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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 43
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XLII.

Justines Antwort auf den Brief ihres Mannes trug eine New Yorker Adresse; und die Überraschung, sie in derselben Stadt zu finden und nicht einmal eine halbe Stunde Fußweg entfernt von dem Zimmer, in dem er saß, war so groß, dass sie sofort nach einem kräftigen Ventil körperlicher Bewegung verlangte.

Er steckte den Brief in seine Tasche, setzte den Hut auf, verließ das Haus und ging im morgendlichen Frühlingssonnenlicht die Fifth Avenue auf den Park zu.

Die Nachricht hatte fünf Tage benötigt, ihn zu erreichen, denn um den Austausch mit seiner Frau wieder herzustellen, hatte er zunächst nach Michigan schreiben und darum bitten müssen, dass der Brief weitergeleitet werde. Er hatte nie geglaubt, dass es schwierig sein werde, Justine zu finden, oder dass sie vorsätzlich aus ihren Schritten ein Geheimnis mache. Wenn sie nicht mehr geschrieben hatte, lag es, so schloss er, einfach daran, dass sie wie er selbst die Farce spürte, eine Art Distanz oder halb brüderlicher Beziehung aufrecht zu erhalten, die vom gelegentlichen Wechsel nichtssagender Briefe gekennzeichnet war. Die unentwirrbare Gemengelage von Denken und Fühlen, die die besondere Nähe ihrer Einheit beschrieb, konnte niemals, bei so direkten, leidenschaftlichen Naturen, durch die Vorspiegelung einer mäßigen Freundschaft ersetzt werden. So empfand Amherst selbst, und indem er instinktiv seiner Frau dieselbe Empfindung unterstellte, hatte er ihr Schweigen und ihren Wunsch respektiert, endgültig mit ihrer beider bisherigem Leben zu brechen. Sie hatte ihm im Herbst geschrieben, dass sie vorhatte, Michigan für einige Monate zu verlassen, dass aber, bei einem Notfall, ein an das Haus ihrer Freunde adressierter Brief sie erreichen würde; und er hatte dies so gedeutet, dass sie ihren Briefwechsel lieber beenden wollte, wenn sich kein Notfall ergab. Dies zu billigen fiel ihm um so leichter, als es mit seinen eigenen Wünschen übereinstimmte. Im Rückblick hatte er den Eindruck, dass es sich mit der Liebe, die er und Justine füreinander empfanden, wie mit einem seltenen Organismus verhielt, der sein Leben nur in seinem speziellen Element zu behaupten vermochte; und dieses Leben bestand weder in der Leidenschaft noch im Gefühl, sondern in der Wahrheit. Nur auf deren Höhen konnten sie atmen.

Manche Männer hätten sich an seiner Stelle, sogar obwohl sie die Unvermeidlichkeit des moralischen Bruchs akzeptierten, für die materielle Seite des Falles zuständig gefühlt. Doch es war für Amherst bezeichnend, dass ihn dies nicht kümmerte. Er setzte stillschweigend voraus, dass seine Frau zu ihrer Krankenschwestertätigkeit zurückkehren würde. Von Anbeginn hatte er das sichere Gefühl gehabt, dass es für sie unerträglich sei, von ihm Unterstützung zu beziehen, und dass sie sich eher entscheiden werde, ihren Unterhalt durch Ausübung ihres regulären Berufs selbst zu bestreiten; und abgesehen von solchen Überlegungen hielt er, der vor persönlichem Kummer stets am liebsten in harte Arbeit geflohen war, es für selbstverständlich, dass sie sich desselben Mittels der Zuflucht bedienen werde.

Er war daher nicht überrascht gewesen, beim Öffnen ihres Briefes an diesem Morgen zu erfahren, dass sie ihre Krankenhausarbeit aufgenommen hatte; doch im Erstaunen darüber, sie in solcher Nähe wiederzufinden, begriff er kaum ihre Erklärung dieses Zufalls. Es ging irgendwie um einen Patienten aus Buffalo, der plötzlich nach New York geschickt wurde wegen einer besonderen Behandlung und es ablehnte, mit einer anderen Krankenschwester dorthin zu gehen – aber diese Einzelheiten hinterließen in seinem Gemüt keinen Eindruck; dort gab es nur Raum für die Tatsache, dass der Zufall seine Frau genau in dem Augenblick zurückgebracht hatte, als sein gesamtes Sein sich nach ihr sehnte.

