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Des Baumes Frucht

Edith Wharton: Des Baumes Frucht - Kapitel 35
Quellenangabe
authorEdith Wharton
titleDes Baumes Frucht
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2017
firstpub2017
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20170825
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XXXIV.

I den folgenden Tagen ertappte sich Justine einige Male bei dem Gedanken, dass sie nie zuvor Glück erlebt hatte. Der alte Zustand sicheren Wohlgefühls erschien jetzt wie ein traumloser Schlaf; diese neue Glückseligkeit indes, auf einem hochragenden Gipfel von einem Feuerkreis umringt Das Bild gemahnt zu ausdrücklich an Brunhild, als dass es zufällig sein könnte. In der um die Jahrhundertwende dominierenden Fassung des Nibelungen-Mythos von Richard Wagner verliert die Walküre wegen Ungehorsams gegenüber Wotan ihren halbgöttlichen Status und wird auf einen hohen Felsen innerhalb eines Feuerrings schlafend verbannt; nur ein Held, der furchtlos genug ist, diesen Kreis zu durchbrechen, wird sie erwecken können, und das ist später Siegfried, der ihr aber untreu werden wird, da Kriemhild ihn durch einen Zaubertrank seine Beziehung zu Brunhild vergessen und an sie fesseln lässt. – Der Gebrauch der Begriffsfelder »Traum«, »Schlaf«, »Leben« stellt vor diesem Hintergrund Justines eigene Deutung ihrer Situation nachhaltig in Frage. – diese erregende, bewusste Freude, täglich, ja stündlich ihrer Angst entrissen – das war Leben, nicht Schlaf!

Wyant honorierte ihre Gabe mit überreichem, geradezu servilem Dank. Sie hatte sie ohne ein Wort geschickt – das Mitleid mit seiner Lage, so sagte sie sich, mache es möglich, seine Niedertracht zu ignorieren. Und so gingen die Tage vorüber wie zuvor. Sie war sich keiner Veränderung bewusst, fühlte sich sicher in der gehobenen, beinahe künstlichen Qualität ihres Glücks, bis eines Tages im März Mr. Langhope ankündigte, er werde sich für zwei oder drei Wochen zur Jagdhütte eines Freundes im Süden begeben. Bessys Todestag rückte näher, und Justine wusste, dass er sich zu diesem Zeitpunkt stets entfernte.

»Wie wär's, wenn Sie und Amherst mit Cicely wegfahren würden, bis ich zurück bin? Vielleicht könnten Sie ihn überreden, sich 'mal von der Arbeit loszueisen – oder Sie könnten sie, wenn das nicht geht, mit nach Hanaford nehmen. Sie sieht etwas blass aus, und die Veränderung würde ihr gut tun.«

Das war ein bedeutendes Zugeständnis von Mr. Langhopes Seite, und Justine erkannte die Freude im Gesicht ihres Mannes. Es war das erste Mal, dass sein Schwiegervater Cicelys Besuch in Hanaford vorgeschlagen hatte.

»Es tut mir leid, dass ich mich im Augenblick nicht losmachen kann, Sir«, sagte Amherst, »aber es wäre herrlich für Justine, wenn Sie uns Cicely mitgeben würden, solange Sie fort sind.«

»Nehmen Sie sie unbedingt, mein lieber Junge: ich hab' immer den gesündesten Schlaf, wenn sie mit Ihrer Frau zusammen ist.«

Es war fast drei Monate her, dass Justine Hanaford verlassen hatte – und nun würde sie mit ihrem Ehemann allein dorthin zurückkehren! Es würde natürlich Stunden geben, wo die Anwesenheit des Kindes zwischen ihnen stand – oder wenn ihn wieder seine Arbeit in der Fabrik festhielt. Aber an den Abenden, wenn Cicely im Bett lag – wenn er und sie allein zusammen im Westmore-Salon saßen – in Bessys Salon! … Nein – sie musste eine Ausrede finden, um noch fort zu bleiben, bis sie sich wieder an den Gedanken gewöhnt hatte, mit Amherst allein zu sein. Jeden Tag würde sie sich etwas mehr daran gewöhnen; aber es würde Zeit brauchen – Zeit, und die vollständige Sicherheit, dass Wyant zum Schweigen gebracht war. Vorher könnte sie nicht nach Hanaford zurück.

