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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 39
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XXXVIII.

Um halb sechs an diesem Nachmittag, gerade als Amherst in Hanaford bei seiner Rückkehr von der Fabrik den Schlüssel in seine Tür steckte, wurde Mrs. Ansell in New York in Mr. Langhopes Bibliothek geführt.

Als sie eintrat, erhob sich ihr Freund von seinem Sessel am Feuer und wandte ihr ein so von Erregung gezeichnetes Gesicht zu, dass sie kurz mit einem Ausruf der Besorgnis anhielt.

»Henry – was ist passiert? Warum hast du mich gerufen?«

»Weil ich nicht zu dir kommen konnte. Ich hätte mich nicht auf die Straße getraut – im Tageslicht.«

»Aber weshalb? Was ist los? – Nicht etwa Cicely – –«

Er streckte beide Hände in einer umfassenden Gebärde nach oben. »Cicely – jeder – die ganze Welt!« Seine geballte Faust kam herunter auf den Tisch, gegen den er sich lehnte. »Maria, meine Tochter hätte gerettet werden können!«

Mrs. Ansell schaute ihn mit wachsender Verstörung an. »Gerettet – Bessys Leben? Aber wie? Von wem?«

»Sie hätte am Leben bleiben können, ich meine – um gesund zu werden. Sie wurde getötet, Maria; diese Frau da hat sie getötet.«

Mrs. Ansell ließ sich mit einem weiteren Aufschrei der Fassungslosigkeit hilflos in den nächsten Sessel sinken. »Um Himmels Willen, Henry – welche Frau?«

Er setzte sich ihr gegenüber, umklammerte seinen Stock und stützte sein Gewicht schwer auf ihn – ein weißköpfiger, zerzauster alter Mann. »Warum fragst du – nur um mich zu schonen?«

Ihre Augen trafen sich in einem durchdringenden Wechsel von Frage und Antwort, und Mrs. Ansell bemühte sich, vernünftig heraus zu bringen: »Ich frage, um zu verstehen, was du sagst.«

»Also gut, wenn du darauf bestehst, das Selbstverständliche auszusprechen – meine Schwiegertochter hat meine Tochter getötet. Da hast du's.« Er lachte stumm, mit einer Träne auf seinen geröteten Augenlidern.

Mrs. Ansell stöhnte. »Henry, du scherzest – ich verstehe immer weniger.«

»Ich weiß nicht, wie ich deutlicher sprechen könnte. Sie hat es mir selbst in diesem Raum vor nicht einer Stunde gesagt.«

»Sie hat es dir gesagt? Wer hat es dir gesagt?«

»John Amhersts Frau – erzählte mir, sie hätte mein Kind getötet. Es ist so leicht wie Atmen – wenn man mit einer Morphiumspritze umgehen kann.«

Allmählich schien seine Zuhörerin Licht zu sehen. »Oh, mein armer Henry – du meinst – sie gab zu viel? Es war ein furchtbarer Unfall?«

»Es war kein Unfall. Sie tötete mein Kind – tötete es absichtlich. Sieh mich nicht an, als wäre ich wahnsinnig. Sie saß in diesem Sessel, in dem du jetzt sitzt, als sie es mir erzählte.«

»Justine? Ist sie heute hier gewesen?« Mrs. Ansell unterbrach sich in schmerzlichem Bemühen, ihre Gedanken zu ordnen. »Aber warum hat sie es dir gesagt?«

»Ganz einfach: um Wyant zuvor zu kommen.«

»Oh – –« brach es aus seiner Zuhörerin in einem langen Seufzer von Angst und Erkenntnis heraus. Mr. Langhope schaute sie mit einem Lächeln elender Entschuldigung an.

»Du wusstest es – du vermutetest es längst? – Aber nun musst du es aussprechen!« rief er in einem unerwartet befehlenden Ton.

