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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Hilligenlei

In baumwollenen Handschuhen und mit quäkender Stimme zu lesen.

Erstes Kapietel

Nu, singe ma,Singe ma (mal) nicht zu verwechseln mit Tschin Ma = beliebter chinesischer Variétégaukler. du meine norddeutsche Pastorenseele von einem, der da lange nich wusste, was er wollte und es denn mit eins fand:

Da war nu Rieke Thomsen, die dicke Hebamme, die hatte die Hände auf dem ßtattlichen Leib und die Füße auf die Feuerkieke.

Und denn warf sie mit eins den Holzpantoffel mit sachtem Schwung gegen die Türe.

Kam da der alte Hule Beiderwand, der bei sie wohnte und so ne knarriche Sstimme hatte und sich so ßteil hielt, weil ein inwendiges schönes Licht in ihm war.

»Töf«, – saachte er, »töf.« –

Die Türe knarrte kurz und hart.

Und denn saachte die kleine dusselige Tine Rauh, daß Liese Dusenschön auf das Haus zukäme.

Tine Rauh! –

Das war auch eine von den Rauhen, die in de lüttje Bäckerstroot wohnen und alle so 'n krauses, gelbes Haar und so 'n fahrichen Sinn haben.

Und es dauerte auch kein Jahr, denn ßtarb sie.

Liese Dusenschön aber lag oben in Nöten.

Die halbe Nacht wird darüber hingehen, hatte Rieke Thomsen gesaacht. – – –

Die Türe knarrte kurz und hart.

Nach eine Weile kam Stiena Dusenschön, Liese Dusenschöns Mutter, und denn tranken sie unten Kafffee und Stiena hatte ne Postkarte bekomm, und da stand »Du ahnst es nich«, auf, und da war sie sehr ßtolz auf und saachte, daß demnach ein hoher Herr der Vater des Kindes sei, und die Perlenfransen ihrer Haube schlugen ziemliche Wellen.

Die Türe knarrte kurz und hart. – – –

Liese Düsenschöns Vater war ein finsteren verschlossenen Mann gewesen, vor ehedem Bürgermeister von Hilligenlei. –

Der hatte nie im Leben ein Wort geßprochen,

Erst auf dem Totenbette löste sich ihm die Zunge:

»Kumm man nich an die Gas«, hatte er gesaacht und denn war er geßtorben.

Die Tür knarrte kurz und hart. – – –

Die dusselige Tine Rauh aber kam herunter und saachte, daß Liese Dusenschön tot sei.

Und Stiena und Rieke Thomsen sahen den neugeborenen Knaben an und nannten ihn Tjark. –

Tjark Dusenschön. –

Hule Beiderwand aber saachte finster, der sei schlapp und werde Hilligenlei auch nich zu Heilig-Land machen. –

Die Türe knarrte kurz und hart. – – –

Suse Düsenschön, das war nu die jüngste von Lieses Schwestern gewesen, die war zuerst Vice II bei Reimers in Niendorf gewesen und denn war sie mit einem Studenten im Grase gewesen, der hatte ihr gezeigt, wie der Buchfink feift und Hochzeit macht und denn war er wechgegangen. –

Und denn war sie auch Mutter gewesen und nu war sie auch tot.

Na! Und Dorchen Dusenschön, Lieses zweite Schwester?

Wer hat sie gesehen? Na! – na, laß man! – –

Die Türe knarrte kurz und hart. – – –

Zweites Kapietel

In derselben Nacht war drüben bei Hafenmeister Lau auch 'n klein süßen Jung angekomm und hieß Pe Ontjes Lau, und Rieke Thomsen war gar nich mit bei gewesen.

Der Junge hatte sich selbst geholfen.

Ja! – So war lütt Pe Ontjes Lau!

Pe Ontjes Lau! – Wer kennt ihn? –

Drei Tage ßpäter half Rieke Thomsen Male Twintichsöth, Kai Jens Twintichsöths – des Deicharbeiters – Eheweib, von ihr erstes Kind.

War auch 'n klein niedlichen Buttje das!

Kuddl! So nannten sie ihn.

Kuddl Twintichsöth.

