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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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Illustration: Alonzo Kimball

VII.

Amherst konnte später keine detaillierte Erinnerung an die darauf folgenden Wochen wiedergewinnen. Sie lebten in seiner Erinnerung hauptsächlich als Exponenten des Unvorhergesehenen fort – nichts von dem, was er vorausgesehen hatte, war überhaupt oder zur erwarteten Zeit eingetreten, während das Leben insgesamt sich bewegte wie das mittägliche Strömen eines Flusses, in dem die einzelnen hellen Wellen alle zu einem blendenden Glitzern verschmelzen. Seine wiederholten Besprechungen mit Mrs. Westmore bildeten gewissermaßen den schmalen, überraschenden Tatsachenkern, um den herum sich Empfindungen ansammelten und wie das rasante Reifen einer Zauberfrucht wuchsen. Dass sie in Hanaford blieb, um sich die Zustände der Fabrik anzuschauen, überraschte Amherst an sich nicht, denn seiner kurzen Phase des Zweifelns war ein reichlicher Zufluss von Vertrauen in ihre Absichten gefolgt. Es befriedigte sein inneres Verlangen nach Harmonie, dass ihr Gesicht und ihr Gemüt sich schließlich doch gegenseitig so bestätigten und einander ergänzten, dass es keiner moralischen Sophisterei bedurfte, ihre Handlungen miteinander abzugleichen. Aber ihr promptes Vertrauen zu ihm, ihr Entschluss, ihn bei seiner erklärten Insubordination zu unterstützen, mit der königlichen Vollmacht ihres Geschlechts alles zu ignorieren, was als regelwidrig und unzweckmäßig bei ihrer Bitte um seine Beratung galt, während die gesamte Macht der Firma den Hintergrund mit einem nahenden Sturm der Missbilligung verdunkelte – dieses Gefühl, der Fehdehandschuh zu sein, den ihre Hand der Konvention ins Gesicht warf, regte in erstaunlichem Maße Amhersts Empfindungen an. Er fühlte sich wie ein auf die Strapazen eines harten Aufstiegs gefasster Bergsteiger, der plötzlich bemerkt, dass sein Weg in einen Rosengarten führt und sich von selbst zu einem Pfad für seine Schritte ebnet.

Bei seinem zweiten Besuch fand er die beiden Damen zusammen, und Mrs. Ansells zustimmendes Lächeln schien das Ereignis gesellschaftlich zu genehmigen und ihn als durchaus im Rahmen des Üblichen und Unerheblichen zu klassifizieren. Er konnte erkennen, dass das Verhalten ihrer Freundin Bessy die Befangenheit nahm und ihr half, mit weniger Verunsicherung und mehr Selbstvertrauen ihre eigenen Fragen zu stellen und seine Vorschläge zu reflektieren. Mrs. Ansell besaß die Fähigkeit, ihren Glauben an den eigenen Scharfsinn wiederherzustellen, den ihr Vater mit einer einzigen Silbe zu zerstören vermochte.

Das Gespräch hatte sich bei dieser Gelegenheit hauptsächlich um die Zukunft der Dillon-Familie gedreht, wie man sie am besten für den Unfall entschädigen und wie man des Weiteren die kleinen Kinder der Fabrik-Siedlung betreuen könne. Obwohl Amherst nicht an die extremeren Formen eines industriellen Paternalismus Hier als Bezeichnung für die private betriebliche Sozialpolitik großer Unternehmen, das in dieser Anschauung eine Familie darstellt, in der der Unternehmer gegenüber der Belegschaft eine vormundschaftliche Rolle einnimmt. glaubte, war er schon der Meinung, dass dort, wo verheiratete Frauen beschäftigt waren, der Arbeitgeber für die Kinder Sorge tragen sollte. Er war schrittweise, und einigermaßen widerstrebend, durch die zahlreichen Beispiele des Leidens vernachlässigter Kinder von Westmore-Arbeiterinnen zu dieser Überzeugung gelangt; und Mrs. Westmore griff die Idee mit der ganzen Inbrunst ihrer jungen Mutterschaft auf, weil sie beim Gedanken an hungernde oder kranke Kinder zitterte, während Cicely ihren samtweichen Kopf an sie lehnte und verwundert zu ihr hoch schaute.

