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Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band

Robert Kraft: Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band - Kapitel 5
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDetektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band
publisherH.G. Münchmeyer
correctorreuters@abc.de
senderGeorge Huberty
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4. Die Rätsel mehren sich

»Da – da – da ist es wieder – fort ist es – jetzt ist's am Ufer – jetzt schwebt es zurück ...«

»Jetzt ist sie gerade dort, wo ihr Vater begraben liegt,« erklärte der alte Hydrian, welcher die Ortsverhältnisse auf der Teufelsinsel am besten kannte und sie auch von weitem beurteilen konnte.

An dem Strand der westlichen Bucht drängte es sich Kopf an Kopf, der Garten der Arche Noah war dicht besetzt, desgleichen links der Felsen von Monaco, und wenn es noch nicht heute Nacht geschehen war, weil man noch nicht sicher gewesen, ob der Spuk sich wiederholen werde, so würden morgen Abend die Fenster aller Häuser gegen schweres Geld vermietet sein, von denen man die Teufelsinsel aus erblicken konnte.

Denn auf der Teufelsinsel spukte es!

Gestern Nacht gegen ein halb ein Uhr hatte zuerst die Schildwache oben auf Monaco das Lichtchen auf der Teufelsinsel hin und her huschen sehen, dann sahen es noch mehrere von selbst, andere erfuhren es, und als die Restaurationen geschlossen wurden, beobachteten es einige hundert Menschen.

Es war ja nicht durchaus gesagt, daß es eine leuchtende Seele sein mußte, welche im Grabe keine Ruhe fand, es konnte ja auch ein lebendiger Mensch sein, der auf der Teufelsinsel um Mitternacht mit der Laterne spazieren ging – aber viel näher lag für das abergläubische Volk doch die Vermutung, daß das flackernde Lichtchen mit der jungen Selbstmörderin zusammenhing, deren spurloses Verschwinden, tot oder lebendig, immer noch ein unaufgeklärtes Geheimnis war und bleiben zu wollen schien.

Die Teufelsinsel hatte keinen Hüter mehr. Jetzt sollte wirklich der Teufel darauf wohnen. Der alte Selbstmörder war an jenem Tage begraben worden, Polizisten und Kriminalbeamte statteten der Insel noch mehrere Besuche ab, aber immer nur am hellen Tage – man mußte ja nach der verschwundenen Leiche suchen – doch alle Bemühungen waren vergebens, sie wurde nicht auf der Insel gefunden, war nicht zwischen den Klippen eingekeilt, wurde weder hier noch am Festland angetrieben.

Inzwischen war noch kein Selbstmord wieder passiert, also war auch niemand zu begraben gewesen. Trotzdem brauchte die Insel einen Wächter, das forderten die Gesetze. Man verzieh dem alten Hydrian – allein der war nicht zu bewegen, die Insel wieder zu betreten.

Die Stelle wurde öffentlich ausgeschrieben, man suchte unter der Hand, man verdoppelte den Gehalt und stellte die günstigsten Bedingungen – alles vergeblich, es wurde kein neuer Totengräber gefunden, der zugleich auf der Insel wohnen sollte, wie sein Amt es unbedingt verlangte.

Die Schuld hieran trug hauptsächlich der alte Hydrian. Dieser hatte sofort, als er wegen Pflichtversäumnis entlassen worden war, die grausigsten Geschichten von der Teufelsinsel erzählt, was er da schon früher Entsetzliches erlebt, was für ein Seufzen und Stöhnen er da schon früher bei nächtlicher Weile gehört habe, und er verstand die Spukgeschichten ganz hübsch auszuschmücken.

Wie er sich widersprach, das lag ja ganz klar auf der Hand. Hätte er schon früher etwas Unheimliches auf der Insel erlebt, so hätte er doch auch schon früher das Hasenpanier ergriffen, das bewies er ja eben jetzt, und daß er behauptete, vor Toten und deren Seelen fürchte er sich nicht, aber wenn Tote wieder lebendig würden und als verweste Leichname auf der Insel herumliefen, mit so etwas wolle er nichts zu tun haben, so war das doch erst recht Unsinn. Nein, der Mann wollte sich nur für seine Entlassung rächen, und das war ihm denn auch gründlich geglückt. Er brachte die Regierung dadurch, daß sie infolge seiner Spukgeschichten keinen Nachfolger für ihn fand, in die schwerste Verlegenheit.

Zu erzählen, was für Gerüchte über das Verschwinden der Leichen zirkulierten, das wollen wir uns ersparen. Erwähnt sei nur, daß der Fall dadurch wirklich ganz mysteriös wurde, daß jener Arzt und Leichenbeschauer hartnäckig bei seiner Behauptung blieb, es habe eine absolut tödliche Blausäurevergiftung vorgelegen. Hydrian versicherte überdies, die Leiche des jungen Mädchens hätte schon starke Spuren der Verwesung gezeigt, und doch hatte man Merkmale gefunden, die darauf hinwiesen, daß die Selbstmörderin später noch auf der Insel herumgelaufen war.

Wenn sie dann aber ihren Tod im Wasser gesucht und gefunden, so hätte ihr Körper angeschwemmt werden müssen, so etwas wissen die hiesigen Fischer, die oft genug Leichen bergen, ganz genau, und da dies aber nicht geschah, so konnte es sich nur um einen nachträglichen Raub handeln, begangen an einer Leiche oder an einer Wiedererwachten.

Kurz und gut, man kam zu keiner Erklärung, bei diesen Versuchen drehte man sich immer nur im Kreis herum, und das Volk wollte ja überhaupt den Fall nicht auf natürliche Weise erklärt haben. So entstanden immer ungeheuerlichere Spukgeschichten ... aber sie hingen eng mit dem geheimnisvollen Kapitän der Heliotrop zusammen.

Dieser ließ, seit er die Mäander-Burg bezogen hatte, wenig mehr von sich hören. Er war nur einmal im Kasino gewesen und hatte viel verloren. Pferd und Wagen waren immer noch nicht angeschafft worden, wie er zu Monsieur Girard gesagt hatte. Er schien durchaus keine fremden Leute in sein Haus nehmen zu wollen, vielleicht hatte er Pferdekundige auf seiner Jacht, deren Rückkunft er abwartete, und es mochte auch sein, daß ihm das lange Ausbleiben der Jacht große Sorge bereitete.

So hielt er sich immer in seiner Felsenburg auf, suchte keine Gesellschaft und führte mit seinen drei Matrosen ein richtiges Junggesellendasein. Niemand wußte, was er eigentlich in seiner Behausung trieb.

Zehrte er immer noch an der Leiche der jungen Selbstmörderin? Viele meinten, daß es mit dieser eine ganz andere Bewandtnis habe, da hätte sich der Vampir vielleicht einmal in dem erspähten Opfer geirrt. Er war doch selbst so furchtbar entsetzt gewesen, und wo hatte er denn das Leichenhemd des jungen Mädchens herbekommen? Warum hatte er es angehabt? Weshalb hatte er es selbst nicht wieder ausziehen können, so daß es ihm abgerissen werden mußte? Was war damals überhaupt geschehen? Was hatte er an den Fürsten von Monaco berichtet?

Mit der Prinzeß schien man ihm damals doch Unrecht getan zu haben. Oder auch nicht! Wo war die denn die drei Tage gewesen? Sah das nicht gerade so aus, als ob sie jetzt Buße tue für das, was sie gesündigt hatte? Wenn auch gesündigt wider ihren Willen! Sie war ganz einfach dem Vampir begegnet und hatte zu ihrer Errettung aus seinen Klauen ein Gelübde getan.

Das heißt, so sprachen die Monacasgogner hin und her, welche nicht gerade auf einer sehr hohen Stufe der geistigen Aufklärung stehen. Das gebildete Publikum von Monte Carlo dachte über den Fall auch gebildeter. Aber jedenfalls war dies alles doch so interessant, daß Ostende und die anderen Sommerfrischen ganz vergessen wurden, und selbst Geschäftsleute noch blieben, deren Zeit hier schon längst abgelaufen war. Jeder Tag konnte ja die Lösung aller dieser geheimnisvollen Rätsel bringen, die Berichterstatter der großen Zeitungen waren jetzt doch sicherlich mit Volldampf dahinterher, wenn sie vorläufig auch noch nicht davon sprachen, sie wollten ein Resultat bringen, und das mußte man denn hier an Ort und Stelle abwarten.

Nun kam noch der Mitternachtsspuk auf der Teufelsinsel hinzu! Würde er sich heute Nacht wiederholen? Alles war auf den Beinen.

Richtig, punkt zwölf tauchte dort drüben ein Lichtchen auf und begann auf der Insel hin und her zu schweben!

Unter den Fremden gab es natürlich genug, auch Damen, welche einem Gespenst sofort auf den Leib gegangen wären, wenn sie nur einmal eins zu sehen bekommen hätten. Dagegen ganz allein eine Nacht an solch einem Ort wie dieser Selbstmörderinsel zuzubringen, dazu gehörte schon etwas anderes, da liegt etwas Geheimnisvolles im menschlichen Herzen, und wer darüber spottet, der beweist von vorneherein, daß er ein Renommist ist. Aber sich vor Gespenstern fürchten – Furcht vor ihnen haben! – das ist wiederum etwas ganz anderes. Ein ›Ausreißen‹ gibt es eben nicht – wenigstens nicht bei dem Menschen, welcher sich wirklich als Mensch und als Herrn der Erde fühlt.

»Da macht sich jemand einen Witz.«

»Ich fahre hin. Wer kommt mit?«

Lord Rogers Boot war zuerst klar, obgleich es von seiner Jacht aus noch mit Fackeln und anderen Leuchtkörpern ausgerüstet wurde. Er hatte sich in einer ›besseren‹ Gesellschaft von Herren und Damen befunden, sie alle gingen in das große Boot mit vier Ruderern, niemand schloß sich aus, und andere Bootsführer wurden von verschiedenen Seiten angetrieben, sich zu beeilen. Diese Boote lagen alle in der eigentlichen Bucht von Monaco, auf der anderen Seite hob Graf Cigalgi nur die Fahrzeuge von wohlhabenden oder doch sportliebenden Bürgern auf, und von diesen hatte kein einziger Lust, das tanzende Licht näher zu untersuchen.

So mußte von hier aus erst der weit vorspringende Felsen von Monaco umrundet werden, und zwanzig Minuten waren doch vergangen, ehe Lord Rogers Boot die Teufelsinsel in Sicht bekam.

Die See war spiegelglatt, der Himmel bewölkt, nur ab und zu erhellte das letzte Viertel des Mondes die stille Nacht, so still, daß man trotz der weiten Entfernung das Murmeln der am Strande versammelten Menge hören konnte – und dort auf der Insel huschte das Lichtchen herum!

»Ich halte auf die Seeseite der Insel zu,« flüsterte Lord Roger, welcher am Steuer saß. »Nach dem Lande kann kein Boot entkommen, ohne gesehen zu werden, und wir beobachten die Seeseite.«

»Sie denken, es ist jemand mit einem Boot auf der Insel gelandet?«

»Ja, irgendein Mensch muß doch darauf sein, die Laterne, oder was es sonst ist, geht doch da nicht allein spazieren, und wie soll er denn sonst hinübergekommen sein, wenn nicht in einem Boote?«

»Er ist hinübergeschwommen.«

»Au,« sagte ein Herr, der die Hand ins Wasser getaucht hatte, »das ist verflucht kalt – pardon, meine Damen!«

»Mister Arnold badet den ganzen Winter hindurch.«

»Das tue ich auch.«

»Sie, Mr. Janken?« wurde besonders von den Damen spöttisch gelacht. »Sie wären gerade der rechte!«

»Ich meine natürlich in der geheizten Badewanne.«

So flogen die Scherzreden hin und her. Man sieht also, von Gespensterfurcht wurde diese Gesellschaft nicht geplagt, und das war auch kein Galgenhumor, mit dem sie einander Mut machen wollten, sondern grundechter.

»Ja, was mag das aber nur sein?« hieß es dann wieder.

»Wir werden dieses ›Das‹ schon fassen,« versicherte Lord Roger.

»Weg ist es wieder – und jetzt scheint das Lichtchen für immer verschwunden zu sein.«

Das Boot war noch hundert Meter von der Insel entfernt; in einer halben Minute mußte es diese Strecke durcheilt haben.

Es war gerade wieder finster geworden und von dem flackernden Lichtchen schon seit einiger Zeit nichts mehr zu sehen.

Der steuernde Lord Roger bat die Gesellschaft um Ruhe, die Riemen arbeiteten geräuschlos in den Gabeln, nur am Bug plätscherte das Wasser etwas. Noch immer war das Murmeln der Menge ganz deutlich zu vernehmen. Und mit einem Male verwandelte sich dieses unbestimmte Murren in deutliche Worte:

»Da – da – eine weiße Gestalt! – das ist sie! – Jesus, Maria und Joseph, dort steht sie wirklich!«

So erscholl es vom Ufer her. Aber vom Boot aus war nichts Auffallendes zu bemerken, es näherte sich ja auch der Insel von der Seeseite.

»Wo – wo?« erklang es aufgeregt im Boot.

Da plötzlich zerriß die Wolkenhülle, der Mond übergoß mit schwachem Licht die Insel, und in diesem sah man auf einem Felsenvorsprung eine weiße Gestalt stehen, die Arme ausgebreitet – sie bewegte dieselben, schien abwehrende Zeichen zu machen, und gleichzeitig hörte man klagende Töne.

Dieser unvermutete Anblick bewirkte, daß allen der Herzschlag stockte.

Doch kaum drei Sekunden hatte man den Anblick der weißen Gestalt, da erscholl ein furchtbarer Donnerschlag, und verschwunden war die Erscheinung.

»Was war das?« hauchten Lippen, welche vor Erregung bleich geworden waren.

Die Matrosen hatten die Ruder aus dem Wasser genommen, aber das Boot befand sich noch in voller Fahrt. Lord Roger, der Einzige, der keinen Augenblick die Besinnung verlor, hatte sich aufgerichtet, und es war ein Bravourstückchen der Geistesgegenwart, welches er im nächsten Augenblick ausführte. Die Felsenwände gaben noch das Echo des rätselhaften Donnerschlags wider, der das Verschwinden der weißen Gestalt begleitet hatte, als der Hand des Lords ein Feuerstrahl entfuhr, er zeichnete in der Luft einen glühenden Streifen, das Ende blieb in der Höhe stehen, ein schwacher Knall – und ein blendend weißer Lichtregen übergoß die kleine Insel mit Tageshelle.

Es war eine Magnesiumrakete gewesen, aber Zweck hatte sie nicht gehabt. Man sah ganz deutlich jeden Baum auf der Insel, nur die weiße Gestalt nicht mehr, und sie hatte hoch auf einer nackten Klippe gestanden, und selbst wenn sie schnell zurück zwischen die Büsche gesprungen wäre, man hätte sie doch sehen müssen, so schnell war der Lord mit seiner Rakete zur Hand gewesen.

Wenn man nicht an ein Gespenst glauben wollte, das sich unsichtbar machen konnte, so hatte sich die Gestalt geradezu ins Meer stürzen müssen.

