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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Izzi Pizzi

Die letzte Sehenswürdigkeit, die ich auf einer Gesellschaftsreise zu mir nahm, war das »goldene Dachl« in Innsbruck gewesen.

Seitdem habe ich bei Vishnu geschworen, nichts dergleichen mehr zu besichtigen.

Ich gebe lieber ganz offen zu, daß ich ein verkommener Mensch bin, der kein Interesse an den Dingen hat, die die Nation mit Stolz erfüllen – den selbst die erbeutetsten Kanonen langweilen und dessen Herz auch beim Anblick der Spitzenbinden Klothilde der Keuschen nicht höher schlägt. So ein Kerl wie ich weiß nichts besseres zu tun, als auf einer Reise in den Straßen herumzubummeln, Leute zu betrachten, stundenlang auf dem Tandelmarkt zu stehen oder in Schaufenster zu gucken.

So hatte ich es auch wieder einmal den ganzen Tag getrieben, und als der Abend kam, zog ich meinen Kompaß aus der Tasche und schlug jene Richtung ein, die am schnellsten und sichersten weg von dem Theater der Stadt führt. – Ein zweites Theater gab es bestimmt nicht, das hatte mir ein Polizeimann auf Ehrenwort versichert, und so war ich denn ganz beruhigt. –

Nicht lange, und ich studierte das auffallende Plakat der »Wiener-Orpheum-Gesellschaft« beim Schein der darüberhängenden roten Laterne:

»Izzi Pizzi, die reizende jugendliche Chansonette, genannt der ›Stolz von Hernals‹, debutiert heute abermals«, so las ich, schlug an meine Brust, ob ich meine Brieftasche auch ganz sicher bei mir habe, und betrat mit dem entschlossenen Schritte des Wüstlings das »Schwarze Roß«. So wurde das Lokal genannt – offenbar nach dem bärtigen Besitzer, der mir eine Glastür wies. –

Ein langes, schmales Zimmer, gesteckt voll. – Ich setze mich an jenen Tisch, der mit »reserviert« bezeichnet ist und daher dem Kenner sagt, daß hier nur Wüstlinge sitzen dürfen. –

Soeben betritt Izzi Pizzi das Podium und singt das herrliche Lied: »Ja, mir von Lerchenfeld, mir san hussarisch g'stellt.« – Bei dem Worte Lerchenfeld produzierte sie jedesmal eine Armbewegung von unnachahmlicher Grazie, tritt mit dem linken Fuß zurück und stellt ihn auf die Spitze.

Die oder keine, flüstert mein pochendes Herz.

Ich rufe dem Zahlkellner, zückte einen Silbergulden und lade die Schöne zum Souper. – Halb Zwölf Uhr, und die Vorstellung wird gleich zu Ende sein. –

Etelka Horváth, ein schwarzes Ungarmädel, schlank wie eine Gerte, stampft noch die Schlußtakte eines wunderschönen Csardás und heult ä und ö dabei. –

»Die Dame wird sofort erscheinen«; meldet der Kellner.

Ich setze den Hut auf, lasse meinen Überzieher im Stich und gehe über den Hof ins Chambre »separé«. –

Es ist bereits gedeckt.

Für drei Personen? – Aha, der blödsinnige Trick mit der Gardedame! –

Und dann viererlei Gläser? Pfui Teufel! – Was kann man dagegen tun? – Ich versinke in dumpfes Brüten. –

Ein rettender Gedanke: »Sie, Oberkellner, schicken Sie sofort zu Franz Maader, Weinhandlung in der Eisengasse, um eine große Steinflasche Otschischciena, verstehen Sie? Otschischciena – O–tschisch–ciena!«

Ein Geräusch an der Türe!

Ein fraisfarbener Mantel mit wabernden blonden Federn und einem blauen Mühlstein tritt ein. – Ich mache drei Schritte auf das Phantom zu und verbeuge mich ernst und feierlich.

»Izzi Pizzi«, stellt sich der Mantel zuerst vor.

»Baron Semper Saltomortale vom Vorgebirge Athos«, erwidere ich ruhig und würdevoll.

Zwei blaue, große Augen schauen mich mißtrauisch an. – Ich reiche der Dame den Arm und führe sie zu Tisch.

Was ist denn das?! Ein schwarzer Seidenklumpen mit Schmelztropfen sitzt bereits dort? – Ich reiße die Augen auf: Teufel! Bin ich verrückt geworden? Oder war die Alte am Ende im Klavier versteckt gewesen?

Ich schiebe der Schönen den Sessel unter.

Er ist wirklich ein Ausländer, denkt sie.

»Meine Erzieherin«, stellt sie die Alte vor, »Sie gestatten doch.«

Der Kellner kommt herein, ich stürze ihm entgegen und stelle ihn noch an der Tür: »Sie, ich zahle weder Schusterrechnungen, noch etwaige gestrige Zechen – und dann: die Krachmandeln ohne Schale, verstanden – daß mir keine Vielliebchen drunter sind, überhaupt ...«

Der Kellner zwinkert verständnisvoll mit dem rechten Auge; – ich drücke ihm ein Trinkgeld in die Hand, wie es sonst nur regierende Herzöge bekommen.

