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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 37
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XXXVI.

Nachdem Wyant den Raum verlassen und die Haustür sich hinter ihm geschlossen hatte, redete Amherst seine Frau an.

»Komm mit nach oben,« sagte er.

Justine folgte ihm ohne klares Bewusstsein, wo sie ging, doch schon mit leichterem Schritt. Ein Teil der elenden Last war mit Wyants Gehen von ihr genommen. Sie hatte weniger unter der Furcht gelitten, was ihr Mann denken könnte, als unter der Schande, ihr Geständnis in Gegenwart ihres Verleumders abzulegen. Und ihr Glaube an Amhersts Verständnis begann sich wiederzubeleben. Er hatte Wyant mit Verachtung und Abscheu hinaus gewiesen – zeigte das nicht, dass er bereits auf ihrer Seite war? Und wie viel mehr Argumente standen ihr noch zu Gebote! Sie dröhnten in ihrem Hirn, als sie ihm die Stufen hinauf folgte.

In ihrem Schlafzimmer schloss er die Tür und blieb bewegungslos stehen, mit demselben schweren, halb gelähmten Ausdruck in seinem Gesicht. Es erschreckte sie, und sie ging auf ihn zu.

»John!« sagte sie scheu.

Er legte eine Hand an seinen Kopf. »Warte einen Moment – –« erwiderte er; und sie wartete, langsam sank ihr wieder das Herz.

Als der Augenblick vorbei war, schien ihm seine Bewegungsfähigkeit zurück gekommen zu sein. Er durchquerte den Raum und warf sich in den Armsessel neben dem Kamin.

»Jetzt erzähl mir alles.«

Er saß zurückgelehnt, seine Augen auf das Feuer gerichtet, und die vertikale Linie zwischen seinen Brauen sah aus wie eine tiefe Narbe in seinem weißen Gesicht.

Justine kam näher heran und berührte flehentlich seinen Arm. »Willst du mich nicht ansehen?«

Er drehte langsam seinen Kopf, als ob es ihn anstrenge, und seine Augen ruhten widerwillig auf ihren.

»Oh, nicht so!« rief sie.

Er schien sich um mehr Selbstbeherrschung zu bemühen. »Bitte, achte nicht auf mich – sondern sag, was zu sagen ist,« sagte er mit flacher Stimme und starrte ins Feuer.

Sie stand vor ihm mit hängenden Armen und rastlos sich verschlingenden Fingern.

»Ich weiß nicht, ob es noch viel zu sagen gibt – außer dem, was ich dir schon mitgeteilt habe.«

Ein leiser Laut entrang sich Amhersts Kehle, wie der Geist eines Hohngelächters. Nach einer weiteren Weile sagte er: »Ich möchte genau hören, was geschehen ist.«

Sie setzte sich auf die Ecke eines Stuhls in der Nähe und beugte sich vor, die Hände verschränkt und die Arme auf die Knie ausgestreckt – jedes ihrer Glieder versuchte ihn zu erreichen, als sei ihr ganzer schlanker Körper ein mit flehentlichen Bitten beflügelter Pfeil. Es bedeutete am Ende eine Erleichterung zu sprechen, sogar von Angesicht zu Angesicht mit dem versteinerten Bild, das dort am Platz ihres Mannes saß; und sie erzählte ihre Geschichte, jede Einzelheit, nichts auslassend, ohne Übertreibung – sie sprach langsam, klar, genau; sie war sich darüber im Klaren, dass die reinen Fakten ihr stärkstes Argument darstellten.

Amherst wechselte, während sie sprach, seine Position einmal und hob seine Hand, so dass sie sein Gesicht verdeckte; und in dieser Haltung verblieb er, bis sie fertig war.

Während sie darauf wartete, dass er etwas sagte, bemerkte Justine, dass ihr Herz voller schwankender Hoffnungen war. Ihre ganze Erzählung hindurch hatte sie auf ein Murmeln der Wahrnehmung, einen Ausruf des Mitleids gerechnet: sie war so sicher gewesen, dieses versteinerte Bild zum Schmelzen zu bringen. Aber Amherst sagte kein Wort.