»Nichts,« sagte Lord Roger phlegmatisch, sich wieder setzend. »Aber, meine Herrschaften, deswegen brauchen Sie noch immer nicht an Geistererscheinungen zu glauben, dort in der See ist ein rotes und ein grünes Licht, das ist ein Dampfer, er will in den Hafen von Monaco, hat einen Kanonenschuß gelöst – und gleichzeitig trat der Mond hinter eine Wolke – deshalb sahen wir den Geist plötzlich verschwinden – und meine Rakete kam eben doch noch etwas zu spät. Da ist gar nichts Unerklärliches dabei.«

Er hatte Recht. Dort fuhr wirklich ein Dampfer, jetzt nahm man auch den Pulvergeruch wahr. Nur das Zusammentreffen aller dieser Ereignisse war merkwürdig – schließlich eben ein Zufall.

Ja, was für eine Bewandtnis aber hatte es nun mit der weißen Gestalt?

»Es war ein Weib!«

»Jawohl, und sie hatte blonde Haare, ich konnte es deutlich erkennen.«

»Das sah gerade aus, als ob sie ein weißes langen Hemd anhabe.«

»Gewiß, es war ein Leichenhemd.»

»Na, es kann auch ein Nachthemd gewesen sein.«

»Und sie wimmerte und stöhnte.«

»Das waren gar keine menschenähnlichen Töne.«

So flüsterte es durcheinander, bis das Boot an der Insel landete.

Bei dieser glatten See konnte es überall anlegen, und unter den Aussteigenden war wohl keiner, der nicht eine kleine Gänsehaut hatte und immer ängstlich darauf wartete, daß plötzlich irgend etwas Weißes auftauchte, obgleich Lord Roger durch Fackeln modernster Konstruktion sofort ein tageshelles Licht verbreiten ließ. Gleich darauf kamen in Zwischenpausen noch mehr Boote, deren Insassen ebenfalls die weiße Frau gesehen hatten, eine geschlossene Bootsflottille brachte auch viele Uniformen.

»Die ganze Armee von Monaco ist mobil gemacht worden, zwölf Soldaten und vierundzwanzig Generale,« konnte der Herr doch noch scherzen.

Es sind zwar etwas mehr Soldaten und etwas weniger Offiziere, aber die Gesamtsumme stimmt, das ist die Armee von Monaco – ach so, noch eine große Musikkapelle kommt hinzu – und das beste ist, daß diese Krieger immer über sich selbst schlechte Witze machen!

»Wenn es mal zum Völkerkrieg kommt, wenn wir uns da einmischen! Ihr denkt wohl, wir können mit unseren Gewehren nicht schießen? Oho! Wenn wir nur Patronen hätten, wir wollten schon schießen ...«

Endlich bekamen die fetten Zierpuppen einmal etwas zu tun. Auch die hatten Beleuchtungskörper mitgebracht, sollten die Insel absuchen und bis auf weiteres Wache stehen, bis sich der mysteriöse Fall aufgeklärt hatte.

Wie man aber auch suchte, es wurde nichts gefunden, diesmal auch nicht der Abdruck eines nackten Fußes im weichen Boden.

Der Mensch braucht nun einmal für alles eine Erklärung.

Mochten sich nun auch hier auf der Insel Leute befinden, welche die natürliche Erklärung der Erscheinung in der Annahme von etwas Übernatürlichem sehen – (das ist wohl ganz richtig ausgedrückt) – so wagten sie als gebildete oder doch als gebildet gelten wollende Menschen in Gegenwart von anderen dieses doch nicht auszusprechen, sie stimmten der Ansicht jener ›Aufgeklärten‹ bei.

Danach mußte die junge Selbstmörderin doch nur scheintot gewesen sein; es war sehr die Frage, ob sie überhaupt Blausäure genommen hatte, es konnte auch nur von dem Inhalt des Giftfläschchens sich etwas über ihr Kleid gegossen haben, wodurch sie so charakteristisch gerochen hatte, und der vermeintliche Tod war nur eine vorübergehende Herzlähmung gewesen, hervorgerufen durch den Schrecken beim Anblick des vom Stuhle gestürzten Vaters – wie dem auch sei, jedenfalls war sie auf der Insel wieder zu sich gekommen, hielt sich jetzt dort auf, verbarg sich aber vor den Menschen.

Freilich, wo sie sich verborgen hielt, daß sie nicht zu finden war, und wie sie sich ernährte, das war vorläufig noch ein unergründliches Rätsel. Aber es war doch wenigstens eine Erklärung auf natürliche Weise.

Außerdem mußte man mit Sicherheit annehmen, daß es eine Wahnsinnige war, die sich vor den Menschen versteckte. Das konnte man schon aus den Tönen vernehmen, wie sie auch abwehrende Bewegungen gemacht hatte, man solle sich ihr nicht nähern. Der Schreck, das Erwachen im Leichenhemd neben dem Vater, hatte eben ihren Verstand umnachtet, und gerade Wahnsinnige zeigen in gewissen Fällen eine außerordentliche Schlauheit, und zwar ganz besonders, wenn sie sich verbergen wollen.

»Ich bitte die Herren,« ließ sich da ein junger Herr von der Monaco-Armee vernehmen. »Die Gestalt hat doch ein Leichenhemd angehabt.«

»Jawohl, es war ein Leichenhemd!« wurde ihm sofort beigestimmt.

»Nun, jenes Leichenhemd hat aber damals bei der geheimnisvollen Affäre der maskierte Kapitän über seinem Anzug getragen, und dieses Leichenhemd liegt jetzt auf dem Polizeiamt unter Siegel und Riegel, und es ist dasselbe Leichenhemd, welches das Hospital für die Selbstmörderin geliefert hat, daran kann kein Zweifel aufkommen, es ist gestempelt und mit laufender Nummer versehen. – Bitte, wie ist nun dies zu erklären?«

»Es braucht ja kein Leichenhemd gewesen zu sein, was wir gesehen haben, es war eben ein anderes langes, weißes Hemd oder Gewand,« wurde dem Frager jetzt von anderer Seite geantwortet.

»Woher soll sie dieses andere Hemd oder Gewand bekommen haben?«

»Na, einfach aus der Garderobe des Totengräbers, der hat doch all seine Sachen auf der Insel im Turm zurückgelassen.«

»Bitte,« nahm der junge Offizier wiederum ebenso höflich wie bestimmt das Wort, »ich gehe jede Wette mit ein, daß der alte Totengräber unter seinen Lumpen kein solches langes, weißes Gewand gehabt hat. Wir brauchen den Mann deswegen ja nur zu fragen.«

»Dann hat sie es eben woanders her,« wurde dem Zweifler jetzt ungeduldig entgegnet. »Oder Sie glauben doch nicht etwa, daß es wirklich ihr Geist gewesen ist, bekleidet mit einem Astralhemd?«

»Nein – das glaube ich nicht – ich dachte nur, die Herren wüßten hierfür eine Erklärung, die ich nicht finden kann.«

Der junge Offizier war jedenfalls der gescheiteste von allen und hatte, mochte er nun glauben, was er wollte, mit seinem Spott, der bei aller Höflichkeit durchklang, durchaus Recht.

Wenn der Mensch etwas scheinbar Übernatürliches auf natürliche Weise erklären will, was geradezu zu einer Sucht ausarten kann, so kommt er in seinem Eifer oftmals auf Sachen, die erst recht ›übernatürlich‹ sind, da wäre es gewöhnlich viel einfacher, gleich an ein Wunder zu glauben. Der hier vorliegende Fall war noch ein ganz harmloser. Aber zum Beispiel die Gegner des Spiritismus, die haben sich manchmal ›eklig verrasselt‹. Denn ehe man die Behauptungen glaubt, die sie aufstellen, um die Phänomene auf natürliche Weise zu erklären, da glaubt man doch lieber ganz einfach an Gespenster.

Außer den Soldaten blieben heute Nacht noch andere Personen als freiwillige Wache zurück, sogar Damen, welche ein grausiges Gefühl genießen wollten, auch wenn sie nicht an Geister glaubten. Die meisten der tapferen Krieger der einheimischen Armee dachten allerdings ebenso wie ihre am Strand versammelten Brüder und Schwestern von Monaco.

Diese wollten von einer lebendigen Wahnsinnigen nichts wissen. Für sie war das sehr klar, diese Leute brauchten sich deshalb auch nicht den Kopf zu zerbrechen, woher das weiße Gewand stammen könnte. Für sie spukte ›ganz einfach‹ auf der Teufelsinsel die Seele der unbegrabenen Selbstmörderin, und daß sie spuken mußte, das hing wiederum ›ganz einfach‹ mit dem geheimnisvollen Kapitän zusammen, der sich ›ganz einfach‹ dem Teufel verschrieben hatte.

Die Leute am Strand hatten auch noch etwas anderes beobachtet, was denen auf der Insel zunächst entging, weil ihnen der Überblick fehlte, weshalb sie es erst nachträglich erfuhren.

Ja, in gewisser Beziehung war sogar das abergläubische Volk am Strand viel vorurteilsfreier als die Freidenker auf der Insel.

Man hatte auch von hier aus die weiße Gestalt auf dem Felsvorsprung stehen sehen, nicht so deutlich, wie es die in den Booten beobachten konnten, aber immer noch deutlich genug, um ein Weib mit hellblonden Haaren unterscheiden zu können.

Trotz der furchtbaren Erregung, die jeden befiel, hatten sich sofort einige, einer inneren Eingabe folgend, umgewandt. Von hier aus konnte man nämlich gerade in die Gaumates-Schlucht blicken, man sah auch die Mäander-Burg, welche oben mit einem kleinen Türmchen gekrönt war – und richtig, dort oben in diesem Türmchen erglühten abwechselnd farbige Lichter!

In demselben Augenblick, da man zur Erkenntnis kam, daß der geheimnisvolle Kapitän aus seiner neuen Wohnung mit dem Geisterlichte korrespondierte – denn was anders konnte es denn sein! – ertönte der Donnerschlag, welcher das Gespenst sofort zum Verschwinden brachte.

Diese kundigen Küstenbewohner aber hörten sofort den Kanonenschuß heraus, mit dem ein kommendes Schiff sich anmeldete, unwillkürlich schweiften die Augen über das Meer – richtig, da war das rote und das grüne Seitenlicht, sowie die Toplaterne eines Dampfers. Jetzt signalisierte dieser ebenfalls mit farbigen Feuern, und dort oben auf der Mäander-Burg in dem Turm, welchen Lord Roger extra wegen seiner Jacht als Signalstation eingerichtet hatte, ging das Farbenspiel weiter – also konnte es nur die endlich zurückkehrende Heliotrop sein – und das alles hing natürlich dort mit dem Inselgeist zusammen, es war ja alles fast auf ein und denselben Moment gefallen.

Von der Insel kamen schon wieder Personen zurück, welche nur erzählen konnten, daß dort drüben weder von einem Geist zu bemerken wäre, noch von einem lebendigen Menschen, der den Spuk inszeniert hätte, und so zog die vor Spannung zitternde Menge jetzt vor, schnell nach der anderen Bucht zu strömen, in welche die Heliotrop einlaufen mußte. Dabei konnte noch immer die Wohnung des Kapitäns im Auge behalten werden.

Die Motorjacht, welche elektrisch erleuchtet war, damals noch eine große Seltenheit, steuerte langsam in den Hafen ein, und noch ehe die Anker fielen, wurde ein kleines Motorboot ausgesetzt. Das alles konnte man im schwachen Mondlicht erkennen, nur nicht die Einzelheiten.

Auf dem Quai stand an der Anlegestelle, welche für die Boote der Heliotrop reserviert war, der x-beinige Matrose, er sollte also den Kapitän vertreten, und Wilm streckte denn auch seinen Bauch noch etwas weiter heraus als sonst.

Daß der Kapitän nicht selbst kam, das war freilich sehr auffällig; ja, das war nach Seemannsbegriffen sogar ... unanständig! So etwas gehört mit zu der sogenannten Schiffsroutine. Wenn ein Schiff nach vierzehntägiger Fahrt wieder in den Heimathafen zurückkehrt, so geht auch der stolzeste Reeder sogleich an Bord, schüttelt dem Kapitän die Hand, gratuliert ihm und dankt ihm, daß er ihm sein Schiff wieder zurückgebracht hat, das ist im Seewesen eine selbstverständliche Höflichkeit, und da entschuldigt kein Zipperlein und keine Hochzeit, der Kapitän ist kein Lokomotivführer, wie ein Schiff auch keine Lokomotive ist, deren Weg durch Schienen vorgeschrieben wird, und ein Jachtbesitzer hat ebenfalls diese Anstandspflicht oder er muß zum Empfang eine andere Person schicken, die ihn wirklich vertreten kann, aber doch nicht einen Matrosen, so wie eine große Aktien-Reederei zu diesem Zweck einen besonderen, hoch bezahlten Repräsentanten hält, welcher den zurückkommenden Kapitän begrüßen und ... mit ihm zechen muß.

Da nun der Kapitän der Heliotop nicht selbst kam, so mußte man geradezu annehmen, daß er sterbenskrank sei; denn in der Mäander-Burg befand er sich, sie wurde ja von den Neugierigen nicht aus den Augen gelassen, und was sich schickt, das wußte der ebenfalls, markierte er doch den Seemann in jeder Weise, hatte sich z. B. die blauen Anzüge alle nach Seemannschnitt fertigen lassen. War er aber nicht krank, dann ... hatte er eben etwas mit dem Teufel zu tun.

Das Motorboot kam heran. Außer einem Offizier und einigen Matrosen sah man darin am Boden einen langen, dunklen Gegenstand liegen.

Es landete. Der erste Offizier von der Heliotrop sprang an Land.

»Alles wohl an Bord! Der Kapitän wohnt jetzt dort, von wo aus uns zusignalisiert wurde, in den Hafen einzulaufen?«

»Zu Befehl!« entgegnete Wilm, eine militärische Haltung einnehmend, was bei seiner Figur freilich sehr possierlich aussah, ein ›Hacken zusammen‹ gab es bei diesen X-Beinen natürlich nicht.

»Wo ist der Kapitän?« fuhr der erste Steuermann fort.

»Er ist krank.«

»Schlimm?«

»Weiß nicht. Er liegt im Bett. Jedenfalls kann er beim besten Willen nicht kommen, sonst wäre er doch hier, euch zu begrüßen. – Hm! Habt ihr es mit? Der Kapitän lauert nämlich darauf. Kann's gar nicht erwarten.«

»Wir haben es mit. Ist die Wohnung des Kapitäns weit von hier?«

»Gleich in der Nähe, drei Minuten!«

»Ladet aus,« wandte sich der Steuermann zurück, »aber vorsichtig!«

Vier Matrosen hoben den langen, mit einem schwarzen Tuche verhüllten Gegenstand aus dem Boot – ganz unverkennbar ein Sarg!

Durch die Reihen der Umstehenden ging ein Murmeln der schauerlichen Genugtuung.

Da hatte man es ja! Also daher kam es, daß in Monaco und Umgegend kein junges Mädchen mehr verschwand. Der Vampir bezog einfach seine Opfer, die er zur Erhaltung seiner künstlichen Jugend brauchte, von auswärts, seine Jacht mußte zu diesem Zweck weite Seereisen machen.

