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Des Meeres und der Liebe Wellen

Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDes Meeres und der Liebe Wellen
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004384-0
titleDes Meeres und der Liebe Wellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Priester.
Scheint dir das schwer, und zitterst du darob?
Was willst du? soll sie heim? Komm hier, und nimm sie!
Was braucht die Göttin dein und deines Kinds?
Nicht ehrt man hier die ird'sche Aphrodite,
Die Mensch an Menschen knüpft wie Tier an Tier,
Die Himmlische, dem Meeresschaum entstiegen,
Einend den Sinn, allein die Sinne nicht,
Der Eintracht alles Wesens hohe Mutter,
Geschlechtlos, weil sie selber das Geschlecht,
Und himmlisch, weil sie stammt vom Himmel oben.
Was braucht die Göttin dein und deines Kinds?
Geh hin und bette sie in Niedrigkeit,
In der du selbst, dir selbst zur Qual, dich abmühst.
Sie sei die Magd des Knechtes der sie freit,
Statt hier auf lichter Bahn, nach eignem Ziel,
Die einz'ge sie des dürftigen Geschlechts,
Ein Selbst zu sein, ein Wesen, eine Welt.
Allein du willst es, sie ist frei, hier nimm sie!
Bist du die Mutter doch! Du, Hero, folge!
Die Torheit ruft. Folg ihr als Mensch, als Weib!

Hero (aufstehend, zur Taube).
Da gilt es denn zu reden, kleines Ding!
(Das Körbchen dem Diener gebend.)
Du nimm's und trag es hin, und gib ihm Freiheit,
Die Freiheit wie das Tier sie kennt und wünscht.

(Diener ab.)

Du aber Ohm, schilt meine Mutter nicht,
Denn fromm ist ihre Meinung und sie liebt mich.
Uns andre laß nur schweigen, Stille, Gute!
Hat er doch recht und tut nur was ihm Pflicht.
Ich soll mit dir? Bleib du bei mir! O Mutter!
Wenn dich die Deinen quälen, komm zu mir.
Hier ist kein Krieg, hier schlägt man keine Wunden,
Die Göttin grollet nicht, und dieser Tempel
Sieht immerdar mich an mit gleichem Blick.
Kennst du das Glück des stillen Selbstbesitzes?
Du hast es nie gekannt; drum sei nicht neidisch!
Nein frohen Mutes folge mir zum Fest!
Heut stolz im Siegerschritt, und kommt der Morgen,
Einförmig still, den Wasserkrug zur Hand,
Beschäftigt, wie bisher, an den Altären;
Und fort so Tag um Tag. Willst du, so komm!
Sieh nur: sonst trag ich dich, denn ich bin stark.
Allein sie weicht. Sie lächelt. Siehst du Ohm?
(Halblaut.)
Gib nur das Zeichen nun. Du aber folge,
Die Zeit verrinnt, man rüstet schon das Fest.
(Im Gehen, tändelnd.)
Und siehst du erst den Schmuck, die reichen Kleider,
Und was man all mir Herrliches bereitet,
Du sollst wohl selbst –
(Ein paar Schritte voraus und dann zurückkehrend.)
     Und eile mir ein wenig!

(Beide nach der rechten Seite ab.)

Vater.
Nun Bruder aber rasch –

Priester.      Rasch, und warum?
Was lange dauern soll sei lang erwogen.
Wüßt' ich sie schwach, noch jetzt entließ' ich sie.

Vater.
Allein bedenk!

Priester.      Zugleich bedenk ich wirklich,
Daß heilsam feste Nötigung der Abschluß
Von jedem irdisch wankem, wirrem Tun.
Du wähltest ewig unter Möglichkeiten
Wär' nicht die Wirklichkeit als Grenzstein hingesetzt.
Die freie Wahl ist schwacher Toren Spielzeug.
Der Tücht'ge sieht in jedem Soll ein Muß
Und Zwang, als erste Pflicht, ist ihm die Wahrheit.
(Zu den Dienern gewendet.)
Das Fest beginnt.

Naukleros' Stimme (hinter der Szene).
     Hierher nur, hier!

Priester.           Was ist?

Tempelhüter.
Zwei Fremdlinge, des langen Harrens müde,
Sie bahnen selbst durch Büsche sich den Weg.
– Kehrt ihr zurück? – Dieselben sind es, Herr,
Die heute morgens schon am Gittertor –
Auch dort von rückwärts wächst des Volkes Drang,
Das murrend nur erträgt die Zögerung.

