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Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band

Robert Kraft: Detektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band - Kapitel 2
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDetektiv Nobody's Erlebnisse und Reiseabenteuer. 2. Band
publisherH.G. Münchmeyer
correctorreuters@abc.de
senderGeorge Huberty
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1. Die Verjüngungskur

Die Wintersaison von Monte Carlo näherte sich ihrem Ende. Auf der Terrasse hinter dem Kasino fand Konzert statt, welches man schon als ein Abschiedskonzert betrachten konnte. Denn morgen ging der erste Nord-Expreßzug ab, für den sämtliche Plätze bereits belegt waren. Dann noch einige Wochen, und das Paradies der Spieler und der internationalen Lebewelt würde öde und verlassen sein, den langen Sommerschlaf halten, um erst im Spätherbst zu neuem Leben zu erwachen.

Dumpf hallte ein Kanonenschuß. Er konnte nur von der Seeseite herkommen, alle Augen richteten sich dorthin. Allein, außer einigen Segelbooten war nichts zu sehen.

Noch ein Kanonenschuß, und nun entdeckte man am Horizont neue Segel. Krimstecher und Taschenfernrohre wurden hervorgeholt, die Damen brachten die Lorgnetten vor die Augen.

»Eine Jacht!!«

Jetzt wurde es interessant, die ganze Terrasse kam in Aufregung.

Die meisten der bekannten Jachten, welche im Winter regelmäßig in der Bucht von Monaco vor Anker gehen, weil sich ihre Besitzer in Monte Carlo alljährlich ein Rendezvous geben, waren bereits heimwärts gedampft oder gesegelt.

In der Bucht, welche von der Landzunge, auf der das Kasino steht, und dem Felsen von Monaco mit Schloß und Kathedrale gebildet wird, schaukelten nur noch vier Dampfjachten: die von Vanderbilt, die von dem nicht minder bekannten amerikanischen Krösus Carnegie, die von Mr. Hobwell, dem Herausgeber von amerikanischen und englischen Zeitungen, und schließlich die von Lord Hannibal Roger, dem der vierte Teil des Grund und Bodens gehört, auf welchem London steht.

Diese vier wollten morgen auf Verabredung gleichzeitig in See stechen, um sich zurück ins Geschäft zu begeben – oder auch zu einem neuen Vergnügen, das sie vielleicht in einem anderen Weltteil suchten.

Jetzt wurde das Fahrzeug auch für das bloße Auge sichtbar. Die drei himmelhohen Masten, die sich unter der Last der schneeweißen Segel wie die Reitgerten bogen, der schlanke, elegante Bau des ganzen Schiffes – gewiß, es konnte nur eine Jacht sein.

Die Aufregung wuchs immer mehr, die Fragen schwirrten, und das war begreiflich. Die Ankunft einer Jacht ist in Monte Carlo überhaupt stets ein großes Ereignis. Man denke sich eine kleine Stadt, ein Separatzug mit eigenen Waggons wird gemeldet – diese Erwartung, wer da drin sitzen mag! Und solch eine Jacht ist noch ein ganz anderes Ding, ihr Kommen kann auch nicht so ohne Weiteres gemeldet werden. Nun waren dieser Lebewelt sämtliche Jachten und ihre Besitzer bekannt, und wer war am Ende der Saison noch in Monte Carlo zu erwarten? Man fand absolut keine Vermutung. Es konnte auch der Zar, der Sultan sein!

»Sie zeigt Flaggen!«

Da krachte es zweimal auf der Felsenfestung von Monaco, daß die Konzertmusik gleich vor Schreck verstummte. Die Jacht hatte durch Schüsse auf sich aufmerksam gemacht, auf der Seewarte konnten die Flaggensignale schon gelesen werden, wahrscheinlich bat die Jacht, in den Hafen laufen zu dürfen, die beiden Antwortschüsse gaben im Namen des Fürsten die Erlaubnis.

»Sie refft die Segel – sie dampft!«

»Ich kann ja gar keinen Schornstein sehen!«

»Sie hat auch wirklich keinen Schornstein, und doch fährt sie jetzt ohne Segel.«

»Dann hat sie eben einen Petroleummotor.«

Automobile gab es damals noch nicht, wohl aber schon Petroleummotore, bei einer großen Jacht statt der Kohlenheizung freilich ein kostspieliges Vergnügen.

Und wie dampfte diese Jacht! Wie ein Pfeil schoß sie heran – die Kundigen schätzten die Fahrt auf mindestens 20 Knoten – und dabei hatte das Fahrzeug für eine Jacht ganz gewaltige Dimensionen, sie mußte einen riesigen Motor im Bauche haben – und da war sie schon mitten in der Bucht, hinten schäumte es, die Schraube drehte rückwärts, augenblicklich stand die Jacht, die Ankerketten rasselten herab, gleichzeitig donnerten an Bord aus Feuerschlünden die sechs vorschriftsmäßigen Salutschüsse als Ehrenbezeugung für den Herrn dieses Landes, wenn auch der Fürst von Monaco zur Zeit abwesend war.

»Bravo! Bravo!« jubelte der sonst sehr phlegmatische Lord Hannibal Roger, denn in ihm war der Sportsmann erwacht. »Meine Herren, da können unsere Jachten nicht mit. Aber wer mag das nur sein?«

Niemand dachte daran, gleich jetzt an den Hafen hinabzugehen, es ist ein abschüssiger, ziemlich weiter Weg, und die Aufklärung mußte ja doch bald kommen.

»H-e-l-i-o-t-r-o-p,« buchstabierte ein Seemann, der die Flaggen im Kopfe hatte.

»Die Heliotrop!!« rief da der junge Lord in hellem Staunen. »Die kenne ich ja schon gut! Was? Kommt der alte Schrullenkerl auch nach hier? Dann soll es mich gar nicht wundern, wenn der auch in Monte Carlo wieder seinen Hiran Singh sucht.«

Der Sprecher wurde mit Fragen bestürmt, und das um so mehr, weil kein einziger schon von einer Jacht namens Heliotrop gehört hatte, und dann war auch noch ein anderer Grund vorhanden, daß Lord Hannibal plötzlich von allen Seiten von eleganten Herren und vielleicht noch mehr von juwelenblitzenden und fächerklappernden Damen umringt wurde.

Lord Hannibal Roger, welcher selbst nicht wußte, was er aus seinen Londoner Häusern für ein Einkommen bezog – solche Kleinigkeiten überließ er seinen Sekretären, er hatte überhaupt den ganzen Schwamm verpachtet – war im Gegensatz zu den anderen Milliardären, die alljährlich in Monte Carlo zusammentreffen, ein noch sehr junger Mann, noch nicht dreißig. Um seinen Charakter zu kennzeichnen, genügt eine Andeutung: Wenn er hier in Monte Carlo war, wo alle Welt dem Vergnügen nachjagt und den wildesten Leidenschaften frönt, lutschte Lord Hannibal den ganzen Tag an seiner Zigarre und gähnte dazwischen; spielen tat er nie, er war viel zu faul, deshalb die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Dann setzte er sich auf seine Jacht, fuhr nach Indien und schoß Tiger. In Indien erzählte ihm jemand von der Eisbärenjagd, wie die so ganz anders ist – rutsch, nach dem Nordpol gejagt und dort auf Eisbären gepürscht, um vier Wochen später wieder in Afrika Elefanten zu schießen. Und dann saß er wieder in Monte Carlo, lutschte an seiner Zigarre, gähnte und langweilte sich schrecklich, und wenn sich ihm einmal so eine schöne, diamantschimmernde Dame näherte, die schnauzte er an. Früher mochte das anders gewesen sein, denn umsonst hatte sich das Haar an den Schläfen des Lords nicht schon so stark gelichtet. Der junge Mann hatte sich eben bereits ausgelebt.

Bekanntlich übt nun gerade solch ein Charakter eine besondere Anziehungskraft aus, am allermeisten auf die Damen, und wenn sich Lord Hannibal nun einmal mitteilsam zeigte, so war das in Monte Carlo ein Ereignis, diese Gelegenheit mußte ausgenützt werden, und so wurde er von allen Seiten umdrängt.

Und Lord Hannibal täuschte die Hoffnung nicht, er blieb mitteilsam, er erzählte sogar mit lauter Stimme, daß ihn alle hören konnten.

»Das erstemal begegnete ich dem kuriosen Kauz vor drei Jahren. Ich liege mit meiner Jacht in Colombo, dem Haupthafen von Ceylon, logiere aber im Hotel. Eines Morgens stehe ich im Torweg, da kommt ein uniformierter Matrose angelaufen, ein ganz kurioses Kerlchen, mit fürchterlichen X-Beinen, mit einem stattlichen Schmerbauch und auf der Nase eine mächtige Hornbrille. Na, kurz und gut, ein Monstrum von einem Matrosen, wie ich einen solchen in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe. – ›Ist der Hiran Singh hier?‹ schreit der den Portier gleich an. ›Sagt nicht nein – gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!‹ – Der Portier weiß natürlich gar nicht, was er davon denken soll. Endlich kommt es heraus, daß in Colombo eine Jacht eingetroffen ist, die Heliotrop, ihr Kapitän und Besitzer erwartet hier in diesem Hotel einen Indier namens Hiran Singh, wohl sogar Doktor, in Hyderabad Professor der unentdeckten Wissenschaften. Nein, der war nicht hier. Der kleine x-beinige Fettwanst schimpft darob wie ein Rohrsperling und rückt wieder ab. Ich segelte noch an demselben Tage ab, sah aber vorher zufällig noch einmal den Kapitän der Heliotrop, einen uralten Mann mit wachsgelbem Gesicht, krüppelig und gebrechlich und schwindsüchtig, ich konnte ihn mir unmöglich als Kapitän auf der Kommandobrücke vorstellen.

Na, ich reise ab, kutschiere nach England. Vor einem Jahre mache ich einen Abstecher nach der Ostküste von Südamerika. In Buenos Aires muß meine Jacht in Dock gehen, ich steige in einem Hotel ab. Wie ich es am anderen Morgen verlasse, sehe ich einen wunderlichen Knirps in einem Matrosenkostüm gelaufen kommen – Herrgott, denke ich, wo hast du denn nur schon diese X-Beine mit dem Fettwanst und diese Hornbrille gesehen – und wie ich noch so grübele, da ... ›Ist der Hiran Singh hier?‹ schreit er den Portier an. ›Sagt nicht nein – gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!‹ – Ich denke doch, der Schlag soll mich treffen. Meine Herrschaften, bedenken Sie nur – nach zwei Jahren, auf der anderen Hälfte der Erdkugel – ganz genau dieselbe Geschichte!« Alles lachte und wunderte sich über diesen Zufall.

»Ja, wer ist denn nun aber dieser Kapitän von der Heliotrop?«

»Einen Augenblick. – Jetzt fing ich natürlich auch an mich zu interessieren. Richtig, über Nacht war in Buenos Aires die Heliotrop angekommen, und diese Wiederbegegnung brauchte gar kein so großer Zufall zu sein, ich brauchte nur anzunehmen, daß der alte Kerl fortwährend in der Welt herumsegelte, um seinen Hiran Singh zu suchen. Wozu er den indischen Professor suchte? Das habe ich nie erfahren können, seine Leute waren stumm wie die Fische. Und der alte Kapitän selbst? Den soll einmal jemand anzusprechen wagen! Habe ich mich geärgert über diesen schwindsüchtigen Krüppel! Er logierte nämlich dann in meinem Hotel, und das war Tag und Nacht ein Husten und ein Schimpfen mit den Kellnern – und ein Weinen und Fluchen und Jammern nach dem wieder nicht kommenden Hiran Singh – der Alte hat oben einen Spleen im Kopfe, und zwar keinen kleinen. – Ich bekam einmal einen Blick durch ein Fensterchen ins Innere seiner Jacht – alles pompös, großartig!! Es war noch dieselbe Heliotrop; aber in Colombo hatte sie noch Kesselfeuerung gehabt, jetzt war sie mit Petroleummotor eingerichtet. – Und, apropos,« wandte sich der Lord an Mr. Carnegie, »Sie interessieren sich doch für so etwas – einen Ring hatte der Alte am Finger – einen grünen Diamanten – so einen haben Sie nicht in Ihrer Sammlung. Ein grünes Feuermeer! Einfach unschätzbar!«

»Ja, wie heißt aber nun der Mann? Wer ist es?« erklang es.

Lord Hannibal begann wieder in sein altes Phlegma zurückzusinken.

»Weiß ich's?« meinte er achselzuckend. »Wie gesagt, ich konnte absolut nichts erfahren. Die Jacht hieß Heliotrop, und das dort ist dieselbe.«

»Die Jacht mußte auf dem Seemannsamt doch angemeldet werden.«

»Ist in Argentinien nicht nötig bei einer Privat-Jacht.«

»Gab er im Hotel nicht seinen Namen an?«

»Nein. Hatte er noch weniger nötig.«

Nun, hier würde man alles erfahren. Hier in Monaco, mußte er seine Jacht und sich selbst polizeilich anmelden.

Es wurde dunkel und kühl, man begab sich zum Tee in sein Hotel oder gleich direkt in die Spielsäle.

 

Es war sieben Uhr geworden, unaufhörlich rollten die Equipagen vor das Kasino, Mengen strömten ein und aus, manchmal setzte sich ein Herauskommender tiefsinnig auf eine Bank der Gartenanlagen, die schon im Februar im herrlichsten Blumenschmuck prangten – sein Tiefsinn ist leicht erklärlich -, als um die Ecke der Avenue de Monte Carlo ein Mensch bog und auf das Hotel de Paris zustrebte, welches dem Kasino am nächsten liegt.

Das Kerlchen mußte jedem sofort auffallen. Wenn er im Grunde genommen nicht sehr klein war, so wurde er doch durch die ganz außerordentlich nach innen geschweiften Beine dazu gemacht, der stattliche Schmerbauch ließ ihn noch kleiner erscheinen, und nun kam als Merkwürdigkeit noch hinzu, daß er auf der Nase eine gewaltige Hornbrille balancierte. Das Seltsame der ganzen Erscheinung lag aber darin, daß er einen Matrosenanzug mit bewimpelter Mütze trug, auf dessen Band der Name seines Schiffes mit Gold eingestickt war – Heliotrop -, während die ebenfalls goldenen Knöpfe eine erhabene Sonnenblume zeigten.

Ein Matrose mit solch einem Bauche, eine Brille auf der Nase – nein, das kann man sich so wenig vorstellen wie einen Schornsteinfeger mit einem weißen Strohhut, und wie der mit diesen X-Beinen die Wanten hinaufkam, das war auch ein Rätsel. Er mußte noch jung sein, hatte aber ein recht bärbeißiges Gesicht, das etwas an die Züge einer Bulldogge erinnerte.

In der erhöhten Glasveranda, welche den Eingang zum Hotel de Paris bildet, standen der Portier und nicht weniger als sechs unbeschäftigte Kellner. Im Hintergrunde hielten sich Lord Roger, der englische Zeitungsonkel und die beiden amerikanischen Yankee-Milliardäre, welche zusammen gespeist hatten.

»Da – da – da,« sagte Lord Hannibal, »da kommt wahrhaftig das kleine X-Bein wieder! Nun bin ich bloß begierig, ob der nicht gleich wieder vom Hiran Singh anfängt.«

Der dicke Matrose steuerte direkt auf den Portier los.

»Ist Hiran Singh hier? Sagt nicht nein – gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!« Also fuhr der krummbeinige Wicht den goldlivrierten Portier in barschem Tone an.

»Na, da haben Sie es,« flüsterte Lord Hannibal seinen Begleitern zu, »gerade wie vor drei Jahren in Colombo und dann in Buenos Aires, über Raum und Zeit erhaben! Und natürlich gerade wieder in dem Hotel, in dem auch ich abgestiegen bin!«

Der so angefahrene Portier machte zunächst nur den Mund vor Staunen auf. Aber die Ankunft seiner Jacht mit dem Namen Heliotrop war ihm natürlich bekannt, hier las er ihn an der Mütze des Matrosen, ja, er wußte auch noch etwas mehr, die Erzählung des Lords hatte schon durch ganz Monaco die Runde gemacht.

»Der indische Professor?« fragte er also.

»Jawohl, er ist hier?« rief der dicke Matrose erfreut.

»Nein.«

»Was, er ist nicht hier?!«

»Nein, in ganz Monaco nicht, sonst stände der Name schon in der am Abend herausgekommenen Fremdenliste.«

»Na, dann gnade Euch Gott,« schnob der x-beinige Bullenbeißer mit der Hornbrille den Portier wieder grimmig an, »dann werdet Ihr meinen Kapitän noch kennen lernen, der haut gleich alles kaput, wenn er kommt und Hiran Singh ist nicht hier. – Also,« fuhr er ruhiger fort, aber immer noch barsch und herrisch genug, »für den Herrn Kapitän der Heliotrop einen großen Salon, ein Schlafzimmer mit Badekabinett, ein Rauchzimmer – alles in der dritten Etage mit Aussicht nach dem Meere – und daran angrenzend zwei Zimmer für die Stewards, die er sich selbst mitbringt. Das allernächste Zimmer an der Schlafstube des Kapitäns ist für mich allein, nur mit einem Bett – fein, nobel, separiert, ungeniert – das ist für mich – ich bin nämlich die Ordonnanz von der Heliotrop!«

Und das kleine X-Bein reckte den Bauch noch weiter heraus und machte eine Handbewegung, welche in Worte übersetzt gelautet hätte: Herr, was bin ich, und was kann aus mir noch alles werden!!

Die sechs in einer Reihe stehenden Kellner hatten schon immer über das possierliche Kerlchen gelächelt, jetzt wurde ihr Kichern sogar hörbar.

Da aber stand der kleine Wicht mit einem einzigen Schritte plötzlich dicht vor ihnen, und jetzt war er ein ganz anderer.

»Worüber habt ihr Tellerschwenker denn so dreckig zu lachen?!«

Er hatte es im Gegensatz zu seiner sonstigen Ausdrucksweise sehr ruhig gefragt – aber in einem Tone, mit einem Blicke, dieses plötzliche Vortreten – das alles machte, daß das Lächeln augenblicklich nicht nur erstarb, sondern daß alle sechs befrackten Geister gleich spurlos verschwanden.

»Nun, wie ist's?« wandte sich jener wieder an den Portier. »Der Kapitän wird gleich kommen, und der kann keine Minute warten!«

»Bedaure, wir haben gar keine Zimmer frei, alles ist besetzt,« erklärte der Portier, aber man sah es ihm gleich an, daß er es nicht bedauerte, sondern sich darüber freute, diese Gäste, von deren Grobheit er schon etwas gehört und nun schon selbst eine Probe zu kosten bekommen hatte, nicht aufnehmen zu brauchen.

»Was, Ihr habt keine Zimmer mehr frei?! Na, aber da könnt Ihr meinen Kapitän kennen lernen! Das ist uns überhaupt ganz egal, da muß einfach ...«

»Der Herr kann meine Zimmerflucht bekommen,« ließ sich da der alte Vanderbilt vernehmen, »ich gehe sowieso schon heute abend an Bord.«

Jetzt gab es keine Ausrede mehr, ein Fremder, der mit seiner eigenen Jacht nach Monte Carlo kam, mußte unter allen Umständen von jedem Hotel aufgenommen werden, diese Hotels sind ja ganz von dem Kasino abhängig – und jetzt flogen die Zimmerkellner und Stubenmädchen.

Die Herren verließen die Veranda, um nach dem Souper etwas zu promenieren.

»Das war höllisch schneidig, wie das dicke Kerlchen plötzlich auf die grinsenden Kellner lostrat,« meinte Lord Hannibal, als er sich im Hinausgehen eine Zigarre ansteckte. »Kennen die Herren übrigens den Kapitän Flederwisch?«

»Ist das nicht der mit dem verrückten Torpedojäger?« fragte der Zeitungsverleger.

Er war aber auch der einzige der Herren, welcher von Kapitän Flederwisch schon etwas gehört hatte, und sonst auch nichts weiter. Denn damals war dessen Name noch gar nicht bekannt, auch die Londoner, die einst seine Torpedojacht bewundert, hatten ihn schon wieder vergessen.

»Wo steckt er denn jetzt?« setzte Mr. Hobwell noch hinzu. »Man hat gar nichts wieder von ihm gehört.«

»Ich weiß es auch nicht,« entgegnete der Lord. »Ich habe zufällig einmal seine vorübergehende Bekanntschaft gemacht. Ja, was ich sagen wollte: der hat auch so eine kuriose Ordonnanz, die ist das Pendant zu dieser. Aber seine Beine sind gerade nach der anderen Richtung geschweift, und was der hier im Bauche hat, hat jener in der Nase. Die beiden paßten zusammen.«

Noch zwei andere Matrosen von der Heliotrop waren in dem Hotel angekommen, die schon angemeldeten Stewards, und bald danach rollte eine geschlossene Equipage vor.

Schnell war es bekannt geworden, daß der Kapitän der Heliotrop im Hotel de Paris logieren und bald ankommen würde, und so hatte sich schon vor dem Hotel ein vornehmes oder richtiger ein elegantes Publikum angesammelt, die Damen drängten sich wie die Herren, um der Ankunft des neuen Ankömmlings beizuwohnen, so wie bei jeder Trauung vor der Kirche das müßige Volk steht.

Dieser unerbetene Empfang eines jeden Fremden ist hier so Mode, man hat ja nichts weiter zu tun, in den Modebädern an der Landungsbrücke geht es nicht anders zu, und Vornehmheit und Anstand sind zweierlei.

Die Ordonnanz öffnete den Schlag und half dem Kapitän heraus. Es war ein alter Mann mit weißem Vollbart und weißen Haarsträhnen, eine hohe, knochige Gestalt, aber von Altersschwäche gebeugt, die eingefallene Greisenhand, von deren einem Finger ein grüner Feuerbüschel ausging, auf einen Krückstock gestützt, das wachsgelbe Gesicht finster, mürrisch, verbissen, und nun noch ein vorsintflutlicher Zylinder und ein um die hagere Figur schlotternder, schwarzer Anzug, der ebenfalls aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen schien – das war der Kapitän der stolzen Jacht, die jetzt dort in der Bucht lag!

»Das ist ja kein anderer als Präsident Krüger!!« wurde erstaunt geflüstert, doch nur von denen, welche das Porträt des alten Burenführers nicht so genau kannten.

Nein, das war nicht der Ohm Paul, der hatte auch anderes zu tun, als in der Welt herumzukutschieren und einen indischen Professor der unentdeckten Wissenschaften zu suchen. Allerdings erinnerte dieser Mann an ihn, doch nur durch seine Gestalt und mehr noch durch die altmodische Kleidung. Und ein über alle Begriffe konservativer Holländer mochte es wohl sein.

»Hiran Singh ist nicht hier,« meldete die Ordonnanz, als sie dem Kapitän aus den Wagen herausgeholfen hatte, was nicht ohne Stöhnen abging.

»Was, er ist nicht hier?« bellte der Alte gleich wie ein wütender Kettenhund den erschrockenen Portier an.

»Nein, Euer Gnaden.«

»Caracho ...«

Der Portier suchte schleunigst das Weite, der Alte mit erhobenem Krückstock ihm nach, die Treppe hinauf, so schnell es seine wankenden Beine erlaubten, oben schlug er los – der Stock zerschmetterte aber nur eine kostbare Vase und eine Fensterscheibe. Dieser Gast führte sich ja nett ein!

Dann sah ihn das Publikum in dem Korridor verschwinden, vorher aber hörte man noch einmal seine Stimme, doch jetzt ganz anders, schmerzlich, klagend, fast weinend:

»O, Hiran Singh, o, Hiran Singh, wann endlich wirst du kommen und mich von meiner Qual erlösen!«

Die Zuschauer lachten, sprachen etwas über den wundervollen grünen Diamanten – so etwas ist hier immer die Hauptsache – und dann zerstreuten sie sich.

