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Detektiv Hewitt

Arthur Morrison: Detektiv Hewitt - Kapitel 5
Quellenangabe
authorArthur Morrison
titleDetektiv Hewitt
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
printrunVierte Auflage
translatorFrida von Holtzendorff und Wally Landsberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20190314
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Der Fall Roese.

Den nachstehenden Fall kenne ich nicht aus eigener Anschauung, aber ich habe die Geschichte nach Hewitts Rückkehr aus Irland sofort aufgeschrieben, weil sie mir besonders bemerkenswert erschien. Und dann war sie mir zugleich ein Beweis dafür, wie leicht jemand sich unbedachterweise eine Grube graben kann, aus der er sich nicht wieder herausfindet.

Ein Herr Bauer ließ sich bei Hewitt melden. Als er eintrat, sah man auf den ersten Blick, daß er in großer Aufregung und Eile war. Bauer war ein starker, blühend aussehender Fünfziger, mit lauter Stimme und durchdringendem Blick.

Herr Hewitt, begann er sofort, ich muß Sie bitten, Ihre ganze Aufmerksamkeit meiner Angelegenheit zu schenken. Betrachten Sie sich als beauftragt, der Sache vollständig auf den Grund zu gehen und Ihre ganze Zeit ihr zu widmen. Kosten spielen keine Rolle dabei, verlangen Sie dafür, was Sie wollen.

Hewitt lächelte: Ich habe augenblicklich verschiedene Fälle in Händen, und nichts könnte mich dazu bewegen, einen Klienten im Stich zu lassen. Vielleicht kommt morgen noch ein anderer Herr, der mir noch mehr bietet als Sie – auf Bestechungen kann ich mich nicht einlassen.

Aber es ist wichtig, äußerst wichtig. Es handelt sich um Leben und Tod.

Natürlich, antwortete Hewitt. Aber es gibt tausend derlei Fälle, von denen wir nichts wissen, und vielleicht noch ein halbes Dutzend mehr, von denen Sie nichts wissen, die mir aber übergeben sind. Lassen Sie uns praktisch vorgehen. Erzählen Sie mir Ihre Geschichte, dann kann ich am besten ermessen, ob ich Ihren Fall übernehmen will. An mancher Sache muß ich monatelang arbeiten, eine andere dagegen ist in Kürze beendet und kann zwischendurch erledigt werden.

Gut, sagte Bauer, ich will Ihnen alles beichten. Zunächst möchte ich bitten, dieses zu lesen. Es ist ein Zeitungsausschnitt von vorgestern. Hewitt nahm den Zettel und las: Die Pockenepidemie in der Grafschaft Mayo (Irland) nimmt immer noch nicht ab. Trotzdem die Bevölkerung ziemlich zerstreut über den ganzen Kreis verbreitet ist, hat sich die Epidemie mit Windeseile ausgedehnt, da der Marktflecken den Sitz der Krankheit bildet und diese von dort durch Krämer und Handelsleute weiter geschleppt wird. In vielen Fällen tritt die Krankheit tödlich auf. Die paar angesessenen Aerzte sind mit Arbeit überbürdet, da die Entfernungen ziemlich groß sind. Unter den Toten der letzten Tage ist Herr Alfred Roese verzeichnet, ein junger Engländer, der seit einiger Zeit, mit einem Freunde zusammen, in einer Fischerhütte einige Meilen von Cullanin entfernt wohnte.

Hewitt legte den Ausschnitt neben sich auf den Tisch. Es handelt sich also um den Tod des Herrn Roese? fragte er.

Ja, antwortete Bauer, und ich komme zu Ihnen, weil ich vermute – es ist sogar mehr als eine Vermutung –, daß Alfred Roese nicht an den Pocken gestorben ist, sondern ermordet wurde! Kaltblütig ermordet, und zwar aus den niedrigsten Gründen, von seinem Freunde, der mit ihm zusammen die Ferien verlebte.

Auf welche Weise ist er vermutlich ermordet worden?

Das weiß ich nicht, das sollen Sie eben herausfinden und vor allen Dingen den Mörder suchen, der auf und davon ist.

Welches Interesse haben Sie bei der ganzen Angelegenheit? fragte Hewitt.

Ich verwalte das Vermögen von Alfred Roese. Hätte er nur noch ein paar Monate gelebt, so wäre es ihm ausgezahlt worden. Dies ist der Kernpunkt der Sache. Der Onkel von Alfred war ein sehr guter Freund von mir. Er hatte seinem Neffen ein ansehnliches Vermögen vermacht, zahlbar an dessen fünfundzwanzigstem Geburtstag. Seine Schwester, Fräulein Marie Roese, war auch bedacht worden, aber in weit geringerem Maße. Auch sie sollte das kleine Vermögen am fünfundzwanzigsten Geburtstag bekommen, oder bei ihrer Heirat, falls diese früher stattfinden sollte. Außerdem beerbten die Geschwister im Todesfalle eines das andere. Bitte, vergessen Sie das nicht. Das ganze große Vermögen, das Alfred in einigen Monaten erhalten hätte, geht nun an seine jüngere Schwester über. Es wird ihr am fünfundzwanzigsten Geburtstag ausgezahlt oder wenn sie heiratet. Die Wichtigkeit dieser Sache werden Sie verstehen, wenn ich Ihnen sage, daß der Mann, den ich in Verdacht des Mordes habe, der Bräutigam von Marie Roese ist!

Herr Bauer machte eine Pause, aber Hewitt zog nur die Augenbrauen hoch.

Ich habe den Mann nie recht leiden mögen, setzte Bauer seine Erzählung fort; er wußte nie etwas zu sagen. Ich liebe es, wenn ein junger Mann sicher auftritt und eine eigene Meinung äußert. Zu viel Bescheidenheit ist niemals echt. Wer in der Welt vorwärtskommen will, darf nicht bescheiden und zurückhaltend sein, und er war klug genug, das zu wissen.

Ach, er ist also arm, warf Hewitt dazwischen.

Arm wie eine Kirchenmaus. Er heißt übrigens Steffen Mark und ist Arzt. Er hat zwar noch nicht praktiziert, weil er es sich noch nicht leisten kann, ganz selbständig anzufangen, aber er war Assistent. Nur er kann aus Roeses Tod Vorteil ziehen. Wenigstens hoffte er das, wir aber werden es verhindern. Was Marie betrifft, so hätte sie lieber ihr ganzes Geld dahin gegeben, als den Bruder zu verlieren.

Und nun zu den näheren Umständen des Todesfalles, bitte, bemerkte Hewitt.

Ich komme sogleich darauf. Alfred Roese war gesundheitlich ziemlich herunter und Mark überredete ihn zu einer Luftveränderung. Ich weiß nicht genau, um was es sich gehandelt, aber ich glaube, Roese hatte Liebeskummer oder sonst so was. Er war so gut wie verlobt gewesen und die junge Dame starb. Kurz, er war derart nervös, daß er eine Veränderung brauchte. Steffen Mark hatte immer großen Einfluß auf ihn, er war vier bis fünf Jahre älter, und so bewog er ihn, mit ihm zu reisen. Er hatte einen kleinen abgelegenen Ort im Westen von Irland ausgesucht, berühmt durch seinen Lachsfang. Ich fand gleich die Wahl des Ortes sehr sonderbar, aber Mark setzte seinen Willen durch. Sie mieteten sich in einer sogenannten Fischerhütte ein, einem kleinen Hause, besonders hergerichtet zur Unterkunft für Herren, die dem Lachsfang huldigen. Sie waren noch nicht lange dort, als die Pockenepidemie ausbrach – sie hat sicher nichts mit dem Tode des armen Alfred zu tun. Alfred schien es gut zu gehen. Da erhielt seine Mutter, eine ältere leidende Dame, vor ungefähr acht Tagen einen Brief von Mark.