Auf die weitergehenden Probleme des Falls war Bessys Aufmerksamkeit weniger leicht zu lenken; aber Amherst unterschied sich deutlich von jenen extremen Theoretikern, die jede vorläufige Abhilfe ablehnen, um die allgemeine Erneuerung nicht aufzuschieben; und weil er jede Steigerung in den materiellen Verhältnissen der Arbeiter als Schritt in ihrem moralischen Wachstum betrachtete, war er durchaus bereit, seine grundsätzlichen Pläne zurück zu halten, während er die Einrichtung einer Kindertagesstätte und eine Abendschule für die in der Fabrik arbeitenden Jugendlichen diskutierte.

Als er zum dritten Mal gerufen wurde, waren Mr. Langhope und Mr. Halford Gaines dabei. Der Präsident der Westmore-Fabrik war ein gepflegter Mann mittlerer Größe, dessen vom guten Leben hochrosa getöntes Gesicht sich violett verfärbt hätte, wenn ihm Mr. Langhopes Meinung über sein schmuckbesetztes Hemd und die gepolsterten Schultern seines Abendmantels bekannt geworden wäre. Glücklicherweise hatte er keine Ahnung von diesem Urteil und fühlte sich Herr der Situation auf Grund eines ungebrochenen Vertrauens auf seine eigene Erscheinung, während Mr. Langhope, diskret zurückgezogen hinter seinen Nebel von Zigarrenrauch, sein Schweigen wie feinsinnige Kritik über die verschiedenen Diskussionsphasen spielen ließ.

Es war für Amherst eine Überraschung, sich in Mr. Gaines' Gesellschaft zu sehen. Der Präsident, der sonst zurückgezogen sein Spitzenamt versah, besuchte selten die Fabrik und nahm dann niemandes Gegenwart wahr, der tiefer als Truscomb stand; und Amhersts erster Gedanke war, dass er in der erzwungenen Abwesenheit des Geschäftsführers nun vom Firmenvorsitzenden selbst zur Rechenschaft gezogen werde. Er wurde aber freundlich von Mr. Gaines begrüßt, der erklärte, der ausgemachte Zweck seines Kommens sei, Amhersts Ansichten bezüglich Abendschulen und Kindertagesstätten kennen zu lernen. Diese wurden demonstrativ als Mrs. Westmores Projekte angesprochen, und der junge Mann bekam das Gefühl, dass er nur als zeitweiliger Berater in Truscombs Abwesenheit einbezogen worden sei. Das war eigentlich die Stellung, die Amherst ohnehin vorzog, und er beschränkte sich deshalb peinlich genau darauf, lediglich Fragen zu beantworten, und ließ Mrs. Westmore ihre Pläne entfalten, als ob es ihre eigenen seien. »Es ist viel besser,« sagte er sich, »dass sie alle das denken, und sie selbst auch, denn Truscomb wird in ein bis zwei Tagen wieder auf dem Damm sein, und dann sind meine Stunden gezählt.«

Inzwischen jedoch überraschte es ihn, Mr. Gaines merkwürdig zugänglich für die vorgeschlagenen Neuerungen zu finden; er schien sie als die neue Mode der Fabrikführung zu betrachten, die man aus denselben zwingenden Gründen mitmachen müsse wie den neuen Schnitt bei Rockschößen.

»Natürlich wollen wir modern sein – es gibt keinen Grund, weshalb die Westmore-Fabrik ihre Leute nicht genauso gut behandeln sollte wie jede andere Fabrik in diesem Land,« versicherte er im Ton eines Unterhaltungskünstlers, der gewohnt ist zu sagen: »Ich möchte, dass es gut aussieht.« Doch schien es, als sei er sich noch weniger als Mrs. Westmore der Tatsache bewusst, das jeder einzelne Missstand bis zu einem fundamentalen Fehler im gesamten System zurückverfolgt werden konnte. Er meinte offenbar, dass bereits ein Murmeln der Zustimmung zu ihren Vorschlägen ein für allemal den Schwamm über die vorgetragene Schwierigkeit ziehen werde: so als ob ein mathematisches Problem dadurch gelöst würde, dass man es von der Tafel wischte.

