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Des Meeres und der Liebe Wellen

Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDes Meeres und der Liebe Wellen
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004384-0
titleDes Meeres und der Liebe Wellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Hero.
Ihr Götter, was ist das? Bin ich erschrocken!
Die Kniee beben, kaum halt ich den Krug.
(Sie setzt die Krüge ab.)
Ein Mann. Ein zweiter. Fremdlinge was wollt ihr
Von mir, der Priestrin, in der Göttin Hain?
Nicht unbewacht bin ich und unbeschützt.
Erheb ich meine Stimme, nahen Wächter
Und lassen euch den Übermut bereun.
So geht weil es noch Zeit, und nehmt als Strafe
Bewußtsein mit, und daß es euch mißlang.

Naukleros.
O Jungfrau, nicht zu schäd'gen kamen wir,
Vielmehr um Heilung tiefverborgnen Schadens,
Der mir den Freund ergriff, ihn, den du siehst.
Der Mann ist krank.

Hero.      Was sagst du mir's?
Geht zu den Priestern in Apollens Tempel,
Die heilen Kranke.

Naukleros.      Solche Krankheit nicht.
Denn wie sie ihn befiel, beim Fest, in eurem Tempel,
Verläßt sie ihn auch nur am selben Ort.

Hero.
Beim heut'gen Fest?

Naukleros.      Beim Fest. Aus deinen Augen.

Hero.
Meint ihr es also, und erkühnt euch des?
Doch wußt' ich's ja: frech ist der Menge Sinn,
Und ehrfurchtslos, und ohne Scheu und Sitte.
Ich geh, und dienstbar nahe Männer send ich
Nach meinen Krügen dort, die, weilt ihr noch,
Euch sagen werden, daß ihr euch vergingt.

Naukleros.
Nicht also geh! Betracht ihn erst den Jüngling,
Den du so schwer mit harten Worten schiltst.

Leander (zu ihr emporblickend).
O bleib!

Hero.      Du bist derselbe, seh ich wohl,
Der heut beim Fest an Hymens Altar kniete.
Doch schienst du damals sittig mir und fromm,
Mir tut es leid, daß ich dich anders finde.

Leander (der aufgestanden ist, mit abhaltender Gebärde).
O anders nicht! O bleib!

Hero (zu Naukleros).      Was will er denn?

Naukleros.
Ich sagt' es ja: er hängt an deinem Blick,
Und Tod und Leben sind ihm deine Worte.

Hero.
Du hast dich schlimm beraten, guter Jüngling,
Und nicht die richt'gen Pfade ging dein Herz.
Denn deut ich deine Meinung noch so mild,
So scheint es, daß du mein mit Neigung denkst.
Ich aber bin der Göttin Priesterin,
Und ehelos zu sein heißt mein Gelübd'.
Auch nicht gefahrlos ist's um mich zu frein,
Dem drohet Tod, der des sich unterwunden.
Drum laßt mir meinen Krug und geht nur fort;
Mich sollt' es reun, wenn Übles ihr erführt.
(Sie greift nach den Krügen.)

Leander.
Nun denn, so senkt in Meersgrund mich hinab!

Hero.
Du armer Mann, du dauerst mich, wie sehr.

Naukleros.
Bei Mitleid nicht, o Priestrin, bleibe stehn!
Sei hilfreich ihm, dem Jüngling, der dich liebt.

Hero.
Was kann ich tun? Du weißt ja alles nun.

Naukleros.
So gib ein Wort ihm mindstens, das ihn heilt.
Komm hier! Die Büsche halten ab des Spähers Auge.
Ich setze dir in Schatten deinen Krug;
Und so komm her und gönn uns nur ein Wort.
Willst du nicht sitzen hier?

Hero.      Es ziemt sich nicht.

Naukleros.
Tu's aus Erbarmen mit des Jünglings Leiden!

Hero (zu Leander).
So setz dich auch!