Sie saß bewegungslos da, als versuche sie sich selbst zu sammeln. »Ich weiß nichts – ich dachte nur – warum wurde dies niemals bekannt?«

Sofort machte er sich über sie her. »Du denkst – weil sie einander verstanden? Und jetzt hätte es einen Bruch zwischen ihnen gegeben? Er wollte einen zu großen Anteil von der Beute? Oh, es ist alles so entsetzlich widerwärtig!«

Er verbarg sein Gesicht mit einer zitternden Hand, und Mrs. Ansell blieb stumm, versunken in die sprachlose Not des Vermutens. Am Ende gewann sie in gewissem Maße ihre gewohnte Fassung zurück, beugte sich vor und sagte, ihm ins Gesicht schauend, in ruhigem Ton: »Wenn ich dir helfen soll, musst du versuchen, mir zu erzählen, was vorgefallen ist.«

Er vollführte eine ungeduldige Geste. »Hab' ich's dir nicht gesagt? Sie merkte, dass ihr Komplize sprechen wollte, und eilte nach New York, um ihm zuvor zu kommen.«

Mrs. Ansell dachte nach. »Aber wieso – wo seine Stelle im St. Christopher's sicher ist – entschied sich Dr. Wyant zu diesem Zeitpunkt, ihr zu drohen – wenn er, wie du glaubst, ihr Komplize ist?«

»Weil er Drogen nimmt und sie nicht wollte, dass er die Stelle bekommt.«

»Sie wollte es nicht? Aber das sieht nicht so aus, als hätte sie Angst. Sie hätte bloß ihren Mund zu halten brauchen!«

Mr. Langhope lachte sardonisch. »Es ist nicht ganz so einfach. Amherst wollte nach New York kommen, um es mir zu sagen.«

»Ach – er weiß es?«

»Ja – und sie zog es vor, dass ich erst ihre Version bekäme.«

»Und wie lautet ihre Version?«

Die Kummerfalten in Mr. Langhopes Gesicht vertieften sich. »Maria – frag mich nicht zu viel! Ich kann das nicht noch 'mal alles wiederholen. Sie sagt, sie wollte mein Kind schonen – sie sagt, die Ärzte hielten sie am Leben und quälten sie nutzlos, wie in … in einer Art wissenschaftlichen Experiments … Sie zwang mir die grässlichsten Einzelheiten auf …«

Mrs. Ansell wartete einen Moment.

»Nun! Könnte das nicht stimmen?«

»Wyants Version sieht anders aus. Er sagt, Bessy würde sich erholt haben – er sagt, Garford dachte ebenso.«

»Und was sagte sie dazu? Leugnet sie es?«

»Nein. Sie gibt zu, dass Garford im Zweifel war. Aber sie sagt, die Chance wäre zu gering gewesen – die Qual zu groß … das ist natürlich ihr Stichwort!«

Mrs. Ansell lehnte sich im Sessel zurück, legte die Hände nachdenklich über ihre Arme und gab sich der stillen Betrachtung dieser fragmentarisch vor ihr hingeworfenen Bemerkungen hin. Die lange Gewohnheit, ihren Freunden in Augenblicken in Verwirrung und Anspannung dienstbar zu sein, hatte ihr ein beinahe richterliches Geschick verliehen, Fakten, die unzusammenhängend vorgetragen wurden, zu entwirren, auf einander abzustimmen und den motivischen Faden zu erfassen, der sie verband; nie zuvor hatte sie allerdings vor einer in sich so ergreifenden Situation gestanden, die in so vertrauter Weise auf ihre persönlichen Gefühle eindrang; sie benötigte Zeit, um ihre Gedanken von dem bevorstehenden Sturm der Empfindungen frei zu halten.

