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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Chimäre

Reifes Sonnenlicht liegt auf den grauen Steinen, – der alte Platz verträumt den stillen Sonntagnachmittag. –

Aneinandergelehnt schlummern die müden Häuser mit den verfallenen Holztreppen und heimlichen Winkeln, – mit den treuen Mahagonimöbeln in den kleinen altmodischen Stuben.

Und warme Sommerluft atmet durch wachsame offene Fensterchen.

Ein Einsamer geht langsam über den Platz zur Kirche des heiligen Thomas, die fromm herabsieht auf das ruhige Bild. Er tritt ein. – Weihrauchduft.

Seufzend fällt die schwere Türe zurück an das Lederpolster. Verschlungen ist der laute Schein der Welt – grünrosa fließen die Sonnenstrahlen durch schmale Kirchenfenster auf die heiligen Steinquadern. – Hier unten ruhen die Frommen aus vom wechselnden Sein.

Der Einsame atmet die tote Luft. – Gestorben sind die Klänge, andächtig liegt der Dom im Schatten der Töne. – Das Herz wird ruhig und trinkt den dunkeln Weihrauchduft.

Der Fremde blickt auf die Schar der Kirchenbänke, die, weihevoll zum Altar hingebeugt, wie auf ein kommendes Wunder warten.

Er ist einer jener Lebendigen, die das Leid überwunden haben und mit andern Augen tief hineinsehen in eine andere Welt. Er fühlt den geheimnisvollen Atem der Dinge: Das verborgene lautlose Leben der Dämmerung.

Die verleugneten, heimlichen Gedanken, die hier geboren wurden, ziehen unstet – suchend durch den Raum. Wesen ohne Blut, ohne Freude und Weh – wachsbleich, wie die kranken Gewächse der Dunkelheit.

Verschwiegen schwingen die roten Ampeln – feierlich – an langen geduldigen Stricken; – der Luftzug von den Flügeln der goldenen Erzengel bewegt sie. –

– Da. Ein leises Scharren unter den Bänken. – Es huscht zum Betstuhl und versteckt sich.

Jetzt kommt es um die Säule geschlichen:

Eine bläuliche Menschenhand!

Auf flinken Fingern läuft sie am Boden hin: eine gespenstische Spinne! – Horcht. – Klettert eine Eisenstange empor und verschwindet im Opferstock.

Die silbernen Münzen darin klirren leise.

Träumend ist ihr de Einsame mit den Augen gefolgt, und seine Blicke fallen auf einen alten Mann, der im Schatten eines alten Pfeilers steht. – Die beiden sehen sich ernst an.

»Es gibt viele gierige Hände hier«, flüstert der Alte.

Der Einsame nickt.

Aus dem nächtigen Hintergrunde ziehen trübe Gestalten heran. Langsam – sie bewegen sich kaum.

Betschnecken!

Menschenbüsten – Frauenköpfe mit schleiernden Umrissen auf kalten, schlüpfrigen Schneckenleibern – mit Kopftüchern und schwarzen katholischen Augen – saugen sie sich lautlos über die kalten Fliesen.

»Sie leben von den leeren Gebeten«, sagt der Alte. »Jeder sieht sie, und doch kennt sie keiner, – wenn sie tagsüber bei den Kirchentüren hocken.«

Wenn der Priester die Messe liest, schlafen sie in den Flüsterecken.

»Hat sie mein Hiersein im Beten gestört?« fragt der Einsame. –

Der Alte tritt an seine linke Seite: »Wessen Füße im lebendigen Wasser stehen, der ist selber das Gebet! Wußte ich doch, daß heute einer kommen würde, der sehen und hören kann!«

Gelbe Lichtreflexe hüpfen über die Steine, wie Irrlichter.

»Sehen Sie die Goldadern, die sich hier unter den Quadern hinziehen?« Das Gesicht des Alten flackert.

Der Einsame schüttelt den Kopf: »Mein Blick dringt nicht so tief. – Oder meinen Sie es anders?«

Der Alte nimmt ihn an der Hand und führt ihn zum Altar. – Das Bild des Gekreuzigten ragt stumm.

Schatten bewegen sich leise in den dunklen Seitenlogen hinter gebrauchten kunstvollen Gittern: – Schemen alter Stiftfräulein aus vergessenen Zeiten, die nie mehr wiederkehren, – fremdartig – entsagungsvoll wie Weihrauchduft.

