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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Das Geheimnis des Schlosses Hathaway

Ezechiel von Marx war der beste Somnambule, den ich in meinem Leben gesehen habe.

Oft mitten in einem Gespräch konnte er in Trance fallen und dann Geschehnisse erzählen, die sich an weit entfernten Orten zutrugen oder gar erst nach tagen und Wochen abspielten.

Und alles stimmte mit einer Präzision, die einem Swedenborg Ehre gemacht hätte.

Wie nun diese Trance bei Marx absichtlich und beliebig herbeiführen?!

Alles mögliche hatten wir bei unserem letzten Beisammensein versucht – meine sechs Freunde und ich –, hatten den ganzen Abend experimentiert, magnetische Striche angewandt, Rauch von Lorbeer usw. usw., – aber alles schlug fehl, Ezechiel von Marx in Hochschlaf zu bringen.

»Blödsinn«, sagte endlich Mr. Dowd Galagher, ein Schotte. »Sie sehen doch, es geht nicht. Ich werde Ihnen lieber etwas erzählen, etwas so Sonderbares, daß man Tage und Nächte vergrübeln könnte, dem Rätsel, dem Unerklärlichen darin auf die Spur zu kommen.

Fast ein Jahr ist es her, daß ich davon gehört habe, und kein Tag verging, an dem ich nicht Stunden vergeudet hätte, um mir wenigstens eine halbwegs zureichende Erklärung zurechtzuzimmern.

Schon als Schriftsteller setzte ich meinen Ehrgeiz dahinter, zumindest eine theoretische Lösung zu finden.

Alles umsonst!

Dabei kenne ich doch jeden Schlüssel, den der Okkultismus des Ostens und Westens bieten könnte.

Das wissen Sie doch!

Finden Sie – wenn Sie können – zu der Geschichte den auflösenden Divisor!

Es würde mir imponieren.

Also hören Sie zu (er räusperte sich):

Soweit die Familienchroniken der Earls of Hathaway zurückgehen, kehrt von Erstgeborenem zu Erstgeborenem das gleiche dunkle Schicksal immer wieder.

Ein tötender Reif fällt auf das Leben des ältesten Sohnes an dem Tage, an dem er das einundzwanzigste Jahr erreicht, um nicht mehr von ihm zu weichen bis zu seiner letzten Stunde.

Verschlossen, wortkarg, gramvoll vor sich hinstarrend – oder tagelang auf einsamer Jagd – bringen sie auf Hathaway-Castle ihr Leben zu, bis wiederum der älteste Sprosse – mündig geworden – nach dem Gesetze sie ablöst und das traurige Erbe antritt. Früher noch so lebensfroh, sind sie dann mit einem Schlage wie verwandelt – die jungen Earls – und verlobten sich vorher nicht, später eine Gattin in ihr freudloses Heim zu holen, ist fast Unmöglichkeit.

Dennoch hat keiner von ihnen je Hand an sich selbst gelegt. Dennoch hat all diese Trauer und Qual, die keine Stunde mehr von ihnen wich, nicht genügt, auch nur in einem von ihnen den Entschluß zum Selbstmord reifen zu lassen.

Mir träumte einmal, ich läge auf einer Toteninsel – einer jener mohammedanischen Begräbnisstätten im Roten Meer, deren verkümmerte Bäume schneeweiß im Sonnenlicht leuchteten wie mit Milchschaum übergossen.

Ein weißer ›Schaum‹, der sich zusammensetzt aus Millionen von bewegungslos wartender Geier. Ich lag auf dem Sandboden und konnte mich nicht rühren. – Ein unbeschreiblicher, entsetzlicher Verwesungsgeruch wehte warm aus dem Innern der Insel zu mir.

Die Nacht brach herein. Da wurde der Boden lebendig, – aus dem Meer eilten durchsichtige Taschenkrebse von erschreckender Größe lautlos über den Sand; – hypertrophiert von der Mästung an menschlichem Aas.

Und einer von ihnen, träumte mir, saß an meinem Halse und sog mir das Blut aus.