»Und den Stock hängen Sie mir auch her«, setzte ich laut hinzu, damit die Damen keinen Verdacht schöpfen.

Izzi Pizzi bestellt selbst: »Zuerst bringen's Kaviar – bringen S' gleich die ganze Blechbüchs'n, damit man nöt immer klingeln muß ...«

»Kaviar ist sehr gesund«, wendete sie sich zu mir und wirft mir einen Glutblick zu. –

»In meiner Heimat trägt sogar jeder Gentleman eine Zitrone bei sich«, fügte ich verständnisinnig hinzu.

»Der Kaviar ist leider ausgegangen, vielleicht Ölsardinen gefällig?« sagt der Kellner.

Izzi Pizzi fährt auf: »Aber draußen steht doch noch eine ganze Büchse voll!«

»Da ist Schrott drin, Fräulein«, erwidert der Wackere, eingedenk meines erhaltenen Trinkgeldes. –

»Also Krebse – zwölf Stück!«

»Izzi ist ein seltener Vorname«, sage ich zu ihr, als sie mit dem Bestellen endlich fertig ist.

»Izzi ist nur mein Bühnenname, eigentlich heiße ich Ida. – So eine, wie d' Ida war noch nie da«

»Geistreich, wie alle Wienerinnen, mein Fräulein.«

»Das sagt der Graf auch immer, nöt wahr, Izzi?« wirft die Alte mit süßlicher Miene dazwischen.

»Der Graf, der immer so eifersüchtig ist?« frage ich.

»Sie wissen ...?«

»Grafen sind immer eifersüchtig«, ist meine Antwort.

Ich behandle die Chansonette wie eine grande dame und lege noch nie gesehene exotische Manieren an den Tag.

Der Alten tritt bereits der Schweiß auf die Stirn – von dem ewigen, verbindlichen Lächeln.

Izzi heuchelt verhaltene Glut und hängt rachsüchtig im Geiste an die Zahl, die sie in Verbindung mit meinem Portemonnaie im Gedanken trägt, eine Null an.

»Multiplizieren Sie mit fünf«, fahre ich unvermittelt heraus. –

Entsetzt zuckt die Kleine zusammen; »Wie kommen Sie darauf? Was sagen Sie da?«

Kann er Gedankenlesen? denkt sie.

Die Gardedame glotzt mich stier an und scheint zu glauben, ich sei verrückt geworden. Ich sinne nach irgend einer unklaren Antwort, da bringt der Kellner die Krebse.

Die beiden »Damen« warten verlegen auf mich, was ich wohl Seltsames mit den Krebsen beginnen werde.

Ich lasse sie warten und putze sorgsam mein Monocle.

Die Alte hüstelt und rückt an ihrem Schmelzskalp. Die Junge nestelt an ihrer Bluse.

Endlich erbarme ich mich, blicke schmerzlich auf meine Fingernägel, nehme einen Krebs und wickle ihn in meine Serviette, die ich sodann vor mich auf den Tisch lege. –

Izzi hat es mir bereits nachgemacht, nur die Alte traut sich noch nicht recht. Dann schlage ich mit der Faust darauf und wickle den zertrümmerten Krebs wieder aus.

Die Alte ist starr vor Staunen. »Krebsflecken gehen nicht aus der Wäsche«, fährt es ihr heraus.

»Kusch«, murmelt halblaut die Junge und gibt ihr einen Fußtritt unter dem Tisch.

In meinem Herzen gärt die Hölle.

»Der Rheinwein war sauer, und der Burgunder hat an Stich g'habt«, hat die kleine Ida gesagt, ganz glücklich, daß das dumme Essen vorbei und mit ihm die Gelegenheit, sich arg zu blamieren.

Die Alte hat nur geknabbert.

Siehst du, alte Bestie, denke ich mir, hättest du Mythologie studiert, so wüßtest du jetzt, was der gottselige Tantalus damals gelitten hat!

Aber jetzt kommt der Sekt, du dummer Fex, und trinken kann jeder wie er will, da gibt's keine Arabesken, denkt sich die Alte und wirft mir einen grünen Blick zu.

»Kühlen Sie vorläufig nur eine Flasche Pommery, goût américain, Kellner; wir werden dann zu einer anderen Marke schreiten, und jetzt entkorken Sie mal den Steinkrug da und bringen Sie zwei mittelgroße Wassergläser dazu – eines für die gnädige Frau! – Ihnen, mein Fräulein, wage ich nicht anzubieten«, wendete ich mich zu Izzi, »es erhitzt das Blut ein wenig.«

»Was ist denn da drin?« frägt die Kleine neugierig.

»Otschischciena – Tischwein auf Deutsch, ein russischer Labetrunk, den wir immer vor dem Champagner nehmen – Damen und Herren –, sieht genau aus wie gewöhnliches Wasser, – Sie sehen«, sagte ich und schenke das Glas der Alten voll. Das meinige fülle ich unbemerkt mit wirklichem Trinkwasser.