Schließlich sprach er, ohne seinen Kopf zu drehen. »Du hast mir noch nicht gesagt, warum du mir das verheimlicht hast.«

Ein Schluchzen stieg in ihrem Hals auf, und sie musste warten, bis ihre Stimme wieder Festigkeit besaß.

»Nein – das war mein Fehler – meine Schwäche. Als ich es tat, hatte ich nie den Gedanken, es dir aus Angst nicht zu sagen – ich habe es mit dir in meinem Geist durchgesprochen … so oft … bevor …«

»Ja?«

»Also – als du zurück kamst, war es schwieriger … obwohl ich immer noch sicher war, du würdest mir zustimmen.«

»Warum schwieriger?«

»Weil ich zuerst – in Lynbrook – ich konnte da nicht alles in jeder Einzelheit so erzählen, wie ich es jetzt getan habe … es lag jenseits menschlicher Kraft … und ohne dies hätte ich es dir nicht alles verständlich machen können … und hätte so nur deinen Schmerz vergrößert. Wärest du da gewesen, du hättest dasselbe getan wie ich … das spürte ich von Anfang an. Aber da du erst danach gekommen bist, konntest du es nicht beurteilen … und ich wollte dich schonen …«

»Und danach?«

Sie war schon im Voraus vor dieser Frage zurück geschreckt und konnte sie auch jetzt nicht sogleich beantworten. Um Zeit zu gewinnen, wiederholte sie sie. »Danach?«

»Bist du nie auf den Gedanken gekommen, als wir uns später trafen – als du zuerst zu Mr. Langhope gingst – –«

»Es dir dann zu sagen? Nein – weil ich zu dieser Zeit zu der Einsicht gekommen war, dass ich nie ganz sicher sein konnte, es dir verständlich zu machen. Niemand, der zu der Zeit nicht da war, konnte wissen, was es bedeutete, sie leiden zu sehen.«

»Du hast also alles überdacht – und dich eindeutig dagegen entschieden, es mir mitzuteilen?«

»Ich musste nicht lange darüber nachdenken. Ich spürte, dass ich das Richtige getan hatte – ich empfinde es noch immer so – und ich war sicher, du würdest es auch so empfinden, wenn du dich unter denselben Bedingungen befändest.«

Nach einer Pause sagte Amherst: »Und im letzten September – in Hanaford?«

Das war das Wort, auf das sie gewartet hatte – das Wort ihrer innersten Ängste. Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg.

»Siehst du da keinen Unterschied – keinen besonderen Grund, es mir zu sagen?«

»Ja – –« sagte sie zögernd.

»Aber du hast trotzdem nichts gesagt.«

»Nein.«

Wieder Schweigen. Ihre Augen irrten zur Uhr, und eine dunkle Assoziation von Gedanken sagte ihr, dass Cicely bald herein kommen würde.

»Warum hast du nichts gesagt?«

Er ließ seine Hand sinken und drehte sich zu ihr, während er sprach; und sie schaute auf und blickte ihn an.

»Weil ich das Problem für erledigt hielt. Ich hatte das Monate zuvor für mich entschieden, und ich habe diese Entscheidung nie bereut. Ich hätte es für krank … für unnatürlich … gehalten, das ganze Thema wieder durchzugehen … es die Lage, die entstanden war, beeinflussen zu lassen … so viel später … so unerwartet.«

»Hast du nachher nie daran gedacht, wenn es bekannt würde – wenn es anderen zur Kenntnis gelangte – dass es schwierig werden könnte – –«

»Nein; denn um andere habe ich mich nicht gekümmert – und ich glaubte, dass du, wie auch deine eigenen Gefühle aussehen mochten, wissen würdest, dass ich getan hatte, was ich für richtig hielt.«

Sie sprach diese Worte stolz, stark, und zum ersten Mal entspannten sich die harten Linien seines Gesichts, das von einem leichten Zittern überzogen wurde.

