Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Grillparzer >

Des Meeres und der Liebe Wellen

Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDes Meeres und der Liebe Wellen
authorFranz Grillparzer
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004384-0
titleDes Meeres und der Liebe Wellen
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
Schließen

Navigation:

Hero.
Ich weiß das anders, doch du glaubst es nicht.
War ihnen ich doch immer eine Last,
Und fort und fort ging Sturm in ihrem Hause.
Mein Vater wollte was kein andres wollte,
Und drängte mich, und zürnte ohne Grund.
Die Mutter duldete und schwieg.
Mein Bruder – Von den Menschen all, die leben,
Bin ich nur einem gram, es ist mein Bruder.
Als Älterer, und weil ich nur ein Weib,
Ersah er mich zum Spielwerk seiner Launen.
Doch hielt ich gut, und grollte still und tief.

Priester.
So zürnst du deinen Eltern?

Hero.      Zürnen? Oh!
Vergaß ich sie, geschah's um sie zu lieben.
Auch ist mein Wesen umgekehrt und eben,
Seit mich die Göttin nahm in ihren Schutz.

Priester.
Wenn sie nun kämen?

Hero.      Ach, sie werden's nicht.

Priester.
Dich heimzuholen.

Hero.      Mich? Von hier? Vergebens!

Priester.
Die Mutter mit dem Bräut'gam an der Hand.

Hero (zum Gehen gewendet).
Du scherzest, Herr, und ich, ich scherzte nicht.

Priester.
Bleib nur! Auch ist es Scherz. Doch deine Eltern
Sind hier.

Hero.      Nein! Hier?

Priester.           Seit gestern abends.

Hero.                Oh!
Und du verhehltest mir's?

Priester.      Sie wollten's selbst,
Die Weihe nicht zu stören dieser Nacht,
Die dir ein Morgen ist für viele Tage.
Doch bist du stark, und mögen sie denn nahn.
Sieh dort den Kommenden. Er wandelt, steht,
Holt tiefer Atem, nähert sich.

Hero.      Mein Vater?

Priester.
Er selber, ja.

Hero.      Und ist der Mann so alt?

Priester.
Die Frau an seiner Seite –

Hero.      Mutter! Mutter!

Priester.
Erbleichst du? Eilst den Lieben nicht entgegen
In froher Hast?

Hero.      O laß mich sie betrachten!
Hab ich sie doch so lange nicht gesehn!

(Heros Eltern kommen.)

Vater.
Mein Kind! Hero, mein Kind!

Hero (auf ihre Mutter zueilend).
     O meine Mutter!

Vater.
Sieh nur, wir kommen her, den weiten Weg –
Mein Atem wird schon kurz! – So fern vom Hause,
Als Zeugen deines götternahen Glücks.
Zu schauen, wie du in der Ahnen Spur
Antrittst das Recht, um das sie uns beneiden,
Die andern alle rings umher im Land;
Wie um das Amt, mit dem seit manchem Jahr
Bekleidet das Vertraun mich unsrer Stadt,
Und das – Die böse Brust! – Was wollt' ich sagen?
Nun ebendeshalb kamen wir hierher.
Ei, guten Morgen, Bruder!

Hero.      Meine Mutter!

Vater.
Sie auch! Auch sie! Ob kränkelnd schon und schwach,
Es duldete sie nicht im leeren Hause.
Teilnehmen wollte sie an deinem Glück.
Der Wagen faßt wohl zwei, so kam sie mit.
Erfreuten Sinns. Und wer, wenn noch so stumpf,
Erfreute sich an seinem Kinde nicht,
Wenn es einhergeht auf der Hoheit Spuren?
Wer horchte da auf kleinlich dunkle Zweifel,
Auf, was weiß ich? Nu, wie gesagt, erfreut.

Hero.
Allein sie spricht nicht.

Vater.      Nicht? Frag sie: warum?
Sie spricht wohl sonst, wenn's auch nicht an der Zeit,
Im Haus, den langen Tag. Frag sie: warum?
Und wieder ist's auch besser, spricht sie nicht.
Wer Förderliches nicht vermag zu sagen,
Tut klüger schweigt er völlig. Bruder, nicht?

