Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edith Wharton >

Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 36
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
Schließen

Navigation:

XXXV.

Amherst saß mit dem Rücken zur Tür schreibend am Tisch: Wyant stand nur einen Meter entfernt und starrte ins Feuer.

Keiner der beiden hatte das Öffnen der Tür bemerkt; und bevor sie sich ihres Eintretens bewusst wurden, hatte Justine berechnet, dass sie mindestens fünf Minuten fort gewesen sein musste und dass in einer solchen Zeitspanne alles Mögliche zwischen ihnen hatte geschehen können.

Für einen Augenblick verließ sie die Kraft, im Zusammenhang zu denken; dann machte ihr Herz vor Erleichterung einen Sprung. Sie sagte sich, dass Wyant zweifellos eine Andeutung auf seine Lage gemacht und ihr Mann im Bewusstsein einer großen Dankesschuld sich sofort hingesetzt hatte, um ihm einen Scheck auszustellen. Der Gedanke war so beruhigend, dass er die Klarheit ihres Denkens wieder herstellte.

Wyant sah sie zuerst. Er vollführte eine abrupte Bewegung, und Amherst wandte sich ihm aufstehend mit einem Umschlag in der Hand zu.

»Hier, mein Lieber – –«

Da erblickte er seine Frau.

»Ich habe doch noch den Zwölf-Uhr-Zug bekommen – hast du mein zweites Telegramm erhalten?« fragte er.

»Nein,« sagte sie zögernd und drückte ihre linke Hand, in der sich die kleine Schachtel befand, eng in die Falten ihres Kleides,

»Das hatte ich befürchtet. Es gab in Hanaford einen schlimmen Sturm, und man sagte, es werde wohl zu einer Verzögerung kommen.«

In demselben Augenblick stellte sie fest, dass Wyant mit ausgestreckter Hand vortrat, und begriff, dass er verschwiegen hatte, sie bereits gesehen zu haben. Sie akzeptierte diesen Wink, schüttelte seine Hand und murmelte: »Wie geht es Ihnen?«

Amherst schaute sie an, vielleicht etwas verwundert über ihr Verhalten.

»Du hast Dr. Wyant seit Lynbrook nicht gesehen?«

»Nein,« antwortete sie, dankbar für diesen Vorwand für ihre Gemütsbewegung.

»Ich habe ihm gesagt, dass er uns nicht so lange ohne Nachrichten hätte lassen sollen – besonders weil er krank war und es ihm recht schlecht ergangen ist. Aber ich hoffe, wir können ihm jetzt helfen. Er hat davon gehört, dass das St. Christopher's nach einem praktischen Arzt für den Flügel der Privatpatienten sucht, und da Mr. Langhope abwesend ist, habe ich ihm einige Zeilen für Mrs. Ansell gegeben.«

»Äußerst freundlich von Ihnen,« murmelte Wyant und strich sich mit der Hand über die Stirn.

Justine stand stumm da. Sie wunderte sich darüber, dass ihrem Mann die bis zum Zittern herunter gekommene Hand nicht aufgefallen war. Aber er verhielt sich Äußerlichkeiten gegenüber immer so blind – und er besaß keine medizinische Erfahrung, die seine Wahrnehmung geschärft hätte.

Plötzlich fühlte sie sich getrieben zu sagen: »Es tut mir leid, dass Dr. Wyant – kein Glück hatte. Natürlich wirst du alles tun wollen, ihm zu helfen; aber wäre es nicht besser zu warten, bis Mr. Langhope wieder kommt?«

»Wyant glaubt, dass die Verzögerung ihn die Stelle kosten könnte. Anscheinend trifft sich der Vorstand morgen. Und Mrs. Ansell weiß bestimmt mehr darüber. Ist sie nicht die Sekretärin des Damen-Komitées?«

»Ich weiß nicht – ich glaube ja. Aber sicher sollte Mr. Langhope eingeschaltet werden.«

Sie spürte, wie sich Wyants Gesicht veränderte: seine Augen krallten sich in drohendem Starren an ihr fest.

Amherst schaute sie ebenfalls an, und es lag Überraschung in seinem Blick. »Ich denke, ich kann für meinen Schwiegervater sprechen. Er fühlt ebenso stark wie ich, wie viel wir alle Dr. Wyant schulden.«

Er sprach selten von Mr. Langhope als von seinem Schwiegervater, und die scheinbar zufällige Bezeichnung schien ein engeres Band zwischen ihnen kenntlich zu machen, um Justine von etwas auszuschließen, das eigentlich eine Familienangelegenheit war. Einen Moment lang spürte sie die Versuchung, den Vorschlag zu akzeptieren und die Verantwortung fallen zu lassen, wohin sie wollte. Aber sie würde auf Amherst fallen – und das war unannehmbar.