Sie schrieb, dass sie auf Grund ihrer dienstlichen Pflichten nicht in der Lage sein werde, ihn vor drei Uhr an diesem Nachmittag zu treffen; und er musste noch sechs Stunden zubringen bis zu ihrer Begegnung. Geistig indes hatten sie sich bereits getroffen – sie waren eins in einer Intensität der Verständigung, die, während er nordwärts die helle, bevölkerte Durchfahrtsstraße entlang ging, die gesamte Welt in einen pulsierenden Lebenspunkt zu sammeln schien.

Er hegte wie ein Junge den Wunsch, das Geheimnis seines Glücks für sich selbst zu behalten, Mr. Langhope oder Mrs. Ansell von seinem Treffen mit Justine nichts wissen zu lassen, bis alles vorbei war; nachdem er zweimal den Park der Länge nach durchmessen hatte, wandte er sich zu einem der kleinen, aus Holz gebauten Restaurants, die, in Vorwegnahme der Frühlingsgepflogenheiten, nach und nach öffneten. Hätte er Justine nur schon an diesem Morgen treffen können! Wenn er sie doch dorthin hätte mitnehmen können: da hätten sie einander gegenüber gesessen in dem kahlen, leeren Raum, und die Spatzen hätten sich im Flieder jenseits der offenen Fenster zwitschernd getummelt! Der Raum war ziemlich hässlich – doch sie hätte sich bestimmt an dem zarten Grün der nahen Hänge und dem Purpurschleier der Bäume dahinter erfreut! Sie hatte ein kindliches Vergnügen an solchen kleinen Abenteuern und besaß die Gabe, ihrem alltäglichsten Detail einen Hauch von Zauber zu verleihen. Nachdem Amherst sein Mahl aus kaltem Beefsteak und mittelmäßigen Eiern beendet hatte, erwischte er sich dabei, dass er wie ein Junge den Plan verfolgte, sie am nächsten Tag hierhin mitzunehmen …

Dann las er beim Kaffee den Brief noch einmal.

Die angegebene Adresse war die eines kleinen Privatkrankenhauses, und Justine führte aus, dass sie ihn im öffentlichen Wartezimmer würde empfangen müssen, das zu dieser Zeit für andere Besucher geöffnet war. Als die Zeit herankam, wurde ihm der Gedanke unerträglich, dass sie sich nicht allein treffen konnten; und er entschied, dass er in der Halle bleiben würde, wenn er das Wartezimmer von jemand anderem belegt fände, und sie treffen wollte, wenn sie die Treppe herunter käme.

Er beschäftigte sich weiter mit diesem Plan, während er langsam durch den Park zurück ging. Kurz vor drei hatte er das Krankenhaus erreichen wollen; aber obwohl noch fünf Minuten bis zur vollen Stunde fehlten, als er das Wartezimmer betrat, saßen dort schon zwei Frauen an einem der Fenster. Sie blickten sich um, als er herein kam, offenbar genauso ungehalten über sein Erscheinen, wie er es darüber war, sie dort vorzufinden. Die Ältere der beiden zeigte ein bleiches Gesicht mittleren Alters unter ihrem weichen Trauerschleier; die andere war eine etwas aufgedonnerte Person mit nickenden Federn und zahllosen Ketten und Armbändern, an denen sie ununterbrochen herumfingerte, während sie sprach.