Ich konnte ihn nicht sehen, mein Blick erreichte ihn nicht, – nur ein trüber, bläulicher Schein fiel auf meine Brust – von der Schulter her – wie das Mondlicht durch den Krebs schimmerte, der so durchsichtig war, daß er kaum mehr einen Schatten warf.

Da betete ich zu dem Meister in meinem Innern, er möge erbarmungsvoll das Licht meines Lebens verlöschen.

Ich rechnete aus, wann mein Blut zu Ende sein könnte, und hoffte doch wieder auf die Sonne des fernen Morgens. – – – – So denke ich mir, wie in meinem Traum, muß auch im Leben der Earls von Hathaway noch ein leises Hoffen glimmen in all ihrer weiten, dunklen Trostlosigkeit. Sehen Sie, – den jetzigen Erben Vivian – damals noch Viscount Arundale – lernte ich persönlich kennen. Er sprach viel von dem Verhängnis, da sein zweiundzwanzigster Geburtstag nahe war, und fügte noch in lachendem Übermut hinzu, der Pest selber, – trete sie mit blauem Antlitz im entscheidenden Augenblick vor ihn, nach seinem Leben zu greifen – sollte es nicht gelingen, ihm auch nur eine Stunde lang Frohsinn und Jugend zu vergällen.

Damals waren wir in Hathaway-Castle.

Der alte Earl jagte seit Wochen im Gebirge; – ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen. –

Seine Gemahlin – Lady Ethelwyn – Vivians Mutter, sprach, – gramvoll und verstört, – kaum ein Wort.

Nur eines Tages, – ich war mit ihr allein in der Veranda des Schlosses und, um sie aufzuheitern, erzählte ich ihr von den vielen tollen und lustigen Streichen ihres Vivian, die doch die beste Sicherheit für seine fast unzerstörbare Heiterkeit und Sorglosigkeit böten, – da taute sie ein wenig auf und sagte mir allerlei, was sie selbst über das Verhängnis teils in den Familienaufzeichnungen gelesen, teils selbst gesehen und entdeckt hatte in den vielen Jahren ihrer langen einsamen Ehe. –

Schlaflos lag ich damals die Nacht und konnte die seltsamen, schreckhaften Bilder nicht bannen, die die Worte der Lady Ethelwyn vor meine Seele gerufen hatten: – Im Schlosse sei ein geheimes Gemach, dessen verborgenen Zugang außer dem Earl und dem Kastellan – einem finsteren, scheuen Greise – niemand kenne.

Dieses Zimmer müsse an dem gewissen Zeitpunkte der junge Erbe betreten.

Zwölf Stunden bleibe er darin, um es dann bleich – ein gebrochener Mann – zu verlassen. –

Einmal war der Lady der Einfall gekommen, aus jedem Fenster ein Wäschestück heraushängen zu lassen, und auf diese Weise hatte sie entdeckt, daß immer ein Fenster ohne Wäsche blieb, also zu einem Gemach gehören mußte, dessen Eingang unauffindbar war.

Weiteres Forschen und Suchen blieb vergeblich; die labyrinthartig angelegten alten Gänge des Schlosses hemmten jede Orientierung.

Zuweilen aber, immer zur selben Jahreszeit, überkomme jeden das bedrückende undeutliche Empfinden, als sei für eine Zeit in Hathaway-Castle ein unsichtbarer Gast eingezogen.

Ein Gefühl, das sich allmählich – vielleicht durch eine Kette ungewisser unwägbarer Anzeichen verstärkt – zur grauenvollen Gewißheit steigert. –

Und als Lady Ethelwyn in einer Vollmondnacht, von Schlaflosigkeit und Furcht gequält, in den Schloßhof hinabblickte, nahm sie in grenzenlosem Entsetzen wahr, wie der Kastellan eine gespenstische, affenähnliche Gestalt von schauerlicher Häßlichkeit, die röchelnde Töne ausstieß, heimlich umherführte. –«

Mr. Dowd Galagher schwieg, legte die Hand vor die Augen und lehnte sich zurück.

