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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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VIII.

Amhersts Entlassung trat erst in einem Monat in Kraft; und in der Zwischenzeit widmete er sich beständig seiner Arbeit.

Er vollzog die Arbeitsroutine ohne Empfindungen; sein Verkehr mit den Arbeitern zerrte an seinen innersten Gefühlsfasern. Er hatte immer, so weit ihm dies seine Pflichten erlaubten, Anteil an den Sorgen und Interessen ihrer wenigen freien Stunden genommen: jene Stunden, in denen die automatenhaften Anhängsel der gigantischen Maschinerie wieder Männer und Frauen wurden, mit eigenen Wünschen und Leidenschaften. Unter Amhersts Einfluss hatten die gemischten Elemente der Fabrikgemeinschaft begonnen, sich zu gesellschaftlichen Gruppen zu kristallisieren: seine Bücher hatten als improvisierte Leihbücherei gedient, er hatte einen Club organisiert, ein rudimentäres Orchester, und verschiedene andere Mittel angewandt, um die besseren Geister der Gemeinschaft zusammen zu schweißen. Bei den älteren Männern arbeiteten die Attraktionen des Eldorado und andere Anreize gleicher Art gegen ihn; unter den jüngeren Arbeitern indes, und besonders unter den Jungen, hatte er ein persönliches Ansehen gewonnen, das zu verlieren bitter war.

Das Durchtrennen dieses Bandes war für ihn in den letzten Tagen bei Westmore am schmerzhaftesten; und nachdem er getan hatte, was in seiner Macht stand, um seine Mutter zu trösten, und sich selbst aufgemacht hatte, anderswo Arbeit zu finden, versuchte er zu erfassen, was aus den Ruinen des von ihm aufgebauten kleinen Gemeinwesens gerettet werden könnte. Er hoffte, sein Einfluss möchte wenigstens in Form eines wachen Kameradschaftsgefühls weiter bestehen; und so verwendete er jede übrige Stunde darauf, die Verbindungen zu stärken, die er zu formen versucht hatte. Die Jungen jedenfalls würden wirklich traurig sein, dass er gehen musste, wohl nicht aus den tieferen Gründen, die ihn selbst berührten, vielmehr weil er nicht nur beständig zwischen den Aufsehern und ihnen gestanden, sondern auch ihr Recht auf Spaß nach der Arbeit ebenso wie ihr Recht auf Schutz während der Arbeit anerkannt hatte.

Im Feuerwerk von Mrs. Westmores Weihnachtsbesuch war ein Sportclub gegründet worden, dem man das Hopewood-Anwesen zum Gebrauch an Samstagnachmittagen für Leibesübungen zur Verfügung gestellt hatte; und dorthin lotste Amherst weiterhin die Jungen, wenn die Fabrik am Wochenende schloss. Sein letzter Sonnabend war nun gekommen: ein strahlender Nachmittag Ende Februar, mit einem roten Sonnenuntergang über dem zugefrorenen Fluss und den verschneiten Hängen. Mehr als eine Stunde hatte er die üblichen sportlichen Aktivitäten geleitet, das Rodeln am steilen Abhang vom Haus hinab zum Waldrand, Eislaufen und Hockey auf der Eisfläche des Flusses, die von fleißigen Händen nach jedem Schneefall freigeräumt wurde. Er spürte stets das Ansteckende dieser sportlichen Betätigung: die Glut der Bewegung, der Tumult junger Stimmen, das Stechen der Winterluft weckten die ganze Jungenhaftigkeit in seinem Blut. Doch heute musste er sich seinen Anteil am Geschehen förmlich abzwingen. Bis ganz zuletzt, so erkannte er nun, hatte er auf ein Himmelszeichen gehofft: nicht die Umkehr seiner eigenen Verurteilung – denn schon aus rein disziplinarischen Gründen sah er ein, dass dies unmöglich wäre – sondern etwas, das auf einen Wechsel in der Geschäftsführung der Fabrik deutete, einen Beweis, dass Mrs. Westmores Intervention mehr versprach als einen flüchtigen Impuls des Mitleids. Gewiss würde sie den Verzicht auf ihr Lieblingsvorhaben nicht ohne Nachfrage akzeptieren; und wenn sie zurück käme, um diese Frage zu stellen, müsste die Antwort die gesamte Situation unverhüllt offenlegen … So hatten es Amherst seine Hoffnungen eingeredet; aber tags zuvor hatte er gehört, sie habe sich nach Europa eingeschifft. Die zuerst in der Zeitung bekannt gemachte Meldung war von seiner Mutter bestätigt worden, die von einem Besuch in Hanaford die Neuigkeit mitbrachte, dass Mrs. Westmore alsbald für unbestimmte Zeit fortgehe und ihr Haus in Hanaford geschlossen werde. Ironie wäre das geeignetste Ätzmittel für die so zugefügte Wunde gewesen; doch Amherst verschmähte sie gerade deshalb. Er würde seine Enttäuschung nicht mit Spott besudeln, sondern sie der unverdorbenen Traurigkeit des Lebens überlassen …