Sie beäugten Amherst voller Feindseligkeit und wandten sich dann ab, um ihr Gespräch in leisem Murmeln fortzuführen, während er sich an den mit einer Marmorplatte abschließenden Tisch setzte, der mit zerlesenen Zeitschriften übersät war. Dann und wann erhob sich die Stimme der jüngeren Frau in schrillem Stakkato, und einige Satzfetzen schwappten zu ihm hinüber. »Sie hat sich einfach selbst zu Tode gearbeitet – das hat mir die Schwester gesagt … Sie rechnet damit, in einer Woche nach Hause zu kommen, obwohl: wie soll sie ihre Erschöpfung durchstehen – –« und dann, nach einer unhörbaren Antwort: »Das ist alles sein Fehler, und wenn ich sie wäre, würde ich um nichts in der Welt zu ihm zurück gehen!«

»Oh, Cora, es tut ihm jetzt wirklich leid,« murmelte die ältere Frau protestierend; aber die andere entgegnete unbeschwichtigt mit ominös nickenden Federn: »Sieh doch ein – wenn sie sich tatsächlich wieder versöhnen, wird es trotzdem nie mehr dasselbe zwischen ihnen sein!«

Amherst fuhr nervös auf, und dabei schlug die Uhr drei; er öffnete die Tür und ging hinaus in die Halle. Sie war mit schwarzem und weißem Marmor ausgelegt; die Wände waren in einem trüben Gelbton getüncht, und der vorherrschende Geruch von Antiseptika mischte sich mit abgestandenem Küchenduft. Auf der Rückseite erhob sich eine gerade Treppe, die mit einem messingverankerten Federharzteppich belegt war wie der Niedergang auf einem Schiff; und diese Treppe würde sie jeden Moment herunter kommen – er bildete sich ein, schon ihren Schritt zu hören …

Aber es war nur der einer ältlichen, schwarzgewandeten Frau mit einer Haube – wahrscheinlich der Oberschwester.

Sie sah Amherst überrascht an und frage: »Warten Sie auf jemanden?«

Er machte eine zustimmende Bewegung, und sie öffnete die Wartezimmertür und sagte: »Gehe Sie bitte hinein.«

»Darf ich nicht hier draußen warten?« bat er mit Dringlichkeit.

Sie sah ihn aufmerksamer an. »Oh, nein, ich fürchte nein. Sie finden Zeitungen und Zeitschriften dort drin.«

Sanft, aber nachdrücklich trieb sie ihn vor sich her, schloss die Tür und schritt zu den beiden Frauen am Fenster. Amhersts Hoffnungen schossen empor: vielleicht war sie gekommen, um die Besucher nach oben zu bringen! Er strengte seine Ohren an, um mitzubekommen, was gesagt wurde, und während er auf diese Weise in Anspruch genommen war, öffnete sich die Tür, und sich auf das Geräusch hin umwendend, befand er sich Auge in Auge mit seiner Frau.

Er hatte nicht bedacht, dass Justine in ihrer Schwesterntracht kommen würde; und der Anblick der dunkelblauen Uniform und der kleinen weißen Haube, in der er sie nie mehr gesehen hatte seit ihrem ersten Treffen im Hope Hospital, löschte alle bitteren und unglücklichen Erinnerungen aus und gab ihm die Illusion, auf einmal in die klare Luft ihrer frühen Freundschaft zurück zu gelangen. Dann schaute er sie an und erinnerte sich.

Er bemerkte, dass sie dünner als je zuvor geworden war, oder vielmehr, dass ihre Schlankheit, die früher eine gesunde, schilfähnliche Stärke besessen hatte, nun Erschöpfung und Mattigkeit verriet. Und ihr Gesicht wirkte verbraucht, ausgelöscht – besonders die Augen sahen leblos aus. Ihre ganze Lebenskraft schien sich in den Schwung dichten schwarzen Haars zurückgezogen zu haben, das immer noch ihre Stirn umschloss wie das Edelmetall einer altertümlichen Büste.

Dieser Anblick erschütterte ihn mit tiefem Mitleid und heftigen Gewissensbissen; aber sein Impuls, sie an sich zu ziehen und Vergebung von ihren Lippen zu empfangen, wurde gelähmt von der Wahrnehmung, dass die drei Frauen am Fenster zu sprechen aufgehört und ihre Köpfe der Tür zugewendet hatten.

Er streckte seine Hand aus, und Justines berührte seine für eine Sekunde; dann sagte er leise: »Gibt es keinen anderen Ort, wo ich dich treffen kann?«

Sie vollführte eine verneinende Gebärde. »Heute leider nicht.«

Ah, ihre tiefe, liebliche Stimme – wie sehr hatte seinem Ohr dieser Klang gefehlt!

