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Des Meeres und der Liebe Wellen

Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDes Meeres und der Liebe Wellen
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004384-0
titleDes Meeres und der Liebe Wellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Zweiter Aufzug

Tempelhain zu Sestos. Auf der linken Seite nach rückwärts eine Ruhebank von Gebüsch umgeben.

Naukleros (von der linken Seite auftretend).
Leander komm! und eile mir doch nur!

Leander (der von derselben Seite sichtbar wird).
Hier bin ich, sieh!

Naukleros.      So rasch? Ei doch! Man denke!
Wie lange noch, sag an! führ ich, zur Strafe
Für ein Vergehn, derzeit noch unbekannt
Und unbegangen auch, dem Knaben gleich
Der seinen blinden Herrn die Straße leitet,
Ringsum dich durch der Menschen laute Städte,
Von Fest zu Fest, vom Markte zum Altar,
Den Ort ausforschend, der dir Frohsinn brächte?
Wie lang sitz ich, von Sprechen müd', dir gegenüber
Und forsch in deinem Aug', dem leid'gen Blick,
Ob's angeglommen, ob erwacht die Lust?
Und les ein ewig neues: nein, nein, nein!
Wenn deine Mutter starb, wer kann da helfen?
War's gut und recht, daß du, ein wackrer Sohn,
Und ihr, der Tiefbekümmerten zu Willen,
Am Strand des Meeres wohntest, fern der Stadt
Und Menschen fern, nur Kindespflichten übend;
Nun, da sie tot, was hält dich länger ab
Den Gleichen als ein Gleicher zu gehören
Mitfühlend ihre Sorgen, ihre Lust?
Wein um die Gute, rauf dein braunes Haar,
Allein dann kehre zu den Freuden wieder,
Die sie dir gönnt, die du ihr länger gönntest.
Sag ich nicht recht? und was ist deine Meinung?
Nun?

Leander.      Ich bin müd'.

Naukleros.           Ei ja, der großen Plage!
Den ganzen Tag, am fremden Ort, umgeben
Von fremden Menschen, fröhlichen Gesichtern,
Sich durchzuhelfen und zu schaun, zu hören,
Einmal zu sprechen gar. Ei, gute Götter,
Wer hielte das wohl aus?

Leander (der sich gesetzt hat).      Und krank dazu.

Naukleros.
Krank? Sei du unbesorgt! Das gibt sich wohl.
Sei du erst heim in deiner dumpfen Hütte,
Vom Meer bespült, wo rings nur Sand und Wellen
Und trübe Wolken, die mit Regen dräun.
Hab erst das gute Kleid da von den Schultern,
Und umgehüllt dein derbes Schifferwams.
Dann sitz am Strand, den langen Tag verangelnd,
Tauch dich ins Meer, der Fische Neid im Schwimmen,
Lieg abends erst – so fand ich dich ja einst –
Im Ruderkahn, das Antlitz über dir,
Des Körpers Last vertraut den breiten Schultern,
Indes das Fahrzeug auf den Wellen schaukelt;
So lieg gestreckt und schau mir nach den Sternen,
Und denk – an deine Mutter, die noch eben
Zur rechten Zeit dich, sterbend, frei gemacht;
An sie; an Geister, die dort oben wohnen;
An – denk ans Denken; denk vielmehr an nichts!
Sei nur erst dort; und Freund, was gilt die Wette?
Du fühlst dich wohl, fühlst wieder dich gesund.
Nun aber komm, denn fernab liegt die Heimat,
Die Zeit verrinnt, die Freunde kehren heim.

Leander.
Es ist so schattig hier. Laß uns noch weilen!
Leicht findet sich ein Kahn. Ich rudre dich.

Naukleros.
Ei rudern, ja! Wie glänzt ihm da das Auge!
Am Steuer sitzend, ausgestreckt die Hand,
Die prallen Arme vor und rückwärts führend,
Jetzt so, dann so, und fort auf feuchtem Pfad!
Da fühlst du dich ein Held, ein Gott, ein Mann;
Für andres mag man einen andern suchen.
Doch, schöner Freund, nicht nur ums Rudern bloß,
Hier frägt es sich um andre, ernstre Dinge.
Wir stehen, wiß es, auf verbotnem Grund,
Im Tempelhain, der jedem sich verschließt,
Als nur am Tag des Fests, von dem wir kehren.
Sonst streifen Wächter durch die grünen Büsche,
Die fahen jeden, den ihr Auge trifft,
Und stellen ihn dem Priester ihres Tempels,
Der ihn bestraft, leicht mit dem Äußersten.
Sprichst du?

Leander.      Ich sagte nichts.

Naukleros.           Drum also komm!
Um Mittag endet sie des Festes Freiheit
Und fast schon senkrecht trifft der Sonne Pfeil.
Mich lüstet nicht, ob deines trägen Zauderns,
Den Kerkern einzuwohnen dieser Stadt.
Hörst du? – Noch immer nicht! – Nun, gute Götter!
Kehrt euch von ihm, wie er von euch sich wendet!