Schließlich hob sie den Kopf und sagte: »Warum ließ Mr. Amherst sie zu dir kommen, anstatt selbst zu kommen?«

»Er weiß nicht, dass sie hier ist. Sie hat ihn überredet, noch einen Tag zu warten, und sobald er zur Fabrik gegangen war heute morgen, nahm sie den ersten Zug nach New York.«

»Ach – –« murmelte Mrs. Ansell gedankenvoll; und Mr. Langhope versetzte mit abschließender Gebärde: »Brauchst du noch mehr Beweise einer von Panik gebeutelten Schuld?«

»Oh, Schuld –« Seine Freundin wickelte ihren großen weichen Muff um eine herabhängende Hand. »Es gibt so viel, was noch zu verstehen wäre.«

»Dein Verstand arbeitet sonst nicht so langsam!« sagte er etwas ; aber sie schenkte seinem Ton keine Beachtung.

»Amherst, zum Beispiel – wie lange hat er davon gewusst?« fuhr sie fort.

»Ein oder zwei Wochen nur – darauf hat sie bestanden.«

»Und welche Haltung hat er dazu?«

»Ah – das, vermute ich, ist genau das, was sie uns vorenthalten möchte!«

»Du meinst, sie hat Angst – –«

Mr. Langhope runzelte seine abgespannten Brauen. »Sie hat Angst, natürlich – tödliche Angst – ich hab' noch nie eine Frau gesehen, die mehr Angst hatte. Ich möchte nur wissen, woher sie den Mut nahm, mir gegenüber zu treten.«

»Ach – das ist es! Warum trat sie dir gegenüber? Um ihre Tat abzuschwächen – um dir ihre Version darzustellen, weil sie fürchtete, seine könnte schlimmer sein? Gehst du davon aus, das dies ihr Beweggrund war?«

Es war nun an Mr. Langhope, zu zögern. Er zerpflügte den dicken türkischen Läufer mit der Spitze seines Ebenholzstocks, ein- oder zweimal einhaltend, um ihn wie einen Handbohrer in einer Lücke des Flors herumzudrehen.

»Nicht der Beweggrund natürlich, den sie eingestanden hat.«

»Gut – dann lass mich wenigstens diesen wissen.«

»Ihr erklärtes Motiv? Oh, sie hatte natürlich eins vorbereitet – du kannst wohl annehmen, dass sie ein Dutzend in Bereitschaft hat! Das, was sie vorbrachte, lautet – dass sie einfach ihren Mann schützen wollte.«

»Ihren Mann? Braucht er auch Schutz?«

»Mein Gott, wenn er auf ihre Seite tritt – –! Jedenfalls schien sie zu fürchten, dass das, was sie getan hat, ihn ruinieren könnte; ihn zu dem Gefühl veranlassen könnte – so weit ihm das möglich ist! – dass die bloße Tatsache, ihr Mann zu sein, seine Lage als Cicelys Stiefvater, als mein Schwiegersohn, unhaltbar macht. Und sie kam her, um ihn gewissermaßen freizusprechen – kurz, um herauszufinden, auf Grund welcher Bedingungen ich gewillt wäre, meine gegenwärtigen Beziehungen zu ihm fortzusetzen, als ob diese abscheuliche Sache mir nicht bekannt geworden wäre.«

Mrs. Ansell hob rasch ihren Kopf. »Gut – und wie lauteten deine Bedingungen?«

Er zögerte. »Sie verschonte mich mit der Qual, welche vorzubringen – ich musste nur ihre akzeptieren.«

»Ihre?«

»Dass sie ganz und gar aus meinem Gesichtskreis verschwinden würde – und dem des Kindes natürlich. Du lieber Himmel, ich würde gern Amherst darin einschließen! Aber ich bin, wie du weißt, durch Cicelys Interessen an Händen und Füßen gebunden; und ich muss sagen, sie entlastete ihn vollständig – vollständig!«

Mrs. Ansell schwieg erneut, aber ein Schwarm von Gedanken überquerte rasant ihr ermattetes Gesicht. »Aber wenn du bei den alten Konditionen mit ihrem Mann bleibst, wie kann sie da aus deinem Leben verschwinden, ohne dies auch aus seinem zu tun?«