Priester.
Weis jene dort zurück.
(Der Tempelhüter nach der linken Seite ab.)
     Ihr andern öffnet
(Zu mehreren Dienern, die nach und nach vom Hintergrunde her eingetreten sind.)
Die äußern Pforten nach dem Weg zur Stadt.
(Zu seinem Bruder.)
Gönn nur indes ein Wort des Danks den Göttern,
Die Nachruhm dir in deinem Kind erweckt.
(Der Alte steht an seinem Stabe gegen den Tempel geneigt.)
Laßt ein das Volk und haltet Ordnung, hört ihr?
Daß Roheit nicht die schöne Feier störe.
Auch über euch wacht sorglich, eben heut;
Die Lust hat ihren Tag, so wie die Sonne,
Doch auch wie jene einen Abend: Reue.

Tempelhüter (hinter der Szene).
Nein, sag ich, nein.

Naukleros (ebenso).
     So hört doch, lieber Herr!

Priester. Tut eure Pflicht, du Bruder aber komm!

(Beide nach der rechten Seite ab.)

Der Tempelhüter (auftretend).
Hier steh ich, hier. Und wagst du's, kühner Knabe,
Und setzest über mich hin deinen Fuß?

Naukleros (der gleichfalls sichtbar geworden ist).
Nicht über euch, doch, seht ihr, neben euch.
Und also bin ich hier. Leander komm!

(Leander tritt auf.)

Tempelhüter
O Jugendübermut! Ward euch nicht kund –?

Naukleros.
Nichts ward uns kund; denn Fremde sind wir, Herr,
Und kommen von Abydos' naher Küste
Nach Sestos her, um euer Fest zu schaun.

Tempelhüter.
Doch lehrt man Sittsamkeit nicht auch bei euch?

Naukleros.
Wohl lehrt man sie, zugleich mit andern Sprüchen,
Als: sei nicht blöd! sonst kehrst du hungrig heim.

Tempelhüter.
Ich aber –

Naukleros.      Seht, indes ihr hier euch abmüht
Um uns, die zwei, strömt dort das Volk in Haufen.

Tempelhüter.
Zurück da! Hört ihr wohl?

(Er wendet sich nach dem Hintergrunde und ordnet das Volk, das von der linken Seite, nahe den Stufen des Tempels, hereindringt.)

Naukleros (zu Leander).       Was zerrst du mich?
Wir sind nun einmal da. Wer wagt gewinnt.
Hier ist der beste Platz. Fest auf den Sockel
Setz ich den Fuß. Laß sehn, wer mich vertreibt.
Und sieh mir um nach all der Herrlichkeit!
Das Gotteshäuslein dort, das Tor, die Säulen;
So was erblickst du nimmermehr daheim.
Schau! einen Altar setzt man in die Mitte,
Wohl um zu opfern drauf. – Doch wornach schaust du?
Blickt er zu Boden nicht! Nu, bei den Göttern!
Befällt er hier dich auch, der alte Trübsinn?
Ich aber sage dir –

(Das Volk hat sich nach und nach, der linken Seite entlang, geordnet, bis dahin wo die beiden Freunde stehen.)

Naukleros (umschauend).      Nun guter Freund,
Ihr drängt gar scharf.
(Zu Leander.)      Hörst du? ich sage dir:
Weißt du nicht heute abend klein und groß
Mir zu erzählen was sich hier begab,
Und trinkst nicht einen großen Becher Wein
Lautjubelnd drauf, sind wir geschiedne Leute.
Denn all der düstre Sinn – Allein, sieh dort!
Die beiden Mädchen. Schau! es sind dieselben
Die heute früh wir sahn am Gittertor.
Sie blinzeln her. Gefällt dir eine? Sprich!

(Janthe und eine zweite Dienerin haben einen tragbaren Altar gebracht und stellen ihn, rechts im Vorgrunde, vor der Bildsäule Amors nieder.)

Janthe (während des Zurechtstellens ihrer Gefährtin zuflüsternd).
Dort sind sie. Rechts der Blonde, Größere.
Der Braune scheint betrübt. Was fehlt ihm nur?

Naukleros.
Absichtlich zögern sie. Hui, welch ein Blick!

Tempelhüter (nach vorn kommend, zu den Mädchen).
Ei ja, und nun auch ihr! Das findet sich.