»Ich denke, du solltest warten,« beharrte sie.

Ein verlegenes Schweigen senkte sich über die drei.

Wyant brach es, indem er auf Amherst zuschritt. »Ich werde Ihre Freundlichkeit nie vergessen,« sagte er; »und ich hoffe Mrs. Amherst zu beweisen, dass sie nicht dem Falschen erwiesen wurde.«

Die Worte waren gut gewählt und gut gesprochen; Justine erkannte, dass sie eine gute Wirkung hervorriefen. Amherst ergriff lächelnd die Hand des Arztes. »Mein Lieber, ich wünschte, ich könnte mehr tun. Sprechen Sie mich einfach wieder an, wenn Sie Hilfe brauchen.«

»Oh, Sie haben mir wieder auf die Füße geholfen,« sagte Wyant dankbar.

Er verneigte sich leicht vor Justine und wandte sich zum Gehen; aber als er die Schwelle erreichte, folgte sie ihm.

»Dr. Wyant – sie müssen den Brief zurück geben.«

Er wurde bleich und blieb kurz stehen.

Sie spürte Amhersts Augen wieder auf sich; und sie sagte verzweifelt, an ihn gerichtet: »Dr. Wyant versteht meine Gründe.«

Ihr Mann wandte sich unversehens Wyant zu. »Stimmt das?« fragte er nach einer Weile.

Wyant schaute von einem zum anderen. Feuchtigkeit trat auf seine Stirn, und er wischte erneut mit seiner Hand darüber. »Ja,« sagte er mit dürrer Stimme. »Mrs. Amherst will mich weg hier – 'raus aus New York.«

»Aus New York? Wovon sprechen Sie?«

Justine unterbrach eilig, bevor er antworten konnte. »Es ist, weil Dr. Wyant nicht in der Verfassung ist – für so eine Stelle – jedenfalls nicht zur Zeit.«

»Aber er versicherte mir, dass er ganz wohlauf sei.«

Es entstand ein weiteres Schweigen; und dann sprach Wyant, diesmal leise lachend: »Ich kann erklären, was Mrs. Amherst meint; sie will mich beschuldigen, gewohnheitsmäßig Morphium zu nehmen. Und ich kann erklären, warum sie das tut – sie will mich aus dem Weg haben.«

Amherst drehte sich zu ihm hin; und, wie sie vorhergesehen hatte: er sah furchterregend aus. »Sie haben es noch nicht erklärt,« sagte er.

»Na gut – ich kann es tun.« Wyant wartete noch einen Moment. »Ich weiß zu viel von ihr,« verkündete er.

Justine gab einen leisen Ausruf von sich, und Amherst schritt auf Wyant zu. »Sie abgefeimter Erpresser!« schrie er.

»Oh, langsam – –« nuschelte Wyant und zuckte zurück vor seinem ausgestreckten Arm.

»Der Wunsch meiner Frau ist genug. Geben Sie mir diesen Brief.«

Wyant richtete sich auf. »Nein, bei Gott, das werde ich nicht tun!« versetzte er wild. »Ich habe Sie nicht darum gebeten, bis Sie mir anboten, mir zu helfen; aber ich werde ihn mir nicht einfach so nehmen lassen wie ein Dieb, den Sie mit Ihrem Schirm erwischt haben. Wenn Ihre Frau es nicht erklären will, werde ich es tun. Sie hat Angst, dass ich davon spreche, was in Lynbrook passiert ist.«

Amhersts Arm sank herab. »In Lynbrook?«

Hinter ihm erklang ein unartikuliertes Flehen – aber er nahm keine Notiz davon.

»Ja. Sie ist es, die Morphium gebrauchte – aber nicht für sich selbst. Sie gibt es anderen Leuten. Sie hat Mrs. Amherst eine Überdosis gegeben.«

Amherst sah ihn verwirrt an. »Eine Überdosis?«

»Ja – absichtlich, meine ich. Und ich kam zur falschen Zeit ins Zimmer. Ich kann beweisen, dass Mrs. Amherst an einer Morphium-Vergiftung starb.«

»John!« keuchte Justine und warf sich zwischen sie.

Amherst schob behutsam die Hand beiseite, die sie um seinen Arm geschlungen hatte. »Warte einen Augenblick: das kann so nicht stehen bleiben. Du kannst das auch nicht wollen,« sagte er mit einem Unterton zu ihr.