Wie so etwas nur erlaubt sein konnte! Wie nur, auch der Fürst von ... doch nein, was der tut, das ist wohl getan!

Es trat aber doch jemand auf, der solche Heimlichkeit nicht guthieß.

Ein Herr näherte sich der einstweilen an den Boden gesetzten Kiste, in deren Seiten die Matrosen eben Tragstangen einschoben. Das zeigte also, daß es kein leerer Sarg war, er war schwer zu heben, und was anderes als eine Leiche kann denn in einem Sarge sein?

»Wollen Sie diese Kiste an Land bringen?« fragte jener Herr.

»Gewiß,« entgegnete der Steuermann. »Sie ist ja schon an Land.«

»Ich meine, die Kiste soll im Fürstentum Monaco bleiben?«

»Jawohl, sie wird in die Wohnung des Kapitäns der Heliotrop gebracht, und dort wird sie auch bleiben. Sonst noch etwas gefällig?«

»Bitte, wollen Sie die Kiste öffnen!« erklang es jetzt kurz.

Der Steuermann blieb bei diesem Befehl ganz gelassen, er setzte jedoch den Fuß auf die Kiste, als wolle er verhindern, daß auch nur das schwarze Tuch gelüftet werden könnte.

»Wer sind Sie denn eigentlich?« fragte er ruhig, den fremden Herrn fixierend. »Mit welchem Recht stellen Sie Ihre Forderung?«

»Ich bin der Steuerinspektor von Monaco, und daß ich in Zivil bin, hat nichts zu sagen, ich befinde mich dennoch im Dienst.«

»Der Steuerinspektor von Monaco – so, so! Sie wissen doch, daß dem Kapitän der Heliotrop von Seiten der Behörden in jeder Weise entgegenzukommen ist.«

»Das gilt aber nicht für die Steuerbehörde. Öffnen Sie die Kiste oder bringen Sie dieselbe an Bord zurück. In das Fürstentum kommt sie nicht!«

»Oho, das wollen wir gleich sehen. Faßt die Kiste an, Jungens!«

»Hierher zu mir, Leute!« kommandierte hinwiederum der Beamte, und neben ihn traten ein halbes Dutzend Männer, die sich bisher im dunklen Hintergrund gehalten hatten, in der Uniform des Steueramts von Monaco.

Die umstehenden Bürger dieses Ländchens wurden plötzlich von einer fieberhaften Erregung befallen, welche einer Erklärung bedarf.

Es wird durchaus behauptet, das Fürstentum Monaco habe mit Frankreich zwar Zollanschluß, stehe aber sonst auch in dieser Beziehung vollkommen unter eigener Verwaltung. Dem äußeren Anschein nach ist das auch so, die Steuerbehörde von Monaco hat eigenes Siegel, eigene Uniformen usw. und untersteht dem Fürsten. Die Küste muß scharf bewacht werden, hauptsächlich wegen des Tabaks, der bekanntlich in Frankreich Monopol der Regierung und sehr hoch besteuert ist. Hier aber zeigte es sich einmal, daß sich eine Behörde von Monaco doch nicht an den Ukas des sonst allmächtigen Fürsten kehrte. Freilich, wenn diese Kiste vielleicht voll Tabak war, dann hätte dieser, einmal an Land, auch nach Frankreich unverzollt seinen Weg gefunden.

Dennoch, der Herr dieses Landes hatte seinen Beamten befohlen, seinem maskierten Schützling in jeder Weise zu gehorchen, hier widersetzte sich ein Beamter diesem Befehl. Die Sache wurde kritisch. Wer würde Sieger bleiben? Daher die fieberhafte Spannung der umstehenden Bürger, welche ihr Heiligstes, die Selbständigkeit ihres Landes, in Gefahr sahen.

»Hebt die Kiste auf, tragt sie mir nach!« befahl der Steuermann.

»Bemächtigt euch der Kiste!« kommandierte der Beamte.

Im nächsten Augenblick mußte es zum Zusammenstoß kommen. Schon wurden die Hände geballt, der eine Steuerbeamte lockerte sogar schon sein Seitengewehr in der Scheide.

»Was geht hier vor?« fragte da eine sonore Stimme, und scheu wich die Menge vor dem maskierten Manne zurück, der plötzlich aufgetaucht war.

Seine Krankheit konnte also doch nicht so schlimm sein – oder aber das brennende Verlangen, baldigst in den Besitz des Sarginhalts zu kommen, hatte ihn aus dem Bett getrieben. Vielleicht brauchte er ihn, um wieder gesund zu werden – natürlich, so war es, der Sarg enthielt die schauerliche Medizin.

»Steuermann, warum bringt Ihr die Kiste nicht nach meiner Wohnung?« wurde ungeduldig hinzugesetzt.

»Dieser Beamte hier läßt es nicht zu, ich soll die Kiste erst öffnen.«

»Was, öffnen?« fuhr der Kapitän empor.

»Jawohl, wenn diese Kiste an Land gebracht wird, muß sie erst geöffnet werden, daß ich ihren Inhalt untersuche,« entgegnete der Beamte energisch.

Der Kapitän wurde gleich wieder ganz ruhig, und war sogar sehr höflich, als er sich an jenen wandte.

»Es ist dem Herrn doch bekannt, daß ich für das Fürstentum Monaco ein Passepartout besitze, vom Fürsten selbst ausgestellt?«

»Das ist mir allerdings bekannt.«

»Dieser Passepartout, welcher mich im Fürstentum Monaco ohne Legitimation überall durchläßt – das drückt nämlich das Wort Passepartout aus – bezieht sich natürlich auch auf meine Leute und auf mein Gepäck.«

»Ich habe leider keine Anweisung erhalten, daß Ihr Gepäck keiner Zolluntersuchung bedarf,« entgegnete der Beamte.

»Es ist so, ich versichere es Ihnen.«

»Ich bedaure sehr, aber ich muß meiner Pflicht nachkommen.«

»Mein Gepäck ist auch nicht untersucht worden, als ich dieses Fürstentum zum ersten Mal betrat und mich im Hotel de Paris einlogierte.«

»Da war ich zufällig nicht anwesend, sonst wäre das geschehen.«

»Ich erkläre auf mein Ehrenwort, daß sich in dieser Kiste nichts Verzollbares befindet.«

»Ihr Wort in Ehren, Monsieur Kapitän, aber ich bin an meine Dienstvorschriften gebunden, bis ich davon entlastet bin. Was befindet sich denn in der Kiste?«

»Das geht Sie gar nichts an!« entgegnete der Kapitän jetzt schroff. »Morgen werden Sie erfahren, daß Sie kein Recht haben, mein Gepäck zu untersuchen.«

»Wohl, Monsieur Kapitän, so warten wir bis dahin!«

»So lange habe ich keine Geduld, ich brauche die Kiste sofort!«

»Es wird Ihnen trotzdem nichts anderes übrig bleiben, als zu warten.«

»So? Was wollen Sie denn dagegen tun, wenn ich die Kiste von meinen Matrosen dennoch in mein Haus bringen lassen?«

»Ich wüßte nicht, wie Sie das ohne meine Erlaubnis bewerkstelligen lassen wollten.«

»Nicht? Sehen Sie sich einmal diese sechs Burschen an, was die für Fäuste haben. Und ich habe noch drei Dutzend solcher Burschen an Bord.«

»Sie drohen?« fuhr jetzt der Steuerinspektor auf.

»Gerade wie Sie mir. Ich bin nur neugierig, was Sie in diesem Fall tun würden, und das Recht wäre schließlich doch auf meiner Seite.«

»Ich unterliege nur der Gewalt.«

»Schön: Wie ist Ihr Name, wenn ich fragen darf?«

»Steuerinspektor Laboli,« entgegnete der Gefragte.

»Sie werden morgen das Resultat Ihrer Weigerung erfahren.«

»Ich warte darauf.«

»Die Kiste wieder ins Boot, zurück an Bord!« befahl der Kapitän seinen Leuten, es geschah - und der Kapitän stieg selbst mit ins Boot.

Der Steuerbeamte hatte gesiegt – wenigstens vorläufig.

Der Kapitän aber konnte die Zeit nicht erwarten, mit der Leiche allein zu sein. Jetzt fraß er sie gleich an Bord, saugte ihr erst das Blut aus – oder er machte sie vorher wieder lebendig – oder trieb andere unheimliche Dinge mit ihr.

 

Die nächtliche Wache auf der Teufelsinsel hatte den mutigen Geisterbannern nichts weiter eingebracht als Schnupfen, Husten und Zahnschmerzen. Diejenigen, welche bis zuletzt gewartet hatten, ob nicht noch irgendetwas Weißes käme, sah man beim Morgengrauen müde und mit vom Tau derangierter, aufgeweichter Toilette nach ihrem Hotel zurückschleichen. Dann wurde auch die Armee zurückkommandiert, und wenn jetzt ein Krieg ausgebrochen wäre, so wäre das Vaterland verloren gewesen. Nicht einmal die vorsündflutlichen Kanonen oben in der Festung hätten zur Drohung abgeschossen werden können – die ganze Armee von Monaco lag nämlich im Bett und schwitzte bei Fliedertee.

Nein, wenn der Geist nicht kommen will, dann macht so etwas keinen Spaß! Jetzt hatten die furchtlosen Menschen zum Schaden auch noch den Spott. So bald würde niemand wieder auf das Lichtchen ›huppen‹, vorausgesetzt, daß es überhaupt wieder erschien.

Das heißt, so hieß es im allgemeinen:

»Laßt dieser Sache die nachforschen, deren Amt das ist, mir ist meine Gesundheit lieber, und die Aufklärung erfahre ich dann doch noch.« In der Stille aber wurden schon wieder Vorbereitungen getroffen, um dem Rätsel auf den Grund zu kommen. Das mußte ja auch geschehen. Die weiße Gestalt war gesehen worden, man hatte es ja auch nicht mit einem Gespenst, sondern mit einer jungen Dame zu tun, welche sich noch lebendig auf der Insel befand, jedenfalls in umnachtetem Geisteszustand, wodurch sogar zu erklären war, daß man ihr Versteck auf dem Inselchen nicht finden konnte. Denn ein Wahnsinniger hat manchmal schlaue Ideen, auf die ein normaler Mensch gar nicht kommt. Er ist auch zu manchem fähig, wovor ein Geistesgesunder zurückschaudern würde. Nur um einen Geisterspuk zu machen, deswegen legt sich niemand so leicht bei nächtlicher Weile auf dem Kirchhof in ein offenes Grab, in einen Sarg. Der Wahnsinnige dagegen hält das Grab für seine Wohnung. Er legt sich auf eine verweste Leiche und liebkost sie.

Lord Hannibal Roger machte wiederum den Anfang, diesmal jedoch in aller Heimlichkeit. Noch bevor er am Morgen sein Hotel aufsuchte, begab er sich unauffällig in die Wohnung des Polizeidirektors. Dieser war schon auf, weil er den Bericht der Beamten erwartete, welche mit bei der Expedition gewesen waren.

Jetzt konnte er die Erfolglosigkeit der Wacht und der Untersuchung gleich von dem Lord erfahren, und dieser machte den Polizeigewaltigen von Monaco Vorschläge, wie man am ehesten Licht in die dunkle Sache bringen könne. Vor allen Dingen mußte sofort das Betreten der Insel verboten werden. Das war ja überhaupt gar nicht erlaubt. Das Lichtchen hatte nur zu viele die Schranken überspringen lassen.

Zunächst wurde durch öffentliche Anschläge nachdrücklich auf dieses bestehende Verbot hingewiesen, Bootsverleiher, Bootsbesitzer und Jachtkapitäne bekamen mündlich oder schriftlich besondere Anweisung, sich der Insel auf eine große Distanz fernzuhalten, und denen, welchen man in Monaco Rücksicht schuldig ist, konnte man ja gleich sagen, wozu diese Anordnung? Die nächste Nachtwache auf der Teufelsinsel mußte in aller Heimlichkeit gehalten werden, und wenn außer den Beteiligten kein anderer Mensch etwas davon erfuhr, so war es desto besser. Lord Roger wollte selbstverständlich dabeisein, sonst hätte er diesen Vorschlag nicht erst gemacht.

Nun stand zu erwarten, daß trotz des Verbots auch andere die Teufelsinsel nochmals besuchen würden, um das Rätsel auf eigene Faust lösen zu wollen. Es gibt eben auch andersgeartete Menschen, Ausnahmen, die sich nicht vor kalten Füßen und Schnupfen fürchten, wenn ein interessantes Abenteuer in Aussicht steht, und zu ihnen gehörte Lord Hannibal Roger.

Dann hatte man vor allem mit der Energie der Zeitungsberichterstatter zu rechnen. Deshalb sei es besser, meinte der Lord, die Vertreter der größten Journale gleich direkt zu einem intimen Besuch auf der Teufelsinsel einzuladen, und wenn man herausbekäme, daß dieser oder jener ebenfalls mit einem solchen Beschluß umginge, den könnte man ja auch gleich ins Vertrauen ziehen, und die anderen wären dann mit leichter Mühe von der Polizei, die ebenfalls leichte Boote besaß, sogar ein kleines Dampffahrzeug, von einem heimlichen Betreten der Insel abzuhalten.

Der Direktor sah das Vernünftige dieses Vorschlags ein. Es mußte nämlich immer daran gedacht werden, daß es sich auch um einen Spaßvogel handeln könne, der einen Geisterspuk inszenierte, und eben deshalb durfte von der geplanten Expedition durchaus nichts an die Öffentlichkeit kommen.

»Es muß aber auch ein hiesiger Beamter zugegen sein, dessen Aussage nicht anzufechten ist,« meinte der Lord zuletzt, »und da halte ich es für das beste, wenn Sie gleich selbst mitkommen, Herr Direktor. Dann brauchen nicht erst andere Beamte ins Vertrauen gezogen werden, die vielleicht doch plaudern, und wenn es nur ihrer Frau gegenüber ist – das ist in den meisten Fällen schon genug, und bei Ihnen, Herr Direktor, ist eine solche Gefahr doch ganz ausgeschlossen,« setzte der Lord lächelnd noch hinzu.

Wohl oder über mußte der Polizeidirektor, welcher trotz seines martialischen Bartes nicht ganz gespensterfest war, in den sauren Apfel zu beißen, sogar mit zuvorkommendem Lächeln. Zum ersten Male in seinem Leben verwünschte er, ein Junggeselle zu sein. Aber eine Frau hätte ihm jetzt gar nichts genützt, und wenn er auch noch heute früh deswegen schnell geheiratet hätte, um nur nicht mit auf die Teufelsinsel gehen zu müssen.

Wenn Lord Hannibal Roger dies wünschte, so hatte der Polizeidirektor von Monaco ganz einfach zu gehorchen. Selbst die höchsten Beamten der Staatsverwaltung müssen ja ganz nach der Pfeife aller dieser Jachtbesitzer und Geldfürsten tanzen, welche jeden Winter in Monte Carlo zubringen, sie werden von der Bank gar zu jämmerlich bezahlt, diese rechnet ja direkt mit den Trinkgeldern, welche den Beamten vom untersten bis zum obersten zugesteckt werden, das ganze Fürstentum ist eben, soweit es unter der Besoldung der Spielbank steht, einfach eine Hotelwirtschaft.