»Wenn du das glaubtest, warum hast du es dann zugelassen, dass dieser Hundesohn dich erpresste?«

»Weil ich, als er damit anfing, zum ersten Mal erkannte, dass das, was ich getan hatte, sich gegen mich wenden könnte – bei denen, die unsere Heirat ablehnten. Und ich hatte Angst um mein Glück. Das war meine Schwäche … das ist es, woran ich jetzt leide.«

»Leide!« echote er ironisch, als hätte sie sich erdreistet, sich ein Wort anzumaßen, auf das er ein grimmiges Monopol besaß. Er erhob sich und tat einige ziellose Schritte; dann machte er vor ihr Halt.

»Jener Tag – im letzten Monat – als du mich um Geld batest … war das … ?«

»Ja – –« sagte sie und ließ den Kopf sinken.

Er lachte. »Du konntest es mir nicht sagen – aber mein Geld konntest du gebrauchen, um damit diesen Kerl zu bestechen, sich mit dir zu verschwören!«

»Ich hatte kein eigenes.«

»Nein – ich auch nicht! Du hast ihr Geld benutzt. – Gott!« stöhnte er und wandte sich mit geballten Fäusten ab.

Justine hatte sich auch erhoben, und sie stand bewegungslos, ihre Hände vor ihrer Brust gefaltet, in der abgespannten, zurückweichenden Haltung eines Fliehenden, der von einem die Augen blendenden Unwetter ereilt wird. Er bewegte sich wieder zu ihr hin mit bittender Geste.

»Und du hast nicht erkannt – es kam dir nicht der Gedanke – dass das, was du tatest … während du es tatest … ein Hindernis wäre – ein unübersteigbares Hindernis – für unser jemals …«

Sie fiel ihm mit einem aufgebrachten Schrei ins Wort. »Nein! Nein! dafür war es nicht. Wie könnte es irgend etwas zu tun haben mit dem was … danach kam … mit dir oder mir? Ich habe es nur für Bessy getan – es betraf nur Bessy!«

»Ah, nenne nicht ihren Namen!« brach es aus ihm hervor, und sie zog sich zurück mit verwundetem Herzen.

Es entstand noch eine Pause, während der er in eine Art benommener Unschlüssigkeit zu verfallen schien; sein Kopf war ihm auf die Brust gesunken, als sei er sich ihrer Gegenwart nicht mehr bewusst. Dann riss er sich zusammen und schritt zur Tür.

Als er vorbei kam, sprang sie ihm hinterher. »John – John! Ist das alles, was du zu sagen hast?«

»Was gibt es noch zu sagen?«

»Was noch? Alles! – Welches Recht hast du, dich von mir abzuwenden, als sei ich eine Mörderin? Ich habe nur getan, was deine eigenen Gründe, deine eigenen Argumente hundert Mal gerechtfertigt haben! Ich habe den Fehler begangen, es dir nicht gleich zu sagen – aber ein Fehler ist kein Verbrechen. Es kann nicht dein wahres Gefühl sein, dass du dich von mir abwendest – es muss die Angst vor dem sein, was andere Leute denken würden! Aber wann hast du dir etwas aus dem gemacht, was andere Leute dachten? Wann sind deine eigenen Handlungen davon bestimmt worden?«

Er tat einen weiteren Schritt, ohne zu sprechen, und sie ergriff ihn am Arm. »Nein! du wirst nicht gehen – nicht so! – Warte!«

Sie drehte sich um und durchschritt den Raum. Auf der niedrigen Ablage des kleinen Tisches an ihrem Bett waren einige Bücher aufgestellt: sie bückte sich und zog eilig eines hervor und schlug das Vorsatzblatt auf, während sie zu Amherst zurück ging.

»Da – lies das. Das Buch stand in Lynbrook – in deinem Zimmer – und es fiel mir zufällig an jenem Tag in die Hände …«

Es war der kleine Bacon-Band, den sie ihm hin hielt. Er nahm ihn mit fassungslosem Gesicht, als könne er kaum dem folgen, was sie sagte.

»Lies es – lies es!« befahl sie; und mechanisch las er die Worte vor, die er geschrieben hatte.

» La vraie morale se moque de la morale … Wir gehen zu Grunde, weil wir den Beispielen anderer folgen … Sokrates bezeichnete die Meinungen der Mehrheit mit dem Namen der Lamien. – Guter Gott!« rief er und warf das Buch mit einer Geste des Abscheus von sich.

