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Des Deutschen Spießers Wunderhorn

Gustav Meyrink: Des Deutschen Spießers Wunderhorn - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Meyrink
titleDes Deutschen Spießers Wunderhorn
senderhille@abc.de
created20030803
firstpub1913
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Der Saturnring

Die Jünger kamen tappend Schritt um Schritt die Wendeltreppe herauf.

Im Observatorium quoll die Dunkelheit, und an den blanken Messingrohren der Teleskope rieselte in dünnen kalten Strahlen das Sternenlicht herab in den runden Raum.

In Funkelbündeln konnte man es an die metallenen Pendel spritzen sehen, die von der Decke hingen, wenn man sich langsam hin und her wandte und ließ die Augen schweifen. Die Finsternis des Fußbodens schluckte die glitzernden Tropfen, die von den glatten, blinkenden Maschinen rannen.

»Der Meister nimmt heute den Saturn auf«, sagte Wijkander nach einer Weile und wies mit dem Finger auf das große Fernrohr, das wie der steife, nasse Fühler einer goldenen Riesenschnecke aus dem Nachthimmel herein durch die Luke ragte. Keiner der Jünger widersprach; nicht einmal erstaunt waren sie, als sie nah zum Glase traten und fanden Axel Wijkanders Worte bestätigt.

»Mir ist es ein Rätsel; – wie kann ein Mensch nur – in halber Dunkelheit so aus der bloßen Stellung des Fernrohrs erkennen, auf welchen Stern das Glas zeigt?« meinte einer bewundernd. »Wie wissen Sie es so bestimmt, Axel?«

»Ich fühle, das Zimmer ist voll von dem erstickenden Einfluß des Saturns, Doktor Mohini. Glauben Sie mir, die Teleskope saugen aus den Sternen, auf die sie gerichtet sind, wie lebendige Trichter, und ziehen die Strahlen, die sichtbaren wie die finstern, herab in die Wirbel ihrer Brennlinsen!

Wer – wie ich seit langem – mit sprungbereiten Sinnen die Nächte durchlauert, der lernt nicht nur den feinen unmerklichen Hauch der Gestirne fühlen und sondern und stimmt ihr Fluten und Ebben wahr und wie sie sich unseres Hirns bemächtigen mit lautlosem Griff, unsere Vorsätze verlöschen, um andere an ihre Stelle zu schieben – wie sie haßerfüllt schweigend miteinander ringen, diese tückischen Kräfte, um die Vorherrschaft, das Schiff unseres Geschickes zu lenken – – –, der lernt auch wachend träumen und sehen, wie um gewisse Nachtstunden die seelenlosen Schemen der abgestorbenen Himmelskörper lebensgierig sich in das Reich der Sichtbarkeit schleichen und durch fremdartig zögerndes Gebärdenspiel, das ein unbestimmtes namenloses Grauen in unserer Seele weckt, rätselhafte Verständigung tauschen – – – –. Doch machen wir Licht, leicht können die Gegenstände verrücken auf den Tischen – so im Finstern –, und der Meister hat es nie geliebt, daß man die Dinge stört auf ihren Plätzen.« –

Einer der Freunde trat zur Wand und tastete nach den elektrischen Lampen. Man hörte das leise zischende Suchen seiner Fingerspitzen, die an der Mauervertiefung umherfuhren, – dann wurde es mit einem Schlage Licht, und der messinggelbe Glanz der Metallpendel und Teleskope lachte grell auf im Raum.

Der Nachthimmel, der eben noch seine weiche sammetene Haut schmeichelnd an die Fenster geschmiegt, war plötzlich zurückgefahren und verbarg sein Antlitz jetzt weit, weit droben in dem eisigen Raume hinter den Sternen.

»Das ist die große runde Flasche – –, dort, Doktor«, sagte Wijkander, »von der ich Ihnen gestern sprach und die dem Meister zu seinem letzten Experiment diente.

Und von diesen beiden Metallpolen an den Wänden – sehen Sie hier – gingen die Wechselströme aus, die sogenannten Hertzschen Wellen, und hüllten die Flasche in ein elektrisches Feld.

Sie haben uns gelobt, Doktor, über alles, was Sie sehen und erfahren werden, unverbrüchliches Stillschweigen zu bewahren und uns mit Ihren Kenntnissen als Irrenarzt beizustehen, so gut es eben geht.

Glauben Sie nun wirklich, wenn der Meister jetzt kommen und in der Meinung, unbeobachtet zu sein, Dinge vollführen wird, die ich Ihnen wohl andeutete, unmöglich aber weiter enthüllen darf, daß Sie durch seine äußern Handlungen unbeeinflußt bleiben und bloß durch stumme Beobachtung seines ganzen Wesens feststellen können, ob Irrsinn ganz ausgeschlossen ist?

