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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 40
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Die Geschichte des Löwen Alois

war so: Seine Mutter hatte ihn geboren und war sofort gestorben.

Vergebens hatte er getrachtet, mit seinen runden Pfoten, die so weich waren wie Puderquasten, sie aufzuwecken, denn er verschmachtete vor Durst in der sengenden Mittagsglut.

»Wie die Sonne frühmorgens die Tautropfen schlürft, wird sie auch sein Leben austrinken«, murmelten pathetisch die wilden Pfauen oben auf der Tempelruine, machten Prophetengesichter und schlugen rauschend stahlblau schimmernde Räder.

Und wären nicht die Schafherden des Emirs des Weges gezogen, hätte es auch so kommen müssen.

Da aber wendete sich das Schicksal.

»Hirten haben wir nicht, unberufen, die dreinreden dürften«, meinten die Schafe – »warum sollen wir diesen jungen Löwen also nicht mitnehmen?

Übrigens die Witwe Bovis macht's gewiß gern, erziehen ist ja ihre Leidenschaft. Seit ihr Ältester nach Afghanistan geheiratet hat – (die Tochter de fürstlichen Oberwidders) – fühlt sie sich sowie so ein bißchen einsam.«

Und Frau Bovis sagte kein Wort, nahm das Löwenjunge zu sich, säugte und hegte es – neben Agnes, ihrem eigenen Kind.

Nur der Herr Schnucke Ceterum aus Syrien – schwarz gelockt und mit krummen Hinterbeinen – war dagegen. Er legte den Kopf schief und sagte melodisch: »Scheene Sachen werden da noch emol 'erauskommen«, aber weil er immer alles besser wußte, kümmerte sich niemand um ihn. – Der kleine Löwe wuchs erstaunlich, wurde bald getauft und erhielt den Namen »Alois«.

Frau Bovis stand dabei und fuhr sich ein ums andere Mal über die Augen; – und der Gemeindeschöps trug ins Buch ein: »Alois + + +«, und statt eines Familiennamens drei Kreuze.

Damit aber jeder sehen könne, daß hier wahrscheinlich eine uneheliche Geburt vorliege, schrieb er es auf eine Extraseite.

Alois' Kindheit floß dahin wie ein Bächlein.

Er war ein guter Knabe, und nie gab er – von gewissen Heimlichkeiten vielleicht abgesehen – Grund zur Klage. – Rührend war es anzusehen, wie er heißhungrig mit den andern weidete und die Schafgarbe, die sich ihm widerspenstig immer um die langen Eckzähne legte, in kindlicher Unbeholfenheit mühsam zerkaute.

Jeden Nachmittag ging er mit klein Agnes, seinem Schwesterchen, und ihren Freundinnen ins Bambusgehölz spielen, und da war des Scherzens und der Lustbarkeiten kein Ende.

Alois, hieß es dann immer, Alois, zeig mal deine Krallen, bitte, bitte, und wenn er sie recht lang herausstreckte, erröteten die Mädchen, steckten kichernd die Köpfe zusammen und sagten: »Ffui, wie unanßtändig«; aber sie wollten es doch immer wieder sehen.

Zur kleinen schwarzhaarigen Scholastika, Schnucke Ceterums lieblichem Töchterlein, entwickelte sich in Alois frühzeitig eine tiefe Herzensneigung.

Stundenlang konnte er an ihrer Seite sitzen, und sie bekränzte ihn mit Vergißmeinnicht.

Waren sie ganz allein, so sagte er ihr das wunderschöne Gedicht auf:

»Willst du nicht das Lämmlein hüten,
Lämmlein ist so fromm und sanft,
Nährt sich von des Grases Blüten
Spielend an des Baches Ranft.«

Und sie vergoß dabei Tränen tiefster Rührung.

Dann tollten sie wieder durch das saftige Gras, bis sie umfielen.

Kam er abends erhitzt vom kindlichen Spiele nach Hause, sagte Frau Bovis, seine Mähne nachdenklich betrachtend, immer nur: »Jugend hat keine Tugend«, – und – »Junge, wie du heute wieder mal unfrisiert aussiehst!« (Sie war so gut.)

Alois reifte zum Jüngling, und das Lernen war seine Lust. In der Schule allen ein Vorbild, glänzte er stets durch Fleiß und gute Sitten, – und im Singen und in »Vaterländischer Ruhmesgeschichte« hatte er durchwegs I a.

»Nicht wahr, Mama«, sagte er immer, wenn er mit einem Lob des Lehrers heimkam, »nicht wahr, ich darf später in die Kadettenschule?«

Da mußte sich jedesmal Frau Bovis abwenden und eine Träne zerdrücken. »Er weiß ja nicht, der gute Junge«, seufzte sie, »daß dort nur wirkliche Schafe aufgenommen werden«, – streichelte ihn, zwinkerte verheißungsvoll mit den Augen und sah ihm gerührt nach, wenn er hochaufgeschossen, wie er war, mit dem ein wenig dünnen Hals und den weichen X-Beinen der Flegeljahre wieder hinaus an seine Schulaufgaben ging.