Lord Roger entfernte sich, um noch einige Stunden zu schlafen.

Als er erwachte, war schon ›Le Monte Carlo‹ erschienen, welcher die amtliche Bekanntmachung veröffentlichte, daß das Betreten der Ile de Castelle aufs strengste verboten sei, und daß auf 200 Meter, durch Ortsbestimmungen an der Küste und durch Bojen im Meere noch näher bestimmt, sich der Insel kein Fahrzeug nähern dürfe, und dieselbe Bekanntmachung prangte an allen Ecken und Palastsäulen des Fürstentums.

Man konnte hierüber denken, was man wollte. Das abergläubische Volk, dessen Stimme Gottes Stimme sein soll, hatte natürlich seine eigenen Gedanken, in denen es sich nicht irremachen ließ.

Schon mit Anbruch des Abends drängte sich alles wieder am Strande der westlichen Bucht zusammen.

Wenn es der Ordnung nach gehen sollte, durfte das Lichtchen erst um Mitternacht erscheinen, früher haben echte Geister überhaupt nichts in unserer sichtbaren Welt zu suchen, bis dahin waren es noch vier Stunden, aber man hatte sich auch über das, was sich heute mit dem maskierten Kapitän ereignet hatte, so viel zu erzählen, daß darüber schnell die Zeit verging.

»Da – da – da ist es wieder!« erklang es abermals um Mitternacht.

Dort auf der Insel taumelte und schwebte wieder das mysteriöse Lichtchen herum. Heute fuhren keine Boote hin, es war ja untersagt. Aber niemand – wenigstens niemand von den Leuten, die hier wartend auf dem nackten Strande standen – wußte, daß auf der Insel heimliche Beobachter verborgen lagen.

 

Es waren acht Personen, welche das gleiche Ziel zusammengeführt hatte, darunter auch eine Dame, die Berichterstatterin eines Pariser Frauenblattes.

Eine halbe Stunde westlich von Monaco entfernt liegt an der französischen Meeresküste das prachtvolle Eden-Hotel, umgeben von großen Gärten und Waldungen mit Kaskaden und Wasserstätten – ein sehr vornehmes Hotel für Erholungsreisende, eine Pension für Millionäre, und wenn dereinst, was doch noch einmal passiert, die Spielbank eingeht, alle die vielen Hotels in Monaco ruinierend – das Eden-Hotel wird hierdurch nur gewinnen.

Hier waren die Mitglieder der heimlichen Expedition unauffällig zusammengekommen, meist Journalisten. Warum sollten sich denn Journalisten nicht auch einmal vertragen können? Es war ein Journalistentag.

Das Hotel hat Boote aller Art zu vermieten, und bald wurde eine Segelpartie beschlossen. Man wollte draußen auf hoher See um die Wette segeln, vielleicht gab es auch einen Thunfisch zu harpunieren.

Gedacht, getan. Da war auch ein gedeckter Kutter vorhanden, dessen Beiboot allein schon für die acht Menschen genügt hätte, aber es sollte keine einfache Spazierfahrt sein, hier an der Riviera muß eben immer gespielt werden – heute wollte man einmal ›Matrosen‹ spielen.

Der junge Lord Hannibal hatte sich selbst auf seiner Jacht zu einem tüchtigen Kapitän ausgebildet. Er nahm die eleganten Matrosen unter seine Fuchtel und fing gleich auf eine haarsträubende Weise zu wettern und zu fluchen an, denn das gehörte mit zum Spiel. Alles tat mit, auch die junge Journalistin als ›Schiffsmädchen‹, und so ging es unter Scherzen und Lachen hinaus, bei dem flauen Winde freilich im Schneckengang.

Draußen auf hoher See, als die Küste nur noch als ein Nebelstreifen zu erkennen war, wurde das Schiff von Piraten gekapert.

Da saßen in einem Boot sechs Männer, die sich aus Leidenschaft zum Angelsport so weit hinausgewagt hatten, sie ließen sich in der Nußschale schaukeln und angelten harmlos, als sie mit einem Male zu den Rudern griffen und auf den Kutter losschossen. Wie die Katzen erklommen sie die Bordwand. Unglücklicherweise hing auch noch ein Tau herab, ein anderes Schiff war nicht in Sicht, die Zeitungsmatrosen samt ihrem Kapitän ergaben sich ohne jeden Widerstand – nur schnauzte Lord Roger den einen Seeräuber, welcher der Anführer zu sein schien, grimmig an, warum er und seine verwegene Bande weiße Hemden anstatt blaue angezogen habe.

Es waren nämlich Matrosen von seiner eigenen Jacht, die er unauffällig hier herausbestellt hatte. Denn zu dem Landungsmanöver am Abend gehörten kundige Seeleute, und es war überhaupt sehr die Frage, ob die Herren jemals wieder die Küste erreicht hätten.

Bei diesem Winde wurde es auch unter geschickter Führung der Segel Abend, ehe man das Ufer wieder richtig erkennen konnte, und dann brach die mondlose, finstere Nacht an, ohne daß auf dem Kutter Lichter ausgesteckt wurden.

Es war zehn Uhr geworden, ehe das von Matrosen geruderte Beiboot die acht Personen an der Seeseite der Insel absetzte. Alles ging fast ohne Geräusch vor sich. Die Matrosen begaben sich nach dem Kutter zurück und dirigierten ihn wieder nach dem Eden-Hotel. Ehe sie dort eintrafen, war Mitternacht vorbei, dann mußte der Geisterspuk sich hier schon entschieden haben, dann konnte das Publikum alles erfahren, und wenn man sich inzwischen im Hotel über das lange Ausbleiben der Seefahrer gewundert hatte, so schadete das nichts.

Wir bleiben bei den acht Personen auf der Teufelsinsel.

Die Instruktionen waren für alle vorherzusehenden Fälle erteilt worden. Geschossen und gestochen durfte natürlich unter keinen Umständen werden, sonst konnte man eine Wahnsinnige töten, und ›lebendig‹ wollte man das Gespenst fangen. Eigentlich wäre es besser gewesen, wenn sich die Herren auf der Insel verteilt hätten, aber die meisten wußten allerhand Gründe anzuführen, ohne sich eine Blöße wegen Geisterfurcht zu geben, daß ein Zusammenbleiben doch viel vorteilhafter sei, und so geschah es denn auch.

In der Nähe des Turmes unter einem Gebüsche lagen alle auf einem Haufen – oder doch alle dicht nebeneinander, der Polizeidirektor in der Mitte. Es durfte nicht geraucht, nicht gesprochen werden, höchstens, wenn es unumgänglich nötig war, im allerleisesten Ton geflüstert.

So verging in dem taunassen Grase eine Stunde, dann noch einige Minuten, die Schiffsglocken verkündeten die Mitternachtsstunde, und – da ging der Spuk auch schon los!

»Da – da – hören Sie es?« flüsterte der Polizeidirektor lauter, als nach der Verabredung erlaubt war.

»Machen Sie's Maul zu!« hauchte irgendein grober Patron, der angesichts der kommenden Ereignisse keine Rücksucht kannte.

Erst erscholl ein Quietschen, dann ein leises Winseln, dann folgten anhaltende Seufzertöne nach. Woher sie kamen, das konnte nicht beurteilt werden. Jedenfalls aber mußte es in der größten Nähe sein.

Vielleicht zehn Minuten währten diese unheimlichen Klagelaute, dann endeten sie mit einem Röcheln und waren verstummt.

»Das ist das Lichtchen!« hieß es jetzt.

In einiger Entfernung zwischen den Bäumen war es aufgetaucht, und dort blieb es, wenn es auch hin- und herschwebte, bald dicht am Boden, bald etwa in Haupteshöhe, es strich auch über die ganze Insel hinweg, nur in die Nähe des Turmes kam es nicht. Über den Ursprung des Lichts konnte man sich nicht klar werden. Eine Laterne oder ein Kerzenlicht war es keinesfalls. Es war eine weißgelbe Flamme, unten breit, aber abgerundet, und oben spitz zulaufend, etwa so groß wie eine Hand, man wurde an ein Irrlicht erinnert, denn unruhig wie ein solches hüpfte es flackernd herum, und es konnte ja auch wirklich aus Gasen entstanden sein.

»Da ist sie!«

Jetzt begannen die Nerven vor Aufregung zu zittern.

Wieder hoben die klagenden Laute an, und unter diesen Tönen erschien zwischen den Bäumen eine weiße Gestalt, und so stockfinster die Nacht auch war, so konnte man doch deutlich die weibliche Statur unterscheiden.

Sie schwebte direkt auf den Platz zu, wo die Beobachter versteckt lagen, und mit ihr kam auch das Stöhnen und Seufzen näher.

Jetzt trat sie zwischen den Bäumen hervor, blieb stehen, vielleicht zwanzig Schritte von dem Versteck entfernt, breitete langsam die Arme aus. Das Stöhnen, aus ihrem Munde kommend, ward noch schauerlicher, und dann geschah etwas, was sich die Beobachter nicht erklären konnten, wenn sie auch ihre Kaltblütigkeit vollkommen behalten hätten.

Es war eine menschliche Gestalt mit Gliedmaßen zu erkennen, weiter aber auch nichts, dazu war die Nacht zu finster, und daß es ein Weib sei, konnte man auch nur aus den sanften Rundungen der ganzen Erscheinung beurteilen.

Plötzlich jedoch machte die Gestalt eine Bewegung, als ob sie sich umdrehen wolle, und mit einem Mal sah man nach und nach in dem weißen Gesicht Züge zum Vorschein kommen, immer deutlicher wurden sie, man glaubte, eine Nase, einen Mund entstehen zu sehen, auf jeden Fall waren ganz deutlich zwei Augen vorhanden, welche ausdruckslos ins Leere stierten – und so stand sie da und machte mit den Armen winkende Bewegungen, als solle man ihr folgen, es konnte aber auch ein Abwehren sein, dabei immer winkend und stöhnend.

»Jetzt!!«

Lord Roger war es, der es gezischt hatte, und nach der Verabredung schnellten alle anderen hoch und stürzten auf die weiße Gestalt zu.

Sie glaubten, sie zu haben, aber sie griffen ins Leere, die Gestalt war plötzlich verschwunden, wie eben nur ein Geist verschwinden kann.

Jetzt sollte dem Plane nach eine Rakete helles Licht verbreiten, aber sie kam nicht, sie hatte in der Hand des Lords versagt.

Erst nach einer Viertelminute flammte ein weißes Feuer auf, Tageshelligkeit verbreitend. Lord Roger hatte einen kleinen Apparat mit Magnesiumlicht in Tätigkeit gesetzt – doch von der Gestalt war nichts mehr zu erblicken.

Unterdessen versicherten die Herren einander, ganz der Situation entsprechend, daß sie den Geist ›beinahe‹ gehabt hätten, und wie er so plötzlich verschwunden sein könne, das war ganz unbegreiflich.

Nämlich so gleich zwischen die Büsche hineinzuspringen, dazu hatte niemand Lust gehabt, und das wäre auch sehr gefährlich gewesen, man hätte sich an einem Baume den Kopf einrennen können.

»Aber Mr. Dixon muß die Gestalt doch schon in seinen Händen gehabt haben, das sah ich ganz deutlich.«

»Ich auch. Mr. Dixon, Sie hatten das Frauenzimmer doch schon mit Ihren Armen umschlungen, warum haben Sie denn – zum Henker, Dixon, wo sind Sie denn nur eigentlich?«

Mr. Dixon, der Champion-Berichterstatter von 78 englischen und amerikanischen Zeitungen, darunter die ›Daily Mail‹, derselbe, welcher damals dem Monsieur Girard den höchsten Preis für die Wiedergabe des Interviews gegeben hatte, antwortete nicht.

Da stieß die Französin einen leisen Schrei aus.

»Wer liegt denn hier am Boden?«

Lord Roger kam mit der Laterne. Am Boden, gerade dort, wo man die weiße Gestalt stehen gesehen hatte, lag zu den Füßen der Journalistin ein großer, stark gebauter Mann, eben der vermißte Mr. Dixon, und er lag so unbequem, so auffallend da, daß von vorneherein gleich alle von einem furchtbaren Schrecken befallen wurden.

»Mr. Dixon, um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen los? Stehen Sie doch auf! Machen Sie uns keine Witze vor!«

Aber der Mann antwortete nicht, rührte sich nicht, blieb in seiner verdrehten Stellung liegen, und er machte keine Witze.

Einer rüttelte ihn, hob seine Hand – schlaff fiel diese wieder zurück.

»Tot!!!«

Den größten Eindruck schien dieses Wort auf Lord Roger zu machen.

»Unsinn!!« schrie er mit heiserer Stimme. »Wer glaubt denn hier an Gespenster!«

Er selbst wendete den am Boden Liegenden herum, und als das Magnesiumlicht in dessen Gesicht fiel, hätte der sonst so phlegmatische Lord vor Schreck bald die Laterne fallen lassen, er schien sie nicht mehr halten zu können, so zitterten plötzlich seine Hände.

Denn das war wirklich das Gesicht eines Toten, nicht das eines Ohnmächtigen – die Augen weit geöffnet, aber leblos, starr, und am Schrecklichsten war anzusehen, wie der Unterkiefer so weit herunterklappte.

Hier konnte von einer scherzhaften Verstellung nicht mehr die Rede sein. Jetzt sträubten sich allen denen, welche sich nicht vor Geistern fürchteten, noch nachträglich die Haare auf dem Kopf.

Lord Roger war also am allermeisten entsetzt gewesen, was allerdings einfach daher kommen konnte, daß er die schnellste Auffassungskraft besaß, und ebenso hatte er jetzt auch am schnellsten seine Besinnung wieder und damit auch die handelnde Tatkraft. Er riß dem Manne Rock, Weste und Hemd auf und legte ihm die Hand aufs Herz.

»Tot!« hauchte da auch er, und plötzlich warf er sich über den Regungslosen, riß ihm vollends alle hinderlicher Kleider vom Körper und begann wie ein Wahnsinniger ihn zu frottieren und zu massieren.

Die meisten der hier anwesenden Journalisten waren schon auf Schlachtfeldern gewesen, sogar die Berichterstatterin der Frauenzeitung, sie hatten auch sonst schon manches erlebt – diese englischen und amerikanischen Reporter müssen sich ja zur Befriedigung des sensationslüsternen Publikums oft genug in haarsträubende Abenteuer einlassen – hier handelte es sich jedoch um etwas anderes: es war der völlig unerwartete Ausgang der Spukgeschichte, welcher solches Entsetzen hervorrief.

Während der Lord fortgesetzt mit der größten Anstrengung den Toten rieb und knetete, berieten sich die anderen, was jetzt zu tun sei.

Gleich an Land rudern? Den Toten hier lassen und einen Arzt holen? Oder ihn lieber sofort mitnehmen? Sie alle hatten die Besinnung verloren. Der Polizeidirektor, welcher jetzt den besten Rat hätte erteilen können, war dessen nicht fähig. Der bärtige Mann war vor Angst ganz stupid.

