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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Die Pflanzen des Dr. Cinderella

Siehst du, dort die kleine schwarze Bronze zwischen den Leuchtern ist die Ursache aller meiner sonderbaren Erlebnisse in den letzten Jahren.

Wie Kettenglieder hängen diese gespenstischen Beunruhigungen, die mir die Lebenskraft aussaugen, zusammen, und verfolge ich die Kette zurück in die Vergangenheit, immer ist der Ausgangspunkt derselbe: Die Bronze.

Lüge ich mir auch andere Ursachen vor, – immer wieder taucht sie auf wie der Meilenstein am Wege.

Und wohin dieser Weg führen mag, ob zum Licht der Erkenntnis, ob weiter zu immer wachsendem Entsetzen, ich will es nicht wissen und mich nur an die kurzen Rasttage klammern, die mir mein Verhängnis frei läßt bis zur nächsten Erschütterung.

In Theben habe ich sie aus dem Wüstensande gegraben, – die Statuette, – so ganz zufällig mit dem Stock, und von dem ersten Augenblick an, wo ich sie genauer betrachtete, war ich von der krankhaften Neugier befallen, zu ergründen, was sie denn eigentlich bedeute. – Ich bin doch sonst nie so wissensdurstig gewesen!

Anfangs fragte ich alle möglichen Forscher, aber ohne Erfolg.

Nur ein alter arabischer Sammler schien zu ahnen, um was es sich handle.

»Die Nachbildung einer ägyptischen Hieroglyphe«, meinte er; und die sonderbare Armstellung der Figur müsse irgendeinen unbekannten ekstatischen Zustand bedeuten.

Ich nahm die Bronze mit nach Europa, und fast kein Abend verging, an dem ich mich nicht sinnend über ihre geheimnisvolle Bedeutung in die seltsamsten Gedankengänge verloren hätte.

Ein unheimliches Gefühl überkam mich oft dabei: ich grüble da an etwas Giftigem – Bösartigem, das sich mit hämischem Behagen von mir aus dem Banne der Leblosigkeit losschälen lasse, um sich später wie eine unheilbare Krankheit an mir festzusaugen und der dunkle Tyrann meines Lebens zu bleiben. Und eines Tages bei einer ganz nebensächlichen Handlung schoß mir der Gedanke, der mir das Rätsel löste, mit solcher Wucht und so unerwartet durch den Kopf, daß ich zusammenfuhr.

Solch blitzartige Einfälle sind wie Meteorsteine in unserem Innenleben. Wir kennen nicht ihr Woher, wir sehen nur ihr Weißglühen und ihren Fall. – –

Fast ist es wie ein Furchtgefühl – – und dann – – ein leises – – so – so, als sei jemand Fremder – – – – – – Was wollte ich doch nur sagen?! – Verzeih, ich werde manchmal so seltsam geistesabwesend, seitdem ich mein linkes Bein gelähmt nachziehen muß; – – ja, also die Antwort auf mein Grübeln lag plötzlich nackt vor mir: – Nachahmen!

Und als hätte dieses Wort eine Wand eingedrückt, so schossen die Sturzwellen der Erkenntnis in mir auf, daß das allein der Schlüssel ist zu allen Rätseln unseres Daseins.

Ein heimliches automatisches Nachahmen, ein unbewußtes, rastloses, – der verborgene Lenker aller Wesen!!

Ein allmächtiger geheimnisvoller Lenker, – ein Lotse mit einer Maske vor dem Gesicht, der schweigend bei Morgengrauen das Schiff des Lebens betritt. Der aus jenen Abgründen stammt, dahin unsere Seele wandern mag, wenn der Tiefschlaf die Tore des Tages verschlossen! Und vielleicht steht tief dort unten in den Schluchten des körperlosen Seins das Erzbild eines Dämons errichtet, der da will, daß wir ihm gleich seien und sein Ebenbild werden – – – Und dieses Wort »nachahmen!« dieser kurze Zuruf von »irgendwoher« wurde mir ein Weg, den ich augenblicklich betrat. Ich stellte mich hin, hob beide Arme über den Kopf, so wie die Statue, und senkte die Finger, bis ich mit den Nägeln meinen Scheitel berührte.

Doch nichts geschah.

Keine Veränderung innen und außen.

