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Des Meeres und der Liebe Wellen

Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen - Kapitel 9
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDes Meeres und der Liebe Wellen
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004384-0
titleDes Meeres und der Liebe Wellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Vierter Aufzug

Offner Platz, im Hintergrunde das Meer. Rückwärts auf der linken Seite Heros Turm mit einem halb gegen das Meer gerichteten Fenster und einem schmalen Eingange, zu dem einige Stufen emporführen. Daneben am Ufer einige hochgewachsene Sträucher. Nach vorn auf derselben Seite laufen Schwibbögen und Säulen, die Nähe von Wohnungen bezeichnend. Die rechte Seite frei mit Bäumen. Quer in die Bühne hineinstehend eine steinerne Ruhebank.

Nach dem Aufziehen des Vorhanges hört man hinter der Szene

Die Stimme des Tempelhüters.
Hierher, hierher, ihr Diener dieses Hauses!

(Dann tritt Hero ganz vorne rechts auf.)

Hero. Er ist hinüber. Allen Göttern Dank!
War's doch, als hätte sich das All verschworen
Ihn hier zu halten bis zum lichten Tag.
Ein Gehen war und Kommen ohne Ruh'.
Und er stand da, im Winkel still geduckt.
Da endlich kam der günst'ge Augenblick. –
Nun, er ist fort, und ich bin wieder ruhig.

(Auf derselben Seite, mehr nach rückwärts, kommt der Tempelhüter, ein Horn am Bande um den Leib, und einen Spieß auf der linken Schulter, ihr bei jeder Bewegung folgend.)

Tempelhüter.
Du sahst ihn wohl?

Hero.      Wen doch?

Tempelhüter.           Den fremden Mann.
Er sprang nur jetzt ins Meer.

Hero.      Nur jetzt? so rasch?

Tempelhüter.
Drei Schritte kaum von dir.

Hero.      Und sah ihn nicht?
(Sie geht auf den Turm zu.)

Tempelhüter.
Wohl sahst du ihn, und mußtest wohl ihn sehn!

Hero (weitergehend).
Muß ich? Bin ich denn Wächter so wie du?

Tempelhüter.
Nicht Wächter. – Zwar, wenn Wächter ist, wer wacht:
Du wachtest ziemlich lang bei deiner Lampe.

Hero.
Ei, daß du alles siehst!

Tempelhüter.      Wohl seh ich, wohl!

(Der Priester kommt von der linken Seite.)

Priester.
Find ich hier Streit?

Hero (auf den Stufen des Turms).
     Der Mann da ist nicht klug.

Tempelhüter.
Wollt' ich nur reden, ei!

Hero.      Er spricht und spricht!
Ich geh!

Priester.      Wohin?

Hero.           In Turm.

Priester.                Was dort?

Hero.                     Zu schlafen.
(Ab in den Turm.)

Tempelhüter.
Zu schlafen, ja! nachdem sie lang gewacht!

Priester.
Was war denn hier?

Tempelhüter (Heron nachsprechend).
     Und nennst du mich nicht klug?
Weil ich ein Diener nur, ihr hohen Stamms?
Meinst du, die Klugheit erbe eben fort
Vom Vater auf den Sohn, wie Geld und Gut?
Ei, klug genug, und schlau genug, und wachsam!
(Er stößt den Spieß in den Boden.)

Priester.
Soll ich erfahren denn?

Tempelhüter (noch immer Heron nachsprechend).
     Ei ja, ja doch!

Priester.
Du leistest, merk ich, selber dir Gesellschaft.
Ich gönne sie, und überlaß dich ihr.

Tempelhüter.
Herr! Eben sprang ein Mann vom Ufer in die Flut.

Priester.
Das also war's?

Tempelhüter.      Und Hero stand nicht fern.

Priester.
Er sprang wohl auch, stand ich in seiner Nähe.

Tempelhüter.
Und dort in jenem Turme brannte Licht
Die ganze Nacht.

Priester.      Das sollte freilich nicht.
Doch Hero weiß wohl kaum, daß wir vermeiden,
Durch Licht und Flamme, Bösgesinnten, Feinden,
Den Weg zu zeigen selber durch die Klippen,
Mit denen sich die Küste gürtend schützt.
Drum warne sie!

Tempelhüter.      Ei, daß sie meiner spottet!
Sie wußt' es wohl, und dennoch brannte Licht,
Das macht: sie wachte, Herr.

Priester.      So?