Herr Bauer reichte Martin Hewitt einen Brief hin. Die Schriftzüge bewiesen, daß der Schreiber in größter Aufregung gewesen war. Das Schreiben lautete:

 

Verehrte liebe Frau Roese!

Sie haben wohl schon durch die Zeitung oder durch Alfreds Briefe erfahren, daß eine schwere Pockenepidemie hier ausgebrochen ist. Zu meinem größten Leidwesen muß ich Ihnen die Mitteilung machen, daß Alfred von der tückischen Krankheit erfaßt ist. Heute – Dienstag – entdeckte ich die ersten Anzeichen und steckte ihn sofort ins Bett. Es ist ein Glück, daß ich selbst Arzt bin, denn der nächste Doktor wohnt weit ab und ist außerdem Tag und Nacht beschäftigt. Ich habe meinen Medizinkasten mit, kann alles übrige in Cullanin bekommen, und so hoffe ich, ihn durchzubringen, wenn auch der Fall ein schwerer ist. Ich bitte Sie aber, sich nicht unnötig aufzuregen, und vor allen Dingen nicht herzukommen. Sie können gar nichts helfen und setzen sich nur selbst der Gefahr aus. Ich werde Ihnen regelmäßig Nachricht senden, also bitte, kommen Sie nicht. Die Reise ist lang und anstrengend, auch müßten Sie in Cullanin, dem Sitz der Krankheit, wohnen. Ich schreibe morgen wieder.

Ihr herzlich ergebener
Steffen Mark.

 

Die Handschrift zeigte nicht nur große Erregung des Schreibers, es waren auch Worte wiederholt, Buchstaben ausgelassen. Hewitt legte den Brief zu dem Zeitungsausschnitt, und Bauer fuhr fort:

Am nächsten Tage kam wieder ein Brief. Wie Sie sehen, ist er kürzer und nicht ganz so erregt geschrieben. Mark teilt nur mit, daß es Alfred schlechter gehe, und beschwört Frau Roese wiederum, ja nicht zu kommen. Hewitt warf einen Blick auf die Zeilen und legte sie zu den anderen. Bauer erzählte weiter.

Trotz alledem schwankte Frau Roese doch, ob sie reisen sollte oder nicht, und sie hatte sich eben dazu entschlossen, als ein dritter Brief kam, der Alfreds Tod meldete. Hier ist er. Es ist ein Brief, wie man ihn unter solchen Umständen schreibt, voller Teilnahme und Trauer, und doch klingt er nicht ganz echt. Die Krankheit war sehr bösartig aufgetreten und hatte den Kranken schnell dahingerafft. Aber, ich bitte dies wiederum genau zu beachten, er wiederholt auch jetzt noch seine dringende Bitte, daß weder Mutter noch Schwester nach Irland kommen möchten. Das Begräbnis müsse sofort stattfinden, sie könnten gar nicht zur Zeit dort sein. Ist das nicht alles äußerst verdächtig? Kein Verwandter des Verstorbenen soll in der Nähe sein, weder während der Krankheit noch zur Beerdigung!

Vielleicht, aber es kann auch wahre Besorgnis für Frau und Fräulein Roeses Gesundheit sein, meinte Hewitt. Es ist eigentlich ganz vernünftig, was Mark schreibt. Sie konnten gar nichts mehr helfen und setzten sich nur der Ansteckung aus. Die Reise ist sehr weit, und sagten Sie nicht auch, daß Frau Roese leidend sei?

Jawohl, sie hat ein Herzleiden und muß sich sehr schonen. Aber nun sagen Sie mir, bitte, als Unparteiischer, ob diese Briefe nicht gezwungen und unwahr klingen?

Man könnte das herauslesen, aber es ließe sich andererseits wieder erklären. Die Krankheit war von Anfang an vielleicht schlimmer, als er gesagt hatte. Was erfolgte auf diesen letzten Brief?

Frau Roese brach natürlich zusammen. Ihre Tochter ließ mich als Freund des Hauses rufen, und so erfuhr ich alles. Ich las die Briefe, und ich hatte den Eindruck, daß etwas nicht stimmte. Alfred allein mit dem einzigen Mann, der durch seinen Tod etwas gewinnen konnte, fern von den Seinen in einer einsamen Hütte! Außerdem hatte Mark seinen Arzneikasten mit. Roese stirbt plötzlich, Mark zeigt seinen Tod an und stellt als Arzt den Totenschein aus, was immer für falsches Spiel dabei gewesen sein mag. Kein Verdacht fällt auf ihn. Niemand ist dort, um Erkundigungen einzuziehen. Wenn man durch den Tod eines anderen zu Geld kommen kann, so ist ein Arzneikasten ein glänzendes Hilfsmittel.

Haben Sie den Damen gegenüber irgendeinen Verdacht geäußert?

Ich fürchte ja, das heißt nur so angedeutet. Sie wollten natürlich nichts davon wissen und gerieten so außer sich, daß ich sie nur mit Mühe beruhigen konnte. Da ich es aber für meine Pflicht hielt, Klarheit zu schaffen, so reiste ich am selben Abend ab und kam früh morgens in Dublin an. Von dort ging es quer durch Irland. Die nächste Station war anderthalb Stunden von Cullanin entfernt, und von dort hatte ich noch drei Viertelstunden Weges bis zur Hütte. Ich fuhr am andern Morgen hin. Mark war mehr als überrascht, als er mich sah. Er war geradezu entsetzt, und mein Verdacht wurde stärker. Die Leiche war natürlich schon unter die Erde gebracht. Ich stellte einige eindringliche Fragen über den Verlauf der Krankheit u. s. w., und Mark wurde mehr und mehr verwirrt. Er hatte, wie er mir sagte, die Kleider von Roese verbrannt, sobald sich die ersten Symptome gezeigt, und später auch das ganze Bettzeug, da er keine genügenden Desinfektionsmittel auftreiben konnte. Seine Erzählung war ungefähr folgende: Er war eines Morgens nach Cullanin gegangen, um eine Angel ausbessern zu lassen. Als er am frühen Nachmittag zurückkam, fand er Alfred krank vor, brachte ihn sofort zu Bett und pflegte ihn, bis er starb. Ich fragte natürlich, warum er keinen anderen Arzt hinzugezogen habe, und bekam die Antwort, daß nur noch einer am Ort sei, und der wäre so überbürdet, daß er gar nicht sofort hätte kommen können. Außerdem hätte er dem Kranken auch gar keine so sorgsame Pflege angedeihen lassen können wie er selbst, der nichts weiter zu tun hatte. Darauf sagte ich ihm klar und deutlich, daß es vorsichtiger gewesen wäre, anderen ärztlichen Rat einzuholen, daß er selbst soviel durch Roeses Tod zu gewinnen habe, und daß die Exhumierung der Leiche durchaus wünschenswert erscheine. Die Wirkung meiner Worte überzeugte mich.

Was sagte er? fragte Hewitt.

