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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 7
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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VI.

Vor Tagesanbruch kleidete sich Amherst an demselben Morgen beim Licht der Gasflamme oberhalb seines dürftigen Waschbeckens an und bemühte sich, etwas Ordnung in seine grimmigen Gedanken zu bringen. Es demütigte ihn, sein Vorhaben führungslos auf unbändigen Gefühlswellen schwanken zu sehen, aber wie er sich auch anstrengte, er konnte keinen festen Halt dafür zurückgewinnen. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden waren zu rasant und zu unerwartet über ihn gekommen, als dass er sein gewöhnliches klares Überlegenheitsgefühl hätte bewahren können; und außerdem musste er sich mit der ersten vollständigen Überwältigung seiner Empfindungen auseinandersetzen. Seine Lebensweise hatte ihn vom Kontakt mit subtileren weiblichen Einflüssen ausgeschlossen; die primitive Seite dieses Verhältnisses ließ seine Vorstellungskraft unberührt. Er war daher umso anfälliger für jene verfeinerten Formen des uralten Zaubers eines zarten Gefühls, das von einem lieblichen Gesicht übertragen wird. Aus eigener Wahl hatte er sich selbst von jeder Möglichkeit zu solchem Umgang zurückgezogen und sich mit vollständiger Abstinenz für diesen Teil seines Wesens abgefunden, der ein Refugium vor der ernsten Prosa seines Tagewerks hätte bieten können. Aber seine persönliche Gleichgültigkeit gegenüber seinem Umfeld – geflissentlich kultiviert als Missachtung der Verlockungen des Lebens, denen er entsagt hatte – hielt keine Abwehrkräfte gegen diese Anziehung bereit; vielmehr vertiefte die Dürftigkeit seiner Umgebung in Verbindung mit der ererbten Verfeinerung seines Geschmackes die Wirkung von Bessys Reizen.

Als er die Vorfälle der letzten Stunden überdachte, kam ihm ein Anfall von Selbstverspottung zu Hilfe. Worin bestand denn diese vorzügliche Gelegenheit, die er selbst verpfuscht hatte? Was hatte – um die Sache auf eine persönliche Angelegenheit zu reduzieren – Mrs. Westmore gesagt oder getan, das seitens einer gewöhnlichen Frau seinen Puls auch nur um den geringsten Bruchteil einer Sekunde beschleunigt hätte? Oh ja, es war nichts als die alte Geschichte mit der Länge von Kleopatras Nase! Weil ihre Augen so himmlische Gefühle erzeugten, weil ihre Stimme zärtliche Saiten anklingen ließ, hatte er sich zu dem Glauben verführen lassen, dass sie sein Anliegen verstehen und darauf eingehen würde. Und ihre eigenen Empfindungen waren durch ein ebenso billiges Mittel erregt worden: es war nur die offensichtliche, theatralische Seite des Unfalls, die sie berührt hatte. Wenn Dillons Frau alt und hässlich gewesen wäre, hätte ihre Arbeitgeberin sie dann an ihrer Brust umschlungen? Eine fundiertere Kenntnis des weiblichen Geschlechts würde Amherst gesagt haben, dass solch einer plötzlichen Sympathieäußerung in der Regel eine ebenso prompte Reaktion der Gleichgültigkeit folgt. Glücklicherweise hatte Mrs. Westmores Vorgehen als Korrektiv gegenüber seinem Erfahrungsmangel gewirkt; wie es schien, hatte sie sogar einige Qualen ertragen, um den Prozess der Desillusionierung zu beschleunigen. Diese zeitgerechte Disziplin ließ ihn über seine eigene Unaufrichtigkeit erröten; denn er erkannte nun, dass er seine Zukunft nicht wegen seines Eifers für das Wohlergehen der Fabrikarbeiter aufs Spiel gesetzt hatte, sondern weil Mrs. Westmores Anblick wie Sonnenschein auf seine erfrorenen Sinne gewirkt hatte und weil er entschlossen gewesen war, um jeden Preis durch das einzige in seiner Macht stehende Mittel ihre Aufmerksamkeit zu erringen, um sich mit ihr zu verbinden.