Hatte 'n roten Flecken auf der Brust und ne klein fein empfindliche Seele. Kuddl! –

»Seht seine Augen«, saachte immerzu Jan Friech Buhmann – das war der Schmied –, »wie hej se verdreht, dat man blos dat Witte to sehen kreegt, dej möt Pastor weren«, – pulterte mit sien ßteife Ledderhaut, als wenn 'n Berchwerch einfiele und plinkte so ßtaark mit den Augen, als wäre in jedes ein Brummer geflogen.

Von voorne sah er noch ganz gut aus.

Aber von hinten war es sehr schlimm.

War da viel versunken schlappes Hosenzeuch gewissermaaßen und ein dürren Ledderßtreifen. –

»Ja«, fügte er hinzu, »der wird mal aus Hilligenlei Heilig-Land machen. Nöch?«

Und er gewann den Kleinen lieb und der Kleine erßtaarkte in seinem Umgang.

Drittes Kapietel

Und siehe da, als der erste März vorbei war und noch zwei Monate, da war der erste Mai.

Und da kam ein neuer Lehrer nach Hilligenlei, – als der alte geßtorben war, – der hieß Pummel Pferdmenges und hatte noch niemals ein Weib berührt.

Aber er wohnte gerade vier Wochen in dem leeren ßtillen Hause, da wurde es Juni. –

Und da fiel er in Liebe.

Es war eine schlimme, selige, unselige, nein selige Zeit!

Oft ging er in die andere Stube und malte sich aus, daß sie hier hausen und abends ihr Hemde uttrecken sollte und denn überfiel ihn mit eins eine ßtaarke Freude.

Und denn ging er in Garten und fand sie hinterm Sstachelbeerbusch kauern und denn überfiel ihn wieder eine ßtaarke Freude.

So sehr liebte er sie schon, obgleich er sie noch nie mit seinen Augen gesehen hatte.

Und denn wieder ßtellte er sich wieder was vor und schloß sich auf ne ganze kleine Viertelßtunde ein.

Und wenn er wieder herauskam, war er mit eins ganz ruhig und abgekühlt.

Muß mich nu man ganz und ganz gewiß ma ne Dirn nehm, saachte er sich denn immer reuevoll.

Und als er ma bei Ringerang, – ach, das war auch so einer, der war lappich wie 'n nasses Handtuch und hatte 'n Bruder, der hieß Hinnerk, ach Gott, und der wohnte in Rußland und war verlähmt seit seinen Jünglingstagen und laach nu schon 30 Jahre in Bette.

Ja und als Pummel Pferdmenges ma bei Ringerangs Destillation zu Tanze war, da hatte sich Lieschen Klemmködel aus dem Schuh herausgetanzt und hatte ihn aus Augenwinkeln angesehen. – – –

Und denn war sie mit ihm zu Gehölz gegangen! –

»Sei doch nich bange!« hatte sie denn gesaacht. –

»So!« – – – – – –

Die Nacht war enge und blau. – – –

Und vier Wochen ßpäter mußte sie es Vadder sagen.

So war aus Lieschen Klemmködel Liesbeth Pferdmenges geworden.

Du aber, Pummel Pferdmenges wirst du aus Hilligenlei Heilig-Land machen?

Viertes Kapietel

Als die Zeit um war, da wurde im ßtillen Haus 'n Göhr geboren, und Pummel Pferdmenges hatte Liesbeth die Hand so hart gedrückt, daß sie ihn bitten mußte, sanft zu sein. So sehr freute er sich über das Kind, das sein scheues, keusches Weib ihm geboren hatte.

Und auch diese beiden Kinder wuchsen auf. – – –

Als ma viel ßpäter Male Twintichsöth bei das ßtille Haus ging, saß da nich Liesbeth Pferdmenges im geöffneten Kleid und hatte wieder ein Neugeborenes an der Brust?

Helle und ßteil, mit fliegenden Augen; – – – so sind sie alle die Klemmködels!

Dat's all Numma 4, saachte die aber und lachte.

Mit eins aber zoch ein Gewitter auf, das war so arch doll, daß die Kronleuchter des Himmels bebten. –

Und lauter schräge Blitze gab's da.