Sie fand einen Vorwand in ihrer eigenen Gesundheit. Sie klagte, dass sie etwas erschöpft sei, sich nicht auf der Höhe fühle … und nach Hanaford zurückzukehren bedeuten würde, sich wieder harter Arbeit zuzuwenden; beim besten Willen: sie könne dort nicht untätig bleiben. Könne sie nicht, schlug sie vor, Cicely mit nach Tuxedo oder Lakewood Gemeint sind offenbar die im Staat New York liegenden Orte Tuxedo und Lakewood. Letzterer liegt am Chautauqua-See und ist bis heute Teil eines Erholungsgebiets; Tuxedo liegt in den Ramapo-Bergen am Tuxedo-See und besaß bereits zur Zeit der Romanhandlung den »Tuxedo Park« mit zahlreichen beliebten touristischen Einrichtungen, die von den vermögenden New Yorkern gerne genutzt wurden. nehmen und so von der Betreuung des Haushalts und der wichtigen Arbeit ausspannen? Der Vorwand klang hohl – er sah ihr gar nicht ähnlich! Sie sah, wie Amhersts Blick besorgt auf ihr ruhte, während Mr. Langhope prompt seine Zustimmung erteilte. Gewiss sah sie müde aus – Mr. Langhope hatte es selbst bemerkt. Hatte er vielleicht ihre Kräfte überschätzt, den Haushalt zu vollständig ihren Schultern aufgebürdet? Oh, nein – es lag nur an der New Yorker Luft … wie Cicely sehnte sie sich nach dem Geruch des Waldes … Und so machten sie und Cicely sich am Tag von Mr. Langhopes Abreise auf nach Lakewood.

Eine Woche blieben sie dort: dann trieb ein Anfall von Rastlosigkeit Justine zurück nach New York. Sie fand eine Entschuldigung im fortwährenden Regen – es war in der Tat sinnlos, wie sie Mr. Langhope schrieb, das Kind in einem überhitzten Hotel gefangen zu halten, während sie die Wohltaten des Lebens in der Natur nicht genießen konnten. In Wirklichkeit fand sie die langen einsamen Stunden unerträglich. Sie sehnte sich nach dem Anblick ihres Mannes und dachte sogar daran, Cicely Mrs. Ansells Betreuung zu überlassen und einen Blitzbesuch in Hanaford zu machen. Die Vorstellung der langen Abende im Westmore-Salon indes hielt sie wiederum davon ab. Nein – sie würde einfach nach New York zurück fahren, gelegentlich auswärts dinieren, zu einigen Konzerten gehen und sich auf die üblichen Erfordernisse des Stadtlebens verlassen, um ihre Stunden mit kleinen Aktivitäten zu füllen … Und eine Woche später würde Mr. Langhope zurück sein, und die Tage würden ihren normalen Verlauf nehmen.

Bei der Ankunft schaute sie fieberhaft die Briefe in der Eingangshalle durch. Keiner von Wyant – diese Furcht war beschwichtigt! Mit jedem Tag wuchs ihre Sicherheit. Er befand sich um diese Zeit zweifellos schon wieder auf den Füßen und schämte sich bestimmt unaussprechlich jener Drohung, die die Verzweiflung ihm abgenötigt hatte. Sie war fast sicher, dass seine Schande ihn von jedem Versuch, sie zu treffen, abhalten würde, sogar von dem, ihr noch einmal zu schreiben.

»Ein Herr wollte sie gestern sprechen, Madam – er wollte seinen Namen nicht nennen,« sagte das Stubenmädchen. Und da kehrte die kranke Furcht wieder zu ihr zurück! Sie vermochte kaum das Zittern ihrer Lippen im Zaum zu halten, als sie fragte: »Hinterließ er keine Botschaft?«

»Nein, Madam – er wollte nur wissen, wann Sie zurück wären.«

Sie hätte gerne erwidert: »Und haben Sie es ihm gesagt?«, hielt sich aber zurück und ging in den Salon. Eigentlich hatte das Stubenmädchen den Besucher ja nicht beschrieben – warum also voreilig den Schluss ziehen, es sei Wyant gewesen?

Drei Tage vergingen, und es kam kein Brief – kein Zeichen. Sie kämpfte mit der Versuchung, den Dienstboten Wyant zu beschreiben und ihm den Zugang zu verwehren. Aber das würde zu nichts führen. Es waren alles alte Dienstboten, in deren Augen sie noch immer der Eindringling war, die emporgekommene Krankenschwester – sie konnte ihnen nicht vollständig trauen. Und jeden Tag fühlte sie sich etwas leichter, etwas überzeugter, dass der unbekannte Besucher nicht Wyant gewesen sei.