Um keinen Fehler in der Stellung zu machen, sah ich die Figur genauer an und bemerkte, daß ihre Augen geschlossen und wie schlafend waren.

Da wußte ich genug, brach die Übung ab und wartete, bis es Nacht wurde. Stellte dann die tickenden Uhren ab und legte mich nieder, die Arm- und Handstellungen wiederholend.

Einige Minuten verstrichen so, aber ich kann nicht glauben, daß ich eingeschlafen wäre.

Plötzlich war mir, als käme ein hallendes Geräusch aus meinem Inneren empor, wie wenn ein großer Stein in die Tiefe rollt.

Und als ob mein Bewußtsein ihm nach eine ungeheure Treppe hinabfiele – zwei, vier, acht, immer mehr und mehr Stufen überspringend, – so verfiel ruckweise meine Erinnerung an das Leben, und das Gespenst des Scheintodes legte sich über mich.

Was dann eintrat, das werde ich nicht sagen, das sagt keiner.

Wohl lacht man darüber, daß die Ägypter und Chaldäer ein magisches Geheimnis gehabt haben sollen, behütet von Uräusschlangen, das unter Tausenden Eingeweihter auch nicht ein einziger je verraten hätte.

Es gibt keine Eide, meinen wir, die so fest binden!

Auch ich dachte einst so, in jenem Augenblick aber begriff ich alles.

Es ist kein Vorkommnis aus menschlicher Erfahrung, in dem die Wahrnehmungen hintereinander liegen, und kein Eid bindet die Zunge, nur der bloße Gedanke einer Andeutung dieser Dinge hier – hier im Diesseits – und schon zielen die Vipern des Lebens nach deinem Herzen.

Darum wird das große Geheimnis verschwiegen, weil es sich selbst verschweigt, und wird ein Geheimnis bleiben, solange die Welt steht.

Aber all das hängt nur nebensächlich zusammen mit dem versengenden Schlag, von dem ich nie mehr gesunden kann. Auch das äußere Schicksal eines Menschen gerät in andere Bahnen, durchbricht sein Bewußtsein nur einen Augenblick die Schranken irdischer Erkenntnis.

Eine Tatsache, für die ich ein lebendes Beispiel bin.

Seit jener Nacht, in der ich aus meinem Körper trat, ich kann es kaum anders nennen, hat sich die Flugbahn meines Lebens geändert, und mein früher so gemächliches Dasein kreist jetzt von einem rätselhaften, grauenerregenden Erlebnis zum andern – irgendeinem dunklen, unbekannten Ziele zu.

Es ist, als ob eine teuflische Hand mir in immer kürzer werdenden Pausen immer weniger Erholung zumißt und Schreckbilder in den Lebensweg schiebt, die von Fall zu Fall an Furchtbarkeit wachsen. Wie um eine neue, unbekannte Art Wahnsinn in mir zu erzeugen – langsam und mit äußerster Vorsicht – eine Wahnsinnsform, die kein Außenstehender merken und ahnen kann, und deren sich nur ein von ihr Befallener in namenloser Qual bewußt ist. In den nächsten Tagen schon nach jenem Versuch mit der Hieroglyphe traten Wahrnehmungen bei mir auf, die ich anfangs für Sinnestäuschungen hielt. Seltsam sausende oder schrillende Nebentöne hörte ich den Lärm des Alltags durchqueren, sah schimmernde Farben, die ich nie gekannt. – Rätselhafte Wesen tauchten vor mir auf, ungehört und ungefühlt von den Menschen, und vollführten in schemenhaftem Dämmer unbegreifliche und planlose Handlungen. So konnten sie ihre Form ändern und plötzlich wie tot daliegen; glitschten dann wieder wie lange Schleimseile an den Regenrinnen herab oder hockten wie ermattet in blödsinniger Stumpfheit in dunklen Hausfluren.

Dieser Zustand von Überwachsein bei mir hält nicht an, – er wächst und schwindet wie der Mond.

Der stetige Verfall jedoch des Interesses an der Menschheit, deren Wünschen und Hoffen nur noch wie aus weiter Ferne zu mir dringt, sagt mir, daß meine Seele beständig auf einer dunklen Reise ist – fort, weit fort vom Menschentum. Anfangs ließ ich mich von den flüsternden Ahnungen leiten, die mich erfüllten, – jetzt – bin ich wie ein angeschirrtes Pferd und muß die Wege gehen, auf die es mich zwingt. Und siehst du, eines Nachts, da riß es mich wieder auf und trieb mich, planlos durch die stillen Gassen der Kleinseite zu gehen um des phantastischen Eindruckes willen, den die altertümlichen Häuser erzeugen.