Zuerst wurde er leichenblaß vor Schreck. Es dauerte eine volle Minute, ehe er sich fassen konnte und mich von meinem Vorhaben abzubringen suchte. Dies gab den Ausschlag. Ich erklärte rundweg, daß sein Benehmen stark verdächtig sei und daß ich darauf bestehen müßte, die Leiche auszugraben. Ich ging sofort nach Cullanin zurück, um mich mit der Behörde in Verbindung zu setzen. Als ich nachmittags zurückkam, war Steffen Mark mit seinen Siebensachen verschwunden, und ich habe nichts mehr von ihm gesehen oder gehört. Ich blieb noch einen Tag in der Umgegend und reiste dann nach London zurück. Mit Hilfe meines Anwalts und in Anbetracht von Marks Flucht erhielt ich die Erlaubnis zur Exhumierung und veranlaßte sofort alles Nötige. Stündlich erwarte ich Nachricht über das Ergebnis. Ihre Sache, Herr Hewitt, ist es nun, Mark zu finden und die Art des Mordes zu entdecken. Es ist möglich, daß Mark an der Leiche Vorkehrungen getroffen hat, die auf »Tod an Pocken« schließen lassen können.

Das ist wohl kaum wahrscheinlich, meinte Hewitt, denn sonst hätte er ja die Leiche einem anderen Doktor zeigen können. Das hätte ihn von jedem Verdacht gereinigt. Aber einen Arzt kann man nicht so leicht betrügen. Natürlich ist die Exhumierung dringend nötig – übrigens keine beneidenswerte Arbeit für die Aerzte, falls Roese doch an den Pocken gestorben ist. Jedenfalls wird Ihr Fall keinen großen Zeitaufwand beanspruchen und ich werde ihn übernehmen. Ich reise heute abend nach Irland.

Gott sei Dank! Ich reise natürlich mit. Sollte ich bis dahin Neues hören, erhalten Sie sofort Nachricht.

Zwei Stunden später hielt ein Wagen vor der Tür, und eine junge Dame in tiefer Trauer gab ihre Karte ab und wurde sofort in Hewitts Zimmer geführt.

Es war Fräulein Marie Roese. Sie war tief verschleiert und so bewegt, ja fassungslos, daß Hewitt sie bat, sich erst zu beruhigen. Endlich sagte sie: Ich mußte zu Ihnen kommen, Herr Hewitt, und nun ich hier bin, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Ist es richtig, daß Herr Bauer Sie beauftragt hat, die näheren Umstände von meines Bruders Tod zu untersuchen und Herrn Mark aufzufinden?

Jawohl, Fräulein Roese, das stimmt. Können Sie mir irgend etwas sagen, was mir helfen kann?

Ich fürchte, nein, Herr Hewitt. Es ist alles so schrecklich, und Herr Bauer ist so voreingenommen gegen Herrn Mark, daß ich das Gefühl habe, ich muß etwas tun. Wenigstens möchte ich Sie bitten, die Sache nicht zu übernehmen mit der Voraussetzung, daß Herr Mark eine solch furchtbare Tat begangen hat. Er ist dessen gar nicht fähig.

Befürchten Sie nichts Derartiges, Fräulein Roese, sagte Hewitt; wenn Herr Mark einer solchen Tat nicht fähig ist, so kann ihm ja nichts geschehen. Ich übernehme den Fall ohne jede Voreingenommenheit, dessen seien Sie versichert. In meinem Beruf darf man keine Vorurteile haben, wir würden nicht weit damit kommen. Ich halte mich an nackte Tatsachen und werde mir kein eigenes Urteil bilden, ehe ich nicht an Ort und Stelle bin. Ich weiß, in welchen Beziehungen Herr Mark zu Ihnen und Ihrer Familie steht. Haben Sie kürzlich von ihm gehört?

Nichts, seitdem er den Tod meines Bruders gemeldet hat.

Aber gewiß?

Fräulein Roese zögerte. Ja, wir haben korrespondiert, aber – aber – es stand wirklich nichts in den Briefen, nur rein Persönliches und …

Ich verstehe, beeilte sich Hewitt zu sagen, ich verstehe. Er heftete die Augen scharf auf Fräulein Roese, die den Schleier nicht zurückgeschlagen hatte. Und sonst können Sie mir nichts sagen?

Nein. Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß, was Sie auch sehen und hören mögen, was für Beweise Sie auch erbringen, ich fest, fest, fest an Steffens Unschuld glaube. Und Fräulein Roese verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Hewitt beobachtete sie weiter, aber er lächelte und fragte: Seit wann kennen Sie Herrn Mark?

Seit fünf oder sechs Jahren. Mein armer Bruder kannte ihn schon von der Schule her, wenn sie auch natürlich nicht in derselben Klasse waren; Herr Mark ist älter.

Haben die beiden immer gut zueinander gestanden?

Sie waren wie Brüder.

Weiter wurde nichts gesprochen. Hewitt war teilnehmend besorgt um Fräulein Roese, die sich endlich so weit gefaßt hatte, daß sie fortgehen konnte. Als sie die Treppe hinunterging, kam ein Bote von Herrn Bauer mit einem Brief. Dieser enthielt ein Telegramm folgenden Inhalts:

 

Leiche exhumiert. Tod durch Schußwunde. Kein Anzeichen für Pocken. Nichts von Mark gehört. Totenschau findet sofort statt.

Reiler.

*

Hewitt und Bauer reisten zusammen nach Irland. Herr Bauer war unruhig und gesprächig, Hewitt schweigsam und gelangweilt. Er weigerte sich sehr entschieden, irgendeine Meinung zu äußern, ehe er nicht alle Indizienbeweise in Händen habe, und seine gelegentlichen Bemerkungen über andere Dinge, wie über Aussicht, Reise u. s. w., erschienen Bauer gleichgültig und herzlos. Ein Telegramm war abgeschickt worden, daß nichts in der Hütte geändert oder fortgenommen werde bis zur Ankunft der beiden Herren. Hewitt wußte, daß vorläufig nichts weiter zu tun war. In Ballymaine verließen sie den Zug und blieben dort über Nacht, um am anderen Morgen nach Cullanin zu fahren, wo sie sich mit Doktor Reiler im Leichenschauhaus treffen sollten.

Die Leiche war gänzlich entkleidet und schon etwas in Verwesung übergegangen. In der Mitte der Brust, an der linken Seite, war ein kleines Loch. Die Wunde war gründlich ausgewaschen und das Blut gestillt worden – vor der Beerdigung, sagte Doktor Reiler.

Dieser war ein Mann mittleren Alters, grauhaarig, und sein Gesicht zeigte deutliche Spuren vieler schlaflosen Nächte.

Ich halte es nicht für notwendig, die Leiche zu sezieren. Die Kugel ist nicht da, sie ist glatt durch den Körper gegangen, mitten durch die Rippen, und hat das Herz durchbohrt. Der Tod muß augenblicklich eingetreten sein.

Hewitt untersuchte die Wunde und fragte dann: Sie haben sicherlich einige Erfahrungen in Schußwunden, Herr Doktor?

Der Doktor lächelte herb. Das sollte ich meinen, antwortete er, ich war Militärarzt, ehe ich nach Cullanin kam, und war in Indien.

So sind Sie also Sachverständiger! rief Hewitt. Ist es möglich, daß die Kugel vom Rücken her eingedrungen ist?

Sicher nicht. Sehen Sie, der Einschuß hinterläßt eine ganz andere Wunde als der Ausschuß.

Haben Sie eine Ahnung, was für eine Waffe gebraucht wurde?

Ein großer Revolver, sollte ich meinen. Die Kugel muß klein gewesen sein, kleiner als eine Gewehrkugel.

Können Sie die Entfernung angeben, aus der der Schuß abgegeben wurde?

Doktor Reiler schüttelte den Kopf. Die Kleider sind alle verbrannt, sagte er, und die Wunde ist ausgewaschen, sonst hätte man einige Anhaltspunkte.