Mr. Langhope lachte leise. »Ich überlasse es ihr, dieses Problem zu lösen.«

»Und du glaubst, Amherst wird solchen Bedingungen zustimmen?«

»Er wird es nicht erfahren.«

Das Unerwartete dieser Antwort führte bei Mrs. Ansell nur zu einem unartikulierten Fragelaut; und Mr. Langhope fuhr fort: »Jedenfalls noch nicht. Sie hatte alles durchdacht – alles vorhergesehen; und sie nötigte mir – ich weiß nicht wie! – das Versprechen ab, dass ich, wenn ich ihn träfe, es so aussehen lassen würde, dass ich ihn vollständig freispräche, nicht nur von jeder Komplizenschaft oder wie du es sonst nennen willst, sondern auch von jeder Art von Verbindung mit dieser Angelegenheit in meinen Gedanken an ihn. Kurz gesagt, ich soll ihm das Gefühl geben, dass er und ich auf dem alten Fuß weiter machen – und ich habe zugestimmt, mit der Bedingung, dass sie sich selbst irgendwie auslöscht – natürlich mit einem anderen Vorwand.«

»Ein anderer Vorwand? Aber was für ein Vorwand sollte denkbar sein? Mein armer Freund, er betet sie an!«

Mr. Langhope hob leicht seine Brauen. »Wir haben ihn nicht gesehen, seit ihm dies bekannt wurde. Sie aber schon; und es entschlüpfte ihr, dass er von Entsetzen geschlagen war.«

Mrs. Ansell schaute mit einem raschen Ausruf auf. »Entschlüpfte? Ist es nicht wahrscheinlicher, dass sie es dir aufgezwungen hat – es nachdrücklich betont hat bis zur letzten Grenze der Glaubwürdigkeit?« Sie ließ ihre Hände auf die Armlehnen sinken und rief, ihm geradewegs in die Augen schauend: »Du sagst, sie war erschreckt? Mir kommt es so vor, als wäre sie unerschrocken!«

Mr. Langhope starrte einen Moment vor sich hin; dann sagte er mit ironischem Achselzucken: »Dann hat sie ohne Zweifel darauf gerechnet, mich auch damit zu beeindrucken.«

Mrs. Ansell stieß erschauernd einen Seufzer aus. »Oh, ich verstehe, dass du so empfindest – ich stecke selbst tief in diesem Schrecken. Aber ich kann nicht einfach übersehen, dass diese Frau sich selbst hätte retten können – und dass sie statt dessen entschied, ihren Mann zu retten. Was ich, nach dem, was ich von ihm weiß, noch nicht verstehe,« sprach sie grübelnd weiter, »ist, wie oder auf Grund welchen vorstellbaren Vorwands sie ihn dazu bringen will, dieses Opfer anzunehmen.«

Mr. Langhope machte eine ablehnende Bewegung. »Wenn das der einzige Punkt ist, bei dem dein Verstand verweilen kann – –«

Mrs. Ansell schaute auf. »Er verweilt nirgendwo bis jetzt – außer, mein armer Henry,« murmelte sie, indem sie aufstand, zu ihm kam und sanft ihre Hand auf seine gebeugte Schulter legte – »außer bei deinem Kummer und Elend – bei dem besonderen Teil, von dem ich jetzt nicht sprechen, dich nicht darüber befragen kann …«

Er ließ ihre Hand dort eine Weile ruhen; dann wandte er sich um, zog sie in seine eigenen zitternden Finger, presste sie stumm mit einem hilflos umschlingenden Griff, der ihr Tränen in die Augen trieb.