Es ist unheimlich in diesem Stadtviertel wie nirgends auf der Welt.

Nie ist Helle und nie ganz Nacht.

Irgend ein matter, trüber Schein kommt von irgendwo, wie phosphoreszierender Dunst sickert es vom Hradschin auf die Dächer herab.

Man biegt in eine Gasse und sieht nur totes Dunkel, da sticht aus einer Fensterritze ein gespenstischer Lichtstrahl plötzlich wie eine lange boshafte Nadel einem in die Pupillen.

Aus dem Nebel taucht ein Haus, – mit abgebrochenen Schultern und zurückweichender Stirn – und glotzt besinnungslos aus leeren Dachluken zum Nachthimmel auf wie ein verendetes Tier.

Daneben eines reckt sich, gierig mit glimmernden Fenstern auf den Grund des Brunnens da unten zu schielen, ob das Kind des Goldschmiedes noch drinnen, das vor hundert Jahren ertrank. Und geht man weiter über die buckligen Pflastersteine und sieht sich plötzlich um, da möchte man wetten, es habe einem ein schwammiges, fahles Gesicht aus der Ecke nachgestarrt, – nicht in Schulterhöhe – nein, ganz tief unten, wo nur große Hunde die Köpfe haben könnten. – – –

Kein Mensch ging auf den Straßen.

Totenstille.

Die uralten Haustore bissen schweigend ihre Lippen zusammen. Ich bog in die Thunsche Gasse, wo das Palais der Gräfin Morzin steht.

Da kauerte im Dunst ein schmales Haus, nur zwei Fenster breit, ein hektisches, bösartiges Gemäuer; dort hielt es mich fest, und ich fühlte den gewissen überwachen Zustand kommen.

In solchen Fällen handle ich blitzschnell wie unter fremdem Willen und weiß kaum, was mir die nächste Sekunde befiehlt.

So drückte ich hier gegen die nur angelehnte Türe und schritt durch einen Gang eine Treppe in den Keller hinab, als ob ich in das Haus gehöre.

Unten ließ der unsichtbare Zügel, der mich führt wie ein unfreies Tier, wieder nach, und ich stand da in der Finsternis mit dem quälenden Bewußtsein einer Handlung vollbracht ohne Zweck.

Warum war ich hinuntergegangen, warum hatte ich nicht einmal den Gedanken gefaßt, solch sinnlosen Einfällen Einhalt zu gebieten?! Ich war krank, offenbar krank, und ich freute mich, daß nichts anderes, nicht die unheimliche rätselhafte Hand im Spiele war.

Doch im nächsten Moment wurde mir klar, daß ich die Türe geöffnet, – das Haus betreten hatte, die Treppe hinabgestiegen war, ohne nur ein einziges Mal anzustoßen, ganz wie jemand, der Schritt und Tritt genau kennt, und meine Hoffnung war schnell zu Ende.

Allmählich gewöhnte sich mein Auge an die Finsternis, und ich blickte umher.

Dort auf einer Stufe der Kellertreppe saß jemand. – Daß ich ihn nicht gestreift hatte im Vorbeigehen?!

Ich sah die zusammengekrümmte Gestalt ganz verschwommen im Dunkel.

Einen schwarzen Bart über einer entblößten Brust. – Auch die Arme waren nackt.

Nur die Beine schienen in Hosen oder einem Tuch zu stecken.

Die Hände hatten etwas Schreckhaftes in ihrer Lage; – sie waren so merkwürdig abgebogen, fast rechtwinklig zu den Gelenken.

Lange starrte ich den Mann an.

Er war so leichenhaft unbeweglich, daß mir war, als hätten sich seine Umrisse in den dunklen Hintergrund eingefressen, und als müßten sie so bleiben bis zum Verfall des Hauses.

Mir wurde kalt vor Grauen, und ich schlich den Gang weiter, seiner Krümmung entlang.

Einmal faßte ich nach der Mauer und griff dabei in ein splittriges Holzgitter, wie man es verwendet, um Schlingpflanzen zu ziehen. Es schienen auch solche in großer Menge daran zu wachsen, denn ich blieb fast hängen in einem Netz stengelartigen Geranks.

