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Des Meeres und der Liebe Wellen

Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen - Kapitel 8
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDes Meeres und der Liebe Wellen
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004384-0
titleDes Meeres und der Liebe Wellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Leander.
O tu es nicht! O Herrin, tu es nicht!
Ich will ja nicht mehr kommen, wenn du zürnst,
Doch dieser Lampe Schein versag mir nicht!

Als diese Nacht ich schlaflos stieg vom Lager,
Und, öffnend meiner Hütte niedre Tür,
Aus jenem Dunkel trat in neues Dunkel,
Da lag das Meer vor mir mit seinen Küsten,
Ein schwarzer Teppich, ungeteilt, zu schaun,
Wie eingehüllt in Trauer und in Gram.
Schon gab ich mich dem wilden Zuge hin!
Da, am Gesichtskreis flackert hell empor
Ein kleiner Stern, wie eine letzte Hoffnung
Zu goldnen Fäden tausendfach gesponnen,
Umzog der Schein, ein Netz, die trübe Welt:
Das war dein Licht, war dieses Turmes Lampe.
In mächt'gen Schlägen schwoll empor mein Herz,
Nicht halten wollt' es mehr in seinen Banden;
Ans Ufer eilt' ich, stürzte mich ins Meer,
Als Leitstern jenen Schimmer stets im Auge.
So kam ich her, erreichte diese Küste.
Ich will nicht wiederkommen, wenn du zürnst,
Doch raube nicht den Stern mir meiner Hoffnung,
Verhülle nicht den Trost mir dieses Lichts.

Hero.
Du guter Jüngling, halt mich nicht für hart,
Weil ich nur schwach erwidre deine Meinung.
Doch kann's nicht sein, ich sagt' es dir ja schon.
Ich bin verlobt zu einem strengen Dienst,
Und liebeleer heischt man die Priesterin.
Ehgestern, wenn du kamst, war ich noch frei,
Nun ist's zu spät. Drum geh und kehr nicht wieder!

Leander.
Man nennt ja mild die Sitten deines Volks,
Sind sie so streng, und drohen sie so viel?

Hero.
Die Meder und die Baktrer, fern im Osten,
Sie töten jene, die, der Sonne Priestrin,
Das Aug' auf den geliebten Jüngling warf.
Mein Volk, nicht also mordbegier'gen Sinns,
Es schonet zwar das Leben der Verirrten,
Allein stößt aus sie, und verachtet sie,
Zugleich ihr ganzes Haus und all die Ihren.
Das kann nicht sein mit Hero, fühlst du wohl.
Drum also geh, und trage was du mußt.

Leander.
So soll ich fort?

Hero.      Du sollst. Doch nicht denselben Pfad,
Der dich hierhergeführt, er scheint gefährlich.
Durch jene Pforte geh, und folg dem Gang,
Der dich ins Freie führt.
(Mit erregter Aufmerksamkeit einen Augenblick innehaltend.)
     Doch hab mir acht,
Denn – Horch! – Bei aller Götter Namen!
Ich höre Tritte hierwärts durch den Gang.
Man kommt! Sie nahn! Unsel'ge Stunde! Weh!

Leander.
Ist hier kein Ort, der schützend mich verbirgt?
Ha, dort hinein.
(Auf die Seitentüre zugehend.)

Hero.      Beträtst du mein Gemach?
Hier bleib! Hast du's gewagt, laß sie dich finden, stirb!
Ich selber will hinein.

Leander.      Sie nahen.

Hero (nach der Seitentüre hinzeigend).           Hier!
Geh nur hinein! Und nimm die Lampe mit!
Laß es hier dunkel sein! Hörst du? Nur schnell!
Allein nicht vorwärts dring, bleib nah der Tür!
Schnell, sag ich, schnell!

Leander.      Du aber?

Hero.           Still! und fort!

(Leander hat die Lampe ergriffen und geht durch die Seitentüre ab. Das Gemach ist dunkel.)

Hero.
Nun, Götter, waltet ihr in eurer Milde!

(Sie senkt sich in den Stuhl, mit halbem Leibe sitzend, so daß das linke herabgesenkte Knie beinahe den Boden berührt, die Augen mit der Hand verhüllt, die Stirne gegen den Tisch gelernt.)