Am vierten Tag erhielt sie einen Brief von Amherst. Er hoffe, am morgigen Tag zurück zu sein, da jedoch seine Pläne noch ungewiss seien, werde er am Morgen telegraphieren – und inzwischen müsse sie sich gesund halten, ruhen und sich vergnügen …

Sich vergnügen! An dem Abend, als dies geschah, besuchte sie mit Mrs. Ansell das Theater. Sie und Mrs. Ansell waren, obwohl sie nach außen hin auf bestem Fuß standen, nicht bedeutend vertrauter miteinander geworden. Das bewegte, mittelpunktlose Leben der älteren Frau kam Justine unnütz und gehaltlos vor; aber um Mr. Langhopes willen wünschte sie den Anschein einer Freundschaft mit seiner Freundin aufrecht zu erhalten, und derselbe Beweggrund beflügelte zweifellos Mrs. Ansell. Gerade jetzt war Justine jedenfalls dankbar für ihre Aufmerksamkeiten und froh, mit ihr auszugehen. Irgend etwas – irgend etwas, um bloß ihre eigenen Gedanken los zu werden! Dahin war es mit ihr gekommen.

Im Theater halfen ihr in einer Proszeniumsloge die Öffentlichkeit, das Licht und die Bewegung, die Handlung des Schauspiels – alles half ihr, sich abzulenken und zu beruhigen. In solchen Zeiten schämte sie sich ihrer Ängste. Warum quälte sie sich selbst? Wenn etwas passierte, musste sie nur ihren Mann um mehr Geld bitten. Sie sprach nie mit ihm über ihre Wohltaten, und nichts würde seinen Verdacht erregen, wenn sie noch einmal um Hilfe bat für den Freund, dessen Geheimnis zu wahren sie versprochen hatte … Aber es würde nichts passieren. Als das Schauspiel weiter ging und der Reiz des Sprechens und Lachens durch ihre Adern strömte, spürte sie, wie das Vertrauen vollständig zurückkehrte. Und wie sie dann den Blick über das ganze Haus schweifen ließ, sah sie plötzlich Wyant, der sie anschaute.

Er saß ziemlich weit hinten in einer der seitlichen Reihen unmittelbar neben dem Balkon, so dass sein Gesicht teilweise im Schatten lag. Sie war auf eine Veränderung vorbereitet gewesen, aber nicht auf einen so grässlichen Absturz. Und er fuhr fort sie anzuschauen.

Sie fürchtete nun, dass er etwas Auffälliges tun werde – auf sie zeigen, oder von seinem Platz aufstehen. Sie dachte, er sehe halb wahnsinnig aus – oder war es ihre eigene Halluzination, die ihn so erscheinen ließ? Sie und Mrs. Ansell saßen zur Zeit allein in der Loge, und sie fuhr auf, schob ihren Sessel zurück …

Mrs. Ansell lehnte sich vor. »Was ist los?«

»Nichts – die Hitze – ich werde mich einen Moment nach hinten setzen.« Aber als sie sich in den Hintergrund der Loge zurückzog, ergriff sie eine neue Angst. Wenn er sie noch beobachtete, konnte es da nicht sein, dass er zur Tür kam und mit ihr zu sprechen versuchte? Ihre einzige Sicherheit lag darin, im vollen Anblick des Publikums zu verharren; und so kehrte sie an Mrs. Ansells Seite zurück.

Die anderen Mitglieder der Gesellschaft kamen wieder – die Glocke läutete, die Fußlampen leuchteten, der Vorhang hob sich. Sie verlor sich im Labyrinth des Schauspiels. So bewegungslos saß sie da, so aufmerksam war ihr Gesicht auf die Bühne gerichtet, dass ihre Nackenmuskeln sich verhärteten. Und dann fühlte sie ganz plötzlich gegen die Mitte des Akts ein unbestimmtes Gefühl der Erleichterung. Sie wusste nicht, was es verursachte – aber langsam, vorsichtig wandte sie, während die Augen der anderen sich gespannt auf die Bühne richteten, ihren Kopf und schaute zu Wyants Platz. Er war leer.

Ihr erster Gedanke war, dass er fort gegangen war, um draußen auf sie zu warten. Aber nein – es gab noch zwei weitere Akte: weshalb sollte er den halben Abend vor der Tür stehen?