So warf er sich auf den Sport der Jungen mit seiner gewohnten Energie in der Meinung, dass ihr letzter Samstag mit ihm ihr lustigster sein sollte; aber er machte doch nur mechanisch mit und war froh, als die Sonne den Waldrand zu berühren begann.

Er stand gerade auf dem Eis, wo der Fluss unterhalb des Hauses breiter wurde, als das Klingeln einer Glocke die stille Luft durchschnitt, und er sah einen Pferdeschlitten zügig die Zufahrt herauffahren. Amherst beobachtete dies mit Überraschung. Wer mochte zu dieser Stunde in die winterliche Einsamkeit von Hopewood eindringen? Der Schlitten hielt nahe dem geschlossenen Haus, und eine eingehüllte Gestalt stieg allein aus und begann den beschneiten Hang zu den Eisläufern hinabzusteigen.

Sofort hatte er seine Schlittschuhe abgelegt und sprang die Böschung hinauf. Er hätte die Gestalt überall erkannt – die anmutige Haltung des Kopfes, die Mischung aus Zögerlichkeit und Eile im leichten Schritt, den nicht einmal der Schnee aufhalten konnte. Auf halbem Weg zum Haus trafen sie zusammen, und Mrs. Westmore streckte ihre Hand aus. Sie stand dabei etwas über ihm; ihr Gesicht und ihre Lippen glühten von ihrem raschen Weg durch die Abendluft, und im Glanz des Abendrots schien sie durchtränkt von himmlischem Feuer.

»Ich fuhr heraus, um Sie zu finden – man sagte mir, Sie seien hier – ich kam heute morgen an, ganz kurzfristig …«

Sie brach ab, als ob das Zusammentreffen ihr Feuer gebremst hätte, anstatt es zu entfachen; aber er ließ sich von ihrem Ton nicht entmutigen.

»Ich hoffte, dass Sie kämen, bevor ich ging – ich wusste, dass Sie es tun würden!« rief er; und bei seinen letzten Worten fiel ein ängstlicher Schatten auf ihr Gesicht.

»Ich wusste bis gestern nicht, dass Sie Westmore verlassen würden – vorgestern – bekam ich einen Brief …« Wieder schwankte sie; er spürte, wie sie ihm ihre Not anvertraute, in der lieblichen Art, die er zu vergessen versucht hatte, und antwortete mit zurückgewonnener Energie: »Es ist großartig, dass Sie hier sind.«

Sie schüttelte den Kopf zu seinem Optimismus. »Was kann ich tun, wenn Sie gehen?«

»Sie können mir, bevor ich gehe, die Gelegenheit geben, Ihnen ein wenig von dem Unerledigten zu erzählen, das ich zurücklasse.«

