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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Das Wachsfigurenkabinett

»Es war ein guter Gedanke von dir, Melchior Kreuzer zu telegraphieren! – Glaubst du, daß er unserer Bitte Folge leisten wird, Sinclair? Wenn er den ersten Zug benutzt hat« – Sebaldus sah auf seine Uhr – »muß er jeden Augenblick hier sein.«

Sinclair war aufgestanden und deutete statt jeder Antwort durch die Fensterscheibe.

Und da sah man einen langen schmächtigen Menschen eilig die Straße heraufkommen.

»Manches Mal gleiten Sekunden an unserm Bewußtsein vorbei, die uns die alltäglichen Vorgänge so schreckhaft neu erscheinen lassen, – hast du es auch zuweilen, Sinclair? – Es ist, als sei man plötzlich aufgewacht und sofort wieder eingeschlafen und habe währenddessen einen Herzschlag lang in bedeutsame rätselvolle Begebnisse hineingeblickt.«

Sinclair sah seinen Freund aufmerksam an. »Was willst du damit sagen?«

»Es wird wohl der verstimmende Einfluß sein, der mich in dem Wachsfigurenkabinett befiel«, fuhr Sebaldus fort, »ich bin unsäglich empfindlich heute, – – – als soeben Melchior von weitem herankam und ich seine Gestalt immer mehr und mehr wachsen sah, je näher sie kam, – da lag etwas, was mich quälte, etwas – wie soll ich nur sagen – Nicht-Heimliches für mich darin, daß die Entfernung alle Dinge zu verschlingen vermag, ob es jetzt Körper sind oder Töne, Gedanken, Phantasien oder Ereignisse. Oder umgekehrt, wir sehen sie zuerst winzig von weitem, und langsam werden sie größer, – alle, alle, – auch die, die unstofflich sind und keine räumliche Strecke zurücklegen müssen. – Aber ich finde nicht die rechten Worte, fühlst du nicht, wie ich es meine? – So scheinen alle unter demselben Gesetze zu stehen!«

Der andere nickte nachdenklich mit dem Kopfe.

»Ja, und manche Ereignisse und Gedanken, die schleichen verstohlen heran, – als ob es ›dort‹ – etwas wie Bodenerhebungen oder dergleichen gäbe, hinter denen sie sich verborgen halten könnten. – Plötzlich springen sie dann hinter einem Versteck hervor und stehen unerwartet, riesengroß vor uns da.«

Man hörte die Türe gehen und gleich darauf trat Dr. Kreuzer zu ihnen in die Weinschenke.

»Melchior Kreuzer – Christian Sebaldus Obereit, Chemiker«, stellte Sinclair die beiden einander vor.

»Ich kann mir schon denken, weshalb Sie mir telegraphiert haben«, sagte der Angekommene. – »Frau Lukretias alter Gram!? Auch mir fuhr es in die Glieder, als ich den Namen Mohammed Daraschekoh gestern in der Zeitung las. Haben Sie schon etwas herausgebracht? Ist es derselbe?«

Auf dem ungepflasterten Marktplatz stand der Zeltbau des Wachsfigurenkabinetts, und aus den hundert kleinen zackigen Spiegeln, die auf dem Leinwandgiebel in Rosettenschrift die Worte formten:

Mohammed Daraschekohs orientalisches Panoptikum,
vorgeführt von Mr. Congo-Brown

glitzerte rosa der letzte Widerschein des Abendhimmels.

Die Segeltuchwände des Zeltes, mit wilden aufregenden Szenen grell bemalt, schwankten leise und bauschten sich wie hautüberspannte Wangen aus, wenn im Innern jemand umherhantierte und sich an sie lehnte.

Zwei Holzstufen führten zum Eingang empor und oben stand unter einem Glassturz die lebensgroße Wachsfigur eines Weibes in Flittertrikot.