Nun, er verdiente es mit einem solchen Ziel vor Augen zu scheitern; und die Sinnlosigkeit seines Plans wurde noch übertroffen von der Eitelkeit seiner Absichten. Im kalten Licht der Ernüchterung schien es, als habe er eine uneinnehmbare Festung aus Bauklötzen errichten wollen. Wie konnte er etwas anderes als einen Misserfolg bei einem so lächerlichen Versuch erwarten? Sein Verstoß gegen die Disziplin würde natürlich sofort Mr. Gaines und Mr. Truscomb berichtet werden; und der Geschäftsführer, der ohnehin schon eifersüchtig auf die Popularität seines Assistenten bei den Arbeitern war – was er als stumme Kritik seiner Methoden auffasste –, würde das umgehend als Vorwand aufgreifen, um ihn los zu werden. Amherst war klar, dass nur seine technische Effizienz und sein Geschick, aus den Arbeitern die maximale Leistung herauszuholen, ihn vor Truscombs Feindseligkeit sichergestellt hatte. Von Anbeginn hatte es wenig Sympathie zwischen beiden gegeben; nur der Mangel an kompetenten und hart arbeitenden Assistenten hatte Truscomb ihn wegen seines Wertes für die Fabrik ertragen lassen. Jetzt hingegen hatte er durch seine eigene Torheit das Spiel an die schwelende Abneigung des Werkleiters verloren, und in der Konsequenz sah er sich entlassen und auf die schwarze Liste gesetzt, so dass er vielleicht Monate lang nach neuer Arbeit suchen musste. Er kannte die Wirksamkeit jenes weitreichenden Diffamierungssystems, mittels dessen die Chefs Untergebene, die sich deren Unmut zugezogen haben, verfolgen und strafen. Im Falle eines einfachen Arbeiters führte diese geheime Verfolgung oft zum vollständigen Ruin; und sogar einem Mann von Amhersts Wert eröffnete sie die entmutigende Aussicht auf einen langen Kampf um Rehabilitation.

Tief im Innern litt er am meisten an dem Gedanken, dass sein Trommeln für die Arbeiter fehlgeschlagen war; von außen betrachtet war es jedoch die Art seines Versagens, die ihn zur Verzweiflung brachte. Denn sie schien ihn als ungeeignet zu erweisen für die eigentliche Tätigkeit, die ihn anzog: jenes Verlangen, die Welt voran zu bringen, was bei einigen Charakteren den Maßstab bildet, an dem individuelle Unternehmungen sich orientieren müssen. Amherst hatte sich bislang durch Erkenntnis und Selbstkontrolle vor gefühlsbedingten Irrtümern, wie sie den Weg der Enthusiasten prägen, sicher geglaubt; und siehe da, er war gleich in die erste Gefühlsfalle auf seinem Pfad gestolpert und hatte seinen Augen die Weihnachtslametta-Vision einer entzückenden Frau vorgespielt, die Kohle und Decken verteilt! Obwohl solche Wunden sich tief in sein Selbstvertrauen einschnitten, war er im Stande, sie mit dem Antiseptikum eines unfehlbaren Humors zu behandeln; und ehe er mit dem Anziehen fertig war, hatte das Bild seiner umfassenden Pläne zur Sozialreform, zusammengeschrumpft zu einer blauäugigen Philanthropie mit Schecks und Lebensmitteln, sein Lachen provoziert. Vielleicht kam das Lachen zu früh und klang auch zu laut, um ganz ehrlich zu sein; jedenfalls aber heilte es seine Wundränder und verlieh ihm äußerlich robuste Gelassenheit.

Nicht weglachen konnte er allerdings den Gedanken an die Belastungen, denen vermutlich seine Mutter durch seine Zügellosigkeit ausgesetzt sein würde; und als sie am Frühstückstisch, den Duplain bereits verlassen hatte, in ein Lob ihrer Besucherin ausbrach, war dies wie Salz auf seine Wunden.