»Meine liebe Bessy, wir alle schulden Ihnen unsere Dankbarkeit, dass Sie hergekommen sind und sozusagen frischen Wind in die Sache gebracht haben. Wenn ich vielleicht ein wenig zu ausschließlich davon in Anspruch genommen war, die Fabrik profitabel zu halten, wird mein Freund Langhope, glaube ich, nicht der erste sein, einen – äh – Stein auf mich zu werfen.« Mr. Gaines, der die Empfindsamkeit selbst war, stolperte ein wenig über die heiklen Assoziationen, die sich mit diesem Bild verbanden, raffte sich aber auf und versicherte eilig: »Und in dieser Hinsicht können wir den Vergleich mit jedem Industriebetrieb im Land bestehen; aber ich bin der erste zuzugeben, dass es eine andere Seite geben mag, eine Seite, die zu erkennen es einer Frau – einer Mutter bedarf. Zum Beispiel,« warf er scherzhaft ein, »schmeichele ich mir zu wissen, wie man ein gutes Dinner ausrichtet; aber die Blumen überlasse ich stets meiner Frau. Und wenn Sie gestatten, möchte ich mich so ausdrücken,« fuhr er, ermutigt von der Gelungenheit seines Bildes, fort, »ich glaube, es wird eine höchst erfreuliche Wirkung haben – nicht nur auf die Arbeiter selbst, sondern auf ganz Hanaford – besonders auf Leute aus unseren eigenen Reihen – dass Sie hierher gekommen sind und sich selbst für die – äh – philanthropische Seite der Arbeit interessieren.«

Bessy verfärbte sich ein wenig. Sie errötete leicht und begegnete dem empfangenen Lob vielleicht nicht mit übermäßigem Unterscheidungsvermögen; unter einem Anflug von Freude rührte sich allerdings ein stärkeres Gefühl, und sie sagte hastig: »Ich fürchte, ich hätte an diese Dinge nie gedacht, wenn nicht Mr. Amherst sie mir ausgeführt hätte.«

Mr. Gaines griff dies nichtssagend auf. »Sehr erfreulich für Mr. Amherst, Sie darauf gebracht zu haben; und ich bin sicher, wir alle wissen seine wertvollen Hinweise zu schätzen. Truscomb selbst hätte nicht hilfreicher sein können, obwohl seine reichere Erfahrung ohne Zweifel später nützlich sein wird, Ihre Pläne zu entwickeln und – äh – zu modifizieren.«

Es war schwer, diesen umfassenden Blick auf den moralischen Sachverhalt mit den vorhandenen Missbräuchen in Übereinstimmung zu bringen, die der Führung der Westmore-Fabrik einen ebenso unerfreulichen Ruf in einem Bereich der Firma verschafft hatten, wie sie in einem anderen als bemerkenswert galt. Amherst war jedoch unvoreingenommen genug zu erkennen, dass Mr. Gaines sich der Unvereinbarkeiten innerhalb der Zustände nicht bewusst war. Er überließ es einfach Truscomb, das Unverträgliche miteinander in Einklang zu bringen, in jenem schlichten Vertrauen des Gläubigen, der solch eine Angelegenheit dem Schöpfer überlässt: es war Aufgabe des Geschäftsführers, die unergründlichen Maßnahmen der Anpassung vorzunehmen. Mr. Gaines huldigte der ebenso bequemen wie populären Idee, dass man durch das Ignorieren von Missständen deren Existenz nicht etwa billigt, sondern geradezu leugnet; und in Anwendung dieses Glaubens enthielt er sich voller Inbrunst einer Untersuchung der Zustände in Westmore.

Eine weitere Überraschung wartete auf Amherst, als Truscomb wieder im Büro erschien. Der Geschäftsführer war immer ein Mann weniger Worte gewesen; und in den ersten Tagen war sein Verkehr mit seinem Assistenten auf das Stellen von Fragen und Erteilen von Anordnungen beschränkt. Bald danach wurde bekannt, dass Dillons Arm amputiert werden musste, und an diesem Nachmittag war Truscomb zu einem Besuch bei Mrs. Westmore aufgefordert worden. Als er zurückkehrte, ließ er Amherst holen; und der junge Mann hatte das sichere Gefühl, dass seine Stunde geschlagen hatte.

Er war beim Abendessen, als die Botschaft ihn erreichte, und er erkannte an den zusammengekniffenen Lippen seiner Mutter, dass sie dies ebenso deutete. Er freute sich, dass Duplains Anwesenheit sie davon abhielten, ihre Befürchtungen auszusprechen; und er dankte ihr innerlich für das Lächeln, mit dem sie sein Fortgehen beobachtete.