Pummel Pferdmenges, der Lehrer, der eben mit dem Fahrratt unterwegs war, fuhr nu direktemang in die Bucht, und als der Himmel wieder heil war, ach, da hatten sen auf ne Bahre gelegt und bei das ßtille Haus gebracht. –

Da lag er nu tot und wagrecht. –

– – – Versapen. – – –

Fünftes Kapietel

Zehn Jahre alt war nu Kuddl Twintichsöth schon und »oh Mutter«, saachte er und sah sie mit Angst an, »wenn das man nich ma meine Not wird. Ich kann nich nachchlassen, ich glaube, ich grüble mich noch ma den Kopp entzwei.« Er sucht 'n Königreich, hatte Pe Ontjes gesagt und sie waren tosohm nach Freestedt zu Schule gegangen.

Stakten durch Schlick und Schiet.

Gab ein arch Stöhnen und Prahlen da und fünfe gingen mit. Piet und Antje Pferdmenges; – die lütt Heinke war noch zu jung, – Tjark Dusenschön und zwei von Fischer Süderloh.

Der eine hat 'n frühen Seemannstod gefunden, ach ja, und der andere, der jüngere?

Der kam nach Jahren zu ein Klempnermeister in die Lehre nach Hamburch und sah da nu, wie alle ßtrebten und immerzu nur an das eine dachten, wie etwas für die Deutsche Wiedergeburt geschehen könne; und wie da Willi Drööbs, der Geselle, immerlos heimlich griechisch lernte, immerlos Taach und Naacht.

Der ßtammte aus Dithmarschen – Willi Drööbs – aus ein frommen Pastorenhause, (– sind nu schon alle lange tot –); und auch Wille Drööbs starb bald, an de Auszehrung; nu, und Rieke, seine älteste Schwester, die heiratete einen Küper und denn sind sie nach Amerika und nie wieder hat man von ihr gehört.

Ja und war bei dem Klempnermeister auch noch Pummel Söthbier, der ßtammte aus Groß-Borstel. Pummel Söthbier, ach, wie lange is dej all tot – und der betete immer nachts, daß der liebe Gott die Leichdörner von den Menschen nehmen möge.

Ja, ja, die Hamburger Klempnergesellen, das is 'n gar nachdenklich Volk! – – –

Als sie denn wieder im Schulhause ankamen, da saß Mars Wiebers, der Lehrer der Hafenschule, das ßtaarke Haupt von brandrotem Haarwerk ganz umgeben, und wußte, warum Kuddl Twintichsöth traurich sei und erhob den Sstock gegen die ganze Hafenßtraße von Hilligenlei und saachte: »Niemand soll ihm von euch wieder sagen: Kuddl klei'-Di. –

Sollte ihr das sagen, ihr Lümmel? – – –

Das wird Gott tun.«

Sechstes Kapietel

Der »Fatzke de Gama«, der brasilianische Gaffelschooner, trieb vor flauer Brise in haushoher Dünung auf dem südchinesischen Meer.

Kuddl Twintichsöth, der Vollmatrose, hatte die Steuerbordwache, spleißte an nem Steekbolzen und in seiner Seele klang wie von ferne die schlichte, ergreifende Volksweise seiner Heimat:

»Hein Lehmann het, Hein Lehman het,
Hein Lehmann het dat dohn,
Hein Lehmann is dat wesen
Hein Lehmann hat dat dohn! –
Hein Lehmann het dat Finster mit de Feut inslohn.«

Und er fuhr sich mit dem Ärmel seiner Donkeyjacke über die nassen Augen.

»Warum is Hilligenlei nich Heilig-Land und sollte doch Heilig-Land sein, – nöch?« – saachte er immerlos vor sich hin.

Da kam mit eins Lude Thedens von die Backbordschen, und der hatte nu immer 'n Mund voll Schnack und tühnte in einsfort von die Köhmbuttel und von die Itzehoër Nachrichten und von die braunen Deerns in Apia, die so doll ßtramm nach Schweiß röchen und denn von seine alte Liebe in Frisko – von »Yokohama« dat scheune Negermädchen mit de sladderige Tidd. –

Da ging Kuddl nach achtern und weinte bitterlich. –

Hei, was hatte der für 'n Lebensunterricht!