»Nun geben Sie sich doch keine Mühe mehr, Mylord,« sagte jemand etwas gefühllos, »durch das Reiben wird Dixon auch nicht wieder lebendig.«

»Doch – doch – ich habe schon zwei vermeintlich Tote durch Massieren wieder ins Leben zurückgerufen,« keuchte der Lord, immer in seinem Kneten und Reiben fortfahrend, daß ihm der Schweiß in Strömen übers Gesicht lief – und plötzlich stieß er einen Freudenschrei aus.

»Er lebt! Ich verspüre einen leisen Herzschlag! Wahrhaftig, er lebt!«

Das Auge des Totgeglaubten wurde wieder lebendiger, die Kinnlade kehrte in ihre natürliche Lage zurück, über die Lippen zitterte ein leiser Seufzer.

Freilich, so weit, daß Dixon wieder aufstehen konnte, war er noch lange nicht. Erst jetzt, noch nachträglich, wurde der robuste Mann wirklich ohnmächtig, wobei die Herztätigkeit aber doch immer noch etwas bemerkbar ist, und nun unterzog sich einer der Herren nach dem anderen mit Eifer dem Kneten und Massieren, was so gute Wirkung gezeigt hatte.

Nach und nach erholte sich Dixon wieder, bis er wenigstens als Lebendiger nach dem Boote getragen werden konnte, gehen konnte er noch nicht, und als man das Land erreicht hatte, vermochte er zwar wieder aufrecht zu gehen, mußte aber noch immer kräftig gestützt werden. Gefragt wurde er noch nicht. Der sonst so kaltblütige Mann war ganz und gar verstört und konnte auch nur lallen.

Der Strand war noch mit Menschen belebt, man staunte, als man von der Teufelsinsel ein Boot kommen sah, man kannte die meisten der Insassen, man sah den zusammengebrochenen Mann, wie er in eine Droschke gepackt wurde, man sah auch die verstörten Gesichter der anderen, wie sie miteinander flüsterten – und nun war ja alles klar! Die hatten auf der Teufelsinsel das Gespenst nicht gesehen, sondern auch im Bösen etwas mit ihm zu tun bekommen, ihr Frevelmut hatte sich gerächt, und auf welche Weise, das würde man schon noch zu sehen bekommen. Unter so vielen kann auf die Dauer kein Geheimnis bewahrt werden.

 

Mr. Dixon erholte sich noch am selben Tage vollständig wieder, auch seelisch, aber er war dennoch ein ganz anderer geworden, und auch, als er wieder sprechen konnte, war er doch kaum dazu zu bringen.

»Ja, ich hatte etwas in der Hand. Was, weiß ich nicht. In demselben Augenblick bekam ich einen Stich durch den Kopf, ein Feuerstrom schoß mir aus den Augen, einen Schmerz empfand ich gerade nicht, aber – ich war plötzlich tot - und dabei lebte ich. Es war wie ein Starrkrampf – nein, es war noch etwas anderes! Ich war nicht etwa bewußtlos. Während Sie sich mit mir beschäftigten, hörte ich jedes Wort, ich wußte, daß mein Unterkiefer heruntergeklappt war, ich machte die furchtbarsten Anstrengungen, zu schreien, mich nur einmal zu bewegen – es ging nicht – ich konnte nicht – du bist tot, jetzt wirst du begraben – es war ... adieu, meine Herren, ich reise ab!«

Der sonst so phlegmatische und wegen seiner Couragiertheit bekannte Engländer wischte sich in Gegenwart der anderen noch einmal den kalten Angstschweiß von der Stirn und reiste Hals über Kopf ab.

Es kam in die Öffentlichkeit. Da hatte man es ja! Ganz genau derselbe Fall wie mit dem namenlosen Kapitän! Und wären die Freunde nicht bei ihm gewesen, dann hätte auch Dixon bis zum anderen Morgen so liegen müssen, bis ihn eine warme Hand wieder vom Scheintod erweckte. Bis dahin aber hätte ihn jener Spukgeist in seiner Gewalt gehabt, und Gott und der Teufel wußte, was der Geist der Selbstmörderin bis dahin alles mit ihm aufgestellt hätte – und der Kapitän wußte es auch, der hatte es in jener Nacht durchgemacht, und eben deshalb sprach er auch darüber. –

So sagten die Monacascogner und die Geistergläubigen. Jetzt wurden aber auch alle anderen nachdenklich, und das mit Recht.

Es gab ja Hunderte und Aberhunderte, welche nicht daran glaubten, weder an seine Verjüngungskur noch an sein schauerliches Erlebnis auf der Teufelsinsel noch an sonst etwas. Der veralberte ja nur das leichtgläubige, sensationslüsterne Publikum. Interessant war es nur, zuzusehen, wie er das tat, deshalb blieb man immer noch hier, man wollte den Schluß der Komödie abwarten, einmal mußte doch die Erklärung kommen, wer eigentlich hinter der Maske steckte, und von wem das alles ausging. Das alles kostete ja ein Heidengeld. Solche Summen waren hier noch gar nicht ausgegeben worden.

Die Goldbarren im Wert von fünf Millionen Francs waren nämlich echt gewesen, und Lord Roger hatte zehn Millionen Francs auf der Bank von England richtig angewiesen erhalten! Für einen Scherz war das alles ja unerhört!

Nun aber kam der Fall mit dem englischen Journalisten dazwischen. Auch Mr. Dixon konnte nicht nur Spaß gemacht haben, etwa mit Einverständnis seiner Begleiter. Das hatte man dem Manne angesehen, seinen Freunden aber auch! Es waren verschiedene Ärzte bei ihm gewesen, und nicht nur solche von Monaco, und sie alle konnten etwas erzählen ... wie dem sonst so nervenstarken Manne zuerst immer noch manchmal der Kiefer willenlos heruntergeklappt war – wie er sich überhaupt benahm – da war von einer Simulation keine Rede gewesen – und die Französin, welche der Szene beigewohnt, hatte plötzlich Weinkrämpfe bekommen.

Ja, was sollte man von alledem denken?

Es konnte darüber jeder denken, wie er wollte – die Teufelsinsel wurde jedenfalls von keinem mehr betreten, denn jetzt hörte der Spaß auf, jetzt wurde es darauf lebensgefährlich.

 

Es war gesagt worden, daß das neugierige Publikum, welches am Strand vier Stunden warten mußte, ehe es das Wiedererscheinen des mysteriösen Lichtchens erhoffen durfte, für diese Zeit Stoff genug zum Plaudern hatte, nämlich über das, was heute wieder mit dem geheimnisvollen Kapitän passiert war.

Jeder auf sein Vaterland stolze Monacascogner senkte betrübt den Kopf und wagte eine Zeitlang keinem Franzosen mehr ins Auge zu blicken; denn der Sieg des Steuerinspektors war ein dauernder gewesen.

Man wußte nicht recht, an welche Behörde sich der maskierte Kapitän mit seiner Beschwerde gewendet hatte, daß sein Passepartout nicht respektiert worden wäre – aber beschwert hatte er sich und ... war abgewiesen worden.

Mochten dabei auch noch so viele entschuldigende Worte gefallen sein – jedenfalls hatte er sich trotz seines Passepartouts fernerhin den Bestimmungen der Steuerinspektion von Monaco zu unterwerfen.

Das ist auch ganz selbstverständlich. Die braven Monacascogner hätten sich deswegen gar nicht zu schämen brauchen. Wenn zwei Länder Zollanschluß haben, dann hört in Zollangelegenheiten eben die Gemütlichkeit auf, und deswegen brauchte dieser Zollbeamte in monacascognischer Uniform noch lange nicht unter französischer Oberherrschaft zu stehen.

Wer aber noch immer nicht glauben wollte, daß der Wille des einfachen Beamten in diesem Falle über den des regierenden Fürsten ging, der konnte es heute morgen mit eigenen Augen erkennen.

Das Motorboot der Heliotrop setzte ein Dutzend Matrosen an Land. Jeder hatte einen großen schweren Zeugsack bei sich. Begleitet wurden sie vom ersten Steuermann, dessen Kleiderkiste von zwei Leuten an Land gehoben wurde.

»Was ist in diesem Sack?« fragte ein herzugekommener Steuerbeamter, nicht der Inspektor selbst, der war gar nicht anwesend.

»Meine Kleider, meine Wäsche und was ich sonst brauche,« entgegnete unwirsch der Matrose, welchem der betreffende Sack gehörte.

»Spirituosen, Tabak, sonst etwas Verzollbares?«

»Wir haben gar nichts Verzollbares bei uns,« erklärte der erste Offizier.

»Bitte öffnen Sie das Gepäck – alles!«

Und es geschah! Auch der erste Steuermann, also derselbe, welcher bei der Ausladung des Sarges so auf das Recht seines Kapitäns gepocht hatte, zog sofort den Schlüssel aus der Tasche und schloß seinen Schiffskoffer auf. Demnach also war es erwiesen: sie hatten eben dem Zollbeamten zu gehorchen.

Dieser griff nur einmal in den ersten Kleidersack, hob einige blaue Hemden empor, dann dankte er und malte ohne weitere Untersuchung mit Kreide das erlösende Kreuz auf den Sack.

Kujoniert wurde die Mannschaft wegen jenes gestrigen Vorfalls also nicht.

Die Matrosen schulterten die schweren Säcke, nahmen die große Kiste zwischen sich, marschierten unter der Führung des Offiziers nach der Gaumates-Schlucht und verschwanden in der Höhle, welche den seltsamen Eingang zur Mäander-Burg bildete.

Jetzt sollte diese belebter werden. Die Leute blieben doch jedenfalls darin wohnen, denn sie nahmen ihre Kleider mit hinein. Auch hatte man schon erfahren, daß der Kapitän in Nizza Pferde zur Auswahl bestellt hatte.

Das Motorboot war leer nach der Jacht zurückgefahren. Die angewachsene Menschenmenge hoffte, daß jetzt wieder der Sarg an Land gebracht würde, woselbst sein Inhalt geprüft werden mußte.

Es war ja eigentlich wenig Aussicht dazu vorhanden. Der maskierte Vampir würde doch sein schauerliches Geheimnis nicht fremden Blicken preisgeben; wahrscheinlich war seine Tat doch auch strafbar, aber ... man hoffte eben. Und in einem der Säcke konnte die Leiche nicht gewesen sein, auch nicht in der Kiste, dazu war sie viel zu klein.

Doch man hoffte vergebens, der Sarg wurde nicht an Land gebracht.

Etwas anderes sollte kommen, etwas noch viel Überraschenderes.

Das Motorboot blieb an der Jacht liegen, dafür wurde ein kleineres Boot ausgesetzt, von hier aus winzig aussehend, denn die Jacht lag noch sehr weit draußen im Hafen – und unter den vier Männern, welche in das kleine Boot stiegen, wollte man auch den Kapitän erkennen.

Die Entfernung war also eine zu große, als daß man unterscheiden konnte, ob einer eine schwarze Maske vorhabe. Einige behaupteten es, andere bestritten es. Nun, man brauchte ja nur zu warten.

»Aber der eine ist so klein, das ist doch ein Junge,« hieß es.

»Das ist seine Ordonnanz, der Matrose mit der großen Brille.«

»Nein, der ist viel dicker und breitschultriger. Das dort ist ein Knabe.«

»Der hat doch ein ganz schwarzes Gesicht!«

»Dann ist's ein Negerjunge.«

»Er geht mit ins Boot. Da werden wir es ja gleich sehen.«

Das kleine, elegante Boot, ein sogenanntes Dingi, schoß wie ein Pfeil heran. Der eine der beiden rudernden Matrose war der dicke Wilm, das konnte man gleich von hinten sehen, und weder sein Schmerbauch noch seine X-Beine, noch seine Kurzsichtigkeit hinderten ihn, das Ruder zu führen, das war ein exakt geschulter Matrose.

Der maskierte Kapitän hatte das Steuer in der Hand. Wer aber war der Knabe, der ihm gegenübersaß? Wo kam der her? Natürlich von der Heliotrop, aber von wo sonst?

Man hatte nicht lange Zeit, erst Betrachtungen anzustellen und Fragen aufzuwerfen, das neue Wunder war schon in dichtester Nähe.

Einige Ruderkommandos – schneller und exakter hätten nicht die gedrilltesten Kriegsschiffmatrosen dieses Landungsmanöver ausführen können, bei dem es in solchem Falle auf Eleganz und Schnelligkeit ankommt – mit einem Ruck aus voller Fahrt lag das federleichte Dingi regungslos an der Landungstreppe; wie die Statuen saßen die beiden Matrosen mit hochgerichteten Riemen auf den Duchten, der Kapitän sprang ans Ufer und reichte die Hand zurück, um dem Knaben an Land zu helfen.

Ja, es war ein Knabe, vielleicht zwölf bis vierzehn Jahre alt, gekleidet in einen blauen, etwas zu reichlich verzierten Seemannsanzug, so ein Phantasiekostüm, es war ein strammer Junge ... und ebenfalls maskiert! Aber er trug nicht so wie der Kapitän nur eine einfache Maske, so geschlossen diese auch war, sondern der Knabe hatte gleich eine ganze Kappe aus schwarzem Wachstuch über dem Kopf, nur mit kleinen Öffnungen für die Augen und zum Atmen, und die Kappe schien am Halse sehr sorgfältig befestigt zu sein.

»Siehst du, Raoul,« hörte man den Kapitän sagen, als er den Knaben noch bei der Hand hielt, und es klang sehr zärtlich, »jetzt stehst du auf dem Boden von Monaco, und dort rechts, das ist das berühmte Monte Carlo. Nun, ich will dir schon noch alles zeigen. Jetzt sollst du nach der langen Seereise dich erst einmal in einem richtigen Bette ausruhen. Komm, mein Raoul!«

Der Knabe hatte sich neugierig umgeblickt, und dann schritt er neben dem Kapitän her, der Gaumates-Schlucht zu. Der kleine Mann machte sehr große Schritte, es fiel gleich auf, dabei schaukelte er den Körper so hin und her, wie es neugebackene Schiffsjungen immer tun, wenn sie den schon weitgefahrenen Seemann markieren wollen.

Aber mit einem Schiffsjungen hatte man es hier nicht zu tun, den Nächststehenden waren sofort die feinen, zarten Hände des Knaben aufgefallen.

Um nun das Geheimnis der ganzen Sache noch vollzumachen, ging hinter den beiden der dicke Matrose einher, aber nicht so unschuldig wie sonst, höchstens mit der Ordonnanztasche bewaffnet, sondern jetzt mit einem gewaltigen Entensäbel, und außerdem hingen noch an dem Gürtel, der sich um seinen Schmerbauch spannte, zwei mächtige Revolverfutterale, aus denen die Kolben hervorsahen, und es war ganz offenbar, daß sein bewaffneter Schutz nur dem maskierten Knaben galt.

Daß der Begleiter des Kapitäns in Monaco offen Waffen tragen durfte, mußte ihm wohl erlaubt sein, damit hatte die Steuerbehörde nichts zu tun, nur die Polizei, und die hatte ihre Willfährigkeit gegen den unbekannten Kapitän ja schon oft genug bewiesen.