Als er an diesem Abend zurückkehrte, war das Lächeln immer noch an seiner Stelle; es fiel indes müde ab, als er, die Hände auf ihre Schultern legend, sagte: »Keine Angst, Mutter; ich weiß nicht genau, was vorgeht, aber wir stehen noch nicht auf der schwarzen Liste.«

Mrs. Amherst hatte sofort ihre Arbeit aufgenommen und ließ ihre Nervosität deren gewöhnlichen Fluchtweg über ihre Fingerspitzen finden. Ihre Nadeln erlahmten, als sie ihre Augen zu seinen erhob.

»Dann geht also etwas vor?« murmelte sie.

»Oh, eine ganze Menge anscheinend – aber obwohl ich mitten darin bin, kann ich noch nicht ausmachen, inwiefern sie mich betreffen.«

Der Blick seiner Mutter zwinkerte rhythmisch mit dem Klappern ihrer Nadeln. »Im Herzen des Sturms gibt es immer einen sicheren Platz,« sagte sie pfiffig; und Amherst erwiderte lachend: »Nun, wenn es Truscombs Herz ist, weiß ich nicht, was daran so besonders sicher für mich sein soll.«

»Erzähl mir einfach, was er gesagt hat, John,« bat sie ohne einen Versuch, den Spaß weiter zu treiben, obwohl er noch verborgen um ihre Lippen züngelte; und Amherst begann, sein Gespräch mit dem Werkleiter wiederzugeben.

Truscomb hatte anscheinend keine Anspielung auf Dillon gemacht; das erklärte Ziel bei der Vorladung seines Assistenten war die Erörterung der vorgeschlagenen Kindertagesstätte und Schule. Mrs. Westmore hatte auf Amhersts Anraten diese Projekte als ihre eigenen präsentiert; als aber die Frage des Standorts aufkam, hatte sie Truscomb gegenüber den Vorschlag seines Assistenten erwähnt, dass die Firma für diesen Zweck das berüchtigte Eldorado erwerben sollte. Die fragliche Gastwirtschaft war immer einer der zerstörerischsten Einflüsse in der Fabriksiedlung gewesen, und Amherst hatte ein paar Versuche gemacht, das Gebäude einem anderen Nutzen zuzuführen; der ihm entgegenschlagende hartnäckige Widerstand schien das Gerücht zu bestätigen, dass der Geschäftsführer dem Wirt einen hohen ›Tribut‹ abverlangte.

Darum war Amherst sogleich auf die Idee gekommen, Mrs. Westmore die Anschaffung dieses Objekts vorzuschlagen; und er war nicht überrascht, dass Truscombs Opposition gegen das Vorhaben sich auf die Wahl des Gebäudes zusammenzog. Aber sogar bei diesem Punkt verriet der Geschäftsführer keinen offenen Widerstand; Amhersts Recht, die vorgestellten Pläne zu diskutieren und sogar betreffs der Wahl des Standorts konsultiert zu werden, schien er stillschweigend zuzugestehen. Er hatte ein Dutzend guter Gründe gegen den Erwerb der Gastwirtschaft zur Hand; doch auch hierbei ging er mit einer Zurückhaltung vor, die ohne Beispiel war in seinem Verhalten gegenüber seinen Untergebenen. Er räumte das Unheil ein, das von dem Tanzlokal ausging, erhob hingegen den Einwand, dass er der Firma nicht guten Gewissens raten könne, den exorbitanten Preis zu zahlen, der verlangt werde, und erinnerte Amherst daran, dass nach Beseitigung dieser bestimmten Quelle des Anstoßes andere unweigerlich zum Ersatz emporsprießen würden; dann wurden die üblichen hinhaltenden Argumente von Toleranz und Zweckmäßigkeit ins Feld geführt, ohne dass es einen Wechsel in seinem gewöhnlichem Ton gegeben hätte, bis er genau am Ende der Befragung mit einer Spur von Versöhnlichkeit wissen wollte, ob der stellvertretende Geschäftsführer irgend etwas zu beanstanden habe in Bezug auf seine Behandlung.

Dies kam so überraschend für Amherst, dass er, noch bevor er sich gesammelt hatte, entdeckte, dass Truscomb ihm, zwar zweideutig, aber unmissverständlich – mit der geübten Indirektheit eines Mannes, der gewohnt ist, seinen Anteil bei solchen Transaktionen zu verbergen – eine beträchtliche ›Gegenleistung‹ für das Fallenlassen der Gastwirtschaftssache anbot. Es war unglaublich, hatte sich aber dennoch wirklich ereignet: der allmächtige Truscomb, der Westmore fest im Griff hielt, hatte sich herabgelassen, seinen Assistenten zu bestechen, weil er fürchtete, es mit ihm in einem entschieden umfassenderen Verfahren zu tun zu bekommen.