(Die Mädchen gehen.)

(Zu den Jünglingen.)
Ihr scheint mir rasch zu allem was verwehrt.

Naukleros.
Je, wie's nun kommt. Wer zweifelt, der verliert.

(Man hat einen zweiten Altar gebracht, der links vor Hymenäus' Bildsäule hingestellt wird. Ein dritter stand schon früher an den Stufen in der Mitte.)

Tempelhüter.
Ihr gebt nur Raum! Der Altar soll dort hin.

Naukleros.
Hab ich erst Raum, so teil ich gerne mit.

Tempelhüter.
Und seid nur sittig und vermeßt euch nichts.

(Musik von Flöten beginnt.)

Der Zug beginnt. Zurück! Laßt frei die Mitte!

(Das Volk ordnend, das auf der linken Seite sich in Reihen stellt.)

Naukleros.
Sie kommen, schau! Betrachte mir's mit Fleiß!
Und naht die Priesterin, streif an ihr Kleid,
Das soll den Trübsinn heilen, sagt man. Hörst du?

(Unter Musik von Flöten kommt der Zug von der rechten Seite her auf die Bühne. Opferknaben mit Gefäßen. Die Oberhäupter von Sestos. Tempeldienerinnen, darunter Janthe. Priester. Hero mit Mantel und Kopfbinde an der Seite ihres Oheims. Ihre Eltern folgen.)

Gesang.
     Mutter der Sterblichen,
     Himmelsbewohnerin,
     Neig uns ein günstiges,
     Schirmendes Aug'!

(Die Begleiter des Zuges stellen sich zur rechten Seite auf, den Reihen des Volkes gegenüber. Der mittlere Teil der Bühne ist leer.)

Die Priester (indem sie sich aufstellen).
Den Göttern Ehrfurcht!

Das Volk (antwortend).      Glück mit uns!

Naukleros.
Dort kommt die Priesterin. Ein schönes Weib.
Komm, laß uns knien. Doch nein, vorher noch schau mir
Querüber hier dem Fußgestell nach rückwärts,
Wie sie die Weihen üben, was sie tun.

Hero (im Hintergrunde, bei dem dort stehenden tragbaren Altare stehend. Vor ihr knien zwei Opferknaben, Rauchwerk in reichen Gefäßen haltend).
Ein neuer Sprößling deines alten Hauses.
Sei ihm geneigt, und mehr als er verdient.

(Sie gießt Rauchwerk in die Flamme und geht dann nach vorn, der Priester zu ihrer Linken, hinter ihm die Eltern. Der Tempelhüter in einiger Entfernung.)

Die Priester.
Den Göttern Ehrfurcht!

Das Volk.      Glück mit uns!

Naukleros.
Sie kommen näher. Nun, Leander, knie!

(Sie knien. Leander hart an der Bildsäule des Hymenäus, Naukleros etwas zurück. Auch das übrige Volk kniet.)

(Hero ist zu Amors Bildsäule gekommen und gießt Rauchwerk in die Flamme des danebenstehenden Altars, der Priester ihr zur Seite.)

Hero.
Der du die Liebe gibst, nimm all die meine.
Dich grüßend nehm ich Abschied auch von dir.

(Sie entfernt sich.)

Die Priester.
Den Göttern Ehrfurcht!

Das Volk.      Glück mit uns!

Hero (an der Bildsäule des Hymenäus stehend).
Dein Bruder sendet mich –

Naukleros (leise zu Leander).      Siehst du nicht auf?

Leander (der gerade vor sich hin auf den Boden gesehen hat, hebt jetzt das Haupt empor).

Priester.
Was ist? Du stockst.

Hero.      Herr, ich vergaß die Zange.

Priester.
Du hältst sie in der Hand.

Hero.      Der du die Liebe –

Priester.
So hieß der erste Spruch. Laß nur! Zum Opfer!

(Hero gießt Rauchwerk ins Feuer. Eine lebhaftere Flamme zuckt empor)

Zuviel! – Doch gut! – Nun noch zum Tempel! Komm!

(Sie entfernen sich. In die Mitte der Bühne gekommen, sieht Hero, als nach etwas Fehlendem an ihrem Schuh, über die rechte Schulter zurück. Ihr Blick trifft dabei auf die beiden Jünglinge. Die Eltern kommen ihr entgegen. Die Musik ertönt von neuem.)

(Der Vorhang fällt.)

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