Schließlich endete der Akt; der Zwischenakt ging vorüber; das Schauspiel wurde fortgesetzt – und noch immer blieb der Platz leer. Allmählich redete sie sich ein, dass sie sich getäuscht habe zu glauben, dass der Mann, der dort gesessen hatte, Wyant gewesen sei. Sie gewann ihre Selbstbeherrschung zurück, dachte und sprach wieder unbefangen und folgte dem Dialog auf der Bühne – und als der Abend vorbei war und Mrs. Ansell sie an ihrer Tür absetzte, hatte sie beinahe ihre Ängste vergessen.

Am nächsten Morgen fühlte sie sich ruhiger als viele Tage zuvor. Sie war nun sicher, dass Wyant, wenn er sie hätte sprechen wollen, sie an der Theatertür erwartet hätte; und die Erinnerung an sein erbärmliches Gesicht verwandelte ihre Besorgnis in Mitleid. Es beschlich sie das Gefühl, sie habe ihn kalt und unbarmherzig behandelt. Sie waren einst Freunde gewesen und auch Kollegen; doch sogar im Hinblick auf die Kameradschaft im Krankenhaus war sie unaufrichtig gewesen. Sie hätte ihn ausfindig machen und ihm nicht nur Geld, sondern auch Mitgefühl schenken sollen; hätte sie sich freundlich und menschlich gezeigt, wäre sein letzter Brief vielleicht nie geschrieben worden.

Im Verlauf des Morgens telegraphierte Amherst, dass er hoffe, sein Geschäft rechtzeitig abschließen zu können, um den Zwei-Uhr- Expresszug noch zu bekommen, aber seine Planung war noch immer ungewiss. Justine und Cicely aßen allein zu Mittag, und danach musste das kleine Mädchen zu seinem Tanzunterricht. Justine selbst wollte ausgehen, wenn der Brougham zurück war. Sie ging zum Umkleiden in ihr Zimmer, denn sie beabsichtigte, zum Park Central Park, Stadtpark im Zentrum von Manhattan, 1859 bis 1873 als Landschaftspark angelegt; die Fifth Avenue, wo Mr. Langhope wohnt, führt im weiteren Verlauf an ihm vorbei. – Auch an späteren Stellen ist, wenn in New York vom »Park« gesprochen wird, immer der Central Park gemeint. zu fahren und bei Mrs. Ansell vorbei zu schauen, bevor sie Cicely abholte; aber auf dem Weg nach unten sah sie, wie das Dienstmädchen einem Besucher die Tür öffnete. Es war zu spät, sich zurück zu ziehen; und die letzten Stufen hinunter schreitend fand sie sich Auge in Auge mit Wyant.

Sie sahen sich einen Augenblick stumm an; dann murmelte Justine ein Wort des Grußes und ging voran in den Salon.

Es war ein schneereicher Nachmittag, und in dem , aschfarbenen Licht dachte sie, er sehe stärker verändert aus als im Theater. Sie bemerkte auch, dass seine Kleidung abgetragen und unordentlich wirkte, seine von Handschuhen nicht geschützten Hände unsauber aussahen und zitterten. Keines der entwürdigenden Zeichen seiner Schwäche fehlte; und sie erkannte auf einmal, dass er, während er in den frühen Tagen seiner Abhängigkeit die Drogen wahrscheinlich so gemischt hatte, dass die widerstreitenden Symptome sich gegenseitig neutralisierten, nun unverkennbar zu einem Morphinisten abgesunken war. Sie bedauerte ihn zutiefst; doch als er ihr in den Raum folgte, wich das Mitleid wiederum physischer Abneigung.

Wo indes Handlung möglich war, verhielt sie sich stets selbstbeherrscht, und sie wandte sich ihm ruhig zu, als sie sich gesetzt hatten.

»Ich habe mir gewünscht, Sie zu sehen,« sagte sie und schaute ihn an. »Ich habe gespürt, dass ich es früher hätte tun sollen – um Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihr Missgeschick bedauere.«

Er erwiderte überrascht ihren Blick: das waren offensichtlich die letzten Worte, die er erwartet hatte.

»Sie sind sehr freundlich,« sagte er verlegen mit leiser Stimme. Er hatte seinen schäbigen Überzieher anbehalten und drehte seinen Hut in seinen Händen, während er sprach.

»Ich hatte das Gefühl,« fuhr Justine fort, »dass vielleicht ein Gespräch mit Ihnen mehr Nutzen haben könnte – –«

Er hob seinen Kopf und fixierte sie aus glänzenden, verengten Pupillen. »Ich hatte auch dieses Gefühl: deshalb bin ich gekommen. Sie schickten mir vor einigen Wochen ein großzügiges Geschenk – aber ich will nicht weiter von Almosen leben.«

»Das verstehe ich,« antwortete sie. »Aber warum mussten Sie das? Wollen Sie mir nicht einfach erzählen, was passiert ist?«

Sie spürte, dass die Worte fast wie Spott klangen; aber sie konnte schließlich nicht sagen: »Ich kenne deine Geschichte auf einen Blick«; und sie hoffte, dass ihre Frage aus ihm sein elendes Geheimnis herausholte und ihr so die Möglichkeit gab, freimütig zu sprechen.