Naukleros.      Ja hier. Und du zur Seite.

(Leander sitzt in der Mitte, den Leib an einen Baumstamm zurückgelehnt, die Hände im Schoß, gerade vor sich niedersehend. Hero und Naukleros zu beiden Seiten, etwas vorgerückt, so daß sie sich wechselseitig im Auge haben.)

Hero (zu Naukleros).
Ich sagt' es schon und wiederhol es nun:
Niemand der lebt begehr' um mich zu werben,
Denn gattenlos zu sein heißt mich mein Dienst.
Noch gestern, wenn ihr kamt, da war ich frei,
Doch heut versprach ich's, und ich halt es auch.
(Zu Leander.)
Birg nicht das Aug' in deine Hand, o Jüngling!
Nein, frischen Mutes geh aus diesem Hain.
Gönn einem andern Weibe deinen Blick,
Und freu dich dessen, was uns hier versagt.

Leander (aufspringend).
So möge denn die Erde mich verschlingen,
Sich mir verschließen all was schön und gut,
Wenn je ein andres Weib und ihre Liebe –

Hero (zu Naukleros).
Sag ihm, er soll es nicht. Was nützt es ihm?
Was nützt es mir? Wer mag sich selber quälen?
Er ist so schön, so jugendlich, so gut,
Ich gönn ihm jede Freude, jedes Glück.
Er kehre heim –

Leander.      Ich heim? Hier will ich wurzeln,
Mit diesen Bäumen stehen Tag und Nacht
Und immer schaun nach jenes Tempels Zinnen.

Hero.
Des Ortes Wächter fangen, schäd'gen ihn.
Sag ihm's! –
(Zu Leander.)
     Und, guter Jüngling, kehrst du heim,
So laß des Lebens Müh' und buntes Treiben
So viel verwischen dir als allzuviel,
Das andere bewahr! So will ich auch.
Und kehrt ums Jahr und jedes nächste Jahr
Zurück das heut'ge Fest, so komm du wieder.
Stell dich im Tempel, daß ich dich mag sehn.
Mich soll es freun, wenn ich dich ruhig finde.

Leander (zu ihren Füßen stürzend).
O himmlisch Weib!

Hero.      Nicht so. Das ziemt uns nicht.
Und sieh! Mein Oheim kommt. Er wird mich schelten,
Und zwar mit Recht, warum gab ich euch nach.

Naukleros.
Nimm deinen Krug und laß daraus mich trinken,
Am besten deutet so sich unser Tun.

Leander (ihn wegstoßend).
Nicht du; ich, ich!

Hero (ihm den Krug hinhaltend, aus dem er kniend trinkt).
     So trink! und jeder Tropfen
Sei Trost, und all dies Naß bedeute Glück.

(Der Priester kommt.)

Priester.
Was schaffst du dort?

Hero.      Sieh nur, ein kranker Mann!

Priester.
Nicht deines Amtes ist der Kranken Heilung.
Sie mögen gehen in Apollens Tempel,
Dort heilt der Priester Schar.

Hero.      So sagt' ich auch.

Priester.
Allein vor allem, ob nun krank, gesund
Der Göttin Hain, der Priesterwohnung Nähe
Betritt kein Mann, kein Fremder ungestraft.
Entlaß ich euch, verdankt es meiner Huld.
Ein zweites Mal verfielt ihr dem Gesetz.

Naukleros.
Doch sah ich erst nur viele dort versammelt
Im Tempel und im Hain, so Mann als Frauen.

Priester.
Die Zeit des Fests gibt solchem Einlaß Raum,
Vom Morgen bis zum Mittag währt die Freiheit.

Naukleros.
Nun denn, die Sonne steht noch nicht so hoch;
Sie brennt und blitzt, doch lange nicht im Scheitel.