»Aber warum lassen Sie es zurück? Ich versteh' das nicht. Ist es unvermeidlich?«

»Unvermeidlich,« antwortete er mit einem eigentümlichen Klang von Befriedigung in diesem Wort; und als ihre Augen ihn anflehten, fügte er lächelnd hinzu: »Ich bin entlassen worden, wissen Sie; und aus der Sicht des Geschäftsführer verdiene ich es, glaube ich. Aber der beste Teil meiner Arbeit darf nicht mit mir gehen – und das ist es, worüber ich gerne mit Ihnen sprechen möchte. Als stellvertretender Werkleiter bin ich leicht zu ersetzen – wurde es wohl schon, nehme ich an; aber unter diesen Jungen hier, sollte ich meinen, könnte ein bisschen von mir bleiben – und das wird es, wenn ich Ihnen erklären darf, was ich getan habe.«

Sie schaute von ihm fort auf den lebhaften Pulk auf dem Eis und auf den anderen schwarzen Haufen oberhalb der Rodelbahn.

»Wie viel Spaß sie daran haben!« murmelte sie. »Welch eine Schande, dass es vorher nie passiert ist! Und wer soll es aufrecht erhalten, wenn Sie weg sind?«

»Sie,« antwortete er, wieder ihren Augen begegnend; und als sie sich unter seinem Blick ein wenig verfärbte, fuhr er rasch fort: »Wollen Sie herüber kommen und sich das Rodeln anschauen? Die Zeit ist fast vorbei. Noch eine Abfahrt und sie werden sich zum Abendessen davonmachen.«

Sie nickte »ja«, und sie wanderten schweigend über die weiße, von glücklichen Füßen kreuz und quer zertrampelte Fläche zu dem Grat, an dem die Rodler ihre Abfahrt starteten. Amhersts Ziel bei dieser Wendung des Gesprächs war, einen Moment Bedenkzeit zu gewinnen. Er konnte es nicht ertragen, diese vollkommene Stunde zu nutzlosen Erklärungen zu verschwenden: er wollte sie ungestört von irgend einem Zukunftsgedanken genießen. Und dasselbe Gefühl schien von seiner Begleiterin Besitz zu ergreifen, denn sie sprach nicht mehr, bevor sie die Anhöhe erreichten, wo die Jungen sich versammelten.

Ein Schlitten hing vollgepackt mit ihnen am Rand: mit einem letzten Schrei war er fort, glitt den Abhang hinab in dem langen, gewundenen Flug einer Schwalbe, schoss über die breite Wiese zu Füßen des Hügels und schwang sich durch seinen eigenen Schub wieder empor, bis er im dunklen Waldrand der gegenüberliegenden Höhe verschwand. Die Burschen auf der Anhöhe jauchzten auf vor Freude, und Bessy klatschte in die Hände und tat es auch.

»Was für ein Spaß! Ich wünschte, ich hätte Cicely mitgebracht! Ich bin seit Jahren nicht mehr gerodelt,« sagte sie lachend, als die zweite Abteilung von Jungen auf einen anderen Schlitten sprang und hinunter schoss. Amherst sah sie lächelnd an. Er erkannte, dass jedes andere Gefühl geschwunden war, so freudig hatte sie die Beobachtung des Schlittenflugs erregt. Sie hatte vergessen, weshalb sie gekommen war – hatte ihren Kummer wegen seiner Entlassung vergessen – hatte alles vergessen außer dem langen weißen Hang und dem Prickeln der Kälte in ihren Adern.

»Sollen wir auch hinunter fahren? Würden es Ihnen gefallen?« fragte er, ohne eine Verstimmung unter dem erhöhten Pochen seines Pulses zu fühlen.

»Oh, nehmen Sie mich mit – ich werde es genießen!« Ihre Augen leuchteten wie die eines Kindes – sie hätte die lieblichere Verkörperung der schreienden Jugend um sie herum sein können.

Die erste Rodlergruppe hatte, den Schlitten hinter sich herziehend, zu diesem Zeitpunkt schon ein Drittel des Rückwegs zurückgelegt; aber Amherst war zu ungeduldig zu warten. Er jagte hinab zur Wiese, schnappte sich das Schlittenseil und rannte zurück mit dem Pulk frohlockender Jugend im Schlepptau. Der scharfe Aufstieg zum Hügel schien seine Lunge mit Flammen zu füllen: sein ganzer Körper brannte vor seltsamer Lebenskraft. Als er den Gipfel erreicht hatte, erklang eine entfernte Glocke von Westmore über die Felder.