Und denn saachte Piet Pferdmenges, der auch mit von die Wache war, daß vier Fuß Wasser im Raum sei und sie nich pumpen wollten, da sie alle duhn seien vom Köhm und immerzu bei die Buttel gingen.

Und da verbiß Kuddl Twintichsöth seinen Gram und erzählte der Mannschaft die Geschichte von dem bösen Kinde, das seine Suppe nich essen wollte.

Da ßtaunten die Schiffsleute und sagten einer zum andern: »Was ist zumal mit ihm, der er alldieweile der Stillste war unter uns allen und jetzt – – – het hej dat Muul voll Tüntjes.«

Da ward er der unheimlichen Gabe froh.

Wer hat den Sonnabendabend auf dem »Fatzke de Gamma« mitgemacht?

Der wird ihn nicht vergessen.

Und die Schiffsleute gossen den Kümmel über Bord und pumpten so lange, bis sie in Kapßtadt waren. –

(Junge, dat is 'n doll mächtich Ende.)

Siebentes Kapietel

(Die Pastorenseele laut und ungeduldig quäkend): Hilligenlaaj, quei-quaaj. Wann wird denn nu endlich ma Heilig-Land aus dich werden!?

Achtes Kapietel

Die »Goodefroo«! –

Damit kein Irrtum is: Der Dreimastvollrigger »Goodefroo« auf dem Pinaß von Jan Marbst gebaut.

Wer hat sie gesehen?

Ach, nöch im Hafen.

Nö, beim 63. Grad unter Kap Horn durch die tobende See ßtürmen. Junge, Minsch, was 'n Spaaß!

Aber der Kapitän? –

Jan Döös von Blankeneese is Kaptein; is ja wahr, hat bei ßtattlichem Oberleib kurzes krummes Beinwerk, is ja Tatsache. Keiner ßtreitet dagegen.

Aber nu is er ja schon lange daudt.

Aber der Stüermann?

Hochmütlich war er, achott, weiß es doch 'n jeder und Kakerlatjes konnte er nu nich sehen, nich von weitem, Gitt i Gitt. – – –

Man hat ihn nie tühnen hören.

Getühnt hat er nur ßpäter, ganz heimlich und ganz selten ma mit Antje Pferdmenges und ihren Kindern.

Wer hat den Stüermann Pe Ontjes Lau gesehen?

Aber der Maat?

Nichts über den Maat!

Klaus Sievers war Maat!

Ein finstern Mensch; ßtammte aus reichem Bauerngeschlechte aus Borchfelde. –

Hatte da ma geflügt mit 17 Jahren und 4 Pferden.

Da war das Handferd ausgeglitten und sein Vater hatte ihm ins Gesicht geßtarrt und ihn gefragt: »Hest du all 'n dröche Unnerbüx?«

Und das hatte dem Jungen das Herz gebrochen. –

Nu hatte er so 'n ßtarres Gesicht und war Maat auf der »Goodefroo«.

Ja, ja so sind sie all von Borchfelde, ungebeugt und ßtaark.

Aber die Back?

Is 'n ganz unnötich Anfragen.

Ein gutes Schiff, ein guter Kaptein können immer ne gute Mannschaft haben.

Und Kuddl Twintichsöth und Piet Pferdmenges waren auch mit bei. –

So blieb es 35 Tage, denn kam mit eins rauh Wetter, und Kuddl dachte bei jede Bö, die kam, und bei jede See, die mittschiffs ging: nu kommt es, Heilig-Land.

Nu kommt es.

Es kam aber noch nich. –

Aber die Fockschoot klemmte ihm arch doll den Finger ein.

Da lief er wimmernd von die Fockwant zum großen Stüermann Pe Ontjes Lau und jammerte immerlos:

Pe Ontjes – – süsser Pe Ontje – mein Finger, ach kiek ma, – au, au! –

Und denn ließ Pe Ontjes mit eins wenden und alle Mann trösteten Kuddl und als denn Torril Torrilsen, der Gute, der älteste von die Backbordschen, von Achterdeck kam und ihm Puste-Puste auf Fingerchen machte, da wurde es besser mit ihm.

Arbeiten aber liessen se ihn nicht mehr, auch als es auf zu ßtürmen hörte!

Und denn wurde Heine Marquard, der eben auf Deck lag und flötete, zu Pe Ontjes gerufen.