Er gab ein nervöses Lachen von sich. »Was passiert ist? Das ist eine lange Geschichte – und einige Einzelheiten sind nicht besonders erquicklich.« Er brach ab und bewegte seinen Hut noch schneller in seinen zitternden Händen.

»Egal. Erzählen Sie.«

»Na ja – nachdem Sie Lynbrook verlassen hatten, erlitt ich einen ziemlich schlimmen Zusammenbruch – die Anstrengung bei Mrs. Amhersts Fall vermutlich. Erinnern Sie sich an Bramble, den Lebensmittelhändler in Clifton? Miss Bramble pflegte mich – Sie werden sich, glaub' ich, an sie auch erinnern. Als ich mich wieder erholt hatte, heiratete ich sie – und danach lief nichts mehr gut.«

Er unterbrach sich, atmete rasch und schaute sich im Raum mit seltsamen, verstohlenen Blicken um. »Ich war nicht richtig gesund, irgendwie – konnte ich mich nicht ordentlich um meine Patienten kümmern – und einige Monate später entschlossen wir uns, Clifton zu verlassen, und ich erwarb eine Praxis in New Jersey. Aber meine Frau erkrankte dort, und alles ging wieder schief – abscheulich. Sie haben wohl schon erraten, dass meine Ehe ein Fehler war. Sie hatte den Einfall, dass es uns in New York besser gehen würde – und so kamen wir vor einigen Monaten hierhin, und es ging uns entschieden schlechter.«

Justine lauschte mit einem Gefühl der Enttäuschung. Sie begriff nun, dass er nicht sein Fehlverhalten zu offenbaren beabsichtigte; und da sie die Heimlichtuerei von Drogenabhängigen kannte, entschied sie, dass er in seiner Verblendung glaubte, er könne sie noch immer täuschen.

»Nun,« begann er erneut, um einen unbeschwerten Eindruck bemüht, »ich habe herausgefunden, dass es in meinem Beruf ein harter Kampf ist, wieder auf die Füße zu kommen, nach Krankheit – oder einem bösen Rückschlag. Deshalb bat ich Sie, ein Wort für mich einzulegen. Es ist nicht nur das Geld, obwohl ich es dringend brauche – ich muss den Respekt vor mir selbst zurück bekommen. Bei meiner Bilanz sollte ich nicht da stehen, wo ich jetzt bin – und Sie können besser für mich eintreten als irgend jemand sonst.«

»Besser als die Ärzte, mit denen Sie gearbeitet haben?« Justine stellte die Frage unvermittelt und sah ihm direkt in die Augen.

Sein Blick sank, und eine unangenehme Röte stieg in seine dünnen Wangen.

»Na ja – zufällig sind Sie in einer besseren Lage als irgend ein anderer, mir zu der besonderen Sache zu verhelfen, die ich haben will.«

»Welche besondere Sache – – ?«

»Ja. Ich weiß, dass sowohl Mr. Langhope wie auch Mrs. Ansell Interesse haben an dem neuen Flügel für Privatpatienten im St. Christopher's. Ich will die Stelle des praktischen Arztes dort, und ich weiß, Sie können sie mir verschaffen.«

Sein Ton hatte sich im Sprechen verändert, bis seine letzten Worte und fast drohend heraus kamen.

Justine fühlte, wie sie errötete, und ihr Herz fing wirr an zu hämmern. Das war nun also die Wahrheit: sie durfte sich nicht mehr von ihrem eigenen Mitleid betrügen lassen. Dieser Mensch kannte seine Macht und hatte vor, von ihr Gebrauch zu machen. Doch bei dem Gedanken geriet ihre Courage in Aufruhr.

»Es tut mir leid – aber das ist unmöglich,« sagte sie.