»Was machst du für ein Gesicht, John! Natürlich treffe ich jetzt nicht oft Leute dieser Art –« sie ließ diese Worte in zu schlichter Weise fallen, als dass sie als Vorwurf hätten verstanden werden können, und doch bedrückten sie ihn, eben deshalb, umso mehr – »aber sicher ist diese Art zarter Schönheit überall selten, wie ein süßer Sommermorgen mit Nebel. Die Gaines-Mädchen verkörpern für mich jetzt den modernen Typus; sehr hübsch natürlich, aber man sieht in der ersten Minute, wie hübsch. Ich mag Geschichten, die einen bis zum Schluss in Spannung halten. Es war sehr nett von Maria Ansell,« sprach Mrs. Amherst glücklich weiter, »mich gestern aufzustöbern, und ich habe unser ruhiges Gespräch über alte Zeiten genossen. Aber was mir am besten gefiel, war Mrs. Westmore kennen zu lernen – und, oh John, wenn sie hier leben würde, welch ein Segen für die Fabrik!«

Amherst schwieg bewegt, vor allem von der unverminderten Schlichtheit des Herzens, mit der seine Mutter vergangene Beziehungen aufgreifen und ihr dürftiges Leben dem hohen, Anmut und Modebewusstheit verkörpernden Besuch ohne eine Spur von Befangenheit oder Rechtfertigung öffnen konnte. »Ich werde nie so aufrichtig sein,« dachte er und erinnerte sich, wie er gewünscht hatte, dass Mrs. Westmore annähme, er stamme aus ihrer eigenen Gesellschaftsklasse. Wie gemischt sind unsere Leidenschaften, und wie dehnbar muss das Wort sein, das eine von ihnen umfasst. Amhersts waren in diesem Augenblick alle befleckt von der tiefen Wunde in seiner Eigenliebe.

Die Entfärbung, die seine Augen mitbrachten, ließ das Fabrik-Viertel freudloser und hässlicher als gewöhnlich erscheinen, als er nach dem Frühstück hinüber zum Büro ging. Jenseits der öden Dachlinie der Fabrikgebäude sandten blendendhelle Strahlen oberhalb weißer Wolkenbänke das Versprechen eines weiteren wundervollen Tages; und er dachte daran, dass Mrs. Westmore rasch nach Hause eilen würde, um die Freuden eines Ausritts über die Grasflächen zu genießen.

Ganz anders sah es mit der Pflicht aus, die seiner wartete – es verursachte ihm schon einen Stich, dass er sie vielleicht zum letzten Mal erfüllen würde. Trotz Mr. Tredegars Versicherungen war er sicher, dass die Meldung über sein Verhalten zu diesem Zeitpunkt den Präsidenten erreicht und an Truscomb weitergeleitet worden sein musste; letzterem ging es heute morgen gewiss besser, und am nächsten Tag würde er zweifellos seinen rebellischen Assistenten zum Rapport einbestellen. Amherst nahm inzwischen seine Routine mit trübem Herzen auf. Selbst wenn ihm sein Angriff verziehen würde, bot seine Berufstätigkeit an sich nur geringe Zukunftsaussichten für einen Mann ohne Geld oder bedeutende Verbindungen. Geld! Er hatte den Gedanken daran verächtlich von sich gewiesen, als er seine Tätigkeit gewählt hatte, erkannte nun aber, dass er ohne dessen Unterstützung nicht die Macht besaß, das Ziel zu erreichen, dem er seine persönlichen Wünsche geopfert hatte. Seine Liebe zum Handwerk war nach und nach aufgegangen in der größeren Liebe zu seinen Mitarbeitern und in dem daraus entstandenen Verlangen, ihr Schicksal zu heben und zu erweitern. Er hatte sich einmal eingebildet, dass dies durch einen internen Umsturz in der Geschäftsführung der Westmore-Fabrik erzielt werden könne; dass es ihm gelingen werde, ein so hervorstechendes industrielles Lehrbeispiel zu schaffen, dass es den Weg zu weiserer Gesetzgebung und gerechteren Beziehungen zwischen den Klassen aufzuzeigen vermöchte. Doch die Erfahrungen der letzten Stunden hatten ihm gezeigt, wie nutzlos es war, im Alleingang die starke Barriere zwischen Geld und Arbeit zu bestürmen, und wie sein eigener Sprung in die Bresche ihn nur weiter zurück zu den unbedeutenden Reihen der Kämpfer befördert hatte. Am Ende konnte er doch nur über die Politik eine neue, erfolgreiche Attacke versuchen; und für eine politische Karriere war finanzielle Unabhängigkeit die notwendige Vorbedingung. Wenn er Rechtswissenschaft studiert hätte, wäre er vielleicht mittlerweile diesem Ziel näher; dann aber hätte das Ziel keine Rolle gespielt, weil er nur durch das Leben unter den Arbeitern darauf gekommen war, sich um deren Geschick zu kümmern. Und bevor er die schmerzliche, aber machtvolle Vision eines Vorwärtstastens der Massen aufgab, oder die Bereicherung seines eigenen Wesens entbehrte, die durch Teilen ihrer Hoffnungen und Qualen entstanden war, hätte er sich jederzeit vom leichteren Weg abgewendet und die tiefergehende Initiation dem fertigen Erwerb vorgezogen.