»Hast du deinen Cäsar und Xenophon mit?« saachte der.

Ja, saachte Heine Marquard verbaast. –

Und denn gab Heine Marquard Kuddl Twintichsöth seinen Cäsar und Xenophon und zeigte ihm, wie Griechisch und Lateinisch is.

Kuddl stand in Verwunderung vor diesem neuen Weg.

Nu kommt Heilig-Land, dachte er bei jedem Kapietel, nu kommt es. –

Hei, was hatte der für 'n Lebensunterricht!

Neuntes Kapietel

Der Tag war hoch und helle.

Und Pe Ontjes war noch gar nicht Stüermann auf der »Goodefroo«, da hatte ma Antje Pferdmenges mit ihrem wiegenden Gang Besuch bei Lau gemacht.

Und Pe Ontjes hatte sie gefragt, ob sie seine Frau werden wolle.

Da hatte sie sich mit eines ßteil aufgerichtet, wie 'n Licht.

»Gitt i Gitt«, hatte sie gesaacht und ihre Augen bekamen einen harten Schein, – »büß 'n Swien, – Aalfreter du.«

So liebten sie sich, daß keines zum andern finden konnte.

Zehntes Kapietel

Triena Maartens aus Brunsbüttel und Antje Pferdmenges schritten im Kastaniengang und hatten sich untergefaßt.

Triena Maartens war genau so wie Antje, nur hatte se dunkles Haar.

Und denn hatte se braune Augen, ßprach auch ganz anders.

Und denn war sie auch größer und breiter.

War früher die Nichte von Hule Beiderwand gewesen, denn aber de Ohlsch stöckrich geworden und hatte gequäst und getühnt in einsfort und immerlos gesaacht, daß einer aus Hilligenlei Heilig-Land machen müsse, und da war sie nach Hamburch gegangen nach »die englische Planke« und war da Köksch geworden.

Und wie da die Antje denn alleine im Kastaniengang war und flötete – die Klemmködels können alle nich flöten oder feifen – da kam mit eins Lude Voß, der kam gerade von Militär und der kam nahm sie und boch sie im Schatten zurück und sie wehrte ihm nich, daß er sich an ihren jungen Gliedern freute.

Und denn ging sie mit ihm in die Kammer und legte sich in süßer Verwirrung in die Knie.

»Knack« – saachte das Knie.

Und denn offenbarte sie ihm die Wunder ihres Leibes.

Und das war jeden Tachch so! –

Was tut Antje Pferdmenges am Heckenweg?

Das tut sie!

Und das is ihre heimliche Freude.

Ach ja, ihre Seele stach noch arch in Jugendträumen.

Elftes Kapietel

So verging wieder 'n Jahr.

Da saßen sie alle in Hamburch im Alsterpawilljong. –

Kuddl Twintichsöth, nu schon 25 Jahre alt, – der ehemalige Vollmatrose vom »Fatzke de Gamma«.

Der ging jetzt in die Domschule zusammen mit den lütten Buttjes und wußte noch immer nich was er wollte.

»Es soll doch aus Hilligenlei Heilig-Land werden, nöch?« – saachte er sich innerlich.

Und denn saßen da noch Antje und Piet und Heinke Pferdmenges, die war heimlich mit Emil Marquardsen, dem Lehrer in Freestedt, verlobt, und denn Kassen Wedderkopp, der immer so laut ßprach, weil er ma in Korea 'n Schuß in Rücken bekommen hatte. –

Nun fingen sie an über Hilligenlei zu ßprechen und daß da doch ma Heilig-Land aus werden müsse, und wurden nich müde von.

Da sahen sie Tjark Dusenschön, derselbe, der im Kapitel 1 auf Seite 220 geboren wurde und der ßtakte über 'n Jungfernßtiech und hatte ehrwürdige Klappen an den Seiten eines langen Gehrocks.

Und denn ging er bei Reese & Wichmann und kaufte Bontjes.