»Man muß das Ganze auf einen Ruck hinunterstürzen, sonst leidet der Geschmack darunter; ich werde mir erlauben, es Ihnen vorzumachen, gnädige Frau – sehen Sie, so ...«

Ich weiß nicht, woraus Otschischciena gemacht wird, ich weiß auch nicht, ob der Erfinder dieses Getränkes überhaupt ein lebender Mensch war, ich weiß nur eines: rauchende Salpetersäure ist lauwarmes Weihasser dagegen.

Ein Gefühl des Mitleides beschlich mich, wie ich sah, daß die alte Frau das volle Glas wirklich so hinunterstürzte.

Selbst Chingagook, der große Häuptling der Mohikaner, wäre tot zusammengebrochen.

Die Gardedame aber verzog keine Miene, sie hatte die Augen niedergeschlagen und griff nach ihrer Frisur.

Sie wird jetzt eine lange Hutnadel hervorziehen und sie mir ins Herz bohren, denke ich mir. Doch nichts Ähnliches geschieht. Die Alte schaut mir voll ins Gesicht mit dankbarem Blick: »Wirklich ausgezeichnet, Herr Baron.«

»Ich möchte auch einmal kosten«, lispelt Izzi, und macht einen kleinen Schluck.

Dann fischt sie ein hineingefallenes Insekt aus dem Glas und trällert so gewiß: »Die Flieg'n kommt mir spanisch vor, spanisch vor, spanisch vor.«

Ich lasse mich aber nicht aus der Rolle bringen und bleibe so konventionell wie zuvor.

Als Izzis Knie das meine drückt, sage ich Pardon und werfe einen scheuen Blick auf die »Erzieherin«. Das wird der Kleinen zu dumm, und sie schickt die Alte endlich ärgerlich schlafen. Ich lege der Gnädigen den Steinkrug an die Brust und wünsche ihr eine recht geruhsame Nacht. –

Also jetzt werden sie der Reihe nach kommen, die alten bekannten Geschichten: Daß es Ida auch nicht in die Wiege gesungen worden war, und so; daß sie sich einem Kavalier hingab, nur um ihres Bruders Spielschulden zu decken. Die Alte, die eben ging, stammte noch aus der Zeit, als sie selbst, noch ein Wildfang, sich auf den herrschaftlichen Gütern ihres Vaters herumgetummelt; eine alte treue Dienerin! – Und wie sie den Grafen hasse, der sie so eifersüchtig bewacht, – nur ein paar Gulden in der Hand, um einige kleine Schulden: Schusterrechnung und dergleichen, zu bezahlen, die sie zu stolz ist, ihm einzugestehen – und sie würde ihm auf der Stelle den Laufpaß geben. – Und dann die Kolleginnen! – Ach Gott, schamlose Dinger – besser, gar nicht davon zu reden! –

Ich sehe Izzi forschend an. – Richtig, sie hat ein ernstes Gesicht aufgesetzt und macht bereits Märchenaugen.

»Etelka Horváth ist heute abend das letztemal aufgetreten, das Publikum hat schon gezischt«, beginnt sie.

Aha, denke ich mir, Abwechslung macht das Leben schön; die fängt einmal von hinten an.

»Heute schläft sie schon drüben im Hotel Bavaria, die – die – – na – die Ungarin. – Ich selbst wohne hier im Hause, im schwarzen Roß, oben im ersten Stock. – Von sieben Uhr abends darf ich weder ausgehen, noch auch Besuche auf meinem Zimmer empfangen. Der Graf ist ein elender Tyrann«, fährt sie fort.

»Und dann ist es obendrein Polizeivorschrift«, werfe ich träumerisch ein.

»Auch das«, gibt sie verlegen zu, »aber von 9 Uhr früh an kann man mich besuchen, – bis 12 Uhr liege ich im Bett!«

Pause. Mein Fuß streift den ihren.

Sie lehnt sich zurück, sieht mich durch halbgeschlossene Lider an, knirscht mit den Zähnen und beginnt hastig zu atmen. –

Ich reiße sofort den Federnmantel von der Wand und lege ihn um ihre Schultern: »Sie müssen sich schlafen legen, liebes Kind, Sie fiebern ja förmlich?«

Wir gehen über den Hof zurück zum Stiegenhaus.

Beim Portier bleibt Izzi zum Abschied stehen: »Gehen Sie schon nach Hause oder noch ins Café, Baron?«

»Ich muß morgen zeitlich aufstehen und gleich um neun Uhr einen Besuch machen«, antworte ich, und schaue ihr tief in die Augen; »ich habe heute abend mein Herz verloren, – aber werden Sie auch nichts verraten?«

Die Kleine schüttelt unsicher den blauen Sammetmühlstein.

»Dann will ich es Ihnen anvertrauen: Ich bin ganz weg in die süße Erika, Ihre reizende Kollegin.«

Izzi fegt die Treppe hinauf, ich aber stehe seelenvergnügt und pfeife mir eins:

»Denn die Rose –
Und das Mädchen –
Will betro–gen –
Sein.«

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