»Unmöglich – warum?«

Sie fuhr fort, ihn ununterbrochen anzuschauen. »Sie sagten gerade eben, Sie wünschten, den Respekt vor sich selbst zurück zu erlangen. Nun, Sie müssen ihn zuerst wieder erlangen, bevor Sie mich – oder irgend jemanden – bitten dürfen, Sie für eine Vertrauensstellung zu empfehlen.«

Wyant erhob sich halb mit wütendem Murmeln. »Respekt vor mir selbst? Wovon sprechen Sie? Was meinen Sie? Ich meinte, dass ich meinen Mut verloren habe – durch Missgeschick – –«

»Ja; und Ihr Missgeschick ist von Ihrem eigenen Fehlverhalten gekommen. Bevor Sie nicht selbst kuriert sind, können Sie nicht andere kurieren.«

Er sank auf seinen Platz zurück und sah sie finster unter mürrischen Brauen an; dann veränderte sich sein Ausdruck allmählich zu halbspöttischer Bewunderung. »Mutiges Mädel!« sagte er.

Justine unterdrückte eine Regung des Ekels. »Es tut mir sehr leid für Sie,« sagte sie ernst. »Ich habe dieses Problem schon lange auf Sie zukommen sehen – und wenn es einen anderen Weg gibt Ihnen zu helfen – –«

»Danke,« erwiderte er immer noch spöttisch grinsend. »Ihr Mitgefühl ist sehr kostbar – es gab eine Zeit, als ich meine Seele dafür gegeben hätte. Aber das ist vorbei, und ich bin hier, um über ein Geschäft zu reden. Sie sagen, sie hätten mein Problem kommen sehen – kam Ihnen je der Gedanke, dass Sie der Grund dafür waren?«

Justine schaute ihn mit offener Verachtung an. »Nein – denn ich war nicht der Grund.«

»Das ist ein leichter Ausweg. Aber Sie haben mir alles weggenommen – zuerst meine Hoffnung, Sie zu heiraten; dann die Chance eines großen Erfolgs in meiner Laufbahn; und ich war verzweifelt – schwach, wenn Sie wollen – und versuchte meine Gefühle abzutöten, um meinen Mut aufrecht zu erhalten.«

Justine erhob sich mit einer ungeduldigen Bewegung. »Jedes Wort, das Sie sagen, beweist, wie untauglich Sie sind, irgend eine Verantwortung zu übernehmen – irgend etwas zu tun, außer zu versuchen, Ihre Gesundheit zurück zu gewinnen. Wenn ich Ihnen dabei helfen kann, bin ich immer noch gewillt, es zu tun.«

Wyant erhob sich ebenfalls und trat einen Schritt näher. »Also: verschaffen Sie mir diese Stelle – um das andere kümmere ich mich: ich werde mich aufrecht halten.«

»Nein – das ist unmöglich.«

»Sie wollen nicht?«

»Ich kann nicht,« bekräftigte sie nachdrücklich.

»Und Sie glauben, mich mit dieser Antwort abspeisen zu können?«

Sie zögerte. »Ja – wenn es keine andere Hilfe gibt, die Sie annehmen wollen.«

Er lachte wieder – sein kraftlos spöttisches Lachen war widerwärtig. »Oh, das würd' ich nicht sagen. Ich will meinen Lebensunterhalt ehrlich verdienen – komische Vorliebe – aber wenn Sie das nicht zulassen, ist es wohl nur gerecht, wenn Sie es wiedergutmachen. Meine Frau und mein Kind müssen leben.«

»Sie wählen einen seltsamen Weg, ihnen zu helfen; aber ich werde tun, was ich kann, wenn Sie für eine Weile zu einer Anstalt gehen – –«

Wild unterbrach er sie. »Zum Teufel mit der Anstalt! So können Sie mich nicht aus dem Weg räumen. Ich bin in Ordnung – gute Nahrung ist das, was ich brauche. Sie denken, ich habe Morphium in mir – oh, es ist der Hunger!«

Justine hörte ihm mit erneutem Mitleid zu. »Oh, es tut mir leid für Sie – sehr leid! Warum versuchen Sie mich zu täuschen?«

»Warum täuschen Sie mich? Sie wissen, was ich will, und Sie wissen, dass Sie es mir verschaffen müssen. Wenn Sie mir nicht ein paar Zeilen für einen Ihrer Freunde am St. Christopher's geben wollen, müssen Sie mir noch einen Scheck geben – so liegen die Dinge.«

Als sie einander stumm anstarrten, wich Justines Mitleid einem plötzlichen Hass auf die arme Kreatur, die zitternd und höhnisch grinsend vor ihr stand.

»Sie wählen den falschen Ton – und ich denke, unser Gespräch hat lange genug gedauert,« sagte sie und streckte ihre Hand nach der Glocke aus.

Wyant bewegte sich nicht. »Läuten Sie nicht – wenn Sie nicht wollen, dass ich Ihrem Mann schreibe,« gab er zurück.