Tempelhüter.           Bis zum Morgen.
Und oben war's so laut und doch so heimlich,
Ein Flüstern und ein Rauschen hier und dort;
Die ganze Gegend schien erwacht, bewegt.
Im dichtsten Laub ein sonderbares Regen,
Wie Windeswehn, und wehte doch kein Wind.
Die Luft gab Schall, der Boden tönte wider
Und was getönt und widerklang war: nichts.
Das Meer stieg rauschend höher an die Ufer,
Die Sterne blinkten, wie mit Augen winkend,
Ein halbenthüllt Geheimnis schien die Nacht.
Und dieser Turm war all des dumpfen Treibens
Und leisen Regens Mittelpunkt und Ziel.
Wohl zwanzigmal eilt' ich an seinen Fuß,
Nun, meinend, nun das Rätsel zu enthüllen,
Und sah hinan; nichts schaut' ich, als das Licht,
Das fort und fort aus Heros Fenster schien.
Ein einzig Mal lief wie ein Mannesschatten
Vom Meeresufer nach dem Turme zu;
Ich folg und, angelangt, war wieder nichts,
Nur Rauschen rings und Regen, wie zuvor.

Priester.
Scheint's doch, des ganzen Wunders voller Inhalt,
Mit Ursach' und mit Wirkung, lag in dir.

Tempelhüter.
Ei, Herr, und warum brannte denn das Licht,
Die ganze Nacht, bis kurz, wie ich berichtet?
Als mich der Spuk zum Rasen halb gebracht,
Trat ich ins Innre des Gebäudes, jenseits,
Wo an den Turm der Diener Wohnung schließt.
Da fällt Janthe mir zuerst ins Auge,
Gekleidet und geschmückt, als wär's am Tag.

Priester.
Des Rätsels Lösung bietet sich von selbst.
Frag du das Mädchen. Ruf sie her! Du kennst sie,
Und weißt, wie oft sie Störung schon gebracht.

Tempelhüter.
So dacht' ich auch, und schalt sie tüchtig aus.
Allein das Licht an jenem, jenem Fenster.
Und dann: als kurz ich vor im Haine ging,
Springt, hup! ein Mann ins brausend schäum'ge Meer.
Und in demselben Augenblick tritt Hero,
Drei Schritte kaum entfernt, aus dem Gebüsch.

Priester.
Wenn du vermuten willst, such andern Stützpunkt,
Nur was dir ähnlich treffe dein Verdacht.

Tempelhüter.
Nur was mir ähnlich? Ei, ich seh es kommen!
Dem Diener sei nicht Urteil, noch Verstand.

Priester.
Ruf mir Janthen!

Tempelhüter.      Aber, Herr, das Licht!

Priester.
Janthen, sag ich dir!

Tempelhüter.      Und jener Mann,
Der sprang ins Meer, und gen Abydos schwamm?

Priester.
Wie sagst du? Gen Abydos?

Tempelhüter.      Wohl!

Priester.           Abydos?
Ruf mir Janthen!

Tempelhüter.      Wohl!

Priester.           Und Heron sage –
(Eine Rolle aus dem Busen ziehend.)
Gib ihr dies Schreiben, das von ihren Eltern
Nur eben kam, und das – Vielmehr, laß nur! –
Sag ihr, daß ich die Dienerin beschied.

(Der Tempelhüter ab in den Turm.)

Priester.      Abydos!
Was ist's, daß dieser Name mich durchfährt?
War aus Abydos nicht das Fremdenpaar,
Das jüngst im Hain – Wahnsinn, es nur zu denken!
Und doch! Ist nicht das Jünglingsalter kühn,
Und bleibt nicht gern auf halbem Wege stehn,
Vor allem wo Verbotnes lockt. Wenn sie
Versucht, das Abenteuer zu bestehn,
Das mein Dazwischentritt gestört, und Hero,
Unwissend trüge sie des Wissens Schuld,
Nebstdem, daß sie noch jung und neu im Leben,
Noch unbelehrt zu meiden die Gefahr,
Ja zu erkennen sie. – Genug, genug!
In meinem Innern reget sich ein Gott,
Und warnt mich, zu verhüten, eh's zu spät!

(Der Tempelhüter ist zurückgekommen.)

Priester.
Nun?

Tempelhüter.      Hero hält Janthen noch bei sich.
Die Priestrin ruht, gelehnt auf weichen Pfühl,
Das Mädchen kniet vor ihr, und spricht und tändelt.
Man läßt dich bitten, Herr –

Priester.      Sie zögern, wie?
Heiß du Janthen Augenblicks mir nahn.

Tempelhüter (sich nach rückwärts bewegend).
Nur aber –

Priester.      Und wenn still auch sonst und klug!
Der Wahnsinn der das kluge Weib befällt,
Tobt heft'ger als der Torheit wildstes Rasen.

(Janthe kommt.)

Tempelhüter.
Ei komm nur immer, komm nur, du Geschmückte!
Hier frägt man dich, warum so spät du wachst.