Priester. Des sei du froh und nütze diese Frist.
Denn wenn die Sonn' auf ihres Wandels Zinne
Mit durst'gen Zügen auf die Schatten trinkt,
Dann tönen her vom Tempel krumme Hörner
Dem Feste Schluß, dir kündigend Gefahr.
Auch seid ihr aus Abydos sagt man mir,
Und wenig wohlgesinnt das Volk uns jener Stadt.
Beim Fischzug, und wo irgend sonst im Meer
Erhebt es Streit mit Sestos' frommen Bürgern.
Auch das bedenkt, und daß der oft Gekränkte
Sich doppelt rächt, wenn lang er es verschob.

Naukleros.
Ich aber denke: Mann, Herr, gegen Mann!
So hielt ich's gegen Sestos' frommes Volk.
Auch: stellen sie uns nach auf diesen Küsten,
Wir zahlen's ihnen jenseits, dort, bei uns.

Priester.
Nicht ziemt es mir, dir Wort zu stehn und Rede.
Was not tut ward gesagt, von anderm schweig!
(Zu Hero.)
Du aber nimm den Krug und komm!
(Da die Jünglinge ihr helfen wollen.)
     Laß nur!
Dort gehen Dienerinnen.
(Er winkt nach links in die Szene.)
     Und so folg!
Im Tempel harrt noch mancherlei zu tun.

(Hero an der Hand führend, nach der linken Seite ab.)

Janthe (die indessen gekommen ist).
Was habt ihr angerichtet, schöne Fremde?
Ich sah euch wohl von fern. Nun aber eilt!
Wer hieß euch auch mit euerm raschen Werben
Der Priestrin nahn, die schon dem Dienst geweiht?
Wär' ich ein Mann, ich suchte gleich für gleich.

(Mit den Krügen ab.)

Naukleros (dem Priester nachsprechend).
Selbstsücht'ger, Eigenmächt'ger, Strenger, Herber!
So schließest du die holde Schönheit ein,
Entziehst der Welt das Glück der warmen Strahlen
Und schmückst mit heil'gem Vorwand deine Tat?
Seit wann sind Götter neidisch mißgesinnt?
Daheim auch ehrt man Himmlische, bei uns;
Doch heiter tritt Zeus' Priester unters Volk,
Umgeben von der Seinen frohen Scharen,
Und segnet andre, ein Gesegneter.
Ihr aber habt's ererbt von Morgen her,
Den schnöden Dienst mißgünst'ger Indusknechte
Und hüllet euch in Greuel und in Nacht.
Doch ist's nun so. Drum komm, Unglücklicher!

Leander.
Unglücklich! Meinst du mich?

Naukleros.      Wen sonst? – Nun, mindstens
Genügsam denn! Komm mit!

Leander.      Hier bin ich.

Naukleros.           Wie?
Betrachtest dir nicht einmal noch den Ort,
Von dem du nun auf immer –

Leander.      Immer?

Naukleros.           Nicht?
So wolltest du –? Wie meinst du das? Sag an!

Leander.
Horch! Tönt das Zeichen nicht? Wir müssen fort!

Naukleros.
Rückhält'ger, was verbirgst du deinen Sinn?
Du willst doch nicht an diesen Ort zurück,
Wo Kerker, Unheil, Tod –

Leander.      Fürwahr, das Zeichen!
Die Freunde kehren heim. Komm, laß uns mit!
Mein Leben sei nur ärmlich, sprachst du selbst;
Wenn's nun so wenig, gäb' ich's nicht um viel?
Was noch geschieht; wer weiß es? – Und wer sagt's?

(Schnell ab.)

Naukleros.
Leander! Höre doch! – Befasse sich nur eins
Mit derlei frost'gen Jungen! Frostig? Ei,
Das Beispiel lehrt's. Doch will ich dich wohl hüten!
Und kehrst du mir zurück, eh' ich's gebilligt,
Soll man – So warte doch! – Hörst du? – Leander!

(Unter Händewinken und Gebärden des Zurückhaltens ihm folgend.)

(Der Vorhang fällt.)

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