Ein krankes Gefühl von Hilflosigkeit überkam sie; aber sie wandte sich ihm mit Festigkeit zu. »Ich habe Ihnen diese Drohung einmal verziehen!«

»Ja – und am nächsten Tag schickten Sie mir etwas Geld.«

»Ich irrte mich gründlich, wenn ich glaubte, Sie hätten in Ihrer Not nicht erkannt, was Sie schrieben. Aber wenn Sie ein vorsätzlicher Erpresser sind – –«

»Immer langsam. Beleidigungen schrecken mich nicht – Hunger und Schulden sind das, was ich fürchte.«

Justine empfand ein letztes Zucken des Mitgefühls. Er war abscheulich – aber auch bemitleidenswert.

»Ich möchte Ihnen wirklich helfen – ich möchte Ihre Frau besuchen und sehen, was ich tun kann – aber ich kann Ihnen heute kein Geld geben.«

»Warum nicht?«

»Weil ich keins habe. Ich bin nicht so reich, wie Sie denken.«

Er lächelte ungläubig. »Dann geben Sie mir ein paar Zeilen an Mr. Langhope.«

»Nein.«

Er setzte sich noch einmal und lehnte sich, auf Entspannung hoffend, matt zurück. »Vielleicht denkt Mr. Amherst anders darüber.«

Sie erbleichte, sagte jedoch mit Festigkeit: »Mr. Amherst ist nicht da.«

»Sehr gut – ich kann schreiben.«

Die letzten fünf Minuten über hatte Justine mit dieser Drohung gerechnet und versucht, ihren Kopf dazu zu zwingen, leidenschaftslos die in ihr enthaltenen Möglichkeiten ins Auge zu fassen. Warum sollte sie ihn eigentlich nicht an Amherst schreiben lassen? Die absolute Schändlichkeit einer solchen Handlung musste eine Entrüstung wecken, die sich zu ihren Gunsten auswirken und ihren Mann unbedingt zu einer bereitwilligeren Sympathie mit ihrem Handlungsmotiv veranlassen würde, ganz im Gegensatz zu den niederen Unterstellungen ihres Verleumders. Es schien undenkbar, dass Amherst sie verurteilen würde, wenn ihre Verurteilung zugleich das Aufgehen von Wyants Berechnungen bedeutete: eine höhnische Ansprache würde ihn ohne Zögern zur Verteidigung ihres Verhalten bringen.

All dies war so klar, dass ihr Glaube an den einzuschlagenden Kurs, wenn sie einem anderen hätte raten sollen, den kraftlosesten Willen gestärkt hätte; aber mit dem Problem, das zwischen ihr und Amherst stand – mit der Vorstellung dieser unsauberen Hände, die buchstäblich auf dem makellosen Stoff ihres Glücks lagen, schwankte ihr Urteil, und ihr Weitblick wurde unklar – sie zitterte vor Unvermögen, sich den Schritten zwischen Enthüllung und Rechtfertigung zu stellen. Sie kam zu dem Schluss, dass sie auf jeden Fall Zeit gewinnen musste: Wyant bestechen musste, bis sie in der Lage war, ihre Geschichte auf ihre Weise und zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl darzustellen und ihm dann die Stirn zu bieten, wenn er einen weiteren Angriff wagen sollte. Der Gedanke, dass, welches Zugeständnis auch immer sie machte, dieses nur provisorisch wäre, half, die Schwäche zu entschuldigen, die es hervorbrachte, und ermöglichte es ihr am Ende, ohne ein zu schmerzliches Gefühl, unter ihr Niveau abzusinken, mit leiser Stimme zu sagen: »Wenn Sie jetzt gehen, werde ich Ihnen nächste Woche etwas schicken.«

Wyant allerdings reagierte nicht wie erwartet. Er fragte bloß, ohne seine unverschämt bequeme Haltung zu ändern: »Wie viel? Wenn es kein hübsches Sümmchen ist, schreib' ich lieber den Brief.«

Oh, warum konnte sie nicht schreien: »Verlassen Sie sofort das Haus – Ihre abgeschmackten Drohungen kümmern mich nicht« – Warum konnte sie aus ihrem Innersten heraus nicht einmal sagen: Ich werde es heute abend meinem Mann erzählen?