Justine beobachtete ihn mit bebenden Lippen, ihre Knie zitterten. »Aber du hast das geschrieben – du hast das geschrieben! Ich dachte, du meinst es auch!« schrie sie, als das Buch über den Tisch trudelte und zu Boden fiel.

Er schaute sie kalt an, fast besorgt, als sei sie plötzlich gefährlich und unnahbar geworden; dann drehte er sich um und verließ den Raum.


Das Schlagen der Uhr riss sie empor. Sie stand auf, läutete die Glocke und sagte der Zofe an der Tür, sie habe Kopfweh und sei nicht in der Lage, Miss Cicely zu sehen. Dann ging sie zurück ins Zimmer, und Dunkelheit umschloss sie. Es war nicht ihre Art, Kummer passiv hinzunehmen – er trieb sie zu qualvollem Auf- und Abgehen. Sie ging und ging, bis ihre Beine erlahmten; dann ließ sie sich benommen in den Sessel sinken, wo Amherst gesessen hatte …

Ihre ganze Welt um sie her war zerbröckelt. Es schien, als sei ein Gesetz geistiger Schwerkraft geheimnisvoll aufgehoben worden, und jede fest verankerte Überzeugung, jeder anerkannte Verlauf von Argumentation taumelte verbindungslos durch den Raum. Amherst hatte sie nicht verstanden – schlimmer, er hatte sie beurteilt, wie die Welt sie beurteilen würde! Dort lag der Kern ihres Elends. Mit schrecklicher Klarheit erkannte sie den Verdacht, der ihm durch den Kopf gegangen war – den Verdacht, dass sie im Anfang Schweigen bewahrt hätte, weil sie ihn liebte und ihn zu verlieren fürchtete, wenn sie sprach.

Und wenn es stimmte? Wenn ihre unbewusste Schuld weiter zurück reichte, als sein Denken es zu verfolgen wagte? Sie konnte sich nicht an eine Zeit erinnern, als sie ihn nicht geliebt hatte. Jede Gelegenheit, mit ihm zusammenzutreffen, seit ihrem ersten kurzen Gespräch in Hanaford, stand erhaben und glänzend über der Verschwommenheit minderer Erinnerungen. War es möglich, dass sie ihn zu Bessys Lebzeiten geliebt hatte – dass sie sogar unterbewusst, blind von ihren Gefühlen für ihn gedrängt worden war, die Tat durchzuführen?

Sie schüttelte jedoch diese kranke Schreckensvorstellung ab – ihr gesundes Empfinden erholte sich immer schnell, und ihr Verstand lehnte jede Form moralischen Gifts ab. Nein! Ihre Motive waren normal, gesund und berechtigt – vollkommen berechtigt. Ihr Fehler lag darin, sich über konventionelle Beschränkungen hinweg gesetzt zu haben, lag darin zu glauben, ihr Mann könne sich mit ihr darüber hinweg setzen. Diese Überlegungen verliehen ihr Festigkeit, brachten aber nicht viel Trost. Denn ihr ganzes Leben war auf Amherst ausgerichtet, und sie erkannte, dass er nie fähig sein werde, sich von der herkömmlichen Ansicht ihrer Tat zu befreien. Indem sie zurückschaute und ihr Bild seines Charakters im erhellenden Licht der letzten Stunden revidierte, sah sie ein, dass er, wie viele gedanklich emanzipierte Männer, gefühlsmäßig noch den alten Konventionen unterworfen war. Und er hatte wahrscheinlich nie viele Gedanken an Frauen verschwendet, ehe er sie traf – war immer zufrieden damit gewesen, ihren Handel mit ihnen in der anerkannten Gefühlswährung zu treiben. Eigentlich war es ja das beliebteste Zahlungsmittel, für das sie ihre hübschesten Waren anboten!