Hero.
O guter Ohm, heiß deinen Bruder schweigen,
Daß meine Mutter rede.

Priester.      Bruder, laß sie!

Vater.
So sprich; allein –

Hero.      Nicht so! Nach ihrem Herzen.
Wie's ihr gefällt.

Mutter (halblaut).      Mein gutes Kind!

Hero.
Hörst du? Sie sprach. O süßer, süßer Klang,
So lange nicht gehört. O meine Mutter!

Priester (in den Hintergrund tretend, zu einem Diener).
Komm hier!

Vater.
     Nun weint sie gar. Daß doch! – Was schaffst du, Bruder?
(Er geht nach rückwärts, die Hand dem gleichfalls dort stehenden Tempelhüter auf die Schulter legend.)
Ah, du mein Ehrenmann? – Was schafft ihr da?

Priester. Ein Ringeltauber flog in diesen Busch,
Wohl gar zu Nest. Das darf nicht sein. He, Sklave,
Durchforsche du das Laub und nimm es aus!

Vater.
Wie nur? warum?

Priester.      So will's des Tempels Übung.

Vater.
Doch jene –

Priester.      Laß sie nur!

Vater.           Sie reden.

Priester.                Laß sie!

Hero (mit ihrer Mutter im Vorgrunde rechts).
Nun aber Mutter hemme deine Tränen,
Vielmehr sag deutlich was du fühlst und denkst.
Ich höre dich und folge leicht und gern;
Denn nicht mehr jenes wilde Mädchen bin ich,
Das du gekannt in deines Gatten Hause,
Die Göttin hat das Herz mir umgewandelt,
Und ruhig kann ich denken nun und schaun.
Auch –

Mutter.      Kind!

Hero.           Was ist?

Mutter.                Sie sehn nach uns.

Hero.                     Ei, immer!
Im Tempel hier hat auch die Frau ein Recht,
Und die Gekränkten haben freie Sprache.
Doch ängstet dich ihr Aug', wohlan, so tret ich
Hin zwischen dich und sie. Kein Blick erreicht dich.
Nun aber sag, ob ich dich recht erriet:
Nicht gleichen Sinns mit deinem Gatten kamst du,
Und wäre dir der freie Wunsch gewährt,
Du führtest gar die Tochter mit dir heim
Aus ihres Glückes sturmbeschützter Ruh'
In deiner dunkeln Sorgen niedre Hütte?
Ist's also? Ist es wahr? Sprich nein, o Mutter!

Mutter.
Kind, ich bin alt und bin allein.

Hero.      Allein?
Dir ist dein Gatte ja. Zwar er –? Ein reiches Haus;
Sind Dienerinnen, die dein sorglich warten.
Dann – Gute Götter, so vergaß ich denn
Das Beste bis zuletzt. Dir ist mein Bruder,
Der bringt die Braut ins Haus und dehnt sich breit,
Und gibt dir Enkel mit der Väter Namen.

Mutter.
Dein Bruder, Kind –

Vater (im Hintergrunde zum Sklaven).
     Greif herzhaft immer zu!

Mutter.
Dein Bruder, Kind, ist nicht mehr unter uns!

Hero.
Wie, nicht?

Mutter.      Nach manchem herben Leid,
Den Eltern doppelt schwer, verließ er uns,
Verließ die Braut, die sein in Tränen dachte,
Und zog dahin mit gleichgesinnten Männern
Auf kühne Wagnis in entferntes Land.
Zu Schiff, zu Roß? Wer weiß? wer kann es wissen?