Amhersts sprunghaft aufsteigende Wut über dieses Angebot wurde durch die jähe Erkenntnis ihrer Veranlassung gedämpft. Er hatte keine Zeit, nach einem Argument zu suchen; er konnte sich nur selbst sammeln, dem Unglaublichen mit ebenso abgründiger Gefasstheit wie der Truscombs zu begegnen; und seiner Stimme war noch jetzt das Staunen über den Vorfall anzumerken, als er ihn seiner Mutter wiedergab.

»Denk mal, Mutter, was das für eine junge Frau wie Mrs. Westmore bedeutet, ohne irgend welche Erfahrungen oder einen gewohnten Umgang mit Autorität hierher zu kommen, und schon vom ersten Blick auf die Ungerechtigkeit so angewidert zu sein, dass sie den Mut und die Klugheit aufbringt, mit ihren kleinen Händen die Maschine zu packen und die Hebel umzulegen – denn nichts weniger als das ist es, was sie tat! Oh, ich weiß, es wird eine Reaktion geben – das Pendel wird bestimmt zurück schwingen: aber du wirst sehen, es wird nicht so weit schwingen. Natürlich werde ich am Ende gehen müssen – aber Truscomb vielleicht auch: Bei Gott, wenn ich ihn doch zu mir herunter reißen könnte, wie dieser ›Wie-heißt-er-noch‹ mit den Säulen im Tempel! Samson, s. Richter 16, 27.«

Er war aufgestanden und maß das kleine Wohnzimmer mit seinen langen Schritten, den Kopf zurückgeworfen und seine dunklen Augen in sich gekehrt, was seine Mutter nicht immer gerne so gesehen hatte. Aber jetzt schien ihr eigener Blick einen Strahl von seinem empfangen zu haben, und das Strickzeug entfiel ihren Händen wie der Schicksalsfaden Die Parzen oder auch Moiren, die drei Schicksalsgöttinnen der Antike, spinnen bei der Geburt eines jeden Wesens einen Schicksalsfaden; da das Schicksal unausweichbar ist, kann der Einzelne diesem nicht entkommen., während sie stumm da saß und ihn seine Hoffnungen und sein Erstaunen ausströmen ließ, und erst, als er wieder auf den Sessel an ihrer Seite sank, murmelte sie: »Du wirst nicht gehen müssen, Johnny – du wirst nicht gehen.«


Mrs. Westmore blieb noch mehr als zwei Wochen, und während dieser Zeit vermochte Amherst ihr Interesse an den Textilarbeitern in verschiedene Richtungen zu entwickeln. Seine eigenen Pläne enthielten eine vollständige Neuorganisation der Beziehung zwischen Firma und Arbeitern: den Abriss des veralteten Firmen-›Ladens‹ und der Werkswohnungen, die so lange das Gedeihen und Streben der Arbeiter untergraben hatten; die Überführung des Hopewood-Anwesens in einen Park und Sportplatz, und die Aufteilung von dessen übrigem Gelände in Bauplätze für die Werktätigen; die Einrichtung einer Bibliothek, einer Werksapotheke und einer Notfallstation sowie verschiedener Zentren zur Hebung der Lebensqualität; doch vermied er, sie wissen zu lassen, bevor sich ihre wachsende Sympathie dafür herausstellte, dass sein gegenwärtiger Vorschlag lediglich Teil eines größeren Plans war. In seiner Mutter besaß er ein Beispiel für ein Gemüt, in das nur konkrete Eindrücke Zutritt fanden: ein Gemüt, das für den besonderen Fall ihr Leben einsetzen würde, gegenüber dessen Anlässen dennoch in unerschütterlicher Gleichgültigkeit verharrte. Für Mr. Amhersts Mutter war seine Arbeit einfach deshalb interessant, weil es seine Arbeit war: wäre er nicht mehr in Westmore gewesen, dann hätte es für sie das gesamte Industrieproblem ebenso wenig gegeben wie Sternenstaub für das unbewaffnete Auge. Und in Bessy Westmore ahnte er eine Natur derselben Art – er ahnte es, kritisierte es aber nicht mehr. Bestand nicht in der Konzentration auf individuelle Themen genau die ausgleichende Gnade ihres Geschlechts? Bot sie nicht Augen, die von der Anschauung des Lebens in der Masse erkaltet waren, einen warmen Farbton menschlicher Widersprüchlichkeit? Es beliebte Amherst im Augenblick, sich als distanzierten Analytiker sozialer Probleme einzustufen, obwohl in Wahrheit sein Interesse an ihnen einer Vorstellungskraft entsprang, die wie Bessys für die emotionale Macht persönlicher Ansprache offen war. Doch wenn er auch dieselbe Empfänglichkeit besaß, wie viel schwächer waren für sie seine Ausdrucksmöglichkeiten. Wieder und wieder hatte er während ihrer Gespräche dasselbe Gefühl gehabt, das über ihn gekommen war, als sie sich über Dillons Bett gebeugt hatte – dass ihre bezaubernde Erscheinung in einem geheimnisvollen Sinn die sichtbare Blüte ihres Wesens darstellte – dass jenes Äußere zur Gestalt der inneren Bewegungen ihres Herzens geworden war.