Des Tempelhüters Stimme (von außen).
Ist hier noch jemand wach?

Janthe (ebenso).      Du siehst ja, alles dunkel.

(Die Türe wird halb geöffnet.)

Tempelhüter.
Doch sah ich Licht.

Janthe.      Das schien dir wohl nur so.
Auch wohnt die Priestrin hier, du weißt es selbst.

Tempelhüter.
Doch was ich sah laß ich mir nicht bestreiten

(Die Türe schließt sich.)

Und kommt der Tag, soll es sich weisen, ob –

(Die Worte verhallen, die Tritte entfernen sich.)

Hero.
O Scham und Schmach!

Leander (aus der Seitentüre tretend).
     So sind sie fort? – Wo weilst du?
Bist, Jungfrau, du noch hier?

(Er berührt, suchend, ihre Schulter.)

Hero (emporfahrend).      Wo ist das Licht?
Die Lampe, wo? Bring erst die Lampe sag ich!

(Leander geht zurück.)

O alles Unheil auf mein schuldig Haupt!

Leander (der mit der Lampe zurückkommt).
Hier ist dein Licht. (Er setzt es hin.)
     Und dank mit mir den Göttern –!

Hero (rasch aufstehend).
Dank, sagst du? Dank? Wofür? Daß du noch lebst?
Das all dein Glück? Entsetzlicher! Verruchter!
Was kamst du her? nichts denkend als dich selbst,
Und störst den Frieden meiner stillen Tage,
Vergiftest mir den Einklang dieser Brust?
O hätte doch verschlungen dich das Meer,
Als du den Leib in seine Wogen senktest!
Wär', abgelöst, entglitten dir der Stein,
An dem du dich, den Turm erklimmend, hieltst,
Und du – Entsetzlich Bild! – Leander, oh –!

Leander.
Was ist? Was schiltst du nicht?

Hero.      Leander, hörst du?
Kehr nicht den Weg zurück, auf dem du kamst,
Gefahrvoll ist der Pfad. – Entsetzlich, greulich!
Was ist es, das den Menschen so umnachtet,
Und ihn entfremdet sich, dem eignen Selbst
Und fremdem dienstbar macht? – Als sie nun kamen,
Drei Schritte fern, und nun mich fanden, sahn;
Ich zitterte, – doch nicht um mich! – Verkehrtheit!
Ich zitterte für ihn!

Leander.      Und darf ich's glauben?

Hero.
Laß das! Berühr mich nicht! – Das ist nicht gut,
Was so verkehrt die innerste Natur,
Auslöscht das Licht, das uns die Götter gaben,
Daß es uns leite, wie der Stern des Pols
Den Schiffer führt.

Leander.      Das nennst du schlimm?
Und alle Menschen preisen's hochbeglückt,
(Er kniet vor ihr.)
Und Liebe nennen sie's.

Hero.      Du armer Jüngling!
So kam denn bis zu dir das bunte Wort,
Und du, du sprichst es nach und nennst dich glücklich?
(Sein Haupt berührend.)
Und mußt doch schwimmen durch das wilde Meer,
Wo jede Spanne Tod; und kommst du an,
Erwarten Späher dich und wilde Mörder
(Mit einem Blick nach rückwärts zusammenfahrend.)

Leander (der aufspringt).
Was ist?

Hero.      O jeder Laut dünkt mich ein Häschertritt!
Die Kniee zittern.

Leander.      Hero, Hero, Hero!

Hero.
Laß das! Berühr mich nicht! Du mußt nun fort!
Ich selber leite dich den sichern Pfad.
Denn, wenn sie kämen, dich hier fänden, fingen –
(Sich an der Lehne des Stuhles festhaltend.)

Leander (nach einer kleinen Pause).
Und darf ich, Jungfrau, wiederkommen?

Hero.      Du!?

Leander.
So meinst du: nie? in aller Zukunft nie?
Kennst du das Wort und seinen grausen Umfang?
Dann auch: Du warst um mich besorgt. Weißt du?
Ich muß zurück durchs brausend wilde Meer,
Wirst du nicht glauben, daß ich sank und starb,
Bleibt kundlos dir mein Weg?