Allerdings war dieser philosophische Blick auf die Lage nur ein Lichtstreifen am fernsten Himmelsrand: viel näher lagen die Wolken unmittelbarer Sorge, unter denen seine eigene Torheit und das durch sie verursachte etwaige Leid seiner Mutter als die dunkelsten heraufzogen; und diese Überlegungen brachten ihn zu dem Entschluss, dass er, falls seine Insubordination übersehen werden sollte, die Kränkung einer Entschuldigung hinunterschlucken und erst einmal weiter mechanisch seine Pflichten ausüben werde. Er hatte sich selbst gerade in diesem bleischweren Zustand der Ergebung eingerichtet, als einer der Angestellten aus dem Außenbüro seinen Kopf hereinstreckte und sagte: »Eine Dame fragt nach Ihnen –« und aufschauend erblickt Amherst Mrs. Westmore.

Sie kam allein mit einem Ausdruck hoher Selbstbeherrschung, die in starkem Gegensatz stand zu ihrer Schüchternheit und Unschlüssigkeit am Vortag. Amherst fand, sie sah größer, majestätischer aus; so einfach kann das deutliche Erheben eines weichen Kinns und die kräftigere Linie nachgiebiger Brauen einer Frau äußerlich einige Zoll hinzufügen. Ihr Anblick war so gebieterisch, dass er meinte, sie sei gekommen, um ihre Missbilligung seines Verhaltens auszudrücken, um ihn für seinen Mangel an Respekt Mr. Tredegar gegenüber zu tadeln; einen Augenblick später aber wurde, sogar für sein unerfahrenes Wahrnehmungsvermögen, klar, dass nicht er selbst es war, dem ihre Herausforderung galt.

Sie schritt vor zu dem Sitz, den er nach vorne gestellt hatte, aber in ihrer Versunkenheit vergaß sie sich zu setzen und blieb stehen, die gefalteten Hände auf die Rückenlehne des Stuhls gestützt.

»Ich bin noch einmal gekommen, um mit Ihnen zu sprechen,« begann sie mit ihrer reizenden Stimme, die sie gelegentlich zu lebhaftem Ausdruck erhob. »Ich wusste, dass Sie in Mr. Truscombs Abwesenheit die Fabrik kaum verlassen könnten, und es gibt ein paar Dinge, die Sie mir erklären müssen, bevor ich abreise – einige der Dinge zum Beispiel, die Sie gestern abend mit Mr. Tredegar besprochen haben.«

Amhersts Verlegenheit kehrte zurück. »Ich fürchte, ich habe mich schlecht ausgedrückt; ich habe ihn wohl verärgert –«