Für einen von hohem Enthusiasmus beherrschten jungen Mann kann es kein überwältigenderes Erlebnis geben, als dieses Wunder in einem zarten Wesen zu bewirken, deren Verstand sich seinem ergibt, – sozusagen das Aufblühen geistiger Saat zu erleben in der Erhöhung des Liebreizes, im blaueren Strahlen der Augen, in der reicheren Rundung der Lippen, in all den leiblichen Lebensströmen, die sich unter dem Hauch eines entfachten Gedankens beflügeln. Er kam nicht auf die Idee, dass der wahrgenommene Wandel von einer anderen Regung bewirkt sein könnte. Bessy Westmore verfügte in vollem Maß über die Gabe unbewusster Heuchelei, die es einer Frau ermöglicht, den Mann, an dem sie interessiert ist, glauben zu machen, sie nehme Anteil an all seinen Gedanken. Sie besaß darüber hinaus die Gabe des Selbstbetrugs, das höchste Glück für ein unreflektiertes Naturell; dadurch konnte sie sich in dem Glauben wiegen, sie sei lediglich vertieft in die erörterten Themen, und ihn als bloßen Wortführer bedeutender Ideen betrachten – auf diese Weise blieb ihr Umgang vor gegenwärtiger Verlegenheit und peinlicher Erwägung künftiger Eventualitäten bewahrt. So suchten die beiden, entsprechend dem uralten Zauberwerk des Lebens, und fanden einander in Regionen, die so entfernt vom anerkannten Herrschaftsgebiet der Romantik schienen, dass es für sie sehr überraschend gewesen wäre zu erkennen, wohin sie abgeirrt waren – gleichsam zu entdecken, dass Westmores kahle Straßen plötzlich in vollem Laub standen.

Mrs. Westmores Abreise ließ Amherst zum ersten Mal eine gewisse Eintönigkeit in seinem Leben gewahr werden. Seine täglichen Pflichten schienen öde und ziellos, und Truscombs ostentative Nachsicht, hinter der er einen rasch anwachsenden Vorrat von Feindseligkeit vermutete, verdross ihn. Er sehnte fast einen Zusammenstoß herbei, der den aufgestauten Groll des Geschäftsführers entladen würde; dennoch fürchtete er zugleich zunehmend ein Ereignis, das seinen Verbleib in Westmore unmöglich machen könnte.

An Sonntagen, befreit von den Alltagspflichten, war er diesen widersprüchlichen Gefühlen besonders ausgeliefert. Sie trieben ihn vorwärts auf langen Wanderungen jenseits der Stadt, Wanderungen, die meist in den verlassenen Anlagen von Hopewood endeten, das nun schön im abblätternden Oktobergold da lag. Wenn er unter den Buchenzweigen oberhalb des Flusses saß und dessen braunen Strom über die Weidenwurzeln an den Ufern schwappen sah, dachte er daran, wie derselbe Strom in seinem nächsten kurzen Abschnitt von waldiger Abgeschiedenheit zum Lärm und Schmutz der Fabrik überging. So schien sein eigenes Leben vom rauschhaften Strömen der letzten Wochen wieder übergegangen zu sein zum alten Fahrwasser unerleuchteter Mühsal. Aber es kamen ihm auch andere Gedanken: die Vision, diesen melancholischen Park umzuwandeln in ein Ventil für das eingeengte Leben der Fabrikarbeiter; und er stellte sich vor, wie die verunkrauteten Wiesen und Pfade an freien Tagen bevölkert und die den Fabrikgebäuden näheren Hänge mit Häusern und Gärten übersät wären.