Der Herbst zog ins Land, da hieß es eines Tages: Kinder, vorsichtig sein, ja nicht zu weit außerhalb spazieren gehen, besonders nicht in der Dämmerung, wenn die Sonne zu sinken beginnt, – wir kommen jetzt in gefährliches Gebiet. – Der persische Löwe – nämlich – mordet und würgt dort.

Und immer wilder wurde das Pundshab und immer finsterer das Gesicht, das die Landschaft schnitt.

Die steinernen Finger der Berge von Kabul krallen sich in die Niederungen, – Bambusdschungel starrt wie gesträubtes Haar, und auf den Sümpfen treiben träge die Fieberdämonen mit lidlosen Augen und atmen vergiftete Mückenschwärme in die Luft.

Die Herde zog durch einen Engpaß, ängstlich und schweigend. Hinter jedem Felsblock Todesgefahr.

Da machte ein hohler, schauerlicher Ton die Luft beben, – in wilder, besinnungsloser Furcht stürmte die Herde davon. Hinter einem Felsen hervor schoß ein breiter Schatten gerade auf Herrn Schnucke Ceterum los, der nicht rasch genug vorwärts kam.

Ein riesiger alter Löwe!

Herr Schnucke wäre rettungslos verloren gewesen, hätte sich nicht in diesem Augenblick etwas Merkwürdiges ereignet. Mit Gänseblümchen bekränzt, ein Sträußchen Georginen hinter dem Ohr, kam Alois mit schmetterndem »Bäh, bäh« im Galopp vorbei.

Als hätte vor ihm der Blitz eingeschlagen, hielt der alte Löwe im Sprung inne und stierte in maßlosem Staunen dem Fliehenden nach.

Lange konnte er keinen Laut hervorbringen, und als er endlich ein wütendes Gebrüll ausstieß, antwortete ihm Alois' »Bäh, bäh« schon aus weiter Ferne.

Eine ganze Stunde noch blieb der Alte in tiefem Grübeln stehen; alles, was er je über Sinnestäuschungen gelesen und gehört, ließ er an seinem Geiste vorüberziehen.

Vergebens!

Die Nacht fällt rasch und kalt vom Himmel im Pundshab; fröstelnd knöpfte sich der alte Löwe zu und ging in seine Höhle.

Aber er konnte keinen Schlaf finden, und als das gigantische Katzenauge des Vollmondes grünlich durch die Wolken starrte, brach er auf und setzte der geflohenen Herde nach.

Gegen Morgengrauen erst fand er Alois – die Blumenkränze noch im Haar – süß schlummernd hinter einem Strauche.

Er legte ihm die Pranke auf die Brust, und mit entsetztem »Bäh« fuhr Alois aus dem Schlafe.

»Herr, so sagen Sie doch nicht immer ›bäh‹. Sind Sie denn wahnsinnig? Sie sind doch ein Löwe, um Gottes willen«, brüllte ihn der Alte an.

»Da irren Sie, bitte –«, antwortete Alois schüchtern, »ich bin ein Schaf.«

Der alte Löwe schüttelte sich vor Wut; »Sie, – wollen Sie mich vielleicht zum besten haben?! Frozzeln Sie gütigst meinetwegen die Frau Blaschke – – –«

Alois legte die Tatze beteuernd aufs Herz, blickte ihm treuherzig in die Augen und sagte tiefbewegt:

»Mein Ehrenwort – ich bin ein Schaf!«

Da entsetzte sich der Alte, wie tief sein Stamm gesunken, und ließ sich Alois' Lebensgeschichte erzählen.

»Das alles«, meinte er dann, »ist mir zwar gänzlich schleierhaft, aber daß Sie ein Löwe und kein Schaf sind, steht fest, und wenn Sie's nicht glauben wollen – zum Teufel – so vergleichen Sie unser beider Bilder hier im Wasser.

Und jetzt lernen Sie zuvörderst mal anständig brüllen, schauen Sie – so:

Uuuaah, uuuuaah.«

Und er brüllte, daß die Oberfläche des Weihers ganz rieselig wurde und aussah wie Schmirgelpapier. »Also versuchen Sie's, es ist ganz leicht.«

»Uhah«, setzte Alois schüchtern an, verschluckte sich jedoch und mußte hüsteln.

Der alte Löwe blickte ungeduldig zum Himmel auf: »Na, meinetwegen üben Sie's, wenn Sie allein sind, ich muß jetzt sowieso nach Hause.«

Er sah auf die Uhr: »Himmelsakra! schon wieder halb fünf! – Also Servus!« Und er salutierte flüchtig mit der Pranke und verschwand.

Alois war wie betäubt – – –: Also doch!!

Vor ganz kurzer Zeit erst hatte er das Gymnasium absolviert – hatte es sozusagen schwarz auf weiß bekommen, daß er ein Schaf sei – und jetzt!