Unter dem Publikum hatte sich ein junger, stattlicher Herr mit sonnenverbranntem Gesicht befunden, den deutschen Offizier schon von weitem verratend.

Nicht seine eigene Neugier mochte ihn hierhergetrieben haben, dazu sah dieser Mann viel zu echt vornehm aus, sondern wohl die Evatochter war es, die er an seinem Arme führte, eine junge, zauberhaft schöne Dame in prachtvoller Toilette, die sie mit königlichem Anstande zu tragen wußte. Ein Stolz, eine Hoheit, eine Unnahbarkeit – wenn das nicht wahrhaftes Fürstenblut war, dann log hier in Monte Carlo alles!

»Heern Se, Herr Graf, ich gloowe, der hat'n Biebmatz im Gobbe,« fing da dieses wahrhafte Fürstenblut im schönsten Sächsisch zu singen an.

Und da sie keine Antwort bekam, der Offizier nur heimlich zur Seite schielte, ob niemand in der Nähe sei, der den schönen sächsischen Gesang seiner stolzen Begleiterin hören könne, fuhr sie gleich fort:

»Nu woll'n mir awwer erscht noch ä bißchen was essen, gelle he?«

Na, schadet nichts, es war niemand in der Nähe, ihr Kavalier war daran gewöhnt, und er drückte ihr zärtlich die Hand.

»Und dann?« flüsterte er schmachtend.

»Nu, dann gehen mir erscht noch ä bißchen in de Gandine.«

»Ins Kasino, meinen Sie. Und dann, Adele?«

»Nu, dann gehn mir erscht noch ä bißchen hin, wo's hibsch is, so ä bißchen ins Dingeldangel, wo ma Radau machen gann, was, gelle he?«

»Und dann?« flüsterte ihr Ritter immer liebeglühender.

»Nu, dann gehen mir nadierlich zusamm ins Bädde!«

Jetzt war es ein tödlicher Schreck, mit dem sich der Offizier schnell umblickte, ob es jemand gehört haben könnte.

Mit dem ›wahrhaften Fürstenblute‹ schien es also nichts zu sein. Es war vielmehr die erste Balletteuse eines deutschen Hoftheaters, die mit ihrem Verehrer einen kleinen Abstecher nach Monte Carlo gemacht hatte.

Demnach also, da wir uns so geirrt haben, muß in Monte Carlo alles lügen! Na, es wird hier wenigstens sehr viel gelogen, bewußt und unbewußt. Wenn man so im Palmengarten sitzt, alle Bänke sind voll, es kommt noch so ein stolzes Pärchen, man wird in irgend einer Sprache angeredet, nach etwas gefragt, und man schüttelt den Kopf, man versteht nichts – und man versteht doch! – Ach, was man da manchmal zu hören bekommt!! – Never mind.

So hatte der Kapitän der Heliotrop im Hotel de Paris seinen Einzug gehalten, Matrosen brachten noch eine Menge Gepäck, und bald bekam das Hotelpersonal einen Vorgeschmack von dem Gaste, den es für unbestimmte Zeit zu bedienen hatte.

Unaufhörlich ertönte in seinem Zimmer die elektrische Klingel, unaufhörlich mußten drei Kellner und ebensoviele Stubenmädchen hin- und herjagen, der Alte konnte nur wie ein wütender Kettenhund bellen. Das erste war, daß er einem Kellner die leere Wasserkaraffe an den Kopf warf, einem Stubenmädchen schlug er das Handtuch um die Ohren, weil es ihm nicht handbereit gelegen hatte, und nach einem andern Kellner schleuderte er das ihm nicht sauber genug geputzte Tischmesser, es sauste dem Manne dicht am Kopf vorbei und blieb mit zitterndem Schafte in der Tür stecken.

Mit schlotternden Knien und aschfahlem Gesicht brachte ihm der Zimmerkellner das Fremdenbuch. Da kam er gerade an den Rechten.

»Ich bin der Kapitän der Heliotrop. Genug – hinaus – packen Sie sich!«

»Aber – aber – Euer Gnaden ...«

»Ich will nicht! Verflucht, wenn ich's tue! Raus!! Raus!!«

Der Kellner floh vor dem erhobenen Krückstock. Er war froh, daß ihm der Alte nicht mit der Pistole nachschoß.

Der Direktor des Aktienhotels vernahm es. Da half alles nichts, der Pflicht mußte nachgekommen werden, selbst mit Lebensgefahr.

Schließlich hörte der Respekt auch vor einem Jachtbesitzer auf, und auch in Monte Carlo gibt es Polizei, sehr viel sogar, sonst wimmelte es ja dort von Taschendieben und Einbrechern, und eben deshalb wird es in Monaco-Monte Carlo mit Paß und Legitimation äußerst streng genommen, und da gibt es keinen Unterschied der Personen. Jetzt mußte sich der Alte zuerst ins Fremdenbuch eintragen, oder die Sache war der Polizei zu melden.

Der Zimmerkellner bat um seine sofortige Entlassung, wenn er noch einmal zu dem wütenden Kettenhund hinein müsse. So nahm der Direktor selbst das Fremdenbuch und die auszufüllenden Formulare, stärkte seinen Mut durch zwei Gläschen Kognak, spülte mit einem Glase Champagner nach, und so vorbereitet betrat er kühn den Raubtierzwinger.

»Herr Kapitän, ich bitte Sie höflichst ...«

»Was, sind Sie schon wieder da?« donnerte ihn der Alte sofort an. »Nein, ich nenne meinen Namen nicht!! Mensch, hinaus, oder ich schieße dich wie einen tollen Hund nieder ... da!!«

Entsetzt prallte der Hotelier zurück, der Alte hatte schnell in seine Brusttasche gegriffen, er riß etwas heraus – aber keinen Revolver, sondern es war nur ein Papier, welches er jenem entgegenhielt.

»Genügt das?«

Mit weit geöffneten Augen sah der Hotelier eine ihm wohlbekannte Handschrift, und er riß seine Augen immer weiter auf, als er las:

Von Anfang bis zu Ende des souveränen Fürsten und allmächtigen Landesherrn eigenhändige Schrift! Darunter das fürstliche Siegel! – Der Hotelier klappte gleich wie ein Taschenmesser zusammen, und in dieser gebückten Stellung kroch er rückwärts wie ein Krebs hinaus.

Eine Viertelstunde später wußte es ganz Monaco-Monte Carlo: der Kapitän der Heliotrop besitzt einen vom Fürsten eigenhändig ausgestellten Passepartout! Besonders das ›eigenhändig‹ konnte gar nicht genug betont werden.

Nun fing das Kopfzerbrechen erst recht an. Wer ist er? Phantasievolle Köpfe kamen bis auf den Kaiser von China.

Einige, die ihn vorhin gesehen hatten, kalkulierten am richtigsten, wenn sie ihn für einen alten Holländer hielten, der in Indien vielleicht Fürstenrang bekleidete, denn solche Diamanten, wie dieser Mann an den welken Fingern trug, findet man in keiner europäischen Schatzkammer, solche Steine sind nur im Besitze von indischen Nabobs und Maharadschas.

Auf dem Boulevard de la Condamine, eine Promenade, welche sich längs der Hafenbucht hinzieht, staute sich die Bevölkerung von Monaco, die üppigen Frauen und die reizenden Wasch- und Plättmädchen mit ihren Männern und Liebhabern, welche alle ausschließlich von den Fremden leben – aber auch genug Fremde selbst, um das Wunder anzustaunen.

Dort lag die geheimnisvolle Jacht, elektrisch erleuchtet, man sah Matrosen an Deck arbeiten, sie hoben mit Winden aus dem Schiffsbauche Tonnen, welche in ein schon ausgesetztes Motorboot hinabgelassen wurden.

Das gefüllte Boot steuerte dem Ufer zu, auf einer Plattform wurden die Fässer ausgeladen, zwanzig Stück, gar nicht so groß, wie Sardinenfäßchen – aber nur ein einziger Mann, ein herkulischer Matrose, war imstande, solch ein kleines Fäßchen allein mit seinen beiden Armen aus dem Boote zu heben, und man sah es ihm an, was für eine Kraftanstrengung dazu nötig war.

Es wurden noch viele Matrosen ans Land gesetzt, etwa zwei Dutzend, und zwar waren es lauter ausgesuchte, große, schlankgewachsene, schöne Kerls, alle in schmucker Uniform, sie luden die Fäßchen auf einen mit vier Pferden bespannten Lastwagen, und eng umringt von den Matrosen, welche oftmals mitschieben mußten, ging es den steilen Weg nach Monte Carlo hinauf.

Von dem Platze vor dem Kasino zweigt die Hauptstraße ›Galerie Charles II.‹ ab. In dieser befindet sich das Bankhaus Smith & Co. Hier hielt der Lastwagen. Auch der alte Kapitän hatte sich eingefunden.

Die Bank war zwar schon längst geschlossen, doch hält sich im Café Paris stets jemand auf, falls noch ein Geschäft zu machen ist.

Denn wer einmal in Monte Carlo gewesen ist und behauptet, die Spielsäle würden abends um elf Uhr geschlossen, der irrt sich! Dann geht es oben in den geheimen Zimmern weiter, bis unten wieder aufgemacht wird. Aber da hat nicht jeder Zutritt, da genügt der ehrliche Paß noch nicht.

Der Bankbeamte wurde geholt.

»Mr. Smith?«

»Eugen Gibbs in Firma Smith & Co,« stellte sich der Herr vor.

»Hier sind zwei Tonnen Gold, vierzig Zentner, geeicht im Schatzamte zu Washington, im Werte von fünf Millionen Francs. Kann ich sie bei Ihnen deponieren?«

So etwas war dem Bankier allerdings noch nicht passiert! Doch der Engländer verzog keine Miene.

»Gewiß, sehr gern. Mit wem habe ich die Ehre?«

Der alte Kapitän zeigte seinen Passepartout, das mußte genügen, dankend gab ihn der Bankier zurück, die Stahltüren des Ladens wurden auf irgend ein geheimes Zeichen von innen geöffnet, es befanden sich immer Wächter darin, die Fässer wurden von den Matrosen in das Kellergewölbe getragen, wo eine große Hebelwage und die Panzerschränke standen, inzwischen wurden die anderen Bankbeamten geholt, wo sie zu finden waren, und das ist in dem winzigen Fürstentume – anderthalb Quadratkilometer ist es groß – nicht schwer.

In Amerika, dem Lande der Praxis, des Geldes und des Schwindels, werden größere Zahlungen sehr häufig in Goldbarren geleistet. Das ist bequem und das allersicherste. Der glückliche Besitzer einer goldenen Barre, wie sie aus dem Schmelzofen kommt, schickt sie nach Washington an das Schatzamt, dort wird sie auf ihren Feingehalt untersucht und gewogen und enthält diesbezüglich zwei Stempel. Nun gilt sie als Geld, auch die Münze jedes anderen Landes wechselt sie ein. Und wenn von der Barre auch schon abgeschnitten ist, das schadet nichts, nach dem Stempel und dem jeweiligen Kurse kann man immer ihren genauen Wert berechnen, und da ist eine Fälschung sehr, sehr schwer.

Der Bankier also blieb ganz kaltblütig, aber die geholten Kommis glaubten ihren Augen nicht trauen zu dürfen, als sie in dem Keller das gleißende Gold in Zentnerblöcken aufgetürmt sahen.

Die Arbeit begann. Die Lupen wurden ins Auge geklemmt, jede Barre wurde auf die Wage gehoben, welche trotz ihrer Größe ganz fein spielte. Mr. Gibbs beobachtete die Zunge und rechnete in seinem Notizbuch.

In noch nicht einer halben Stunde war alles geschehen. Nun soll aber jemand fünf Millionen in Zwanzigfrancstücken abzählen! Gewiß, die kann man auch abwiegen, aber wieviele falsche können dann nicht darunter sein? Und fünftausend Tausendfrancscheine abzählen, jeden einzelnen anknipsen, gegen das Licht halten und sonst prüfen, das ist auch eine nette Arbeit, abgesehen davon, daß in vielen Fällen Zahlung in Papier verweigert wird.

»Die genaue Summe kann ich Ihnen erst morgen angeben,« sagte Mr. Gibbs.

»Sind es fünf Millionen Francs?«

»Gewiß, es sind sogar mindestens viertausend mehr, der Kurs steht gegenwärtig sehr hoch.«

»Unter Ihrer Garantie?«

»Ich garantiere dafür.«

»Dann, bitte, wollen Sie mir eine Quittung geben. Liegt das Gold hier auch sicher?«

»Hier? So sicher, wie jeden Menschen der Tod ereilt.«

Da plötzlich fuhr der alte Kapitän, der bisher dem Bankier gegenüber sehr höflich gewesen war, wütend auf.

»Sprechen Sie in meiner Gegenwart nicht vom Tod!!« donnerte er ihn an. »Ich will nicht sterben! Ich mag nicht sterben!! Ich werde nicht sterben!!«

Ja, er mußte doch wohl einen ›Biebmatz‹ im Kopfe haben.

»Pardon,« sagte der englische Geschäftsmann phlegmatisch. »Ich meinte, daß hier ein Diebstahl nicht passieren kann, und übrigens würden Sie dadurch doch gar nicht geschädigt, die Firma Smith & Co. würde es Ihnen doch ersetzen.«

Die Quittung war ausgestellt, bald lag das Bankhaus wieder einsam da. Aber vier Matrosen von der Heliotrop umschritten es als Wächter.

 

Auch Wilm, wie der dicke Matrose mit den X-Beinen von seinem Herrn gerufen wurde, war dabei gewesen, und sofort, wie dieses Geschäft beendet, war er, ohne noch vom Kapitän eine Instruktion erhalten zu haben, nach der nahen Poststation von Monte Carlo geeilt.

Sie war schon geschlossen, doch ein Telegraphenschalter ist die ganze Nacht offen.

»Dieses Telegramm, mit Kollation.«

Der verschlafen aussehende Beamte nahm den Zettel und las:

Komm, Hiran Singh! Monte Carlo. Hotel de Paris. Heliotrop.

»Jawohl, es sind acht Worte. Aber die Adresse fehlt.«

»Ohne weitere Adresse, nur an sämtliche große und kleine Telegraphenstationen von Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel.« Natürlich hatte der Beamte nicht richtig verstanden.

»Bitte, wohin?«

»An sämtliche Telegraphenstationen von Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel,« wiederholte Wilm. »Mit Kollation.«

Jetzt glaubte der Beamte, er schlafe noch, und rieb sich die Augen.

»Von – von – Vorder – Vorder – von Vorderwas?«

Jetzt verlor aber auch der bebrillte Dickwanst seine Geduld.

»Von Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel!!!« brüllte er in den Schalter hinein. »Es sind nur vierhundertundzweiundsiebzig Stationen! Es ist gar nicht so schlimm. Aber mit Kollation!«

Der Beamte mußte doch wohl noch schlafen.

»Mit Koll – Koll – Koll ...«

»Mit Kollatiooooon!« brüllte Wilm. »Jede Station in Vorderindien, Hinterindien und dem malaiischen Archipel, die so einen Klapperkasten hat, muß die Depesche wiederholen. Nun endlich kapiert?«

Ja, jetzt hatte der Telegraphenbeamte kapiert, jetzt wußte er, daß er nicht nur träume, aber dafür bekam er einen Hexenschuß in die Knie, er wollte sich setzen, verpaßte den Stuhl und legte sich gleich an den Boden hin.

Diese Depesche von hier aus über ganz Indien zu verbreiten, das wäre eine Kleinigkeit gewesen. Derartiges kommt im Geschäftsleben, wie z. B. bei der Korn- und Baumwollen-Spekulation, oft genug vor. Da war nur eine einzige Depesche nötig, die ging über Genua nach Wien, von hier aus südwärts nach Konstantinopel, nun durch Kleinasien, Persien und Beludschistan nach Bombay, von wo aus sie gespalten und in drei Richtungen verschickt wurde: nach Ceylon, nach Dungar im Himalajagebirge und über Kalkutta nach Singapore, und Singapore wieder sorgte für den malaiischen Archipel. Dann lasen die sämtlichen Zwischenstationen an den Eisenbahnstationen die Depesche mit, wozu sie vorher aufgefordert wurden.

Nun aber die Kollation! Die Wiederholung des Telegrammes von jeder der 472 Stationen! Wenn also in Bombay dreißig Telegraphenämter sind – es werden aber mehr sein – so mußten allein von Bombay hier dreißig Wiederholungen eintreffen, und waren sie nicht richtig, gingen sie wieder zurück und mußten von neuem wiederholt werden.

»Aber die Depesche hat doch gar keinen Zweck!« jammerte der Beamte. »Es fehlt doch die Adresse, wie kann denn dieser Hiran Singh ...«

»Was, die Depesche hätte keinen Zweck?! Na, gnade Euch Gott, sagt das mal meinem Kapitän! Nun vorwärts, vorwärts, die Depesche könnte schon in Hinterindien herumspazieren! Was kostet die Geschichte?«

Ja, da half alles nichts. Das war nicht nur ein böser Traum. Was dieser Spaß kostete? Das konnte noch gar nicht berechnet werden. Aber ein kleines Vermögen, von dessen Zinsen ein solider Mann leben kann, ging darauf.

Die Depesche ging ab. In fünf Minuten konnte die Kollation von Genua kommen, dann die von Wien, von Konstantinopel – und mit Bombay fing es erst richtig an, da konnte man wohl die ganze Nacht sitzen. Also sofort sämtliche Postbeamten geholt, wo man sie packte, aus der Kneipe, aus dem Bette, aus den Armen der Braut.

Die ganze Nacht hindurch? Vier Nächte und drei Tage saßen die Telegraphisten an ihren Apparaten, untätig, nur immer auf das Wiederbeginnen des Klapperns lauernd, bis irgend eine Station in Vorder- oder Hinterindien die Depesche kollationierte, und aus den Hauptstationen Genua, Wien, Konstantinopel, Bombay, Kalkutta usw. usw. wurde auf diesen Hiran Singh und auf den oder die oder das Heliotrop genau so mörderlich geflucht wie hier auf dem Postamte von Monte Carlo.

Und nun kam es doch oft genug vor, daß die Depesche auf dem langen Wege verstümmelt und daher falsch wiederholt wurde – es half alles nichts, sie mußte wieder zurück, so gut nach Bombay, wie nach Siam oder Borneo, der alte Nörgler im Hotel de Paris gab sich nicht eher zufrieden, als bis er seine 472 Kollationsdepeschen klipp und klar vor sich liegen hatte. Daß der alte Kapitän einen gewaltigen Knacks im Kopf hatte, das war ja ganz klar. Aber das Gold, das auf der Bank lag, das viele Gold! Die fünf Millionen!! Das war auch eine Tatsache!

Es werden in Monte Carlo alljährlich 60.000 Fremde gezählt, wobei die noch nicht mitgerechnet sind, welche nur auf der Durchreise schnell einmal ein Spielchen machen. Von diesen 60.000 Menschen kann kaum ein Prozent sagen: ich habe es nicht nötig. – Dreiviertel von den anderen kommen nach Monte Carlo doch nur in der Hoffnung, ein Vermögen zu gewinnen, womöglich gleich einige Millionen. Das eben ist ja das Merkwürdige: in Monte Carlo spielt das Geld gar keine Rolle, und dennoch ist alles auf der Jagd nach dem Gelde. Und so wurden alle diese Menschen über das viele Gold des Kapitäns halb wahnsinnig. Nun kam aber auch noch das Geheimnis dazu, welches mit dem alten Manne und seinem Hiran Singh verbunden war, auch der Passepartout hatte viel zu sagen. Kurz gesagt: ganz Monaco-Monte Carlo drohte über den Kapitän der Heliotrop den Verstand zu verlieren.

Der alte Mann kümmerte sich um nichts. Im Hotel bellte und schimpfte und schlug er weiter, sonst schlich er gebückt am Krückstock durch den Palmengarten, suchte die einsamsten Wege und Bänke aus, knurrte und hustete und stöhnte, und wenn er einem rauchenden Spaziergänger begegnete, so schnauzte er ihn an, was er mit seiner Zigarre die Lust zu verpesten habe. Ins Kasino kam er niemals.

Mit solch einem Menschen war natürlich schlecht anzuknüpfen. Diese Bärbeißigkeit hinderte aber doch nicht, daß man wenigstens eine Anknüpfung mit ihm suchte. Die Anziehungskraft des Goldes ist eben allmächtig. Im Hotel de Paris wurden für den Kapitän der Heliotrop täglich nicht nur einige Dutzend, sondern einige hundert Briefe abgegeben!

Was in den Briefen stand? Natürlich waren es Bittschriften von ruinierten Spielern, von wahnsinnigen Menschen, die das ›untrügliche System‹ erfunden haben wollten, mit dem man die Bank von Monte Carlo sprengen kann, Bittschriften von wirklichen Erfindern, die aber auch schon dem Wahnsinne nahe waren – schon damals spukte die Flugmaschine in den Köpfen der Menschheit – von verkannten Genies, von unglücklichen Familienvätern und vor allen Dingen von noch unglücklicheren Frauen und Mädchen. Denn darin ist Monte Carlo groß.

Ob er die Briefe las? Ganz sicher nicht. Die wanderten ungelesen ins Feuer. Das wußte man ganz bestimmt, und dennoch wurde das Briefschreiben fortgesetzt.

Das Geheimnis, das mit dem alten Holländer verbunden war, hatte noch einen anderen, ganz merkwürdigen Erfolg.

»Ich denke, Sie wollten schon gestern abend abreisen?« fragte einer den andern.

»Und Sie wollten doch heute früh abfahren?«

»Eigentlich ja, aber ich möchte doch gern noch wissen, was aus dem Kapitän und aus seinem Gold noch wird, irgendwie muß die Geschichte doch einmal zu einem Ende kommen. Haben Sie es gehört? Heute hat er wieder nach seinem Hiran Singh gejammert. Ob der die Depesche irgendwo in Indien nur wirklich empfangen hat? Ob er wirklich kommt? Was will der Alte nur von ihm?«

So sprach ganz Monte Carlo. Einer lachte den andern aus, daß er wegen dieses verrückten Kerls seine Abreise aufschöbe und – alles blieb. Ja, sogar Carnegies und Lord Rogers Jachten lagen noch immer im Hafen, und dann die des englischen Zeitungsverlegers erst recht. Nur Vanderbilt hatte wegen dringender Geschäfte nach Amerika zurückgemußt.

Wenn nun diese tonangebenden Größen der Gesellschaft so offen ihre Neugier zeigten, dann brauchten sich die anderen auch nicht mehr gegenseitig auszulachen. Die Kasinoverwaltung mußte dem alten Kapitän mit seiner verrückten Idee sehr dankbar sein, denn infolgedessen blieben die Spielsäle nach wie vor gefüllt. Nur die Eisenbahndirektion schimpfte auf den Kerl, weil seinetwegen die angekündigten Expreßzüge ganz leer abgingen.

 

Fünf Tage waren seit der Ankunft des ›Heliotrop‹ verstrichen.

Da, eines Vormittags in der elften Stunde, als das Leben vor dem Kasino beginnt, kommt den Weg, welcher von dem unten liegenden Bahnhof von Monte Carlo durch herrliche Blumenanlagen direkt vor das Kasino führt, eine höchst auffallende Gestalt herauf - ein junger Indier mit braunen, tiefernsten Zügen, in einen dunklen Kaftan gekleidet, um die Brust schlingt sich unterhalb der Arme eine schneeweiße Schärpe, um die Stirn ein goldenes Schuppenband, und als Kopfbedeckung trägt er eine hohe, spitze Mütze mit bunten Malereien.

Indier laufen in Monte Carlo genug herum, meist sind es Teppich- und Waffenhändler, sie tragen auch ihre orientalischen Kostüme, das gehört mit zum Geschäft – aber doch nicht solch ein Priestergewand. Das hier war ein Magier aus Tausendundeiner Nacht.

»Bitte, mein Herr, wo ist hier das Hotel de Paris?« wendet sich der exotische Fremdling mit tiefer Stimme und im reinsten Französisch an einen ihn bewundernden Stutzer.