Justine Brent hatte in ihrer frühesten Jugend eine jener emotionalen Erfahrungen durchgestanden, die die kindlichen Leiden des Herzens ausmachen. Sie hatte sich eingebildet, sie werde von einem Jugendlichen ihres Alters geliebt, hatte insgeheim seine Hingabe erwidert und erlebt, wie er ihr von einer anderen geraubt wurde. Solch ein Vorfall, unvermeidlich wie die Masern, hinterlässt bisweilen, wie jene milde Krankheit, Spuren, die in keinem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Heftigkeit stehen. Dieser Schlag traf Justine mit tragischer Plötzlichkeit, und sie taumelte unter ihm, dachte dunkel an den Tod und verleugnete alle Hoffnungen künftigen Glücks. Ihr bereitwilliger Stift verlockte sie oft, ihre Eindrücke festzuhalten, und sie fand nun eine Fluchtmöglichkeit aus der Verzweiflung, indem sie die Geschichte eines ähnlich betrogenen Mädchens aufschrieb. In ihrer Geschichte tötete sich die Heldin selbst; aber die Verfasserin, gerettet durch dieses stellvertretende Opfer, lebte und lächelte nach einiger Zeit sogar über ihr Manuskript.

Es war viele Jahr her, seit Justine Amherst an den Vorfall aus ihrer Jugend gedacht hatte; die Erinnerung daran kam ihr jedoch in den Sinn, als sie sich von Mr. Langhopes Tür abwandte. Für eine Weile schien Tod der leichteste Ausweg aus dem, was vor ihr lag; aber obwohl sie ihre Verzweiflung nicht mehr dadurch heilen konnte, dass sie sie in Fiktion verwandelte, wusste sie auf einmal, dass sie sie irgendwie in Begriffe des Handelns umformen musste, dass sie stets vom Leben in noch mehr Leben entfliehen musste und nicht in dessen Verneinung.

Zu Mr. Langhope hatte sie jene Sühneleidenschaft gebracht, die immer noch in den schlaflosen Herzen der Frauen so hoch flackert und ihre Nahrung von so tief unten erhält. Wenn sie auch nie in der Überzeugung geschwankt hatte, dass die Tat gerechtfertigt war, taumelten doch ihre Gedanken unter dem plötzlichen Verständnis ihrer Konsequenzen. Erst heute Morgen hatte sie diese in ihrem fürchterlichen, unerwarteten Ausmaß erkannt, hatte begriffen, wie ein Stein, der sich voreilig aus dem mühsam errichteten Bauwerk menschlicher Gesellschaft löst, weit entfernt Risse in diesem unvollkommenen Gebilde hervorrufen kann. Sie erkannte, dass sie sich, da sie die Lockerung des Steins riskiert hatte, von gewöhnlichen menschlichen Bindungen fern halten sollte, wie manche Priesterinnen, die sich wegen ihres Tempeldienstes absondern. Statt dessen hatte sie das Glück mit beiden Händen ergriffen, es als das Geschenk eben jenes Schicksals angenommen, in das sie selbst beschleunigend eingegriffen hatte! Sie erinnerte sich eines alten griechischen Spruchs, dass die Götter niemals dem Sterblichen vergeben, der sich erdreistet, zu lieben und zu leiden wie ein Gott. Sie hatte sich erkühnt, beides zu tun, und die Götter brachten ihrem tieferen Ich, das sein Leben in ihren Mitmenschen besaß, den Untergang.