Das fahle Gesicht mit den Glasaugen drehte sich langsam und sah in die Menge hinab, die sich um das Zelt drängte, – von einem zum andern; blickte dann zur Seite, als erwarte es einen heimlichen Befehl von dem dunkelhäutigen Ägypter, der an der Kassa saß, und schnellte dann mit drei zitternden Rucken in den Nacken, daß das lange schwarze Haar flog, um nach einer Weile wieder zögernd zurückzukehren, trostlos vor sich hinzustarren und die Bewegungen von neuem zu beginnen.

Von Zeit zu Zeit verdrehte die Figur plötzlich Arme und Beine wie unter einem heftigen Krampfe, warf hastig den Kopf zurück und beugte sich nach hinten, bis die Stirne die Fersen berührte.

»Der Motor dort hält das Uhrwerk in Gang, das diese scheußlichen Verrenkungen bewirkt«, sagte Sinclair halblaut und wies auf die blanke Maschine an der andern Seite des Eingangs, die, in Viertakt arbeitend, ein schlapfendes Geräusch erzeugte.

»Electrissiti, Leben ja, lebendig alles ja«, leierte der Ägypter oben und reichte einen bedruckten Zettel herunter. »In halb' Stunde Anfang ja.«

»Halten Sie es für möglich, daß dieser Farbige etwas über den Aufenthalt des Mohammed Daraschekoh weiß?« fragte Obereit.

Melchior Kreuzer aber hörte nicht. Er war ganz in das Studium des Zettels vertieft und murmelte die Stellen, die besonders hervorstachen, herunter.

»Die magnetischen Zwillinge Vayu und Dhanándschaya (mit Gesang), was ist das? Haben Sie das gestern auch gesehen?« fragte er plötzlich.

Sinclair verneinte. »Die lebendigen Darsteller sollen erst heute auftreten und – –«

»Nicht wahr, Sie kannten doch Thomas Charnoque, Lukretias Gatten, persönlich, Dr. Kreuzer?« unterbrach Selbaldus Obereit.

»Gewiß, wir waren jahrelang Freunde.«

»Und fühlten Sie nicht, daß er etwas Böses mit dem Kinde vorhaben könne?«

Dr. Kreuzer schüttelte den Kopf. – »Ich sah wohl eine Geisteskrankheit in seinem Wesen langsam herankommen, aber niemand konnte ahnen, daß sie so plötzlich ausbrechen würde. – Er quälte die arme Lukretia mit schrecklichen Eifersuchtsszenen, und wenn wir Freunde ihm das Grundlose seines Verdachtes vorhielten, so hörte er kaum zu. – Es war eine fixe Idee in ihm! – Dann, als das Kind kam, dachten wir, es werde besser mit ihm werden. – Es hatte auch den Anschein, als wäre dem so. – Sein Mißtrauen war aber nur noch tiefer geworden, und eines Tages erhielten wir die Schreckensbotschaft, es sei plötzlich der Wahnsinn über sie gekommen, er habe getobt und geschrien, habe den Säugling aus der Wiege gerissen und sei auf und davon.

Und jede Nachforschung blieb vergeblich. – Irgend jemand wollte ihn noch mit Mohammed Daraschekoh zusammen auf einem Stationsbahnhof gesehen haben. – Einige Jahre später kam wohl aus Italien die Nachricht, ein Fremder namens Thomas Charnoque, den man oft in Begleitung eines kleinen Kindes und eines Orientalen gesehen, sei erhenkt gefunden worden. – Von Daraschekoh und dem Kinde keine Spur.

Und seitdem haben wir umsonst gesucht! – Deshalb kann ich auch nicht glauben, daß die Aufschrift auf diesem Jahrmarktszelt mit dem Asiaten zusammenhängt. – Andererseits wieder der merkwürdige Name Congo-Brown!? – Ich kann den Gedanken nicht los werden, Thomas Charnoque müsse ihn früher hie und da haben fallen lassen. – Mohammed Daraschekoh aber war ein Perser von vornehmer Abkunft und verfügte über ein geradezu beispielloses Wissen, wie käme der zu einem Wachsfigurenkabinett?!«

»Vielleicht war Congo-Brown sein Diener und jetzt mißbraucht er den Namen seines Herrn?« – riet Sinclair.