Noch ehe dieser sein Staunen bemeistert hat, kommt über den Platz weg auf die beiden ein junges, kokettes Dämchen losgeschossen.

»Heißen Sie Hiran Singh? Wollen Sie zum Kapitän der Heliotrop?« fängt die gleich ganz unverfroren an.

»Das ist mein Name, Doktor Hiran Singh.«

»Ach, wie interessant! Kommen Sie, kommen Sie, ich führe Sie hin. Der Kapitän kann es ja schon gar nicht mehr erwarten.«

Mit diesen Worten eilt die Evatochter voraus, dem Hotel de Paris zu, der indische Adept mit dem Schmucke des Brahmanen folgt ihr mit stolzer Würde, und manch bewundernder Blick aus schönen Frauenaugen wird dem jungen, braunen Manne mit den ernsten, idealen Zügen nachgesandt.

Im Nu ging es durch ganz Monaco-Monte Carlo: Hiran Singh ist wirklich gekommen! – Und dann hörte man die Stimme des alten Kapitäns durch das ganze Hotel jauchzen: endlich, endlich, Hiran Singh!!

Aber die kecke Evastochter hatte sich getäuscht, wenn sie glaubte, durch ihr Entgegenkommen als Führerin das Geheimnis schneller zu erfahren als die anderen Sterblichen, die jetzt vor Spannung bald vergingen. Der alte Kapitän schnauzte die Aufdringliche mit bekannter Liebenswürdigkeit an und verschwand mit dem Indier in seinem Hotel.

Eine halbe Stunde später kamen die beiden wieder zum Vorschein, man sah sie nach Smiths Bankhaus gehen, und als sie sich nach dem Hotel zurückbegaben, wußte man es auch schon: der Kapitän hatte dem Indier die fünf Millionen Francs angewiesen!

Himmel, gab das eine Aufregung! Wofür hatte er dem Indier das Geld gegeben? Was würde nun noch kommen?

Es sollte noch etwas kommen, was niemand auch im kühnsten Traume zu ahnen gewagt hätte.

Im Hotel wurde sofort der Direktor beordert. Er mußte in des Kapitäns Schlafzimmer kommen, welches aber schon eher einem Prunksalon glich. Dem Direktor rutschte gleich von vornherein das Herz in die Kniekehlen, denn er sah da auf einem großen Tische, der in die Mitte des Zimmers gerückt worden war, ein ellenlanges, blitzendes Messer liegen. Sah das nicht fast gerade wie ein Operationstisch aus? Alle guten Geister!!

»Mein lieber Wirt,« begann der Kapitän mit einer geradezu unheimlich wirkenden Liebenswürdigkeit, »ich komme nach Monaco und speziell nach Monte Carlo, um mich einer Operation zu unterziehen, welche dieser indische Professor, Doktor Hiran Singh aus Hyderabad, an mir ausführen wird. In ein Hospital kann ich nicht gehen, es hängt alles von der Stellung der Sterne ab, und diese weisen gerade hierher, wo das Hotel de Paris steht. Danach müssen wir uns richten, davon hängt das Gelingen der Operation ab. Wenn nun aber die Operation hier vorgenommen wird, dann ist ein Mißlingen auch ganz ausgeschlossen. Was also auch passieren mag, wenn ich auch noch so schreie – Sie werden dafür sorgen, daß wir ganz ungestört bleiben. Haben Sie mich verstanden, mein lieber Wirt?«

»Sehr wohl, Herr Kapitän,« stimmte der Wirt bei, den Blick ängstlich auf das ellenlange Messer gerichtet, und im Innern verfluchte er die Sterne, die gerade auf sein Hotel gezeigt hatten und nicht auf irgend ein anderes.

»Gut. Heute nachmittag um fünf wird die Operation beendet sein. Dann wird mich der Professor verlassen, wird von draußen mein Zimmer verschließen und Ihnen den Türschlüssel zur Aufbewahrung übergeben. Dann schlafe ich. Niemand darf mein Zimmer betreten – niemand!! Heute haben wir Donnerstag – am Sonntag, also in drei Tagen, Punkt 5 Uhr, werden Sie in dieses Zimmer kommen und mich wecken, falls ich nicht vorher selbst gerufen habe! Wenn Sie jedoch,« fuhr der Greis mit erhobener Stimme fort, »dieses Zimmer eher betreten, oder ein anderer, so daß ich in meinem Schlafe zu frühzeitig gestört werde, dann – bin – ich – des – Todes!! Und Sie sind mein Mörder!!! Verstanden?«

»Sehr wohl, Herr Kapitän,« hauchte der Hotelier mit bleichen Lippen.

»Gut. Bedürfen Sie sonst noch etwas, Herr Professor?«

Der junge Indier sah sich in dem Zimmer um und schüttelte den Kopf.

»Dann, Herr Wirt, lassen Sie uns allein. Eine besondere Stille im Hotel ist nicht nötig, mein Schlaf wird sehr tief sein, überhaupt eigentlich mehr ein Todesschlaf denn ein natürlicher.«

Der Hotelier entfernte sich, selbst schon mehr tot, denn lebendig. Er hörte noch, wie drinnen der Schlüssel umgedreht wurde.

Eine Viertelstunde später gellte durch das Hotel ein entsetzlicher Schrei, der erste, welcher eine ganze Reihenfolge solcher fürchterlicher Schreie einleitete, und dazwischen heulte, wimmerte, ächzte und tobte es in allen Tonarten. Allen, die es hörten, sträubte sich vor Entsetzen das Haar auf dem Kopfe.

»Um Gottes willen, was ist denn nur das?« fragte der Direktor die Ordonnanz, die er aufgesucht hatte.

»Das ist nix, das Schreien gehört mit zur Operation,« meinte der Dickwanst phlegmatisch, die Hände in den Hosentaschen.

»Befindet er sich denn in Narkose?«

»Nar ... Nar ... wuat für 'ne Hose?«

»Ist er denn nicht chloroformiert? Betäubt, meine ich, daß er nichts von den Schmerzen fühlt?«

»Chloroformiert? Nee, dann kann er ja nicht schreien, und schreien muß er, sonst hilft ihm die ganze Operation nischt.«

Diese Gleichgültigkeit des Matrosen wirkte wenigstens etwas beruhigend. »Weshalb wird er denn operiert?«

»Weil er was hat, was weggeschnitten werden muß.«

»Ein Geschwür?«

»Jawohl, ein Geschwür im Kopfe, was man auch eine Schraube nennt. Die wird ihm herausgeschnitten. Nee, er kriegt gleich einen ganz neuen Kopf.«

Unten stand eine große Menschenmenge, starrte nach den verhangenen Fenstern hinauf und lauschte mit angehaltenem Atem den schrecklichen Tönen.

Nach einer halben Stunde ging das furchtbare Brüllen allmählich in ein Röcheln über, es wurde immer heiserer, aber noch auf der Straße hörbar, dazwischen ab und zu noch ein gellender Schmerzensschrei.

Dann wurde es ganz still, auch das lauschende Hotelpersonal hörte nichts mehr, und punkt fünf Uhr trat der Indier wieder heraus, schloß hinter sich die Tür ab und gab den Schlüssel dem draußen wartenden Hotelier.

»Es ist gelungen. Also Sonntag nachmittag um fünf Uhr wecken Sie ihn, nicht eher und nicht später, wenn er nicht vorher selbst ruft.«

»Ja, ja, und der Schlüssel kommt nicht aus meiner Tasche, darauf können Sie sich verlassen. Was haben Sie ihm denn nur herausgeschnitten?«

»Dasselbe, woran auch Sie sterben werden.«

Ach, du großer Schreck!! Der Hotelier mußte sich gleich setzen, das hätte ihm nicht passieren dürfen und ehe er sich nur etwas erholt hatte, um nähere Erkundigungen über seine Todesursache einziehen zu können, hatte sich der Indier schon entfernt, und dem armen Hotelier blieb als Trostmittel nur noch die Kognakflasche übrig.

Hiran Singh begab sich sofort nach Smith Bank, vor welcher bereits ein Lastwagen hielt, wieder von den Matrosen der Heliotrop begleitet, die deponierten Goldbarren, die auf den Indier übergegangen waren, wurden wieder in die Fässer gepackt und auf den Wagen geladen, sie wanderten zurück an Bord der Heliotrop, und die Jacht stach sofort in See. Auch der Indier fuhr mit.

Man wandte sich um Aufklärung an Wilm, welcher in seinem Zimmer mit den beiden Stewards Sechsundsechzig spielte.

»Jetzt bringt Hiran Singh sein Honorar in Sicherheit, wozu ihm mein Kapitän die Jacht zu Verfügung gestellt hat,« erklärte Wilm, sonst aber absolut nichts weiter, und als man ihn nach dem Woher und Wohin fragen wollte, wurde er saugrob.

Nur das gab er noch zu, daß diese fünf Millionen Francs in Goldbarren wirklich das ärztliche Honorar des Indiers für die an seinem Herrn vollzogene Operation seien.

Fünf Millionen Francs – Sapristi! –

Gegen neun Uhr abends erfüllte das Hotel de Paris ein neues Jammergeschrei.

Kellner und Stubenmädchen stürzten herbei. Das war ein Weib, welches um Hilfe rief – und richtig, auf dem Korridore in der zweiten Etage rannte eine alte Jungfer im Hemde herum und schrie Zeter und Mordio, und sie mochte Ursache dazu haben, denn ihr Hemd war über und über mit Blutflecken bedeckt.

Sie mußte mit Gewalt festgehalten werden, zu erfahren war von ihr nichts, doch schien sie gar nicht verletzt zu sein. Man schickte nach einem Arzt, drang in ihr Schlafzimmer, ihr Bett schwamm im Blut, ein Blick nach der Decke – und da klärte sich die rätselhafte Bluttat auf, allerdings ohne Beruhigung, vielmehr nur noch neue Sorgen bringend.

An der Decke befand sich ein großer Blutfleck, es tropfte davon auf das Bett herab, und gerade darüber lag das Zimmer des Kapitäns. Die Dame war früh schlafen gegangen und wachte auf, als ihr das Blut ins Gesicht tropfte.

Wilm spielte mit den beiden Stewards noch immer Sechsundsechzig zu dritt, als ihm das neue Schrecknis berichtet wurde.

Aber der dicke Matrose klatschte seine Karten ruhig weiter auf den Tisch.

»Schippenaß!! Jawohl, genau so hat es kommen müssen. Nur, daß das Blut gerade auf eine alte Jungfer im Hemd tropfte, das hat nicht in den Sternen gestanden. – Ich melde zwanzig!«

»Aber das müssen doch ein paar Eimer Blut sein, die der Kapitän verloren hat, wenn es schon durch die Decke kommt?!«

»Natürlich, mit Kleinigkeiten gibt sich unser Kapitän nie ab – und vierzig! – bei uns geht alles eimerweise – schwarz seid ihr, ihr Ludersch!«

Dieses phlegmatische Verhalten des vertrauten Dieners wirkte doch wieder sehr beruhigend, und so wurde auch die alte Dame beruhigt und ihr ein anderes Zimmer angewiesen. Auf die Rechnung des Kapitäns wurde natürlich eine neue Diele und Decke, und was da alles noch dran hing, gesetzt.

Die drei Tage vergingen, ohne daß ein neuer Zwischenfall passierte.

Nichts regte sich in dem Schlafzimmer. Unten auf der Straße war ständig ein zahlreiches Publikum versammelt, welches die verhangenen Fenster anstarrte. Jetzt hätten eigentlich schon sämtliche Wandervögel fort sein müssen, und sie alle waren noch in Monte Carlo. Und was soll man in Monte Carlo anfangen, wenn nicht spielen? Das Kasino machte brillante Geschäfte.

Ein mutiger Kellnerstift und ein dreistes Stubenmädchen hatten es gewagt, durch das Schlüsselloch des geheimnisvollen Zimmers zu lugen, aber es war absolut nichts zu sehen gewesen, und aus den drei zurückgebliebenen Matrosen der Heliotrop, deren Aufenthalt man nicht kannte, war ebensowenig etwas herauszubringen.

Diese spielten am Sonntagnachmittage auf ihrer Stube wie gewöhnlich Karten, als der Hoteldirektor zu ihnen kam. Die kritische Stunde nahte.

»Es ist bald Zeit, den Herrn Kapitän zu wecken.«

»Welche Zeit ist es?« fragte Wilm, nach seiner Uhr sehend. »Erst um viere. Um fünfe wird er geweckt, keine Minute früher; und wacht er von alleine eher auf, so wird er schon klingeln.«

Und Wilm spielte gelassen seine Karten weiter aus.

Trotzdem stellte sich der Hotelier schon jetzt vor die Tür des unheimlichen Zimmers, zur Vorsicht den Sekretär und den Zimmerkellner als Zeugen mitnehmend; denn wer wußte denn, was man erleben konnte?

Wir haben noch gar nicht von den Zeitungsreportern gesprochen, welche in Monte Carlo stets zahlreich vertreten sind. Aber es ist wohl ganz selbstverständlich, daß diese Neuigkeitshascher ganz Feuer und Flamme waren, dem Hotelier waren schon große Summen dafür geboten worden, wenn sie beim Öffnen des Zimmers dabeisein dürften, es waren noch andere Vorschläge gekommen, mit einer Leiter hinaufsteigen und eine Fensterscheibe herausnehmen wollten sie, und Mr. Hobwell persönlich hatte dem Direktor, wenn er ihm einmal den Eintritt ins Zimmer erlaube, eine Summe geboten, welche diesen in den Stand gesetzt hätte, ein eigenes Hotel zu kaufen oder als wohlbestallter Rentier zu leben. Allein der gewissenhafte Mann ließ sich auf nichts ein, er wollte nicht zum Mörder werden, und auch beim rechtmäßigen Öffnen der Tür durfte um keinen Preis ein Fremder dabeisein.

Die Uhr zeigte auf halb fünf. Noch eine halbe Stunde!

Da – bewegte sich drinnen nicht etwas? Gewiß ein Stuhl war gerückt worden. Und jetzt gähnte jemand, er räusperte sich!!

Und plötzlich begann da drinnen eine prachtvolle Baritonstimme zu singen, sie sang das komisch-traurige Liebesschmerzenslied des Mohren aus Mozarts Zauberflöte, aber es klang jauchzend:

»Alles kennt der Liebe Freuden,

Noch wußten die drei nicht, was sie davon denken sollten, als drinnen geklingelt wurde – jetzt war alles erlaubt – der Hotelier hatte schon den Schlüssel in der Hand gehabt, schnell schloß er auf, öffnete die Tür, es waren noch Portieren vorhanden, diese wurden von innen zurückgeschlagen und ...

Von staunendem Schrecken gelähmt standen Hotelier, Sekretär und Zimmerkellner da!

 

Wir müssen uns jetzt zunächst mit einem seltsamen Manne beschäftigen, welcher in diese ganze Episode tief eingreift und an dem unser Nobody als Detektiv später noch eine Nuß zu knacken bekommen sollte.

Monsieur de Haas, ein Belgier, zweiter Direktor der Spielbank und zugleich Besitzer der meisten Aktien, befand sich in seinem im Kasino gelegenen Privatkontor.

Daß dieses keine gewöhnliche Schreibstube ist, läßt sich wohl denken. In dem offenen Kamin brannte ein Holzkohlenfeuer, welches man auch an der Riviera in den kühlen Zeiten nicht entbehren kann. Jetzt freilich wäre es nicht nötig gewesen, draußen wischten sich die Spaziergänger den Schweiß von der Stirn. Aber dieser Herr – der Teufel hat ihn schon längst geholt – wollte auch in der größten Julihitze immer Ofenfeuer haben, sonst rieb er sich fröstelnd die Hände.

Soeben hatte ihm ein Diener eine Karte gebracht. Auf dieser stand:

»Der Schreiber dieses, welcher dem Herrn Direktor vielleicht unter dem Namen ›Eremit von La Turbie‹ bekannt ist, bittet um Erlaubnis, ohne Legitimation die Spielsäle betreten und dreimal setzen zu dürfen.«

Kopfschüttelnd ging Monsieur de Haas mehrmals im Zimmer hin und her.

»Ein komischer Zufall, daß der gerade heute kommt,« brummte er. Ja, er kannte diesen sogenannten Eremiten von La Turbie.

Vor sechs Jahren war der rätselhafte Fremdling nach Monaco gekommen, ein junger, einfacher Mann, bleich und hager, mit träumenden Augen, die aber manchmal recht glühend aufleuchten konnten.

Er war mit seinem Köfferchen in dem bescheidenen Hotel Des Quatre Saisons abgestiegen, in Condamine gelegen, das ist die untere Stadt von Monaco, und weil er auf einem Spiritusapparat sein Essen selbst kochte, wenn er nicht nur von Brot und Früchten lebte – er war Vegetarianer – mußte er für sein Zimmerchen etwas mehr bezahlen.

›Emil Schmidt aus Düsseldorf, Privatier.‹ So hatte er sich in das Fremdenbuch eingeschrieben.

Den ganzen Tag strich er im Gebirge umher, und als er dann das Hotel verließ, gab er trotz seiner sonstigen Sparsamkeit allen dienstbaren Geistern, die ihn nicht einmal bedient hatten, ein sehr reichliches Trinkgeld und ging mit seinem Köfferchen so still und bescheiden von dannen, wie er in dem Hotel gewohnt hatte, und das französische Zimmermädchen hatte vergebens die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht, den unschuldigen Jüngling mit ihren Reizen zu umstricken, und so konnte Madame Gueit, die ehrbare Wirtin – Gott habe die brave Frau selig! – vielleicht mit Recht behaupten, daß Monsieur Schmidt der einzige anständige Mensch gewesen ist, den sie bisher in Monaco-Monte Carlo und Umgegend kennen gelernt habe.

Doch erfolgte sein Abschied vom Hotel unter ganz besonderen Umständen.

Noch ehe die sieben Tage verstrichen waren, innerhalb deren man auf dem Meldebureau seinen Reisepaß präsentieren muß, erschien im Hotel Des Quatre Saisons ein fürstlicher Diener, welcher nach Monsieur Emil Schmidt fragte und ihn zum Schlosse hinaufgeleitete, wo ihn der Fürst in Audienz empfing.

Erregte schon dies berechtigtes Aufsehen, so wurde es noch größer, als der junge Mann das Palais in Begleitung des persönlichen Adjutanten des Fürsten wieder verließ.

Wer steckte denn hinter diesem einfachen, bescheidenen Manne? Der sah doch gar nicht nach etwas ›Hohem‹ aus?

Das Rätsel sollte sich bald auf eine ganz einfache Weise lösen, es war wirklich ein ›ganz gewöhnlicher Mensch‹, wenn auch die Sache noch sensationell genug blieb.

Die beiden, Emil Schmidt und der Adjutant, begaben sich nach Monte Carlo auf den Bahnhof der Zahnradbahn, welche nach dem Städtchen La Turbie hinaufklettert, doch stiegen sie schon unterhalb in La Bordina aus, schlugen sich links durch unwegsame Felsenmassen, immer höher ging es hinauf – und wäre der Adjutant nicht ein noch junger Mann und ein gewandter Fußgänger gewesen, er hätte dem rüstigen Bergsteiger kaum folgen können, so halsbrecherisch war der Weg – bis Emil Schmidt an einer tiefen Schlucht stehen blieb, auf das jenseitige Felsplateau deutete und sagte:

»Dies ist das Fleckchen Erde, welches ich mir von der Gnade des Fürsten erbitte.«

Da dieses ›Fleckchen Erde‹ noch heute existiert und einer Besichtigung sehr wert ist, soll Lage und Aussehen desselben genauer beschrieben werden.

Es liegt zwischen La Bordina und La Turbie, dem letzteren näher, nicht weit entfernt von einem alten Steinbruch. Es ist nichts weiter als ein nackter, ebener Felsvorsprung. Hier oben sieht es überhaupt recht öde aus. Links wird das kleine Plateau von einer Schlucht begrenzt, in die sich ein Bach ergießt, derselbe, welcher dann in die Gaumates-Schlucht, die Monte Carlo von Condamine trennt, hinabfällt; rechts von dem Plateau gähnt erst recht eine fürchterliche Tiefe, und nach hinten wird dieses reizende ›Fleckchen Erde‹, auf dem damals so wenig etwas von Erde zu bemerken war, wie jetzt, von einer himmelhohen Felswand abgeschlossen.

So sah und sieht das Fleckchen Erde aus, etwa 20 Meter lang und 10 Meter breit, ein nackter Felsvorsprung, nach dem sich das Herz des jungen Mannes sehnte – ein richtiger Horst, auf den ein Adler sein Nest kleben kann. Die Geschmäcker der Menschen sind eben verschieden – und das ist sehr weise eingerichtet von der Vorsehung. Freilich, umsonst hatte der junge Mann auch nicht solch träumerische Augen.

Nun reicht aber das schmale Fürstentum Monaco nur bis an den Fuß der Berge, hier war schon das französische Departement der Seealpen, hier oben hatte die ›Gnade‹ des Fürsten von Monaco also gar nichts zu verschenken. Doch da dieser zugleich auch französischer Herzog ist, so konnte er schon etwas machen. Sehr bald erhielt denn auch sein Schützling aus Paris eine Schenkungsurkunde – ja, der moderne Eremit ist niemals von einem Steuereintreiber, von keinem Beamten belästigt worden.

Vorläufig aber konnte er seine zukünftige Heimat noch gar nicht betreten. Zuerst kaufte er sich in La Turbie einige sehr lange Bretter, schleppte sie einzeln herbei und schlug über die Schlucht eine Brücke.

Dann erstand er einen Spaten, eine Hacke, Hammer, mehrere Meißel, ein Pack der gröbsten Leinwand und andere Utensilien, welche der Mensch braucht, will er nicht in der Einsamkeit zum nackten Wilden herabsinken.

Mit hohlen Bambusstäben wollte er sich jedenfalls eine Wasserleitung bauen, wozu er ja nur in den Wasserfall eine Röhre zu stecken brauchte.

Schließlich machte er noch mit dem Viktualien-Händler Manuelo Moretti in La Turbie einen Kontrakt aus, nach welchem dieser an gewissen Tagen an einer bestimmten Stelle der Wildnis gegen Barzahlung Lebensmittel niederzulegen hatte, fast nichts weiter als Mehl, Hülsenfrüchte, Salz, Olivenöl und Petroleum – und der moderne Einsiedler war aus der Welt verschwunden.

Anfangs natürlich hatten die sensationslüsternen Stammgäste von Monte Carlo lebhaftes Interesse für den romantischen Sonderling. Es machten sich genug auf den Weg, auch Damen, und wenn sie nicht schon auf der Hälfte vor der schrecklichen Klettertour zurückgeschreckt waren, so konnten sie sehen, wie Herr Emil Schmidt jenseits der Schlucht eine Höhle in die Felswand meißelte und den Boden des Plateaus zu Pulver zertrümmerte, um ihn nach und nach in fruchtbares Land zu verwandeln. Ein Hinüberkommen gab es nicht, er ließ sich nicht interviewen, und dann langten die vornehmen Herrschaften mit zerfetzten Schuhen oder gleich ganz barfuß im Hotel wieder an - um eine Erfahrung reicher und um ein Paar Stiefel ärmer.

Da erlahmte das Interesse sehr schnell. Es war ja absolut nichts zu sehen. Niemand suchte ihn mehr auf, man vergaß ihn, Fremdenführer und Hotelpersonal machten nicht mehr auf ihn als auf eine Merkwürdigkeit aufmerksam.

Wenn man aber ein gutes Fernrohr nach dort oben richtete und den Adlerhorst wirklich fand, so konnte man beobachten, wie sich die erst so nackte Felsenklippe im Laufe der Jahre immer mehr mit frischem Grün bekleidete.

