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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Wozu dient eigentlich weißer Hundedreck?

»Ans Vaterland, ans teure,
schließ dich an.«

Wohl nur wenige wissen, daß er überhaupt zu etwas dient. Er dient aber ganz bestimmt zu irgend etwas Besonderem, da ist kein Zweifel.

Wenn ich frühmorgens das Haus verlasse, knapp ehe der Postbote kommt, und in meinen Briefkasten – der übrigens sowieso mit Wasserspülung versehen ist – einen Haufen Papier wirft, bleibe ich jedesmal im Garten eine kleine Weile stehen und sage laut: Ksss, Ksss.

Und sofort setzt ein höchst befremdliches Phänomen ein. Schwirrendes Gehuste dringt aus dem dürren Laub empor, Gekrächz und rasselndes Fauchen; zwei glühende Augen erglimmen in Spannenhöhe vom Boden, und gleich darauf saust etwas Schwarzes, mit einer haarlosen Balggeschwulst am Halse, hinter den Sträuchern hervor auf mich los und trachtetm von irrsinniger Wut geschüttelt, in meine Bügelfalten zu beißen.

Welcher Wesensreihe das Geschöpf angehört, konnte ich bisher nicht feststellen.

Die Morgenstunden verbringt es mit krummem Rücken und in kauernder Stellung unter einem Holunderbusch. Das ist gewiß, das habe ich nach und nach herausbekommen.

Das Dienstmädchen schwört, zuweilen trage das Phantom eine blaue Decke, feuerrot gefüttert und in der hinteren Ecke mit einer Krone geschmückt. Ich konnte dergleichen nie wahrnehmen – trotz schärfster Beobachtung –, und es scheint fast, als ob in diesem Falle die Netzhaut jedes Menschen verschieden reagiert.

Was nun das Wesen mit der Balggeschwulst auch sei, ob, nach der Krone zu schließen, der ruhelose Schemen des letzten entarteten Sprosses eines erloschenen Herrschergeschlechtes, der unter gewissen astrologischen Aspekten Gestalt gewinnt, – oder vielleicht gar nur ein simpler Bürger des Tierreichs, – etwas Gespenstisches, das mich immer wieder an seiner Stofflichkeit zweifeln läßt, haftet ihm jedenfalls an.

Ich fühle deutlich: es ist uralt, und ich zweifle nicht, sich der Schlacht Cannae zu entsinnen, muß ihm ein leichtes sein. Der Hauch der Vergangenheit umweht es!

Doch trotz seines Greisentums ist nichts Abgeklärtes an ihm; der Haß einer ganzen Welt findet Raum in seinem Herzen.

Wirklich gebissen hat es in meine Bügelfalten noch nie. – Auch das spräche dafür, daß es sich um eine Spiegelung aus einer andern Sphäre handeln könnte! Irgend etwas Unwägbares, Unsichtbares scheint es zu zwingen, im letzten Bruchteil eines Augenblicks immer wieder davon abzustehen, trotzdem es in seinem Vorhaben nie erlahmt und stets von neuem losfährt.

Unvermittelt wie das Phänomen einsetzt, erlischt es auch jedesmal.

Urplötzlich, ohne jedes Vorzeichen, gellt nämlich eine Stimme vom Himmel und ruft:

Ah– –miii! Ah– –miii!

Ganz deutlich: Ah– –miii!

Ich finde daran nichts Wunderbares. Wie oft ist es nicht bei den alten Juden vorgekommen, daß eine Stimme von Himmel rief, warum sollte es bei mir in der Kolumbusgasse ausgeschlossen sein – –?

Auf das Wesen mit der Balggeschwulst jedoch übt es eine verheerende Wirkung aus.

Mit einem Ruck läßt das Phantom von mir ab und kratzt schnell wie der Blitz durch die Gartenpforte um die Ecke, wo es sich augenblicklich – – dematerialisiert!

Nach alldem scheint nur das Wort »Ah– –miii« eine jener fluchwürdigen Klangformeln zu sein, wie man sie im Lamrim des Tson-ka-pa, den furchtbaren Zauberbüchern der Tibetaner, angedeutet findet, und die, richtig ausgesprochen, im Reiche der Ursachen astrale Wirbelstürme von einer Gewalt zu entfesseln vermögen, daß selbst wir in unsern schützenden Stoffhüllen noch die letzten Ausläufer solcher Katastrophen in Form spukhaft unerklärlicher Vorgänge schreckerfüllt wahrnehmen.

Oft habe ich die geheimnisvollen Silben »Ah– –miii« selber gesungen! Erst zaghaft, dann immer beherzter, doch niemals trat eine sichtbare Veränderung in der Welt der Materie ein.

Offenbar betonte ich falsch.

Oder sollte die Wirksamkeit durch vorausgehende strenge Askese des Sängers bedingt sein?

Mit der Dematerialisation des Wesens mit der Balggeschwulst ist der Prozeß, dessen Zeuge ich allmorgendlich bin, keineswegs abgeschlossen.