»Geht nur – ich kümmere mich um die Schlitten,« rief Amherst den Jungen zu, als sie sich zerstreuten; dann wandte er sich einen Augenblick um und sah, dass die Eisläufer unten ebenfalls diesen Zuruf befolgten.

Ein kalter, blasser Schatten legte sich auf die Flussböschungen und die Wiese unterhalb der Anhöhe; das Waldgelände gegenüber stand jedoch schwarz inmitten scharlachroter Dämpfe, die emporflimmerten ins blanke Licht eines mit einem eisigen Mond behangenen Himmels.

Amherst zog den Schlitten herauf und hielt ihn fest, während Bessy sich setzte und ihren Pelz unter leisem Lachen eng umlegte; dann nahm er selbst vorne Platz.

»Fertig?« rief er über die Schulter, und sie rief zurück: »Fertig!«

Das Gefährt bebte unter ihnen und hing einen Moment über der langen weißen Strecke unten; die flach stehende Sonne blendete ihre Augen, und der Abstoß schien sie erst einmal hinunter in die Dunkelheit zu schleudern. Amherst hörte einen entzückten Aufschrei hinter sich; dann verloren sich alle Klänge im Pfeifen der Luft, die vorbeisurrte wie der Flug von tausend Pfeilen. Sie hatten das Abendrot hinter sich gelassen und preschten durch das klare Halbzwielicht der Abfahrt; dann traf der Schlitten mit einem Sprung auf die Ebene und schoss weiter über die Wiese auf die gegenüberliegende Höhe zu. Es schien Amherst, als habe er seinen Körper zurückgelassen und nur der Geist in ihm reite im Galopp durch wilde blaue Luftströme; als jedoch die rasante Fahrt des Schlittens unter der Last des letzten Anstiegs nachließ, wurde er wieder an die warm atmende Berührung hinter ihm erinnert. Bessy hatte eine Hand ausgestreckt, um ihr Gleichgewicht zu halten, und als sie sich vorneigte und seinen Arm ergriff, schlug ihm ein wehendes Ende ihres Pelzes ins Gesicht. Es lag ein köstlicher Schmerz darin, auf diese Weise zum wirklichen Leben zurückgeholt zu werden; und als der Schlitten anhielt und er auf die Füße sprang, glühte er noch vor Erregung. Bessy stand unter demselben Zauber. Im Dämmer des Buchenwäldchens, wo sie gelandet waren, konnte er kaum ihre Züge erkennen; aber ihre Augen strahlten ihn an, und er vernahm ihr rasches Atmen, als er sich bückte, um ihr auf die Füße zu helfen.

»Oh, wie schön – das ist das Einzige, das besser ist als ein guter Ausritt!«

Sie lehnte sich an einen Baumstamm, keuchte ein wenig und lockerte ihren Pelz.

»Wie schade, dass es zu dunkel ist für eine weitere Abfahrt!« seufzte sie und schaute sich um in dem dunklen Geflecht laubloser Äste.

»Draußen ist es nicht so dunkel – wir könnten es noch einmal tun,« schlug er vor; aber sie schüttelte, von einer neuen Laune ergriffen, den Kopf.

»Es ist so still und anheimelnd hier drin – haben Sie gehört, wie der Schnee fiel, als das Eichhörnchen über die Kiefer sprang?« Sie legte den Kopf zurück und verengte ihre Lider, während sie nach oben spähte. »Da ist es! Man gewöhnt sich an dieses Licht … Schauen Sie! Wie seine kleinen Augen zu uns herunter leuchten!«