Sie schaute zweifelnd im Raum umher und wies dann auf ein Sofa, das am weitesten entfernt von den Fenstern stand.

»Sollen wir uns dorthin setzen?«

Er folgte ihr schweigend, und sie setzten sich Seite an Seite nieder. Die Matrone hatte einen Stuhl heran gezogen und nahm ihre geflüsterte Besprechung mit den Frauen am Fenster wieder auf.

Zwischen den beiden Gruppen erstreckte sich die kahle Länge des Raumes, unterbrochen nur von einigen Armsesseln aus gebeiztem Holz und dem mit Zeitschriften bedeckten Marmortisch.

Die Unmöglichkeit, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, entwickelte in Amherst eine ungewohnte Intensität der Wahrnehmung, als ob plötzlich ein sechster Sinn aufgetaucht sei, um den Platz derer einzunehmen, von denen er keinen Gebrauch machen durfte. Und mit der neu erworbenen Fähigkeit schien er, wie er es nie in ihren Stunden engsten Umgangs getan hatte, jede Einzelheit der Persönlichkeit seiner Frau, ihres Gesichtes und ihrer Hände und Gesten, aufzusammeln und in sich aufzusaugen. Er bemerkte, wie ihre vollen oberen Lider, die eine gelbliche Elfenbeintönung besaßen, eine leichte bläuliche Verfärbung hatten, und wie kleine, blaue Adern wie Fäden über ihre Schläfen zu den Haarwurzeln verliefen. Die Abmagerung ihres Gesichts und die hohlen Schatten neben ihren Wangenknochen ließen ihren Mund roter und voller erscheinen, obgleich ihm eine schmale Linie auf jeder Seite, wo sie sich mit der Wange verbanden, eine tragische Ermattung verlieh. Und ihre Hände! Als ihre Finger seinen begegneten, erinnerte er sich, wie er einst im Winterwald das federleichte Skelett eines erfrorenen Vogels aufgehoben hatte – und so fühlte sich ihre Berührung an.

Und er war derjenige, der sie dahin gebracht hatte, durch seine Grausamkeit, seine niederträchtige Bereitschaft, das Schlimmste von ihr zu glauben! Er wollte sich nicht in Selbstanklagen ergießen – das schien ihm ein zu leichter Fluchtweg. Er wollte sie einfach in seine Arme nehmen, sie bitten, ihm noch einmal eine Chance zu geben – und es ihr dann zu zeigen! Und die ganze Zeit war er gelähmt durch die Gruppe am Fenster.

»Können wir hinaus gehen? Ich muss dir 'was sagen,« begann er wieder nervös.

»Nicht diesen Nachmittag – der Arzt kommt gleich. Morgen – –«

»Ich kann nicht bis morgen warten!«

Sie machte eine schwache, unmerkliche Gebärde, die seine Augen übersetzten: »Du hast ein ganzes Jahr gewartet.«

»Ja, ich weiß,« erwiderte er, immer noch eingeschränkt von der Notwendigkeit, seine Stimme zu dämpfen und beständig die Entfernung zwischen ihnen und dem Fenster abzumessen. »Ich weiß, was du sagen könntest – kannst du dir nicht vorstellen, dass ich es mir eine million Mal selbst gesagt habe? Aber ich wusste nicht – ich konnte mir nicht vorstellen – –«

Sie unterbrach ihn mit einer jähen Bewegung. »Was weißt du jetzt?«

»Was du Langhope versprochen hast – –«

Sie schaute ihn mit erschrockenen Augen an, und er sah, wie das Blut flammend unter ihre Haut lief. »Aber er versprach, nichts zu sagen!« rief sie.

»Das hat er nicht – nicht mir gegenüber. Aber die Dinge machen sich von selbst bekannt. Wärest du damit zufrieden gewesen, so bis in alle Ewigkeit weiter zu machen?«

Sie hob ihren Kopf und ihre Augen ruhten ineinander. »Wenn du es gewesen wärest,« antwortete sie einfach.

