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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 35
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Montreux

Ein pessimistisches Reisebild

Montreux am Lehmannsee liegt im Kanton Sachsen dicht bei Glanchau, und niemand wird daran zweifeln, der in der Hochsaison den Dialekt gehört hat, der um diese Zeit dort vorherrscht. – Und wenn auch Leute, die in Geographie zu Hause sind, deutsche Volksschullehrer, internationale Schlafwagenkondukteure u. dgl. behaupten sollten, es gehöre zum Kanton Vaud und vis-à-vis sei Frankreich, – – einfach nicht glauben! Nur nicht glauben!

Liegt denn überhaupt ein triftiger Grund vor, sich mit derlei Menschen in Meinungsaustausch einzulassen?! –

Wer den Anblick des Bodensees verträgt, – ich würde mir, wenn ich schon ein See wäre, eine andere, etwas handlichere Form gewählt haben, – fährt am besten, um nach Montreux zu kommen, über Lindau, die Strecke Trottlikon-Idiotlikon. – So ähnlich heißen, glaube ich, diese wichtigen Knotenpunkte.

Landet man in Lausanne, der berühmten Brutstätte der französischen Gouvernante, muß man den Waggon wechseln. Es ist das beste, was man tun kann.

Knapp, bevor der Zug einläuft, wird man wahrnehmen, daß plötzlich alle Mitreisenden nachdenklich werden und anfangen, in kleinen gebundenen Büchern herumzublättern. – Für einen Eingeweihten höheren Grades hat das aber nichts Befremdendes; – sie schlagen nur nach, wie »Träger« im Französischen heißt.

Eine Stunde später kann man weiter fahren. Bis Vevey. Oder noch weiter.

Wer in Vevey aussteigen will, vielleicht um die berühmte Veveyzigarre, die mit der sogenannten »Pfälzer« bekanntlich ein scharfes Rennen fährt, an Ort und Stelle zu rauchen, dem empfehle ich, wenn er ein ausgesprochener Tierfreund ist, das kleine Hotel »Trois Rois«.

Ich selbst stieg einst dort ab, als andere Gasthäuser überfüllt waren, und habe im Speisezimmer etwas ganz Reizendes erlebt.

So deutlich, als sei es gestern geschehen, steht das Bild vor meiner Seele. – – Sitze ich da ganz unbefangen beim Essen, mit einem Male sehe ich ein graues, niedliches Bürschchen auf dem Fensterbrette hin und her laufen. – »Oh, ein sibirisches Eichkätzchen, mit Recht nennt man es die Zierde der russischen Wälder«, rufe ich freudig aus, und schon denke ich mir, daß am Ende gar seinetwillen das Hotel im Baedecker mit einem Stern gelobt ist, da fällt mein Blick auf noch zwei solche Tierchen.

Und beschämt mußte ich zugeben, daß es nur gewöhnliche Ratten waren.

Weshalb wohl der Stern im Baedecker steht? Ich habe es nie begriffen. – Und noch dazu nur ein Stern! Und ich habe doch ganz deutlich drei Ratten gesehen!

Oder sollte das Hotel vielleicht »Trois Rats heißen?«

– – Von Vevey hat man dann nicht mehr lange. – Außer man fährt mit der Elektrischen.

Montreux heißt im nördlichen Ende zuerst Basset, dann Clarens, Chernex, Vernex, Montreux, Bonport, Territet, Collonges und schließlich Veytaux. Je nach den Hotelpreisen.

Hört der Laie zum erstenmal den Namen Montreux nennen, so drängt sich ihm unwillkürlich der Gedanke an einen unbekannten süßen Schnaps auf, ohne daß sich aber für eine solche Ideenassoziation eine zureichende Erklärung finden ließe.

Alle beeideten eidgenössischen Sachverständigen des Kantons Vaud stimmen darin überein, daß Montreux der »schönste Fleck der Erde« sei, und stützen sich auf einen Roman von J. J. Rousseau, in dem es wörtlich so stehen soll. –

Leider ist Rousseau schon lange tot und er kann deshalb nicht mehr darüber einvernommen werden, ob er in seinem Buche den Ton auf »schönste« oder auf »Fleck« gelegt hat. – Es ist jammerschade, denn es ist sozusagen die Melodie verloren gegangen.