»Warum kümmerst du dich … um das, was er sagt … wenn ich es nicht tue?« erwiderte sie tief atmend mit zitternden Lippen.

»Da sehen Sie, dass ich hier im Weg bin,« warf Wyant mit höhnischem Grinsen ein.

Amherst verharrte für einen kurzen Zeitraum in Schweigen; dann richtete er seine Augen noch einmal auf seine Frau.

Justine erhob ihr Gesicht: es wirkte schmal und ausgebrannt, wie eine gelöschte Wachskerze.

»Es ist wahr,« sagte sie.

»Wahr?«

»Ich gab … eine Überdosis … absichtlich, als ich wusste, es gab keine Hoffnung mehr, und als die Ärzte sagten, sie werde weiter leiden müssen. Sie war sehr stark … und ich konnte es nicht ertragen … du hättest es auch nicht ertragen …«

Ein weiteres Schweigen entstand; dann fuhr sie mit stärkerer Stimme fort und sah dabei ihren Mann direkt an: »Und wirst du nun diesen Mann wegschicken?«

Amherst schaute Wyant ohne Bewegung an. »Gehen Sie,« sagte er barsch.

Wyant trat statt dessen einen Schritt näher. »Nur eine Minute, bitte. Es ist nur gerecht, auch meine Seite anzuhören. Ihre Frau sagt, es habe keine Hoffnung gegeben; jedoch am Tag, bevor sie … die Dosis verabreichte, sagte ihr Dr. Garford in meiner Gegenwart, dass Mrs. Amherst leben könnte.«

Wieder richteten sich Amhersts Augen langsam auf Justine; und sie zwang ihre Lippen, eine Antwort zu formen.

»Dr. Garford sagte … man könne es nie sagen … aber ich weiß, dass er nicht an die Möglichkeit einer Genesung glaubte … keiner tat es.«

»Dr. Garford ist tot,« sagte Wyant verbissen.

Amherst schritt wieder auf ihn zu. »Sie Halunke – verlassen Sie das Haus!« befahl er.

Aber Wyant stand immer noch höhnisch grinsend auf seinem Fleck. »Nicht bevor ich fertig bin. Ich kann es nicht zulassen, dass man mich wie einen Hund hinausjagt, weil ich zufällig im Weg bin. Jeder Arzt weiß, dass es in Fällen von Rückgratverletzungen immer öfter zu Genesungen kommt. So sehen die Fakten aus, wie sie jedem Chirurgen erscheinen würden. Wenn sie nicht stimmen, warum hatte Mrs. Amherst dann Angst, sie zu nennen? Warum hat sie mich fast ein Jahr lang bezahlt, um sie verstummen zu lassen?«

»Oh – –« stöhnte Justine.

»Ich habe nie daran gedacht, darüber zu sprechen, bis das Geschick sich gegen mich wendete. Da bat ich sie um Hilfe – und erinnerte sie an gewisse Dinge. Danach hat sie mich ziemlich regelmäßig unterstützt.« Er steckte seine zitternde Hand in eine Innentasche. »Hier sind ihre Umschläge … Quebec … Montreal … Saranac … ich weiß genau, wo Sie auf ihrer Hochzeitsreise waren. Sie musste oft schreiben, weil die Beträge klein waren. Warum tat sie es, wenn sie nicht Angst hatte? Und warum ist sie eben nach oben gegangen, um mir etwas zu holen? Wenn Sie es nicht glauben, fragen Sie sie, was sie in der Hand hat.«

Amherst beachtete seine Aufforderung nicht. Er stand bewegungslos da, griff nach der Lehne eines Stuhls, als ob die nächste Gebärde darin bestehen würde, ihn aufzuheben und auf den Sprecher zu schleudern.

»Fragen Sie sie – –« wiederholte Wyant.

Amherst drehte langsam seinen Kopf, und sein düsterer Blick ruhte auf seiner Frau. Sein Gesicht schien Jahre älter – Lippen und Augen bewegten sich schwerfällig wie bei einem alten Mann.

Während er sie anschaute, schritt Justine ohne ein Wort vor und legte die kleine Maroquinschachtel in seine Hand. Dort hielt er sie einen Augenblick, als verstehe er kaum ihre Handlung – dann warf er sie auf den Tisch neben seinem Ellbogen und ging auf Wyant zu.

»Sie Schweinehund,« sagte er – »gehen Sie jetzt!«


 

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.