Es rauschen ihre schwarzen seidenen Kleider.

Der Greis deutet zu Boden: »Hier tritt es fast zutage. Einen Fuß tief unter den Fliesen, – lauteres Gold, ein breiter leuchtender Streifen. Die Adern ziehen sich über den alten Platz bis weiter unter die Häuser. – Wunderbar, daß die Menschen nicht längst schon darauf gestoßen sind, als sie das Pflaster gelegt haben. – Ich allein weiß es seit vielen Jahren und habe es niemandem gesagt. – Bis heute. – Keiner hatte ein reines Herz. –«

Ein Geräusch! –

In dem gläsernen Reliquienschrein ist das silberne Herz herabgefallen, das in der Knochenhand des heiligen Thomas lag.

Der Alte hört es nicht. Er ist entrückt. Seine Augen schauen ekstatisch ins Weite mit starrem, geradem Blick: »Die Tempel sein aus schimmerndem Gold. – Der Fährmann holt über – zum letztenmal.«

Der Fremde lauscht den prophetischen Worten, die flüsternd in seine Seele dringen wie feiner, erstickender Staub aus dem heiligen Moder versunkener Jahrhunderte.

Hier unter seinen Füßen! Ein blinkendes Zepter gefesselter, schlafender Macht! Es steigt ihm brennend in die Augen: Muß denn auf dem Golde der Fluch sein, läßt er sich nicht bannen durch Menschenliebe und Mitleid? – Wieviel Tausende verhungern! –

Vom Glockenturme tönt die siebente Stunde. Die Luft vibriert.

Die Gedanken des Einsamen fliegen mit dem Schall hinaus in eine Welt voll üppiger Kunst, voll Pracht und Herrlichkeit.

Ihn schaudert. Er sieht den Alten an. – Wie verändert sind die Räume. – Es hallt der Schritt. Die Ecken der Betstühle sind abgestoßen, abgeschürft der Fuß der steinernen Pfeiler. Die weißgestrichenen Statuen der Päpste bedeckt mit Staub.

»Haben Sie das ... das Metall mit körperlichen Augen gesehen – in den Händen gehalten?«

Der Alte nickt. »Im Klostergarten draußen, beim Muttergottesbild unter blühenden Lilien, kann man es greifen.«

– – – Er zieht eine blaue Kapsel hervor. »Hier.« Öffnet sie und gibt dem Einsamen ein zackiges Ding.

Die beiden Männer schweigen. – – –

Zur Kirche dringt weit her der Lärm des Lebens: das Volk kehrt heim von den lustigen Wiesen – morgen ist Arbeitstag. –

Die Frauen tragen müde Kinder auf dem Arm.

Der Einsame hat den Gegenstand genommen und schüttelt dem Alten die Hand. – Dann wirft er einen Blick zurück zum Altar. Nochmals umwogt ihn der geheimnisvolle Hauch friedvoller Erkenntnis:

»Vom Herzen gehen Dinge aus – sind herzgeboren und herzgefügt.«

Er schlägt das Kreuz und geht. Am offenen Türspalt lehnt der müde Tag. Frischer Abendwind weht herein. –

Über den Markt rasselt ein Leiterwagen, mit Laub bekränzt, voll lachender, fröhlicher Menschen, und in die Botengänge der alten Häuser fallen die roten Strahlen der sinkenden Sonne.

Der Fremde lehnt an dem steinernen Denkmal inmitten des Platzes und sinnt: Er ruft im Geiste den Vorübergehenden zu, was er soeben erfahren. Er hört, wie das Lachen verstummt. – – – Die Bauten zerstauben, die Kirche stürzt. – – – Ausgerissen, im Staube die weinenden Lilien des Klostergartens. –

Es wankt die Erde; die Dämonen des Hasses brüllen zum Himmel!

Ein Pochwerk hämmert und dröhnt und stampft den Platz, die Stadt und blutende Menschenherzen zu goldenem Staub. – – –

Der Träumer schüttelt den Kopf und sinnt und lauscht der klingenden Stimme des verborgenen Meisters im Herzen: »Wer eine schlimme Tat nicht scheut und die nicht liebt, die Glück verleiht –

Der ist entsagend, einsichtsvoll, entschlossen, voll von Wesenheit.«

Wie ist doch der zackige Brocken so leicht für hartes Gold? – – – Der Einsame sieht ihn an:

Ein menschlicher Wirbelknochen!

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