Aber wie stand es mit dem intellektuellen Einklang zwischen ihm und ihr? Sie hatte sich darin nicht getäuscht! Er und sie waren tatsächlich im Geist ebenso verheiratet gewesen wie im Herzen. Aber bis jetzt hatte sich in ihrem Leben noch nicht eine jener dringlichen Fragen erhoben, durch die Regungen ins Spiel kamen, die weit unterhalb der Vernunft und des Urteilsvermögens ihre Wurzeln haben, in den dunklen, ursprünglichen Tiefen ererbten Fühlens. Es ist leicht, unpersönliche Probleme intellektuell zu beurteilen, da man sie ins volle Licht erworbenen Wissens rücken kann; aber oft genug muss man immer noch seinen Weg durch die persönlichen Schwierigkeiten mit Hilfe jener matten Wachskerze ertasten, die von längst abgestorbenen Händen gehalten wird …

Gab es denn aber keine Hoffnung, sein individuelles Leben zu einer klareren Höhe des Verhaltens zu erheben? Musste man damit zufrieden sein, das Denken für die gesamte Species zuzulassen, das Fühlen aber – das blinde, unzusammenhängende Fühlen – nur für einen selbst? Und sollte nicht von solchen Wesen wie Amherst – Wesen, in denen sich Unabhängigkeit des Urteils mit starkem menschlichen Mitgefühl verband – der befreiende Impuls kommen?

Ihr Kopf erschöpfte sich im vergeblichen Umwälzen dieser Fragen. Unbestreitbar war Amherst in diesem besonderen Fall nicht über emotionale Vorurteile hinausgelangt; dass er, obwohl ihre Tat seine intellektuelle Billigung besaß, sich von ihr mit instinktiver Abneigung abgewandt hatte, entehrte sie durch äußerst verletzende Verdächtigungen. Das Band zwischen ihnen war beschmutzt und für immer entwürdigt.

Auf Grund ihrer langen Krankenhaus-Disziplin verlor sie weder das Gefühl für die Zeit noch ließ sie ihr Elend sich zu geistiger Stumpfheit verdichten. Sie musste einfach denken und sich bewegen; und sogleich stand sie auf, drehte das Licht an und begann, sich für das Dinner zurecht zu machen. Es würde schrecklich werden, ihrem Mann an Mr. Langhopes hübschem Esstisch gegenüber zu sitzen und danach in dem bezaubernden Salon mit seinen köstlichen alten Verzierungen und seinen vertrauten luxuriösen Möbeln; aber sie konnte nicht mehr bewegungslos im Dunkeln verharren: ihr innerster Instinkt befahl ihr, sich aufzuraffen und weiter zu machen.

Während sie sich umkleidete, horchte sie ängstlich auf Amhersts Schritt im Nachbarzimmer; aber es gab keinen Laut, und als sie sich die Treppe hinunter schleppte, war der Salon leer, und das Stubenmädchen fragte nach einer angemessenen Pause, ob das Dinner verschoben werden solle.

Sie verneinte, murmelte einen unbestimmten Vorwand für die Abwesenheit ihres Mannes und saß allein während der Folge von Gängen, die das kurze, aber sorgfältig zusammengestellte Menü bildeten. Als dieses Martyrium vorüber war, kehrte sie in den Salon zurück und nahm ein Buch. Es war zufällig ein neuer Band über Probleme der Arbeiterschaft, das Amherst von Westmore mitgebracht haben musste; und es richtete ihre Gedanken auf die Fabrik. Würde diese Katastrophe ihre Arbeit dort ebenso vergiften wie ihre persönliche Beziehung? Würde er sie als ansteckende Krankheit sogar in Bezug auf die Aufgabe betrachten, die von ihrer Liebe in strahlendes Licht getaucht worden war?

Die Stunden vergingen, ohne dass er zurück kam, und schließlich fiel ihr ein, dass er den Nachtzug nach Hanaford genommen haben könnte. Ihr Herz zog sich bei diesem Gedanken zusammen: sie dachte – obwohl jeder Nerv vor diesem Vergleich zurück schrak – an seine plötzliche Flucht in einer anderen Krise seines Lebens, und es überkam sie das dunkle Gefühl, dass sie ihn, wenn er ihr jetzt entfloh, nie wieder zu fassen bekommen würde. Doch konnte er so grausam sein – konnte er wünschen, dass jemand litt, so wie sie es tat?