Haben Sie den Toten oder Herrn Mark persönlich gekannt?

Nur ganz flüchtig. Einen Tag, ehe ich von Roeses Krankheit hörte, sah ich Mark mit einem Revolver in der Hand. Ich fuhr an der Hütte vorbei. Er stand mit der Pistole in der Tür. Er hatte die Ladekammer geöffnet und schien zu laden oder eine Patrone herauszunehmen. Ich konnte es nicht genau sehen.

Danke, Herr Doktor. Ihre Mitteilung ist sehr wichtig. Können Sie mir nun noch irgend etwas sagen, was diese Sache lichten könnte?

Doktor Reiler besann sich einen Augenblick, dann sagte er: Ich hatte natürlich von der Erkrankung gehört und daß Mark die Behandlung übernommen hatte. Ich gestehe, daß mir letzteres sehr lieb war, denn ich hatte schon mehr zu tun, als ich leisten konnte. Die Hütte lag abgelegen; es brauchten keine weiteren Vorsichtsmaßregeln getroffen zu werden. Soviel ich weiß, hat niemand den jungen Roese mehr gesehen, weder während der Krankheit noch nach seinem Tode. Mark scheint alles selbst besorgt zu haben: Leichenwäsche, Einsargung u. s. w. Der Sargtischler ist ebenso mit Arbeit überhäuft wie ich und froh, wenn er nicht alles selbst besorgen muß. Mark hat auch den Totenschein ausgestellt, wozu er vollberechtigt war, und so schien alles in bester Ordnung zu sein.

Der Totenschein gab nur an: »An Pocken gestorben,« ohne weitere Bemerkungen, nicht wahr?

Jawohl.

Hewitt und Bauer verließen den Doktor und fuhren zur Hütte, wo Alfred Roese seinen Tod gefunden hatte. Beim Rathaus ließ Hewitt halten und stellte seine Uhr nach der Normalzeit. Hier ist man eine halbe Stunde später dran als in London, sagte er, und wir dürfen mit den Einwohnern nicht darüber in Konflikt geraten.

Während er noch sprach, kam Doktor Reiler atemlos angelaufen: Ich habe eben etwas erfahren. Drei Männer haben einen Schuß gehört, als sie an der Hütte vorbeikamen – am vergangenen Dienstag.

Wo sind die Leute?

Ich weiß es nicht, aber sie können leicht gefunden werden. Soll ich es veranlassen?

Wenn es Ihnen möglich ist, ja, sagte Hewitt; Sie erweisen uns damit einen großen Dienst. Wollen Sie den Leuten sagen lassen, so bald wie möglich zur Hütte zu kommen, jeder bekäme zehn Schilling.

Schön, es soll besorgt werden. Guten Morgen, meine Herren.

Vergangenen Dienstag, sagte Bauer, als sie weiterfuhren, das ist das Datum von Marks erstem Brief, in dem er schrieb, daß Roese erkrankt sei. Wenn dieser Schuft Alfred getötet hat, so muß die Leiche da gelegen haben, während er die Berichte über Krankheit und Tod machte. So ein kaltblütiger Halunke!

Ja, erwiderte Hewitt, ich halte es auch für wahrscheinlich, daß Roese an dem Dienstag erschossen wurde. Es wäre für Mark gefährlich gewesen, die lügenhaften Briefe an die Mutter früher zu schreiben. Roese hätte inzwischen selbst noch schreiben können, oder irgend etwas konnte passieren, um Marks Vorhaben zu verhindern, dann hätte er unmögliche Ausreden erfinden müssen.

Auf sehr holprigem Wege fuhren sie weiter, bis sie an die Stelle kamen, wo sich der Weg zu einem Pfad verengte. Dort stand ein ziemlich verfallenes Bauernhaus.

Hier wohnt die Frau, die für die beiden Herren kochte und die Zimmer reinigte, erklärte Herr Bauer. Kaum hundert Meter weit ist die Hütte, rechts am Wege. – Wir wollen hier halten und mit der Frau reden, schlug Hewitt vor. Ich möchte so schnell wie möglich die Aussagen aller Zeugen sammeln, das erleichtert wesentlich jede weitere Nachforschung. Sie stiegen aus; Herr Bauer rief mit Stentorstimme ins Haus und klopfte an die Tür. Eine anständig aussehende Frau erschien. Sie mochte erst fünfzig Jahre alt sein, aber ihr Gesicht war über und über mit Runzeln bedeckt. Sie knickste freundlich.

Guten Tag, Frau Hurter, Guten Tag! rief Herr Bauer. Dies ist Herr Martin Hewitt, ein Herr aus London, der der traurigen Ermordung unseres jungen Freundes Roese auf den Grund gehen will. Er möchte Sie einiges fragen, Frau Hurter. Die Frau knickste wieder. Gern, gern, sagte sie. Der Herr soll alles erfahren, was ich weiß. Sie hatte eine weiche, angenehme Stimme, im Gegensatz zu ihrem häßlichen Aeußeren.

Wollen die Herren nicht eintreten? Gebenedeite Jungfrau! Und die beiden lebten wie Brüder zusammen. Es war ein feiner, feiner Herr!

Ich vermute, Frau Hurter, daß Sie mehr von dem Leben und Treiben der beiden Herren gesehen haben als irgend jemand, sagte Hewitt.

Das stimmt, niemand weiß mehr davon.

Haben Sie jemals bemerkt, daß irgend jemand, Herr Mark oder ein anderer, dem jungen Herrn Roese nicht wohlwollte?

Keine Seele, Herr. Wie wäre das auch möglich? So ein feiner junger Herr und immer so freundlich!

Erzählen Sie, bitte, alles, was an dem Tag geschah, als Sie von Herrn Roeses Krankheit hörten – am vergangenen Dienstag.

Am Morgen war alles wie gewöhnlich. Ich ging um halb acht Uhr hinüber, und eine halbe Stunde später standen die Herren auf. Sie frühstückten, aber Herr Roese aß immer sehr wenig. Es war halb zehn Uhr, als Herr Mark nach Cullanin ging, und Herr Roese blieb zu Hause, um Briefe zu schreiben. Eine halbe Stunde später ging ich auch fort. So gegen elf Uhr kam ich noch einmal hin, um einen Eimer Wasser zu holen, und sah durchs Fenster, daß der liebe junge Herr ruhig am Tische saß und schrieb – und in dieser Welt sah ich ihn nicht wieder.

Und dann?

Dann ging ich mit dem Eimer zurück und sah und hörte nichts mehr bis zwei Uhr, als Herr Mark aus Cullanin zurückkam.

Sahen Sie ihn, als er kam?

Jawohl, Herr, ich stand gerade am Zaun und nagelte ein Brett fest, das Schwein war dort ausgebrochen. Ich wartete schon lange auf ihn, er brachte oft etwas fürs Mittagessen mit. Er machte mir auch ein Zeichen, wie spät es nach der Stadtzeit sei.

Und war das zwei Uhr?

Schlag zwei! Und meine eigene alte Uhr ging ganz richtig, als ich sie stellen wollte. Und …

Einen Augenblick; kann ich Ihre Uhr sehen?

Frau Hurter machte eine Tür zu, die die alte Wanduhr verdeckt hatte, und Hewitt verglich sie mit seiner Taschenuhr.

Sie stimmt immer noch, sagte er; Ihre Uhr geht ausgezeichnet, Frau Hurter.