»Diese Bilder verfolgen mich heute noch«, setzte er seine Schilderung fort, »ich sehe das alte Schloß vor mir, wie ein Würfel gebaut, – inmitten einer in seltsam geschweiften Linien angelegten Parklichtung – von traurigen Eichenbäumen flankiert.

Ich sehe wie eine Vision die wäschebehängten Bogenfenster und ein dunkles, leeres dazwischen. Und dann – dann –.

Ja richtig, etwas habe ich Ihnen zu sagen vergessen: Immer wenn die Anwesenheit des unsichtbaren Besuchers fühlbar wird, durchdringt eine schwache, unerklärliche Ausdünstung – ein alter Diener behauptete, sie röche ähnlich wie Zwiebel – die Gänge des Hauses.

Was das alles bedeuten mag?!

Wenige Wochen, nachdem ich Hathaway-Castle verlassen, drang das Gerücht zu mir, Vivian sei tiefsinnig geworden! Also auch der!

Dieser Tollkopf, der einen Tiger mit bloßen Fäusten angegangen hätte!!

Sagen Sie mir, haben Sie eine Erklärung, meine Herren?

Wäre es ein Spuk, ein Fluch, ein magisches Spektrum, die Pest in eigener Person gewesen, – um Gottes willen doch wenigstens einen Versuch zum Widerstand hätte Vivian –«

Das Zerklirren eines zerbrochenen Glases unterbrach den Erzähler.

Wir alle sahen erschreckt auf: Ezechiel von Marx saß kerzengerade und steif in seinem Sessel – die Augachsen parallel. – – Somnambul!

Das Weinglas war ihm aus der Hand gefallen.

Ich stellte sofort den magnetischen Rapport mit Marx her, indem ich ihm über die Gegend des Sonnengeflechtes strich und flüsternd auf ihn einsprach.

Bald war der Somnambule soweit, daß wir uns alle mit ihm durch kurze Fragen und Antworten verständigen konnten, und es entspann sich folgende Unterhaltung:

Ich: »Haben Sie uns etwas zu sagen?«

Ezechiel von Marx: »Feiglstock.«

Mr. Dowd Gallagher: »Was heißt das?«

Ezechiel von Marx: »Feiglstock.«

Ein anderer Herr: »So seien Sie doch deutlicher!«

Ezechiel von Marx: »Feiglstock Attila, Bankier, Budapest, Boulevard Nr. 7.«

Mr. Dowd Gallagher: »Ich verstehe kein Wort.«

Ich: »Hängt das vielleicht mit Hathaway-Castle zusammen?«

Ezechiel von Marx: »Ja.«

Ein Herr im Frack: »Was ist die affenähnliche Gestalt im Schloßhof mit der röchelnden Stimme?«

Ezechiel von Marx: »Dr. Max Lederer.«

Ich: »Also nicht Feiglstock?«

Ezechiel von Marx: »Nein.«

Der Maler Kubin: »Wer ist also Dr. Max Lederer?«

Ezechiel von Marx: »Advokat und Kompagnon von Feiglstock Attila, Bankier in Budapest.«

Ein dritter Herr: »Was will dieser Dr. Lederer in Hathaway-Castle?«

Ezechiel von Marx (murmelt etwas Unverständliches).

Der Maler Kubin: »Was haben denn die Earls von Hathaway mit der Bankfirma Feiglstock zu tun?«

Ezechiel von Marx (flüsternd in tiefer Trance): »– von Anbeginn – – ›Geschäftsfreunde‹ der Earls.«

Ich: »Worin wurden die Erben des Earltitels an dem gewissen Tage eingeweiht?«

Ezechiel von Marx (schweigt).

Ich: »Beantworten Sie doch die Frage.«

Ezechiel von Marx (schweigt).

Der Herr im Frack (brüllend): »In was sie eingeweiht wurden?«

Ezechiel von Marx (mühsam): »In das Fami– – in das Fami–lienkonto – – – – – –«

Mr. Dowd Galagher (nachdenklich vor sich hin): »Ja so!! – In das Fami–lien–konto.«

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