Werden Sie ihre wissenschaftlichen Vorurteile so weit unterdrücken können, daß Sie, wenn es sein muß, offen eingestehen: Ja, es ist ein mir fremder Geisteszustand, vielleicht jener hochschlafähnliche, der Turya-Trance heißen soll –, es ist etwas, das die Wissenschaft nie gesehen hat –, Irrsinn aber ist es nicht?

Werden Sie den Mut haben, das offen einzugestehen, Doktor? – Sehen Sie, nur die Liebe, den Meister vor Verderben zu schützen, hat uns den schweren Schritt wagen lassen, Sie hierher zu führen und vielleicht Dinge sehen lassen zu müssen, die noch niemals das Augen eines Uneingeweihten erblickt hat.«

Doktor Mohini sah vor sich hin. »Ich werde ehrlich tun, was ich vermag, und auf alles Rücksicht nehmen, was Sie verlangten und mir gestern anvertrauten; – wenn ich aber alles wohl überlege, so möchte ich mir an den Kopf greifen. – Gibt es denn wirklich eine Wissenschaft, eine wahrhaft verborgene Weisheit, die ein unübersehbar weites Feld von Dingen erforscht haben will und beherrscht, von deren bloßer Existenz wir nicht einmal gehört haben sollen?!

Sie reden da nicht nur von Magie, – von schwarzer und weißer Magie; ich höre Sie von den Geheimnissen eines grünen, verborgenen Reiches reden und von unsichtbaren Bewohnern einer violetten Welt!

Sie selbst treiben – – violette Magie, sagen Sie, – gehören einer uralten Bruderschaft an, die aus grauer Vorzeit her diese Geheimnisse und Arkana zu bewahren hat.

Und von der ›Seele‹ reden Sie wie von etwas Erwiesenem! – Ein feiner stofflicher Wirbel soll das sein, der Träger eines präzisen Bewußtseins?!

Und nicht nur das, – Ihr Meister soll eine solche Seele in diesem Glasbehälter dort eingesperrt haben, indem er die Flasche mit dem Hertzschen Oszillator umspült hält?! – Ich kann mir nicht helfen, aber das ist doch, weiß Gott, hellichter – – – – –«

Axel Wijkander stieß ungeduldig seinen Stuhl zurück, trat verstimmt an das große Fernrohr und blickte hinein.

»Ja, was können wir Ihnen wohl sonst sagen, Doktor Mohini«, meinte endlich zögernd einer der Freunde. »– Es ist eben so; – der Meister hat durch lange Zeit in dieser Flasche eine menschliche Seele isoliert gehalten, hat die hemmenden Hüllen von ihr gelöst, eine nach der andern, wie man wohl die Hüllen von einer Meerzwiebel löst, hat ihre Kräfte verfeinert und – eines Tages war sie eben entwichen, hatte die Glaswand und das isolierende elektrische Feld durchdrungen, – war entflohen!« – – – –

In diesem Augenblick unterbrach ein lauter Ruf Axel Wijkanders den Sprecher, und alle blickten erstaunt auf.

Wijkander rang nach Atem: »Ein Ring, ein gezackter Ring. Weißlich durchbrochen, es ist unglaublich, unerhört«, schrie er. »Ein neuer Ring, ein neuer Saturnring hat sich gebildet!« –

Einer nach dem andern sah in das Glas und konnte sich vor Staunen kaum fassen.

Doktor Mohini, der nicht Astronom war und das Auftreten eines Phänomens wie das der Bildung eines neuen Saturnringes weder zu deuten noch in seiner ungeheuren Tragweite zu würdigen wußte, hatte kaum einige Fragen zu stellen begonnen, als man schwere Männertritte die Wendeltreppe heraufkommen hörte.

»An eure Plätze, um Gottes willen, – dreht das Licht ab, der Meister kommt«, befahl Wijkander in wilder Hast, »und Sie, Doktor, bleiben in Ihrer Nische verborgen, was auch immer geschehen möge, hören Sie! Sieht Sie der Meister, so ist alles verloren.«

Einen Augenblick später war das Observatorium wieder völlig dunkel und totenstill.

Die Schritte kamen näher und näher, eine Gestalt in weißem Seidentalar betrat den Raum und zündete eine winzige Lampe auf dem Tische an, die einen blendenden engen Lichtkreis warf.