Sie lächelte darüber hinweg, als ob es irrelevant für das Hauptthema sei. »Vielleicht verstehen Sie einander nicht ganz – aber ich bin sicher, dass Sie es mir klar machen können.« Sie ließ sich auf den Stuhl nieder und legte einen Arm auf die Ecke des Schreibtisches, hinter dem er seinen Platz eingenommen hatte. »Deshalb bin ich allein gekommen,« fuhr sie fort. »Ich verstehe nichts, wenn ein Haufen Leute gleichzeitig versucht, mir etwas mitzuteilen. Und ich nehme nicht an, dass ich ebenso viel Wert wie ein Mann – besonders ein Rechtsanwalt – auf die einzuhaltenden Formen lege. Alles, was ich wissen will, ist, was falsch läuft und wie es zu beheben ist.«

Ihre blauen Augen trafen mit Amhersts zusammen in einem Blick, der warm zu seinem Herzen floss. Wie hatte er zweifeln können, dass ihre Gefühle ebenso edel wie die Art sie auszusprechen waren? Die Eisenbänder des Misstrauen lösten sich von seinem Gemüt, und er errötete wegen seiner gemeinen Skepsis heute morgen. Für eine so augenscheinlich in Abhängigkeit erzogene Frau, bei der die konventionellsten Einflüsse ihren Blick geformt und ihre Handlungen ausgerichtet hatten, ließ die bloße Tatsache, allein nach Westmore gekommen zu sein, in offener Missachtung ihrer Ratgeber, eine Beharrlichkeit bei ihrer Zielsetzung erkennen, die seine Zweifel beschämten.

»Es macht einen großen Unterschied für die Leute hier, wenn Sie sich selbst für sie interessieren,« erwiderte er. »Ich versuchte Mr. Tredegar zu erklären, dass ich nicht die geschäftliche Seite der Werkleitung zu kritisieren wünschte – sogar wenn es für mich einen Entschuldigungsgrund dafür gegeben hätte – dass ich aber sicher sei, die Lage für die Arbeiter könne ohne ständigen Schaden für das Geschäft stark verbessert werden durch jemanden, der ein persönliches Mitgefühl für sie hätte; und am Ende glaube ich, dass ein solches Mitgefühl zu besserer Arbeit führt und so auch dem Unternehmer materiell nützt.«

Sie hörte zu und bot dabei den Anblick liebenswürdigen Vertrauens, als liefere sie sich ihm im guten Glauben eines Kindes mit all ihrem Unwissen, ihrer Leichtgläubigkeit, ihren kleinen elementaren Überzeugungen und ihren kleinen zaghaften Erwartungen aus und verlasse sich auf ihn, diese nicht zu missbrauchen oder fehlzuleiten in der grenzenlosen Überlegenheit seines männlichen Verstandes.

»Das ist genau das, was Sie mir erklären sollen,« sagte sie. »Aber zuerst würde ich gern mehr wissen über den armen Mann, der verletzt wurde. Ich wollte gestern seine Frau besuchen, aber Mr. Gaines teilte mir mit, sie sei bis sechs bei der Arbeit, und es sei schwierig, danach hinzugehen. Ich bin zum Krankenhaus gegangen; aber der Mann schlief – Dillon ist sein Name? – und die Oberschwester sagte uns, es gehe ihm viel besser. Dr. Disbrow kam am Abend und sagte dasselbe – er erzählte uns, es sei eine Falschmeldung, dass er so schlimm verletzt sei, und Mr. Truscomb sei sehr verärgert gewesen, als er hörte, dass Sie vor den Arbeitern gesagt hätten, Dillon werde seinen Arm verlieren.«

Amherst lächelte. »Aha – Mr. Truscomb hat davon gehört? Gut, er hat Recht, verärgert zu sein: Ich hätte das nicht sagen sollen. Aber unglücklicherweise bin ich nicht der einzige, der bestraft wird. Der Arbeiter, der den schwarzen Lappen angebunden hatte, ist heute morgen entlassen worden.«

Mrs. Westmore entflammte. »Entlassen – dafür? Oh, wie ungerecht – wie grausam!«

»Sie müssen beide Seiten des Falles ansehen,« sagte Amherst, der es viel einfacher fand, in der von ihm entfachten Glut gemäßigt zu bleiben, als wenn er seine eigene Hitze in gefrorene Adern hätte zwingen müssen. »Natürlich muss jeder Akt von Insubordination gerügt werden – aber ich denke, eine Rüge hätte gereicht.«

