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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Das Fieber

Alchimist: Wer bist du, trübes Ding im
Glase hier, sag an.
Der Stoff in der Retorte: Alter corvus sum.

Es war einmal ein Mann, den verdroß die Welt so sehr, daß er beschloß, im Bette liegen zu bleiben. Jedesmal, wenn er aufwachte, wälzte er sich auf die andere Seite, und so gelang es ihm, jedesmal noch ein bißchen weiterzuschlafen.

Aber eines Tages ging es durchaus nicht mehr. Es ging nicht mehr und ging nicht mehr.

Da lag der Mann im Bette und blieb ganz unbeweglich, aus Furcht, es werde ihn frösteln, wenn er eine Lage verändere.

Von seinem Kopfkissen aus war er gezwungen, durch das Fenster ins Freie zu sehen, und eben jetzt, wo er ganz ausgeschlafen war, ging es dem Sonnenuntergang zu.

Eine breite, goldgelbe Wunde klaffte quer über den Himmel unter einem dunklen Wolkenkopf hervor.

Es geht nicht an, gerade um diese unglückselige Stunde herum aufzustehen, sagte der Mann zähneklappernd, – und fürchtete sich noch mehr vor dem Frösteln als vorher, – auch für einen, den das Leben nicht so verdrießt, wie mich. Elend stierte er wieder in das Abendgelb unter dem glimmenden Nebelsaum.

Eine schwarze Wolke hatte sich losgetrennt, wie ein geschwungener Flügel geformt, mit befiedertem Rand.

Da kroch langsam im Hirn des Mannes – mit den flaumigen Umrissen eines pelzigen Muffs eine Erinnerung an einen Traum aus ihrer Höhle heraus. An einen Traum von einem Raben, der ein Herz ausgebrütet.

Und die ganze Zeit seines Schlafes über hatte er sich mit diesem Traum herumgeschlagen. Dessen war sich der Mann jetzt deutlich bewußt.

Ich muß es herausbekommen, wem dieser Flügel gehört, sagte er, stieg im Hemde aus dem Bett – und die Treppe hinunter auf die Straße. Immer weiter ging er so, immer dem Sonnenuntergang zu.

Die Leute aber, denen er begegnete, raunten: »Pst, pst, pst, leise, leise, er träumt doch das alles bloß!«

Nur der beeidete Hostienbäcker Vrieslander glaubte sich einen Spaß machen zu dürfen. Er stellte sich ihm in den Weg, spitzte den Mund und machte runde Augen wie ein Fisch. Sein dünner Schneiderbart schien noch gespenstischer als sonst. Mit den mageren Armen und Fingern machte er eine verrenkte sinnlose Geste und verdrehte die Beine ganz seltsam. »Ssst, ssst, nur gemach, hörst du«, flüstere er dem Manne giftig zu, »ich bin das Kichern, weißt du, das Kich...« und schnellte plötzlich das spitze Knie zur Brust empor, riß den Mund auf und wurde bleifarben im Gesicht, als habe ihn mitten in seiner tänzelnden Stellung der Tod ereilt.

Dem Manne im Hemde sträubte sich das Haar vor Grauen, und er lief aus der Stadt hinaus. – – – Über Wiesen und Stoppelfelder, immer dem Sonnenuntergange zu, und immer mit bloßen Füßen.

Zuweilen trat er auf einen Frosch.

– – – – Erst in der Nacht, als sich längst der glühende Riß am Himmel wieder geschlossen, erreichte er die weiße, langgestreckte Mauer, hinter der der Wolkenfittich verschwunden war.

Er setzte sich auf einen kleinen Hügel. Ich bin hier auf dem Friedhof, je nun, sagte er sich und sah um sich, je nun, das kann ein arger Kitsch werden. Aber ich muß doch erfahren, wem der Flügel eigentlich gehört!

Als die Nacht vorrückte, wurde ihr Schein allmählich heller, und der Mond kroch langsam über die Mauer. Eine gewisse Art dämmernden Erstaunens legte sich an den Himmel.

Wie der Mondglanz grell auf den Flächen schwamm, schlüpften hinter den Grabsteinen, an den Seiten, die dem Lichte abgewandt waren, blauschwarze Vögel aus der Erde und flogen lautlos in Scharen auf die kalkbetünchte Mauer. Dann lag eine lange Zeit eine leichenhafte Unbeweglichkeit auf allem.

Es ist der dunkle Wald in der Ferne, der aus den Nebeln taucht, natürlich, und in der Mitte der runde Kopf: das ist der Hügel mit seinen Bäumen, träumte der Mann im Hemde, doch als seine Augen schärfer sahen, da war es ein riesiger Rabe, der mit ausgespannten Schwingen auf der anderen Mauer saß.