Ein unerwartetes Ereignis belebte diese Hoffnungen. Einige Tage vor Weihnachten wurde in Hanaford bekannt, dass Mrs. Westmore zu den Feiertagen zurückkehren werde. Cicely war von der New Yorker Stadtluft ermattet, und Bessy hatte Mr. Langhope überredet, dass die erfrischende Kälte von Hanaford für das Kind besser sei als das mildere Klima von Long Island. Sie kamen also wieder und brachten eine Brise von Fröhlichkeit mit, wie sie Westmore nie erlebt hatte. Die Fabrik war stets der Regel gefolgt, dass man die Werktätigen ihre Vergnügungen nach eigenem Belieben bestreiten ließ, und das Eldorado und die Lokale in Hanaford gediehen bei diesem Grundsatz prächtig. Mrs. Westmore dagegen kam an mit einer Fülle festlicher Projekte. Es sollte einen riesigen Weihnachtsbaum für die Arbeiterkinder geben, ein Abendessen gleichen Ausmaßes für die Arbeiter und in Hopewood Eislauf- und Rodel-Wettkämpfe für die älteren Burschen – die ›Bandweber‹ Der »band boy« arbeitet an der »banding machine«, also in der ›Bandwirkerei‹ an einem Bandwebstuhl. ›Bänder‹ sind schmale Textilien mit beidseitig festen Kanten, die u.a. für technische Zwecke, als Pflegeetiketten für Kleidung oder Etiketten zur Markenkennzeichnung und als Zier für verschiedenste Verwendungen benutzt werden. und ›Spuler‹, die Amherst immer besonders am Herzen gelegen hatten. Die Gaines-Damen waren entschlossen, sich auf der Höhe dieser letzten philanthropischen Mode zu zeigen, und sekundierten aktiv Bessy bei ihren Anstrengungen; so wärmte sich Westmore eine Woche lang an einer plötzlichen Hitzewelle von Wohltätigkeit.

Die Zeiten, dass Amherst solche Anstrengungen nicht für voll nehmen konnte, waren vorbei. Wenn Bessy Westmore, mit einer Stechpalme beladen, zu ihm vom Fuß der Leiter, auf die sie ihn hatte klettern lassen, hinauf lächelte, wie konnte er da fragen, wie nachhaltig denn wohl das Behängen des Eingangsraumes mit Weihnachtsgebinden sei oder die ultimative Wohltat, die Arbeiter mit Truthahn vollzustopfen und ihren Nachwuchs mit roten Fausthandschuhen einzukleiden? Es war genau wie der Schluss eines Märchenbuchs mit einer hübschen Lehre, und Amherst war in der Stimmung, sich vom Lametta ebenso begeistern zu lassen wie das jüngste Arbeiter-Baby, das hochgehalten wurde, um den Weihnachtsbaum anzustaunen.

Als zu Neujahr Mrs. Westmore abreiste, waren die Verhandlungen wegen des Erwerbs des Eldorado gut vorangekommen, und es war abgemacht, dass sie bei deren Abschluss zurückkäme zur Eröffnung der Abendschule und der Kindertagesstätte. Plötzlich wurde aber bekannt, dass der Besitzer der Gastwirtschaft sich entschieden hatte, nicht zu verkaufen. Amherst hörte über Duplain von der Entscheidung, und sah sofort das unvermeidliche Ergebnis voraus – dass Mrs. Westmores Plan aufgegeben würde wegen der Schwierigkeit, einen anderen Standort zu finden. Mr. Gaines und Truscomb hatten beide die Errichtung eines besonderen Gebäudes missbilligt, da es sich im Grunde genommen doch nur um ein provisorisches Unternehmen handle. Unter den erwerbbaren Häusern in Westmore war kein anderes für den Zweck geeignet, und sie hatten damit eine gute Entschuldigung, Bessy zum Aufschub ihres Experiments zu raten.