O ja, Herr, und sie ist erst zweimal gereinigt, seitdem mein Vater selig – die heilige Jungfrau bitt' für ihn – sie hier aufgehängt hat. Es ist keine schlechte Uhr, wie Herr Roese oft sagte, und ich habe immer Normalzeit. Aber was ich sagen wollte, Herr Mark kam auch noch heran und sagte mir die genaue Zeit. Dann ging er ins Haus und ich sah ihn erst nach drei Uhr wieder.

Und was weiter? fragte Hewitt die alte Frau.

Dann kam er zu mir herüber in schrecklicher Aufregung und gab mir einen Brief. »Bringen Sie ihn sofort nach Cullanin,« sagte er, »Herr Roese hat die Pocken, sehr schlimm, und Sie dürfen nicht in die Nähe der Hütte kommen. Ich habe ihn ins Bett gesteckt, und seine Kleider werde ich hinterm Haus verbrennen,« sagte er; »wenn Sie Rauch sehen, wissen Sie also, warum. Ein Doktor ist nicht nötig, ich bin selbst einer,« sagte er. »Zur Hütte dürfen Sie nicht kommen, bis es so oder so vorüber ist. Alles, was wir zum Essen und Trinken brauchen, können Sie mitten auf den Weg stellen, ich hole es dann. Besorgen Sie den Brief gleich, er ist nicht ansteckend, ich habe ihn desinfiziert,« sagte er.

Und ging er dann gleich zur Hütte zurück?

Ja, Herr, das tat er, und schrecklich sah er aus, weiß wie Kalk. Kein Wunder, so ein Mordbube! Und er schien doch so ein feiner Herr zu sein. An dem Tage sah ich nichts mehr von ihm. Am nächsten Morgen lag ein Brief bei dem gebrauchten Geschirr in der Mitte des Weges, und Herr Mark rief mir zu, daß er gleich besorgt werden sollte. Er war an die Mutter des armen jungen Herrn, gerade wie der erste Brief. Und den Tag danach waren es zwei Briefe, an die Mutter und an den Leichenbestatter, und er sagte mir, es sei alles vorbei. Am nächsten Morgen begruben sie ihn.

So waren Sie also seit der Zeit, wo Sie den Eimer geholt und Herrn Roese am Schreibtisch gesehen hatten, nicht in die Nähe der Hütte gekommen?

Nein, Herr, und das darf Sie nicht wundern. Mit den Kindern, und mein Mann selbst krank im Hause, und …

Natürlich, das war ganz in der Ordnung. Sie haben ja auch nur nach Vorschrift gehandelt, beruhigte sie Hewitt. Nun, überlegen Sie einmal: Haben Sie an irgend einem Tage einen Schuß gehört oder irgend ein ungewöhnliches Geräusch in der Hütte?

Nichts, rein gar nichts, Herr. Ich habe schon immerzu überlegt. Es kann ja gewesen sein, aber ich habe nichts gehört.

Nachdem Sie den Eimer geholt hatten und ehe Herr Mark zurückkam, hat da Herr Roese die Hütte verlassen und hätten Sie es sehen müssen?

Soviel ich weiß, ist er nicht herausgekommen, aber er hätte es tun können, ohne daß ich bemerkte, wie er ein und aus ging.

Danke Ihnen, Frau Hurter. Nun wollen wir hinüber zur Hütte gehen. Wenn irgend jemand kommt, wollen Sie ihn, bitte, nachschicken. Ein Schutzmann ist vermutlich dort.

Gewiß, Herr. Es sind noch mehr in der Nähe zur Bewachung.

Hewitt und Bauer gingen zur Hütte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, bemerkte Bauer, daß die Frau gesehen hat, wie Roese Briefe schrieb? An wen waren die Briefe, und wo sind sie? Er hatte keine weitere Korrespondenz als die mit Mutter und Schwester, und sie haben nichts von ihm gehört. Steckt da noch etwas anderes dahinter? Die Sache wird immer verwickelter.

Ja, meinte Hewitt nachdenklich, ich glaube auch, daß unsere Nachforschungen uns weiter führen werden, als wir erwartet haben. Was die Briefe anlangt? Nun, ich vermute, daß sie sehr nahe beim Kernpunkt des Geheimnisses liegen!

Sie hatten die Hütte erreicht, einen ungewöhnlich festen Bau aus einfachen Ziegelsteinen mit einem Schieferdach. Auf dem Stückchen Land dahinter waren noch die Reste des Feuers zu sehen, wo Mark die Kleider und sonstigen Sachen von Roese verbrannt hatte.

Vor der Tür saß ein stämmiger Schutzmann, der sofort aufstand und Herrn Bauer begrüßte.

Guten Tag, sagte Bauer, ich hoffe, es ist nichts angerührt worden?

Nicht ein Stück, Herr, kein Mensch ist hereingekommen.

Ist eines der Fenster geöffnet oder geschlossen worden? fragte Hewitt.

Dieses eine, Herr – der Schutzmann deutete auf das hinter ihm liegende – als sie die Leiche forttrugen, und auch das in der Ecke. Es sind die Schlafzimmerfenster, und diese machten sie auf, um etwas frische Luft hereinzulassen. Das Fenster im Wohnzimmer ist nicht geöffnet worden.

Gut, sagte Hewitt, wir wollen uns das geschlossene Fenster von innen ansehen.

Die Tür wurde aufgemacht, und sie gingen hinein. Sie kamen in einen kleinen Flur, und links war das Schlafzimmer mit zwei Betten. Das einzige größere Zimmer war die Wohnstube. Mehr enthielt die Hütte nicht, nur noch einen kleinen Nebenraum und ein Kabinett, das, zwischen Schlaf- und Wohnzimmer liegend, als Badezimmer benützt wurde. Sie gingen zu dem einzigen Fenster des Wohnzimmers.

Es war ein gewöhnliches Schiebefenster, das heruntergelassen, also geschlossen war, der Riegel aber war nicht vorgeschoben. Hewitt untersuchte diesen und machte Herrn Bauer auf einen hellen Strich aufmerksam, der in dem Messing eingekratzt war.

Sehen Sie, sagte er, diese Schramme paßt genau auf den schmalen Raum zwischen den Fensterrahmen, und sehen Sie weiter – er zog das untere Fenster etwas hinauf – hier am oberen Fensterrahmen ist ein Einschnitt, der von einem Messer herrührt. Jemand ist durch das Fenster eingestiegen, nachdem der Riegel gewaltsam mit einem Messer zurückgestoßen worden war.

Ja, ich sehe es, rief Herr Bauer aufgeregt; und er ist wieder zum Fenster hinausgeklettert, denn es ist geschlossen, aber nicht verriegelt. Warum tat er das, und was bedeutet das alles?

Ehe Hewitt antworten konnte, steckte der Schutzmann den Kopf ins Zimmer und meldete, daß ein gewisser Lorenz Schaumann da sei, dem zehn Schilling versprochen wären.

Einer der Männer, die den Schuß gehört haben, sagte Hewitt zu Bauer.

Führen Sie ihn herein. Der Schutzmann holte Lorenz Schaumann, und dieser brachte einen starken Schnapsduft mit. Er war ziemlich zerlumpt, hatte nur ein Auge, und deshalb legte er den Kopf etwas zur Seite und sah Hewitt wie ein Papagei an. Auf seinem Gesicht war Sonnenbräune mit flammender Röte gemischt und seine Stimme klang heiser. Er hielt seinen Hut auf den Magen gedrückt und machte eine linkische Verbeugung.

Wer von den Herren ist es, der mir durchaus ein Goldstück schenken will?

Ich bin es, sagte Hewitt, und er klimperte mit dem Geld in der Tasche. Aber erst sollen Sie einige Fragen beantworten. Ihr sollt einen Schuß gehört haben, der in dieser Gegend abgefeuert wurde?