»Sie haben Angst,« sagte Wyant, als antworte er auf ihre Gedanken. »Welchen Sinn hat die Angst, wenn Sie es sich so einfach machen könnten? Sie nennen mich einen vorsätzlichen Erpresser – nun, das bin ich nicht. Geben Sie mir Tausend, und Sie werden nichts mehr von mir sehen – auf das, was früher 'mal meine Ehre war.«

Justines Herz sank. Sie hatte den Punkt erreicht, wo sie bereit war, wiederum Amherst deswegen anzugehen – aber auf Grund welchen Vorwandes konnte sie um eine solche Summe bitten?

Mit lebloser Stimme sagte sie: »Ich könnte kaum mehr als ein- oder zweihundert bekommen.«

Wyant musterte sie kurz: ihre Verzweiflung musste für ihn echt geklungen haben. »Na ja, Sie müssen doch irgend 'was Eigenes haben – ich hab' Ihren Schmuck gestern abend im Theater gesehen,« sagte er.

Dann war er es also gewesen – und jetzt saß er hier und taxierte ihren Wert wie ein Mörder!

»Schmuck –« sagte sie zögernd.

»Sie trugen einen daumendicken, großen Saphir – war es nicht so? – mit Diamanten drum herum.«

Es war ihr einziges Schmuckstück – Amherst Heiratsgeschenk. Sie hätte ein weniger wertvolles Geschenk vorgezogen, aber seine Mutter hatte sie überredet, es anzunehmen, indem sie sagte, es sei die Pflicht der Braut, sich für das bräutliche Gemach zu schmücken.

»Ich werde Ihnen nichts geben –« wollte sie ausrufen, als ihr Blick plötzlich auf die Uhr fiel. Wenn Amherst den Zwei-Uhr-Express genommen hatte, würde er innerhalb einer Stunde im Haus sein; und das Einzige, was jetzt folgerichtig schien, war, dass er nicht mit Wyant zusammen treffen durfte. Angenommen, sie fand noch den Mut zur Ablehnung – man konnte nicht wissen, wie lange die erniedrigende Szene noch dauern würde: und sie musste diese Kreatur um jeden Preis los werden. Eigentlich trug sie den Saphir selten – Monate konnten vergehen, ohne dass Amhersts unachtsames Auge dessen Abwesenheit bemerkten; und falls Wyant ihn verpfändete, könnte sie irgendwie Geld sparen, ihn zurück zu kaufen, bevor er vermisst wurde. Sie durchlief diese Berechnungen mit fieberhafter Schnelligkeit; dann wandte sie sich wieder Wyant zu.

»Sie werden nicht wiederkommen – niemals?«

»Ich schwöre,« sagte er.

Er bewegte sich zum Fenster, als wolle er sie schonen; und sie drehte sich um und verließ langsam den Raum.

Sie vergaß nie mehr die darauf folgenden Augenblicke. Einmal aus der Tür, war sie dermaßen in Eile, dass sie auf den Stufen stolperte und auf dem Treppenabsatz warten musste, um wieder zu Atem zu kommen. In ihrem Zimmer war eines der Dienstmädchen beschäftigt, und zuerst fiel ihr keine Ausrede ein, um sie fort zu schicken. Dann befahl sie der Frau, hinunter zu gehen, den Chauffeur mit dem Brougham los zu schicken und ihm zu sagen, er solle Cicely um sechs abholen.

Allein zurückbleibend verschloss sie die Tür und öffnete wie mit Diebeshand ihren Schrank, schloss den Schmuckkasten auf und holte den Saphir in seiner flachen Maroquinschachtel heraus. Sie legte den Kasten an seinen Platz zurück, steckte den Schlüssel auf seinen Ring – dann öffnete sie die Schachtel und schaute auf den Saphir. Dabei rann ihr ein Schauer über Hals und Nacken, und indem sie die Augen schloss, spürte sie den Kuss ihres Mannes und die Berührung seiner Hand, wie er das Schmuckstück schloss.

Sie entriegelte die Tür, lauschte aufmerksam auf den Flur und ging dann langsam die Treppe hinab. Keiner der Dienstboten zeigte sich, doch als sie die untere Halle erreichte, nahm sie wahr, dass die Luft sich plötzlich abgekühlt hatte, als ob die Außentür gerade geöffnet worden sei. Sie wartete und lauschte wieder. Stimmenklang war aus dem Salon zu hören. Konnte es sein, dass in ihrer Abwesenheit ein Besucher hereingelassen worden war? Diese Möglichkeit erschreckte sie zuerst – dann begrüßte sie sie als unerwartetes Mittel, ihren Peiniger los zu werden.

Sie öffnete die Tür des Salons und sah, wie ihr Mann mit Wyant sprach.


 

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