Das Unbegreifliche war nur, daß sich diese Pflanzen, oder was es sonst sein mochte, blutwarm und strotzend anfühlten und überhaupt einen ganz animalischen Eindruck auf den Tastsinn machten.

Ich griff noch einmal hinein, um erschreckt zurückzufahren: ich hatte diesmal einen kugeligen, nußgroßen Gegenstand berührt, der sich kalt anfühlte und sofort wegschnellte. War es ein Käfer?

In diesem Moment flackerte ein Licht irgendwo auf und erhellte eine Sekunde lang die Wand vor mir.

Was ich je an Furcht und Grauen empfunden, war nichts gegen diesen Augenblick.

Jede Fiber meines Körpers brüllte auf in unbeschreiblichem Entsetzen.

Ein stummer Schrei bei gelähmten Stimmbändern, der durch den ganzen Menschen fährt wie Eiseskälte.

Mit einem Rankennetz blutroter Adern, aus dem wie Beeren Hunderte von glotzenden Augen hervorquollen, war die Mauer bis zur Decke überzogen. Das eine, in das ich soeben gegriffen, schnellte noch in zuckender Bewegung hin und her und schielte mich bösartig an.

Ich fühlte, daß ich zusammenbrechen werde, und stürzte zwei, drei Schritte in die Finsternis hinein; eine Wolke von Gerüchen, die etwas Feistes, Humusartiges wie von Schwämmen und Ailanthus hatten, drang mir entgegen.

Meine Knie wankten, und ich schlug wild um mich. Da glomm es vor mir auf wie ein kleiner glühender Ring: der erlöschende Docht einer Öllampe, die im nächsten Augenblick noch einmal aufblakte.

Ich sprang darauf zu und schraubte den Docht mit bebenden Fingern hoch, so daß ich ein kleines rußendes Flämmchen noch retten konnte.

Dann mit einem Ruck drehte ich mich um, wie zum Schutz die Lampe vorstreckend.

Der Raum war leer.

Auf dem Tisch, auf dem Lampe gestanden, lag ein länglicher, blitzender Gegenstand.

Meine Hand fuhr danach wie nach einer Waffe.

Doch war es bloß ein leichtes, rauhes Ding, das ich faßte. Nichts rührte sich, und ich stöhnte erleichtert auf. Vorsichtig, die Flamme nicht zu verlöschen, leuchtete ich die Mauern entlang.

Überall dieselben Holzspaliere und, wie ich jetzt deutlich sah, durchrankt von offenbar zusammengestückelten Adern, in denen Blut pulsierte.

Grausig glitzerten dazwischen zahllose Augäpfel, die in Abwechslung mit scheußlichen, brombeerartigen Knollen hervorsproßten und mir langsam mit den Blicken folgten, wie ich vorbeiging. – Augen aller Größe und Farben. – Von der klarschimmernden Iris bis zum hellblauen toten Pferdeauge, das unbeweglich aufwärts steht. Manche, runzelig und schwarz geworden, glichen verdorbenen Tollkirschen. Die Hauptstämme der Adern rankten sich aus blutgefüllten Phiolen empor, aus ihnen kraft eines unbekannten Prozesses ihren Saft ziehend.

Ich stieß auf Schalen – gefüllt mit weißlichen Fettbrocken, aus denen Fliegenpilze, mit einer glasigen Haut überzogen, emporwuchsen. – Pilze aus rotem Fleisch, die bei jeder Berührung zusammenzuckten.

Und alles schienen Teile, aus lebenden Körpern entnommen, mit unbegreiflicher Kunst zusammengefügt, ihrer menschlichen Beseelung beraubt, und auf rein vegetatives Wachstum heruntergedrückt.

Daß Leben in ihnen war, erkannte ich deutlich, wenn ich die Augen näher beleuchtete und sah, wie sich sofort die Pupillen zusammenzogen. – Wer mochte der teuflische Gärtner sein, der diese grauenhafte Zucht angelegt!

Ich erinnerte mich des Menschen auf der Kellerstiege.

Instinktiv griff ich in die Tasche nach irgendeiner Waffe, da fühlte ich den riesigen Gegenstand, den ich vorhin eingesteckt. – Er glitzerte trüb und schuppig, – ein Tannenzapfen aus rosigen Menschennägeln!