Gerade jetzt, wo er in den Staatsdienst treten sollte!

Und – und – und Scholastika!

Er mußte weinen – Scholastika!!

So schön hatten sie alles miteinander verabredet, wie er vor Papa und Mama hintreten solle usw.

Und Mama Bovis hatte noch zu ihm gesagt – neulich –: »Junge, den alten Schnucke, den halte dir warm, der hat ein Viechsgeld; – das wäre so ein Schwiegervater für dich bei deinem Riesenappetit.« – Und immer lebendiger zogen die Ereignisse der letzten Tage vor Alois' innerem Auge vorüber: Wie er auf einem Spaziergange Herrn Schnucke über sein blühendes Aussehen und seinen Reichtum Elogen gemacht hatte: »Herr von Schnucke haben, wie ich vernahm, in Syrien einen so schwunghaften Exporthandel in Trommelschlägeln unterhalten, und das soll, höre ich, den Grundstock zu Ihrem Reichtum gelegt haben!?« – –

»Auch hab' ich gehandelt dermit –«, hatte Herr Ceterum etwas zögernd geantwortet, ihn aber dabei recht argwöhnisch von der Seite angesehen.

»Sollte ich da am Ende etwas Dummes gesagt haben?« – hatte sich Alois damals gedacht – »aber man spricht doch allgemein – – – – – –« Ein Geräusch schreckte ihn jetzt aus seinen Träumereien! – Also alles, alles sollte jetzt zu Ende sein! Alois legte sein Haupt auf die Tatzen und weinte lange und bitterlich.

Tag und Nacht vergingen, – da hatte er sich durchgerungen.

Übernächtig, tiefe Schatten um die Augen, ging er zur Herde, trat mitten unter sie, richtete sich majestätisch auf und rief:

»Uh– –hah!«

Ein ungeheures Gelächter brach los.

»Pardon, ich meine damit«, stotterte Alois verlegen – »ich meine damit nur – – ich bin nämlich ein Löwe.« Ein Augenblick der Überraschung, allgemeine Stille, und wiederum erhoben sich großer Lärm, höhnische Worte, Warnungsrufe, lautes Lachen.

Erst als Dr. Simulans, der Herr Pastor, hinzutrat und Alois in strengem Tone befahl, ihm zu folgen, legte sich der Tumult.

Es mußte ein langes ernstes Gespräch gewesen sein, das die beiden miteinander führten, und als sie zusammen aus dem Bambusdickicht traten, da leuchteten des Predigers Augen in frommem Eifer. »Sei dössen eingedenk, mein Sohn«, waren seine letzten Worte, – »mannigfaltig sind die Fallstricke des bösen Feindes! Tag und Nacht versuchet ör uns, auf daß wir gögen den Stachel löcken, dörweilen wir im Fleische wandeln allhier.

Siehe, das ist ös ja eben, wir allesamt sollen trachten, das Löwentum in uns niederzuwerfen und in Demut zu verharren, daß wir einen nojen Bund schließen und unsere Bitten erhöret werden – hier zeitlich und dort öwiglich.

Und was du gesehen und gehört gestern morgens dort am Weiher, das vergiß; – ös war nicht Wirklichkeit, – war teuflisch Gaukelspiel dös bösen Feines! Anathema!

Eines noch, mein Sohn! Heiraten ist gut, und ös wird dir die finsteren Dünste des Fleisches vertreiben, die den Teufeln ein Wohlgefallen sind, so freie denn die Jungfrau Scholastika Cöterum und sei zahlreich wie der Sand am Meere.«

Er hob seine Augen zum Himmel, – »das wird dir helfen des Fleisches Bürde zu tragen und – (hier wurde seine Rede zum Gesang):

lär–nee zu lei–deen
oh–näh zu klaa–geen!«

Und dann schritt er von hinnen.

Alois' Augen standen voll Tränen.

Drei Tage lang sprach er keine Wort, reinigte nur rastlos sein Inneres von allen Schlacken, und als ihm eines Nachts im Traum eine Löwin erschien, die angab, der Geist seiner Mutter zu sein und verächtlich dreimal vor ihm ausspuckte, da trat er erhobenen Hauptes vor den Herrn Pastor – jauchzend, daß nunmehr die Blendwerke der Hölle von ihm abgelassen hätten und er von nun an das Denken wolle ganz und gar sein lassen, um sich um so blinder der Leitung des Herrn Pastors hinzugeben.

Der Herr Pastor aber hielt in beredten Worten Fürsprache für ihn um die Hand der Jungfrau Scholastika bei ihren Eltern.

Zwar wollte Herr Ceterum anfangs nichts hören, war sehr wild und rief immer »Er is nix, er hat nix«, aber schließlich fand seine Ehegattin den Schlüssel zu seinem Herzen:

»Schnucke«, sagte sei, »Schnucke, was willst de eigentlich, was hast de gegen Alois? Schau – – – er is doch blond.« –

Und tags darauf war Hochzeit.

Bäh.

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