Was hatte es nun wieder mit dem maskierten Knaben für eine Bewandtnis? Es hat keinen Zweck, alles mitanzuhören, was die Menge wieder hinausspekulierte.

Sie waren in die Mäander-Burg gegangen, und der kleine Raoul – ein französischer Vorname – kam so bald nicht wieder zum Vorschein.

Der Kapitän hatte ja gesagt, daß sich der Knabe erst wieder einmal in ein ordentliches Bett legen sollte. Der schlief jetzt also.

Dann kamen aus der Richtung von Nizza her zwei schöne Reitpferde, eine zweispännige Equipage und ein leichter Jagdwagen und wurden oben vor der Mäander-Burg im Boulevard du Nord von den Begleitleuten vorgeführt.

Ein Matrose eilte nach dem Hotel de Paris und kehrte schnellstens mit Lord Roger zurück. Es hieß ja, dieser sei beim Verkauf der Mäander-Burg vom Kapitän in das Geheimnis eingeweiht worden, das habe mit zum Preis gehört, und der junge, sportkundige Engländer war auch auf Bitten des Kapitäns in Nizza gewesen und hatte dort für diesen Pferde und Wagen ausgesucht und gekauft.

Warum der Kapitän nicht selbst die halbe Stunde nach Nizza gefahren war? O, das spekulierende Publikum war ja gar nicht so dumm!

Ganz einfach deshalb nicht, weil dort der erste Schutzmann den maskierten Mann mit nach der Wache genommen hätte, und da wäre es mit dem Incognito vorbei gewesen. Auf französischem Gebiet wurde der Paß des Fürsten von Monaco nicht mehr respektiert.

Vor der Mäander-Burg fand auf der Straße das übliche Hin- und Herführen der Pferde statt. Es hatten sich wieder genug Neugierige herbeigedrängt, auch Monsieur Girard, welcher mehr Berechtigung als andere zu haben glaubte.

»Monsieur Kapitän, wer ist dieser maskierte Knabe?« fragte er direkt.

Es war ein mehr erstaunter denn abweisender Blick, der den Aufdringlichen hinter der Maske hervor traf.

»Verschonen Sie mich jetzt mit allen Fragen,« entgegnete der Kapitän kurz, setzte aber für den Redakteur auch noch etwas sehr angenehm Klingendes hinzu: »Ich werde Sie nächstens bitten, zu mir zu kommen, und Ihnen alles ausführlich sagen. Aber nicht jetzt!«

Er wandte sich den Pferden zu.

Auch der Kapitän stieg einmal in den Sattel. Er konnte reiten, das sah man schon daraus, wie er die Zügel ordnete, aber so leicht kam er doch nicht in den Sattel, er hatte Mühe damit.

»Es ist schon lange her, daß ich kein Pferd mehr zwischen den Beinen gehabt habe,« sagte er beim Absteigen, »schon fast vierzig Jahre, und unterdessen hat sich mit Sattel und Zäumung manches geändert. Nun, daran werde ich mich bald wieder gewöhnt haben.«

Drei Matrosen, wenigstens Leute in Matrosenuniform – sie waren auch im Boot von der Heliotrop gekommen – brachten Pferde und Wagen in den oben befindlichen Stallungen unter.

Der Lord begab sich mit in das Innere seines ehemaligen Hauses; Monsieur Girard aber hatte vergebens gehofft, er erhielt keine Einladung.

Als dann der Lord wieder in der Gesellschaft erschien, wußte er auch nichts von dem maskierten Knaben zu erzählen.

»Gesehen habe ich ihn nicht, und da der Kapitän seiner mit keinem Wort erwähnte, habe ich auch nicht nach ihm gefragt. Ich bin doch kein neugieriges Weib. Ja, wer der Kapitän ist, das weiß ich, das mußte er mir sagen, denn dem ersten besten hätte ich meine Mäander-Burg nicht abgetreten.«

»Wer ist es denn nur?« wurde der Lord zum hundertsten Male gefragt.

»Ich darf es nicht sagen, denn darauf habe ich ihm mein Wort gegeben,« erwiderte der Gefragte ebenso zum hundertsten Male, und aus diesem jungen Engländer war nichts herauszubringen, das war ein Stockfisch erster Güte, das wußten am besten die Damen von Monte Carlo.

Ja, Tigerjagden, Luftballonfahrten und dergleichen – für so etwas hatte er noch Interesse, dann konnte er auch gesprächig werden – aber das ewig Weibliche hatte für den jungen Mann schon keinen Reiz mehr.

Heute war er doch einmal etwas mitteilsam, vielleicht daher, weil ihm der Kapitän ein ausgezeichnetes Glas Wein vorgesetzt hatte, es mochte ein etwas großes Glas gewesen sein.

»Es ist ein sehr bekannter Mann, eine weltbekannte Persönlichkeit – das heißt gewesen,« begann er von allein.

»Aus der Revolutionszeit?«

»Ich sage gar nichts, ich darf nicht,« fing es da schon wieder an.

»Haben Sie sein Gesicht gesehen?«

»Ja, auch die Maske mußte er lüften, ehe ich ihm mein Haus verkaufte.«

»Kannten Sie ihn?«

»Ja, sehr gut sogar, und ich war grenzenlos überrascht.«

»Oho!« wurde zweifelnd gerufen. »Dann ist es aber auch mit der Verjüngungskur nichts!«

»Wieso nicht?«

»Er will doch schon seit vierzig Jahren aus der Welt verschwunden sein.«

»Jawohl, das stimmt.«

»Und da wollen Sie ihn kennen?«

»Weltbekannte Männer kennt man doch von Bildern her.«

»Ach so!« erklang es jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen.

»War er noch jung?«

»Ja, jung und ... das wäre etwas für Sie, meine Damen.«

»Ein schöner Mann, nicht wahr?« kam es denn auch prompt und schnellstens von den geschminkten Lippen derselben.

Der Lord aber blieb die Antwort schuldig und wurde dennoch einmal außerordentlich gesprächig.

»Na, nun will ich Ihnen noch etwas sagen, dann aber nichts mehr. An die Verjüngungskur glaube ich nicht. Das heißt, so etwas geht gegen meinen gesunden Menschenverstand. Und trotzdem! Ich stehe eben vor einem unfaßbaren Rätsel. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als daran glauben zu müssen – zu müssen! Dieser junge Mann, den ich nach Abnehmen der Maske vor mir sah, sagte, er wäre jene Person, von welcher in den vierziger Jahren alle Welt gesprochen hat – alle Welt – von dem ich als Kind mit Heißhunger gelesen habe. Unsinn! Ja, da hat er mir aber Beweise gegeben, daß er's wirklich ist – Beweise, die man nicht fälschen kann – Beweise an seinem eigenen Leibe – und er ist's wahrhaftig! Adieu!«

So hatte Lord Roger gesprochen und sich schnell verabschiedet.

Nun konnte man raten, wer dieser geheimnisvolle Maskierte sei. Als Kind hatte der Lord mit Heißhunger von ihm gelesen? Durch diese Andeutung kam man der Lösung des Rätsels auch nicht näher.

»Und wer ist denn nun der maskierte Knabe, den seine Jacht jetzt mitgebracht hat?« hieß es dann weiter.

Man konnte nur beobachten, und man tat es. Allerdings hatte man dazu nicht viel Gelegenheit; denn wenn auch der Knabe jeden Tag im Freien gesehen wurde, so doch jedesmal nur für kurze Zeit, dann verschwand er wieder in der Mäander-Burg. Mitleidige Seelen sagten schon, daß der arme Junge ja viel zu wenig an die frische Luft käme, und außerdem ging er am häufigsten des Abends, sogar erst in später Nacht spazieren, und das ist für ein Kind doch keine passende Zeit.

Zuerst hatte er an der Hand des Kapitäns den Spielsaal betreten. Dieser hatte ihn etwas zusehen lassen, hatte ihm das Spiel erklärt, so viel, wie sich ein Kind für die bunte Scheibe mit der rollenden Kugel interessieren kann, hatte ihm das Wandgemälde und anderes mehr im Kasino gezeigt.

Das war der erste Tag gewesen. Man beobachtete an dem doch höchsten zwölfjährigen Knaben einen unnatürlich großen Schritt, ein auffälliges Schlenkern der Arme beim Gehen, trotz der sonstigen Strammheit eine kleine und sehr feine Hand und hörte eine helle Kinderstimme, die hinter der vollkommen geschlossenen Maske, richtiger einer Kapuze, natürlich gedämpft klang. Sie bedienten sich bei der Unterhaltung der französischen Sprache, welche aber der Kleine nicht vollkommen zu beherrschen schien, vor allen Dingen hatte er auch einen ganz fremden, eigenartigen Akzent. Der Knabe wurde von seinem Begleiter Raoul angeredet, er sagte einfach ›Kapitän‹. Es kam aber manchmal auch ein ›Capitano‹ dazwischen.

Einige Beobachter behaupteten, daß trotz der sonstigen Vertraulichkeit der Kapitän dem Knaben einen großen Respekt entgegenbrächte, was besonders zu bemerken sei, wenn beide sich unbeobachtet wähnten, wie z. B. vorhin in der Gemäldegalerie. In der Öffentlichkeit suche der Kapitän diese respektvolle Ehrfurcht gegen den Kleinen zu verbergen.

Am anderen Tage zeigte sich der vermummte Knabe zu Pferde an der Seite des Kapitäns. Der Junge konnte sehr gut reiten, das sah jeder. Kenner aber sahen noch mehr, und sie sprachen viel von Schenkel und Hand, sie sagten, das sei ein geborener Reiter, mindestens müsse er im Sattel groß geworden sein. Nur einige konnten schon erzählen, mit welch wunderbarer Leichtigkeit und Grazie sich der kleine Wicht auf das hohe Pferd geschwungen habe – wie ein Kunstreiter. Nein, sagten wiederum die Kenner, Kunstreiter kann jeder werden, der die Gelenkigkeit dazu hat – hier handelt es sich vielmehr um einen gottbegnadeten Schulreiter, welcher gleich fertig mitbringt, was niemand erlernen kann, der nicht das Zeug dazu hat.

Einige Tage darauf kam ein anderer, sehr großer Transport Pferde zur Auswahl vor die Mäander-Burg, es hieß, der Knabe sei mit keinem der beiden bisherigen Reitpferde zufrieden gewesen, und jetzt sollte man noch etwas ganz anderes zu sehen bekommen.

Der kleine Raoul bestieg einen jungen, feurigen und dabei mächtigen Rappen, den zwei Reitknechte kaum am Zügel halten konnten, und jetzt sahen auch die Nichtkenner, daß dieser Knabe vom Reiten noch etwas mehr verstand als andere Sterbliche. Eine Viertelstunde lang balgte er sich mit dem unbändigen Rosse herum. Alle Kunststücke des Cowboys, der in der Prärie den wild eingefangenen Mustang bändigt, bekam man hier auf einem freien Platz von Monte Carlo zu sehen. Dann hatte der Junge den mächtigen Rappen in seiner Gewalt, das Tier gehorchte dem Knaben wie ein Lamm.

Von einer Kraft der Faust und der Schenkel konnte hier freilich nicht die Rede sein, ein Pferd ist ja überhaupt viel stärker als der stärkste Mann, hier handelte es sich um Gewandtheit, Kenntnis des Pferdes und um gewisse Tricks, wie es ja auch in der Prärie nicht anders ist – jedenfalls hatte das Roß die Hand seines Meisters erkannt, dieser gehorchte erst jetzt, und wenn sie auch nur einem Kinde angehörte.

Man konnte es dem Jungen nicht verübeln, wenn er sein Licht nicht unter den Scheffel stellte, sondern sich zu seinen Kunststückchen den Platz neben dem Kasino ausgesucht hatte, wo er am meisten angestaunt wurde. Er wollte bewundert werden, und er war es auch wert.

Zuletzt zwang er das scheue Tier neben dem Segelklubhaus in das Meer hinein, immer wieder, bis der Rappe ohne Widerstreben in die salzige Flut ging, schwamm weit hinaus in die See, und zum Schluß sprang er sogar in voller Karriere von dem sehr hohen Steindamm hinab ins Meer.

Das Publikum sperrte, mit Respekt zu sagen, Mund und Nase auf. So etwas hatte man hier und anderswo noch nicht gesehen.

Daneben hielt der maskierte Kapitän hoch zu Roß und schaute unbesorgt den verwegenen Reiterstückchen seines Schützlings zu, klatschte nur bei dem letzten tollkühnen Sprung ebenfalls Beifall. Dann sprang der Knabe ab, übergab das zitternde Tier einem Diener und benutzte den unteren Eingang der Mäander-Burg. So wurde der maskierte Knabe jeden Tag gesehen, zu Pferd, zu Wagen, oder zu Fuß, aber allerhöchstens eine Stunde lang, dann verschwand er wieder in jener Felsenwohnung, und immer war er von Begleitern umringt, die keinen Blick von dem Knaben wandten und sogar offen Waffen zur Schau trugen, und dann wurde auch kein Fuß über die Grenzen des Fürstentums gesetzt, denn außerhalb desselben hatte ja der Passepartout seine Macht verloren.

Wie sehr der Kapitän Recht hatte, wenn er fürchtete, daß es gewisse Personen gab, welche es auf die Lüftung der Maske und des ganzen Geheimnisses abgesehen hatten, welche so ziemlich vor gar nichts zurückschreckten, wenn es galt zum Ziele zu kommen, das sollte sich bald zeigen.

Eines Abends sah man den maskierten Knaben aus der Gaumates-Schlucht herauskommen und dem Hafen zuschreiten, begleitet von zwei bewaffneten Matrosen, unter denen sich aber Wilm nicht befand.

Da man wußte, daß der Kapitän zur Zeit an Bord seiner Jacht war, kannte man auch alles weitere. Jetzt holte Raoul ihn ab, die beiden machten im Mondschein eine einsame Segelpartie, ohne weitere Begleitung. Das liebten sie, dann blieb der Knabe, welcher gern die Segel bediente, auch länger im Freien, bis Mitternacht und noch länger.

Am Quai lagen jetzt immer einige Boote von der Heliotrop. Die drei stiegen in ein kleineres, Raoul setzte sich ans Steuer, gab mit heller Stimme die Ruderkommandos zum Absetzen mit der Sicherheit eines alten Seemanns; das Boot erreichte die Jacht. Dort wurde schon ein anderes aufgetakelt. Der Kapitän befand sich bereits darin, der Knabe sprang hinüber, und beide segelten hinaus in die mondhelle Nacht.

Ein starker Ostwind wehte, wenigstens hier an der Küste. Als aber das Boot weiter draußen aus dem Schutz der hohen Gebirgskette rauskam, wurden die Segel mehr von nordöstlicher Richtung her gebläht.

Es kann ja hier am Südabhange der Seealpen vorkommen, daß man zehn Kilometer weit draußen auf dem Meere einen Nordsturm toben sieht, während am Strande selbst völlige Windstille herrscht, so daß auch die See an der Küste spiegelglatt ist. Später freilich macht sich der Wellenschlag doch noch bemerkbar.

Das Boot flog mit dem Winde dahin, und so würden die beiden beim Rückweg Schwierigkeiten haben, da mußten sie immer gegen den Wind ankreuzen. Aber gerade das gewährt ja beim Segeln das größte Vergnügen, die Elemente durch Berechnung zu überlisten.