So wahr ich lebe, das stimmt, Herr. Der Schuß fiel in diesem Hause und in keinem anderen.

Und wann war es?

Es war nachmittags.

Aber an welchem Tage?

Vergangenen Dienstag, Herr. Das weiß ich genau, weil an dem Tage Jahrmarkt war.

Erzählen Sie.

Also, Herr. Ich kam nicht weit von Cullanin her und trieb Schweine zum Jahrmarkt nach Ballisfeld. In Cullanin traf ich mit Daniel Mullark zusammen, der denselben Weg machen wollte, und während wir ein Gläschen tranken, kam Peter Grahl noch dazu. Und so tranken wir noch ein Gläschen, vielleicht auch mehr, und gingen dann los. Als wir nun gerade ganz genau gegenüber von dieser Hütte waren, hörten wir einen lauten Knall und blieben alle drei stehen. »Was war das?« sagte Daniel. »Es war ein Schuß,« antwortete ich, »er kam aus der Ziegelhütte.« »So ist es,« sagte Peter, und wir sahen uns alle an. »Was sollen wir tun?« fragte ich. »Was fällt dir ein, es geht uns nichts an,« sagte Daniel. »So ist es,« sagte Peter wieder und wir gingen weiter. Es war ja sonderbar, aber einer der Herren hatte vielleicht nur sein Gewehr entladen, und so – und so – Schaumann kratzte sich hinter dem Ohr – und so gingen wir weiter.

Und wißt Ihr, zu welcher Zeit es war?

Schaumann nahm das Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger und starrte mit seinem einen Auge nachdenklich zu Boden. Es wird wohl, warten Sie mal, es wird wohl, und er sah auf, ja, es wird wohl halb drei Uhr gewesen sein, oder vielleicht näher an drei.

Und Mark war um zwei Uhr nach Hause gekommen, rief Herr Bauer und schlug mit der Faust auf den Tisch, das gibt den Ausschlag! Wir haben ihn auf die Minute festgenagelt.

Hattet Ihr eine Uhr bei Euch? fragte Hewitt. – Zum Teufel, Herr, wo sollten wir eine Uhr her haben? Ich hab's ausgerechnet, inwendig. Es ist eine gute Stunde von Cullanin und wir gingen erst eine halbe Stunde später fort, nachdem es vom Rathaus zwölf geschlagen hatte. Wir brauchten mehr als zwei Stunden auf dem holperigen Weg, und mit den Schweinen und von wegen der paar Gläschen, Herr. Er blinzelte uns schlau an: So habe ich's ausgerechnet.

Jetzt kam der Schutzmann mit noch zwei Männern. Außer daß jeder von ihnen zwei gesunde Augen hatte, waren sie ein getreues Abbild von Schaumann. Sie waren beide zerlumpt und keiner schien Abstinenzler zu sein. Daniel Mullark und Peter Grahl, meldete der Schutzmann. Die Erzählungen der beiden stimmten mit der vorhergegangenen überein. Sie alle hatten den Schuß gehört, das war klar. Was Daniel zu Peter und was Peter zu Daniel gesagt hatte, war nebensächlich. Sie waren auch alle einig, daß es am Dienstag, am Tage des Jahrmarktes gewesen sei. Aber über die Stunde stritten sie sich.

Es war bald nach ein Uhr, sagte Daniel.

Bald nach dem Tode deiner Großmutter! rief Schaumann wütend. Es war mindestens halb drei. Ehe wir von Cullanin fortgingen, hatte es eine halbe Stunde vorher zwölf geschlagen. Das hast du auch gehört.

Nein, es schlug elf und wir gingen fünf Minuten später fort.

Red' kein Blech, Daniel, ich habe gezählt; es war zwölf.

Dann hast du falsch gezählt; bei mir war's elf.

Keiner hat recht, unterbrach sie Peter Grahl; es war noch nicht elf, als wir fortgingen, wahr und wahrhaftig nicht.

Dann mußt du aber sternhagelvoll gewesen sein, sagte Daniel. Und nun stritten sich alle drei heftig herum, bis Hewitt dazwischenfuhr:

Laßt nur gut sein, die Zeit ist nicht so wichtig, ihr könnt das unter euch abmachen. Kann einer von euch sich erinnern, nicht ausrechnen, sondern erinnern, wann ihr in Ballisfeld angekommen seid? Die genaue Zeit nach der Uhr, nicht erraten!

Keiner hatte auf die Uhr in Ballisfeld gesehen.

Erinnert ihr euch, wann ihr nach Hause gekommen seid?

Das konnten sie auch nicht. Sie sahen sich verstohlen an und grinsten.

Ach so, ich verstehe, sagte Hewitt gutmütig, das genügt. Hier sind für jeden zehn Schilling. Er gab ihnen das Geld, die Männer dankten mit unbeholfener Verbeugung und verließen das Zimmer. Aber Lorenz Schaumann kam zurück und flüsterte geheimnisvoll: Vielleicht wünschen der Herr, daß ich alles beschwöre? Und was die Zeit war …

Nein, danke, lachte Hewitt, euer Wort genügt mir, Schaumann, und schob ihn zur Tür hinaus.

Nichts als Widersprüche, sagte Bauer ärgerlich. Die reine Zeitverschwendung.

Gewiß nicht, antwortete Hewitt, weder Zeit- noch Geldverschwendung. Eines ist doch klar: Der Schuß wurde am Dienstag abgefeuert, die Männer waren in nächster Nähe, darüber herrscht kein Zweifel.

Es ist das einzige, worüber sie einig sind. Im übrigen widersprechen sie sich vollständig. Wüßten wir die genaue Zeit, wäre es natürlich besser. Aber eigentlich ist es mehr wert, daß sie verschiedene Auffassung hatten. Hinsichtlich der Zeit irren sich wahrscheinlich alle drei. Es wäre wohl etwas gewagt, ihren Angaben blind zu glauben, sie hatten nur Vermutungen und waren sicherlich total betrunken. Hätten sie zufällig dieselbe Zeit angegeben, so wären wir vielleicht auf falsche Fährte geraten. Ueber den Schuß läßt sich nicht streiten. Wollen Sie sich nicht mit einem Buch hier hinsetzen? Ich möchte eine genaue Untersuchung vornehmen, was Sie vermutlich langweilen wird.

Herr Bauer wollte seine Gedanken nicht ablenken: Ich verstehe die Geschichte mit dem Fenster nicht, sagte er, ganz und gar nicht. Warum ist Mark herein- und hinausgeklettert, die Tür war doch da?

Hewitt fing nun an, Fußboden, Decke, Wände und das Mobiliar des Wohnzimmers eingehend zu besichtigen. Am Kamin blieb er stehen und holte äußerst sorgfältig ein paar Stückchen verbranntes Papier heraus.

Wollen Sie, bitte, den kleinen Ofenschirm herbringen, damit kein Luftzug an das Papier kommt. Dankeschön. Es scheint Briefpapier, dickes Briefpapier zu sein, da die Asche nicht zerfallen ist. Das Wetter ist schön, seit langer Zeit brannte kein Feuer im Kamin. Diese Briefe sind mit einem Streichholz oder Licht verbrannt worden.

Vielleicht sind es die Briefe, die der arme Alfred am Dienstag-Morgen schrieb, rief Herr Bauer erregt. Aber was helfen sie uns?

Vielleicht gar nichts, vielleicht sehr viel.

Hewitt untersuchte das verbrannte Papier und hielt es gegen das Licht.