Kaum ist nämlich die himmlische Stimme verklungen, so tritt ein Invalide in den Garten und begibt sich stumm zu dem Holunderbusch.

Ich traue niemals dem flüchtigen Augenschein, – die Sinne leisten so unsichere Gewähr für abstrakte Erkenntnis, – – der Invalide aber ist bestimmt echt. Ich habe ihn photographieren lassen.

Mit einem Schürhaken entnimmt der Krieger der Erde einige fahle Gegenstände – und wirft sie triumphierend zu den übrigen in den halbvollen Sack, den er an seiner rechten Seite – die linke ist mit Tapferkeitsmedaillen behangen – als Gegengewicht trägt.

Es liegt etwas Diabolisches darin, daß sich die fahlen Gegenstände immer genau an derselben Stelle vorfinden, die kurz vorher das Wesen mit der Balggeschwulst verlassen hat! –

Es muß da zweifellos ein gespenstischer Zusammenhang bestehen!

Wenn irgendein armer Mann die fahlen Gegenstände sammeln würde, die Sache wäre kaum der Beachtung wert. Man müßte denken, sie besitzen nur geringen Wert und sollen im Haushalte der Natur irgendeinem untergeordneten Zweck zugeführt werden. So aber!?

Invaliden sammeln dergleichen?!

Häuft nicht das Vaterland Ehre und Reichtum auf diese Menschen mit vollen Händen, der Dankesschuld für vergossenes Blut und geopferte Glieder erschüttert eingedenk?

Was jagen sie da Abfällen nach!?

Die Sache hat einen doppelten Boden!!!

Natürlich wird es wieder Schwarzseher in Menge geben, die sagen möchten, Invaliden seien arm. Die böse Absicht wäre aber zu offenkundig. – Ist es doch klar, daß – versagte hier wirklich einmal das Vaterland – der Kaiser selber freudigen Herzens einspränge. Denn, wahrlich, nicht unbelohnt bleibt Opfermut fürs Vaterland, an das fest sich anzuschließen unsere »echten« Dichter immer warm empfahlen.

Mit den fahlen Gegenständen muß es also eine ganz besondere Bewandtnis haben! Zu dieser Erkenntnis kam ich wohl vor Jahr und Tag. Als ich aber eines Morgens in der Zeitung las, man habe in einer Kammer einen greisen einbeinigen Veteranen aus dem italienischen Feldzug tot aufgefunden und von Habseligkeiten nichts als einen Schürhaken und – ein Sack voll weißer Hundeexkremente, da überfiel es mich wie ein Schrecken, wie ein böser Zwang, diesen Rätseln nachgehen zu müssen bis zum äußersten.

Schon wieder ein Invalide! Schon wieder der gewisse Sack! Und wo sind die aufgestapelten Reichtümer des Toten hingekommen? He?

Er muß sie gering geachtet haben, fühlte ich, – »was liegt an ihnen, wenn mir nur der Sack bleibt«, mußte er sich gesagt haben.

Mir fiel die Geschichte von dem Derwisch ein aus Tausendundeiner Nacht, der, in die Schatzkammer eingedrungen, alle Kleinodien achtlos liegen ließ und nur ein Büchschen nahm voll Salbe, die, aufs Auge gestrichen, alle Macht der Erde verhieß.

Ein ungeheurer Wert – der Schlüssel zu unerhörten Genüssen, begriff ich, muß in den fahlen Gegenständen verborgen sein, wenn gerade die Invaliden, diese launenhaften, verweichlichten Günstlinge des Volkes, aller Unbill des Wetters spottend, umherstreifen und nichts unversucht lassen, ihrer habhaft zu werden.

Stracks lief ich zur Polizei. Der Schürhaken war noch da. Von dem Sacke aber – keine Spur!! Und niemand wußte, wo er hingekommen! – – – Also doch! –

Irgend jemand mußte offenbar alles daran gesetzt haben, sich ihn anzueignen!! Mit unerhörter Kühnheit ihn der Polizei in letzter Minute aus dem Rachen gerissen haben! Und wozu dient weißer Hundedreck? fragte ich mich, »wozu dient er?«

Ich schlug im Konservationslexikon nach, unter H, unter E, unter W, unter D, – alles umsonst.

Meinen Invaliden auszuforschen, wäre lächerlich gewesen. Der am allerwenigsten hätte mir sein Geheimnis preisgegeben. So schrieb ich an das Unterrichtsministerium.

Man gab mir keine Antwort!

Ich ging in den Vortrag eines berühmten Conférenciers, und als Publikum Fragen auf Zettel schrieb, gab ich auch meinen ab. Doch als er in seine Hände kam, zerknüllte er ihn und verließ indigniert den Saal.

Auf dem Rathause konnte ich das zuständige Amtszimmer nicht finden, und beim Bürgermeister wurde ich nicht vorgelassen.

»Man klebt ihn an die Decke von Prunksälen, und dann heißt er: Stukkatur«, höhnte ein Zyniker.

»Er ist das Pathos unter seinesgleichen, er ist Selbstzweck«, meinte träumerisch der Dichter Peter Altenberg.