»Justine!«

Erneut brachte sie ihn mit einer Geste zum Schweigen. »Bitte sag mir nur, was geschehen ist.«

»Jetzt nicht – es gibt zu viel anderes zu sagen. Und nichts ist von Belang, außer dass ich bei dir bin.«

»Aber Mr. Langhope – –«

»Er bittet dich zu kommen. Du sollst morgen Cicely besuchen.«

Ihre Unterlippe zitterte ein wenig, und eine Träne quoll hervor und blieb auf ihren Wimpern hängen.

»Aber welche Rolle spielt das alles jetzt noch? Wir sind nach diesem furchtbaren Jahr wieder zusammen,« beharrte er.

Sie schaute ihn wieder an. »Aber was hat sich tatsächlich verändert?«

»Alles – alles! nicht verändert, meine ich – es ist einfach wieder zurückgekommen.«

»Dahin … wo wir … vorher waren?« flüsterte sie; und er flüsterte zurück: »Dahin, wo wir vorher waren.«

Es entstand ein Scharren von Stühlen auf dem Boden, und mit einem Gefühl der Befreiung sah Amherst, dass die Unterredung am Fenster vorüber war.

Die beiden Besucherinnen legten ihre Umhänge um, bewegten sich langsam durch den Raum und sprachen immer noch halblaut zu der Oberschwester in aufgeregtem Ton, in den, als sie sich der Schwelle näherten, das Stakkato der jüngeren Frau erneut verfiel.

»Ich sag dir, wenn sie zu ihm zurück geht, wird es nie wieder dasselbe zwischen ihnen sein!«

»Oh, Cora, das würd' ich nicht sagen,« jammerte die andere vergebens; dann gingen sie zur Tür, und einen Augenblick später hatte sie sich hinter ihnen geschlossen.

Amherst drehte sich mit ausgestreckten Armen zu seiner Frau. »Sag, dass du mir vergibst, Justine!«

Sie hielt sich etwas zurück von seinen flehenden Händen, nicht vorwurfsvoll, sondern als habe sie ein letztes Bedenken in Bezug auf ihn selbst.

»Ist nichts zurückgeblieben … von dem Schrecklichen?« fragte sie, den Atem anhaltend.

»Ohne dich zu sein – das ist das einzig Schreckliche!«

»Bist du sicher – – ?«

»Das bin ich!«

»Ist es für dich genauso … genau wie es … vorher war?«

»Genauso, Justine!«

»Es ist nicht wegen mir, sondern wegen dir.«

»Dann eben wegen mir – sprich nicht mehr davon!« beschwor er sie.

»Weil es also doch nicht dasselbe ist?« entschlüpfte es ihr.

»Weil es ausgelöscht ist – weil es nie gewesen ist!«

»Niemals?«

»Niemals!«

Es spürte, wie sie ihm hierbei nachgab, und ihr Gesicht befand sich schließlich unterhalb seiner Augen, nahe seinen Lippen. Doch als sie sich küssten, hörten sie, wie der Türgriff betätigt wurde, und sie zog rasch ihre Hand zurück, die von seiner umschlungen unter der Falte ihres Kleides verweilt hatte.

»Miss Brent – der Arzt möchte, dass Sie schnell hoch kommen und das Morphium verabreichen.«

Die Tür schloss sich wieder, während Justine aufstand. Amherst blieb sitzen – er hatte keinen Versuch gemacht, ihre Hand zurück zu halten, als sie ihm entglitt.

»Ich komme,« rief sie der sich zurückziehenden Schwester hinterher; dann drehte sie sich langsam um und schaute ihrem Mann ins Gesicht.

»Ich muss gehen,« sagte sie leise.

Ihre Augen fanden sich für einen Moment zusammen; aber er schaute wieder fort, als er aufstand und nach seinem Hut griff.

»Dann bis morgen – –« sagte er ohne einen Versuch, sie zurück zu halten.

»Morgen?«

»Du musst hier weg – du musst nach Hause kommen,« wiederholte er mechanisch.

Sie gab keine Antwort, und er streckte seine Hand aus und nahm ihre. »Morgen,« sagte er und zog sie zu sich hin; und ihre Lippen begegneten sich wieder, aber nicht in demselben Kuss.


 

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