So viel war ihr klar geworden, als sie vernahm, wie Amherst seine Absicht erklärte, die Fakten vor Mr. Langhope auszubreiten. Seine wenigen, abgebrochenen Worte erleuchteten den fernsten Rand ihres Lebens. Sie erkannte, dass seine gegenüber dem Andenken seiner Frau rückblickend erwiesene Ehrerbietung, die weit entfernt war von der starken Leidenschaft des Geistes und der Sinne, die ihn an sie selbst band, unauslöschlich befleckt und entheiligt war durch die Entdeckung, dass alles, was er von der einen Frau empfangen hatte, für ihn gewonnen worden war durch die vorsätzliche Tat der anderen. Dies vermochte kein Argumentieren, kein Appell an das ruhigere Urteil jemals in seinen innersten Gedanken ungeschehen zu machen oder auszulöschen. Beschwichtigen konnte dies allein der Verzicht auf alles, was er durch Bessy erhalten hatte; und dieser Verzicht, der sich so sehr vom bloßen Aufopfern materiellen Wohlergehens unterschied, ging einher mit Konsequenzen, die so weit reichten, die sich so zerstörerisch auf das Anliegen auswirkten, das sein gesamtes Leben beflügelt hatte, dass Justine jenen hilflosen Schrecken des Sterblichen spürte, der einen der himmlischen Donnerkeile geschleudert hat.

Sie konnte sich keinen anderen Weg vorstellen, diese Konsequenzen zu verhindern, als den von ihr gewählten. Sie musste Mr. Langhope zuerst treffen, musste Amherst von der geringsten Verbindung mit ihrer Tat oder ihrer Absicht freisprechen. Und um dies zu erreichen, musste sie übertreiben, nicht etwa ihre eigenen Schuldgefühle – denn sie mochte nicht von der absoluten Wahrheit bei der Wiedergabe ihrer Gefühle und Überzeugungen abweichen – sondern die erste instinktive Regung des Schreckens bei ihrem Mann, den Abscheu, den ihr Geständnis tatsächlich in ihm hervorgebracht hatte. Dies war der quälendste Teil ihrer Aufgabe, und aus diesem Grund bedachte ihre erregte Vorstellungskraft ihn mit besonderem Sühnewert. Wenn sie dadurch Amhersts Seelenfrieden erkaufte und die Sicherheit seiner Zukunft, dass sie die gegenwärtige Entfremdung zwischen ihnen gestand und sogar überhöhte, brächte solch ein Entgelt wenigstens eine bittere Freude!

Die Stunde mit Mr. Langhope bewies die Richtigkeit ihrer Eingebung. Sie konnte Amherst nur durch Auslöschen ihrer selbst aus seinem Leben retten: die Menschen seiner Umgebung würden nur zu bereit sein, ihr die volle Last der Verleumdung aufzubürden. Sie bemerkte, dass Mr. Langhope aus einer Fülle von Gründen sogar im ersten Schock seiner Bestürzung unbewusst danach verlangte, Amherst zu entlasten, die Beziehung unversehrt zu bewahren, von der seine Bequemlichkeit inzwischen so stark abhing. Und sie besaß den Mut, aus diesem Verlangen das Beste heraus zu schlagen, es förmlich zu verstärken, indem sie Amhersts Standpunkt von ihrem eigenen abgrenzte, so dass sie, als die Stunde vorüber war, getröstet spürte, dass sie ihn vollständig von jeder erdenklichen Konsequenz ihrer Tat befreit hatte.

Bis zu diesem Punkt hatte der Impuls, sich selbst zu opfern, sie geradewegs zu ihrem Ziel gebracht; wie es jedoch häufig mit solchen Sühneimpulsen geschieht: er überließ sie hilflos sich selbst, ohne irgend einen anschließenden Handlungsplan. Ihr nächster Schritt war freilich klar genug: sie musste nach Hanaford zurück, ihrem Mann erklären, dass sie sich gezwungen gesehen hatte, Mr. Langhope selbst ihre Geschichte zu erzählen, und dann ihr gewöhnliches Leben wieder aufnehmen, bis sich zufällig ein Vorwand ergab, ihr Versprechen zu erfüllen. Aber würde sich denn ein Vorwand von selbst präsentieren? Kein Glockenschlag würde die Stunde der Einlösung einläuten; sie musste ihre eigene Richterin werden und auf den Ruf in den Tiefen ihres Bewusstsein lauschen.


 

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