Wie er bei ihnen saß, kukkte ihn Antje mit fliegenden Augen an und der ganze Alsterpawilljong war helle von ihrem Haar. –

»Warum komm' Sie nu nich nach Hilligenlei?« – hatte sie mit verengter Kehle gesaacht. –

Tjark Dusenschön aber mit seinem bartlosen Gesicht hatte geantwortet:

»Fräulein Pferdmenges, ich habe kein Bedürfnis.«

Zwölftes Kapietel

Gegen Fingsten kam ne ungesunde Luft.

Da fuhren Pe Ontjes Lau, der Gewaltige, mit Antje Pferdmenges in ne Treckschute von Hilligenlei nach Hamburch.

Und der Beestmann und Kuddl Twintichsöth hißten das Großsegel.

»Nu kommt Heilig-Land«, dachte Antje, »nu aber ma ganz gewiß.« –

Nun waren es 150 Tage, daß, als Kuddl ihrer begehrte, sie ihm gesaacht hatte: »Du? Du? Du kannst mich an Taille bummeln.«

Und sie ßstand hell und ßteil wie 'n Licht und ihre Augen ßprangen und ßtaachen.

Denn ging sie mit Pe Ontjes nach die Kabüse.

Und offenbarte ihm die Wunder ihres Leibes.

Und er hat sie zum Weibe genommen.

Und hat nischt gemerkt.

Dreizehntes Kapietel

Der Wind wehte ßtaark und ßtossweise 'n Jahr ßpäter und sie gingen weiter in das graufunkelnde Meer hinein. –

Kuddl Twintichsöth und Heinke Pferdmenges.

Büß een süß weiß holßteinsche Deern du, saachte er, und sie drückte seinen Arm gegen ihre weiche Brust.

Da flooch 'n Schwalbenpaar mit süßem Laut ganz dicht an Heinkes Kniee und er tat als griffe er rasch nach. –

Sie aber wehrte: laß nachch und wurde rot.

Innerlich aber dachte sie: Nanu?

Und denn dachte sie ferner: Ick bün doch valobt.

Und denn ßprach er wieder von was andern und saachte, seit er sie so süß gesehen, wisse er ganz genau, er müsse man blos eben noch das Welträtsel lösen und denn wolle er 'n Buch schreiben für die Deutsche Wiedergeburt.

Er sei nu doch Pastor jetzt und wisse genau, wie man 'n Buch schreibe; – durch viele wirkliche Dichter habe er sich durchgefressen, besonders durch Selma Lagerlöfs Jerusalem und Gösta Berling.

Und Wilhelm Raabe, auch Amalie Skram und manch andere.

Auch so ne feine kleine Prise Anderssen dazu.

Und denn habe er gegen 20000 Tüntjes gesammelt.

Man werde es gewiß nich merken, so fein wolle er abschreiben, – und wenn – – dabei plinkte er listich mit den Augen, denn habe man ja noch – – Kruppsche Kanonen.

Und sie solle man doch nich so ßpröde sein und ihn man 'n bischen begeistern. –

»Er weiß nich, daß ich valobt bin«, dachte sie; – – »küssen laß ich mir, ach watt, – – awa mehr nich«, und sie schmiechte sich dichte an ihm.

»Achch ja, schreibe 'n Buch für die Deutsche Wiedergeburt«, saachte sie denn, »das is so süß.«

Da kam mit eins wieder das verdammte Schwalbenpaar und flooch dicht an ihr Knie und er haschte nach.

»Awa Kuddl«, saachte sie man blos. –

Denn ßpäter aber schrie sie laut auf in ihre Angst: »Kuddl mich heute, weißt du – – –, morgen vielleicht – üwamorgen. Kuddl, laß nach. Man blos kieken, bütte, ach, bütte.«

Und dann ßprang sie mit eins auf: »Kuddl, achott, ich glaube, 's kommt wer.«

Und richtich ging da aufgetakelt Triena Maartens mit Willi Suhlsen aus Harwestehude übers Moor.

Kuddl kannte se von Hamburch.

»Dat Bödelsch«, saachte er ärgerlich »ach watt.«

Und dann fraachte er Heinke: »Also morgen?«

Heinke ßprang nach dem Lohweg.

»Geerne«, saachte sie, »geerne.«

Kuddl Twintichsöth setzte sich – angeregt von dem, was er gesehen, – noch abends an die Arbeit und dichtete immerlos, – – zuerst in Kladde und denn erst ins Reine.