Als Amherst schaute, wohin sie wies, hüpfte das Eichhörnchen zu einem anderen Baum, und sie schlichen ihm hinterher durch den stillen Wald, geführt von seinem grauen Aufblitzen im Halbdunkel. Hier und da, wo kein Schnee hingefallen war, traten sie auf Schichten feuchten Laubs, das dabei ausatmete wie verborgenes Leben, oder ein Schierlingstannenzweig warf ihnen seinen würzigen Duft ins Gesicht. Als sie sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, begannen ihre Augen zahllose köstliche Farbtöne zu unterscheiden: die kalte Marmorierung grau-schwarzer Stämme im Gegensatz zum Schnee, feuchtes Rostbraun verwehter Buchenblätter, ein dichtes Netzwerk malvenfarbener Zweige, das mit dem Dunst des Waldlandes verschmolz. Und in der Stille wurden ebenso feine Abstufungen von Klängen hörbar: das weiche Tropfen gelockerter Schneeklumpen, ein Schlagen aufgeschreckter Flügel, ein Knarren toten Gezweigs irgendwo weit weg in der Dunkelheit.

Sie gingen weiter, immer noch schweigend, als hätten sie die Lichtung eines verwunschenen Waldes betreten und seien machtlos, zurückzukehren oder die Stille durch ein Wort zu brechen. Sie täuschten nicht mehr die Verfolgung des Eichhörnchens vor; es war hinaufgesprungen auf einen hohen Baumgipfel, von dem sein ironisches Schnattern herunter plapperte zu ihren achtlosen Ohren. Amhersts Empfindungen besaßen nicht jenen höchsten Rang des Glücks, wo Geist und Herz ihre Elemente im starken Lebensdrang vermischen: es war wie ein matter Dunst, der ihn aus dem Pokal an seinen Lippen durchtränkte. Aber nach dem Gefühl von Niederlage und Versagen, das die letzten Wochen gebracht hatten, war die Reaktion zu bezaubernd für eine Zergliederung. Alles, was er von diesem Augenblick wollte, war seine unmittelbare Anmut …

Sie hatten den Rand einer Felsenschlucht erreicht, wo ein kleiner Bach immer noch seine Klangfäden durch dämpfendes Eis und verflochtenes Gezweig schickte. Bessy blieb einen Moment stehen und beugte ihren Kopf zu dem süßen kalten Geklingel; dann ging sie weiter und sagte langsam: »Wir müssen zurück gehen.«

Als sie sich umwandten, um ihre Spuren zurück zu verfolgen, wies ihnen eine gelbe Lichtlinie durch die Baumstämme, dass sie doch nicht sehr tief in den Wald gegangen waren. Eine Wanderung weniger Minuten würde sie zum verweilenden Tageslicht zurückbringen, und auf der anderen Seite der Wiese stand der Schlitten, der Bessy nach Hanaford zurückfahren würde. Ein plötzliches Gefühl von Vergänglichkeit des Augenblicks riss Amherst aus seiner Versunkenheit. Vor dem nächsten Wechsel des schwindenden Lichts würde er wieder zurück sein inmitten der hässlichen Realitäten des Lebens. Hasste sie es auch, zu ihnen zurückzukehren? Oder weshalb sonst ging sie so langsam – warum schien sie es ebenso zu fürchten wie er, das Schweigen zu brechen, das sie in seinem magischen Kreis festhielt?

Ein toter Kiefernast verfing sich am Saum ihres Rockes, und sie blieb stehen, während Amherst sich bückte, um sie zu befreien. Als sie sich herumdrehte, um ihm zu helfen, schaute er lächelnd auf.

»Der Wald möchte Sie nicht gehen lassen,« sagte er.

Sie gab keine Antwort, und er fügte aufstehend hinzu: »Aber Sie werden zu ihm zurück kommen – Sie werden oft zurück kommen, hoffe ich.«

Er konnte ihr Gesicht in dem Halbdunkel nicht sehen, aber ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie antwortete: »Ich werde alles tun, was Sie mir sagen – aber ich werde allein sein – gegen all die anderen: sie verstehen es nicht.«

Die Einfachheit, die Hilflosigkeit dieses Bekenntnisses empfand er nicht als Zeichen von Schwäche, sondern von Anmut. Er verstand, was sie in Wahrheit meinte: »Wie können Sie mich verlassen? Wie können Sie mir diese große Verantwortung aufbürden und sie mich dann allein tragen lassen?« und im Licht ihres unausgesprochenen Appells schien sein Handeln fast grausam. Warum hatte er ihr die Augen für Missstände geöffnet, die zu beseitigen sie ohne seine Hilfe nicht die Stärke besaß?