Aber auch solch ein Weltentsager braucht, wenn es in der Wüste keine Heuschrecken gibt, entweder die Zinsen eines Vermögens oder einen Verdienst – er muß arbeiten, und wenn er Rosenkränze oder geweihte Zahnstocher schnitzt. Dieser Eremit hier schliff für das physikalische Institut von Maurice Orchard in Paris optische Gläser, deren Hin- und Herbeförderung ebenfalls jener Moretti besorgte. Er fristete auf der Klippe sein Leben also genau so, wie einst der berühmte Philosoph Spinoza das seinige in der Dachkammer.

Das Schleifen von optischen Gläsern ist eine Arbeit, welche außer physikalischen Kenntnissen eine unsägliche Geduld erfordert, sie kann noch immer nur mit der Hand gemacht werden, und der Eremit schliff noch dazu sehr, sehr langsam, er verdiente im Durchschnitt wöchentlich acht Francs, das sind noch keine sieben Mark.

Ebenso genau konnte berechnet werden, was er ausgab; in der Woche zwei Francs. Und das ist möglich! So billig kann der Mensch leben, wenn er kein Leckermaul ist und keine Miete zu bezahlen braucht. Täglich ein halbes Pfund Erbsen, ein Stück in Öl getauchtes Brot – da führt er seinem Körper genügend Nahrungsstoffe zu.

Und fürwahr, dieser Mann hatte sich nicht das schlechteste Teil erwählt! Er war ein reicher Mann, er verdiente ja viermal so viel, wie er verbrauchte. Er war ein freier Mann, ein wahrer Freiherr, kein Fürst der Erde kam ihm darin gleich. Und nun in dieser Höhe, wenn die Sonne aufging und am Horizont wieder ins Meer hinabtauchte, diese Szenerien, diese blaue See, die er bis nach Korsika überschauen konnte – und welche Gedanken mochten durch dieses freien Mannes Kopf kreuzen, wenn er so hoch oben in seiner Einsamkeit stand und herabblickte auf das zu seinen Füßen liegende Monte Carlo, wie die winzigen Menschlein dort unten nach dem roten Golde jagten, nach einem Phantom, blind und taub und wahnsinnig, geplagt von Lastern und Begierden und Gebrechen ...

Und nun kam dieser selbe Mann und bat um Eintritt ins Kasino, er wollte spielen!

»Wo befindet sich der Eremit?« fragte Monsieur de Haas den Diener, welcher die Karte gebracht hatte und noch im Zimmer stand.

»Er wartet im Vestibül.«

»Wie sieht er aus? Wie ist er gekleidet?«

»Wie ein Anachoret,« lautete die Antwort des gebildeten Dieners. »Er trägt eine Kutte, nur Sandalen, keine Strümpfe, und wahrscheinlich hat er auch kein Hemd an. Aber sonst scheint er ganz reinlich zu sein.«

»So, sonst scheint er ganz reinlich zu sein,« wiederholte der Direktor amüsiert. »Dann will ich ihn auch sprechen. Führe ihn hier herein.«

Der Eremit trat ein.

Was war in den sechs Jahren aus dem jungen, hübschen, so anständig auftretenden Manne geworden!

Er sah aus, als wäre er in einer Kaffeetrommel geröstet worden, ein braunes Skelett, um das eine Kutte aus Sackleinwand schlotterte, dazu ein Totenschädel, in dem die Augen das einzig Lebendige an der ganzen Gestalt waren, und zwar glühten diese Augen in fanatischem Feuer.

Außer der Kutte gehörten zu der Kleidung nur noch ein Paar aus Stroh geflochtene Sandalen, welche mit Stricken an den Füßen festgebunden waren.

Sehr merkwürdig war es, daß er schon beim Eintritt den linken Arm hoch in die Höhe gehalten hatte und auch noch im Zimmer in dieser Stellung verharrte. Dabei fiel der weite Kuttenärmel bis an den Ellenbogen herab, und der nackte Arm sah aus, als ob er aus Baumwurzeln zusammengeflochten wäre.

Monsieur de Haas putzte seinen Klemmer, setzte ihn auf und betrachtete interessiert den ausgedörrten Asketen des neunzehnten Jahrhunderts.

Es tauchen ja in Monte Carlo genug seltsame Figuren und Charaktere auf, aber so etwas war denn doch ganz neu.

»Sie wünschen die Spielsäle zu betreten?«

»Ich bitte dich darum. Entschuldige, wenn ich dich mit du anrede.«

Es war eine tiefe, ruhige Stimme, welche keiner Leidenschaft, keines Wechsels fähig zu sein schien, erhaben über Lust und Leid.

» N'importe. Zum Eintritt in das Kasino ist aber eine Legitimation nötig.«

»Ich besitze keine. Eben deshalb bitte ich persönlich um deine Erlaubnis.«

Der Eremit war der Schützling des allmächtigen Fürsten, von dem die Spielbank doch ganz abhängig ist, und der Direktor des Kasinos hat für das Amüsement der Fremden zu sorgen.

Monsieur de Haas füllte ein Formular aus und drückte den Stempel darauf.

»Geben Sie diese Quittung unten im Sekretariat ab, links im Vestibül, Sie erhalten dafür ohne Legitimation eine Eintrittskarte.«

Der Eremit nahm das Papier mit der rechten Hand, die linke hielt er unausgesetzt hoch.

»Ich danke dir. Aber ich darf auch spielen?«

»Gewiß, wer eingelassen wird, kann auch spielen, so lange er will. Sie können auch die Einlaßkarte, die Sie nun einmal haben, täglich ohne weitere Förmlichkeiten gegen eine andere auswechseln.«

»Das beabsichtige ich nicht, ich werde nur dreimal setzen.«

Er hatte doch schon auf der Karte geschrieben, daß er nur dreimal am Spieltisch zu setzen wünsche, jetzt fiel das dem Direktor auf.

»Warum nur dreimal?«

Der Eremit steckte das Papier in einen Schlitz seiner Kutte und brachte dafür ein Zwanzigfrancstück zum Vorschein.

»Mit diesem Goldstück werde ich durch dreimaliges Setzen eine Tischkasse sprengen.«

Aha, wieder einmal einer! Jetzt war also sogar dieser Eremit in seiner Einsamkeit von dem hier grassierenden Wahnsinn angesteckt worden. Das mußte geradezu in der Luft liegen.

Ach, was erleben diese Beamten der Spielbank nicht alles! Das System, das System! Nämlich das untrügliche System, wie man fortwährend gewinnen muß, und die Narren bieten ihr System der Direktion gleich zum Kauf an, natürlich höchst vorsichtig, mit der Drohung, sonst die Bank sprengen zu wollen, eine Million ist immer das Mindeste, was sie gleich verlangen – und einige Tage später wird wieder ein Unglücklicher ins Irrenhaus gesperrt, wenn man ihn nicht auf dem Friedhof der Selbstmörder begräbt.

»Durch dreimaliges Setzen wollen Sie eine Tischbank sprengen?« lächelte Monsieur de Haas. »Bitte, tun Sie es.«

»Ich werde es tun.«

»Sie können auch gleich die ganze Bank sprengen,« lächelte der Direktor weiter.

»Ich könnte es tun, will aber nicht.«

»O, legen Sie sich nur keinen Zwang auf.«

»Ich werde nur an einem einzigen Tische beweisen, daß ich es wirklich könnte, wenn ich wollte.«

»Nun, wenn dem so ist, wenn sich Ihr System wirklich als untrüglich erweist, so werden wir es Ihnen abkaufen.«

»Ich bedarf keines Geldes. Auch das, was ich jetzt gewinnen werde, gebe ich der Bank zurück.«

»O nein, das nehmen wir nicht an.«

»Du nimmst das Geld nicht an?«

»Niemals, das geht gegen unsere Prinzipien. Schenken Sie es doch den Armen.«

»Nein, denn das Geld, welches in solch unwürdigen Händen ist, kann jedem Menschen nur Verderben bringen.«

Der Direktor ignorierte diese Beleidigung gänzlich. Nicht etwa deshalb, weil er an solche Vorwürfe gewöhnt war – gerade er war der Mann dazu, solch einen Hieb mit doppelter Schärfe zurückzugeben – sondern er hatte Lebensweisheit genug, um sich zu sagen, daß man solch einem Einsiedler gegenüber einen Pflock zurückstecken müsse.

Hätte ein anderer ihm so etwas gesagt, hier in seinem Bureau, den hätte dieser Monsieur de Haas mit den feinsten Redensarten auf den Sand gesetzt, daß jenem die Entrüstung schnell vergangen wäre.

»So tun Sie mit dem gewonnenen Gelde, was Sie belieben.«

»Dann gestattest du, daß ich das Geld verbrenne?«

»Ja, wenn es Ihnen Spaß macht, warum nicht?«

»Ich meine, ob ich das Geld im Saale verbrennen darf?«

»Na, eigentlich ist in den Sälen kein Feuerwerk gestattet,« lächelte der Direktor belustigt, »aber mit Ihnen will ich einmal eine Ausnahme machen – vorausgesetzt, daß Sie die ganze Tischbank gesprengt haben, sonst nicht.«

»Ich danke dir für diese Erlaubnis, und ich werde von ihr Gebrauch machen. Kannst du mir nicht ein Streichholz geben?«

»Bitte, hier!« lachte jetzt Monsieur de Haas laut auf, dem kuriosen Kauze eine ganze Schachtel Schweden überreichend. »Langen die? Sonst können Sie auch noch mehr bekommen. Lassen Sie sich nur immer Papiergeld geben, damit es auch brennt.«

Der Eremit hatte auch die Schachtel eingesteckt und wandte sich zum Gehen.

»Noch einen Augenblick! Gestatten Sie mir noch eine Frage,« sagte der Direktor, und jener drehte sich an der Tür noch einmal um.

»Frage!« erklang es kurz.

»Hängt Ihr untrügliches System davon ab, daß Sie immer Ihren linken Arm emporhalten müssen?«

»Allerdings, es hängt wenigstens damit zusammen,« entgegnete der Eremit.

»Ich habe gehört, daß indische Fakire zum Beispiel ihren Arm so lange über den Kopf gelegt tragen, bis dieser Arm völlig abgestorben ist, abgedorrt. Erfüllen auch Sie solch eine Bußübung, um dadurch das Glück zu zwingen?«

»Nein, derartiges beabsichtige ich nicht. Ich habe den Arm kurz vorher in die Höhe gehoben, ehe ich zu dir kam, und ich werde ihn wieder herabnehmen, sobald ich mit dem dritten Spiele die Tischbank gesprengt habe.«

»So bereitet Ihnen das Emporhalten des Armes Unannehmlichkeiten?«

»Noch nicht, aber sehr bald wird es mir nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern sehr große Schmerzen bereiten.«

»Nun, dann will ich Sie auch nicht länger aufhalten. Die Spielsäle stehen Ihnen offen, ich wünsche Ihnen viel Glück.«

Der Direktor hatte höflich lächelnd gesprochen, zuletzt eine leichte Verbeugung machend. Der Eremit aber verließ aufrecht, wie er gekommen, den Arm steif emporhaltend, das Bureau, und nicht nur dadurch, daß er auf die Verbeugung des Direktors hin nicht einmal ein leises Kopfneigen gehabt hatte, lag etwas von einem ungemein beleidigenden Stolze in dieser armseligen Erscheinung, auch noch verstärkt dadurch, daß er jeden Menschen mit du anredete, der maßlose Stolz lag überhaupt in seinem ganzen Wesen ausgedrückt.

 

Das Kasino erstrahlte schon in elektrischem Lichte.

Im Sekretariat hatten ein Dutzend Schreiber zu tun, neue Eintrittskarten auszustellen und die abgelaufenen umzuwechseln. Hinter einem erhöhten Pulte thronte der erste Sekretär, welcher die Pässe der neuen Ankömmlinge visiert.

Das unnötige Verweilen in dem immer überfüllten Sekretariat ist nicht gestattet. Eine Ausnahme macht die Verwaltung mit den ständigen weiblichen Besuchern des Kasinos, mit den schönen Damen in tiefdekolletierten Seidenroben, überladen mit Juwelen und Perlen; sie gehören ja auch mit zum Beamtenstab, wenigstens indirekt. Diese Hyänen, in schöner Frauengestalt, in zarterer Sprache Kokotten genannt, sind vom Kasino dazu angestellt, die Spielunlustigen zu animieren – das Weib gehört nun einmal zum Spiel so gut wie der Wein – ohne diese sinnverwirrenden Damen der Halbwelt wäre Monte Carlo eben kein Monte Carlo.

Jede dieser Kokotten hat ihren Spitznamen, den eigentlichen kennt man gar nicht, und Namen wie Bella Cobra, Madame Pompadour, die Duchesse, die grüne Eva, Lila Nachtschatten und Mademoiselle Phöbe werden unvergeßlich sein allen denen, welche zu jener Zeit Monte Carlo besuchten. Sie existieren sogar zum Teil heute noch, wenn die Zeit auch diesen schönen Schlangen die Giftzähne ausgebrochen hat.

Vor dem Pulte des gerade unbeschäftigten Sekretärs hatten sich vier solcher berückender Weiber zusammengefunden, das Gespräch drehte sich natürlich um den rätselhaften Kapitän, welcher heute aus seinem Todesschlafe erweckt werden sollte, und dazu klapperten die Fächer in den mit Diamanten gepanzerten Fingern in wahrhaft nervenzerstörender Weise.

»Der Eremit von La Turbie!« rief da plötzlich der Sekretär in grenzenlosem Staunen. »Wahrhaftig, er ist es!«

Schnell wurden alle Fächer herumgedreht, an deren langem Griff sich die Lorgnetten befanden. Das Schwirren und Summen in dem Sekretariat verstummte mit einem Zauberschlage, aller Augen richteten sich nach dem Eingange.

Barfüßig und barhäuptig trat der Eremit ein und schritt direkt auf das einzelne Pult zu, ohne jemandem einen Blick zu schenken, den linken Arm noch immer hoch über dem Kopf erhoben.

Die vier Kokotten wichen nicht von ihrem Platze, sie musterten das Wundertier aus allernächster Nähe durch das Vergrößerungsglas, während der Kuttenträger sie gar nicht beachtete.

Der Sekretär hatte sich von seinem ersten Staunen erholt.

»Sie wünschen, mein Herr?« fragte er ganz geschäftsmäßig.

»Ich bitte um eine Eintrittskarte in die Spielsäle, hier die Erlaubnis des Direktors,« entgegnete der Eremit mit metallharter Stimme und legte das Papier jenem aus das Pult.

Der Sekretär erkannte die Vollmacht und hatte kein Wort weiter zu verlieren, er tat seine Pflicht, füllte die für jeden Tag der Woche anders gefärbte Eintrittskarte aus.

Die Damen dagegen brauchten ihrer Neugier keine Zügel anzulegen.

»Sie sind der Eremit van La Turbie?« fragte da schon die kleine, zierliche, tiefbrünette Bella Cobra.

»Ist das ein Gelübde, daß Sie Ihren Arm immer in die Höhe halten?« erklang es gleichzeitig von der großen, üppigen, rothaarigen Pompadour verführerischen Kirschlippen.

»Kommen Sie zum ersten Male wieder unter Menschen?« fragte die grüne Eva, ein kindliches Lockenköpfchen, wie die Unschuld selbst aussehend, und gerade sie die Verworfenste von allen.

»Werden Sie spielen?« ließ sich die diabolische Lila Nachtschatten, deren Augen von dunklen Ringen umrändert waren, ebenso schnell vernehmen.

Seltsamerweise stand der sonst so stolz auftretende Eremit willig Rede und Antwort.

»Ich bin der Eremit von La Turbie und werde mit drei Einsätzen eine Tischbank sprengen, um zu beweisen, daß mir stets bekannt ist, auf welche Nummer die Kugel in der Roulette fällt,« erwiderte er, die lodernden Augen fest auf die schönen Frauengestalten gerichtet; aber es war ein kaltes Feuer.

»Ach, wie interessant!«

»Sie haben wirklich ein untrügliches System?«

»Bitte, verraten Sie mir, wie Sie das machen!«

»Gehört das dazu, daß Sie immer den Arm in die Höhe halten?«

Das waren aber nur vier Fragen und Ausrufe von hundert anderen. Die Aufmerksamkeit sollte von dem Kuttenträger abgelenkt werden.

»Eine Maske! Eine Maske!« erscholl es in dem wirren Durcheinander.

»Wahrhaftig, er hat eine schwarze Maske vor seinem Gesicht!«

»Wer mag das sein?«

»Diese herrliche Gestalt, dieser stolze Gang!« wurde schon von schönen Frauenlippen geflüstert.

»Ist es denn erlaubt, hier Masken zu tragen?« fragten Neulinge.

»Nun brate mir jemand einen Storch, ist denn heute hier Karneval?« murmelte der Sekretär mit unsicherem Blick nach der Tür.

Der sonst so kaltblütige Mann verlor bald gänzlich seine Fassung.

Erst kommt ein Bettelmönch und will am grünen Tisch sein Glück probieren – dort steht er noch – und jetzt ... jetzt kommt da ganz unverfroren ein Mann mit einer schwarzen Maske herein!!

Nein, so etwas war im Kasino wirklich noch nicht dagewesen!

Im Jahre zuvor war in Paris ein Gassenhauer entstanden mit dem immer wiederkehrenden Refrain: jetzt kommt der Prinz von Monte Carlo!

Ein junger Franzose sollte die Spielbank von Monte Carlo gesprengt haben und nun in Paris das Geld mit vollen Händen ausstreuen, weswegen man ihn den Prinzen von Monte Carlo nannte. Mit dem regierenden Fürsten hat das nichts zu tun, dessen Sohn ist der Prinz von Monaco.

Also, wohlverstanden: das ist der Inhalt des erfundenen Liedes!! Die Spielbank von Monte Carlo ist nämlich noch niemals gesprengt worden, auch nicht vom Prinzen von Wales, wie es einmal durch alle Zeitungen ging. Es ist auch ganz ausgeschlossen, daß die Bank gesprengt werden kann, dafür ist durch Beschränkung der Einsätze gesorgt.

Der Gassenhauer hatte mit seiner hübschen, faszinierenden Melodie überall Glück gemacht, soeben wurden er draußen im Garten von der Kapelle gespielt, in der plötzlich eintretenden Stille drang die Musik ganz deutlich herein, und unter diesen faszinierenden Tönen hielt der maskierte Fremdling seinen Einzug.

Es war ein hochgewachsener Mann, ohne jeden Zweifel noch jung. Nicht einmal der elegante Straßenanzug vom modernsten Schnitt konnte das schönste Ebenmaß der athletisch gebauten Gestalt verbergen. Dazu nun noch ein schneller, stolzer, elastischer Schritt. Alles Kraft und Feuer und Grazie.

Den Hut mußte er schon in der Garderobe abgegeben haben, man sah kurze, schwarze Locken, aber das ganze Gesicht war von den Stirnhaaren bis hinab zum Kinn von einer schwarzen Seidenmaske bedeckt, welche nur für Mund und Augen kleine Öffnungen hatte.

Also man hörte die Klänge jenes bekannten Liedes.

»Achtung, meine Damen und Herren!« rief da die Pompadour plötzlich mitten in das stumme Staunen hinein, und, einem Einfalle nachgebend, sang das zügellose Weib mit schallender Stimme zu der Musik den Endtext.

???»Achtung, jetzt kommt er, –

Nun darf man nicht glauben, daß es in Monte Carlo besonders fein zugeht. Ja, es geht schon alles vornehm zu, sogar furchtbar vornehm – aber das ist eine so leichte Tünche, daß der freche Untergrund mit schamloser Nacktheit bei jeder Gelegenheit sichtbar wird.

Der Gassenhauer war von der Kapelle noch nicht ganz beendet, die letzte Strophe wiederholte sich mehrmals, die Musik spielte also noch, und da fiel auch schon eine ganze Bande solcher juwelenblitzender Weiber jauchzend mit ein in den Chor:

»Jetzt kommt der Prinz, der Prinz, der Prinz von Monte Caaaarlo!«

»Aber, meine Damen!!« ließ sich da der in der Tür stehende Monsieur de Haas, welcher dem Eremiten bald gefolgt war, entrüstet vernehmen.

Ach was! Jetzt waren sie einmal drin. Und das Kasino braucht die Kokotten ebenso, wie die Kokotten vom Kasino abhängig sind!

Also noch einmal zur letzten Musik, und dazu mit Fächer und Stiefelchen den Takt geklopft:

»Jetzt kommt der Prinz, der Prinz, der Prinz von Monte Caaaarlo!«

Als ob er den Inhalt des Liedes wirklich auf sich bezöge, so hatte sich der Maskierte verbeugt, mitten im Gehen, wozu eine große Gewandtheit nötig ist, soll es graziös geschehen, und er hatte es mit vollendeter Grazie getan, und es war fast selbstverständlich, hier, wo ja alles nur Spiel ist, daß die meisten der Damen, wenigstens alle, welche genügend schnelle Auffassungskraft besaßen, sich sofort ebenfalls mit zwei Schritten nach rückwärts bis an die Erde verneigten, respektive die Knie so tief beugten.

Der Maskierte hatte das Pult erreicht, die Musik war verstummt, und jetzt drängte sich alles nach diesem Pulte, um etwas zu erlauschen, wenn sich der verlarvte Fremdling legitimieren mußte.

»Ich bitte um eine Eintrittskarte für die Spielsäle,« erklang es hinter der Maske mit sonorer, voller Bruststimme.

»Ja aber – aber – aber – mein Herr,« stotterte der verblüffte Beamte, »eine Maske zu tragen ist hier nicht gestattet.«

»Weshalb nicht?«

»Ja aber – aber – aber – das geht hier eben nicht, das ist nicht erlaubt.«

»Es könnte doch sein, daß ich eine Wunde im Gesicht habe und einen Verband trage.«

»Ach so, es ist nur ein Verband ...«

»Nein, ich nahm nur diesen Fall an. Es ist eine richtige Maske, welche ich trage, um mein Gesicht nicht sehen zu lassen.«

Der Sekretär raffte sich von seiner Bestürzung auf. Er gehörte mit zu dem Spionagesystem, ganz Monaco ist ja mit Geheimpolizisten übersät.

»Sie wünschen eine Eintrittskarte in die Spielsäle?« fragte er kurz.

»Ich ersuche Sie darum.«

»Dann muß ich um Ihren Paß bitten.«

»Bedauere, ich besitze keinen vorschriftsmäßigen Reisepaß, habe auch in diesem Lande keine Legitimation nötig ... ich bin der Kapitän der Heliotrop!«

Und gelassen streifte der Maskierte den linken Glacéhandschuh ab, man sah den nun schon berühmt gewordenen, grünen Diamanten ein Feuermeer ausstrahlen, gelassen griff er in die Brusttasche, zeigte ein auseinandergefaltetes Papier vor – und da war es: des Fürsten eigenhändig ausgestellter Passepartout für den Kapitän der Heliotrop.

»Genügt das?«

Jetzt war es mit des Sekretärs eben wiedergewonnenen Fassung gänzlich vorbei, er stierte den maskierten Herrn wie ein Gespenst an.

»Ach – ach – ach – ach nee! Ach neeeee!!«

Da sah er im Hintergrunde den Direktor vom Hotel de Paris auftauchen, dieser nickte immer, zugleich den ganzen Oberkörper bewegend, und ein zweiter Herr näherte sich dem Pulte, trat gleich dahinter, ein Mann mit einem langen, schwarzen Vollbarte, der Polizeidirektor von Monaco.

Er zeigte dem Sekretär eine Depesche.

»Es stimmt,« flüsterte er. »Ich habe sofort, als ich den Vorfall vernahm, an das fürstliche Sekretariat nach Paris telegraphiert, soeben kam die Antwort – hier ist sie: Der Kapitän der Heliotrop darf in Meinem Fürstentum eine Maske tragen und ist überhaupt unbehelligt zu lassen, wie ihm Meine Beamten in jeder Weise entgegenzukommen haben. Auf Befehl! Albert Grimaldi.«

Jetzt machte der Sekretär einfach den Mund zu und schrieb die Karte aus.