»Es zerreißt mir die Seele«, flüsterte Wijkander seinem Nachbarn ins Ohr, – »der arme, arme Meister, wie der Gram seine Züge durchfurcht hat.«

Jetzt trat der Alte zum Teleskop, sah lange hinein und wankte wie gebrochen zum Tisch zurück.

»Von Stunde wächst der Ring – jetzt hat er sogar Zacken bekommen, es ist furchtbar«, hörte man den Adepten verzweifelt klagen und sah ihn in heißem Schmerze das Gesicht in die Hände vergraben.

Eine lange, lange Zeit sah er so, und die Jünger in ihren Verstecken weinten leise vor sich hin.

Endlich sprang er auf in wildem Entschlusse, rollte die Flasche herbei in die Nähe des Fernrohrs und legte drei Gegenstände, deren Form nicht zu unterscheiden war, daneben auf den Boden.

Dann kniete er sich steif hin in die Mitte des Zimmers und bildete mit den Armen und dem Oberleib seltsame Stellungen, die geometrische Figuren und Winkelmaßen glichen; – zugleich murmelte er eintönige Sätze, aus denen von Zeit zu Zeit langgezogene heulende Vokale hervorklangen. –

»Allbarmherziger Gott, beschirme seine Seele, es ist die Beschwörung des Typhon«, flüsterte entsetzt Wijkander den andern zu, – »er will die entflohene Seele aus dem Weltall zurückzwingen. – Mißlingt es, ist er dem Selbstmord verfallen; – Brüder, achtet scharf auf mein Zeichen und dann springt zu. Und haltet eure Herzen fest, die Nähe schon des Typhon macht die Herzkammern bersten!«

Der Adept kniete immer noch unbeweglich, und die Vokale wurden lauter und heulender.

Die kleine Flamme auf dem Tisch warf trüben Schein, begann zu schwelgen und glomm wie ein glühendes Auge durch den Raum, und es schien, als nehme ihr Licht nach und nach unter kaum merklichem Zucken eine grünlich violette Farbe an.

Das Murmeln des Beschwörers hatte ganz aufgehört, nur in langen, regelmäßigen Pausen gellte seine Stimme die Vokale hervor, die markerschütternd die Luft durchschnitten.

Sonst kein Laut. Eine Stille, so furchtbar und aufregend wie nagende Todespein. – –

Das Gefühl, als seien alle Dinge ringsum zu Asche zerfallen – und als sinke der Raum mit rasender Schnelle irgendwohin in einer unerklärlichen Richtung, immer tiefer hinab und hinab in das erstickende Reich der Vergangenheit, legte sich auf alle.

Dann plötzlich ein tappendes, schlammiges Klatschen quer durch das Zimmer wie von einem nassen, unsichtbaren Geschöpf, das sich in kurzen hastigen Sprüngen vorüberschnellt.

Violett schimmernde Handflächen erscheinen auf dem Fußboden, rutschen unschlüssig tastend hin und her, wollen sich erheben aus dem Reiche der Fläche zu Körpern und fallen kraftlos wieder zurück. Fahle schemengleiche Wesen – die hirnlosen, grauenhaften Überbleibsel der Toten – haben sich von den Wänden gelöst und gleiten umher, ohne Sinn, ohne Ziel, halbbewußt, mit den taumelnden, schlendernden Bewegungen idiotischer Krüppel, blasen unter geheimnisvoll blödsinnigem Lächeln die Backen auf, – langsam, ganz langsam und verstohlen, als wollten sie irgendein unerklärliches verderbenbringendes Vorhaben bemänteln – oder stieren tückisch ins Weite, um plötzlich vorwärts zu schießen – blitzartig gleich Vipern –, eine kleine Strecke.

Geräuschlos fallen von der Decke blasige Körper, rollen sich auf und kriechen umher: – die weißen gräßlichen Spinnen, die die Sphären der Selbstmörder bevölkern und aus verstümmelten Kreuzesformen das Fangnetz der Vergangenheit weben, das unaufhörlich wächst und wächst von Stunde zu Stunde.

Eisiger Schrecken weht im Raum, – das Unfaßbare außerhalb alles Denkens und Verstehens Liegende, die würgende Todesangst, die keine Wurzel mehr hat und auf keiner Ursache mehr fußt –: das formlose Muttertier des Entsetzens.

Da dröhnt dumpfes Fallen über den Boden hin, Doktor Mohini ist tot niedergestürzt.

Sein Gesicht steht im Nacken, der Mund weit aufgebrochen. »Haltet die Herzen fest, der Typhon – –« hört man noch Axel Wijkander schreien, dann bricht von allen Seiten eine Flut entfesselnder Geschehnisse herein, eines das andere überstürzend. – Die große Flasche zerspringt in tausende, seltsam geformte Splitter, die Wände geben phosphoreszierenden Schein.