Er konnte, während er neben ihr zum Waldrand ging, nur antworten: »Sie werden nicht allein sein – im Laufe der Zeit werden Sie es den anderen begreiflich machen; im Laufe der Zeit werden sie Ihnen zustimmen.«

»Ach, das glauben sie doch selbst nicht!« rief sie, plötzlich anhaltend, so vorwurfsvoll, dass er erstaunte.

»Ich hoffe es wenigstens,« erwiderte er, ebenfalls stehenbleibend. »Und ich bin sicher, dass, wenn Sie öfter hierher kommen – wenn Sie wirklich unter Ihren Leuten leben – –«

»Wie können Sie so etwas sagen, wenn Sie sie im Stich lassen?« fiel sie ihm in einem weiblichen Ausbruch von Inkonsequenz ins Wort, der ihn beinahe verstummen ließ.

»Sie im Stich lassen? Sie verstehen nicht – –«

»Ich habe verstanden, dass Sie Mr. Gaines und Truscomb verärgert haben – ja; aber wenn ich auf Ihrem Verbleib bestehen würde – –«

Amherst fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. »Nein – nein, das ist nicht möglich!« rief er mit einer Heftigkeit, die sich mehr an ihn selbst als gegen sie richtete.

»Was soll dann mit der Fabrik geschehen?«

»Oh, jemand anders wird sich finden – die neuen Ideen rühren sich überall. Und wenn Sie nur zurück kommen und meinen Nachfolger unterstützen – –«

»Glauben Sie etwa, dass sie jemanden aussuchen, der Ihre Ideen vertritt?« warf sie mit unerwartetem Scharfsinn ein; und nach kurzem Schweigen antwortete er: »Nicht sofort vielleicht; aber im Laufe der Zeit – im Laufe der Zeit wird es Verbesserungen geben.«

»Als ob die armen Leute warten könnten! Oh, es ist grausam, so grausam von Ihnen zu gehen!«

Ihre Stimme brach zu einem drängenden Flehen, das ihn zuinnerst traf.

»Sie begreifen nicht. Es ist beim gegenwärtigen Stand der Dinge unmöglich, dass mein Verbleiben irgend etwas Gutes bewirken würde.«

»Dann lehnen Sie ab? Sogar wenn ich darauf bestehen und verlangen würde, dass Sie bleiben, würden Sie trotzdem ablehnen?« beharrte sie.

»Ja – ich müsste trotzdem ablehnen.«

Sie gab keine Antwort, sondern bewegte sich einige Schritte näher zum Waldrand. Die Wiese befand sich genau unter ihnen und der Pferdeschlitten deutlich erkennbar auf der jenseitigen Höhe. Ihre Schritte verursachten auf den weichen Schneewehen unter ihren Füßen keinen Laut, und in der Stille glaubte er ein Luftschnappen in ihrem Atmen zu hören. Es war genug, den randvollen Augenblick zum Überfließen zu bringen. Er stand still vor ihr und neigte seinen Kopf zu ihrem.

»Bessy!« sagte er mit plötzlicher Heftigkeit.

Sie sprach oder bewegte sich nicht, aber seine beschleunigte Wahrnehmung ließ ihm bewusst werden, dass sie schweigend weinte. Sie wurden von der zunehmenden Dunkelheit unter den Bäumen umfangen, und Bessys Konturen gingen auf im schattenhaften Hintergrund des Waldes, aus dem ihr Gesicht in leichter Blässe hervortrat; dieselbe Verschwommenheit schien seine Geisteskräfte zu ergreifen, indem sie die harten Tatsachen des Lebens in ein undeutliches Gefühl verschmolz, dessen klarster Eindruck in dem süßen Gefühl ihrer Tränen bestand.

»Bessy!« rief er wiederum; und als er einen Schritt näher trat, fühlte er, wie sie sich ihm ergab und ihr Schluchzen in seinen Armen verbarg.


 

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