Sie sind ja alle willenlose Sklaven des Goldes, und die Besitzer der Spielhölle kriechen wiederum dem Fürsten zu Füßen.

Der Eremit hatte sich bereits entfernt, jetzt folgte ihm der Maskierte nach, da sah man draußen ja auch seine Ordonnanz, den dickwanstigen Matrosen mit der Hornbrille, er hatte eine große Ledertasche umgehängt ... und nun begann im Sekretariat ein unbeschreibliches Durcheinander von Stimmen, alle sprachen gleichzeitig, der Hotelier und der Polizeidirektor wurden bald zerrissen, ohne daß man etwas von ihnen erfuhr ... und dann stürmte alles den beiden nach in die schon überfüllten Spielsäle.

Den Eremiten und seinen erhobenen Arm hatte man vorläufig vergessen, aller Augen suchten den Maskierten – den Prinzen von Monte Carlo, wie er sofort getauft worden war.

Dieser hatte unterdessen schon an einem Roulettetisch einen Stuhl gefunden. Zuerst beobachtete er das Spiel, während seine Ordonnanz wartend hinter ihm stand, und man hatte genügend Zeit, ihn zu betrachten.

Wie, das sollte derselbe alte, gebückte, hustende, schwindsüchtige, bellende Kapitän sein? Ganz und gar unmöglich!!

Das war ein noch sehr junger Mann! Es war gar nicht nötig, daß man sein Gesicht sah – man hatte doch oft genug des alten Kapitäns Hand gesehen, die verwelkte, zusammengeschrumpfte Greisenhand – und das hier war eine jugendkräftige Hand, sogar äußerst muskulös, dabei aber dennoch schlank und fein gepflegt.

Man hatte doch auch diesen schnellen, elastischen Schritt gesehen, und nun ›beguckten‹ ihn – ganz besonders die Damen – von hinten und von vorn, sie spähten ihm in den Hals hinein – nein, nein, das war doch kein Greis, das war ein noch junger Mann!

Ja, das half aber alles nichts, jetzt wurde auch laut, was der Hotelier und seine beiden Zeugen erlebt hatten, als sie die Tür öffneten – dieser Maskierte hier mußte eben doch derselbe Kapitän der Heliotrop sein! Hier war eben ein Wunder geschehen! Der indische Professor hatte den alten Mann durch eine Operation oder durch sonst etwas wieder jung gemacht!

»Na, glauben Sie denn an solche Gespenster?!« wurde ärgerlich gefragt.

»Ja, geben Sie mir doch eine andere Erklärung,« lautete die Erwiderung, »ich warte nur darauf, denn ich für meinen Teil finde keine.«

Wenn man die Sache genau und mit nüchternem Verstande betrachtete, fand man auch wirklich keine andere Erklärung, als daß sich ein Greis plötzlich wieder in einen jugendfrischen Mann verwandelt hatte. Denn daß da in dem Zimmer ein Austausch von zwei Personen stattgefunden habe, das war viel leichter gesagt als bewiesen.

Als der Hotelier die Tür geöffnet hatte, war ihm dieser maskierte, junge Mann entgegengekommen, war sehr heiter gewesen, hatte aber vor allen Dingen einen ganz enormen Appetit entwickelt. Der Zimmerinhaber war mit einem Male auch sehr leutselig geworden, er hatte dem Hotelier erzählt, wie die Verjüngungskur des indischen Professors an ihm geglückt sei, allerdings sonst hatte er nichts weiter gesagt – auffallend aber war es auch, wie der Kapitän von den drei Matrosen so freudig begrüßt wurde, sie gratulierten ihm zu der erfolgreichen Kur. Doch sonst waren diese nicht überrascht gewesen, sie hatten eben schon gewußt, wie alles kommen würde, und auch der Kapitän war der Sache so sicher gewesen, daß er schon für sein neues Jugendleben eine vollständige Garderobe im Koffer gehabt hatte.

Dann war er sofort ins Kasino gegangen, immer scherzend hatte er die Tasche seiner Ordonnanz mit Gold und Papiergeld gefüllt - er wolle der armen Bank auch etwas zuwenden, hatte er gesagt – man war gleich an die Reinigung seines Zimmers gegangen, jetzt konnten die Kellner und andere Neugierige alles durchsuchen, und da gab es keinen großen Koffer, in dem sich ein zweiter Mensch hätte verstecken können, und das Zimmer lag in der dritten Etage, und daß während der drei Tage niemand dasselbe verlassen hatte, darauf war der Hotelier einen Schwur abzulegen bereit.

Nun blieb noch die Vermutung übrig, daß dieser Mann zuerst nur einen Greis markiert hatte.

Na, wer den alten Kapitän gesehen hatte, nur von weitem, der hielt so etwas für ganz ausgeschlossen, und damit basta! Solch eine welke, ausgetrocknete Hand kann man sich nicht anschminken oder auf eine andere Weise künstlich herstellen!

Den langen, weißen Bart hatte er sich selbst gleich nach dem Erwachen aus dem todesähnlichen Schlafe abgeschnitten, im Zimmer lagen noch die Haarsträhne – bevor er die schwarze Maske vorband.

Wozu nun diese Maske?

Es blieb nichts anderes übrig, als zu warten und auf eine Erklärung aller dieser Rätsel zu hoffen, vorläufig konnte man den Maskierten nur anstaunen.

Nachdem dieser also sich längere Zeit durch Zusehen über die Art und Weise des Spieles orientiert, auch einen neben ihm sitzenden Herrn mit äußerster Liebenswürdigkeit um einige Auskünfte gebeten hatte, ließ er sich von seiner Ordonnanz Gold und Papiergeld reichen, ordnete es wie die anderen vor sich auf dem Tische und begann zu setzen.

Er gewann, er verlor, gewann wieder – bis sich das Glück ganz entschieden gegen ihn wandte, und je mehr er den Tisch mit Gold pflasterte, desto mehr verlor er. Schon nach einer halben Stunde schätzten die Kundigen seine Verluste auf mindestens 20.000 Francs, und ferner konstatierten sie, daß er nicht nur gar keine Leidenschaft für das Hasardspiel besaß, daß er nur noch hier und da einen Hundertfrancsschein, später auch einen Tausendfrancsschein hinlegte, um nicht untätig am Tische zu sitzen, sondern daß seine Aufmerksamkeit auch von etwas anderem gefesselt wurde, was ihn mehr interessierte als dieses Spiel.

Es war ein junges Mädchen, welches ihn so fesselte. Hier konnte man zwischen den ›Damen‹ endlich einmal das schöne Wort ›Mädchen‹ anwenden. Freilich saß hier auch manches unschuldig aussehende Täubchen, und es war dennoch ganz vom Spielteufel besessen. Besonders die Engländerinnen, die können etwas in aller Unschuld leisten, wenn sie erst einmal hinter den Geschmack am Hasardspiel gekommen sind!

Aber das hier war ein blondes Gretchen, so zart und so traurig, sie spielte auch nicht selbst, sie saß nur neben einem alten, würdigen Herrn mit weißem Vollbart und goldener Brille, der Ähnlichkeit nach mußte es ihr Vater sein, sie hatte ihn jedenfalls als Schutzengel in die Spielhölle begleitet, er mochte auch mit der Brille nicht ordentlich sehen können, sie mußte immer die herausgekommene Nummer aufschreiben, wie es fast jeder Spieler tut.

Doch wir wollen nicht nur mit den hinter der Maske hervorblitzenden Augen beobachten, wir wollen uns von einem der von der Bank angestellten Spione und Sicherheitsbeamten über die beiden erzählen lassen, und diese Spione wissen gewöhnlich mehr, als was die Fremden von sich angeben, wenigstens wenn diese sich längere Zeit in Monte Carlo aufhalten.

Felix Richter, Privatier aus Berlin, mit seiner Tochter Johanna.

So hatte sich der alte Herr auf der Polizei angemeldet.

Aber das stimmte nicht, das hatten die Sicherheitsbeamten schon herausgebracht, das heißt, ohne deswegen den Herrn etwa zur Rechenschaft zu ziehen. Eigentlich hieß er Ernst von Marbach und war Gutsbesitzer in Pommern. Gesagt hatte er dies niemand, aber, ach, das hat man hier so schnell heraus! Doch wenn sonst nichts vorliegt, so gibt man hier auch nichts weiter darauf, wenn man mit einem anderen Passe reist. Es ist doch manchem nicht angenehm, daß sein richtiger Name in die öffentlichen Fremdenlisten von Monte Carlo kommt. Wenn er nur Geld mitbringt und es sitzen läßt, das ist hier die Hauptsache. Und ist es ein durchgebrannter Kassierer, so nimmt ihm der größere Räuber erst noch so viel als möglich ab, ehe der kleinere anstandshalber gepackt und zur Bestrafung ausgeliefert werden muß.

Vor etwa einem Monat waren sie gekommen, Vater und Tochter, hatten erst in einem Hotel gewohnt und waren dann in eine Pension gegangen.

Sie wurden permanente Besucher des Kasinos, bekamen eine Dauerkarte, waren immer mit unter den ersten, wenn die Spielsäle mittags geöffnet wurden, um einen Sitzplatz zu bekommen. Wie jeder neue Ankömmling, der zum ersten Male sein Glück probiert, hatte auch der Alte zuerst stark gewonnen, er wurde kühner, verlor das Gewonnene schnell wieder, wollte es durch Verdoppeln der Einsätze zurückgewinnen, verlor noch mehr, und seit einigen Tagen spielte er nur noch ganz, ganz vorsichtig mit den kleinsten Einsätzen.

Es ging mit ihm zu Ende. Das sah man ihm deutlich an. Sein Blick hing immer starrer und starrer an dem von ihm gesetzten Fünffrancsstück. Und die zarte Tochter wurde immer trauriger und ängstlicher. Doch wahrte er noch stets den Kavalier, blieb kalt im Unglück, und die Tochter suchte ihn nicht vom Spieltisch wegzubringen. Was es zu Hause für Szenen gab, wußte man nicht.

Nach Ansicht eines geheimen Beobachters hatte Herr Felix Richter während dieses einen Monats ungefähr 15.000 Francs verspielt. Das heißt, sonst werden weiter keine Recherchen angestellt, etwa, was der Mann noch zu Hause hat. Das ist nur, damit dann niemand kommt und verlangt, die Bank solle ihn erster Kajüte nach Amerika schicken, er habe hunderttausend Francs verspielt – und dabei hat er überhaupt nur zehn Francs in der Tasche gehabt. Das ist nämlich alles schon vorgekommen, aber so vertrauensselig ist die Bank natürlich nicht.

Jetzt holte der Alte einen Hundertfrancsschein aus der Tasche, und schon daraus, wie er das tat, wußte der Kundige sofort, daß es sein letzter war. Ein Zögern, ein kurzes Ringen, und mit einer hastigen Bewegung hatte er ihn auf die Null gesetzt. Einen so hohen Einsatz hatte er überhaupt noch nie gemacht.

»Papa!« erklang es da weinerlich zwischen dem Rollen der Elfenbeinkugel.

» Rien ne va plus!« rief der Croupier.

Der Alte hatte auf den klagenden Ruf seiner Tochter eine Bewegung gemacht, als wolle er den Hundertfrancsschein schnell wieder zurücknehmen – zu spät, der Croupier hatte schon angekündigt, daß nichts mehr gesetzt und nun natürlich auch nichts mehr zurückgezogen werden durfte.

Klapp, ging es – die rotierende Kugel war in eines der 37 Fächer gefallen. –

» Dixsept ... noir passe impair!«

Der Hundertfrancsschein war mit den anderen Einsätzen, welche verloren hatten, von den Croupiers mit ihren eleganten Harken eingezogen worden.

Der alte Herr erhob sich. Er lächelte, es sollte ein verächtliches Lächeln sein, aber es sah ganz anders aus. So etwas kennt man hier.

»Komm, Hannchen, wir wollen nach der Post gehen, jetzt muß das Geld schon dasein, dann reisen wir gleich ab,« hörten die, welche Deutsch verstanden, ihn mit heiterer Miene zu dem jungen Mädchen sagen.

Na, wenn er noch Geld zu erwarten hatte, dann ging es ja. Wenn er dann nur auch wirklich gleich abreiste!

Der Maskierte sandte den Fortgehenden einen langen Blick nach und wandte sich zerstreut wieder dem Spiele zu.

»Mit diesem Zwanzigfrancsstücke sprenge ich in drei Spielen die Bank!« rief da schallend eine metallene Stimme.

Das Interesse der Zuschauer hatte sich unterdessen auch wieder dem Eremiten zugewendet, dessen Vorhaben nun schon durch die vier Kokotten bekannt geworden war, und das Spiel und alles, was damit zusammenhängt, ist hier doch immer die Hauptsache. Wie, der wollte die Bank sprengen oder doch den baren Bestand eines einzelnen Tisches? Da mußte man dabeisein.

Der Eremit hatte sich zufällig an denselben Tisch begeben, an welchem auch der geheimnisvolle Maskierte saß. Mit außergewöhnlicher Zuvorkommenheit hatte man dem Kuttenträger Platz gemacht, wenigstens bis zu den Stuhllehnen, und hier hatte er eine halbe Stunde gestanden, das Spiel beobachtend, immer den Arm steif erhoben, und das ist doch eine ganz außerordentliche Kraftleistung.

Jetzt, als er jene Worte rief, hob er auch noch die rechte Hand, um das Goldstück zu zeigen, mit welchem er also durch dreimaliges Setzen die Bank zu sprengen versprach.

Man hatte hier schon viel Renommisterei gehört, wenn wieder einmal jemand ein unfehlbares System erfunden haben wollte – eine solche Großsprecherei aber war denn doch noch nicht dagewesen! Man lächelte spöttelnd und lachte sogar höhnisch. Hatte dieser armselige Kuttenträger von dem Roulettespiel eine Ahnung!

Und dennoch! Es war kein gewöhnlicher Mensch. Es war ein Eremit, der sechs Jahre lang in strengster Askese gelebt hatte. Und auch Fortuna liebt alles Sensationelle. Und warum tragen denn hier so viele Reliquien bei sich, tauchen heimlich Geld ins Weihbecken, pflücken um Mitternacht gewisse Blumen, suchen in einem Hause, in dem ein Toter liegt, etwas zu stehlen, reißen sich um den Strick eines Gehängten – warum tun sie das?

Hier ist ja alles vom gröbsten Aberglauben durchseucht, und alle die, welche jetzt so spöttisch lächelten über den Kuttenmann mit seinem erhobenen Arm, sie hätten sofort sonst etwas getan, wenn sie hoffen konnten, dadurch das Glück auf ihre Seite zwingen zu können.

»Auf Nummer 22.«

Mit diesen Worten beugte sich der Eremit über die Köpfe der Sitzenden und legte sein Goldstück auf die angesagte Nummer.

»Auf diese Weise, wenn man es gleich sagt, geht es nie, denn dann hört das Glück es ja,« hieß es höhnisch, ohne daß man sich dabei seines eigenen Aberglaubens bewußt wurde.

Die Kugel klapperte, sie fiel.

» ... va plus! – Vingt-deux!«

Gewonnen! Es entstand eine Unruhe.

Die einzelne Nummer wird 35fach ausgezahlt, also wurden auf des Eremiten Goldstück sieben Hundertfrancsscheine gelegt.

»Das war aber ein Zufall!!!« hieß es, und dabei bemächtigte sich schon aller die größte Erregung.

»Bitte, alles auf Nummer 7,« sagte der Eremit zu einem Croupier.

Dieser schob mit seiner Harke die 720 Francs auf die gewünschte Nummer. Das neue Spiel begann, wieder klapperte der kleine elfenbeinerne Teufel in dem Apparat, mit hoch erhobenem Arm stand der Eremit da.

» ... va plus! – Sept!«

Wiederum gewonnen!

» Mon dieu! – Diavolo! – Santa Madonna! – God damn't!! – Sapristi! – Himmeldonnerwetter!!!«

So hauchte und flüsterte es mit vor Erregung bebenden Lippen, und jetzt drehten auch alle Croupiers die Köpfe nach dem Eremiten, um ihn noch mit anderen Augen zu betrachten.

Aber immerhin, solch ein Glücksfall, daß jemand zweimal hintereinander auf die richtige Nummer gesetzt hat, ist auch schon häufig vorgekommen. Es ist nur ein großes Ereignis, welches in die Chronik der Spieler eingetragen wird.

720 Francs standen, 25.200 Francs wurden hinzugelegt. Der Croupier wollte sie mit der Harke dem Gewinner zuschieben.

»Bitte, ich lasse sie stehen,« wehrte der Eremit ab.

»Auf Nummer sieben?«

»Auf Nummer sieben.«

Das war ja einfach Tollheit! Wie selten kommt eine von den 37 Zahlen zweimal hintereinander heraus! Und nun gar noch die Sieben, welche heute schon sehr oft gefallen war!

Nein, da verlangte der Eremit mit seinem erhobenen Arm von der launischen Glücksgöttin doch etwas gar zu viel, diesmal würde sich der gute Mann irren!

Der Croupier machte ihn gar nicht erst aufmerksam, daß als höchster Einsatz nur 6.000 Francs zulässig sind, er schob eben das sämtliche Geld auf die Sieben. Es war doch sowieso verloren.

Das heißt, wenn die Nummer verlor, dann durften auch nur 6.000 Francs weggenommen werden, nicht etwa alles! So etwas gibt's hier nicht! Der Wahrheit muß man die Ehre geben: es geht an den Spieltischen von Monte Carlo nicht nur durchaus ehrlich, sondern höchst nobel zu. Wenn zwei sich um einen Gewinn streiten, jeder beansprucht ihn für sich, und sie können sich nicht schnell einigen, der › Maitre de table‹ kann nach bestem Gewissen ebenfalls nicht entscheiden, wessen Geld es gewesen ist, so wird der Gewinn anstandslos allen beiden ausgezahlt, also zum Schaden der Bank. Natürlich sieht man sich seine Leute an. Gaunern gelingt der Trick nicht so leicht.

Dieser Fall war eben jetzt einmal eingetreten.

Zwei Herren beanspruchten ein und denselben Gewinn für sich. Für die Bank muß das ganz besonders deswegen unangenehm sein, weil bei ihr Zeit direktes Geld ist, denn in jeder Minute wird ein Spiel gemacht, und solange der Streit nicht entschieden ist, darf nicht gespielt werden.

Auch schon aus diesem Grunde sucht der Maitre de table, welcher von einem erhöhten Stuhle aus den ganzen Tisch übersieht und das Spiel leitet, die Sache möglichst abzukürzen, so tat er auch jetzt, drei Minuten vergingen aber doch, ehe er die Summe einem der beiden Herren zusprach, den andern überzeugend, daß er das Geld nicht gesetzt haben könne, und drei Minuten sind für alle, welche das neue Spiel nicht erwarten können, eine lange Zeit.

Diejenigen aber, welche am Spiele selbst nicht interessiert waren, sondern den Eremiten beobachteten, machten an diesem eine eigentümliche Wahrnehmung.

Es war nicht anders, als wenn dieser von einer furchtbaren Qual heimgesucht werde, aber nicht von einer seelischen, weil er die Fortsetzung des Spiels nicht abwarten konnte, sondern von einer körperlichen. Denn jetzt konnte man deutlich sehen, daß ihm das Emporhalten des linken Armes nicht zur Gewohnheit geworden war, was auch gar nicht zu begreifen gewesen wäre. Man sah vielmehr, wie der Arm immer herabsinken wollte und wie er doch noch steif in die Höhe gehalten wurde, und was dies seinem Besitzer für entsetzliche Schmerzen bereiten mußte, das war in seinen eingefallenen Zügen ausgedrückt, sie verzerrten sich vor Pein, er wankte sogar und mußte sich mit der rechten Hand an eine Stuhllehne klammern – und trotzdem immer noch den Arm hoch und steifgehalten!

» Messieurs, faites votre jeu!« lud der Croupier wieder zum Spielen ein.

Es wurde gesetzt, die Kugel rollte, man glaubte, der Eremit werde im nächsten Moment zusammenbrechen. Starr hatte er die Augen zur Decke gerichtet. Klapp, ging es – die Kugel war gefallen.

» ... va plus! – Sept!«

Die Sieben hatte zum zweiten Male gewonnen!

Ein Tumult entstand, eine Rebellion brach aus.

»Die Bank ist gesprengt!! Die Kasse vom zweiten Tisch ist gesprengt!! Der Eremit von La Turnie hat sie mit drei Spielen gesprengt!!!«

So schallte es durch die weiten Säle, der Ruf pflanzte sich in zahllosen Wiederholungen von Mund zu Mund fort.

Denn die Stammgäste dieses Tisches wußten bereits, daß die Kasse den höchsten Gewinn, 210.000 Francs, nicht auszahlen konnte, es war nicht so viel in der Bank.

Und jetzt erst kam es zur allgemeinen Erkenntnis, daß der Eremit ja nicht nur den höchstzulässigen Einsatz, also 6.000 Francs, auf der gewonnenen Nummer stehen hatte, sondern im ganzen 25.920 Francs!!

Wäre die Höhe der Einsätze nicht beschränkt gewesen, so hätte er bald eine Million oder ganz genau 907.200 Francs ausbezahlt bekommen müssen!!

Geschah dies nun auch nicht, so war dies doch nicht seine Schuld – man sah die Million vor seinen Augen – und er hatte sein prahlerisches Wort wirklich eingelöst – die Tischkasse konnte nicht sofort bezahlen, sie war also gesprengt, – und wenn mehr darin gewesen wäre, so hätte er eben noch einmal gesetzt – denn der kannte das Geheimnis, das hatte er bewiesen – der hatte den Stein der Weisen gefunden – der Eremit in der härenen Kutte war der Herr von Monte Carlo!!

Für die Bank selbst machte das freilich nichts aus. Das heißt, in Zahlungsschwierigkeiten kam sie deshalb noch lange nicht. Es kommt fast jedes Jahr einmal vor, daß ein Tisch den Gewinn nicht auszahlen kann, freilich sind das dann immer mehrere Einsätze, die gewonnen haben, es haben also viele Spieler auf ein und dieselbe Chance gesetzt, die gewonnen hat, und das vor allen Dingen ein einziger Spieler durch dreimaliges Setzen hintereinander die Bankkasse erschöpft hat, wobei er das auch noch vorher ansagt, so etwas stand freilich in der Spielchronik einzig da.

Doch, wie gesagt, auf so etwas ist die Bank stets vorbereitet.

Der erste Croupier dieses Tisches hatte geschellt, und drei Minuten später brachte ihm aus der Administration ein einfacher Diener ein dickes Paket von Tausendfrancsscheinen, der Croupier ließ sie wie ein Kartenspiel durch die Finger schnellen und legte, ohne eine Miene zu verziehen, etwa die Hälfte davon auf die Sieben – und diese Croupiers verzählen sich nie.

»Zweihundertundzehntausend Francs, voilà - Messieurs faites votre jeu!«

Allein jetzt sollte etwas geschehen, was den Spielern ihr eigenes Interesse am grünen Tische vergessen ließ.

Sofort, wie angekündigt worden war, daß die Sieben abermals gewonnen, hatte der Eremit den linken Ann sinken lassen, ein Stöhnen war über seine blutleeren Lippen gekommen, und es sah aus, als ob der Mann im nächsten Augenblick zusammenbrechen müsse. Er taumelte einmal – aber mit Gewalt raffte er sich wieder empor, hielt sich aufrecht.

Dann nahm er den großen Haufen Papier, der ihm jetzt zugeschoben worden war, nur sein eigenes Goldstück, mit dem er begonnen, ließ er in der Kutte verschwinden, er trat von dem Tische zurück, in seiner Hand stammte ein Streichholz auf – und die andere Hand hielt ein brennendes Papierbündel!

Es war kein Ruf des Staunens, sondern es war ein gellender Schmerzensschrei, der aus Hunderten von Kehlen durch den Saal hallte.

So viel Geld in Flammen aufgehen zu sehen – eine Viertelmillion – diesen Anblick konnten sie nicht ertragen, sie fühlten das Feuer am eigenen Leibe brennen.