Es verschaffte ihm ein unleugbar freudiges Herzklopfen, als er merkte, dass solche Argumente bei ihr nicht verfingen. »Aber er soll wieder eingestellt werden – ich will nicht haben, dass jemand aus einem solchen Grund hinausgeworfen wird. Sie müssen ihn sofort für mich finden – Sie müssen ihm sagen – –«

Wieder hielt Amherst sie sanft zurück. »Wenn Sie mir vergeben wollen, dass ich so spreche: ich denke, es ist besser, ihn gehen zu lassen, und er versucht, anderswo Arbeit zu bekommen. Wenn man ihn zurücknähme, hätte er vermutlich zu leiden. So wie die Dinge liegen, hängen die Arbeiter hier stark von der Gnade der Aufseher ab, und der Aufseher in dem Raum wird es wahrscheinlich einem Arbeiter, der sich ihm so offen widersetzt hat, ziemlich ungemütlich machen.«

Mit einem schweren Seufzer beugte sie sich verwirrt zu ihm hin. »Wie kompliziert das ist! Ich frage mich, ob ich das jemals alles verstehen werde. Sie glauben also nicht, dass Dillons Unfall seine eigene Schuld war?«

»Gewiss nicht; es gibt zu viele Kardätschen in diesem Raum. Ich habe Mr. Truscomb diesen Punkt dargelegt, als vor drei Jahren die neuen Maschinen aufgebaut wurden. Ein Arbeiter mag mit seinen Fingern noch so geschickt sein, und dennoch wird er nicht lernen, seine normalen Bewegungen so akkurat zu bemessen, als sei er ein Automat; und das müsste ein Mensch tun, um in der Kämmerei sicher zu sein.«

Sie seufzte erneut. »Je mehr Sie mir erzählen, umso schwieriger scheint mir das alles. Warum ist die Kämmerei so überfüllt?«

»Um sie besser bezahlt zu machen,« antwortete Amherst unverblümt; und ihre empfindliche Haut verfärbte sich.

Er dachte, sie werde ihn nun für sein Geradeheraus-Sprechen strafen; aber sie fuhr nach einer Weile fort: »Was Sie da sagen, ist furchtbar. Jede Sache scheint zu einer anderen zurück zu führen – und ich komme mir so unwissend bei all dem vor.« Sie zögerte wieder, und sagte dann, einen Blick von strahlendem Blau auf ihn richtend: »Ich will ganz offen zu Ihnen sein, Mr. Amherst. Mr. Tredegar wiederholte mir, was Sie ihm gestern abend sagten, und ich glaube, er war verärgert, dass Sie nicht gewillt waren, irgend einen Beweis Ihrer Anschuldigungen zu geben.«

»Anschuldigungen? Ah,« rief Amherst sich rückbesinnend, »er meint, dass ich ihm nicht sagen wollte, wer mir mitteilte, dass Dr. Disbrow nicht die Wahrheit über Dillon erzählte?«

»Ja. Er sagte, dass eine sehr ernsthafte Anklage erhoben worden sei, und dass niemand dies hätte tun dürfen, ohne einen Beweis vorlegen zu können.«

»Das ist durchaus richtig – theoretisch. Aber in diesem Fall wäre es für Sie oder für Mr. Tredegar leicht herauszufinden, ob ich Recht hatte.«

»Aber Mr. Tredegar sagte, Sie lehnten es ab zu sagen, wer es Ihnen mitgeteilt hat.«

»Dazu war ich gezwungen. Aber ich bin nicht gezwungen, Sie davon abzuhalten, sich dieselbe Information zu verschaffen.«

»Aha –« murmelte sie verstehend; und indem ihn ein plötzlicher Gedanke durchzuckte, fuhr er mit einem Blick auf die Uhr fort: »Wenn Sie sich wirklich ein eigenes Urteil bilden wollen, warum fahren Sie dann nicht jetzt zum Krankenhaus? Ich habe in fünf Minuten Zeit und könnte mit Ihnen kommen, wenn Sie es wünschen.«