Schaudernd ließ ich ihn fallen und biß die Zähne zusammen: nur hinaus, hinaus, und wenn der Mensch auf der Treppe aufwachen und über mich herfallen sollte!

Und schon war ich bei ihm und wollte mich auf ihn stürzen, da sah ich, daß er tot war, – wachsgelb.

Aus den verrenkten Händen – die Nägel ausgerissen. Kleine Messerschnitte an Brust und Schläfen zeigten, daß er seziert worden war.

Ich wollte an ihm vorbei und habe ihn, glaube ich, mit der Hand gestreift. – Im selben Augenblick schien er zwei Stufen herunter auf mich zuzurutschen, stand plötzlich aufrecht da, die Arme nach oben gebogen, die Hände zum Scheitel.

Wie die ägyptische Hieroglyphe, dieselbe Stellung – dieselbe Stellung!

Ich weiß nur noch, daß die Lampe zerschellte, daß ich die Haustür aufwarf und fühlte, wie der Dämon des Starrkrampfes mein zuckendes Herz zwischen seine kalten Finger nahm. – – –

Dann machte ich mir hellwach irgend etwas klar – – der Mann müsse mit den Ellenbogen an Stricken aufgehängt gewesen sein, nur durch Herabrutschen von den Stufen hatte sein Körper in die aufrechte Stellung geraten können – – – und dann – – dann rüttelte mich jemand: »Sie sollen zum Herrn Kommissär.« – – – – –

Und ich kam in eine schlecht beleuchtete Stube, Tabakspfeifen lehnten an der Wand, ein Beamtenmantel hing an einem Ständer. – – Es war ein Polizeizimmer.

Ein Schutzmann stützte mich.

Der Kommissär saß vor einem Tisch und sah immer von mir weg – er murmelte: »Haben Sie sein Nationale aufgeschrieben?«

»Er hatte Visitenkarten bei sich, wir haben sie ihm abgenommen«, hörte ich den Schutzmann antworten.

»Was wollten Sie in der Thunschen Gasse – vor einem offenen Haustor?«

Lange Pause.

»Sie!« mahnte der Schutzmann und stieß mich an.

Ich lallte etwas von einem Mord im Keller in der Thunschen Gasse. – –

Darauf ging der Wachmann hinaus.

Der Kommissär sah immer von mir weg und sprach einen langen Satz.

Ich hörte nur: »Was denken Sie denn, der Doktor Cinderella ist ein großer Gelehrter – Ägyptologe – und er zieht viel neuartige, fleischfressende Pflanzen, – Nepenthen, Droserien oder so, – glaube ich, ich weiß nicht, – – – – – Sie sollten nachts zu Hause bleiben.«

Da ging eine Tür hinter mir, ich drehte mich um, und dort stand ein langer Mensch mit einem Reiherschnabel – ein ägyptischer Anubis.

Mir wurde schwarz vor den Augen, und der Anubis machte eine Verbeugung vor dem Kommissär, ging zu ihm hin und flüsterte mir zu: »Doktor Cinderella.« – – –

Doktor Cinderella!

Und da fiel mir etwas Wichtiges aus der Vergangenheit ein, – das ich sogleich wieder vergaß.

Wie ich den Anubis abermals ansah, war er ein Schreiber geworden und hatte nur einen Vogeltypus und gab mir meine eigenen Visitenkarten, darauf stand: Doktor Cinderella.

Der Kommissar sah mich plötzlich an, und ich hörte, wie er sagte: »Sie sind es ja selbst. Sie sollten nachts zu Hause bleiben.« –

Und der Schreiber führte mich hinaus, und im Vorbeigehen streifte ich den Beamtenmantel an der Wand.

Der fiel langsam herunter und blieb mit den Ärmeln hängen.

Sein Schatten an der kalkweißen Mauer hob die Arme nach oben über den Kopf, und ich sah, wie er unbeholfen die Stellung der ägyptischen Statuette nachahmen wollte.

Siehst du, das war mein letztes Erlebnis vor drei Wochen. Ich aber bin seitdem gelähmt: habe zwei verschiedene Gesichtshälften jetzt und schleppe das linke Bein nach.

Das schmale hektische Haus habe ich vergeblich gesucht, und auf dem Kommissariat weiß niemand etwas von jener Nacht.

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