Ah, der Flügel, – besann sich der Mann und war sehr zufriedengestellt, der Flügel – – – Und der Vogel brüstete sich: »Ich bin der Rabe, der die Herzen ausbrütet. Wenn einem Menschen ein Sprung am Herzen geschieht, so fahren sie ihn schnell heraus zu mir.« Dann flog er von der Mauer herab auf einen Marmorstein, und der Wind von seinem Flügelschlag roch wie verwelkte Blumen.

Unter dem Marmorstein aber lag einer seit heute morgen bei seiner Familie.

Der Mann im Hemde buchstabierte einen Namen und wurde sehr neugierig, was für ein Vogel aus diesem gesprungenen Herzen kriechen würde, denn der Verstorbene war ein bekannter Menschenfreund gewesen, hatte sein ganzes Leben für Aufklärung gewirkt, nur Gutes getan und gesprochen, die Bibel gereinigt und erhebende Bücher geschrieben. Seine Augen schlicht und ohne Falsch – wie Spiegeleier, – stets hatten sie Wohlwollen gestrahlt im Leben, und auch jetzt noch im Tode stand:

Ȇb immer Treu und Redlichkeit
bis an dein kühles Grab
und weiche keinen Finger breit
vom Weg des Rechten ab«

in goldenen Lettern auf seiner Gruft.

Der Mann im Hemde war sehr gespannt. Aus dem Grabe drang leises Knistern, wie sich der junge Vogel aus dem Herzen löste, – und da flog's auch schon – pechschwarz – mit Gekrächz hinauf zu den andern auf die Mauer. – –

»Das war aber doch wirklich vorauszusehen; – oder? Haben Eure Liebden vielleicht ein Rebhuhn erwartet?« spottete der Rabe.

»Etwas Weißes hat er doch«, sagte der Mann verbissen und meinte damit eine leichte helle Feder, die deutlich abstand. Der Rabe lachte: »Der Gänseflaum? – Der ist doch nur angeklebt. Vom Daunenkissen, worauf der Tote immer schlief!« und weiter flog er von Grab zu Grab und brütete da und brütete dort, und überall wurde es flügge und kam schwarz aus dem Boden geflattert.

»Alle, alle sind sie schwarz?« fragte der Mann beklommen nach einer Weile.

»Alle, alle sind sie schwarz!« brummte der Rabe.

Da bereute der Mann im Hemde, daß er nicht in seinem Bette geblieben war.

Und wie er empor zum Himmel blickte, standen die Sterne voll Tränen und blinzelten. Nur der Mond glotzte vor sich hin und begriff nicht.

Auf einem Kreuz aber saß mit einemmal regungslos ein Rabe, der glänzte schneeweiß. Und es schien, als käme all der Schimmer der Nacht von ihm. Der Mann sah ihn erst an, als er zufällig den Kopf nach ihm wandte. Auf dem Kreuz die Inschrift nannte den Namen eines, der war ein Müßiggänger gewesen ein Leben lang.

Der Mann im Hemde kannte ihn gut. Und er sann lang nach.

»Welche Tat hat denn sein Herz so weiß gemacht?« fragte er endlich.

Der schwarze Rabe aber war mürrisch und mühte sich unablässig, über seinen eigenen Schatten zu springen.

»Welche Tat, welche Tat, welche Tat?« quälte der Mann ruhelos.

Da fuhr der Rabe zornig auf: »Glaubst du, Taten können weiß machen? Du ... Du ... kannst ja nicht einmal eine Tat tun! – Eher spränge ich noch über meinen Schatten. Der morsche Hampelmann auf dem kleinen Grab – siehst du ihn?, er gehörte einst dem Kinde dort unten – der morsche Hampelmann glaubte auch eine lange Zeit, er fuchtle in der Welt herum. Weil er die Schnüre nicht sah, an denen er hing, und es nicht wahr haben wollte, daß ein Kind mit ihm spiele. Und du!? Und du!? Was glaubst du wohl, wird mit dir sein, wenn das – – ›Kind‹ ein anderes Spielzeug sucht!; – Wirst alle viere von dir strecken und ver...«, der Rabe blinzelte listig zur Mauer hin, – »und ver–« »– – –recken!« krächzte die Rabenschar, fröhlich, daß sie auch einmal dran kam.

Da erschrak der Mann im Hemde ganz außerordentlich.

»Und was denn sonst hat sein Herz so weiß gemacht? Hörst du denn nicht, – was denn sonst hat sein Herz so weiß gemacht?« fragte er.