Klierte so Seite um Seite und reihte Tüntjes an Tüntjes. – Links hatte er das Adressenbuch von Lübeck und Hamburch (er brauchte doch 10000 Namen) und rechts die Bibel – da hatte er sich nu schon früher durchgefressen und allens wechgeßtrichen, was einer esoterischen Bedeutung glich oder im Sinne gnostischer tiefsinniger Symbole sprach. –

Und denn wurden ihm die Lider schwer.

Er löste noch rasch das Welträtsel und schlief denn ein.

Und hatte 'n wunderlichen Traum denn.

'n norddeutschen Engel hatte ihn mit verengte Kehle beim Namen gerufen.

»Kiek ma!« hatte er gesaacht und auf ne Kruppsche Kanone gezeigt, die voll mit seinen – Kuddl Twintichsöths – Werken war und 'n Zettel ßtach da an mit den Worten:

Hilligenlei, oder die Bibel mit Tüntjes verziert. Ein Anregungsbuch für die deutsche Hausfrau. Von Kuddl Twintichsöth = Dichter und Pastor.

Und denn hob der Engel den Finger und saachte schalkhaft – auf daß die Prophezeiung von Kapietel 7 erfüllt werde:

»Kuddl! Klei'-Di.«

und verschwand.

Vierzehntes Kapietel
Das Bacchanal

Evoë, Pastor Twintichsöth, Evoë.

»Hilligenlei«, so hieß denn auch das Buch, das Pastor Twintichsöth gedichtet hatte, und das Lager der norddeutschen Hausfrau hallte wieder.

Evoë, Kuddl Twintichsöth, Evoë.

War da nich schwaaz auf weiß das Welträtsel gelöst!?!

Und wie schlicht laach es nu da mit eins, das Evangelium! Pastor Twintichsöth hatte es mit mutigen Worten gesaacht, trotz Jakob Böhme, Georg Gichtel, Pordadge und Kerning:

»Jesus! Ach, war doch 'n ganz einfachen Mann.

Und die Bibel?

'n schön, awa ungeordnet Buch, nöch? Muß ma geordnet werden, nöch?

Und das Gleichniß vom valornen Sohn?! Achott, hat Jesus als Kind ma 'n ßtolzen Bauernsohn in Lumpen nach Hause kehren sehen.

Mußte ihm ßtark auffallen; – nöch? Is doch klar.

Nöch? –

– Nu und der Prophet Jesaias? –

War doch 'n Friseur, – nöch?«

Aus allen Gauen waren sie zusammengeströmt, die deutschen Hausfrauen, und ßtanden versammelt auf dem Gänsemarkt in Hamburch.

Das blonde Haar schlicht gescheitelt.

In Reformkleidern aus Lodenßtoff – zum hochknöpfen, – und Prunelleßtiefeln. Thyrsosstäbe in den Händen.

»Achch, achch, is 'n süßes Buch, Hilligenlei, und denn für die Deutsche Wiedergeburt; Pastor Twintichsöth saacht es doch selbst in«, ging es von Mund zu Mund.

Und manchmal neigte sich eine zum Ohre der andern: »Haben Sie schon gehört, Frau Pastor, was Frau Oberkonsistorialrat bei die letzte Frauenversammlung über ›Hilligenlei‹ (bei verschlossenen Türen) gesaacht hat? – 'n mutig deutsches Frauenwort!!!«

»Is ist so süß, Hilligenlei, und denn wirkt es so – – – – anregend! Nöch?«

Und denn wurde Hilligenlei öffentlich auf dem Gänsemarkt vorgelesen – von Frau Oberkonsistorialrat Suschen Thaden – und das dauerte nu vier Tage.

Und während diese Zeit blieb nu die Sonne ßtarr am Himmel ßtehen, und hie und da hörte man 'n doll unterirdisch Tosen.

Als ob die Erde laut gähne. – 's war überhaupt, als sei die ganze Natur eingeschlafen.

Und dann beßtiegen sie 'n Schiff und fuhren nach Hilligenlei (– kiek, nu is mit eins doch Heilig-Land aus geworden –) Pastor Twintichsöth zu huldigen.

Evoë, Pastor Twintichsöth, Evoë.

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