein Witz sein, Tatsache aber war, daß sich schon ein Komitee bildete, um zu beraten, wie man die Damen befreien könne, ohne welche Monte Carlo kein Monte Carlo ist.

Wirklich schade, daß die Beschlüsse dieses Komitees nicht zur Ausführung kamen! Das hätte noch einen herrlichen Spaß gegeben!

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