Amherst hatte sich an den Ausruf des Wiedererkennens erinnert, den die Krankenschwester hören ließ, als sie Mrs. Westmores Gesicht unter der Straßenlaterne gesehen hatte; und es war ihm gleich in den Sinn gekommen, dass Mrs. Westmore, wenn die beiden Frauen einander wirklich kannten, keine Schwierigkeit haben würde, die gewünschte Information zu erhalten; und auch wenn sie als Fremde aufeinander trafen, konnte man darauf vertrauen, dass der Scharfsinn des dunkeläugigen Mädchens hilfreich sein werde. Es war nur abzuwarten, wie Mrs. Westmore seinen Vorschlag aufnahm; aber ein Instinkt sagte ihm bereits, dass sie tatsächlich die direkte Methode bevorzugte.

»Zum Krankenhaus – jetzt? Nichts wäre mir lieber,« rief sie und stand auf mit einer Begeisterung, die der eines Kindes bei einem Abenteuer glich. »Natürlich, das ist der beste Weg es herauszufinden. Ich hätte gestern darauf bestehen sollen, Dillon zu besuchen – aber ich glaube allmählich, dass die Oberschwester das nicht wollte.«

Amherst ließ sie diese Schlussfolgerung selbst weiter durchdenken und gab sich, während sie nach Hanaford zurückfuhren, zufrieden mit dem Beantworten ihrer Fragen nach Dillons Familie, dem Alter ihrer Kinder und dem Gesundheitszustand seiner Frau. Ihre Nachfragen, so stellte er fest, weiteten sich nicht vom Einzelnen ins Allgemeine: ihre Neugier war bisher zu ausschließlich persönlich und emotional, um zu größeren Zusammenhängen des Vorfalls zu führen. Aber dieser weitere Blick mochte aus der Erforschung von Dillons Fall erwachsen; und inzwischen waren Amhersts eigene Anliegen vorübergehend untergegangen in der süßen Verwirrung, ihre Nähe zu spüren – die zauberhafte Marmorierung ihrer Haut zu betrachten, anzuschauen, wie ihre Wimpern bei einer dunklen Linie am Rand der weißen Lider hervorwuchsen, wie ihr Haar, das sich in Lichtspiralen von der Stirn zum Ohr entlang wand, in einen fruchtigen Flaum am Wangenrand überging.

Am Krankenhaus wurden sie unter Protest von Mrs. Ogan hereingelassen, obwohl die offizielle »Besuchsstunde« am Nachmittag lag; und am Bett des Kranken erkannte Amherst wieder das plötzlich flutende Mitgefühl, das anscheinend der Schlüssel zur Schönheit seiner Begleiterin war: so als ob ihre Lippen zum Trost und ihre Hände für zarte Aufgaben geformt seien. Es war hinreichend klar, dass Dillon, der noch immer in eine nur von fieberhaftem Herumwälzen unterbrochene Dumpfheit versunken war, in seiner Genesung keinen wahrnehmbaren Fortschritt gemacht hatte; und Mrs. Ogan konnte nur einige fachliche Erläuterungen über den Status der Wunde hinmurmeln, während Bessy sich über ihn beugte, um ihn leise wegen des Schicksals seiner Frau zu beruhigen und zu versprechen, dass man sich um die Kinder kümmern werde.

Amherst hatte beim Eintreten bemerkt, dass eine neue Krankenschwester – eine gaffende junge Frau, die sich sogleich in das Studium von Mrs. Westmores Bekleidung vertiefte – die dunkeläugige Pflegerin vom Vortag abgelöst hatte. In der Annahme, dass letztere zur Zeit keinen Dienst habe, fragte er Mrs. Ogan, ob er sie sprechen könne.