Priester.
Von allem was sich Schlimmes je begab
In diesem Haus, fand ich dich immer wissend,
Belehrt durch Mitschuld, oder Neugier mindstens.
Nun meldet man, daß sich in dieser Nacht
Verdächtig Treiben hier am Turm geregt,
Auch fand dich dieser Mann, da alles schlief,
Noch wachend und gekleidet in den Gängen.
Drum steh ihm Red' und sage was du weißt.

(Er entfernt sich.)

Janthe.
Bei allen Göttern, Herr –

Priester (zurücksprechend).      Laß du die Götter!
Und sorg erst wie den Menschen du genügst.

Janthe.
Nichts weiß ich ja; ich hörte nur Bewegung,
Ein Kommen und ein Gehn. Die Nacht war schwül;
Da lauscht' ich vor der Tür, und ging dann schlafen.

Tempelhüter.
So nennst du: vor der Tür, zwei Treppen hoch?
Ich fand dich in dem Gang vor Heros Kammer.

Janthe.
Ich war so bang, allein; da wollt' ich Hero fragen,
Ob sie gehört, und ob ihr bang wie mir?

Priester (sich wieder nähernd).
Ich aber sage dir: du sollst gestehn!
Denn daß du weißt, zeigt mir dein ängstlich Zagen.

(Hero kommt.)

Hero.
Was ist denn nur? Warum berief man uns?

Priester.
Hier ist Janthe, die du kennst, gleich mir.
Sie wird beschuldigt, daß bei nächt'gem Dunkel –

Hero. Man tut ihr wohl zuviel!

Priester.      So weißt du –?

Hero.           Herr!
Ich weiß nur, daß der Mensch gar gern beschuldigt,
Und vollends dieser Mann ist wirren Sinns.

Priester.
Doch ist's gewiß. ein Fremder war am Turm.

Hero (nach einer Pause).
Nun Herr, vielleicht der überird'schen einer!
Du sprachst ja selbst: in altergrauer Zeit
Stieg oft ein Gott zu sel'gen Menschen nieder.
Zu Leda kam, zum fürstlichen Admet,
Zur strengverwahrten Danae ein Gott:
Warum nicht heut? Zu ihr; zu uns, zu wem du willst.
(Sie geht auf die Ruhebank zu.)

Priester.
Sprach das der Spott? und dünkt das Heil'ge dir –?
(Zu Janthen.)
Nun Törin, oder Schuldige, gesteh!

Janthe.
Frag doch nur Hero selbst. Sie wohnt im Turm;
War dort Geräusch, vernahm sie es wohl auch.

Priester (sich Hero nähernd).
Hörst du?

Hero (die sich gesetzt hat, halb singend, den Kopf in die Hand gestützt).

Sie war so schön,
Ein Königskind.

(Sprechend.)
Nun lichter Schwan, flogst du zu lichten Sternen?

Priester.
Hero!

Hero (emporfahrend).
     Was ist? Wer faßt mich an? Was willst du?

Priester.
Hast du vergessen schon?

Hero.      Nicht doch! ich weiß
Was man beschuldigt jene, ohne Grund.
Sei du nicht bange, Janthe, frohen Muts!
Wenn alle dich verließen, alle sie,
In meiner Brust lebt dir ein warmer Anwalt.
(Sie küssend.)
Wenn sie dich quälen, Gute, komm zu mir!
Nun aber geh, sie spotten dein und meiner.

Priester.
Bleib noch!

(Janthe zieht sich zurück.)

Priester (zu Hero).
     Du liebtest nie das Mädchen sonst.
Woher der Anteil nun?

Hero (die aufgestanden ist).
      Was frägst du mich?
Sie ist gekränkt, braucht's da noch andern Grund?

Priester.
Doch wem galt jene nächtig dunkle Störung?

Hero.
Warum denn ihr?

Priester.      Wem sonst?

Hero.           Die Lüfte wissen's;
Doch sie verschweigen's auch.

Priester.      Nun denn, zu dir. Man sah
In deinem Turme Licht die ganze Nacht.
Tu das nicht mehr.

Hero.      Wir haben Öl genug.

Priester.
Doch sieht's das Volk und deutet's wie es mag.

Hero.
Mag's denn!

Priester.      Auch riet ich dir den Schein zu meiden,
Den Schein sogar; viel mehr noch wahren Anlaß.

Hero.
Wir meiden ihn, doch meidet er auch uns?

Priester.
Sprichst aus Erfahrung du?

Hero.      Was ist die Zeit?
Wie lang ist noch bis Abend?

Priester.      Und warum?

Hero.
Gesteh ich's, ich bin müd'.

Priester.      Weil du gewacht?

Hero.
So ist's. Der Wind kommt uns von Osten denk ich,
Und ruhig ist die See. Nun, gute Nacht!

Priester.
Am hohen Tage? Hero, Hero, Hero!

Hero.
Was willst du, Ohm?

Priester.      Hab Mitleid mit dir selbst!

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