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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 41
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Ohrensausen

Auf der Kleinseite steht ein altes Haus, in dem nur unzufriedene Leute wohnen. – Jeden, der es betritt, befällt ein quälendes Mißbehagen. – – Ein düsteres Ding, das bis an den Bauch in der Erde steckt.

– – Im Keller liegt eine eiserne Platte: wer sie hebt, der sieht einen schwarzen engen Schacht mit schlüpfrigen Wänden, die kalt hinunter in die Erde zeigen.

Viele schon hatten an einem Strick Fackeln hinabgelassen. – Tief in die Dunkelheit hinunter, und das Licht war immer schwächer und schwelenderer geworden, dann erlosch es, und die Leute sagten:

Es ist keine Luft mehr.

So weiß keiner, wohin der Schacht führt.

Wer aber helle Augen hat, der sieht ohne Licht, – auch in der Finsternis, wenn die andern schlafen. –

Wenn die Menschen der Nacht erliegen und das Bewußtsein schwindet, so verläßt die Gierseele das Herzpendel – grünlich im Schimmer, mit lockern Formen und häßlich, denn es ist keine Liebe in den Herzen der Menschen.

Die Menschen sind ermattet vom Tagewerk, das sie Pflicht nennen, und suchen frische Kraft im Schlaf, um ihren Brüdern das Glück zu stören, – um neuen Mord zu sinnen im nächsten Sonnenschein. –

Und schlafen und schnarchen. –

Dann huschen die Gierschatten durch die Fugen in Türen und Wänden ins Freie, – in die horchende Nacht, – und die schlafenden Tiere winseln und schrecken, wenn sie ihre Henker wittern. – – –

Sie huschen und schleichen in das alte, düstere Haus, in den modrigen Keller zur eisernen Platte. – – – Das Eisen wiegt nicht, wenn es die Hände der Seelen berühren. – – – – – – Der Schacht weitet sich tief unten, – dort sammeln sich die Schemen. Sie grüßen sich nicht und fragen nicht; – es ist nichts, was einer vom andern wissen wollte. – – – Mitten im Raume dreht sich schwirrend in rasender Schnelle eine graue steinerne Scheibe. Die hat der Böse gehärtet im Feuer des Hasses vor Jahrtausenden, lang ehe Prag erstand.

An den sausenden Kanten schleifen die Phantome die gierigen Krallen scharf, die sich der Tagmensch stumpf gekratzt. Die Funken stieben von den Onyxkrallen der Wollust, von den stählernen Hacken der Habgier. –

Alle, alle werden wieder messerscharf, denn der Böse braucht immer neue Wunden.

Wenn der Mensch im Schlafe die Finger strecken will, muß sein Schemen in den Körper zurück, – die Krallen sollen krumm bleiben, daß sich die Hände nicht falten können zum Gebet.

Der Schleifstein des Satans schwirrt weiter, – unablässig – Tag und Nacht –

Bis die Zeit still steht und der Raum zerbricht.

Wer die Ohren verstopft, der kann ihn sausen hören im Innern.

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