Da lehnt er, weich, mit mattgesenkten Gliedern.
Ein Junge, schön, wenngleich nicht groß, und braun.
Die finstern Locken ringeln um die Stirn;
Das Auge, wenn's die Wimper nicht verwehrt,
Sprüht heiß wie Kohle, frisch nur angefacht;
Die Schultern weit; die Arme derb und tüchtig,
Von prallen Muskeln ründlich überragt;
Kein Amor mehr, doch Hymens treues Bild.
Die Mädchen sehn nach ihm; doch er – Ihr Götter!
Wo blieb die Seele für so art'gen Leib?
Er ist – wie nenn ich's – furchtsam, töricht, blöd!
Ich bin doch auch ein rüstiger Gesell,
Mein gelbes Haar gilt mehr als noch so dunkles,
Und, statt der Inderfarbe die ihn bräunt,
Lacht helles Weiß um diese derben Knochen,
Bin größer, wie's dem Meister wohl geziemt.
Und doch, gehn wir zusammen unters Volk,
In Mädchenkreis, beim Fest, bei Spiel, bei Tanz;
Mich trifft kein Aug', und ihn verschlingen sie.
Das winkt, das nickt, das lacht, das schielt, das kichert.
Und ihm gilt's, ihm. Sie sind nun mal vernarrt
In derlei dumpfe Träumer, blöde Schlucker.
Er aber – Ei, er merkt nun eben nichts.
Und merkt er's endlich: Hei, was wird er rot!
Sag, guter Freund, ist das nur Zufall bloß,
Wie, oder weißt du, daß du zehnmal hübscher
Mit solcher Erdbeerfarbe auf den Wangen?
Nur heut im Tempel. Gute Götter, war's nicht,
Als ob die Erde aller Wesen Fülle
Zurückgeschlungen in den reichen Schoß
Und Mädchen draus gebildet, nichts als Mädchen?
Aus Thrazien, dem reichen Hellespont
Vermengten sich die Scharen; bunte Blumen,
So Ros' als Nelke, Tulpe, Veilchen, Lilie,
– Ein Gänseblümchen auch wohl ab und zu –
Im ganzen ein begeisternd froher Anblick:
Ein wallend Meer, mit Häuptern, weißen Schultern
Und runden Hüften an der Wellen Statt.
Nun frag' ihn aber einer, was er sah,
Ob's Mädchen waren oder wilde Schwäne;
Er weiß es nicht, er ging nur eben hin.
Und doch war er's, nach dem sie alle blickten.
Die Priestrin selbst. Ein herrlich prangend Weib!
Die besser tat, am heutigen frohen Tag
Der Liebe Treu' zu schwören ewiglich,
Als ihr sich zu entziehn, so arm als karg.
Der Anmut holder Zögling und der Hoheit.
Des Adlers Aug', der Taube süßes Girren,
Die Stirn so ernst, der Mund ein holdes Lächeln,
Fast anzuschauen wie ein fürstlich Kind,
Dem man die Krone aufgesetzt, noch in der Wiege.
Und dann; was Schönheit sei, das frag du mich.
Was weißt du von des Nackens stolzem Bau,
Der breit sich anschließt reichgewundnen Flechten;
Den Schultern, die beschämt nach rückwärts sinkend,
Platz räumen den begabtern, reichen Schwestern,
Den feinen Knöcheln und dem leichten Fuß,
Und all den Schätzen so beglückten Leibes?
Was weißt du? sag ich, und du sahst es nicht.
Doch sie sah dich. Ich hab es wohl bemerkt.
Wie wir da knieten, rückwärts ich, du vorn,
Am Standbild Hymens, des gewalt'gen Gottes,
Und sie nun kam, des Opferrauchs zu streun.
Da stockte sie, die Hand hing in der Luft;
Nach dir hinschauend stand sie zögernd da,
Ein, zwei, drei kurze, ew'ge Augenblicke.
Zuletzt vollbrachte sie ihr heilig Werk.
Allein noch scheidend sprach ein tiefer Blick,
Im herben Widerspruch des frost'gen Tages,
Der sie auf ewiglich verschließt der Liebe:
»Es ist doch schad'« und: »Den da möcht' ich wohl!«

Gelt, lächelst doch? und schmeichelt dir, du Schlucker.
Verbirgst du dein Gesicht? Fort mit den Fingern!
Und heuchle nicht, und sag nur: ja.
(Er hat ihm die Hand von den Augen weggezogen.)
     Doch, Götter!
Das sind ja Tränen. Wie? Leander! Weinst?

Leander (der aufgestanden ist).
Laß mich und quäl mich nicht! Und sprich nicht ohne Achtung
Von ihrem Hals und Wuchs. – O ich bin dreifach elend!

Naukleros.
Leander! elend? Glücklich! Bist verliebt.

Leander.
Was sprachst du? Ich bin krank. Es schmerzt die Brust.
Nicht etwa innerlich. Von außen. Hier!
Hart an den Knochen. Ich bin krank, zum Tod.