Um zehn Uhr hielt sie es im Salon nicht mehr aus und ging wieder auf ihr Zimmer. Langsam entkleidete sie sich; sie versuchte, den Vorgang so weit in die Länge zu ziehen wie möglich, um die Zeitspanne von Schweigen und Untätigkeit hinauszuschieben, die auf sie eindringen würde, wenn sie sich zu Bett legte. Aber schließlich trat der gefürchtete Moment ein – es gab nichts zwischen ihr und der Nacht. Sie kroch ins Bett und machte das Licht aus; als sie indes zwischen die kalten Laken schlüpfte, ergriff sie ein Zittern, und kurz darauf zog sie wieder ihren Morgenmantel an und tastete sich zum Sofa am Kamin.

Sie schob das Sofa näher ans Feuer und legte sich hin, immer noch zitternd, obwohl sie die Steppdecke bis an ihr Kinn gezogen hatte. Lange Zeit lag sie so da, mit geschlossenen Augen, in von jähen Erinnerungsblitzen zerrissener geistiger Dunkelheit. In einem davon stach ein Satz von Amherst hervor – ein Wort, das er in Westmore gesprochen hatte, am Tag der Eröffnung der Notfallstation, über einen gutaussehenden jungen Mann, der sie hatte besuchen wollen. Sie dachte an Amhersts jungenhaften Ausbruch von Eifersucht, seine plötzliche Erleichterung bei dem Gedanken, dass der Besucher Wyant hätte sein können. Und ohne Zweifel war es Wyant gewesen – Wyant, der nach Hanaford gekommen war, um ihr zu drohen, und der, ratlos, da sie noch nicht angekommen, oder aus einem anderen unerklärten Grund wieder gegangen war, ohne seine Absicht auszuführen.

Es war furchtbar zu denken, wie wenig gefehlt hätte, dass ihr erster Schluck des Glücks vergiftet worden wäre; dennoch schrie es in ihr, als sie das begriff: »Wenn das geschehen wäre, hätte mein Liebster nicht leiden müssen!« … Schon spürte sie Amhersts Qual stärker als ihre eigene, denn sie begriff, dass seine für ihn schwerer zu ertragen war als ihre, weil seine Qual sich mit dem gesamten reflexiven Teil seines Wesens im Kriegszustand befand.

Als sie da lag, ihr Gesicht in die Kissen gedrückt, hörte sie einen Klang durch das stumme Haus – das Öffnen und Schließen der Außentür. Kälte erfasste sie, und sie lag lauschend da mit angestrengten Ohren … Ja; jetzt ertönte ein Schritt auf den Stufen – der Schritt ihres Mannes! Sie hörte, wie er sich zu seinem Zimmer wandte. Das Pochen ihres Herzen machte sie fast taub – sie unterschied nur verschwommen, dass er sich dort drüben bewegte, so nahe, als könne sie seine Berührung spüren. Dann öffnete sich ihre Tür, und er trat ein.

Er stolperte ein wenig in der Dunkelheit, bevor er den Lichtschalter fand; und als er sich über sie beugte, sah sie, dass sein Gesicht errötet war und dass seine Augen ein erregtes Licht ausstrahlten, das bei einem weniger Enthaltsamen beinahe wie die Wirkung von Alkohol aussehen mochte.

»Bist du wach?« fragte er.

Sie fuhr auf aus den Kissen, ihr schwarzes Haar floss um ihr schmales geisterhaftes Gesicht.

»Ja.«

Er kam herüber zum Sofa und sank in den tiefen Sessel neben ihr.

»Ich hab' diesem Hundesohn ein Lektion erteilt, die er nicht vergessen wird,« rief er hart atmend; die Röte seines Gesichts vertiefte sich.

Sie drehte sich freudig zitternd zu ihm. »John! – Oh, John! Du bist ihm doch nicht gefolgt? Oh, was ist passiert? Was hast du getan?«

»Nein. Ich bin ihm nicht gefolgt. Aber es gibt ein paar Dinge, die sogar die Mächte dort oben nicht aushalten. Und da haben sie es so eingerichtet, dass ich ihm begegnete – durch reinsten Zufall – und ich hab' ihm 'was gegeben, an das er sich erinnern wird.«

Er sprach mit starker, klarer Stimme, die eine Helligkeit besaß wie die in seinen Augen. Sie spürte deren Hitze in ihren Adern – die Frau in ihr erglühte in der Berührung mit dem Mann in ihm. Doch im nächsten Augenblick kühlte Überlegung sie ab.