»Kann sein! Wir müssen der Fährte nachgehen. – Ich lasse es mir auch nicht nehmen, daß der Asiat in Thomas Charnoque die Idee, das Kind zu rauben, geschürt, sie vielleicht sogar angeregt hat. –

Lukretia haßte er grenzenlos. Aus Worten zu schließen, die sie fallen ließ, scheint es mir, als habe er sie unaufhörlich mit Anträgen verfolgt, trotzdem sie ihn verabscheute. –

Es muß aber noch ein anderes viel tieferes Geheimnis dahinter stecken, das Daraschekohs Rachsucht erklären könnte! – Doch aus Lukretia ist nichts weiter herauszubekommen, und sie wird vor Aufregung fast ohnmächtig, wenn man das Gebiet auch nur flüchtig berührt.

Überhaupt war Daraschekoh der böse Dämon dieser Familie. Thomas Charnoque hatte vollständig in seinem Bann gestanden und uns oft anvertraut, er halte den Perser für den einzigen Lebenden, der in die grauenvollen Mysterien einer Art präadamitischer geheimer Kunstfertigkeit, wonach man den Menschen zu irgendwelchen unbegreiflichen Zwecken in mehrere lebende Bestandteile zerlegen könne, eingeweiht sei. Natürlich hielten wir Thomas für einen Phantasten und Daraschekoh für einen bösartigen Betrüger, aber es wollte nicht glücken, Beweise und Handhaben zu finden. – – –

Doch ich glaube, die Produktion beginnt. – Zündet nicht schon der Ägypter die Flammen rings um das Zelt an?«

Die Programmnummern »Fatme, die Perle des Orients« war vorüber und die Zuschauer strömten hin und her oder sahen durch die Gucklöcher an den mit rotem Tuch bespannten Wänden in ein roh bemaltes Panorama hinein, das die Erstürmung von Delhi darstellte.

Stumm standen andere vor einem Glassarg, in dem ein sterbender Turko lag, schweratmend, die entblößte Brust von einer Kanonenkugel durchschossen, – die Wundränder brandig und bläulich.

Wenn die Wachsfigur die bleifarbenen Augenlider aufschlug, drang das Knistern der Uhrfeder leise durch den Kasten, und manche legten das Ohr an die Glaswände, um es besser hören zu können.

Der Motor am Eingang schlapfte sein Tempo und trieb ein orgelähnliches Instrument.

Eine stolpernde, atemlose Musik spielte, – mit Klängen, die, laut und dumpf zugleich, etwas Sonderbares, Aufgeweichtes hatten, als tönten sie unter Wasser.

Geruch von Wachs und schwelenden Öllampen lag im Zelt. »Nr. 311 Obeah Wanga-Zauberschädel der Voudous«, las Sinclair erklärend aus seinem Zettel und betrachtete mit Sebaldus in einer Ecke drei abgeschnittene Menschenköpfe, die unendlich wahrheitsgetreu – Mund und Augen weit aufgerissen – mit gräßlichem Ausdruck aus einem Wandkästchen starrten.

»Weißt du, daß sie gar nicht aus Wachs, sondern echt sind!« sagte Obereit erstaunt und zog eine Lupe hervor, – »ich begreife nur nicht, wie sie präpariert sein mögen. – Merkwürdig, die ganze Schnittfläche der Hälse ist mit Haut bedeckt oder überwachsen. – Und ich kann keine Naht entdecken! – Es sieht förmlich so aus, als wären sie wie Kürbisse frei gewachsen und hätten niemals auf menschlichen Schultern gesessen. – – Wenn man nur die Glasdeckel ein wenig aufheben könnte!«

»Alles Wachs, ja, lebendig Wachs, ja, Leichenkopf zu teuer und riechen – – phi –«, sagte plötzlich hinter ihnen der Ägypter. Er hatte sich in ihre Nähe geschlichen, ohne daß sie ihn bemerkt hatten; und sein Gesicht zuckte, als unterdrücke er ein tolles Lachen.