Soll ich einmal die Londoner Adresse von Roese erraten? Hampstead, Mountjoy Nr. 17. Stimmt's?

Ja, steht es da? Können Sie es lesen? Zeigen Sie her! Herr Bauer stürzte in größter Aufregung auf ihn zu.

Man kann manchmal Worte auf verbranntem Papier entziffern; dieses ist allerdings sehr zusammengeschrumpft, aber es ist sicher Briefpapier mit eingeprägter Adresse. Er hatte es vermutlich aus London mitgebracht. Sehen Sie, hier ist die Adresse mit Tinte durchgestrichen, aber sonst ist nicht viel zu lesen. Am Anfang des Briefes ist ein großes M, dann ein kleines l, wieder eine Lücke und wieder ein großes M. »Meine liebe« oder »Meine liebste Mutter« wahrscheinlich. Dann kommt noch etwas Unleserliches auf derselben Zeile. Vielleicht »Meine liebe Mutter und Schwester«. Weiter ist nichts zu entziffern. Der erste Buchstabe des folgenden Brieftextes könnte ein W sein, aber er ist zu undeutlich. Es scheint ein langer Brief zu sein, einige Bogen lang, aber sie sind beim Verbrennen zusammengeklebt. Vielleicht sind es auch mehrere Briefe.

Es ist klar, sagte Bauer. Der arme Junge schrieb nach Hause, vielleicht auch an andere. Mark verbrannte den Brief, nachdem er das Verbrechen begangen, denn er hätte ihn ja Lügen gestraft, verraten.

Hewitt ließ sich in seiner Untersuchung nicht stören. Er fuhr mit der Hand über jedes Stück Möbel im Zimmer und setzte die Besichtigung im Schlafzimmer fort. Dort standen die Betten; an jeder Seite eines, mit Gardinen verhängt, die sein scharfes Auge schnell überflog. Dann kamen Badezimmer und Nebenraum an die Reihe. Schließlich ging er hinaus und besah genau jedes einzelne Brett des Zaunes, der in einiger Entfernung vom Wohnzimmerfenster stand, und auch den gepflasterten Weg dazwischen. Dann kam er zu Herrn Bauer zurück. Ich habe eine sonderbare Entdeckung gemacht. Der Schuß ist glatt durch Roeses Körper gegangen, hat keinen Knochen zerschmettert oder sonstigen Widerstand gefunden. Es war, nach Doktor Reiler, ein ziemlich rasanter Schuß, also muß die Kugel, nachdem sie den Körper durchbohrt, in diesem engen Raum doch irgendwo hingeflogen sein. Und doch kann ich nirgends, weder an der Decke noch am Fußboden oder an Wänden und Mobiliar, auch nur die geringste Spur oder die Kugel selbst entdecken.

Die Kugel konnte Mark doch bequem entfernen.

Gewiß, aber nicht deren Spur. Auch sollt' ich meinen, daß die Kugel schwer zu entfernen war, sie muß ja tief eingeschlagen sein. Sehen Sie sich um. Wo könnte hier eine Kugel einschlagen, ohne eine Spur zu hinterlassen?

Herr Bauer blickte ringsumher. Nein, das ist unmöglich, sie muß durchs offene Fenster geflogen sein.

Dann hätte sie den Zaun treffen oder auf dem Weg aufschlagen müssen, erwiderte Hewitt. Ziehen Sie das Fenster ganz hoch. Die Kugel hätte nicht über den Zaun fliegen können, ohne den Fensterrahmen zu treffen. Die Schlafstubenfenster kommen nicht in Betracht, sonst hätten die drei Männer den Schuß gesehen, nicht nur gehört.

Aber wie erklären Sie das alles?

Die Erklärung ist einfach. Entweder ist Roese wo anders erschossen und hergeschleppt worden, oder der Gegenstand, den die Kugel getroffen, ist fortgeschafft, einerlei, was für einer es war.

Ja, natürlich! Wiederum ein Beweisstück, das Mark weggeräumt hat. Jeder Schritt führt uns diesem teuflisch erdachten Plan näher, und dieser gänzliche Mangel handgreiflicher Beweise spricht immer mehr gegen den Halunken. Nur der Tote selbst ist sein Ankläger, der ihn allerdings vollständig vernichtet.

Hewitt sah nachdenklich im Zimmer herum. Ich bin dafür, daß wir Frau Hurter holen lassen; sie muß am besten wissen, ob irgend etwas fehlt.

Der Schutzmann wurde fortgeschickt und kam in ein paar Minuten mit Frau Hurter zurück, die sie sofort eintreten ließen.

Bitte, sehen Sie sich um, Frau Hurter, bat Hewitt, ob hier oder im anderen Zimmer etwas fehlt, was an dem Morgen noch da war, als Sie Herrn Roese zuletzt gesehen.

Sie tat, wie ihr geheißen. Nein, Herr, sagte sie, es ist alles wie sonst.

Jetzt fiel ihr Blick auf den Kamin, und sie fügte sofort hinzu: Außer der Uhr, Herr.

Was für eine Uhr?

Die Uhr stand auf dem Sims an dem Morgen wie immer.

Was für eine Uhr war es?

Es war eine einfache runde Weckeruhr mit Metallgehäuse. Eine amerikanische, sagten die Herren. Sie ging aber ebenso gut wie meine.

Sie ging genau, sagten Sie?

Ja, Herr, sie stimmte mit der meinen wochenlang überein, bis auf die Minute.

Danke schön, Frau Hurter, danke schön! rief Hewitt mit einiger Erregung. Er wendete sich an Herrn Bauer: Wir müssen die Uhr finden. Und von dem Revolver ist auch nichts zu sehen! Vielleicht ist ein Brett der Diele lose.

Er wird aber beides mit fortgenommen haben.

Den Revolver vielleicht, obgleich es nicht wahrscheinlich ist, die Uhr sicher nicht. Es ist der fehlende Beweis!

Und Hewitt lief hinaus und ging eilig um die Hütte herum, mit den Augen die ganze Umgegend überblickend. Dann kam er zurück.

Nein, sagte er, wir finden es wahrscheinlich im Hause. Er überlegte einen Augenblick, ging zum Kamin und warf den Ofenvorsetzer in die Stube. Die darunter befindliche Steinplatte hatte einen großen Sprung.

Sehen Sie! rief er erregt.

Er nahm die Feuerzange und hob einen Stein so hoch, bis er ihn mit den Händen fassen konnte. Dann zog er ihn mit Anstrengung heraus und schleuderte ihn auf das Linoleum, das den Boden bedeckte.

In dem offenen Raum lag ein großer Revolver und eine gewöhnliche amerikanische Weckeruhr!

Hier haben wir alles! rief Hewitt erfreut und legte die Sachen auf den Kaminsims. Das Uhrglas war in tausend Stücke zersprungen, und auf der Zeigerfläche war ein tiefes Loch. Hewitt betrachtete alles aufmerksam, dann drehte er sich zu Herrn Bauer herum. Herr Bauer, sagte er, wir haben Herrn Mark schweres Unrecht getan; der junge Roese hat Selbstmord begangen, hier ist der untrügliche Beweis – und er zeigte auf die Uhr.

Was? Wie? Wo? Unsinn, Herr! Das ist unmöglich. Wenn Roese sich selbst erschossen hat, warum hat dann Mark alle die Lügen über Pocken etc. erfunden? Und warum, vor allen Dingen, ist er dann ausgekniffen?