An den Rändern der Luken und Fensternischen setzt eine fremdartige Verwesung ein, die den harten Stein in eine gedunsene Masse wie blutleeres entartetes Zahnfleisch verwandelt, – sich mit der Schnelligkeit leckender Flammen weiterfrißt, Decke und Mauern ergreifend.

Taumelnd ist der Adept aufgesprungen, – hat in Geistesverwirrung ein spitzes Opfermesser erfaßt und hat es sich in die Brust gestoßen.

Wohl sind ihm die Jünger in den Arm gefallen, die tiefe Wunde jedoch, aus der jetzt das Leben sickert, können sie nicht mehr schließen.

Die strahlende Helle der elektrischen Lampen ist wieder Siegerin im runden Raum des Observatoriums, und verschwunden sind die Spinnen und die Schemen und die Fäulnis.

Zersplittert aber liegt die Flasche, deutliche Brandspuren bedecken den Boden, und der Meister verblutet auf einer Matte. Nach dem Opfermesser haben sie vergeblich gesucht. Unter dem Teleskop, mit verkrampften Gliedern, liegt die Leiche Mohinis auf der Brust, und das Gesicht – nach oben gedreht – grinst verzerrt im Todesschrecken zur Decke empor.

Die Jünger umstehen des Meisters Lager, und ihrem Flehen, sich zu schonen, wehrt er mild: »Lasset mich zu euch sprechen und grämt euch nicht. Mein Leben hält keiner mehr, und meine Seele ist voll der Sehnsucht, zu vollbringen, was sie im Körper vermocht.

Habt ihr nicht gesehen, wie der Hauch der Verwesung durch dieses Haus schritt! Ein kurzer Augenblick noch, und er wäre stofflich geworden, – wie sich Nebel niederschlägt zu bleibendem Reif, – und die Sternwarte und alles darinnen, ihr und ich, wir wären jetzt Schimmel und Moder.

Die Sengspuren dort auf dem Fußboden, sie stammen von den Händen der haßerfüllten Bewohner des Abgrundes, die vergeblich nach meiner Seele griffen. Und so wie ihre Male hier eingebrannt stehen in Holz und Stein, wäre auch ihr anderes Werk bleibend und sichtbar geworden, hättet ihr euch nicht mutvoll dazwischen geworfen.

Denn alles, was auf Erden ›bleibend‹ ist, wie es die Toren nennen, ist vorher Spuk gewesen, – Spuk, sichtbar oder unsichtbar – und ist nichts mehr als erstarrter Spuk.

Deshalb, was es auch sei, Schönes oder Häßliches, Erhabenes, Gutes oder Böses, Heiteres mit dem verborgenen Tode im Herzen oder Trauriges mit der verborgenen Heiterkeit im Herzen, – immer haftet etwas von Spuk daran.

Wenn auch nur wenige das Gespenstische fühlen in der Welt, so ist es doch da, ewig und immerwährend.

Es ist die Grundlehre unseres Bundes, daß wie die steilen Wände des Lebens emporklimmen sollen zur Spitze des Berges, wo der gigantische Magier steht und mit seinen Blendspiegeln die Welt da unten hervorzaubert aus trügerischen Reflexen!

Seht, da habe ich gerungen um das höchste Wissen, habe nach einem menschlichen Wesen gesucht, um es zu töten, der Erforschung meiner Seele wegen. Einen Menschen wollte ich opfern, der wahrhaft unnütz ist auf Erden; und ich mischte mich unter das Volk, unter Männer und Weiber, und wähnte ihn leicht zu finden.

Mit der Freude der Gewißheit ging ich zu Rechtsanwälten, zu Medizinern und Militär –; unter Gymnasialprofessoren hatte ich ihn beinahe schon gefaßt – beinahe!

Immer nur beinahe, denn stets war ein kleines, oft nur winziges Zeichen an ihnen, und zwang mich loszulassen.

Dann kam die Zeit, wo ich endlich darauf stieß. Nicht auf ein einzelnes Geschöpf – nein, auf eine ganze Schicht.

Wie man unversehens auf ein Heer von Mauerasseln stößt, wenn man im Keller einen alten Topf vom Boden hebt.

Die Pastoren›weibse‹!

Das war es!