»Aber warum – warum? Oh, wie konntest du nur? Wo ist es passiert – oh, doch nicht auf der Straße?«

Als sie ihn dies fragte, stieg vor ihrem Innern die schreckenerregende Vorstellung einer zusammengerotteten Menge auf – Polizei, Zeitungen, scheußliche Öffentlichkeit. Er musste wahnsinnig gewesen sein, das zu tun – und trotzdem musste er es getan haben, weil er sie liebte!

»Nein – nein. Keine Angst. Die höheren Mächte haben auch dafür gesorgt. Es war keiner dabei – und ich glaube nicht, dass er viel darüber sprechen möchte.«

Sie zitterte, aus Furcht, aber auch weil sie ihn bewunderte. Nichts hätte dem Amherst, den sie zu kennen glaubte, unähnlicher sehen können als diese Handlung aus unvernünftiger Wut, die wie mit Zauberhand die Dunkelheit von seiner Seele gehoben hatte; und ebenso mit Zauberhand hatte sie ihn ihr zurück gegeben, machte sie wieder zu ›einem Fleisch‹. Und plötzlich wurde der Druck gegensätzlicher Empfindungen zu stark, und sie brach in Tränen aus.

Sie weinte gequält, verletzt, mit dem Widerstand starker Naturen, die das Ausdrücken von Gefühlen nicht gewöhnt sind; schließlich spürte sie durch den Aufruhr ihrer Tränen hindurch die beruhigende Berührung ihres Mannes.

»Justine,« sagte er, nun wieder mit seinem natürlichen Stimmklang sprechend.

Sie hob ihr Gesicht aus ihren Händen, und sie sahen einander an.

»Justine – an diesem Nachmittag – habe ich Dinge gesagt, die ich nicht sagen wollte.«

Ihre Lippen teilten sich, aber in ihrer Kehle steckten noch zu viele Schluchzer, und sie konnte ihn nur anschauen, während die Tränen herab rannen.

»Ich glaube, ich begreife es nun,« fuhr er in demselben ruhigen Ton fort.

Ihre Hand zog sich vor seiner Umklammerung zurück, und sie zitterte wieder. »Oh, wenn du nur glaubst … wenn du nicht sicher bist … täusche nicht vor, es zu sein!«

Er setzte sich neben sie und zog sie in seine Arme. »Ich bin sicher,« flüsterte er, drückte sie an sich und presste seine Lippen auf ihr Gesicht und ihr Haar.

»Oh, mein Mann – mein Mann! Du bist zu mir zurück gekommen?«

Er antwortete mit weiteren Küssen und murmelte dazwischen: »Armes Kind – armes Kind – arme Justine …« und hielt sie fest.

Während sie ihr Gesicht an ihn presste, gab sie dem kindlichen Bedürfnis nach, unberechtigte Ängste heraus zu murmeln: »Ich hatte Angst, du wärst zurück nach Hanaford gefahren – –«

»Heute Nacht? Nach Hanaford?«

»Um es deiner Mutter zu erzählen.«

Sie spürte eine Anspannung in dem Arm, der sie umfing, als ob ein schmerzhaftes Pochen ihn verhärte.

»Ich werde niemals irgend jemandem etwas erzählen,« sagte er abrupt; aber als er spürte, wie sie daraufhin zurückschrak, nahm er sie wieder fest in die Arme und flüsterte durch ihr Haar, das ihr um die Wangen fiel: »Sag nichts, Liebes … lass uns nie mehr davon sprechen …« Und in der Umschlingung seiner Arme legte sich ihr angstvoller Schrecken und machte Platz, zwar nicht für den tiefen Frieden beruhigten Denkens, aber einem konfusen Wohlgefühl, das alles Denken in den Schlaf lullte.


 

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