Ich selbst kann leider kein Urteil fällen; ich habe bloß ein Jahr dort gelebt und weiß daher nur von Nebelphänomenen, Regenschwankungen usw. zu berichten.

Die Schönheit der Gegend kenne ich lediglich aus Ansichtskarten.

Wenn mich in diesem Augenblick jemand unterbrechen und fragen würde: »Warum sind Sie dann so lange dort geblieben?« müßte ich ihm antworten: »Weil ich abwarten wollte, bis es zu regnen aufhörte.« Ich bitte deshalb, solche persönlichen Fragen gefälligst zu unterlassen.

Das Klima von Montreux ist außerordentlich bemerkenswert, denn es gibt tatsächlich keinen Schnee dort. Kaum berührt er den Boden, verwandelt er sich sofort in Schmutz, und wenn nicht alles trügt, dürfte das wohl daher kommen, daß das Thermometer beständig drei Grad Reaumur über Null zeigt. – Reaumur! nicht etwa Celsius oder Zerfahrenheit.

Derartiges Wetter herrscht von Oktober bis Anfang Mai, und der Gummischuh kommt dort, möchte man sagen, beinahe wild vor. –

Überhaupt verstehe ich nicht, warum Montreux nicht schon längst ein internationales Wettregnen veranstaltet hat. Es könnte dadurch zu einem Sportplatz allerersten Ranges werden, und ich bin sicher, daß es auch in untrainiertem Zustande selbst Salzburg glatt schlagen würde.

Am ersten Februar beginnt der Frühling. Weil an diesem Tage die Preise für die fremden um die Hälfte erhöht werden.

Der »Vaudois«, auf deutsch »Waadtländer«, hilft dann der mangelhaften Witterung nach, indem er im Prachteinband, die Weste mit einer silbernen Pferdekinnkette geschmückt, auf dem Quai auf und ab wandelnd zierlich einen Plattfuß vor den andern setzt und biederstrahlenden Auges die Worte laut wiederholt: »Manifique! O, quel beau temps.« Gleichzeitig gehen an die Zeitungen des Auslandes auf billiges Käsepapier hektographierte Berichte ab, daß – o Wunder – der Frühling eingezogen ist, und daß im Garten des Hotel du Cygne (sprich »Zinch«) bereits die Magnolien blühen.

Ich habe mich, als ich das gelesen, sofort in diesen Garten begeben, konnte aber nichts Blühendes finden. – Offenbar irrt sich der Berichterstatter jedesmal und versteht unter Magnolien die rosa Lichtmanschetten der Glühlampen, die dort herumhängen.

Der Anblick der Hügelgelände, die den Ort von den Bergen trennen, ist erquickend und lieblich wie der eines wohlfrisierten Schnürpudels, und die Wirkung ihrer unabsehbaren Flächen – vollbepflanzt mit der labenden Rebe – auf das Gemüt des sinnenden Wanderers verstärkt dieses Bild nicht nur fast bis zur Greifbarkeit, – nein, es senkt auch das tröstliche Gefühl froher Gewißheit in alle Herzen, daß hier der Mensch nichts unterließ, Mutter Natur mit sorgsamer Hand zu nimmer rastender Fürsorge für das Gemeinwohl anzuleiten.

Wie gar herrlich paßt sich dieser Rebenflur Montreux mit all dem raffinierten feinsinnigen Luxus seiner Villen, Hotels und Fremdenpensionen an!

Mit tausend Türmchen geschmückt, stehen sie da, diese künstlerischen Bauten, mit zierlichen Arabesken umwuchert. Kein Fleckchen, das die reiche Phantasie der Stukkatur liebevoll mit Ornamenten zu bedecken vergessen hätte. Trittst du aber erst in das Innere, – so stehst du wie gebannt.

Die Möbel – prächtig geschweift – von rotem erpreßtem Samt tragen sämtlich gehäkelte Kreise aus Zwirn, den teuern Plüsch vor Pomade bewahrend, und kostbare Chenilledecken behüten die Tischplatte vor Übergriffen. – Auch der japanische Schirm über dem Diwan fehlt nicht, und die lampenschützende Ballettänzerin aus rosa Seidenpapier mit den Pappendeckelbeinen und dem goldenen Stern im Haar. In den Prunkgemächern sitzt außerdem noch ein Engel aus farbigem Gips auf dem Ofen.