Hero.      Send einen Boten mir!

Leander.
Ich habe keinen Boten als mich selbst.

Hero.
Nun denn, du holder Bote; komm denn, komm!
Allein nicht hier an diesen Todesort. Am Ufer
Streckt eine Zunge sandig sich ins Meer.
Dort komm nur hin, verbirg dich in den Büschen;
Vorübergehend hör ich was du sprichst.

Leander.
Die Lampe aber hier, laß sie mir leuchten,
Die Wege sie mir zeigen meines Glücks.
Wann aber komm ich wieder? Jungfrau sprich!

Hero.
Am Tag des nächsten Fests.

Leander.      Du scherzest wohl!
Sag, wann?

Hero.      Wenn neu der Mond sich füllt.

Leander.
Bis dahin schleichen zehen lange Tage!
Trägst du die Ungewißheit bis dahin? Ich nicht!
Ich werde fürchten, daß man uns bemerkt,
Du wirst mich tot in deinem Sinne schaun;
Und zwar mit Recht! Denn raubt mich nicht das Meer,
So tötet Sorge mich, die Angst, der Schmerz.
Sag: übermorgen; sag: nach dreien Tagen.
Die nächste Woche sag!

Hero.      Komm morgen denn!

Leander.
O Seligkeit! o Glück!

Hero.      Und kehrst du heim, Leander,
Das Meer durchschwimmend, nächtig, wie du kamst;
So wahre dieses Haupt, und diesen Mund,
Und diese meine Augen. Hörst du wohl?
Versprich es mir!
(Da er sie umfassen will, zurücktretend.)
     Nein, nein! – Nun aber folge!
Ich leite dich!
(Sie geht nach dem Tische, die Lampe zu holen.)

Leander (ihr mit den Augen folgend).
     O herrlich, himmlisch Weib!

Hero.
Was kommst du nicht?

Leander.      Und soll ich also darbend
Verlassen diesen sel'gen Götterort?
Kein Zeichen deiner Huld, kein armes Pfand
Fort mit mir tragen, meiner Sehnsucht Labung?

Hero. Wie meinst du das?

Leander.      Nicht mindestens die Hand? –
Und dann! – Sie legen Lipp' an Lippe,
Ich sah es wohl, und flüstern so sich zu,
Was zu geheim für die geschwätz'ge Luft.
Mein Mund sei Mund, der deine sei dein Ohr!
Leih mir dein Ohr für meine stumme Sprache!

Hero.
Das soll nicht sein!

Leander.      Muß ich so viel? du nichts?
Ich in Gefahr und Tod, du immer weigernd?
(Kindisch trotzend.)
Ich werde sinken, kehr ich trauernd heim.

Hero.
Du, frevle nicht!

Leander.      Und du gewähr!

Hero.
Wenn du dann gehst.

Leander (auf ein Knie niedersinkend.)      Gewiß!

Hero.           Und mir nicht streitest,
Daß ich zu leicht die Wange dir berührt;
Nein, dankbar bist vielmehr und fromm dich fügst.

Leander.
Du zögerst noch!

Hero.      Die Arme falte rückwärts,
Wie ein Gefangener, der Liebe, mein Gefangner.

Leander.
Sieh, es geschah.

Hero (das Licht auf den Boden stellend).
     Die Lampe soll's nicht sehn.

Leander.
Du kommst ja nicht!

Hero.      Bist du so ungeduldig?
So soll auch nie – Und doch, wenn's dich beglückt.
So nimm und gib! (Sie küßt ihn rasch.)
     Nun aber mußt du fort!

Leander (aufspringend).
Hero!

Hero.      Nein, Nein! (Zur Türe hinauseilend.)

Leander.           Wenn ich dir flehe. Hero!
Verwünscht! neidisches Glück! (An der Türe horchend.)
     Doch hör ich Tritte,
Es sind die ihren, nähern sich der Tür,
Leis auf den Zehn. – So kommt sie wieder? – Götter!

(Der Vorhang fällt.)

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