Die beiden sahen sich erschreckt an.

»Wenn der Nigger nur nichts gehört hat; vor einer Sekunde noch sprachen wir von Daraschekoh«, sagte Sinclair nach einer Weile. – »Ob es Dr. Kreuzer wohl gelingen wird, Fatme auszufragen?! – Schlimmstenfalls müßten wir sie abends zu einer Flasche Wein einladen. Er steht immer noch draußen und spricht mit ihr.«

Einen Augenblick hörte die Musik auf zu spielen, jemand schlug auf einen Gong, und hinter einem Vorhang rief eine gellende Frauenstimme:

»Vayu und Dhanándschaya, magnetische Zwillinge, 8 Jahre alt, – das größte Weltwunder. – Ssie ssingen!«

Die Menge drängte sich an das Podium, das im Hintergrunde des Zeltes stand.

Dr. Kreuzer war wieder hereingekommen und faßte Sinclairs Arm. »Ich habe die Adresse schon«, flüsterte er, »der Perser lebt in Paris unter fremdem Namen, – hier ist sie.«

Und er zeigte den beiden Freunden verstohlen einen kleinen Papierstreifen. »Wir müssen mit dem nächsten Zug nach Paris!«

»Vayu und Dhanándschaya – – ssie ssingen« – kreischte die Stimme wieder.

Der Vorhang schob sich zur Seite und, als Page gekleidet, ein Bündel im Arm, trat auf das Podium mit wankenden Schritten ein Geschöpf von grauenhaftem Aussehen.

Die lebendig gewordene Leiche eines Ertrunkenen in bunten Samtlappen und goldenen Tressen.

Eine Welle des Abscheus ging durch die Menge.

Das Wesen war von der Größe eines Erwachsenen, hatte aber die Züge eines Kindes, Gesicht, Arme, Beine, – der ganze Körper – selbst die Finger waren in unerklärlicher Weise aufgedunsen.

Aufgeblasen, wie dünner Kautschuk, schien das ganze Geschöpf.

Die Haut der Lippen und Hände farblos, fast durchscheinend, als wären sie mit Luft oder Wasser gefüllt, und die Augen erloschen und ohne Zeichen von Verständnis.

Ratlos starrten sie umher.

»Vayu, där gressere Brudär«, sagte erklärend die Frauenstimme in einem fremdartigen Dialekt; und hinter dem Vorhang, eine Geige in der Hand, trat ein Weibsbild hervor im Kostüm einer Tierbändigerin mit pelzverbrämten, roten polnischen Stiefeln.

»Vayu«, sagte die Person nochmals und deutete mit dem Geigenbogen auf das Kind. Dann klappte sie ein Heft auf und las laut vor:

»Diese beiden männlichen Kindär ssind nunmehr 8 Jahre alt und das greßte Weltwunder. Sie ssind nur durch eine Nabelschnur verbunden, die 3 Ellen lang und ganz durchsichtig ist, und wenn man den einen abschneidet, mißte auch der andere sterben. Es ist das Erstaunen aller Gelehrten. Vayu, er ist weit über sein Alter. Entwickelt. Aber geistig zurückgeblieben, während Dhanándschaya von durchdringende Verstandesschärfe ist, aber so klein. Wie ein Säugling. Denn er ist ohne Haut geboren und kann nichts wachsen. Er muß aufgehoben werden in einer Tierblase mit warmem Schwammwassser. Ihre Eltern sind immer unbekannt gewesen. Es ist das greßte Naturspiel.«

Sie gab Vayu ein Zeichen, worauf dieser zögernd das Bündel in seinem Arm öffnete.