Kurz, allüberall ausgegossen die üppige Pracht des preiswerten Axminsterteppichs.

Ja ja, der erlesene Geschmack, der den Waadtländer ziert, hat Montreux einen höchst eigenartigen Reiz verliehen.

Die Grand'rue, die in stets gleicher Breite den Ort durchzieht und nur einmal in eine Buchtung – den »marché« – ausartet, fletscht links und rechts die Laden, die den berauschten Blicken des Fremden geschnitzte Kunstwerke anbieten, – meist Bären aus Holz in allen Größen und Stellungen und mit lebenswahr rotfarbigen Zungen.

Oh, könnte ich doch einmal – für eine kurze Weile nur – mit einem solchen Kunstwerk allein unter vier Augen sein! Doch nicht bloß im Darstellen der natürlichen Verrichtung des Bären hat sich der Schönheitssinn des Volkes betätigt, nein, auch einer reichen Phantasie ließ er jauchzend die Zügel schießen. – Der Bär als Schirmständer, als Aschenbecher, als Pfeifenlehne und als Zuhälter des Tintenfasses, kurz der Bär in allen Lebenslagen füllt die Schaufenster. – Wie sie sich aber vor den Läden stauen, die nordischen fremden Frauen, wenn die kaschubischsemmelblonde Saison beginnt! In appetitlichen Lodenkleidern zum Hochknöpfen. – Schlicht wie Läuse.

Eine Holzgruppe ist besonders beliebt bei ihnen: Der Bärenpapa sitzt bei Tisch und raucht, und die Bärenmama züchtigt mit einer echten Rute das Bärenbaby.

Der begeisterten Ausrufe aus holdem Frauenmund ist dann kein Ende:

»Achch, sieh' nu' ma'. Zückend! Nöch? Und das Kleinchen da, wie reizend; und so natürlich!«

Und daneben ein Handelshaus, das hält elfenbeinerne Erinnerungen feil. – Den glatten, festen Zahn des majestätischen Elefanten haben sie so lang verschnitzelt, bis er in tausend wirrgeformte Krawattennadeln zerfiel, künstliche Blumen darstellend. Immer ein Edelweiß zwischen zwei Vergißmeinnicht, und darunter das Wort »Souvenier«. – Zuweilen auch »Ricuerdo Montreux«. Ricuerdo! – – – für vazierende Brasilianer!!

Weiter gegen Vernex zu, sagte mir einmal ein Greis, sollen an einem Polyphon aus Holz eingelegt sogar die Bildnisse von Guillaume Tell und General Rülpsli zu sehen sein.

– Ich habe mich aber nie hingetraut und bin nur bis zum Friedhof von Bonport gekommen. Dort steht ein Monument der Kaiserin Elisabeth von Österreich, die sie in Genf ermordet haben, – die Kanaillen.

Ein Freund aus Wien, den ich in Territet traf, machte mich mit grimmiger Miene auf das Denkmal aufmerksam, und als ich sofort den Namen des – Künstlers wissen wollte, da schrie er mich an: »Was kümmert's dich! – Die Schweiz liefert ja doch nicht aus. – – – – – –«

– – Das Herz von Montreux ist und bleibt aber der »Kürsall«.

Keine größeren Kosten wurden bei seiner Erbauung gescheut. Dafür sieht er jetzt aber auch aus – – wie ein Kasperltheater, das einen Haupttreffer gemacht hat.

Betrittst du, freundlicher Leser, nur die Schwelle seines Eingangs, schon erblickst du von weitem ein gigantisches giftgrünes Mieder auf vier dünnen Säulenbeinen. – Scheue dich nicht, es ist bloß eine Mojalikavase, und solchen wirst du in den Sälen noch vielen begegnen. Bei jeder Ecke hat sich mindestens eine ungeniert an die Wand gestellt.

Ich kann den Gedanken nicht loswerden, daß sie aus einer Konkursmasse stammen, und habe lange nachgegrübelt, wie sie wohl entstehen mögen. – Man sagt zwar, wenn man mitleidlos edeln Ton stark erhitze, nehme er schließlich solche Formen an, aber das sind gewiß nur Redereien. Die Decke strotzt von »Stukkatur«. Einen einzigen flüchtigen Blick habe ich hingeworfen, und werde sie nicht schildern. – Ich will nicht.