Das Gesicht der Oberschwester gab ein Bild gezierter Bestürzung ab. »Die andere Schwester? Unsere reguläre Chirurgie-Schwester, Miss Golden, ist krank – Miss Hibbs hier vertritt sie im Augenblick.« Sie deutete auf die gaffende junge Person. »Ach,« fragte sie in gleichgültigem Staunen, »meinen Sie die junge Dame, die Sie gestern hier sahen? Stimmt – ich hatte es vergessen: Miss Brent war nur ein – äh – vorübergehender Ersatz. Ich glaube, sie war Dr. Disbrow von einem seiner Patienten empfohlen worden; aber wir fanden sie ganz unpassend – eigentlich ungeeignet – und der Doktor hat sie heute morgen entlassen.«

Mrs. Westmore war näher getreten, und während die Oberschwester ihre Erklärung mit einem unbehaglichen Sortieren und Verschieben der Wörter abgab, wechselte ein rasches Zeichen des Erkennens zwischen ihren Zuhörern. »Sie verstehen?« riefen Amhersts Augen; »ich verstehe – sie haben sie weggeschickt, weil sie es Ihnen gesagt hat,« funkte Bessy zornig zurück, und sein fragender Blick lehnte ihre Schlussfolgerung nicht ab.

»Wissen Sie, wohin sie gegangen ist?« fragte Amherst; aber Mrs. Ogan, die ihren Brauen ein leises Anheben aus Überraschung zubilligte, entgegnete, dass sie keine Ahnung habe von Miss Brents Entscheidungen, außer dass sie gehört habe, dass sie umgehend Hanaford verlassen wollte.

Im Wagen rief Bessy: »Es war die Krankenschwester, natürlich – wenn wir sie nur finden könnten! Brent – sagte Mrs. Ogan, dass sie Brent heiße?«

»Kennen Sie den Namen?«

»Ja – zumindest … aber natürlich kann es nicht das Mädchen gewesen sein, das ich kannte – –«

»Miss Brent sah Sie am Abend, als Sie ankamen, und glaubte Sie wiederzuerkennen. Sie sagte, Sie wären zusammen auf derselben Schule oder in demselben Kloster gewesen.«

»Das ›Herz Jesu‹? Dann ist es Justine Brent! Ich hörte, dass sie ihr Vermögen verloren hatten – ich habe sie seit Jahren nicht gesehen. Aber wie seltsam, dass sie eine Krankenschwester sein soll! Und warum ist sie in Hanaford, frage ich mich?«

»Sie war nur zu Besuch hier; sie hat mir nicht mitgeteilt, wo sie wohnte. Sie sagte, sie habe gehört, dass eine OP-Schwester im Krankenhaus gebraucht werde, und bot freiwillig ihre Hilfe an; ich fürchte, sie hat dafür wenig Dank bekommen.«

»Glauben Sie wirklich, dass man sie fortschickte, weil sie mit Ihnen gesprochen hat? Wie, glauben Sie, haben sie es heraus gefunden?«

»Ich habe gestern abend auf sie gewartet, als sie das Krankenhaus verließ, und ich vermute, dass Mrs. Ogan oder einer der Ärzte uns sah. Es war unbedacht von mir,« rief Amherst mit Bedauern.

»Ich wünschte, ich hätte sie getroffen – arme Justine! Wir waren im Kloster die besten Freundinnen. Sie war die Anführerin bei all unseren Streichen – ich habe nie jemanden erlebt, der so aufgeweckt und gescheit gewesen wäre. Ich nehme an, der Spaß ist ihr jetzt vollständig vergangen.«

Einen Moment lang verweilten Mrs. Westmores Gedanken bei ihren Erinnerungen; dann kehrte sie zum Problem der Dillons zurück und was am besten zu tun sei, wenn Miss Brents Befürchtungen sich bewahrheiten sollten.

Als das Gefährt sich ihrer Tür näherte, wendete sie sich zu ihrem Begleiter mit ausgestreckter Hand. »Ich danke Ihnen so sehr, Mr. Amherst. Ich bin froh über Ihren Vorschlag, dass Mr. Truscomb für Dillon irgend eine Arbeit im Büro finden sollte. Aber ich muss mit Ihnen noch einmal darüber sprechen – können Sie heute abend herkommen?«


 

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