Ich werde es Ihnen gleich erklären, Herr Bauer, aber zuerst zur Uhr. Daß Mark seine Uhr nach dem Rathaus gestellt hatte und die von Frau Hurter mit der seinen übereinstimmte, das haben wir selbst festgestellt. Frau Hurters Uhr geht immer noch richtig, und diese hier stimmte wiederum mit der ihrigen zusammen. Mark kam Punkt zwei Uhr nach Hause. Sehen Sie, welche Zeit es auf dieser Uhr ist – die Zeit, als die Kugel einschlug und die Uhr zum Stehen brachte.

Die Zeit war drei Minuten vor Eins. Hewitt nahm die Uhr, schraubte die Rückwand ab und sah sich das Werk an. Sehen Sie, hier sitzt die Kugel, fest zwischen den Rädern eingeklemmt. Die Räder sind natürlich vollständig entzwei. Die Mittelachse, an der die Zeiger befestigt sind, ist verbogen. Sehen Sie, die Zeiger können nicht gerückt werden. Die Kugel traf die Achse und hat somit die Zeiger in dem Augenblick zum Stillstand gebracht, da Roese starb. Sehen Sie, das Gehwerk ist halb abgelaufen, ein Beweis, daß die Uhr ging, als sie getroffen wurde. Mark verließ Roese um halb zehn Uhr frisch und gesund. Er kam nicht vor zwei Uhr zurück, als Roese schon mehr als eine Stunde tot war.

Aber beim Himmel, wie sind denn die Lügen, der Totenschein, die Flucht zu verstehen?

Ich vermute, die Sache hängt folgendermaßen zusammen, Herr Bauer: Der arme junge Roese war, wie Sie mir sagten, mit den Nerven sehr herunter und etwas schwermütig. Sie erwähnten eine junge Dame, die gestorben war. Er grübelt und grübelt und kommt immer mehr herunter. Eine Luftveränderung wird dringend notwendig. Sein bester Freund Mark bringt ihn hierher. Zuerst hat ihm die Ruhe wahrscheinlich gut getan, dann fängt er wieder an, schwermütigen Gedanken nachzuhängen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, daß vier Fünftel der Menschen, die an Melancholie leiden, selbstmörderische Neigungen haben. Mark hat dies vermutlich nicht befürchtet, sonst hätte er ihn wohl nicht so lang allein gelassen. Jetzt ist Roese allein und benützt sofort die günstige Gelegenheit. Er schreibt ein paar Zeilen an Mark und einen herzzerreißenden Brief an seine Mutter, in dem er wahrscheinlich seine ganze innere Angst und Qual schildert.

Nachdem er fertig geschrieben, steht er einfach auf, und mit dem Rücken nach dem Kamin gewendet erschießt er sich. Da bleibt er liegen, bis Mark ihn eine Stunde später findet. Die Tür ist verschlossen, und niemand öffnet. Mark geht außen herum bis zum Fenster und entdeckt vermutlich die Leiche. Jedenfalls stößt er den Fensterriegel mit seinem Messer zurück, schiebt das Fenster hoch steigt ein und sieht was geschehen. Er ist vollständig fassungslos. Was soll, was kann er tun! Mutter und Schwester vergöttern Roese, und die Mutter ist herzleidend. Der Brief ihres Sohnes könnte sie töten. Mark verbrennt ihn sowie die an ihn selbst gerichteten Zeilen. Plötzlich bedenkt er, daß die Nachricht von dem Selbstmord die unglückliche Mutter töten würde. Kann er verhindern, daß sie es erfährt? Der Tod kann ihr freilich nicht verheimlicht werden. Könnte er nicht eine fromme Lüge erfinden? Ihm fällt die Pockenepidemie ein. Niemand weiß von dem Selbstmord. Als Arzt hat er das Recht, einen Totenschein auszustellen. Niemand würde besonders darauf dringen, die Leiche eines Mannes zu sehen, der an Pocken starb.

Mark entschließt sich also – fuhr Hewitt fort – schreibt die paar Briefe an Frau Roese und untersagt Frau Hurter, in die Nähe der Hütte zu kommen. Er reinigt den Fußboden, die Spuren auf dem Linoleum waren noch frisch, verbrennt die Kleider und wäscht die Wunde aus. Sein ärztlicher Beruf kommt ihm dabei zustatten. Er versteckt den Revolver und die Uhr und überlegt alles wohlweislich. Es müssen schreckliche Tage für ihn gewesen sein. Der Gedanke, daß er sich selbst eine Grube gegraben, kommt ihm nicht. Sie sind mißtrauisch geworden und reisen her. Sie sagen ihm, vielleicht in etwas schroffer Weise, wie verdächtig er selbst ist. Jetzt fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Er hat jede Spur des Selbstmordes sorgfältig aus dem Wege geräumt. Nur die Leiche selbst kann bezeugen, daß Roese keines natürlichen Todes gestorben ist, und diese Leiche wollen Sie ausgraben lassen! Sie geben ihm außerdem zu verstehen, daß er der einzige Mensch ist, der durch Roeses Tod Vorteil hat. Da ist die Leiche mit der Schußwunde, der falsche Totenschein, da sind die erlogenen Briefe, seine mündlichen Erzählungen! Alles weist auf einen Mord hin und auf ihn als Mörder. Wundert es Sie noch, daß er den Kopf verliert und die Flucht ergreift? Was hätte der arme Kerl auch sonst tun sollen!

Nun ja, mein verehrter Herr, das mag ja alles so sein, antwortete Herr Bauer, aber bedenken Sie die Möglichkeiten!

Nein, bedenken Sie lieber die Tatsachen! Zum Beispiel die Uhr! Sie können sie nicht fortleugnen. Gibt es einen besseren Indizienbeweis? Ein besseres Alibi? Wie konnte Mark den Freund erschießen und gleichzeitig auf dem Wege zwischen hier und Cullanin sein? Frau Hurter sah ihn um zwei Uhr zurückkommen, das ist erwiesen, sie hatte ihn lange erwartet und konnte den ganzen Weg übersehen.

Herr Bauer sagte nach kurzem Schweigen: Sie haben mich überzeugt. Aber was nun?

Wir müssen Mark auffinden. Ich denke, ein Aufruf in den Zeitungen wird das beste sein. Ungefähr so: »Es ist erwiesen, daß Roese eine Stunde vor Ihrer Rückkehr starb. Alles in Ordnung. Ihre Zeugenschaft nötig.« – Wir müssen den Telegraphen in Bewegung setzen, die Polizei ist vermutlich schon hinter Herrn Mark her.

Der Aufruf brachte nach zwei Tagen den erwünschten Erfolg. Mark erzählte, daß er nach dem ersten Schrecken selbst in Zweifel gewesen war, ob er nicht zurückkommen und auf seine Unschuld bauen sollte. Er konnte aber nicht nach Hause, weil er kein Geld hatte, und wagte nicht, an die Bank zu schreiben, aus Furcht vor der Polizei. Er fand den Aufruf, als er die Zeitung nach Nachrichten über den Fall durchsuchte. Seine Erklärungen stimmten mit Hewitts Vermutungen genau überein. Sein einziger Gedanke war, jede Spur der Wahrheit zu verbergen und Frau und Fräulein Roese zu schonen – bis Herr Bauer kam. Und als dieser ihm seinen Verdacht so deutlich zeigte, wurde ihm erst die Gefahr seiner Lage klar.

Daß seine Sorge für Frau Roese begründet war, bewies die Tatsache, daß die arme alte Dame ihren Sohn nur einen Monat überlebte.

*

Der vorstehende Fall ist vor längerer Zeit passiert, wie man daraus ersehen kann, daß Fräulein Roese bereits seit drei Jahren die glückliche Frau von Steffen Mark ist.

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