Da plötzlich sah man, wie hinter dem Felsen von Monaco ein großes Boot hervorschoß. Es brauchte nicht gerade dort den Strand verlassen zu haben, es konnte auch von der französischen Küste kommen, denn es war schon weit draußen, es tauchte nur für den östlich stehenden Beobachter erst hinter diesem Felsen auf. Ein, zwei, drei, vier ... zehn Riemen wurden gezählt – ein zehnriemiger Kutter! Also ein Boot, welches von zehn Mann gerudert wurde. Die schaffen etwas! Ein elfter Mann saß am Steuer. Der Kutter strebte nach Südosten – plötzlich beschrieb er einen großen Bogen und steuerte in die entgegengesetzte Richtung.

Wer dieses Manöver beobachtet hatte, und nur eine kleine Ahnung vom Segel- und Rudersport besaß, der konnte nicht im Unklaren sein, was dort beabsichtigt wurde: der große Kutter hatte es auf das kleine Segelboot abgesehen, er schnitt ihm den Wind ab.

Im Moment richteten sich aller Augen nach der Heliotrop. Ohne Zweifel, dort leuchtete das elektrische Licht heller auf, da sah man auch schon die Matrosen über Deck rennen, sie stürzten Hals über Kopf in das im Wasser liegende Motorboot, aber dieses schien nicht gleich betriebsfähig zu sein, einige Zeit verstrich, die Matrosen sprangen wieder heraus, die Bootsmannspfeife gellte, das größte Boot wurde aus den Davits geschwungen ...

Da wurde die Aufmerksamkeit von der Jacht auf etwas anderes hingelenkt.

Aus der Gaumates-Schlucht kam Wilm gerannt, sein Ziel war die Bootsstation. Trotz seines Schmerbauches und trotz der X-Beine rannte er wie ein Hase, ihm folgten mit ebensolchen Sprüngen acht andere Matrosen von der Heliotrop, die jetzt in der Mäander-Burg hausten, vollständig bekleidet war keiner, keiner hatte eine Mütze auf, einer hatte eine weiße Küchenschürze vorgebunden, ein zweiter hatte noch die Schippe in der Hand, mit der er Kohlen geschaufelt, ein dritter hatte wohl zu Bett gehen wollen, war in Unterhosen und hatte nur an einem Fuße einen Strumpf, und der letzte war gar nur im Hemd; der war aus dem Bett gesprungen.

Sie hatten die Landungstreppe erreicht, sie saßen im Boot, Wilm am Steuer, sie warfen die Riemen in die Gabeln und holten durch.

Erst aber mußten sie in Takt kommen.

»Pult, Jungens, pult für euren Kapitän!!!« heulte Wilm mehr, denn daß er schrie, und dann fing er zu singen oder vielmehr zu brüllen an, eines jener sinnlosen Shandys mit fürchterlichem Inhalt, welche die Matrosen beim Segelreffen und zum Rudertakt singen.

»Un häst du dee Hamborger Anna nich sehn ...«

Und brüllend fielen die anderen acht Matrosen mit ein:

»Sing vallera hoh hoh hoh hoh!«

Schon die zweite Strophe dieses Liedes läßt sich nicht wiedergeben.

Die Hauptsache aber ist, daß es wirkt. Und hier war dies der Fall. Der steuernde Wilm steckte die Finger der freien Hand in den Mund und pfiff zu dem Gebrüll den Takt, und die Jungens holten durch, daß ihre Oberkörper jedesmal unter den Duchten verschwanden, und daß sich die riesigen Ruderstangen aus Eichenholz wie die Reitgerten bogen, und ehe noch das von der Heliotrop ausgesetzte Boot das Wasser berührte, schoß dieses hier schon wie ein Pfeil an der Jacht vorbei.

Dann freilich hatte es auch gleich den zweiten Kutter auf den Hacken, und nun ging zwischen den beiden Booten erst recht das Wettrudern los, jede Mannschaft wollte zuerst bei ihrem Kapitän sein, um ihn von seinen Verfolgern zu befreien.

O – dort draußen im Mondlicht der fremde Kutter, der das kleine Segelboot kapern wollte, hier die beiden wettrudernden, zum Entsatz herbeieilenden Boote mit den brüllenden Mannschaften, und diese zauberhafte Schnelligkeit, mit der sich das alles entwickelt hatte – das war ein Schauspiel, wie Monte Carlo es noch nicht gesehen hatte. Was war dagegen die alljährliche Segelregatta! Gar nichts!

Doch es läßt sich nicht beschreiben, was hier eigentlich vorlag, daß unter dem zuschauenden Publikum plötzlich ein Fieber ausbrach, von dem auch der befallen wurde, der sonst für Sport gar kein Interesse hat, während dieses Fieber bei den Empfänglicheren schon mehr in eine Art von Wahnsinn überging.

Und nun besonders die Engländer! Bist du, geneigter Leser, schon einmal in London gewesen, wenn auf der Themse die Studenten von Cambridge gegen die von Oxford rudern? Geh um diese Zeit lieber nicht hin! Dann ist es dort lebensgefährlich. Dann ist ganz London, ganz England, von lauter Wahnsinnigen erfüllt. Auch das Derbyrennen ist nichts gegen dieses Wettrudern.

Auch Lord Hannibal Roger taute auf. Phlegmatisch wie immer, nahm er den blanken Zylinder vom Kopfe, legte ihn fein säuberlich auf den Boden, und dann – trampelte er plötzlich mit beiden Füßen auf dem unschuldigen Hute herum.

»Er läßt sich nicht fangen – und er läßt sich nicht fangen – er darf's nicht, und er tut's nicht, god damn't! Tausend Pfund, daß sie den Kapitän nicht fangen! Wer hält dagegen?«

Also schrie der plötzlich ganz aus dem Häuschen geratene Lord, während er auf seinem schönen Zylinder herumtrampelte.

Nun, an solchen, welche gegen ihn hielten, fehlte es nicht. Die Herren tauschten Visitenkarten, das genügte, es waren Gentlemen, da gab es keinen Streit wegen Kleinigkeiten. Die Hauptsache, weswegen die Wette ging, kannte ein jeder.

Man mußte sich mit dem Kartenwechsel beeilen, jeder Augenblick konnte den Schluß herbeiführen, welcher den Lord voraussichtlich 11.000 Pfund Sterling kosten würde, denn er hatte bereits 11 Visitenkarten in der Hand, konnte aber auch noch mehr bekommen, die später einzulösen waren. Denn die beiden, ihrem Kapitän zu Hilfe eilenden Boote würden trotz aller Schnelligkeit zu spät kommen! Dort in der Ferne hatte der Kutter das kleine Segelboot schon erreicht, und die Boote hatten mindestens eine Viertelstunde zu rudern, ehe sie hinkamen.

Allerdings strich der Kapitän das Segel nicht sogleich, er suchte noch zu entwischen. Bald sah man die kleine Nußschale und die größere dicht zusammen, dann waren beide wieder weit auseinander, und dabei ging es immer wieder weit nach Südwesten, hinaus ins offene Meer.

Mit dem zehnriemigen Kutter konnte das kleine Segelboot natürlich nicht an Schnelligkeit wetteifern; aber es gehorchte dem Steuer besser, sein Lenker hatte es mehr in der Gewalt. Es drehte scharf gegen den Wind bei und war gleich wieder in voller Fahrt, während der geruderte Kutter jedesmal darüber hinausschoß und dann einiger Zeit bedurfte, ehe er die neue Richtung wieder in voller Fahrt aufnehmen konnte.

Lang konnte dieses Spiel mit dem Hakenschlagen trotzdem nicht dauern, der Windhund bekam den Haken doch nicht! Auch in dem Kutter saßen Seeleute, welche den Wind ebenfalls zu berechnen verstanden, auch die Ruderer gewöhnten sich schnell an diese Manöver, und man sah selbst von hier aus, wie die Hakenstrecken immer kürzer und kürzer wurden.

Was wollte die Besatzung jenes Kutters? Natürlich die beiden maskierten Personen gefangen nehmen. Von wem ging das aus? Jedenfalls von dem Berichterstatter einer großen Zeitung. Der brachte die beiden dann irgendwo hin, hielt sie fest, nahm ihnen die Masken ab – hier, nun einmal heraus mit der Sprache! Wer bist du?

Solche Zeitungsreporter sind ja zu allem fähig, wenn es eine Prämie zu verdienen gibt, und dann, wenn die beiden Unbekannten auf französisches Gebiet kamen, fand der Betreffende sogar Unterstützung durch die französische Polizei.

Doch das war jetzt alles ganz gleichgültig. Hier hieß es: wird der Kapitän gefangen oder entkommt er? Werden die beiden Hilfsboote ihn noch rechtzeitig erreichen oder nicht?

Diese Fragen waren es, welche unter dem Publikum jene kolossale Aufregung hervorriefen, und es waren viele Engländer und Yankees darunter, welche von der Regel, daß sich Extreme berühren, keine Ausnahme machten. Ihr sonstiges Phlegma verwandelte sich plötzlich in eine Art von Tobsucht.

»Sie haben ihn, sie haben ihn!«

»Nein, sie haben ihn noch nicht!«

»Die Boote kommen nicht mehr hin!«

»Sie kommen noch hin! Wetten?«

»Es sind nur acht Ruderer!«

»Aber wie die durchholen, wie die durchholen!«

»Jetzt, jetzt haben sie ihn!«

»Nein, er ist wieder frei!«

So und anders scholl es durcheinander, und dann ein einstimmiger Ruf:

»Sie haben ihn, sie haben ihn, er ergibt sich, er streicht die Segel!«

»Und es ist nicht wahr, und ich glaub's nicht! Verdammt; meine Augen!« schrie Lord Roger dagegen, und er hätte es wohl auch noch geschrien, wenn sie ihn schon gehabt hätten.

Vorläufig jedoch war das kleine Boot mit einem Hakenschlagen noch einmal frei gekommen. Aber das Hauptsegel war schon gerefft, der Kapitän gab das nutzlose Spiel auf, er wollte sich in das unvermeidliche Schicksal fügen. Das erste der beiden zu Hilfe eilenden Boote war noch weit entfernt. Das von der Heliotrop ausgesetzte Boot hatte den Vorsprung, den das von Wilm gesteuerte vor ihm gehabt, nicht wieder einholen können, im Gegenteil, der Abstand zwischen ihnen war immer größer geworden.

Daran brauchte nicht Schuld zu sein, daß das zweite Boot nur von sechs Mann gerudert wurde, während im ersten acht Matrosen die Riemen handhabten. Die Jacht hatte nur noch eine sechsriemige Jolle zur Verfügung gehabt, und an der Landungstreppe hatte ein sehr großer Kutter gelegen, für 14 Ruderer bestimmt, aber nur 8 Riemen konnten benutzt werden.

Eigentlich hätte die sechsriemige Jolle dem achtriemigen Kutter überlegen sein müssen, aber ein minderwertiges Pferd mit einem guten Jockei im Sattel wird oft genug eher durchs Ziel gehen als der beste Renner, welcher schlecht gesteuert wird, und dasselbe gilt beim Bootsrudern. Die Menge der Riemen macht es jedenfalls nicht, und außer auf die Muskeln und auf die Schulung der Mannschaft kommt es nicht zum Geringsten auf das Kommando an.

In dieser Hinsicht war der Kutter trotz seiner Schwerfälligkeit der leichteren Jolle sichtlich überlegen. Während man sein ›Singvallera hoh hoh hoh hoh‹ noch immer über das Wasser schallen hörte, sah man, wie mächtig und gleichmäßig die Riemen zum Takte des Liedes durchgeholt wurden, während bei der Jolle oftmals Unregelmäßigkeiten vorkamen.

Aber warum stoppte denn der Kutter in der vollen Fahrt plötzlich ab? Warum warfen die Matrosen die Riemen ein? Sie schienen etwas aus dem Wasser zu fischen. Unsinn, daß sie sich jetzt mit so etwas aufhielten! Nun hatte der Kutter auch die Siegespalme im Wettstreit unwiderruflich verspielt, im Nu war er von der Jolle überholt worden.

Gleichgültig! Jetzt wurden nur das kleine Segelboot und der feindliche Kutter beobachtet.

Das Schicksal des Kapitäns war besiegelt. Er ergab sich freiwillig.

»Hat er denn keinen Revolver bei sich?« wurde gerufen. »Er sollte in den Kutter ein Loch schießen!«

»Unsinn! Unsinn!« schrie Lord Roger, weil so etwas besser in gewissen Büchern geht als in der Wirklichkeit, denn was macht sich solch ein Segelboot, das immer leer geschöpft werden muß, aus einem Kugelloch! »Jetzt – jetzt muß er wenden und ... Triumph! Triumph!« setzte der Lord jauchzend hinzu. »Jetzt hat er den Kutter gefangen!«

Die meisten der Zuschauer wußten gar nicht, was eigentlich plötzlich passiert war. Sie glaubten, sie sähen im Augenblick die beiden kleinen Nußschalen im unsicheren Mondlichte nur nicht mehr. Die Wahrheit mußte ihnen erst gesagt werden.

»Er hat den Kutter übersegelt! Er hat ihn mitten durchgerammt!«

So war es. Von den beiden Booten war nichts mehr zu sehen. Jetzt lag dort alles im Wasser, klammerte sich vielleicht nur noch an Trümmer an.

Das andere spielte sich schnell ab. Die Jolle war jetzt bald an der Schiffbruchstelle, man sah weiße Lichter aufleuchten, die Jolle war mit Magnesiumfackeln ausgerüstet, in deren Scheine fischten die Matrosen die Schwimmenden auf, das Boot fuhr mehrmals große Strecken ab, dann kam noch der von Wilm gesteuerte Kutter hinzu, und das große Fahrzeug konnte die Verunglückten erst recht aufnehmen.

Lange dauerte es nicht, so ging es mit voller Fahrt nach dem Hafen von Monaco zurück. Wer von den Zuschauern noch ein Boot bekommen konnte, sprang hinein, um den Zurückkommenden entgegenzurudern und sie im Triumph zu empfangen.

Und die Ahnung sollte sich bewahrheiten! Der maskierte Kapitän brachte in den beiden Booten die ganze Besatzung des Kutters mit, die ihn hatte fangen wollen. Er aber hatte sie gefangen, und zwar aus eigener Kraft. Die Matrosen hatten die Überwundenen nur noch aus dem Wasser zu holen brauchen. Die elf Männer, lauter italienische Gesichter, lagen, auf beide Boote verteilt, zur Vorsicht an Händen und Füßen gebunden, am Boden der Fahrzeuge, wie die Mehlsäcke übereinandergeschichtet, die rudernden Matrosen stemmten ihre Füße dagegen, und sie sahen sich nicht gerade vor, wohin sie traten.