Ein vornehmer Gelehrter wiederum wurde eisig abweisend und sagte streng: »Solche Dinge nimmt man in anständiger Gesellschaft nicht in den Mund; übrigens sind sie die Vorboten ernsthafter Verdauungsstörungen, und sie dienen (bei diesen Worten blitzten seine Augen rügend) sie dienen zur Warnung, daß der begüterte Laie seine Lebensführung niemals ohne den Rat eines erfahrenen Arztes einrichten soll!« Ein Mann aus dem Volke hingegen sagte gar nichts, trug mir nur stumm eine Ohrfeige an! – – –

Ich schlug andere Wege ein, trat Leuten, die ein geheimnisvolles Äußeres hatten, auf der Straße entgegen und stellte ihnen schroff die Frage. Hoffend, sie zu überrumpeln. Kurz, klar und ohne Umschweife.

Sie wichen bestürzt zurück und flohen mit allen Zeichen des Schreckens!

Da beschloß ich, einsam auf mich selbst beschränkt in die Tiefen dieses Geheimnisses zu tauchen und auf eigene Faust chemisch zu experimentieren, und ich ging selber auf die Suche nach jenen Stoffen.

Als wolle eine finstere Macht mich höhnen, blieb gerade da die Stelle unter meinem Holunderbaum tagelang leer, und – seltsam – auch das Wesen mit der Balggeschwulst schien verschwunden.

Ich kann ohne Grauen gar nicht daran zurückdenken.

Eine ganze Woche forschte ich an verlassenen Mauern entlang, kein Monument ließ ich unbesucht. Alles umsonst!

Und als mir endlich doch das Glück lächelte und ich die ersehnten Stoffe errungen und in einer Phiole geborgen hatte, da überfiel mich plötzlich eine quälende Angst: was, wenn ich gerade jetzt ohnmächtig würde, wenn mich gar der Schlag träfe!? Man würde die Stoffe bei mir finden, würde sagen: er hat eine schlechte Seele gehabt, er war pervers von Grund aus, das Schwein, – – – und das Glück meiner Familie wäre dahin für immer! Ja, und die Offiziere, mit denen mich unlösliche Bande heißer Sympathie verknüpfen, würden die Nase rümpfen und sagen: »Mür ham's eh g'wußt, er war ein Indivüduum!«

Und der evangelische Jünglingsverein würde die Hände falten und auf meinem Grab einen protestantischen Aufklärungsdango tanzen.

Da warf ich die Phiole weit von mir.

Das Studium der Geschichte geheimer Gesellschaften war das nächste, in das ich mich stürzte. Es existiert wohl keine Brüderschaft mehr, in die ich nicht schon hineingetreten wäre, und gäbe ich alle die tiefsinnigen geheimen Erkennungszeichen und Notrufe, über die ich verfüge, hintereinander von mir, man würde mich zweifellos als des Veitstanzes verdächtig ins Irrenhaus schleifen.

Doch ich lasse nicht los!

Ich muß herausbekommen, wozu »er« dient.

Es gibt einen furchtbaren Orden, schreit jede Fiber in mir, eine stumme Vereinigung von Menschen, der Tür und Tor offen steht, die gefeit gegen die Pfeile des Zufalles die Welt am Gängelbande führt. Alle Macht auf Erden ist ihr gegeben, und sie nützt sie aus, ungestraft die schauderhaftesten Orgien zu feiern!

Was sind die Sterbekatoristen des Mittelalters, die sich von je gebrüstet, unter den Alchimisten die einzigen Besitzer der wahren »Materie« zu sein, denn anders als Bekenner dieser Sekte?

Der uralte vergessene Orden des »Mopses«, welchen Zweck sonst kann er gehabt haben?

Und bis in unsere Tage reichen die Fangarme der »Brüder«!!

Wer ist ihr Oberhaupt? Wo der Mittelpunkt, um den sie sich scharen?

Der finstere Ohlendorff, Hamburgs ungekrönter Guanokönig, muß ihr letzter Großmeister gewesen sein, ahne ich; doch wer ist es heute? –

Schätze auf Schätze werden sie häufen mit ihrem Schürhaken und dann – –, dann wehe uns.

Mit bangem Blick sehe ich in die Zukunft.

Die Tage verrinnen, und keiner bringt mir Antwort auf meine Frage: wozu, wozu dient »er« eigentlich?

Und zerdämmert die Nacht, und der Hahn kräht besorgt nach dem säumigen Tag, da liege ich noch schlaflos, derweilen draußen unter dem Holunderbusch das Phantom mit der Balggeschwulst vielleicht schon heimlich sein Wesen treibt.

Im Halbtraum sehe ich die Gestalten der Invaliden strotzend von Geschmeide in Scharen zum Blocksberg ziehen. Und ich wälze mich gequält und ächze und seufze: Wozu, ja wozu dient eigentlich der weiße Hundedreck?!


Nachwort des Autors: Erklärende Zuschriften aus dem Publikum, »der geheimnisvolle Stoff diene zum Gerben von Handschuhen« – verbiete ich mir aufs strengste.

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