Ein faustgroßer Kopf mit stechenden Augen kam zum Vorschein.

Ein Gesicht, von einem bläulichen Adlernetz überzogen, ein Säuglingsgesicht, doch greisenhaft in den Mienen und mit einem Ausdruck, so tückisch haßverzerrt und boshaft und voll so unbeschreiblicher Lasterhaftigkeit, daß die Zuschauer unwillkürlich zurückfuhren.

»Me–me–mein Bruder D– – D–Dhanándschaya«, stammelte das aufgedunsene Geschöpf und sah wieder ratlos ins Publikum.

»Führen Sie mich hinaus, ich glaube, ich werde – ohnmächtig – Gott im Himmel«, flüsterte Melchior Kreuzer. Sie geleiteten den Halbbewußtlosen langsam durch das Zelt an den lauernden Blicken des Ägypters vorbei.

Das Weibsbild hatte die Geige angesetzt, und sie hörten noch, wie sie ein Lied fiedelte und der Gedunsene mit halb erloschener Stimme dazu sang:

»Ich att einen Ka–mee–la–den
ei–nen – bee–seln finx du nit.«

Und der Säugling – unfähig die Worte zu artikulieren – gellte mit schneidenden Tönen bloß die Vokale dazwischen:

»Iiii ha–ejheeh – hahehaa – he
eiije – hee – e jiii hu ji.«

Dr. Kreuzer stützte sich auf Sinclairs Arm und atmete heftig die frische Luft ein.

Aus dem Zelte hörte man das Klatschen der Zuschauer.

»Es ist Charnoques Gesicht!! – Diese grauenhafte Ähnlichkeit«, stöhnte Melchior Kreuzer, – »wie ist es nur – – ich kann es nicht fassen. Mir drehte sich alles vor den Augen, ich fühlte, ich müsse ohnmächtig werden. – Sebaldus, bitte – holen Sie mir einen Wagen. – Ich will zur Behörde. – Es muß irgend etwas geschehen, und fahren Sie beide sogleich nach Paris! – Mohammed Daraschekoh – – Ihr müßt ihn auf dem Fuße verhaften lassen.«

Wiederum saßen die beiden Freunde beisammen und sahen durch die Fenster der einsamen Weinstube Melchior Kreuzer eiligen Schrittes die Straße heraufkommen.

»Es ist genau wie damals«, sagte Sinclair, – – »wie das Schicksal manchmal mit seinen Bildern geizt!«

Man hörte das Schloß zufallen, Dr. Kreuzer trat ins Zimmer und sie schüttelten einander die Hände.

»Sie sind uns eigentlich einen langen Bericht schuldig«, sagte endlich Sebaldus Obereit, nachdem Sinclair ausführlich geschildert, wie sie zwei volle Monate in Paris vergeblich nach dem Perser gefahndet hatten, – »Sie sandten uns immer nur so wenige Zeilen!«

»Mir ist das Schreiben bald vergangen, – beinahe auch das Reden«, entschuldigte sich Melchior Kreuzer.

»Ich fühle mich so alt geworden seit damals. – Sich von immer neuen Rätseln umgeben zu sehen, es zermürbt einen mehr als man denkt. – Die große Menge kann gar nicht erfassen, was es für manchen Menschen bedeutet, ein ewig unlösbares Rätsel in seiner Erinnerung mitschleppen zu müssen! – Und dann, täglich die Schmerzensausbrüche der armen Lukretia mit ansehen zu müssen!

Vor kurzem starb sie, – das schrieb ich euch –, aus Gram und Leid.

Congo-Brown entsprang aus dem Untersuchungsgefängnis und die letzten Quellen, aus denen man hätte Wahrheit schöpfen können, sind versiegt.

Ich will euch später einmal ausführlich alles erzählen, bis die Zeit die Eindrücke gemildert hat, – es griffe mich jetzt noch zu sehr an.«

»Ja, aber hat man denn gar keinen Anhaltspunkt gefunden?« fragte Sinclair.