Etwa zur gleichen Zeit änderte dann aber eine andere Neuigkeit den Blick auf die Sache. Ein skandalöses Vorkommnis im Eldorado, für das Zeugen unerwartet hervortraten, verschaffte Amherst die Macht, den Wirt mit einer Enthüllung zu bedrohen, falls er nicht umgehend das Angebot der Firma akzeptiere und aus Westmore verschwinde. Amherst hatte nicht die Zeit, sich zu überlegen, wie er am besten diese Drohung wirksam machten könnte. Er wusste, dass es nicht nur müßig wäre, an Truscomb zu appellieren, sondern geradezu unerlässlich, ihm die Fakten vorzuenthalten, bis es erledigt war; doch woher sollte er die Vollmacht nehmen, ohne ihn zu handeln? Diese anscheinend unübersteigbaren Schwierigkeiten der Situation steigerte sein Verlangen nach einem Kampf. Er dachte zuerst daran, Mrs. Westmore zu schreiben, da aber nun der Zauber ihrer Gegenwart fortgefallen war, wurde ihm bewusst, wie schwer es ihm werden müsse, ihr die Notwendigkeit unverzüglichen und verschwiegenen Handelns verständlich zu machen; war es außerdem bei einer solch kurzen Mitteilung wahrscheinlich, dass sie die erforderlichen Geldmittel anweisen würde? Klugheit widersprach dem Versuch, und nach einiger Überlegung entschied er, Mr. Gaines anzusprechen, in der Hoffnung, die Schamlosigkeit des Falles werde den Präsidenten aus seiner gewöhnlichen Haltung der Gleichgültigkeit aufscheuchen.

Mr. Gaines war insofern aufgescheucht, als er einen grundlegenden Groll gegen die Ursache seiner Störung an den Tag legte. Er erleichterte sein Verantwortungsgefühl durch ein paar schulmeisterliche Bemerkungen über die Sündhaftigkeit der Arbeiterklasse und schloss mit der Betrachtung, dass man, je mehr man für sie tue, um so weniger Dank erhalte. Als freilich Amherst seinen Widerwillen zeigte, die Sache auf diesem altehrwürdigen Aphorismus beruhen zu lassen, verbarrikadierte sich der Präsident hinter Zweideutigkeiten, dem Vorschlag, dass man auf Mrs. Westmores Rückkehr warten sollte, und allgemeine Bedenken einer pessimistischen Natur, die am Ende zu einem düsteren Blick auf die Wetterlage versickerten.

»Bei Gott! Ich werde ihr schreiben!« rief Amherst, als die Pforten des Gaines-Hauses sich hinter ihm schlossen; und den ganzen Weg zurück nach Westmore war er damit beschäftigt, seine Argumente und Bitten zu ordnen.

Er schrieb den Brief noch diesen Abend, sandte ihn jedoch nicht ab. Ein unbekanntes Misstrauen ihr gegenüber hielt ihn zurück – ein Misstrauen nicht gegenüber ihrem Herzen, sondern gegenüber ihrer Intelligenz. Er spürte, dass die gesamte Zukunft von Westmore auf dem Spiel stand, und entschied, die Entwicklung der nächsten vierundzwanzig Stunden abzuwarten. Der Brief befand sich noch immer in seiner Tasche, als er nach dem Essen von Truscomb zum Büro bestellt wurde.

Nach seiner Heimkehr an diesem Abend betrat er wortlos den kleinen Wohnraum. Seine Mutter saß dort allein an ihrem gewöhnlichen Platz – wie viele Abende hatte er den schrägen Schein der Lampe in diesen besonderen Winkel fallen sehen, über ihre frischen Wangen und die feinen Fältchen um ihre Augen! Er würde ihnen jetzt eine weitere Falte hinzufügen müssen – bald würde sie hinabkriechen und auf die Glätte der Wange übergreifen.

Sie sah auf und bemerkte, dass sein Blick auf die gefüllten Bücherregale hinter ihr gerichtet war.

»Es müssen an die tausend sein,« sagte er, als ihre Augen sich trafen.

»Bücher? Ja – mit denen deines Vaters. Weshalb – dachtest du …?« Sie fuhr plötzlich auf und kam zu ihm hinüber.

»Zu viele für Zugvögel,« fuhr er fort und zog ihre Hände an seine Brust; und als sie sich weinend und etwas zitternd an ihn schmiegte, sagte er: »Es musste sein, Mutter,« und küsste sie reumütig dort, wo die feinen Fältchen an den Wangen endeten.


 

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