Hätte sie der gottselige Sardanapal erblickt, er hätte sich ohne Aufschub ein zweites Mal verbrennen lassen. Neben dem Hauptsaal ist in das Haus ein Theater eingebaut.

Lange haben sie beraten, wie sie es innen ausstatten sollten. – Und als ihnen gar nichts mehr einfiel, da beschlossen sie schlicht und wahr zu sein wie Tell. Ließen jegliche Wandverzierung weg und haben den ganzen Zuschauerraum brustzucker-rosa angestrichen.

Mit jener Farbnuance, die bis dahin das ausschließliche Eigentumsrecht der billigen langgestreckten Hustenzuckerstangen war, die auf Weihnachtsmärkten so begehrt sind. – Wer die Vorstellung nicht aushalten kann, geht in den Hauptsaal und ruht dort aus.

Bänke stehen an den Wänden, mit blauen goldgesterntem Ledertuch überzogen.

Das eingepreßte Muster ist wirklich originell. – Es ist von einem berühmten Spezialisten für bösartige Hautkrankheiten entworfen.

Oft habe ich mir ausgemalt, was wohl mit einem geschehen würde, wenn man eine lange Nacht so ganz ohne Beistand und Zuspruch in dem einsamen »Kürsall« zubringen müßte. Es wäre rein nicht auszuhalten!!

– – – Schlägt die Uhr neun, so treten aus einer Türe drei friseurähnliche Gestalten und begeben sich mit spitzigen Schritten in den »Spielsaal«. Die mittelste trägt eine polierte Zigarrenkiste.

Darin befindet sich der Kriegsschatz der Montreuxer Spielbank.

– Zweihundert Franken in Silber. –

Und das Spiel beginnt. Es ist schlicht und bieder, denn nur die Bank kann gewinnen. Sechsfach statt neunfach wird ausbezahlt, und fünf Franken pro Spieler sind der höchste Satz.

Es ist eine Art »grad-ungrad auf Ehrenwort«.

Einmal haben sich sieben durch-reisende (oder -brennende?) russische Kosakenoffiziere, die sich von der Schlacht bei Mukden erholen wollten, zusammengetan und versucht, mit siebenmal fünf gleich fünfunddreißig Franken Einsatz auf die Zahl eins die Bank zu sprengen.

Sofort stieß jedoch der Oberkroupier (der mittelste der drei Friseure) den großen Notruf aus; eine fliegende Generalversammlung sämtlicher Waadtländer Aktionäre trat zusammen, und so gelang es noch rechtzeitig, dem frivolen Versuch einen Riegel vorzuschieben.

Wer um elf Uhr nachts den »Kürsall« verläßt und richtet sein Auge auf die Bergkämme, der sieht da oben viele hundert Meter hoch über Montreux das Hotel Caux.

Mit einem riesigen Ringwall umgeben, im Spekulantenstil gebaut, halb Lebkuchen, halb Sanatorium, sieht es herab ins Tal.

Wie ein Irrenhaus aus Tausendundeiner Nacht!

Um Weihnachten herum rodeln da oben des Londoner shopkeeper's Frau und Töchter.

Wie die Furien sausen sie die Abhänge hinunter, sämtliche vierundsechzig Zähne fletschend. Rittlings – auf kleinen hölzernen Dingern, die man beim ersten Blick für Bidets mit Schlittenkufen halten könnte, die aber nur hundsgemeine »Rodeln« sind.

Und haben sie sich totgeschlagen, so lassen sie sich zulöten, nach London schicken und zu Hause begraben. –

So, das wäre alles, was ich über Montreux Lobendes sagen könnte, und kurz und gut, ich kann es allen Reisenden aufs beste empfehlen.

Aus zwei Gründen ganz besonders.

Erstens kann man, noch ehe man hinkommt, nach rechts abschwenken und nach Evian, an der französischen Seite des Sees, das wundervoll und sehr elegant ist, fahren. Oder zweitens, man steigt in Montreux nicht aus und rutscht durch den Simplontunnel direkt nach Italien! -

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