Auch Monsieur de Haas war in den Spielsaal gekommen, um den Eremiten und den Maskierten zu beobachten, er hatte der Szene beigewohnt, wie ersterer am Spieltisch sein prahlerisches Wort einlöste, der Direktor hatte bleich wie der Tod ausgesehen, und jetzt stürzte er auf den Eremiten zu.

»Wahnsinniger, was tun Sie da!!!« schrie er kreischend.

»Was ich sagte, führe ich aus,« entgegnete der Eremit gelassen, das brennende Paket hin- und herschwingend.

Aber 235 Tausendfrancsscheine, festes Papier in einem festen Paket, brennen schlecht, es wollte zu keiner lodernden Flamme kommen.

»Das dürfen Sie hier nicht!!!« schrie der Direktor außer sich. Denn er hatte die Erlaubnis doch nur im Scherz gegeben. Wer hätte denn gedacht, daß es so kommen würde!

»Nicht? – Da – freßt, ihr Bestien!!«

Mit diesen Worten hatte der Eremit das glimmende Paket zu Boden geschleudert, die Scheine flatterten auseinander, und jetzt gingen sie in hellen Flammen auf.

Und die Bestien fraßen! Wie die hungrigen Wölfe stürzten sie sich auf die brennenden Banknoten, diese noblen, stolzen Kavaliere und diese nach Wohlgerüchen duftenden Damen in dekolletierten Balltoiletten, sie heulten auch dabei wie die Wölfe, sie balgten sich am Boden um das brennende Geld, sie traten das Feuer nicht erst aus, gleich mit den Händen griffen sie hinein in die Flammen, der Brandwunden nicht achtend, um wenigstens einen einzigen Tausendfrancsschein zu erbeuten, dessen Nummer noch erhalten war, dann wurde er ja noch eingewechselt!

Viele der Zuschauer, und gerade die, welche nicht lachten, sondern welche sich mit Abscheu von dieser widerwärtigen Szene abwandten, bedauerten dann, daß keine der Damenroben Feuer gefangen hatte, daß keine Verbrannten hinausgetragen worden waren – denn fürwahr, hier hätte eine furchtbare Katastrophe einmal nichts geschadet, das wäre dann die gerechte Strafe des Himmels gewesen ...

Sofort, als der Eremit die brennenden Tausendfrancsscheine den ›Bestien‹ vor die Füße geschleudert hatte, drehte er sich um und schritt mit stolz erhobenem Haupte dem Ausgang des Saales zu.

Monsieur de Haas war ihm nachgeeilt. Im Vestibül hielt er ihn fest. Der Direktor sah noch immer ganz entgeistert aus.

»Was willst du von mir?« fragte der Eremit schroff.

»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen. Bitte folgen Sie mir.«

Der Eremit folgte ihm denn auch in dasselbe Privatkontor zurück.

Auf dem Wege dorthin hatte der Direktor seine Ruhe wiedererlangt. Wie schon gesagt, er war Besitzer von sehr vielen Aktien der Spielbank, er hatte diese auch mit gründen helfen, und so warfen seine ersten Aktien, die er noch in den Händen hatte, fast 500 Prozent Dividende ab. Denn das ganze Aktienkapital besteht nur aus 6 Millionen Francs, die Unterhaltung des Kasinos und des ganzen Fürstentums kostet 40 Millionen Francs und an die Aktionäre werden jedes Jahr immer noch 30 Millionen Francs Dividende verteilt. Dadurch also hatte Monsieur de Haas bei einem gar nicht so sehr großen Vermögen ein ungeheures Einkommen. Aber Monsieur de Haas verbrauchte auch sehr viel und hatte es schon immer getan. Und gesetzt den Fall, die Spielbank von Monte Carlo wird einmal aufgehoben, so können alle Aktien ins Feuer geworfen werden. Es kann aber auch noch ein anderer Fall eintreten als nur ein internationales Verbot gegen die Existenz dieser öffentlichen Spielhölle, dieser Pestbeule und Schande der Zivilisation. Wie nun, wenn doch einmal jemand ein wirklich unfehlbares System ausgrübelte, wie man immer gewinnen kann? Allerdings scheint die Möglichkeit solch eines untrüglichen Systems ausgeschlossen, so wird allgemein behauptet – aber die Zahlenanordnung in der Roulette ist eine willkürliche, sie ist im Gehirn eines sterblichen Menschen ausgedacht worden, beruht also auf keiner mathematischen Formel, und eben deswegen kann auch kein Mathematiker beweisen, daß solch ein System unmöglich sei. Und was noch nicht geschehen ist, das kann ja noch geschehen! Und wenn nun jetzt dieses Problem gelöst war? Was waren dann die Aktien noch wert? Dann konnte man sie ebenfalls nur gleich ins Feuer werfen.

Diese Erwägung der Zukunft seiner Aktien, die Furcht war es, welche dem Geschäftsmann seine Kaltblütigkeit wiedergab.

Sie hatten das Kontor erreicht.

»Bitte, wollen Sie Platz nehmen.«

»Ich stehe.«

»Wie Sie belieben. – Herr, Sie haben vorhin nicht nur renommiert. Mein Staunen ist grenzenlos. Sie haben das unfehlbare System entdeckt.«

Das heißt, jetzt, bei nüchternem Verstande, dachte der Direktor vielleicht auch nicht ganz so, vielleicht schmeichelte dieser geriebene Geschäftsmann nur, um auf diese Weise mehr zu erfahren.

»Woher wußten Sie die drei Nummern, die herauskommen würden?«

»Wie ich sagte, ich weiß stets vorher, welche Zahl fallen wird.«

»Ja, aber woher ist das Ihnen immer bekannt? Liegt dem eine mathematische Berechnung zugrunde?«

»Ja, eine mathematische Berechnung.«

Der Eremit hatte das in einem Ton gesagt, aus dem der Spott deutlich hervorklang. Der Direktor wurde hierdurch nur noch düpierter, was aber sollte es sonst sein, als eine mathematische Berechnung? Doch nicht etwa gar der erhobene Arm, daß durch diesen das Glück ...

Unsinn! Über derartigen Aberglauben war Monsieur de Haas erhaben.

Er tat, als ob er den Hohn nicht gehört, als ob der Eremit also die Wahrheit gesprochen habe, und er wußte auch nichts anderes als eine mathematische Berechnung, auf welcher ein untrügliches System basieren konnte, so unbegreiflich ihm das auch war.

»Dann ist die Spielbank ruiniert!« sagte er, und er brauchte das Beben seiner Stimme nicht zu erkünsteln. »Bitte, ehe wir noch weiter darüber sprechen, wollen Sie mir noch einige Proben Ihrer Berechnung geben?« Er hatte aus einem Schrank einen Roulette-Apparat genommen und ihn auf den Tisch gesetzt.

»Es ist genau dieselbe Roulette wie im Saal. Wieviele Spiele haben Sie nötig, um Ihre Berechnung aufzustellen?«

»Ich tue es nicht.«

»Sie haben nicht die Güte, das Experiment hier noch einmal zu wiederholen?«

»Nein,« war die schroffe Antwort.

»Ach, bitte, nur dieses einzige Mal. Sie haben im Spielsaal erst eine halbe Stunde beobachtet, ehe Sie die Zahl ansagten, das wären 30 Spiele gewesen, ich werde jetzt 30 regelrechte Spiele ...«

»Gib dir keine Mühe, ich spiele nicht mehr, auch nicht zum Versuch. Dreimal wollte ich setzen, um zu beweisen, daß mir stets bekannt ist, wohin die Kugel fallen wird, ich habe es getan – nie wieder!«

»Auch nicht wieder im Spielsaal selbst?« fragte der Direktor lebhaft.

»Ich werde auch nie wieder den Spielsaal betreten.«

»Ja aber, was ist dann der Zweck Ihres Beweises gewesen? Was beabsichtigen Sie eigentlich? Werden Sie Ihr System veröffentlichen?«

»Du sagst es.«

Der Direktor schrak zusammen.

»Sie wollen ein Buch herausgeben?«

»Nein.«

»Wie wollen Sie aber Ihre mathematische Berechnung sonst veröffentlichen?«

»Die Schüler müssen zu mir kommen.«

Aha, jetzt begann der erfahrene alte Herr etwas zu ahnen, und er wurde ganz bedeutend ruhiger.

»Und Sie werden ihre Schüler in den Stand setzen, daß diese ebenfalls immer wissen, wohin die Kugel fallen muß?«

»Ganz sicher, wenn die Schüler genau meinen Anweisungen folgen.«

»Sie meinen, Ihre ... Lebensregeln.«

»Du sagst es.«

Richtig, der scharfsinnige Monsieur de Haas hatte sich nicht geirrt. Hier handelte es sich nicht um ein mathematisches System, sondern der Eremit glaubte, sich durch asketische Übungen so weit gebracht zu haben, daß er das Glück zwingen, daß er bestimmen könne, wohin die Kugel zu fallen habe, er lenkte sie durch seine Willenskraft. Nun fürchtete Monsieur de Haas aber nur eine mathematische Berechnung, so etwas durchaus nicht, das war für ihn nur fauler Hokuspokus.

Aber hatte der Eremit nicht wirklich dreimal hintereinander die herauskommende Nummer gewußt, oder, nach seiner Ansicht, die Kugel nach seinem Willen gelenkt?

Nein, das war Einbildung! Das war eben ein außerordentlicher Zufall gewesen, wie ein solcher wohl im Bereich der Möglichkeit liegt.

Jetzt war es Berechnung, als sich Monsieur de Haas erschrocken stellte.

»Oh, oh, oh,« sagte er in kläglichem Ton, »da ist es allerdings das beste, wenn wir uns schnell einigen. Eine Woche freilich wird immer vorübergehen, da sind noch viele andere Aktionäre zu befragen, und dann sehen Sie wohl ein, da wir doch eine Garantie in den Händen haben müssen, daß das Geheimnis, für welches wir bezahlen, auch wirklich gewahrt wird, daß wir also in solch einem Falle nur einen Anteil am Gewinn der Spielbank gewähren können. Wie hoch würden sich Ihre Ansprüche belaufen, wenn ich fragen darf?«

Der Totenschädel des Eremiten lächelte – es war ein Lächeln des grausamen Hohnes, es war ein entsetzliches Lächeln.

»Wieviel meinst du?«

»Nun, würde eine Million genügen?« fragte der Direktor mit hinterlistigem Spott.

Der Eremit richtete seine skelettartige Gestalt empor.

»Eine Million? Pah! Ich verlange den ganzen Gewinn, die sämtlichen Aktien, das ganze Kasino verlange ich. Und den Gehalt der Angestellten, auch den deinen werde ich bestimmen! Denn sobald ich will, von jetzt an, haben die Aktien für euch keinen Pfifferling Wert mehr, ihr könnt bloß noch jeden Tag Millionen zusetzen – wenn ihr sie hättet.«

Der Direktor wunderte sich im Augenblick nur darüber, daß der Eremit nicht gesagt hatte: ich verlange, daß das Kasino, in welchem bisher dem Teufel gehuldigt wurde, geschlossen und in ein Kloster oder Hospital umgewandelt wird! Das hätte solch einem frommen Weltentsager doch viel ähnlicher gesehen.

»Oh, auf solche Bedingungen können wir freilich unmöglich eingehen,« lächelte der Direktor jetzt wieder höflich, aber doch etwas ironisch.

»Du lachst!« fuhr da der Eremit fast drohend auf. »Du glaubst es nicht, daß ich die Bank in diesem Augenblicke ruinieren kann? Die Bank, euch ganzes Gelichter? Und was schwatzt du da immer von einem mathematischen System? Wohlan, dann noch einmal! Drehe die Roulette!«

Schnell kam der Direktor der Aufforderung nach, er drehte die Scheibe nach rechts herum, die kleine Kugel schnellte er nach links, daß sie auf dem vorspringenden Simse rotierte, so, wie es auch im Saale gehandhabt wird.

Der Eremit hatte sich emporgerichtet und die Augen geschlossen, aber den Arm hielt er jetzt nicht wieder in die Höhe.

»Fünfzehn,« sagte er fast sofort. »Sie soll in die Fünfzehn fallen!« Es hatte befehlerisch geklungen.

Vorläufig rollte die Kugel noch auf dem Simse, vorläufig lächelte der Direktor noch ironisch. Nein, an so etwas konnte er niemals glauben, dann wäre ja ...

Da fiel die Kugel klappernd herab, sie hatte sich in einem der Fächer gefangen, der Direktor beugte sich vor ...

»Fünfzehn!« erklang es gellend aus seinem Munde. »Bei Gott, sie ist in die Fünfzehn gefallen! Mann, wer seid Ihr, daß Ihr die Kugel nach Eurem Willen lenken könnt?!«

Stier hingen des Direktors weit hervorquellende Augen an der Stelle, auf welcher der Eremit soeben noch gestanden hatte. Er hatte das Zimmer bereits verlassen, und Monsieur de Haas war nicht fähig, ihm zu folgen, ächzend brach er auf einem Stuhle zusammen.

 

Gestern abend war es geschehen, und heute morgen hatte sich Monsieur Girard, der Herausgeber und Chefredakteur von ›Le Monte Carlo‹, welche Zeitung jeden Nachmittag die offizielle Fremdenliste herausgibt, eben hingesetzt, um über die gestrigen Vorfälle im Kasino und mehr noch über den geheimnisvollen Kapitän der Heliotrop einen längeren Artikel zu schreiben, wobei der französischen Phantasie freier Spielraum blieb, als in die Redaktionsstube ein kleiner Matrose mit einer sehr großen Brille und einem noch größeren Bauche trat.

Da das Manuskript der Fremdenliste für diese Zeitung von der Polizei gleich druckfertig geliefert wird, und der übrige Inhalt des Blattes nur aus ›Klatsch‹ besteht, so setzt sich der ganze Redaktionsstab dieser einzigen Zeitung des Fürstentums Monaco nur aus dem Herausgeber, der sich ›Chefredakteur‹ nennt, und aus einem Schreiberjungen zusammen, welcher zugleich für den Herrn Chefredakteur aller halben Stunden aus der nächsten Budike einen Schoppen Wein holt.

Wilm konnte also nicht fehl gehen, wenn er sich direkt an Monsieur Girard wendete.

»Seid Ihr der Mann, der die Zeitung ›Le Monte Carlo‹ zusammenschmiert?« erklang es kurz und bündig.

»Ja, der bin ich, Girard ist mein Name, Alphons Napoleon Bonaparte Girard,« entgegnete der Angeredete nicht nur völlig ungekränkt, sondern sogar äußerst höflich, denn es war doch die Ordonnanz des Unbekannten, welcher einen eigenhändig geschriebenen Passepartout des Fürsten besaß – wenn das hier auch nur ein gewöhnlicher Matrose war, der ihn, den Monsieur Alphons Napoleon Bonaparte Girard, auf diese Weise mehr anschnauzte, denn fragte.

»Dann ist's gut,« fuhr der kleine Dickwanst zufrieden fort. »Ihr sollt gleich mit mir zum Kapitän der Heliotrop kommen, er will sich von Euch interviewen lassen. Wißt Ihr, was das ist, interviewen? Ihr sollt alles fragen, was Ihr wissen wollt – und was Ihr nicht zu wissen braucht, das sagt er Euch nicht! Bei uns ist's nämlich nicht mehr zum Aushalten. Unten in der Restauration hocken so an die drei Dutzend Zeitungsschreiber und lauern wie die Affen, und Briefe haben wir heute früh bekommen – Herr, du meine Güte! – bis gerade tausend habe ich gezählt, dann habe ich gefrühstückt, und da waren's noch nicht einmal die Hälfte, und weil ich dann nicht mehr wußte, welche Hälfte ich schon gezählt hatte, habe ich sie gleich alle ins Feuer gesteckt. Nur die, die auf recht weiches Papier geschrieben waren, habe ich aufgehoben, denn das Papier ist hier in Frankreich überhaupt rar. – Ja, was ich sagen wollte, wir sind doch nicht hier, um uns ausfragen zu lassen. Mein Kapitän ist wieder jung geworden, der will sich jetzt amüsieren, dem gefällt's hier, und da will er etwas erleben, aber doch nicht nur Liebesbriefe lesen. – Also, ihr sollt gleich mitkommen.«

So sprach Wilm, und dem Zeitungsmanne war nicht anders zumute, als wenn er das große Los gewonnen hätte.

Monsieur Girard war Journalist von Beruf, und er wußte, um was es sich hier handelte und was ihm für ein Auftrag winkte.

Wenn der namenlose Kapitän nicht selbst auf den Gedanken gekommen war, sich von dem Vertreter einer Zeitung, irgendeiner, interviewen zu lassen, so war ihm dazu jedenfalls von erfahrenerer Seite aus geraten worden.

Denn sonst würde der maskierte Kapitän hier keinen Augenblick Ruhe finden, überall würde man ihm nachschleichen, ihn belästigen, ihm jeden Bissen in den Mund zählen, und das wörtlich genommen, denn das Publikum muß doch wissen, wieviel und was ein ›berühmter‹ Mann ißt und trinkt, ob des Morgens Kaffee oder Tee usw., und wenn der Verfolgte auch nur die kleinste Schwäche zeigte, daß er zu einer intimen Auskunft bereit sei, so würde man ihn einfach tot machen.

So ist es aber nicht nur in Monte Carlo, so geht es überall jeder berühmten oder sich durch irgendetwas Besonderes bemerkbar machenden Persönlichkeit, wie etwa einem bekannten Künstler, einem Klaviervirtuosen, noch mehr gilt das von einer gefeierten Konzertsängerin – und eben deshalb läßt sich diese Person überall, wo sie sich aufhält, gleich interviewen, macht diese Zeitung gleichzeitig zu ihrem Sprachrohr, dann hat sie Ruhe – und diese erwählte Zeitung hat dann natürlich das Fett abgeschöpft.

Und Monsieur Girard war der Mann, um zu interviewen. Er war kein englischer oder amerikanischer Reporter, aber verband dennoch mit journalistischem Scharfsinn eine gute Portion unverschämter Dreistigkeit, und er hatte diese kleine Zeitung nur gekauft, weil er alt wurde und ein bequemes Leben liebte. Denn in einem aufregenden, journalistischen Federkrieg wurde er durch den ›Le Monte Carlo‹ ja nicht verwickelt.

Aber wenn er jetzt aufpaßte, da konnte er vielleicht einen ›Schnitt‹ machen.

Er folgte der Ordonnanz die wenigen Schritte nach dem Hotel de Paris, und doch schon unterwegs an den einfachen Matrosen mit französischer Geschwätzigkeit Fragen über seinen Herrn stellend, was der Vertreter einer Weltzeitung nun freilich nicht getan hätte.

Der sonst so grobe Wilm zeigte sich denn auch ziemlich mitteilsam. Die Wiedergabe der Jugend seines Herrn durch einen indischen Professor, welcher auch die Grobheit des alten Kapitäns weggeschnitten zu haben schien, mochte sich auch rückwirkend auf den Diener äußern.

In den Briefen würde hauptsächlich immer angefragt, ob der Kapitän drei Tage zuvor wirklich ein ganz altersschwacher Greis gewesen und ob er jetzt wirklich wieder jung sei, und wie das Hiran Singh gemacht habe, und wo der ›Herr Inder‹ jetzt sei, und ob er es nicht auch etwas billiger als für fünf Millionen Francs täte, und ob die Operation recht schmerze ... so erklärte Wilm, und dann hatten beide das Hotel erreicht.

Gestern im Spielsaal war das Interesse an dem geheimnisvollen Maskierten zuletzt von dem Eremiten verdrängt worden. Das konnte aber nicht lange währen. Warum nicht, das läßt sich mit drei Worten erklären: der Eremit ging wieder in seine Einsamkeit zurück; der Maskierte blieb, wenn nicht im Spielsaal, so doch in seinem Hotel, er blieb unter Menschen. Hierin liegt ein großer Unterschied; denn ... »Wer sich der Einsamkeit ergibt, ach, der ist bald allein ...«

Und wem half es denn etwas, daß der sonderbare Einsiedler mit seinem erhobenen Arme eine Tischkasse gesprengt hatte? Kurz und gut, das Hauptinteresse hatte sich wieder dem Prinzen von Monte Carlo, wie der Kapitän in seiner neuen Lebensauflage schon allgemein genannt wurde, zugelenkt.

Wirklich, die Hotelrestauration saß voller ›Zeitungsmenschen‹. Jede große Zeitung hat in Monte Carlo während der Saison ihre Berichterstatter, und wenn diese hier auch nicht annähernd solche kolossalen Summen ausgeben dürfen, wie z. B. die Kriegsberichterstatter, oder überhaupt, wenn Politik in Betracht kommt, so gibt es doch immerhin auch hier, wo sich die Geldfürsten aus aller Welt und andere Größen alljährlich ein Rendezvous geben, interessante Neuigkeiten zu erhaschen, für welche auch bezahlt werden kann – und dann kommt manchmal noch die Ehre mit ins Spiel, eine Zeitung sucht die andere mit sensationellen Berichten zu überbieten.

Die Ankunft von Monsieur Girard verursachte ein allgemeines ›Stuhlaufstehen‹. Denn es war bekannt, daß er von dem rätselhaften Kapitän bestellt worden war, um sich interviewen zu lassen, jetzt versuchte jeder der Journalisten den Bevorzugten heimlich beiseite zu ziehen, dadurch ward es natürlich aber eher ein wildes Getümmel, schon mehr eine Art Handgemenge, und schließlich entstand daraus eine Art von Auktion.

»Monsieur Girard, wir sind doch gute Freunde,« begann der Pariser Figaro, den Glücklichen gleich bei drei Rockknöpfen packend, »ich zahle Ihnen ...«

»Und fünfzig mehr,« schaltete da gleich der Daily Telegraph ein.

» ... fünfhundert Francs,« ergänzte Figaro schreiend seinen begonnenen Satz.

»Und fünfzig mehr,« sagte abermals der Londoner Daily Telegraph, die Hände in den Hosentaschen.

Jetzt kam der New York Herald angestürzt und riß den Monsieur Girard von dem Figaro los, daß diesem von den Rockknöpfen zwei in der Hand blieben.

»Achthundert Francs!«

»Und fünfzig mehr,« echote der Telegraph.

»Tausend Francs,« warf jetzt die Times nachlässig ein.

»Und fünfzig,« beharrte der eigensinnige Telegraph.

Die vornehme Times zog sich nach ihrem einmaligen Angebot gleich stolz zurück. Auf solche Neuigkeitshascherei läßt die sich nicht ein.

Ja, auf was boten die Herren eigentlich?

Darauf, daß ihnen Monsieur Girard dann sofort, wenn er wieder von dem Kapitän herunterkam, alles mitteilte, was er erfahren hatte, noch ehe er es in seiner eigenen Zeitung veröffentlichte. Das telegraphierte der Journalist, welcher den Sieg davongetragen, dann schleunigst seiner Zeitung zu, und wenn das Telegramm auch 1000 Francs kostete, das schadete nichts, und wer die Zeitungsverhältnisse kennt, der weiß, wie sich so etwas rentiert.

»Monsieur Girard,« fängt da der Pariser Figaro wieder zu schreien an, »wissen sie noch, vor zwanzig Jahren, als Sie kein Hemd auf dem Leibe hatten, wie ich Ihnen da zehn Francs pumpte, damit Sie sich eine neue Hose kaufen konnten?«

Nützt alles nichts ...

»Und fünfzig,« sagt der Daily Telegraph phlegmatisch, denn der weiß ganz genau, daß fünfzig Francs in den Augen des Herrn Alfons Napoleon Bonaparte Girard mehr Wert haben als eine vor zwanzig Jahren geschenkte Hose.

»Na, dann zweitausend Francs!«

»Und fünfzig.«

»Dreitausend Francs!« ruft jetzt der New York Herald.

»Und fünfzig,« echot der stierköpfige Telegraph.