Ich habe eine ganze Schnur von Pastorenweibsen belauscht, wie sie rastlos sich ›nützlich machen‹, Versammlungen abhalten ›zur Aufklärung von Dienstboten‹, für die armen Negerkinder, die sich der göttlichen Nacktheit freuen, warme scheußliche Strümpfe stricken, Sittlichkeit verteilen und protestantischbaumwollene Handschuhe; – und wie sie uns arme, geplagte Menschheit belästigen: man sollte doch Stanniol sammeln, alte Korke, Papierschnitzel, krumme Nägel und anderen Dreck, damit – ›nichts verkomme‹! –

Und gar als ich sah, daß sie sich anschickten, neue Missionsgesellschaften auszuhecken und mit den Abwässern ›moralischen‹ Aufklärichts die Mysterien der heiligen Bücher zu verdünnen, da war die Schale meines Grimmes voll.

Eine, – ein pinselblondes ›deutsches‹ Biest, ein echtes Gewächs aus wendisch-kaschubischem Obotritenblut, hatte ich schon unter dem Messer, da sah ich, daß sie – gesegneten Leibes war, und Mosis uraltes Gesetz bot mir Halt.

Eine zweite fing ich ein, eine zehnte und hundertste, und immer waren sie – – gesegneten Leibes!

Da legte ich mich auf die Lauer Tag und Nacht – wie der Hund mit den Krebsen –, und so gelang es mir endlich, im richtigen Augenblick eine direkt aus dem Wochenbett herauszufangen.

Eine glatt gescheitelte Betthäsin mit blauen Gänseaugen war es.

Neun Monate lang hielt ich sie noch eingesperrt aus Gewissensgründen, vorsichtshalber, ob nicht am Ende doch noch etwas nachkäme oder eine Art jungfräulicher Vermehrung einträte, wie bei den Mollusken der Tiefsee durch ›Abschnürung‹ oder dergleichen.

In den unbewachten Sekunden ihrer Gefangenschaft hat sie damals noch heimlich einen dicken Band geschrieben: ›Herzensworte als Mitgabe für deutsche Töchter bei ihrer Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen.‹ – – –

Aber ich habe das Buch rechtzeitig erwischt und sofort im Knallgasgebläse verbrannt – – – – –!

Als ich schließlich ihre Seele vom Körper losgetrennt und in der großen Glasflasche isoliert hielt, ließ mich eines Tages ein unerklärlicher Geruch nach Ziegenmilch Böses ahnen, und ehe ich noch den Hertzschen Oszillator, der offenbar einen Augenblick versagt hatte, wieder in Ordnung bringen konnte, war das Unglück bereits geschehen und die anima pastoris unwiederbringlich entwichen.

Augenblicklich wandte ich wohl die stärksten Lockmittel an, legte ein Paar Frauenunterhosen aus rosa Barchent (Schutzmarke ›Lama‹) aufs Fensterbrett, einen elfenbeinernen Rückenkratzer, ja ein Poesiealbum aus giftblauem Sammet mit goldenen Geschwüren – aber alles umsonst!

Wandte nach den Gesetzen okkulter Telenergie magische Fernreize an, – vergebens!!

Eine destillierte Seele ist eben kaum zu fangen!

Nun lebt sie frei im Weltenraum und lehrt die arglosen Planetengeister die infernalische Kunst der weiblichen Handarbeit.

Und heute hat sie sogar um den Saturn – – – einen neuen Ring gehäkelt!!

Und das war zuviel für mich.

Ich habe wohl alles durchgedacht und mein Hirn zermartert, – es blieben nur zwei Wege; der eine: Reizungen anwenden, – glich der Skylla, der andere, Reizungen unterlassen, war die Charybdis.

Ihr kennt ja die geniale Lehre des großen Johannes Müller, die da lautet: ›Wenn man die Netzhaut des Auges belichtet oder drückt, erhitzt oder elektrisiert oder Reize auf sie ausübt, welche immer, so tauchen nicht etwa den verschiedenen objektiven Reizen entsprechende Empfindungen von Licht, Druck, Wärme, Elektrizität auf, sondern niemals andere als Sehempfindungen, und wenn man die Haut belichtet oder drückt, betönt oder elektrisiert, nie tauchen andere als Tastempfindungen auf mit allen ihren Folgen.‹

Und dieses unerbittliche Gesetz waltet auch hier, denn:

Wird auf den Wesenskern der Pastorenweibse ein Reiz ausgeübt, – welcher immer – so – – häkelt sie, – und bleibt er ungereizt – –« des Meisters Stimme wurde leise und unirdisch »–, so – so vermehrt sie sich – – bloß

Tot sank der Adept zurück.

Erschüttert faltete Axel Wijkander die Hände:

»Lasset uns beten, Brüder. Er hat das Land des Friedens betreten; es bleibe seine Seele froh für und für!«

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