Naukleros.
Ein Tor bist du, doch ein beglückter Tor!
Nun, Götter, Dank, daß ihr ihn heimgesucht!
Nun schont ihn nicht mit euern heißen Pfeilen,
Bis er mir ruft: Halt ein! es ist genug;
Ich will erdulden was die Menschen leiden!
Nun Freund, gib mir die Hand! Nun erst mein Freund;
Zu spät bekehrt durch allzu süße Wonnen.
Du Neugeborner, Glücklicher! – Doch halt!
Ein garstiger Fleck auf unsers Jubels Kleide. –
Komm mit zurück zur Stadt! dort sind die Mädchen,
Die wir beim Fest gesehn, noch all versammelt.
Dort sieh dich um, verlieb dich wie du magst.
Denn Freund, die Jungfrau, die dich jetzt erfüllt,
Ist Priesterin und hat an diesem Tag
Gelobt dem Manne sich auf ewig zu entziehn.
Und streng ist was ihr droht, wenn sie's vergaß,
Und was dem Manne, der's mit ihr vergessen.

Leander.
Ich wußt' es ja. Komm Nacht! Und so ist's aus.

Naukleros.
Aus? Wieder aus? Und eh' es noch begann?
Warum und wie? Friedfertiger Gesell,
Wagst du so wenig an die höchste Wonne?
Und sagst mir das mit zuckend fahlen Wangen
Und schlotterndem Gebein, und meinst ich glaub's?
Nun sollst du bleiben. Hier! Und sollst sie sprechen.
Wer weiß ist ihr Gelübd' so eng und fest
Und läßt sich lösen, folgt alsbald die Reue;
Wer weiß ist deine Liebe selbst so heiß,
Als jetzt sie scheint. Doch was es immer sei:
Du sollst nicht zagen, wo zu handeln not.
Zum mindsten kenne dein Geschick, und trag's,
Und lerne scheiden von den Knabenjahren.
Wir sind hier fremd. Komm mit! Wer darf uns tadeln,
Wenn wir des Wegs verfehlen, fragen, gehn?
Zuletzt gelangen wir ins Haus, zum Tempel,
Und stehn vor ihr, und hören was sie spricht.
Dort kommt ein Mädchen mit dem Wasserkrug
In ein und andrer Hand. Die laß uns fragen.
Sie weiß wohl –
     Doch! Leander! Sohn des Glücks!
Was zerrst du mich? Bleib hier! Sie selber ist's,
Die Jungfrau, sie, die neue Priesterin.
Nach Wasser geht sie aus der heiligen Quelle,
Das liegt ihr ob. Ergreif den Augenblick
Und sprich! Nicht allzukühn, nicht furchtsam. Hörst du?
Ich will indes rings forschen durch die Büsche,
Ob alles ruhig, und kein Lauscher nah.
Komm hier! Und sag ich: jetzt! so tritt hervor
Und sprich. – Doch nun vor allem still. – Komm hier!

(Sie ziehen sich zurück.)

Hero (ohne Mantel, ungefähr wie zu Anfang des ersten Aufzuges gekleidet, kommt mit zwei leeren Wasserkrügen von der linken Seite des Vorgrundes. Sie geht quer aber die Bühne und singt).
     Da sprach der Gott:
     Komm her zu mir,
     In meine Wolken,
     Neben mir.

(Leander ist, von Naukleros leicht angestoßen, einige Schritte vorgetreten. Dort bleibt er, gesenkten Hauptes, stehen.)

(Hero geht auf der rechten Seite des Vorgrundes ab.)

Naukleros (nach vorn kommend).
Nun denn, es sei! Du hast es selbst gewollt.
Kannst du das Glück nicht fassen und erringen,
So lern entbehren es. Und besser ist's.
Heißt sie nicht gottgeweiht? und ihr zu nahn
Droht Untergang. Auch war's halb Scherz nur,
Daß ich dir riet ein Äußerstes zu tun.
Doch macht mich's toll, den Menschen anzusehn,
Der wünscht und hofft, und dem nicht Muts genug,
Die Hand zu strecken nach des Sieges Krone.
Doch ist es besser so. Glück auf, mein Freund!
Dein zaghaft Herz, es führte diesmal sichrer,
Als Nestors Klugheit und Achillens Mut.
Nun aber komm und laß uns heim. Doch niemals
Vermiß dich mehr –

Leander.      Sie kehrt zurück.

Naukleros.           Ei doch!
Folg du!

Leander.      Ich nicht.

Naukleros.           Was sonst?

Leander.                Ihr nahen. Sprechen. Oh!

(Sie treten wieder zurück.)

Hero (kommt zurück, einen Krug auf dem Kopfe tragend, den zweiten am Henkel in der herabhängenden rechten Hand).
(Sie singt.)
     Sie aber streichelt
     Den weichen Flaum.
(Stehenbleibend und sprechend.)
Mein Oheim meint ich soll das Lied nicht singen
Von Leda und dem Schwan.
(Weitergehend.)
     Was schadet's nur?

(Wie sie in die Mitte der Bühne gekommen, stürzt Leander plötzlich hervor, sich, gesenkten Hauptes, vor ihren Füßen niederwerfend.)

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