»Dreitausendfünfhundert Francs!«

»Und fünfzig.«

»Gehen Sie zum Teufel!«

»Und fünfzig.«

»Herr, Sie wollen mich foppen!«

»Und fünfzig.«

»Hängen Sie sich fünfzigmal!«

»Und fünfzig.«

»Zehntausend Francs!« erklingt es da, gleich mit einem gewaltigen Sprung, und jetzt kommt das ›und fünfzig‹ nicht mehr, alles zieht sich sofort vom Kampfplatz zurück.

Denn es ist Mr. Dixon, der das gesagt hat, von seinen Kollegen wird er Dixi genannt, Berichterstatter der in London erscheinenden ›Daily Mail‹.

Das hätte an sich nichts zu sagen, die Daily Mail kann dem Daily Telegraph nicht das Wasser reichen, noch weniger dem New York Herald, aber die Mail ist nur eine der 78 großen Zeitungen, welche die Brüder Hobwell verlegen und Mr. George Hobwell befindet sich selbst in der Restauration, und da freilich wäre alles vergeblich, dieser Zeitungskrösus läßt doch seinen Berichterstatter nicht im Stich, dieser handelt doch erst in seinem Auftrag und hier geht es um die Ehre.

»Also zehntausend Francs,« sagte Monsieur Girard mit erhobenem Zeigefinger, und als der Engländer genickt hatte, war das Geschäft abgeschlossen, Monsieur Girard konnte seinen Weg fortsetzen – drei Rockknöpfe ärmer und um 10.000 Francs reicher.

Ja – das war einmal ein Geschäftchen gewesen – 10.000 Francs so am frühen Morgen in der zehnten Stunde, – wenn es keine verrückten Engländer und Yankees gäbe!

Das Allerheiligste wurde vom Zimmerkellner ohne weiteres geöffnet und Monsieur Girard eingelassen.

Der maskierte Prinz von Monte Carlo trug denselben eleganten Straßenanzug wie gestern, er mochte als alter Mann doch nicht für weitere Garderobe zum neuen Leben gesorgt haben, traf aber schon Vorbereitungen, diese zu ergänzen, denn er prüfte soeben eine Musterkollektion von Stoffen, die er sich aus einem Magazin bereits hatte kommen lassen. Zu dieser Beschäftigung hatte er sich des Rockes entledigt, auch noch etwas die Hemdärmel aufgestreift, und Monsieur Girard konnte die von Muskeln strotzenden Arme anstaunen, die er da zu sehen bekam.

Der Kapitän erhob sich.

»Monsieur Girard von der hier erscheinenden Zeitung?« begann er in jovialem Ton. »Sehr angenehm. Verzeihen Sie, wenn ich Sie in Hemdärmel empfange, aber ich kann es beim besten Willen nicht hindern. Mein einziger Rock befindet sich unter der Kleiderbürste meines Dieners, und meine früheren Sachen passen mir nicht mehr, ich bin wieder voll geworden wie in meinen jungen Jahren.«

Dieses Thema kurz abbrechend deutete er auf den ungeheueren Stapel von Briefen, der sich auf dem Tische auftürmte.

»Da sehen Sie mal die Briefe, mit denen man mich überflutet. Und das ist erst die erste Post, ich erwarte noch mehr. Die meisten enthalten, soweit ich sie studiert habe, Fragen; anstandshalber müßte ich sie doch beantworten, und da ich dies nicht mag, überhaupt nicht kann, auch keinen fremdem Sekretär in die Geheimnisse einweihen will, die mir ganz unbekannte Personen, besonders Damen, mit wunderbarer Offenheit anvertrauen, so muß dieser einseitigen Korrespondenz ein Ende gemacht werden. Deshalb habe ich den Redakteur der hiesigen Zeitung zu mir bitten lassen.«

Wie ganz anders sprach dieser Mann jetzt. Der war ja die Liebenswürdigkeit selbst geworden!

»Herr Kapitän, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Nein, vielmehr ich stehe zu Ihrer Verfügung. Bedienen Sie sich aus den Zigarrenkisten. Notieren Sie ungeniert. Fragen Sie, was Sie wollen. Ich setze überhaupt voraus, daß Sie meine Antworten in Ihrer wertgeschätzten Zeitung möglichst wortgetreu wiedergeben.«

Monsieur Girard nahm Platz und zog gewohnheitsmäßig sein Notizbuch. Der Maskierte hatte sich ihm gegenüber niedergelassen.

»Wer sind Sie, mein Herr?« begann also der Interviewer mit möglichster Ungeniertheit.

»Der Kapitän der Heliotrop,« war die prompte Antwort.

»Ja, aber wie ist Ihr eigentlicher Name, wenn ich bitten darf?«

»Das ist mein Geheimnis. Darauf waren Sie doch schon gefaßt, daß ich Ihnen nicht alle Fragen beantworten würde. Ich habe mir doch nicht umsonst vom Fürsten dieses Landes ein Passepartout ausgewirkt, trage doch nicht umsonst eine mir sehr unbequeme Maske. – Bitte, fahren Sie zu fragen fort!«

»Ja, wenn Sie aber immer sagen: das ist mein Geheimnis – dann werde ich nicht viel von Ihnen erfahren.«

»Herr Redakteur,« erklang es in etwas scharfem Tone, und der Kapitän zeigte, daß er auch als junger Mann unduldsam werden konnte und ans Befehlen gewöhnt war, »wenn Sie als Journalist die Flinte so schnell ins Korn werfen, so scheine ich in Ihnen nicht den richtigen Interviewer gefunden zu haben, da muß ich mich nach einem anderen umsehen, der mich besser zu nehmen versteht – und unten sind noch genug Journalisten.«

Monsieur Girard verwünschte seine dumme Bemerkung und nahm sich vor, nicht wieder so vorlaut zu sein.

»Verzeihen Sie – so war das nicht gemeint. – Wann sind Sie geboren?«

»Das ist und bleibt wiederum mein Geheimnis, obgleich ich kein junges Mädchen bin, vielmehr ein sehr alter Knabe – ich habe nämlich bereits die Achtzig überschritten, und in solch einem Alter verleugnet doch nicht einmal mehr eine fortgeschrittene Jungfrau ihr Geburtsjahr. – Doch nun lassen Sie mich erst einmal fragen: wie spricht man hier über mich und den ganzen Fall?«

Was Monsieur Girard auch im Augenblick über die achtzig Jahre denken mochte – jedenfalls erinnerte er sich jetzt gerade der angebotenen Zigarren, und er war nicht der Mann, sich so etwas entgehen zu lassen. In Monaco sind gute Zigarren ebenso rar wie in ganz Frankreich, es ist ein sehr hoher Zoll darauf, und die vier auf dem Tisch stehenden Kistchen verrieten schon durch ihr Äußeres, daß sie direkt in Havanna gepackt worden waren – Monsieur suchte sich also die ihm am besten gefallende Farbe aus, brannte die Zigarre bedächtig an, und während dieser langen Prozedur hielt er immer die Schultern bis an die Ohrläppchen gezogen, bis endlich aus dieser stummen Geste Worte wurden.

»Das ist alles noch zu jung – der Knalleffekt ereignete sich doch erst gestern nachmittag – bis jetzt ist alles noch ... ist alles noch ... einfach paff! Die fragenden Gedanken müssen erst noch geordnet werden. Man könnte ja annehmen, daß Sie ein Fürst sind oder ein Fürstensohn, der sich unbekannt hinter einer Maske einmal tüchtig amüsieren will, da wäre der Passepartout unseres Landesherrn gleich geklärt – aber nun der Indier – die ganzen Vorbereitungen – ich bin mit allen anderen einfach paff, und ich hoffe nur, jetzt von Ihnen Aufklärungen zu erhalten.«

»Nun,« erwiderte der Kapitän, »einiges über mich kann ich Ihnen mitteilen, und ich tue es, um mich eben vor weiterer Neugier zu schützen. Meinen Namen und meine Nationalität verrate ich also nicht. Und warum ich eine Maske trage? Dazu habe ich einen triftigen Grund. Ich habe einst eine wichtige Rolle gespielt, man könnte mich, wie ich jetzt wieder aussehe, leicht erkennen, und das wäre mir sehr unangenehm.«

Aha, jetzt kam es! Jetzt hieß es für Monsieur Girard, den ganzen journalistischen Scharfsinn zusammennehmen, um geschickte Fragen zu stellen.

»Was für eine Rolle spielten Sie in der Achtundvierziger-Revolution?«

Alle Hochachtung vor Monsieur Alphons Napoleon Bonaparte Girards journalistischem Talent! Nein, da kann man nur von Genialität sprechen!

Mit einem einzigen Schlage hatte er drei Fliegen geklatscht, drei Fragen gestellt: Zeit seines Wirkens, Nationalität und ... hatte der Maskierte denn überhaupt schon etwas von einer politischen Rolle gesagt? Das geborene Genie ahnt stets die Wahrheit, also auch der Chefredakteur des ›Le Monte Carlo‹. Er hatte den Nagel mit unfehlbarer Sicherheit auf den Kopf getroffen.

Denn kaum war die Frage erklungen, so hatte ihn hinter der Maske hervor ein Blick getroffen, dem man die Erschrockenheit gleich ansah, der Kapitän stand schnell auf, machte einige Gänge durchs Zimmer und räusperte sich mit offener Verlegenheit.

»Mein Herr, darüber lasse ich mich natürlich nicht aus, sonst könnte ich mich gleich direkt zu erkennen geben. Ich war damals noch jung, erst dreißig Jahre alt, die französische Julirevolution spielte sich vor gerade zweiunddreißig Jahren ab, und ich habe, wie ich Ihnen schon sagte, die Achtzig bereits überschritten. Wie reimte sich dies also zusammen? Nein, die Julirevolution war es nicht, in welcher ich in der Weltgeschichte eine bekannte Rolle spielte.«

Nützte alles nichts, es war doch so, er hatte sich verraten, und Monsieur Girards Scharfsinn hatte das Richtige erraten. Er rieb sich vergnügt innerlich sozusagen die seelischen Hände. Wie alt konnte der Kapitän dann in Wirklichkeit sein? Wenn also nicht achtzig, dann doch mindestens siebzig. – Dann sah Monsieur Girard die muskulöse und zwar gebräunte, aber dennoch tadellos gepflegte Hand, er sah den herkulischen Arm, er sah, wie sich unter dem Hemd die Brust wölbte – es war an diesem Mann eben alles Jugendkraft und Jugendfrische – und da plötzlich klappte Monsieur Girard das Notizbuch zu und machte den Mund auf, um etwas zu sagen, um sich nämlich zu empfehlen, er ließe sich nicht veralbern - doch ebenso schnell hatte er sich anders besonnen, blieb sitzen, klappte den Mund wieder zu und das Notizbuch wieder auf.

»Sie sind in einem Alter von dreißig Jahren aus der Welt verschwunden?«

»Habe ich denn schon gesagt, daß ich aus der Welt verschwunden bin? Meine Hochachtung, Monsieur Girard, Sie haben es erraten. Ja, in einem Alter von 34 Jahren.«

»In einem Alter von 34 Jahren aus der Welt verschwunden,« notierte der Journalist. »Sind Sie gestorben? Auf dem Schlachtfeld gefallen? Oder im Barrikadenkampf? Oder - sind Sie – vielleicht guillotiniert worden?«

Hinter der Maske lachte es heiter auf, und das war berechtigt.

»Nein, meines Lebens hat man mich nicht beraubt, nicht einmal meines Kopfes. Und doch, Sie haben in gewissem Sinne Recht. Ich galt für tot, und man glaubte, die Beweise meines Todes in den Händen zu haben. Genug hiervon!«

»Wo haben Sie sich unterdessen aufgehalten?« examinierte der Journalist weiter, immer eifrig notierend.

»Hierüber kann und will ich Ihnen nähere Auskünfte geben,« entgegnete der Kapitän, und nachdem er sich wieder gesetzt hatte, fuhr er fort:

»Ich abenteuerte einige Jahre in der Welt herum, immer auf der Flucht, das heißt, auf der Flucht vor der Gefahr, erkannt zu werden, daß man überhaupt erführe, wie ich noch am Leben sei. Einst erlitt ich in der Südsee Schiffbruch. Nur acht Menschen kamen mit dem Leben davon. Wir retteten uns auf eine Insel – und blieben darauf. Ich wurde der König. Ich bin es noch jetzt. Mein Volk besteht aus neunundsiebzig Untertanen. So viel waren es wenigstens, als ich die Insel zuletzt verließ. Vielleicht sind inzwischen noch einige hinzugekommen. Und die Insel kann sie ernähren, sie ist groß genug. Nun?«

»Wo liegt denn diese Insel?« fragte Monsieur Girard.

»In der Südsee. Mehr verrate ich nicht. Oder Sie glauben wohl auch, heute kann kein Robinson mehr existieren? Ha, lieber Mann, kommen Sie nur einmal nach der Südsee! Oder besehen Sie sich nur eine große Seefahrtskarte. Oder erkundigen Sie sich doch ganz einfach bei einem Seemanne, er braucht noch gar nicht dort unten gewesen zu sen.«

Aber Monsieur Girard wies den Verdacht, daß er so etwas nicht glauben könne, energisch zurück, und daran tat er sehr recht. Die Ansicht, daß es heutzutage keine von der Jagd lebenden Indianer mehr gäbe und daß heutzutage kein Robinson mehr auf einer einsamen Insel existieren könne, spukt nur in den Köpfen von jenen Leuten, die keine Ahnung haben, wie es draußen in der Welt aussieht.

»Meine Insel,« fuhr der geheimnisvolle Kapitän fort, »ist so entlegen und so mit Korallenriffen verbarrikadiert, daß unsere Entdeckung fast ganz ausgeschlossen ist. Mehr spreche ich hierüber nicht. Dagegen wäre Ihre Frage berechtigt, wie ich nach und nach zu den neunundsiebzig Untertanen gekommen bin, da wir doch nur neun Schiffbrüchige waren. Sehr einfach ...«

»Die Insel war von Eingeborenen bevölkert, mit deren Frauen haben Sie und die anderen sich vermischt,« ergänzte Girard.

»Auch, ja. Es waren einige Eingeborene mit ihren Weibern da. Aber unter uns Schiffbrüchigen befanden sich auch drei weiße Frauen.«

»Aha. Sind die Matrosen, welche Sie auf der Heliotrop haben, auf der Insel geboren worden?«

»Sämtlich. Fällt Ihnen vielleicht auf, daß sie ein so europäisches Gepräge tragen? Ja, ich habe mein Volk in zwei Rassen geteilt und meine Europäer durch strenge Gesetze sehr rasserein zu halten gewußt. Es waren einige Skandinavier darunter, die Frauen waren sämtlich Schwedinnen.«

»Sie sind doch reich, Herr Kapitän. Wie kommen Sie zu den Goldbarren im Wert von fünf Millionen Francs?«

»Und wie komme ich zu diesen Diamanten?« ergänzte der Maskierte, seine Hand ausstreckend, an welcher außer dem grünen Diamanten noch andere kostbare Edelsteine funkelten.

»Ja, wie kommen Sie dazu?«

»Das alles liefert mir meine Insel.«

»Gold und Diamanten?« staunte der Journalist und das Herz blieb ihm gleich stehen. »Sind denn dort unten nicht nur reine Koralleninseln?«

»Ja, auch die meine ist eine Koralleninsel, und Ihr Zweifel, den ich aus Ihren Worten herauszuhören glaube, ist gerechtfertigt. Die Natur hat diese Schätze dort auch nicht in den Boden gelegt. Aber können sie nicht auf eine andere Weise hingekommen sein?«

Monsieur Girard wurde von einem richtigen Fieber befallen.

»Sie haben auf der Insel richtige Schätze gefunden?«

»Ich sage nichts, ich mache nur eine Andeutung.«

»Das Wrack eines Goldschiffs ...?«

»Ich sage nichts.«

»Oder ... die heimliche Schatzkammer von ... Seeräubern?«

War das Staunen oder Schreck, was jetzt die Maske verbarg, als der Kapitän sich plötzlich mit einer so hastigen Bewegung von dem Sprecher abwandte.

»Mann, wie kommen Sie auf solch eine ... Sie irren sich vollkommen ... ich sage nichts! Aber, Herr Redakteur, es wäre mir sehr lieb, wenn Sie in Ihrem Bericht alles vermeiden, was einen unsinnigen Verdacht aufkommen lassen könnte, daß ich Seeräuberei triebe. Seepiraten – Unsinn! Die gibt's ja heute gar nicht mehr. Lächerlich! Und doch spuken sie noch immer im Kopf des Volkes. – Daß Sie nicht etwa eine solche Andeutung über mich machen! Dann wären wir fertig miteinander!«

Der Kapitän, der ganz unwirsch geworden war, hatte sich erhoben, um wieder einige aufgeregte Gänge durchs Zimmer zu machen.

Monsieur Girard aber saß wie vom Donner gerührt da. Er hatte zufällig auf den Busch geklopft und ... der Fuchs war herausgesprungen! Er glaubte seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen, und nun wußte er ganz bestimmt, das Richtige getroffen zu haben. Also ein Seeräuber!

Jetzt wußte er sich zu beherrschen.

»Selbstverständlich nicht. Seeräuber sind ja unter unseren heutigen Verhältnissen gar nicht mehr möglich,« lächelte er.

»Wie nun ist das Gold auf dem Schatzamt zu Washington geeicht worden?«

»Einfach dadurch, daß ich es selbst dorthin gebracht habe.«

Der Kapitän hatte sich wieder gesetzt.

»Wo ist die Heliotrop gebaut worden?«

»Das ist wieder mein Geheimnis. Außerdem haben wir Insulaner uns auch industriell recht hübsch entwickelt, wir sind imstande, alles, was wir brauchen, selbst anzufertigen.«

»Also auch die Heliotrop ist auf der Insel gebaut worden?«

»Nein, nein, das können wir allerdings nicht! Was meinen Sie wohl, was dazu gehört, um solch ein stählernes Schiff von Grund auf zu bauen! Wohl aber können wir die fix und fertig gelieferten Teile auf der Insel montieren, und das haben wir denn auch getan.«

»Die verschiedenen Teile sind von verschiedenen Werften und Fabriken geliefert worden, nicht wahr?«

»Sie haben das Richtige erraten.«

»Was hat es denn nun mit Hiran Singh und mit Ihrer Verjüngung für eine Bewandtnis?« fragte Monsieur Girard direkt.

»Hierüber will ich Ihnen nähere Auskunft geben, und das ist doch die Hauptsache unserer Unterredung, mit dieser Erklärung hoffe ich, auch dem Briefschreiben ein für allemal ein Ende zu machen. Schreiben Sie nach?«

»Ich stenografiere alles wörtlich.«

»Es sind gerade elf Jahre her,« begann der Kapitän, »als in der Nähe meiner Insel ein Schiffbrüchiger halb verschmachtet im offenen Boote aufgefischt wurde. Es war ein Indier, ein alter Mann, der sich Hiran Singh nannte ...«

»Derselbe indische Professor?« unterbrach Girard den Erzähler.

»Gleich, gleich. Ich nahm den Indier gastfreundlich auf, wir fanden aneinander Gefallen, und eines Tages vertraute mir der Alte sein Geheimnis an. Er nannte sich keinen Adepten, keinen Magier, aber er war doch ein grundgescheiter Mann, der noch etwas mehr konnte als Brotessen. Er wollte einem Verjüngungselixier auf der Spur sein. Ich, selbst schon ein alter Mann, lachte über diese wahnsinnige Idee damals gerade so, wie Sie jetzt darüber lachen ...«

»Oh nein, Herr Kapitän, ganz und gar nicht, und wir haben doch sichtbare Beweise dafür bekommen, daß wirklich etwas daran sein muß.‹

»Kurz und gut, ich glaubte ihm nicht, was er mir da vorschwatzte, ich verstand ihn auch gar nicht. Als er wiederhergestellt war, brachte ich ihn auf seinen Wunsch nach Singapore, er wollte seine Entdeckung, die aber noch in der Kinderwiege läge, weiterverfolgen, und wenn er so weit sei und sich selbst verjüngt habe, wolle er aus Dankbarkeit die Kur an mir vornehmen. Wir müssen, wenn wir komfortabel leben wollen, mit der Außenwelt in Verbindung bleiben, so kam ich öfters nach Singapore und nach anderen Häfen, wo man mich, der ich nun einmal als Verschollener gelten wollte, nicht belästigte – und eines Tages, zwei Jahre später, nachdem Hiran Singh mich verlassen hatte, stellt sich mir in Singapore ein blutjunger Indier vor, nennt sich Hiran Singh und weiß mich zu überzeugen, daß er derselbe Hiran Singh ist, jetzt aber so um vierzig Jahre verjüngt!«

»Wunderbar!« staunte der Journalist, ob nun gekünstelt oder nicht.