Unschlüssig trat der Rabe von einem Bein aufs andere: »Es muß wohl die Sehnsucht gewesen sein. Die Sehnsucht nach etwas Verborgenem, das ich nicht kenne und auf der Erde nirgends gefunden habe. Wir alle sahen seine Sehnsucht wachsen wie ein Feuer und begriffen es nicht; – es verbrannte sein Blut und endlich sein Hirn – – wir begriffen es nicht – –«

Den Mann im Hemde faßte es eiskalt an: – – – – Es Schien Das Licht In Der Finsternis, Und Die Finsternisse Haben Es Nicht Begriffen – –!

– – – »ja, wir begriffen es nicht«, fuhr der Rabe fort, »doch einer der gigantischen schimmernden Vögel, die im Weltenraume unbeweglich schweben seit Anbeginn, erspähte die flammende Lohe und stieß herab. – Wie Weißglut. Und Er hat auf jenes Menschen Herz gebrütet Nacht um Nacht.«

Scharfe Bilder traten dem Mann im Hemde vor das Auge, Bilder, die in seinem Gedächtnis nicht hatten sterben können, – Geschehnisse im Schicksal des Müßiggängers, die immer noch von Mund zu Mund gingen unter den Leuten: – Er sah jenen Menschen unter dem Galgen stehen – – der Henker zog ihm die leinene Maske übers Gesicht – – die Feder, die das Brett unter den Füßen des armen Sünders kippen sollte, weigerte sich, – da führten sie ihn weg und rückten das Brett zurecht.

Und wieder ordnete der Henker die leinene Maske – – und wieder versagte die Feder. Und als nach einem Monat abermals der Mensch dort stand, die leinene Maske über den Augen, – – da brach die Feder.

Die Richter aber ergrimmten und bissen die Zähne zusammen über – – den Zimmermann, der den Galgen so schlecht gezimmert hatte.

Dann verschwand die Vision. –

»Und was ist aus dem Menschen geworden?« fragte voll Grauen der Mann im Hemde.

»Ich habe sein Fleisch gefressen und seine Gebeine, die Erde ist kleiner geworden um das Stück, das sein Leib groß war«, sagte der weiße Rabe.

»Ja, ja«, flüstere der schwarze, »sein Sarg ist leer, er hat das Grab betrogen.«

– – Das hörte der Mann, und sein Haar sträubte sich, er zerriß sein Hemd über der Brust und lief hin zu dem weißen Vogel, der auf dem Kreuz saß: »Brüte mein Herz, brüte mein herz! Mein Herz ist voll Sehnsucht – – –!«

Doch der schwarze Rabe warf ihn mit den Schwingen zur Erde und setzte sich schwer auf ihn – – die Luft roch nach sterbenden Blumen – – »Daß Euer Liebden nur nicht irren: Gier und nicht Sehnsucht schläft in Euer Liebden Herz! Ja, das möchte mancher gerne probieren, vor dem Kre– – –«, listig blinzelte er zur Mauer hin, »– vor dem Kre– – –?« »– – –pieren!« pfiff die Rabenschar, entzückt, daß sie schon wieder dran kam.

– Die Hitze seins Leibes ist fremdartig und erregend wie das Fieber, fühlte der Mann, dann zerflatterte sein Bewußtsein.

Als er nach langem Schlaf erwachte, da stand der Mond gerade im Zenit und starrte ihm ins Gesicht.

Der Glanz hatte die Schatten getrunken und troff an den Steinen herab von allen Seiten.

Die schwarzen Raben waren fortgeflogen.

Noch hatte der Mann ihr hämisches Gekrächz in den Ohren und verdrossen stieg er über die Mauer in sein Bett.

Schon stand da auch im schwarzen Rock der Herr Medizinalrat, faßte seinen Puls, schloß die Augen hinter der goldenen Brille und babbelte lang und unhörbar mit der Unterlippe. Suchte dann umständlich in seinem Taschenbuch und schrieb auf einen Zettel heraus:

Rp:  
Cort. chin. reg. rud. tus
coque c. suff. quant. vini rubri, per horam j
ad colat 3viij
cum hac inf. herb. abs.
postea solve
3j
acet. lix.
tunc adde
3j
syr. cort. aur
M. d. ad
vitr. s.
3 mal täglich ein Eßlöffel.  

Und als er damit fertig war, schritt er mit Weihe zur Türe, sah noch einmal zurück, und sagte geheimnisvoll, den Zeigefinger würdig erhoben:

»Gögön das Fübör, gögön das Fübör.«

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