Hero.
So ist er nicht mehr da? Nun doppelt gerne
Kehrt' ich mit dir nach Haus, seit kund mir solches.
Doch ist nicht er, sind da noch hundert andre,
Von gleichem Sinn und störrisch wildem Wesen.
Das ehrne Band der Roheit um die Stirn,
Je minder denkend, um so heft'ger wollend.
Gewohnt zu greifen mit der starren Hand
Ins stille Reich geordneter Gedanken,
Wo die Entschlüsse keimen, wachsen, reifen
Am milden Strahl des gottentsprungnen Lichts.
Hineinzugreifen da und zu zerstören,
Hier zu entwurzeln, dort zu treiben, fördern
Mit blindem Sinn und ungeschlachter Hand.
Und unter solchen wünschest du dein Kind?
Vielleicht wohl gar –?

Mutter.      Was soll ich dir's verhehlen?
Das Weib ist glücklich nur an Gattenhand.

Hero.
Das darfst du sagen, ohne zu erröten?
Wie? und mußt hüten jenes Mannes Blick,
Des Herren, deines Gatten? Darfst nicht reden,
Mußt schweigen, flüstern, ob du gleich im Recht,
Ob du die Weisre gleich, stillwaltend Beßre?
Und wagst zu sprechen mir ein solches Wort?

Vater (im Hintergrunde).
Die Mutter flattert auf.

Mutter.      O wehe, weh!
Sie haben mir mein frommes Kind entwendet,
Ihr Herz geraubt mit selbstisch eitlen Lehren,
Daß meiner nicht mehr denkend, harten Sinns,
Sie achtlos hört der Nahverwandten Worte!

Hero (von ihr wegtretend).
Ich aber will mit heiterm Sinne wandeln
Hier an der Göttin Altar, meiner Frau.
Das Rechte tun, nicht weil man mir's befahl,
Nein, weil es recht, weil ich es so erkannt.
Und niemand soll mir's rauben und entziehn.
(Mit starker Betonung.)
Wahrhaftig!

Der Sklave (der im Hintergrunde auf einem Schemmel stehend, den Busch durchsucht, strauchelnd).
     Ah!

Hero (umschauend).           Was ist?

Mutter.                So siehst du nicht?
Unschuldig fromme Vögel stören sie
Und nehmen aus ihr Nest. So reißen sie
Das Kind auch von der Mutter, Herz vom Herzen,
Und haben des ihr Spiel. O weh mir, weh!

Hero.
Du zitterst, du bist bleich.

Mutter.      O seh ich doch
Mein eignes Los.

Priester (zu dem Diener, der das Nest in ein Körbchen gelegt, auf dem oben die brütende Taube sichtbar ist).
     Geh nur und trag es fort!

(Der Diener geht.)

Hero.
Halt du' und setz es ab, wenn's jene kränkt.
Gib sag ich!
(Sie hat dem Diener das Körbchen abgenommen.)
     Armes Tier, was zitterst du?
Sieh, Mutter, es ist heil.
(Die Taube streichelnd.)
     Bist du erschrocken?

(Sie setzt sich auf den Stufen der Bildsäule links im Vorgrunde nieder, das Körbchen in den Händen; indem sie bald durch Emporheben die Taube zum Fortfliegen anlockt, bald betrachtend und untersuchend sich mit ihr beschäftigt.)

Priester (zum Diener).
Was ist? Befahl ich nicht?

(Der Diener weist entschuldigend auf Hero.)

Priester (zu ihr tretend).       Bist du so neu im Dienst,
Daß du nicht weißt was Brauches hier und Sitte?

Mutter (rechts im Vorgrunde stehend).
Mein Herz vergeht. O jammervoller Anblick!

Priester (zu ihr hinübersprechend).
Nun also denn zu dir. Schwachmütig Weib,
Was kommst du her, zu stören diese Stunde?
Und staunst ob dem was du doch längst gewußt,
Der heil'gen Ordnung dieses Götterhauses.
Kein Vogel baut beim Tempel hier sein Nest,
Nicht girren ungestraft im Hain die Tauben,
Die Rebe kriecht um Ulmen nicht hinan,
All was sich paart bleibt ferne diesem Hause,
Und jene dort fügt heut sich gleichem Los.

Hero (die Taube streichelnd).
Du armes Tier, wie streiten sie um uns!

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.