»Jetzt kommt der Prinz, der Prinz von Monte Caaaaarlo!« sang Lord Hannibal Roger in übermütiger Laune. »Nun, meine Herren, wenn sie kein bares Geld bei sich haben – bitte, das Scheckbuch heraus! Das war doch wohl fair gewonnen! Wieviel Visitenkarten sind's denn geworden? Vierzehn. 14.000 Pfund Sterling, gleich 350.000 Francs! Das läßt sich hören! Kapitän, diese Sache können sie bald noch einmal machen. Aber ich wußte es ja. Kapitän, meine Hochachtung – Sie haben den Teufel im Leibe! Wo ist denn eigentlich mein Hut, daß ich ihn abnehmen kann? Ach, da liegt er, ein Häufchen Unglück! Dann begnügen Sie sich mit meiner Hochachtung.«

Aus den beiden an der Heliotrop liegenden Booten, umringt von vielen anderen Fahrzeugen, stieg zuerst der Knabe das Fallreep empor. Ob er die Kapuze auch jetzt noch über dem Kopfe hatte, war nicht zu sehen; er war in Segeltuch eingewickelt. Dann wurden die gefangenen Kutterleute an Bord gehievt, richtig wie Schlachtvieh mit der Winde, unbekümmert um ihr Schimpfen und mehr noch Winseln.

Es waren ausschließlich italienische und südfranzösische Physiognomien, die bunten Hemden über braunen, muskulösen Armen aufgekrempelt. Die Kundigen erkannten sofort, daß es Thunfischer vom Kap Martin waren, verwegene Gesellen; so etwas aber war ihnen sicher noch nicht passiert.

Während des Überhievens erzählte der Kapitän, noch in seinem Boote befindlich, mit kurzen Worten sein Abenteuer. Die Sache war noch viel komplizierter gewesen, als es von Land ausgesehen hatte. Raoul hatte eine Hauptrolle gespielt oder doch ein unbeobachtetes Bravourstückchen geleistet.

Als der Kapitän das Manöver des Kutters gesehen, wußte er natürlich gleich, was es geschlagen hatte, was jene Mannschaft beabsichtigte.

Er entfloh nicht, sondern fuhr hin und her und deckte mit dem Hauptsegel die Gestalt des Knaben, damit dieser unbemerkt über Bord gleiten und dem Hafen von Monaco zuschwimmen konnte, aus welchem bereits die beiden Rettungsboote steuerten.

Es war also dem Kapitän ganz hauptsächlich auf die Wahrung des Incognitos dieses Knaben angekommen, welcher mit der Kapuze zu sehr der Gefahr des Ertrinkens ausgesetzt gewesen wäre, wenn der Kapitän das Ramm-Manöver ausführte, welches er von vornherein beschlossen hatte, weil er keine andere Möglichkeit des Entkommens vor dem schnellen Kutter sah.

Also der Knabe war unbemerkt über Bord gesprungen. Haifische gibt es hier zwar nicht – aber immerhin, es gehört doch eine tüchtige Portion Courage dazu, wenn ein halbwüchsiger Junge weit, weit draußen in die wogende, schäumende Flut springt, in der Nacht, und noch gar nicht wissend, ob er das entgegenkommende Hilfsboot auch nicht verfehlt.

Nun, Raoul hatte es eben riskiert, und der Kapitän mochte wissen, daß der Knabe zu seiner solchen Schwimmtour befähigt war, selbst wenn ihn die herbeieilenden Boote nicht bemerken sollten, wonach es dann freilich eine Schwimmfahrt von mindestens anderthalb Stunden geworden wäre. Bemerkt sei noch, daß der Knabe also ohne Maske ins Wasser gesprungen war. Wilms Kutter aber hatte den kleinen Schwimmer, der sich durch Rufen bemerkbar machte, gesehen und aufgenommen. Deshalb hatte das Fahrzeug gestoppt.

Jetzt führte der Kapitän aus, was er von vornherein beabsichtigt hatte.

Es lag ja eigentlich sehr nahe, daß er den feindlichen Kutter rammen würde, die Fischer rechneten auch selbst damit, aber eben, weil sie glaubten, er habe den Knaben bei sich, waren sie doch nicht so ganz darauf vorbereitet, sie glaubten, des Knaben wegen würde er es doch nicht riskieren, und dann überhaupt war das Manöver viel zu geschickt ausgeführt worden, sie hatten sich täuschen lassen.

Schließlich schien der Verfolgte die Hoffnung aufzugeben, durch schnelles Wenden dem Kutter entgehen zu können, endlich folgte er der wiederholten Aufforderung, er strich zunächst das Hauptsegel, der Kutter fuhr heran, um längsseits zu gehen, aber auch das kleine Boot befand sich noch in voller Fahrt, dann stand auch noch das Klüversegel ... und mit einem Male sauste das Boot herum und mit dem spitzen, scharfen, eisenbeschlagenen Bug dem Kutter krachend zwischen die Rippen!

Es brauchte kein Durchrammen stattzufinden, dieser Aufprall auf bewegter See genügte, das Leck war groß genug, der Kutter versank augenblicklich – das kleine Boot freilich auch.

Im Wasser dachten die Fischer nicht mehr an eine Arretierung, sondern nur ans Schwimmen, an Rettung. Diese Sache war ihnen denn doch etwas zu unerwartet gekommen. Da erschienen die beiden Hilfsboote. Sie fischten die Schwimmer von der erleuchteten Meeresfläche ab, und als das Dutzend gerade voll war, ging es zurück. –

Der Kapitän hatte viel kürzer erzählt, als hier wiedergegeben wurde.

»Es sind Fischer von Kap Martin. Der Bootsmann hat mir schon beichten müssen. Ein paar Hiebe machten ihn schnell gesprächig. Sie lauern schon lange auf eine passende Gelegenheit, mich bei einer nächtliche Segelpartie abfangen zu können. Auf Kap Martin steht die Villa Brown; wenn sie mich und womöglich auch den Knaben dort lebendig ablieferten, sollte jeder von ihnen hundert Francs bekommen ...«

»Von wem?« unterbrach ihn Lord Roger.

»Den Namen des Herrn kennen Sie nicht – ein Kavalier, groß, stark, blonder, spitzer Vollbart, auffallend kleine Nase ...«

»Mr. James Pin vom ›Daily Telegraph »Ich möchte den Herrn sprechen, und das sofort!«

»Und ich möchte dabeisein, wenn Sie ihn sprechen.«

»Sofort hin zu ihm, wie ich bin! – Die Buschen bleiben, bis ich zurückkomme!« rief der Kapitän seinen Leuten zu, sprang in des Lords Boot, es ging aus dem Land, dem Hotel London zu.

»Dort kommt Mr. Pin!« erklang es in der Menge, welche sich hinter und neben dem Kapitän herwälzte. Sie alle wollten bei dem Schlusse dieser Komödie direkt zugegen sein.

Das Rencontre fand in unmittelbarer Nähe des Hotel London statt.

Schnellen Schrittes war ein Herr einhergekommen. Er sah die große Menschenmenge, blieb unter einer Straßenlaterne stehen und stutzte sichtlich beim Anblick des maskierten Kapitäns.

»Wünschen Sie etwas von mir?« fragte er trotzdem gleich in herausforderndem Tone, als der Kapitän direkt auf ihn zuschritt, und hatte dabei auch schon in einer ganz gefährlichen Weise die rechte Hand in die Hosentasche gesteckt.

Mr. Pin war ein großer breitschultriger Mann, man konnte ihn herkulisch gebaut nennen, und er war bekannt als ein Rowdy, der gleich drauflos schlug, und zwar war er ein ausgezeichneter Boxer.

Der maskierte Kapitän war dicht vor ihn getreten.

»Ja, Mr. Pin, ich dächte, wir hätten etwas zu besprechen. Wie kommen Sie dazu, Leute zu bezahlen, welche mich ... Wissen Sie, machen Sie es kurz! Gestehen Sie es?«

»Bitte, treten Sie erst einen Schritt zurück!« erklang es kalt. »Ich bin nicht gewöhnt, daß mir jemand ins Gesicht bläst, sonst begehe ich einen Akt der Notwehr.«

Sofort trat der Kapitän einen Schritt zurück.

»Nun, gestehen Sie es? Oder soll ich Ihnen erst einen Namen geben?«

»Das ist nicht nötig. Ja, ich bin's gewesen, und ist es diesmal nicht geglückt, dann glückt's ein andermal. Die Larve muß herunter, so oder so. Nun, was gibt's? Will you fight with me?«

»Jawohl, eben das will ich. Aber nicht etwa amerikanisch! Ausknobeln tu ich's nicht.«

»Ich bin Engländer. Nochmals: Will you fight with me?«

» Allright. Come on!«

»Gleich hier im Hotel London!« sagte Lord Roger. »Wir gehen in den Hochzeitssaal, da sind wir hübsch ungestört.«

Sehr viele der Zuhörer hatten noch gar nicht verstanden, daß zwischen den beiden der Zweikampf bereits ausgemacht worden war – mit der einzigen Waffe, welche dem Engländer zur Verteidigung seiner Ehre erlaubt ist: die Faust, mit welcher er das Antlitz seines Nächsten, das Ebenbild Gottes, in ein rohes Beefsteak zu verwandeln sucht.

Der Hotelier mußte den Herrschaften den Saal, welcher bei Hochzeiten bevorzugt wird, wohl oder über zur Verfügung stellen, und das sofort. Daß es sich um einen Boxgang handelte, das wurde ihm natürlich nicht gesagt, das brauchte er ja auch gar nicht zu wissen. Die Herren hatten da drin etwas zu verabreden, was keinen Aufschub duldete.

Das elektrische Licht flammte auf und beleuchtete den mit herrlichen Wandgemälden geschmückten Saal, idyllische Szenen aus dem antiken Braut- und Hochzeitsleben darstellend.

Hier konnte man wirklich sagen: die Bilder paßten zu dem Vorhaben dieser Gesellschaft, auf welche sie herabschauten, wie die Faust aufs Auge.

Die Türen wurden geschlossen. Es waren auch viele Personen eingedrungen, die mit der Sache gar nichts zu tun hatten, aber das schadete nichts. Wer einmal drin war, durfte bleiben.

»Musik!«

»Den Hochzeitsmarsch aus Lohengrin!«

»Ernsthaft, Gentlemen, keine Witze!«

Ein Schiedsgericht wurde gebildet. Bei den Engländern, die am meisten vertreten waren, handelte es sich um einen feierlichen Akt, jede Kleinigkeit wurde mit der größten Wichtigkeit genommen.

»Die Maske muß ab!« sagte Mr. Pin.

Der Schiedsrichter gestattete die dünne Seidenlarve und verwarf diese Forderung als unbillig, und seinem Spruche mußte man sich bedingungslos fügen.

»Aber wenn ihm der Arzt die Maske abnimmt, um ihm das Nasenbein zu schienen, will ich dabeisein.«

»Diese Erlaubnis gebe ich Ihnen,« sagte der Kapitän, was dem Engländer, obgleich er als der vorzügliche Boxer galt und ganz siegessicher war, sehr in die eigene Nase zu fahren schien.

Es konnte losgehen.

» Allright?«

» Allright.« –

» Very well – look out – one, two, three – go ahead!«

 

Wir sind keine Engländer, welche in Entzücken fallen, wenn das Blut knüppeldicke fließt, welche dann noch im › Sporting Life‹ mit Hochgenuß nachlesen, wie jeder Schlag gesessen hat, wie jetzt die Kinnlade zersplittert, jetzt die Nase spurlos verschwindet, jetzt das eine Auge heraushängt – und der Kerl steht immer noch und bringt dem anderen den › Knock-down-blow‹ bei, der ihn besiegt zu Boden wirft.

Die draußen harrende Menge wunderte sich, wie still es da drinnen zuging. Die konnten doch gar nicht boxen! Und schon nach zehn Minuten öffneten sich wieder die Flügeltüren des Hochzeitssaales. Harmlos plaudernd kamen die Herren heraus. Einer der ersten war der maskierte Kapitän. Mr. Pin sah man nicht, der wohnte ja auch in diesem Hotel.

»Die haben sich doch gar nicht geboxt,« sagte einer, der nicht mit hinein gekommen war, zu seinem glücklicheren Freunde.

»Nicht? Ach jeh, ach jeh – aber der hat den Engländer vertobakt! Der kann vier Wochen lang nicht mehr aus den Augen sehen.«

Der ›Prinz von Monte Carlo‹ konnte nicht viel abbekommen haben. Er begab sich direkt an Bord seiner Jacht zurück.

Die elf Fischer lagen immer noch gebunden in der Segelkammer.

»Was soll ich nun mit euch Halunken machen?«

Beim Anblick des Kapitäns brach ein allgemeines Jammern um Erbarmen aus.

»Aufhängen darf ich euch nicht,« nahm der Kapitän als Richter das Wort, »ich will euch nicht einmal züchtigen. Daß ihr mich nicht fangen könnt, das habt ihr wohl gemerkt. Ihr werdet euch nicht wieder zu so etwas verleiten lassen, und das genügt mir. Ein Exempel aber soll doch statuiert werden, ich brauche nämlich auch gerade einen Menschen – zu einem wissenschaftlichen Experimente – einer von euch soll sich sogar hohen Ruhm erwerben.«

Er leuchtete mit der Laterne in die wieder hoffnungsfreudigen Gesichter.

»Hier,« wandte er sich an den einen, »du hast doch den Kutter gesteuert, du bist also der Rädelsführer. Du wirst als wissenschaftliches Versuchskaninchen dienen. Welche Zeit ist es? Noch nicht elf Uhr. Da ist noch plenty time. Du wirst diese Nacht auf der Teufelsinsel verbringen und mir morgen früh erzählen, was du gesehen und erlebt hast. Komm, mein Püppchen! Faßt ihn an, Jungens! Ins Boot mit ihm!«

Ach du großer Schreck!

»Gnade! Erbarmen, Signore! Ich habe Frau und Kinder zu Hause!« heulte der schon von Matrosenfäusten emporgehobene Mann, und alle anderen heulten mit ihm. Denn auf der Teufelsinsel spukte es noch immer. Die weiße Gestalt allerdings hatte man schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen, aber das mysteriöse Lichtchen huschte noch jede Nacht auf der Insel herum, und auch winselnde Laute wollte man noch immer hören.

Eine Nacht auf der Teufelsinsel? Nein, nein, dann lieber sterben, dann war man doch gleich richtig tot! Der Italiener war jetzt schon mehr tot als lebendig. Eine Weile ließ der Kapitän ihn noch zappeln. Dann sagte er:

»Diesmal will ich noch Gnade für Recht ergehen lassen; aber wen ich das nächste Mal erwische, der noch einmal so etwas gegen mich vor hat – der kommt auf die Teufelsinsel und muß eine Nacht der weißen Frau Gesellschaft leisten. – Marsch!«

Die Fischer wurden von ihren Banden befreit und entlassen.

Und zwischen Marseille und Genua gab es fortan keinen hier geborenen Mann mehr, den gelüstet hätte, diesen maskierten Kapitän von der Heliotrop auch nur anzurühren – nicht für alle Schätze der Welt! Von diesen hatte der Prinz von Monte Carlo schon einen anderen Namen bekommen: ›Capitano Diavolo‹ nannten sie ihn fernerhin – den Teufelskapitän.

 

Und Mr. James Pin?

Der lag im Bett, hatte seine Nase in seinem Verbande, auf den Augen Eiskompressen, und im übrigen wurde er mit Jodoform eingepinselt.

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