»Na, ich wurde eben geradezu gezwungen, es zu glauben, und ich war natürlich außer mir, und das umso mehr, weil ich gerade damals recht alt zu werden begann, es kommt doch so eine Zeit, da man seine Kräfte merklich schwinden fühlt, aber mein Geist war noch frisch, und ich hatte noch große Pläne vor. ›Hiran Singh, verjünge mich, und fordere dafür, was du haben willst!‹ So rief ich ...«

»Das hätte ich auch gerufen,« bemerkte der Stenografierende. »Und Ihr einstiger Gastfreund, dem Sie das Leben gerettet, war natürlich auch bereit dazu.«

»Nicht sogleich. Mit der Verjüngung scheint der Mensch auch wieder ganz andere, wieder die früheren Gedanken und Neigungen zu bekommen, das merke ich ja auch ganz deutlich an mir selbst, und dieser Hiran Singh muß früher nicht viel auf Dankbarkeit und auf das gegebene Wort gehalten haben, denn jetzt sprach er fortwährend von den furchtbaren Kosten, die er dabei hätte – na, kurz und gut, ich merkte ja gleich, wo er hinaus wollte, er solle nur offen sprechen, und zuletzt verlangte er hunderttausend Rupien, so viel koste das Herbeischaffen der Ingredienzien zu seiner geheimen Medizin, und vielleicht mag das auch sein, denn ich merkte dann auch etwas Eigentümliches ...«

»Was merkten Sie Eigentümliches, wenn ich fragen darf?«

»Davon nachher! – Hunderttausend Rupien! Was war denn das für mich, der der ich über – kurz, ich versprach ihm nach hiesigem Gelde fünf Millionen Francs, wenn er mich von der Last des Alters befreien würde. Doch das ging nicht so schnell. Sechs ganze Jahre lang mußte ich erst jeden Tag früh ein Gläschen Medizin nehmen, um meine Körpersäfte zu renovieren und mich sonst zur Hauptkur tauglich zu machen – er hatte dafür wunderliche Ausdrücke, die ich nicht verstand – und als diese sechs Jahre endlich mit dem Medizineinnehmen vergangen waren, dann sollte das Gelingen der Kur auch noch von der Stellung der Sterne abhängig sein! Was ich alles durchgemacht habe, nämlich vor Erwartung und Ungeduld – ich will gar nicht mehr daran denken! Daß mir eine schmerzhafte Operation bevorstand, ohne zu wissen, was er denn eigentlich operieren wolle – das war mir alles ganz gleichgültig geworden. Ich wollte nur Gewißheit haben, ob ich nicht einem Schwindler in die Hände gefallen sei, der immer und immer wieder große Summen als Vorschuß von mir forderte, um jenes höllische Elixier brauen zu können. Aber ich wurde immer älter und hoffte und hoffte, ich hatte mich eben in eine fixe Idee verrannt – und wenn mich Hiran Singh nach Shanghai bestellte, dorthin wiesen die Sterne, so segelte ich schnellstens nach Shanghai – und dann war dort die Stellung der Sterne zu der Operation noch nicht günstig, die Operation müsse in Quito geschehen – und ich also schleunigst nach Quito auf der anderen Seite der Erdhalbkugel gejagt – und dort war es immer noch nicht richtig – und so ging das Jahr und Jahre fort, und ich war schon ganz wahnsinnig geworden, ich wußte ganz genau, daß ich das Opfer eines Gauners war, der über mich Narren lachte, und ich mußte dennoch an ihn glauben, weil ich die überzeugendsten Beweise in Händen hatte, daß er wirklich der alte Hiran Singh in neuer Ausgabe sei. Natürlich versuchte ich, mich seiner Person zu bemächtigen, ich hätte ihn einfach als Gefangenen behandelt, aber das gelang mir nicht, er bestellte mich hierhin und dorthin, und er würde schon zur rechten Zeit dort sein, und wiederum war ich doch nicht sein Narr, denn Hiran Singh gab mir noch andere Proben, daß er im Besitze von außerordentlichen Geheimnissen ist ...«

»Was für Proben gab er Ihnen? Was für Geheimnisse meinen Sie?«

»Hierüber darf ich unter keinen Umständen sprechen, der Indier hat mir mein Wort abgenommen. – Sonst noch etwas, ehe ich fortfahre?«

»Vor drei Jahren hat Hiran Singh Sie nach Colombo bestellt?«

»Woher wissen Sie das?«

»Der junge Lord Hannibal hat Sie dort mit der Heliotrop gesehen.«

»Ach so. Ja, warum soll er nicht? Ja, nach Colombo hatte mich Hiran Singh auch einmal bestellt, und das kann wohl gerade vor drei Jahren gewesen sein, denn ich weiß, daß meine Jacht, als ich in Colombo lag, noch Kesselfeuerung hatte, gleich hinterher ließ ich sie umbauen.«

»Stimmt, stimmt,« nickte Monsieur Girard. »Und wohin waren Sie voriges Jahr bestellt worden? Entschuldigen Sie, ich habe einen besonderen Grund, so zu fragen, es ist nicht nur Neugier, auch kein Zweifel ...«

»Bitte sehr, fragen Sie, wenn Sie sich dadurch überzeugen können. – Voriges Jahr? Da war ich in Kapstadt.«

»Sonst noch wo anders?«

»Dann bestellte mich Hiran Singh nach Buenos Aires.«

»Stimmt. Dort hat Sie nämlich der Lord Roger abermals getroffen.«

»Nun,« fuhr der Kapitän nach diesen Zwischenfragen fort, »zuletzt bestellte mich Hiran Singh nach Monte Carlo, gerade hierher wiesen die Sterne, und zwar sprach er jetzt mit einer solchen Überzeugung, daß ich ihm wieder mehr Vertrauen schenkte. Bisher hatte er ja noch, gestand er ganz offen, sehr viel im Dunkeln getastet, habe viel von Zufällen abgehangen, sich selbst habe er ja sein ganzes Leben lang studiert, mich kenne er ja erst seit zwölf Jahren, deshalb müsse ich ihm seine Irrtümer in dieser großen Sache verzeihen. Jetzt aber sei ihm vieles, was bisher auch ihm ein Rätsel gewesen, zur Erkenntnis gekommen, jetzt könne er die Zahl der glücklichen Operationen mit unfehlbarer Sicherheit bestimmen ...«

»Wie verkehrten Sie denn mit dem Indier, wenn er nicht auf der Insel war?«

»Brieflich, einfach immer brieflich.«

»Sind Sie denn auf Ihrer Insel mit der Post verbunden?«

Der Maskierte hob mehrmals die Schultern, als wolle er nicht recht mit der Sprache heraus.

»Mein Herr, hier liegt eben etwas vor, worüber ich dem Indier Schweigen gelobt habe. Er ist nicht etwa ein Zauberer, ist nicht mit überirdischen Kräften ausgestattet, aber ...« sehen Sie, das ist genau dasselbe, wie ich von hier aus an alle indischen Stationen telegraphierte, daß ich hier sei und auf ihn warte. Und acht Tage später traf er hier ein. Und ich habe doch gar nicht seine Adresse gewußt. Und wie kann er überhaupt in acht Tagen von Indien schon hier sein? Und daß er durch die Luft geflogen ist, das glaube ich auch nicht. Ich glaube nicht einmal, daß er in Indien gewesen ist. Aber nun versuchen Sie einmal herauszubekommen, wo er war und wie er hierhergekommen ist, ob hier in Monte Carlo oder sonstwo ein Eisenbahnbeamter ihn hat den Zug verlassen sehen? – Doch genug von diesem Rätsel. Ich will von mir selbst sprechen. Ich bin gleich zu Ende. – Hiran Singh war natürlich wieder nicht da. Ich gab jene Depesche auf. Die fünf Millionen Francs in Goldbarren hatte ich stets an Bord meines Schiffes. Diesmal hatte Hiran Singh gefordert, daß ich sie vorher bei einem Bankhaus deponieren sollte. Das wunderte mich schon sehr, das gab mir wieder etwas Hoffnung. Und richtig – diesmal kam er! Nun, die Operation wurde an mir vollzogen, ich schlief drei Tage – und als ich erwachte, war ich ein junger Mann – ein Jüngling – fühle mich jetzt noch so!«

Es hatte zuletzt jauchzend hinter der Maske geklungen, der Kapitän hatte wie in überschäumender Lust beide Arme ausgebreitet.

»Ja, aber – bitte, erklären Sie mir die Operation doch etwas näher.«

»Das kann ich nicht.«

»Weshalb nicht? Hat Ihnen der Indier hierüber Stillschweigen auferlegt?«

»Durchaus nicht. Aber ich weiß nichts davon zu erzählen, und Hiran Singh sprach sich nicht darüber aus. Ich mußte mich seinen Anforderungen fügen, und damit basta, und für mich gab es nur eins: sterben oder wieder jung werden. Ich gehorchte einfach.«

»Aber bitte, wie wurde die Operation denn eingeleitet? Mußten Sie sich auf den Operationstisch legen, oder was mußten Sie sonst tun?«

»Ach so. Das kann ich Ihnen sagen. Ja, hier in diesem Zimmer mußte ich mich entkleiden, hier in der Mitte stand dieser Tisch, aber ohne Decke, ich mußte mich darauflegen. Festgeschnallt wurde ich nicht, Hiran Singh deckte nur ein Tuch über mein Gesicht, das weiß ich noch, dann fühlte ich einen heftigen Stich in der Herzgegend – und da war ich weg.«

»Sie waren bewußtlos?«

»Sofort.«

»Sie haben doch eine halbe Stunde in einer furchtbaren Weise geschrien, ich selbst habe es gehört.«

»Ja, das hat man mir hinterher erzählt. Aber ich selbst weiß nichts davon.«

»Sie haben keine Schmerzen gefühlt?«

»Absolut nicht.«

»Ich denke, Sie bekamen einen heftigen Stich ins Herz?«

»Nun, haben Sie nicht einmal Herzstechen gehabt? So war es, nicht anders, und nur ein einziger Stich, schließlich gar nicht von Bedeutung.«

»Haben Sie denn eine Wunde in der Herzgegend?«

»Nein, am ganzen Körper nicht ... « halt, zur Ader scheint er mich allerdings gelassen zu haben; als ich erwachte, fühlte ich meinen linken Arm abgeschnürt, und den Matrosen, die mit ihm das Gold abholten, sagte er, ich könnte den Verband gleich nach dem Erwachen wieder abnehmen. Das habe ich denn auch getan.«

Der Kapitän streifte den linken Hemdärmel weit zurück. Monsieur Girard sah an dem von Muskeln und Sehnen starrenden Oberarm einen leichten schon verharschten Schnitt.

»Er mag das Blut in einem Gefäß aufgefangen und dieses dann versehentlich umgestoßen haben,« setzte der Kapitän noch hinzu, als er den Ärmel wieder herabschob. »Als ich erwachte, sah ich dort den Porzellankrug am Boden liegen, er hatte Blut enthalten, doch war alles schon getrocknet. Daß das Blut durch die Decke gedrungen ist und solch eine Aufregung verursacht hat, ist mir sehr unangenehm. Der Indier hätte das Blut auch aufwischen können. Oder aber, ich habe mich im Schlafe bewegt und habe selbst das Gefäß auf irgendeine Weise umgestoßen.«

»Merkwürdig!« konnte Monsieur Girard nur sagen. »Wie fühlten Sie sich nach dem Erwachen?«

»So jung wie jetzt. Ich sprang aus dem Bett und fing gleich wie eine Lerche zu singen an.«

»Sie trugen einen Vollbart?«

»Den habe ich mir gleich von meiner Ordonnanz abnehmen lassen.«

»Der Vollbart war weiß.«

»Und nach meinem Erwachen war er schwarz geworden.«

Oho, jetzt aber stimmte etwas nicht.

»Man hat doch weiße Haarsträhnen in Ihrem Zimmer gefunden,« behauptete der Journalist unverzagt, denn jetzt kam es darauf an.

»Ja, das kann sein. Denn ich hatte mir kurz vorher, ehe der Indier kam, den weißen Bart von meiner Ordonnanz ganz bedeutend stutzen lassen. Dieses weiße Haar lag noch im Zimmer. Aber das, was von dem weißen Barte übrig geblieben, war nach dem Erwachen ebenso schwarz geworden wie mein Kopfhaar, es hatte sich sogar wie in meiner Jugend wieder zu Locken gewellt. – Ordonnanz!«

Die Nebentür war geöffnet gewesen. Aus dem anderen Zimmer kam Wilm herein, der also auch der ganzen Unterhaltung beigewohnt hatte.

»Gib mir das schwarze Kästchen mit den Haaren!«

Die Ordonnanz brachte das Verlangte. Der Kapitän entnahm der Schatulle aus Ebenholz weiße, noch zusammenhängende Haarbüschel, denen man es ansah, daß sie von einem Vollbart abgeschnitten worden waren, sowie andere Büschel von tiefschwarzem Haare, und gab von jedem dem Journalisten eine gute Probe.

»Nehmen Sie, stecken Sie es ein, lassen Sie von Sachverständigen untersuchen, ob es nicht ein und dasselbe Haar ist. Mehr brauche ich nicht zu sagen, und wenn sich die Haare verändert haben, so kann ich nichts dafür. Beide Haarproben sind von meinem Barte abgeschnitten, der Unterschied der Zeit beträgt drei Tage.«

Monsieur Girard nahm denn auch beide Proben und steckte sie ein. Allerdings würde er sie auf ihre Übereinstimmung untersuchen lassen, und fernerhin auch die Haarsträhnen, welche von dem Hotelpersonal in diesem Zimmer gefunden worden waren, nachdem der Kapitän es verlassen hatte.

»Ordonnanz, bringe auch die Medizinflasche!«

Wilm holte sie aus dem Nebenzimmer, eine große Flasche, zur Hälfte gefüllt mit einer hellgelben, klaren Flüssigkeit.

Mit andachtsvoller Feierlichkeit nahm der Kapitän sie ihm ab.

»Das ist die Medizin, welche ich zwölf Jahre lang nehmen mußte, und ihr schreibe ich den Haupterfolg zu. Ich sprach doch schon davon, daß mir etwas Eigentümliches aufgefallen ist. Damit meine ich diese Medizin. Wissen Sie, woran ich immer lebhaft erinnert werde, wenn ich diese Medizin nehme?«

»Nun?«

»An Schlangen.«

»An Schlangen?« wiederholte Monsieur Girard und ein gelindes Grauen überkam ihn.

»Ja, an Schlangen. Alle Schlangen und Eidechsen haben doch einen ganz eigentümlichen Geruch, und dieses Zeug schmeckt gerade so, wie Schlangen und Eidechsen riechen. Anders kann ich mich nicht ausdrücken. Dann kommt vielleicht noch der Geschmack von faulen Fischen und verwesten Krebsen hinzu. Wollen Sie mal kosten, Monsieur Girard?«

Der Kapitän nahm den Kork ab und hielt die Bulle dem Franzosen hin, dieser aber fuhr mit ausgestreckten Händen zurück.

»Ach nein – ach nein – ich danke – ich danke wirklich – ich bin gar nicht durstig – ich, ich bin gar nicht so sehr alt, wollte ich sagen – ich möchte Sie nicht berauben.«

Hinter der Maske mochte ein sehr heiteres Gesicht gemacht werden, äußerlich war dem Kapitän nichts davon anzumerken; er drängte dem Entsetzten auch nicht weiter diese köstliche Medizin auf, sondern behielt die Flasche in der Hand, ohne den Kork wieder aufzusetzen.

»Und da erinnerte ich mich,« fuhr er in demselben feierlichen Tone fort, »daß der Indier auch schon auf meiner Insel Jagd auf Schlangen und Eidechsen und Seekrebse gemacht hatte. Also, das könnte stimmen. Und wissen sie, Monsieur Girard, was es mit Eidechsen und Krebsen für eine besondere Bewandtnis hat?«

»Mit Schlangen, Eidechsen und Krebsen? Nun, sie – kriechen alle auf dem Boden herum – ich bedaure, meine zoologischen Kenntnisse sind leider höchst mangelhaft. Bitte, wollen Sie mich belehren?«

»Alle drei Tiergattungen häuten sich ...«

»Ah, ah, ah,« machte Monsieur Girard geheimnisvoll, »ich beginne zu verstehen! Häuten, jawohl, häuten! Sie meinen, Sie haben sich gehäutet?«

»So ungefähr. Das ist aber noch nicht alles. Speziell die Eidechsen und die Krebse haben nämlich die wunderbare Eigenschaft, abgebrochene Gliedmaßen wieder ersetzen zu können.«

»Abgebrochene Gliedmaßen wieder ersetzen zu können!« echote Monsieur Girard. »Jawohl, jawohl, jetzt entsinne ich mich!!«

»Ja, das ist mir aufgefallen. Gar kein Zweifel, das steht in einem innigen Zusammenhang mit der menschlichen Verjüngung. Dieser Indier ist hinter ein großes Geheimnis gekommen. Daß ich zwölf Jahre lang dieses Elixier nehmen mußte, das ist die Hauptsache gewesen, da hat sich bei mir innerlich eine Umwandlung vollzogen, die Säfte haben sich vielleicht erneuert – und dann war nur noch ein Trick nötig und die Umwandlung trat auch äußerlich zu Tage. – Ordonnanz, ein kleines, reines Fläschchen oder eine alte Eau de Cologne-Flasche, das wird nichts schaden. Es ist nämlich auch eine alkoholische Lösung.«

Der Kapitän füllte in das gebrachte Fläschchen etwas von der gelben Flüssigkeit aus der großen Flasche, schloß es mit einem Kork.

»So, das können Sie ebenfalls mitnehmen, lassen Sie es untersuchen. Ich bin selbst gespannt, was da eigentlich drinsteckt!«

Auch Monsieur Girard ward von einer andachtsvollen Feierlichkeit ergriffen, als er das dargereichte Fläschchen nahm und es in seiner Rocktasche versenkte.

»Hat Ihnen denn Monsieur Hiran Singh eine Untersuchung gestattet?«

»Er hat es mir wenigstens niemals verboten. Nun ist aber auch noch etwas anderes dabei. Hiran Singh behauptet, jetzt noch ein ganz anderes Elixier hergestellt zu haben oder doch ein viel kräftigeres, mit welchem nur eine Vorkur von einem einzigen Jahr nötig ist.«

»Und dann noch die Operation?«

»Die ist unter allen Umständen nötig. Aber was tut das? Sie ist ja völlig schmerzlos.«

»Oh, was für einen Segen kann dieser Indier über die Menschheit bringen!« rief der Franzose in Extase, obgleich ihm immer noch ... « recht seltsam zumute war. Kurz gesagt, er traute dem Braten noch nicht recht.

»Wo ist denn der Indier jetzt?« setzte er dann hinzu.

»Er bat mich, zum Fortschaffen seines Goldes meine Jacht benutzen zu dürfen. Selbstverständlich gestattete ich es ihm. Aber wohin er das Gold bringt oder wo er die Jacht verläßt, das allerdings darf ich unter keinen Umständen verraten, darauf habe ich ihm mein Ehrenwort geben müssen.«

»Dabei ist ein Geheimnis?«

»Allerdings.«

»Ist er nicht schriftlich zu erreichen?«

»Ich weiß gar nichts – gar nichts weiß ich,« entgegnete der Kapitän etwas schroff. »Haben Sie sonst noch eine Frage, mit deren Beantwortung ich die allgemeine Neugier befriedigen kann? Aber nun bitte, schnell, ich möchte dann mit Ihnen noch etwas anderes besprechen.«

Nein, wenn der wieder jung gewordene Kapitän nichts weiter über den braunen Wundermann sagen wollte oder konnte, so würde er auch nicht so leicht vor dem Publikum Ruhe bekommen. Aber jetzt dachte Monsieur Girard an sein eigenes Interesse, an seinen Zeitungsartikel, er hatte noch mehr Fragen zu stellen, der Kapitän wurde ungeduldig, und so nahm er all seinen Scharfsinn zusammen.

»Wie sind Herr Kapitän zu dem vom Fürsten ausgestellten Passepartout gekommen?«

»Ich habe mich dem Fürsten anvertraut und ihn um seinen Schutz gebeten.«

»So weiß der Fürst, wer Sie sind?«

»Natürlich. Aber er ist auch der einzige Mensch, der darum weiß.«

»Er gestattete Ihnen in seinem Reich das Tragen einer Maske?«

»Ja. Der Fürst von Monaco ist ein edler Mann, er hatte Mitleid mit mir.«

»Weshalb Mitleid?«

»Weil ich ... « darüber spreche ich nicht. Ich hatte die Maske schon bereit liegen, denn Hiran Singh hatte mir gesagt, daß ich ganz mein früheres Aussehen wiederbekommen würde, und hätte ich die Maske nicht tragen dürfen, so hätte ich nur gleich nach meiner einsamen Insel fliehen können.«

»Weshalb?«

»Nun, eben weil ich mein Gesicht nicht sehen lassen darf.«

»Weshalb dürfen Sie Ihr Gesicht nicht sehen lassen?« fragte der jetzt dreister werdende Journalist beharrlich.

»Warum, warum?« meinte aber der Kapitän ungeduldig. »Den Grund habe ich Ihnen doch schon gesagt!«

»Verzeihung, aber diesen Grund haben der Herr Kapitän mir nicht gesagt. Gestatten Sie, daß ich frage. Würden Sie, wenn man Sie erkennt oder nur weiß, wer Sie sind, auch jetzt noch verhaftet werden?«

»Nein, das auf keinen Fall, ich trage überhaupt keine Schuld auf meinem Gewissen, aber ... « ich sage hierüber nichts mehr.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte Monsieur Girard kopfschüttelnd.

»Das tut mir sehr leid – nein, das freut mich vielmehr sehr.«

»Und ohne Maske würde man Sie sofort wiedererkennen?«

»Sofort.«

»Jene Leute, welche damals mit Ihnen eine Rolle gespielt haben?«

»Nein, sogar junge Leute, welche damals noch gar nicht gelebt haben. Denn mein Gesicht fällt durch etwas Besonderes auf, und das genügt, um mich sofort zu verraten.«

Da kam dem Journalisten eine sonderbare Idee.

»Haben Sie vielleicht keine Nase?« fragte er naiv.

»Nun hören Sie aber endlich auf!« lachte es belustigt und ärgerlich zugleich hinter der Maske. »Jetzt will ich Ihnen sagen, was ich von Ihnen verlange. Sie sollen mir behilflich sein.«

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Vierzig Jahre lang bin ich in der Einsamkeit vergraben gewesen, und wenn ich auch einmal in die weite Welt hinauskam - an Bord meines Schiffes und unter meinen Leuten war ich trotz alledem immer allein, einen anderen Anschluß suchte ich alter Mann nicht mehr, ich brauchte keine Gesellschaft. So ist mir die Welt ganz fremd geworden, ich muß erst wieder wie ein schüchterner Jüngling eingeführt werden. Das fühlte ich recht deutlich gestern, als ich das Kasino betrat. Da sah ich einige pompöse Damen. Besonders die eine machte großen Eindruck auf mich ...«

»Wenn der Herr Kapitän die Dame nur einigermaßen beschreiben können – ich kenne sie alle,« lächelte Monsieur Girard selbstgefällig, und er hatte recht, denn der Herausgeber des ›Le Monte Carlo‹ war zugleich auch das lebendige Adreßbuch von ganz Monaco.

»Eine große, volle Figur mit blendend weißer Haut und roten Haaren ...«

»Madame Pompadour,« sagte der Redakteur sofort.

»Madame Pompadour?« wiederholte der Kapitän verwundert. »Ist sie verwandt mit jener berühmten Maitresse?«

»Oh nein – in gewissem Sinne allerdings verwandt – denn es ist eine Kokotte, und hier muß jede Kokotte einen Spitznamen haben.«

»Eine Kokotte?« erklang es wiederum verwundert. »Was ist das nun wieder?«

Jetzt staunte Monsieur Girard. Wußte der nicht einmal, was eine Kokotte ist? O holde Unschuld! Der mußte der Welt wirklich sehr entfremdet worden sein!

Das lebendige Auskunftsbuch von Monte Carlo gab eine zarte, aber doch deutliche Erklärung, was man unter einer Kokotte versteht.

»Ach so. Nun ja, das hätte ich mir eigentlich auch denken können. Dann bewunderte ich eine andere Dame, das kann aber unmöglich eine solche Kokotte gewesen sein, es war ein junges Mädchen, sie saß neben einem alten Herren ...«

» ... mit weißem Vollbart und goldener Brille; als er auf der Null einen Hundertfrancsschein verlor, verließ er mit der jungen Dame den Saal.«

»Es ist erstaunlich, wie Sie alles beobachten. Ja, die meine ich.«

Das war aber gar nicht erstaunlich, denn man hatte doch gestern bemerkt, wie der Maskierte die beiden am Spieltisch beobachtet hatte, und das machte nun schon in dem kleinen Klatschnest die Runde.

Es war aber auch noch ein anderer Grund vorhanden, daß man sich mit jenen beiden beschäftigte, wie gleich gezeigt werden soll.

»Nun, wer waren jene beiden?« fragte der Kapitän.

»Herr Emil Richter aus Berlin nebst Fräulein Tochter.«

Der Kapitän saß unbeweglich da, es war fast, als ob er eine Fortsetzung der Auskunft erwartete, und wirklich, diese kam auch.

»In Wirklichkeit aber heißt er Ernst von Marbach und ist Gutsbesitzer in Pommern. Der Name seiner Tochter Johanna ist der richtige.«

Der Kapitän machte eine Bewegung. »Wo logieren die beiden?«

Jetzt machte Monsieur Girard ein ganz merkwürdiges Gesicht – ein Physiognomiker würde es das ›Gesicht eines Geheimniskrämers‹ genannt haben.

»Auf der Teufelsinsel.«

»Wo?«

»Seit heute früh logieren die beiden auf der Teufelsinsel.«

»Wo ist denn das?«

Die Physiognomie der Geheimniskrämerei verstärkte sich noch.

»Das ist ein Friedhof von Monte Carlo.«

Der Kapitän beugte sich vor.

»Was?« erklang es leise hinter der Maske.

»Die Begräbnisstätte der Selbstmörder.«

»Was?« erklang es jetzt heiser.

Und nun konnte der Geheimniskrämer nicht mehr an sich halten, er mußte herausplatzen, oder das Herz brach ihm.

»Die beiden sind heute nacht tot in ihrer Pension aufgefunden worden, beide haben sich mit Blausäure vergiftet. Es war übrigens vorauszusehen gewesen, der Alte hatte sein Geld verspielt.«

Langsam, mit den ruckmäßigen Bewegungen eines Automaten erhob sich der Kapitän. Plötzlich machte er einen hastigen Griff mit der Hand nach der Maske.

»Ver – ver – verzeihen Sie, ich habe Nasenbluten bekommen!«

Mit diesen Worten eilte er in das Nebenzimmer, und es war keine Verstellung gewesen, der Redakteur hatte wirklich unter der Maske plötzlich Blut hervorquellen sehen. Nur hätte der Kapitän deswegen jene Worte nicht mit so heiserer Stimme hervorzustoßen brauchen.

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