»Es war ein wüstes Bild, das sich da entrollte, – Dinge, die unsere Gerichtsärzte nicht glauben konnten oder durften. – Finsterer Aberglauben, Lügengewebe, hysterischer Selbstbetrug, hieß es immer, und doch lagen manche Dinge so erschreckend klar dar.

Ich ließ damals alle kurzerhand verhaften. Congo-Brown gestand zu, die Zwillinge, – überhaupt das ganze Panoptikum von Mohammed Daraschekoh als Lohn für frühere Dienste geschenkt bekommen zu haben. – Vayu und Dhanándschaya seien ein künstlich erzeugtes Doppelgeschöpf, das der Perser vor acht Jahren aus einem einzigen Kinde (dem Kinde Thomas Charnoques) präpariert habe, ohne die Lebenstätigkeit zu vernichten. – Er habe nur verschiedene magnetische Strömungen, die jedes menschliche Wesen besitze und die man durch gewisse geheime Methoden voneinander trennen könne, – zerlegt und es dann durch Zuhilfenahme tierischer Ersatzstoffe schließlich zuwege gebracht, daß aus einem Körper – zwei mit ganz verschiedenen Bewußtseinsoberflächen und Eigenschaften geworden wären.

Überhaupt habe sich Daraschekoh auf die sonderbarsten Künste verstanden. – Auch die gewissen drei Obeah Wanga-Schädel seien nichts anderes als Überbleibsel von Experimenten, und – sie wären früher lange Zeit lebendig gewesen. – Das bestätigen auch Fatme, Congo-Browns Geliebte, und alle andern, die übrigens harmloser Natur waren.

Ferner gab Fatme an, Congo-Brown wäre epileptisch, und zur Zeit gewisser Mondphasen käme eine sonderbare Aufregung über ihn, ihn der er sich einbilde, selber Mohammed Daraschekoh zu sein. – In diesem Zustand stünden ihm Herz und Atem still und seine Züge veränderten sich angeblich derart, daß man glaube, Daraschekoh (den sie früher öfter in Paris gesehen) vor sich zu haben. – Aber mehr noch, er strahlte dann eine solch unüberwindliche magnetische Kraft aus, daß er, ohne irgendein befehlendes Wort auszusprechen, jeden Menschen zwingen könne, ihm sofort alle die Bewegungen und Verdrehungen nachzuahmen, die er vormachte.

Es wirke wie Veitstanz ansteckend auf einen, – unwiderstehlich. Er besäße eine Gelenkigkeit sondersgleichen und beherrschte zum Beispiel alle die sonderbaren Derwischverrenkungen vollkommen, vermittelst derer man die rätselhaften Erscheinungen und Bewußtseinsverschiebungen hervorbringen könne – der Perser habe sie ihn selbst gelehrt –, und die so schwierig seien, daß sie kein Schlangenmensch der Welt nachzuahmen imstande sei.

Auf ihrer gemeinsamen Reise mit dem Wachsfigurenkabinett von Stadt zu Stadt sei es auch zuweilen vorgekommen, daß Congo-Brown versucht habe, diese magnetische Kraft zu verwenden, um Kinder auf solche Art zu Schlangenmenschen abzurichten. Den meisten wäre aber dabei das Rückgrat abgebrochen, bei den andern habe es wieder zu stark auf das Gehirn gewirkt und sie seien blödsinnig geworden. Unsere Ärzte schüttelten zu Fatmas Angaben natürlich den Kopf, was aber später vorfiel, muß ihnen wohl sehr zu denken gegeben haben. – Congo-Brown entwich nämlich aus dem Verhörzimmer durch einen Nebenraum, und der Untersuchungsrichter erzählt, gerade als er mit dem Nigger ein Protokoll aufnehmen wollte, habe ihn dieser plötzlich angestarrt und befremdliche Bewegungen mit den Armen gemacht. Von einem Verdacht ergriffen, hätte der Untersuchungsrichter um Hilfe läuten wollen, aber schon sei er in Starrkrampf verfallen, seine Zunge habe sich automatisch in einer Weise verdreht, an die er sich nicht mehr erinnern könne (– überhaupt müsse der Zustand von der Mundhöhle aus seinen Anfang genommen haben –) und dann sei er bewußtlos geworden.«

»Konnte man denn gar nichts über die Art und Weise erfahren, wie Mohammed Darascheko das Doppelgeschöpf zustande brachte, ohne das Kind zu töten?« unterbrach Sebaldus.

Dr. Kreuzer schüttelte den Kopf. »Nein. Mir ging aber vieles durch den Kopf, was mir früher Thomas Charnoque erzählt hat.

Das Leben des Menschen ist etwas anderes, als wir denken, sagte er immer, es setzt sich aus mehreren magnetischen Strömungen zusammen, die teils innerhalb, teils außerhalb des Körpers kreisen; und unsere Gelehrten irren, wenn sie sagen, ein Mensch, dem die Haut abgezogen ist, müsse aus Mangel an Sauerstoff sterben. Das Element, das die Haut aus der Atmosphäre auszieht, sei etwas ganz anderes als Sauerstoff. – Auch saugt die Haut dieses Fluidum gar nicht an, – sie ist nur eine Art Gitter, das dazu dient, jener Strömung die Oberflächenspannung zu ermöglichen. Ungefähr so wie ein Drahtnetz – taucht man es in Seifenwasser – sich von Zwischenraum zu Zwischenraum mit Seifenblasen überzieht.

Auch die seelischen Eigenschaften des Menschen erhielten ihr Gepräge je nach dem Vorherrschen der einen oder andern Strömung, sagte er. – So wäre durch das Übergewicht besonders der einen Kraft das Entstehen eines Charakters von solcher Verworfenheit denkbar, – daß es unser Fassungsvermögen übersteige.«

Melchior schwieg einen Augenblick und hing seinen Gedanken nach.

»Und wenn ich mich daran erinnere, welch fürchterliche Eigenschaften der Zwerg Dhanándschaya besaß, wodurch sich überhaupt die Quelle seines Lebens verjüngte, so finde ich in all dem nur eine entsetzliche Bestätigung dieser Theorie.«

»Sie sprechen, als ob die Zwillinge tot wären, sind sie denn gestorben?« fragte Sinclair erstaunt.

»Vor einigen Tagen! – Und es ist das beste so, – die Flüssigkeit, in der eine den größten Teil des Tages schwamm, trocknete aus, und niemand kannte ihre Zusammensetzung.«

Melchior Kreuzer starrte vor sich hin und schauderte. »Da waren noch Dinge, – so grauenvoll, so namenlos entsetzlich, – ein Segen des Himmels, daß Lukretia sie nie erfuhr, daß ihr das wenigstens erspart geblieben ist! – Der bloße Anblick des fürchterlichen Doppelgeschöpfes schon warf sie zu Boden! Es war, als sei das Muttergefühl in zwei Hälften zerrissen worden.

Lassen Sie mich für heute von all dem schweigen! Das Bild von Vayu und Dhanándschaya – – es macht mich noch wahnsinnig – – –.« Er brütete vor sich hin, dann sprang er plötzlich auf und schrie: »Schenkt mir Wein ein – – ich will nicht mehr daran denken. Schnell irgend etwas anderes. – Musik – irgend was – nur andere Gedanken! Musik – –!«

Und er taumelte zu einem polierten Musikautomaten, der an der Wand stand, und warf eine Münze hinein.

Tsin. Man hörte das Geldstück innen niederfallen.

Es surrte der Apparat.

Dann stiegen drei verlorene Töne auf. Einen Augenblick später klimperte laut durchs Zimmer das Lied:

»Ich hatt' einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.«

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